John Henry Mackay
MAX STIRNER -
SEIN LEBEN UND SEIN WERK
Dritte, als Privatausgabe in 325 Exemplaren gedruckte, völlig durchgearbeitete und vermehrte, mit einem Namen- und Sachregister versehene Auflage.
Berlin-Charlottenburg: Selbstverlag 1914
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Mittels Scanner und OCR-Reader aufbereitet von Svein Olav Nyberg, Oslo, Norwegen.
Redigiert und orthographisch modernisiert von Bernd A. Laska, Nürnberg.
Die im Inhaltsverzeichnis eckig eingeklammerten Abschnitte des Anhangs wurden nicht in die vorliegende Fassung übernommen.
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INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE
VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE
VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE
EINLEITUNG
DIE GESCHICHTE MEINER ARBEIT. 1889-1914
DIE WIEDERENTDECKUNG STIRNERS. - AUFRUF. - ERSTE ENTTÄUSCHUNG.-DREIFACHE
SCHWIERIGKEITEN DER ARBEIT. - HAUS UND GRAB IN BERLIN. - LANGSAMER
FORTGANG UND STIRNERS WIEDERGEBURT. - MARIE DÄHNHARDT IN
LONDON. DAS LEBEN MAX STIRNERS. - DIE METHODE MEINER ARBEIT. -
WIR UND ER.- DAS JUBILÄUMSJAHR. - WELTGANG. - GEBURTSHAUS
IN BAYREUTH. - LETZTER DANK.- SCHLUSSWORT 3
ERSTES KAPITEL
ERSTE JUGEND. 1806-1826
DAS GEBURTSHAUS IN BAYREUTH. - GEBURT UND TAUFE; ELTERN UND
VORFAHREN. - TOD DES VATERS UND WIEDERHEIRAT DER MUTTER; NACH
KULM. RITTMEISTER GÖCKING. - RÜCKKEHR NACH BAYREUTH
UND ERZIEHUNG.- ÜBERBLICK 25
ZWEITES KAPITEL
LERN- UND LEHRJAHRE. 1826-1844
J. C SCHMIDT, STUD. PHILOS., IN BERLIN. - EIN SEMESTER IN ERLANGEN;
REISE DURCH DEUTSCHLAND. - KÖNIGSBERG UND KULM. - WIEDER IN BERLIN. - BEENDIGUNG DES STUDIUMS. - EXAMEN PRO FACULTATE
DOCENDI. - ALS SCHULAMTSKANDIDAT AN DER REALSCHULE. - VEREITELTE HOFFNUNGEN AUF ANSTELLUNG; NIE GYMNASIALLEHRER,
NIE DR. PHIL. - FAMILIENVERHÄLTNISSE UND ERSTE EHE. - DER
LEHRER HÖHERER TÖCHTER. - ÜBERBLICK 35
DRITTES KAPITEL
DIE "FREIEN" BEI HIPPEL
IM FÜNFTEN JAHRZEHNT DES JAHRHUNDERTS. - HIPPEL IN DER FRIEDRICHSTRASSE.
- ERSTE ANFÄNGE DER "FREIEN". - CHARAKTERISTIK.
- DER INNERE RING. - DER WEITERE KREIS DER BESUCHER. - DREI GÄSTE.
- DIE "FREIEN" IN DER ÖFFENTLICHKEIT. - TON DES
KREISES. - SEINE BEDEUTUNG 55
VIERTES KAPITEL
MAX STIRNER. 1840-1845
DER NAME STIRNER. - ÄUSSERE ERSCHEINUNG. - WESEN UND CHARAKTER. - STIRNER UNTER DEN "FREIEN". - ERSTE VERÖFFENTLICHUNGEN. - ZEITUNGSKORRESPONDENT. - LITTERARISCHE ARBEITEN. - ZWEITE EHE. - GESCHICHTE DER TRAUUNG. - MARIE DÄHNHARDT. -
DIE JAHRE DER HÖHE 83
FÜNFTES KAPITEL
DER EINZIGE UND SEIN EIGENTUM. 1845
ERSCHEINEN. - BESCHLAGNAHME UND FREIGABE IN SACHSEN. - VERBOT
IN PREUSSEN. - STIRNER UND DIE POLIZEI. - ALLGEMEINE AUFNAHME
UND ERFOLG. - DAS WERK. - VERSUCH SEINER WÜRDIGUNG. - DIE
KRITIK. - STIRNERS ENTGEGNUNGEN. - DAS VERSTANDESTUM UND DAS INDIVIDUUM.
- AUSBLICK 123
SECHSTES KAPITEL
DAS LETZTE JAHRZEHNT. 1845-1856
LANGSAMER ABSTIEG. - DIE NATIONALÖKONOMEN DER FRANZOSEN UND
ENGLÄNDER. - LETZTE VERSUCHE. - MARIE DÄHNHARDTS TRENNUNG.
- IHR SPÄTERES LEBEN UND TOD. - ZURÜCK ZU STIRNER: DARLEHENSGESUCH.
- LETZTE JOURNALISTISCHE ARBEITEN. - BEI HIPPEL IN DER DOROTHEENSTRASSE.
- DIE GESCHICHTE DER REACTION. - HÖHEPUNKT DER NOT. - AUSWEG.
- LETZER VERKEHR. - ERKRANKUNG. - TOD UND BEGRÄBNIS. - NACHKOMMENSCHAFT.
- DIE ÜBERLEBENDEN UND IHR SCHICKSAL. - SCHLUSSBETRACHTUNG.
- ABSCHIED. - AUSBLICK 179
ANHANG
[A. STATIONEN DER LEBENSWANDERUNG
B. STAMMBÄUME
C. CURRICULUM VITAE.
D. PORTRÄTSKIZZE
E. NAMENSUNTERSCHRIFTEN
F. ZWEI BRIEFE
G. MARIE DÄHNHARDTS LETZTES WORT
H. BIBLIOGRAPHIE
I. ÜBERSETZUNGEN ]
NAMEN- UND SACH-REGISTER
[ABBILDUNGEN
1. GEBURTSHAUS IN BAYREUTH
2. DAS HAUS IN KULM
3. STERBEHAUS IN BERLIN
4. STIRNERS GRAB
FACSIMILE
KUNST UND RELIGION]
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V
VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE
Diese dritte Auflage erscheint als Privat-Ausgabe, die - auf die Anzahl von 325 Exemplaren begrenzt - nicht in den Handel gelangt.
Es war der einzige Weg, sie zu ermöglichen.
Denn auch die zweite Auflage meiner Lebensgeschichte Max Stirners
teilt das Schicksal der ersten, sich ebenso schwer und ebenso
langsam zu verkaufen wie diese, so dass ich (wie ich am Schluss
ihrer Vorrede sagte) eine dritte wohl nicht mehr erleben würde,
wollte ich darauf warten, sie vergriffen zu sehen.
Eine neue Auflage aber noch selbst zu veranstalten, ist in den
letzten Jahren ein bei mir immer wiederkehrender Wunsch geworden.
Es war, wie ich gern zugebe, kein besonders glücklicher Gedanke,
der zweiten Auflage von 191O die Forschungs-Ergebnisse der voraufgehenden
zehn Jahre in einer "Nachschrift" anzugliedern, statt
sie in den Text hineinzuarbeiten. Dass dies nach meinem Tode einmal
von einem 'Bearbeiter', und zwar in einer die Anlage und Einheit
des Ganzen gefährdenden Weise, geschehen könnte, ja
zweifellos geschehen würde und müsste, beunruhigte mich.
So entstand der Plan einer neuen einheitlichen und grundlegenden
Privat-Ausgabe in mir, neben und nach der - da es natürlich
nicht angängig ist, eine erst angegriffene Auflage einzustampfen
- die noch bestehende zweite öffentlich weiter verkauft werden
soll, bis auch sie eines Tages einer vierten weicht.
Mein Plan hat sich, wenn auch unter grossen Schwierigkeiten, noch
verwirklichen lassen. - Dank der kleinen - ach, so kleinen! -
Anzahl derer, die heute unentwegt zu allem, was den Namen Stirner
trägt, stehen.
Diese Ausgabe nun aber auch so zu gestalten, wie ich es plante
und wollte, und ihr die letzte gültige Form zu geben, ist
mein ganzes Bemühen gewesen. Nicht nur ist die genannte Verschmelzung
vorgenommen, sondern es haben auch einzelne Abschnitte ihre ganz
neue Form gefunden, während ich das Ganze einer nochmaligen
Nachprüfung unterzog, die allerdings nur an wenigen Stellen
die eine oder andere kleine Änderung nötig machte. Dass
sie sich auch äusserlich im Format und Aussehen von den beiden
ersten zu unterscheiden hatte, lag auf der Hand.
Wieder habe ich hier nun denen zu danken, die mir auch diesmal
so bereitwillig geholfen.
An erster Stelle Herrn Dr. Gustav Mayer in Zehlendorf bei Berlin.
Gründlicher Kenner der Geschichte des Vormärz und in
die Möglichkeit versetzt, zu bisher verschlossenen Quellen
vorzudringen, gelang ihm nicht nur die Auffindung einer frühesten,
selbständigen Schrift Stirners, die des "Gegenworts",
sondern auch die überzeugende Feststellung von seiner tatsächlichen
Mitarbeit an der "Leipziger Allgemeinen Zeitung" von
1842, eine Feststellung, die mich um so mehr überraschen
musste, als mir nicht nur selbst vor langen Jahren auf persönlich
eingezogene Erkundigung von der Firma Brockhaus die bestimmte
gegenteilige Versicherung abgegeben wurde, sondern auch vor Erscheinen
der zweiten Auflage der derzeitige Lektor des Verlages, Herr Dr.
H. H. Houben in Leipzig, nochmals diese Auskunft als richtig bestätigte.
VI
Herr Dr. Mayer hat seine so überaus glücklichen Funde
bereits teilweise selbst in einem Aufsatz in dem ersten Heft des
VI. Bandes der "Zeitschrift für Politik" von 1913:
"Die Anfänge des politischen Radikalismus im vormärzlichen
Preussen" verwertet, einer Abhandlung, auf die ich jeden
meiner Leser, der ein breiteres Bild von den politischen Strömungen
dieser Epoche zu gewinnen wünscht, als ich es hier, in der
nur einem Einzigen gewidmeten Studie, naturgemäss geben konnte,
nicht genug hinweisen kann. Er wird aus ihr zugleich ersehen,
wie durchaus irrtümlich die Auffassung ihres Verfassers ist,
wenn er - aus seiner direkt entgegengesetzten Lebensanschauung
heraus - in dem Werke Stirners nur eine Fortentwicklung und einen
Ausbau der geistigen Ideenwelt dieses Radikalismus sieht, während
es in Wirklichkeit ein durch eigenste Schöpferkraft auf den
Trümmern dieser gefallenen Festung des "Geistes"
errichteter, uneinnehmbarer Bau ist. So kann denn auch die Stellung,
die Stirner in seinerArbeit angewiesen wird: neben, nicht über
den anderen, nur eine ganz falsche sein.
Einen anderen Fund: "Über die Verpflichtung der Staatsbürger
zu irgendeinem Religionsbekenntnis", den Herr Dr. Mayer in
dem Anhang zu seiner Abhandlung ("Unbekanntes von Stirner")
zusammen mit dem "Gegenwort" als ein "Programm
der Freien" abgedruckt und ebenfalls, wenn auch nicht unbedingt,
Stirner zuschreibt, kann ich mich nicht entschliessen, als von
diesem herrührend anzuerkennen, so freudig und dankbar ich
sonst jede Vermehrung und Bereicherung seiner Lebensarbeit begrüsse.
Nicht nur die Arbeit selbst, sondern auch die für die Autorschaft
angeführten Gründe scheinen mir eher gegen als für
diese zu sprechen, und ich muss es daher dem Leser selbst überlassen,
hier zu entscheiden. Auch die Mitarbeiterschaft Stirners an den
"Deutschen Jahrbüchern" kann sich leider in Bezug
auf bestimmte Artikel nur auf Vermutungen stützen und nicht
mit der durchaus nötigen Sicherheit feststellen lassen.
Es ist mir eine Freude, Herrn Dr. Gustav Mayer für die Liebenswürdigkeit,
mit der er mich nicht nur mit seinen so überaus glücklichen
und bedeutungsvollen Funden schon vor seiner eigenen Veröffentlichung
bekanntmachte, sondern auch für die mannigfachen anderen
wertvollen Hinweise und Winke, mit denen er meine Arbeit so bereitwillig
unterstützte, meinen ganz besonderen Dank auch hier aussprechen
zu dürfen.
Ihren schönsten Schmuck erhält diese neue Ausgabe durch
die vortrefflich gelungene Wiedergabe eines zwölfseitigen
Manuskripts Stirners, nachdem so lange schon jede Hoffnung aufgegeben
war, auch nur eine seiner Arbeiten noch in ihrer ursprünglichen
Form aufzufinden. Es ist die Handschrift zu dem Aufsatz "Kunst
und Religion", stammt aus dem alten Archiv der Rheinischen
Zeitung und befindet sich im Besitz von Herrn Prof. Dr. Josef
Hansen, Bibliothekar an St. Gereon in Köln, dem ich für
die freundlich gegebene Erlaubnis zur Wiedergabe zu grossem Dank
verpflichtet bin.
Für die Aufstellung der russischen Übersetzungen des
"Einzigen" in der Bibliographie des Anhangs bin ich
endlich Herrn Leo Kasarnowski in Halensee bei Berlin ebenso wie
für manchen Hinweis seiner unerbittlichen Akribie verbunden.
Diese dritte Auflage hat nun auch ihr wohlberechtigtes Namen-
und Sachregister gefunden. Ich versuchte es so zu gestalten, dass
der Leser sich bei allem, was Stirner und die ihm Nahestehenden
selbst betrifft, in seinen Hinweisen zurechtfindet, habe aber
bei Personen, mit denen er nur in entferntere Berührung gekommen
ist, solche Hinweise unterlassen, um den Umfang des Registers
nicht ungebührlich zu steigern. Man wird trotzdem auch bei
ihnen leicht finden, was man sucht.
Zugleich mit ihr ist nun auch endlich den "Kleineren Schriften und Entgegnungen"
VII
Stirners - zunächst in einer Vorzugs-Ausgabe - eine zweite
Auflage ermöglicht, die, um das Doppelte gegen die erste
vermehrt, natürlich alle Funde der letzten fünfundzwanzig
Jahre in sich aufgenommen hat. Es steht zu hoffen, dass sie, und
vielleicht schon bald, noch durch weitere neue Funde ergänzt
werden kann. So soll Stirner 1842 noch an zwei weiteren Zeitschriften
mitgearbeitet haben, die aufzutreiben bisher leider nicht gelang:
an einer beim Verleger des "Gegenworts", Robert Binder
in Leipzig, erschienenen Zeitschrift "Die Eisenbahn",
in der ein Aufsatz von ihm über die "Lage der Lehrer"
stehen soll, und an einer anderen, von Robert Heller herausgegebenen,
die den merkwürdigen Titel "Rosen" führte.
Vielleicht ist der eine oder andere Leser dieser Angaben glücklicher
beim Suchen und verpflichtet mich dann durch die Mitteilung von
seinem Funde.
Von den ersten Helfern meiner Arbeit hat der Tod nun auch die
letzten hingerafft: 1911 starb siebenundachtzigjährig Daniel
Collin; ebenfalls 1911 der unermüdliche Ludwig Pietsch; und
auch der hochbetagte Enno Sander in St. Louis ist, so viel ich
weiss, nicht mehr am Leben. Von den zweiundzwanzig lebt nur noch
Fräulein Pauline Julius, Stirners frühere Schülerin,
in Steglitz bei Berlin, jetzt auch schon hoch in den Achtzigern.
Sie und die Baronesse von der Goltz sind also die beiden einzigen
Lebenden, die Stirner noch von Angesicht zu Angesicht gesehen
haben - beide als junge Mädchen.
Es ist Zeit zu schliessen.
Wenn ich es mit einem letzten Wunsche tun darf, so ist es der
schon geäusserte: mein Buch, dem ich hier noch eine letzte
und endgültige Form geben durfte, die jede spätere 'Bearbeitung'
durch fremde und voraussichtlich unberufene Hände unnötig
und überflüssig macht, nicht in solche Hände gelangen
zu lassen. Ich werde ein Exemplar dieser Ausgabe hinterlassen,
in welches alle mir selbst noch bekannt gewordenen Ergebnisse
druckfertig eingefügt sind; was sich etwa später noch
hinzufinden sollte, kann leicht in gleicher Weise behandelt werden,
ohne meiner Arbeit ihre eigene und einheitliche Form zu nehmen.
Dies wird sich ausserdem schon deshalb als geboten erweisen, weil
die in dem Vorwort zur zweiten Auflage von mir geäusserte
Absicht: das gesamte Material meiner Stirner-Arbeit dem Britischen
Museum in London zu hinterlassen, einem anderen Plan gewichen
ist, über den die mir als solche bekannten Freunde Stirners
demnächst direkt von mir hören werden.
Ich lege meinen Wunsch in die Hände der Leser dieses Buches,
die zugleich die Freunde Stirners sind. Sie werden über ihn
wachen, wie sie über sein Erbe wachen werden. Denn kein Denker
hat wohl überzeugtere und treuere Freunde gefunden als er,
wie klein ihre Zahl einstweilen auch noch sein mag. Längst
bin ich es nicht mehr allein, der die unermessliche praktische
Tragweite seiner Ideen auf die Gestaltung - und gänzliche
Umgestaltung - unseres gesamten sozialen Lebens erkannt hat. Nicht
nur die Grösse und Weite seiner Gedanken, sondern auch ihre
Lauterkeit und unantastbare Ehrlichkeit haben sie ihm gewonnen,
und ruhig darf heute gesagt werden, dass sein Vermächtnis
unverloren ist für alle künftigen Zeiten.
An ihrem Eingang steht er - dieser grosse Vernichter der Phrase.
Müssen wir auch in unseren Tagen sehen, dass sie noch lebt
und die Völker in Mord und Wahnsinn treibt - er hat ihr doch
den Todesstoss versetzt, an dem die grösste Feindin des Lebens
langsam verblutet.
Berlin-Charlottenburg, Berliner Strasse 166,
im August 1914 JOHN HENRY MACKAY
XII
VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE
Diese zweite Auflage meiner Lebensgeschichte Max Stirners hat
bereits ihre eigene kleine Geschichte.
Ich stellte sie schon vor zweieinhalb Jahren auf den Wunsch meines
alten Freundes Benj. R. Tucker, des Herausgebers des "Liberty"
in New York, der sie veröffentlichen und sie natürlich
bis auf die letzten Forschungsergebnisse fortgesetzt zu sehen
wünschte, fertig. In seinem Verlag sollte sie in englischer
Sprache erscheinen, und zwar - eine seltene Ausnahme - vor der
deutschen. Vor ihr deshalb, weil das Interesse der Deutschen an
dem Leben ihres kühnsten und konsequentesten Denkers immer
noch nicht so weit reichte, als dass die erste Auflage meiner
Biographie erschöpft gewesen wäre.
Das Manuskript sowie die Platten der Bilder und Handschriften
waren abgesandt, die Übersetzung Georg Schumms in vollem
Gange, und das Werk sollte in Druck gehen, um im Frühjahr
1908 zu erscheinen. Da zerstörte ein furchtbarer Brand am
10. Januar das Parker Building in der vierten Avenue, in dem sich
mit vielen anderen die Office Tuckers befand, von Grund auf und
mit ihm sein ganzes Bücherlager, viele wertvolle Manuskripte
sowie sein gesamtes Setz- und Druckmaterial: ein Schaden, der,
soweit überhaupt berechenbar, von ihm selbst auf mindestens
zehntausend Dollar geschätzt wird, und ein Schlag für
unsere Sache, den ganz zu verwinden selbst der neuen Arbeit vieler
Jahre wohl nie ganz gelingen wird und der am härtesten von
uns allen in der Vernichtung fast der ganzen Auflage und aller
Platten der eben erschienenen, mit so unendlicher Sorgfalt in
langen Jahren vorbereiteten englischen Ausgabe des "Einzigen
und sein Eigentum" empfunden wird.
An eine Weiterführung der begonnenen Unternehmungen war einstweilen
nicht zu denken. Mein Manuskript, nur durch einen Zufall vor der
Vernichtung bewahrt, kam an mich zurück, und fast unverändert
gebe ich es nun für diese zweite Auflage in Druck.
Diese zweite Auflage ist bereichert durch die Forschungen der
letzten elf Jahre, die seit dem Erscheinen der ersten, 1898, verflossen
sind.
Ich habe lange geschwankt, wie ich die Ergebnisse dieser Forschungen
verwerten sollte. Zwei Wege lagen mir offen: sie in mein Buch
hineinzuarbeiten oder sie ihm in einer Nachschrift anzugliedern.
Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden. Denn der erstere
hätte nichts anderes bedeutet, als ein Niederreissen und
Wiederaufbauen ganzer Teile, ohne die Gewähr, der Konstruktion
des Gesamtbaus dadurch nicht zu schaden. Manches hätte ganz
fortbleiben und durch Neues ersetzt, wieder Anderes bis zur Unkenntlichkeit
ergänzt und umgemodelt werden müssen, und selbst wenn
ich die völlige Umarbeitung für das Richtigere gehalten
hätte, weiss ich nicht, ob mir nicht die Mittel der Zeit
und Lust zu einer so grossen Neuarbeit gefehlt hätten. So
entschloss ich mich denn statt für den Einbau für den
Ausbau: was sich an Ort und Stelle einfügen liess,
XIII
ohne dort störend zu wirken, erhielt an ihr seinen Platz,
wie auch natürlich die Verbesserung einiger kleinerer Irrtümer
an diesen selbst vorgenommen wurde. Aber für die hauptsächlichsten
und wichtigsten der neuen Funde hat der Leser den Text durch die
"Nachschrift" zu ergänzen, die diesem so streng
wie nur irgend möglich anzuschliessen ich bemüht war.
Die Aufnahme meines Buches war, ich will es nicht verhehlen, eine
letzte Enttäuschung für mich. Ich hatte erwartet, dass
diesmal der Name Stirner zu tieferer und ehrlicherer Betrachtung
zwingen müsse. Was indessen von der "Kritik" gegeben
wurde, war im grossen und ganzen nichts anderes als eine Ausschlachtung
des von mir Gefundenen, und nicht immer ist verstanden worden,
wenigstens richtig abzuschreiben. Eine Arbeit, die ernster Widerlegung
wert und würdig wäre, ist bisher nicht erschienen.
Dem Einwand, der gemacht wurde: den Wurzeln der Philosophie Stirners
nicht nachgegraben, nicht gezeigt zu haben, wer seine Vorläufer
in der Geschichte der Philosophie waren, sowie seinem Einfluss
bis auf unsere Tage nicht nachgegangen zu sein, entgegne ich,
dass ich keine Geschichte der Philosophie des Egoismus, sondern
eine Geschichte des Lebens Max Stirners schreiben wollte. Ich
bin kein Philosoph, und Arbeiten wie die geforderten liegen mir
völlig fern. Daher hätte nur die Kritik für mich
von Wert sein können, die mir zeigte, welche anderen Wege
ich hätte gehen müssen, um zu meinem Ziele zu gelangen.
Leider ist mir in dieser Beziehung von keiner Seite der Kritik
geholfen worden, und ich weiss daher nicht, wie ich meine Arbeit
anders hätte durchführen und gestalten sollen, als ich
es getan.
Dagegen hat mich die Hoffnung, die der eigentliche Antrieb zu
der ersten Veröffentlichung war: aus dem Kreis der Leser
selbst Hilfe zu erhalten, insofern nicht betrogen, als mir 1901
in Herrn Benedict Lachmann in Berlin ein Helfer entstand, wie
ich mir keinen besseren hätte wünschen können.
Selbst ein geborener Kulmer, glaubte er die verwischten Jugendspuren
Stirners in der alten Weichselstadt mit Erfolg weiter verfolgen
zu können, und seine mit ebensoviel Energie und Ausdauer
wie Umsicht betriebene, durch alte dortige Beziehungen glücklich
geförderte Arbeit wurde denn auch insoweit wenigstens von
Erfolg gekrönt, als sie nicht nur die Gründe aufdeckte,
aus denen Stirners Stiefvater seinen Aufenthalt nach Kulm verlegte,
sondern als schönstes Resultat die Erhellung der letzten
Lebensjahre Stirners zeitigte, wie sie endlich auch authentische
Nachricht über Krankheit und Tod der Mutter brachte. Es war
Herrn Lachmanns Wunsch, das von ihm Gefundene hier zuerst veröffentlicht
zu sehen, und ich danke ihm herzlich für die Art und Weise,
in der er mir sein gesamtes Material zur Verfügung gestellt
hat.
Seinen Bemühungen ist es auch gelungen, zu einer letzten
Persönlichkeit zu dringen, die Stirner noch von Angesicht
zu Angesicht gesehen hat: der Baronesse von der Goltz in Berlin.
Obwohl sie noch ein Kind war, als Stirner im Hause ihrer Mutter
gegen Ende seines Lebens verkehrte, sind ihre Erinnerungen an
ihn doch scharf und lebendig. Sie hat in liebenswürdiger
Weise die Richtigkeit des von mir gezeichneten Bildes bestätigt,
ihm aber neue Züge nicht einfügen können. Die Engels'sche
Zeichnung erklärt auch sie für durchaus unähnlich.
Endlich haben diese zehn Jahre zwei neue Funde von Arbeiten Stirners selbst gebracht. Der eine wurde von Herrn Dr. H. H. Houben gelegentlich seiner
XIV
Gutzkow-Forschungen gemacht und von Dr. Rudolf Steiner in seinem
"Magazin für Literatur" vom 17. Februar 1900 zuerst
wieder veröffentlicht. Es ist die Besprechung von Bruno Bauers
"Posaune des jüngsten Gerichts" und die erste nun
bekannte literarische Arbeit Stirners.
Der zweite glückte mir selbst. An einem Ort, wo ich es am
wenigsten vermutet hätte, in Friedrich von Bodenstedts, des
Mirza Schaffy Sängers: "Erinnerungen aus meinem Leben",
wurde ich, als ich mich zwei Jahre nach dem Erscheinen meines
Buches durch einen neuen Berg inzwischen aufgesammelter Literatur
frass, auf ihn aufmerksam gemacht. Bodenstedt erzählt dort,
wie er, 1848 als Hauptredakteur des "Journal des österreichischen
Lloyd" nach Triest verschlagen, in dem ihm "persönlich
ganz unbekannten Max Stirner" einen geschätzten Mitarbeiter
fand. Sofort angestellte Nachforschungen ergaben, dass das genannte
Journal sich nur noch in einem einzigen vollständigen Exemplar,
und zwar auf der Biblioteca civica in Triest selbst befand, von
dort aber unter keiner Bedingung ausgeliehen wurde. Eine Reise
nach Triest wurde mir aber erst gegen Ende 1904 möglich.
Ich fand dort an Ort und Stelle, im Jahrgang 1848 der genannten
Zeitung, acht Aufsätze, die unzweifelhaft aus der Feder Stirners
stammen, wenn auch keiner mit seinem Namen gezeichnet ist, die
ich abschrieb und zum ersten Mal wieder im Jahrgang 1908 der Berliner
Zeitschrift "Morgen" der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht habe.
Sollte für die von mir 1898 herausgegebenen kleineren Schriften
Stirners ("Max Stirners Kleinere Schriften und seine Entgegnungen
auf die Kritik seines Werkes: 'Der Einzige und sein Eigentum'.
Aus den Jahren 1842-1847") eine neue Auflage nötig werden,
was heute leider noch nicht der Fall ist, so werden diese Neufunde
in ihnen selbstverständlich ihren Platz finden.
Sind somit in dem Leben, das wir suchen, Lücken erfreulich
ausgefüllt, und konnte das Werk dieses Lebens vervollständigt
werden, so schien doch das seltsame Verhängnis, das meine
Arbeit zu einer an Enttäuschungen so reichen gemacht hat,
sie auch getreulich durch ein zweites Jahrzehnt begleiten zu wollen.
Frau Agathe Nalli-Rutenberg, die Tochter Adolf Rutenbergs, des
alten Freundes Stirners, mit der mich ein Zufall gleich nach dem
Erscheinen meines Buches in Rom zusammenführte, hat mir zwar
manches Interessante über das Leben ihres Vaters und seine
Zeit mitzuteilen, indessen meinen Schilderungen nichts eigentlich
Neues hinzuzufügen gewusst, und der schriftliche Nachlass
ihres Vaters ist verloren wie der Buhls.
Auch diesen, den Nachlass Ludwig Buhls, den wichtigsten von allen,
da er zugleich den Nachlass Stirners selbst und mit ihm gewiss
alle Arbeiten zum "Einzigen" enthalten haben soll, aufzustöbern,
wurde durch die freundliche und interessevolle Hilfe des Direktors
der deutschen Genossenschaftsbank in Berlin, Herrn E. Werners,
eines Vetters Buhls, ein letzter, leider ebenfalls fehlgeschlagener
Versuch gemacht, und auf die Auffindung der geistigen Hinterlassenschaft
Stirners muss nunmehr wohl endgültig verzichtet werden.
Selbst die Hoffnung, wenigstens die Niederschrift der "Geschichte
der Reaktion" noch zu finden, durfte ich nur kurze Zeit hegen.
Denn wenn es mir auch gelang, zu Frau Clementine Wolff, der Witwe
des 1900 zu Meran-Mais verstorbenen Verlagsbuchhändlers Sigismund
Wolff, in dessen Allgemeiner Deutscher Verlagsanstalt Stirners
zweites und letztes Werk erschien, zu gelangen, und wenn ich auch
XV
hier mit der grössten Bereitwilligkeit unterstützt wurde,
so liess sich doch nur feststellen, dass das gesuchte Manuskript
sich wahrscheinlich in einer Kiste befunden hat, die vor langen
Jahren auf einem Umzug verloren ging, und über deren Verlust
der Verstorbene "sich gar nicht beruhigen konnte, da sie
wichtige Papiere enthielt".
Endlich besitzt zwar Herr Carl Hippel, der Sohn des alten Hippel,
dieses treuesten Freundes der "Freien", ein Bild seines
Vaters, doch haben sich auch in dessen Nachlass die Geschäftsbücher
der alten Weinstube, die doch immerhin manches Interessante hätten
erzählen können, nicht mehr vorgefunden.
Auch zwei andere Persönlichkeiten, die mir genannt wurden:
der Dramatiker und Romanschriftsteller Karl von Heigel in Riva,
und Alexander Meyer, ein bekannter Berliner und Verfasser amüsanter
Erinnerungen "aus guter alter Zeit", beide seitdem verstorben,
die mit einzelnen Gliedern des Kreises der "Freien"
in Berührung standen, ohne jedoch Stirner selbst noch gekannt
zu haben, vermochten das von mir Gegebene nicht zu ergänzen.
Mit allen diesen aber zu den letzten, den verstecktesten Quellen
vorgedrungen zu sein, darf ich heute nicht mehr bezweifeln, und
wenn ich auch nie ermüden werde, jede, auch die unscheinbarste
der sich etwa noch zeigenden Spuren zu verfolgen, dürfen
doch neue und überraschende Entdeckungen wohl nicht mehr
erwartet werden....
Furchtbar sind die Lücken, die der Tod in die Reihen meiner
ersten Helfer aus den Jahren 1889-1897 gerissen hat. Noch während
der Drucklegung meines Buches 1897 starb der Antiquar Emanuel
Mai, und bei seinem Erscheinen im Frühjahr 1898 Dr. Ludwig
Ruge. Ihnen folgten noch in demselben Jahr Theodor Fontane, 1900
infolge eines Unglücksfalls Immanuel Schmidt, 1902 der prächtige
alte Alexander Kapp, 1903 Malwida von Meysenbug, 1904 der Nibelungen-Dichter
Wilhelm Jordan und im vergangenen Jahre Rudolf von Gottschall.
Nicht mehr unter den Lebenden weilen ferner Dr. Gustav Siegmund,
Guido Weiss, Paul von Szczepanski, sowie Dr. Albert Fränkel,
der mir nochmals nach der Übersendung meines Buches sein
grosses Interesse an dem Gegenstand in einem langen Briefe bekundet
hat. Auch die Witwe Karl Heinzens, die "Mutter Heinzen",
und die alten Herren Friedrich Beust und Henry Ulke hat der Tod
ereilt, so dass von zweiundzwanzig im Vorwort zur ersten Auflage
genannten Namen solcher, die mit Max Stirner einst in direkter
oder indirekter Verbindung gestanden haben und mir von ihm zu
melden wussten, heute nur noch vier am Leben sind. Wie recht hatte
ich, wenn ich damals sagte: "Noch zwanzig Jahre, und auch
die letzten persönlichen Erinnerungen wären unrettbar
verloren gewesen!"...
Jetzt, wo Marie Dähnhardt nicht mehr unter den Lebenden weilt,
wird mir auch von Herrn Meno Haas in London erlaubt zu sagen,
dass er es gewesen ist, der die ebenso freundliche wie vergebliche
Mühe der Vermittelung zwischen uns übernahm. Durch ihn
empfing sie ihre kleine Rente, so sah er sie alle Jahre einmal.
Herr Haas hat mich denn auch von ihrem Tode benachrichtigt. -
Der zweite von Marie Dähnhardts alten Freunden, Herr M. Lippner
in London, der mir von ihr erzählte, sah sie ebenfalls nie
mehr und ist im selben Jahre wie sie dahingegangen.
Heute darf ich auch sagen, wer Szeliga war. Unter dem Pseudonym
Szeliga schrieb in den vierziger Jahren der damalige junge Offizier,
spätere General der Infanterie Franz Zychlin von Zychlinski,
der 1900 in Berlin verstarb, eine sehr
XVI
bekannte Persönlichkeit. Er war ein alter Freund Fontanes, der in seiner gewohnten liebenswürdigen Art unsere Bekanntschaft vermittelte, die zwar zu einem interessanten Gespräch über die nachhegelianische Philosophie, leider aber zu keinen Resultaten in Bezug auf meine Forschungen führte, da Szeliga und Stirner nie zusammengetroffen waren. Das Schweigen, zu dem ich damals ausdrücklich verpflichtet wurde, darf ich heute, wo beide, der General und Fontane, nicht mehr leben, brechen.
Darauf hingewiesen sei endlich noch, dass die wichtigsten der
Briefe, die mir Hans von Bülow, der Unvergessliche, schrieb,
in dem achten und letzten Band der ausgezeichneten, von seiner
Witwe Marie von Bülow veranstalteten Ausgabe seiner "Briefe
und Schriften" ihren Platz gefunden haben.
Dem Wunsche, einer neuen Auflage die Quellen meiner Arbeit anzufügen, kann ich aus den bereits angeführten Gründen auch diesmal nicht entsprechen. Das gesamte, wohlgeordnete Material meiner Stirner-Forschung wird nach meinem Tode an das Britische Museum in London gehen, und zwar dorthin, weil es dann dort jedem - ohne die von den grossen staatlichen Bibliotheken des Kontinents beliebte Einmischung in seine Absichten und Zwecke - zur Verfügung stehen wird, zur Verfügung und zur Nachprüfung meiner Arbeit, die diese nicht zu scheuen hat.
Auch den Plan, dieser neuen Auflage ein Namen- und Sachregister
beizufügen, habe ich fallengelassen, da mir von verschiedenen
Seiten gesagt wurde, dass die übersichtliche Anordnung des
Stoffes ein solches vollkommen entbehrlich mache. Dagegen dürften
die neu hinzugekommenen drei Stammbäume, sowie eine Übersicht
der Stationen von Stirners Lebenswanderung für die leichtere
Auffindung mancher Daten und Namen nicht ohne Nutzen sein.
Zwölf Jahre sind nötig gewesen, um die erste Auflage
dieses Buches zu erschöpfen. Es steht nicht zu hoffen, dass,
nachdem das erste Interesse befriedigt und die erste Neugier gestillt
sind - sich diese zweite schneller verkaufen wird. Ich werde also
eine dritte kaum mehr erleben.
So habe ich denn hier nur noch Abschied zu nehmen von einer Arbeit,
die ich, was immer sie mir auch an Enttäuschungen und Mühen
gebracht hat, doch zu den köstlichsten Errungenschaften meines
Lebens zähle, und der das eine wenigstens niemand nehmen
kann: mit ihr einen Namen und ein Werk von unsterblicher und nicht
mehr anzweifelbarer Bedeutung herausgehoben zu haben aus der Nacht
der Vergessenheit in das Licht unserer und damit aller künftigen
Tage.
Aber wenn ich diese Arbeit hier gewissermassen nach aussen hin
abzuschliessen mich bescheiden muss, darf ich doch meine Bitte:
mir auch weiterhin in allem zu helfen, was etwa noch zu letzten
Ergänzungen führen könnte, und keinen Hinweis wie
keine Berichtigung, auch in Bezug auf das Vorliegende, ihrer scheinbaren
Bedeutungslosigkeit halber zu unterlassen (und sich dabei der
unten angegebenen Adresse bedienen zu wollen), in alter Dringlichkeit
bestehen lassen. Denn auch wenn es mir nicht mehr möglich
sein sollte, diese letzte Hilfe noch selbst zu verwerten, wird
sie nicht umsonst geleistet sein, sondern, dem bisherigen Material
angefügt und, wie oben gesagt, für jede fernere Forschung
sichergestellt, bestimmt eines Tages ihren Zweck erfüllen.
Berlin-Charlottenburg, im Frühjahr 1910
JOHN HENRY MACKAY
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EINLEITUNG
DIE GESCHICHTE MEINER ARBEIT
1889-1914
DIE WIEDERENTDECKUNG STIRNERS - AUFRUF - ERSTE ENTTÄUSCHUNG
- DREIFACHE SCHWIERIGKEITEN DER ARBEIT - HAUS UND GRAB IN BERLIN
- LANGSAMER FORTGANG UND STIRNERS WIEDERGEBURT - MARIE DÄHNHARDT
IN LONDON - DAS LEBEN MAX STIRNERS - DIE METHODE MEINER ARBEIT
- WIR UND ER - DAS JUBILÄUMSJAHR - WELTGANG - GEBURTSHAUS
IN BAYREUTH - LETZTER DANK - SCHLUSSWORT
Die Geschichte des Lebens MAX STIRNERS kann ohne Kenntnis ihrer
Entstehung unmöglich richtig verstanden werden; die Geschichte
meiner Arbeit zu erzählen, bin ich daher dem Leser nicht
minder als mir selbst schuldig.
Es war im Sommer des Jahres 1887, als ich, im Britischen Museum
in London in das Studium der sozialen Bewegung unseres Jahrhunderts
vergraben - (ich weiss es heute noch: es war in Langes "Geschichte
des Materialismus") - zum ersten Male den Namen Stirner und
den Titel seines Werkes las. Niemals vorher war er mir genannt
worden; nie hatte ich bis dahin von einem Werk dieser Art vernommen.
Obwohl die Notiz über ihn wenig besagte, schrieb ich mir
doch den eigentümlichen Titel des Buches auf; ich wollte
es mir gelegentlich verschaffen.
Das geschah aber erst ein gutes Jahr später. Ich war nie
wieder auf den Namen seines Verfassers gestossen. Jetzt las ich
es.
Von dem ungeheuren, unvergleichbaren Eindruck, den das Werk damals
wie seitdem bei jeder neuen Annäherung auf mich gemacht hat,
habe ich hier nicht zu sprechen. Genug dass, als ich den Lexiken
die ersten spärlichen und offenbar ungenauen Angaben über
das Leben des Verfassers entnahm und auch sonst nie und nirgends
authentische und ausführlichere Nachrichten, sondern nur
hier und da kurze und flüchtige Erwähnungen über
ihn fand, der Entschluss in mir feststand, einen Teil meiner eigenen
Lebensarbeit an die Erforschung dieses offenbar gänzlich
verschollenen Daseins zu setzen.
Ich erliess zunächst im Frühjahr 1889, und sodann im Herbst in umfassenderer Weise, meinen ersten Aufruf, den eine grosse Anzahl von Zeitungen aller Art überallhin bereitwilligst verbreiteten. In diesem Aufruf richtete ich an alle, die sich des Aufsehens, das
6
"Der Einzige und sein Eigentum" seinerzeit hervorgerufen,
noch erinnern und mit Max Stirner in nähere oder entferntere
Berührung gekommen sein sollten, die Bitte, mir aus ihren
Erinnerungen mitzuteilen, was sie noch über den vergessenen
Denker und seine Persönlichkeit wüssten. Vor allem bat
ich die Besitzer von Handschriften, Briefen und Bildern, mir solche
für eine kurze Zeit zur Verfügung zu stellen.
Sehr bald sollte ich mich überzeugen, dass die unternommene
Arbeit sich in Wirklichkeit noch weit schwieriger gestaltete,
als ich es bereits ahnte. Schon nach dem Einlaufen der ersten,
spärlichen Antworten war mir klar, dass einzig und allein
das sorgfältige Verfolgen jeder sich ergebenden Spur nach
allen Richtungen hin das Dickicht, in dem dieses Leben versteckt
lag, überhaupt zugänglich zu machen im Stande sei.
Nicht nur eine tiefe Entmutigung, sondern auch eine grosse Enttäuschung
ergriff mich, als ich, immer weiter und weiter vordringend, mehr
und mehr mich überzeugen musste, wie einfach und ereignislos
dieses Leben sich abgespielt hatte. Ich hatte etwas Ausserordentliches
in ihm erwartet und fand es nicht! . . . Musste ein so grosses
Leben nicht auch reich an äusseren, grossen Erlebnissen gewesen
sein? - Noch verstand ich es nicht.
Aber als ich mit jedem Jahr tiefer und tiefer in die Lehre des
Werkes und damit in die Erkenntnis des Lebens der Menschen drang,
da erfasste mich die Beschämung über die eigene Torheit
und ich erkannte, dass dieses Leben nicht anders hätte sein
können, als es gewesen war, und ich suchte nicht mehr nach
neuen und überraschenden Betätigungen in ihm, sondern
seine Lücken in stiller Arbeit zu füllen.
Heute weiss ich, dass Stirners Leben, weit entfernt, im Gegensatz
zu seiner grossen Tat zu stehen, vielmehr der klare und schlichte
Ausdruck ihrer letzten Lehre war, mit Notwendigkeit sich aus ihr
ergebend und ohne jeden äusseren noch inneren Widerspruch
. . . Ein Egoist, der wusste, dass er es war!
7
Drei Ursachen haben vor allem dazu beigetragen, die Persönlichkeit
Stirners den Augen der Mit- und Nachwelt so völlig zu entziehen:
Die erste beruht in der grossen Zurückgezogenheit und Stille,
in der er - mit Ausnahme weniger Jahre - die Zeit seines Lebens
verbrachte.
Die zweite ist in dem enormen Umschlag zu suchen, den das Jahr
1848 in dem öffentlichen Leben Deutschlands bezeichnet, und
dessen Eintreten eine nicht minder grosse Veränderung in
dem Leben fast aller damals die Spitze des Radikalismus bildenden
Persönlichkeiten bedeutet.
Der dritte Grund liegt in dem eigentümlich verschlossenen
Charakter Stirners, der einesteils keine eigenen Mitteilungen
über sein Leben zeitigte, andernteils keine jener intimen
Freundschaften, aus denen etwa zur Zeit seines kurzen Ruhmes persönliche
Aufzeichnungen an ihn so leicht hätten hervorgehen können.
Zusammen mit anderen Zufälligkeiten, die ich teils im Vorwort
streifte, teils noch erzählen werde, haben diese Ursachen
meine Arbeit zu einer aussergewöhnlich mühevollen gemacht,
und ich darf wohl sagen, dass jede einzelne Tatsache des biographischen
Materials - Stück um Stück - aus dem Schutt der Jahre
wieder hervorgegraben werden musste.
Jedenfalls war es die höchste Zeit: noch zwanzig Jahre, und
auch die letzten persönlichen Erinnerungen an Max Stirner
und seine Zeit wären unrettbar verloren gewesen.
Wenn auch andere, eigene Arbeiten meine Forschungen oft unterbrachen,
ich verlor mein Ziel doch nie aus den Augen, und langsam, ganz
langsam fügte sich ein Fund an den anderen, um einen weiteren
Stein abzugeben für den ersehnten Wiederbau.
Das Grab, der Erde gleich, wurde wieder gefunden, ebenso das Haus,
in dem Stirner die letzten Jahre seines Lebens gewohnt; ersteres,
von völliger Vernichtung bedroht, wurde auf weitere dreissig
Jahre erworben. Und so fand sich eines nach dem anderen.
Anfang 1892 ging ich nach langjähriger Abwesenheit wieder
nach Berlin, von dem Wunsche getrieben, an Ort und Stelle selbst
8
weitere Nachforschungen zu betreiben und sie womöglich zum
baldigen Abschluss zu bringen. Ich erliess die Bekanntmachung,
dass ich gesonnen sei, an dem Haus, in dem Stirner zuletzt gelebt
und in dem er gestorben war, eine Gedenktafel und auf seinem Grab
eine Grabplatte anzubringen, "damit nicht auch diese äusseren
Spuren seines grossen Lebens von der Zeit gänzlich verwischt
würden". Der Vorschlag fand die denkbar gleichgültigste
Aufnahme. Mag es mir an dieser Stelle auf manche irrtümliche
Auffassung meines Vorhabens hin erlaubt sein zu bemerken, dass
nicht sentimentale Pietät, sondern die Erwägung, auch
auf solche Weise für das Andenken des Vergessenen propagandistisch
nützlich wirken zu können, mich zu meinem Entschluss
veranlasste.
Es war kein anderer als Hans von Bülow, der meinen Plan mit
seinem schon so oft bewiesenen leidenschaftlichen Interesse an
allem, was verkannt war, unterstützte: er hatte Stirner noch
persönlich gekannt, war von jeher ein begeisterter Bewunderer
seines Werkes gewesen und tat nun alles, was er vermochte, um
der Idee zur Wirklichkeit zu verhelfen. Unser Verkehr in jenen
mir unvergesslichen Tagen gab denn auch Veranlassung zu der Erwähnung
Stirners in seiner merkwürdigen Rede, in der er Ende März
in der Philharmonie Beethovens Eroica an den Fürsten Bismarck
umwidmete.
Am 14. Mai fand an dem Hause NW., Philippstrasse 19 die Errichtung
der Gedenktafel statt, die in vergoldeten Lettern die Inschrift
trägt:
Als sie erfolgte, war mir noch nicht bekannt, dass Stirner nie
Dr. gewesen war.
9
Sollte sich daher jemals die Gelegenheit bieten, die Tafel durch
eine andere zu ersetzen (die dann der leichteren Lesbarkeit der
Inschrift wegen besser in schwarzem, statt in hellem Granit ausgeführt
würde), so müsste in der Inschrift die Zeile:
geändert werden.
Die Aufstellung der Grabplatte war mit grösseren Schwierigkeiten
verknüpft. Die Grösse der einzigen für die Erwerbung
in Frage kommenden Granitplatte - ein eines kleinen, kaum sichtbaren
Fehlers wegen sehr billiger Gelegenheitskauf - überstieg
nämlich um etwas die vorgeschriebenen Masse, so dass die
Platte, nachdem ein Gesuch um Erlaubnis zur Aufstellung von dem
Gemeindekirchenrat abschlägig beschieden worden war, auf
1,75x 0,95 Meter verkleinert werden musste. Das alles erforderte
fast zwei Monate, und erst am 7. Juli konnte die Aufstellung endlich
erfolgen. Die Platte trägt als einzige Aufschrift den Namen
»MAX STIRNER« in grossen, goldenen Lettern.
Wer das Grab heute aufsuchen will, findet es am besten, wenn er,
nachdem er den Sophienkirchhof von der Bergstrasse 32 aus betreten,
die alte Abteilung, sich immer links an der Wand haltend, durchschreitet,
worauf er nach Erreichung der neuen rechts auf die - jetzt dicht
von neuen Gräbern umgebene - mächtige Granitplatte stossen
wird.
Beide Arbeiten wurden durch liebenswürdige Vermittlung in
der Werkstatt des Herrn Hofsteinmetzmeisters Schilling in Berlin
ausgeführt, der mir auch bei der Herabsetzung der Kosten
in dankenswerter Weise entgegenkam.
Die Ausgaben für Tafel und Platte wurden mit 469 Mark bestritten;
das Ergebnis der Sammlung, zum grössten Teil durch Bülows
Eintreten erzielt, hatte 438 Mark betragen.
Über alles erstattete ich jedem Beteiligten den ausführlichsten
Bericht. - Einmal und nie wieder! - sagte ich mir dann.
10
Unterdessen hatte Stirner eine Art Wiedergeburt erlebt. Diese
äusseren Arbeiten, die seinen Namen oft in die Presse brachten,
die Widmung meiner Gedichte "Sturm" und der Hinweis
auf ihn in der Einleitung der "Anarchisten", vor allem
auch der grosse Einfluss, den Friedrich Nietzsche täglich
mehr besonders auf die junge Generation ausübte, hatten die
Aufmerksamkeit seinem Buche zugelenkt, das wieder viel gelesen,
häufig erwähnt und nun auch durch eine billige Ausgabe
in der Reclam'schen Universal-Bibliothek den weitesten Kreisen
zugänglich gemacht wurde.
Trotzdem konnte ich mich noch nicht entschliessen, mit meiner
Arbeit an die Öffentlichkeit zu treten. Immer schien es mir,
als müsste ein Zufall noch die eine und andere Lücke
in dem gesuchten Leben ausmerzen - eine Hoffnung, die sich wenigstens
in einem Falle auch erfüllte -, und so setzte ich allen Aufforderungen
und Anerbietungen, die nach meiner Arbeit zielten, die entschiedenste
Absage entgegen. Die Berechtigung dieser Zurückhaltung wird
mir nun, wie ich hoffe, wohl zugestanden werden.
Dennoch nahte meine Arbeit, langsam aber sicher, ihrem endlichen
Abschluss.
Da - ich dachte im Ernst daran, nun die Sammlung des Materials
zu schliessen und mit seiner Ausarbeitung zu beginnen, da, in
letzter Stunde, schien es, als sollte der so lange vergeblich
ersehnte Zufall überraschende Wirklichkeit werden, als sollte
sich eine Quelle erschliessen, so reich, um in einem Augenblick
die Mühe von Jahren vergessen zu machen . . .
Eine Nachricht erreichte mich zu Anfang dieses Jahres, 1897, die
mich auf das tiefste erregte : Marie Dähnhardt, die seit
Jahrzehnten Verschollene, die längst Totgeglaubte, war noch
am Leben! - Mir war wie dem Goldgräber, der so lange nur
Körner gefunden und nun plötzlich vor der reichsten
Ader steht!
Unverzüglich eilte ich nach London, wo sie noch leben sollte.
- Damit indessen der Leser das folgende versteht, muss ich ihn
bitten, sich hier zunächst mit Marie Dähnhardt und ihrem
Lebensgang nach der Trennung von Stirner bekannt zu machen, wie
er
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im letzten Kapitel dieses Buches geschildert ist, vor allem auch
mit der gänzlichen Umwandlung ihrer Anschauungen, die allein
das folgende, wenn nicht begreiflich, so doch erklärlich
machen können.
Dass ich nicht mit offenen Armen aufgenommen werden, vielleicht
sogar auf ernste Schwierigkeiten stossen würde, wusste ich;
dass ich fast resultatlos wieder nach Berlin zurückkehren
sollte, das hätte ich nie erwartet!
Denn ein völlig Unerwartetes geschah: Marie Dähnhardt,
von meinem Wunsche, sie zu sprechen, in Kenntnis gesetzt und ausführlich
unterrichtet über den Grund und die Berechtigung desselben,
die ich mir erworben zu haben glaubte, lehnte es erregt ab, mich
überhaupt zu sehen und zu sprechen.
Wie sie dazu käme, fragte sie durch ihren Vermittler, "zur
Zeugin für das Leben eines Mannes aufgerufen zu werden, den
sie je weder geliebt noch geachtet habe?"
Auf das höchste überrascht und verletzt, wurde mir diese
Bitterkeit erst einigermassen verständlich, als ich von der
durchgreifenden Umwandlung Kenntnis erhielt, die in ihren Anschauungen
seit Jahren eingetreten war, von dem Leben, das sie seit ihrer
Trennung von ihrem Mann geführt hatte und noch führte.
Dennoch wollte ich meine Sache noch nicht ganz verloren geben.
Ich wandte mich nochmals in einem Brief an sie: ich stellte ihr
die jahrelange und verhältnismässig so wenig ergebnisreiche
Mühe meiner Arbeit dar; ich versicherte ihr, wie fern es
mir bei aller Bewunderung und Liebe für Stirner läge,
ein irgendwie schöngefärbtes Bild seiner Persönlichkeit
zu geben, sondern wie es mir einzig und allein darauf ankäme,
die Wahrheit über sein Leben zu finden; ich legte ihr nahe,
zu erwägen, wie viel sie nützen könne, ohne irgendeinem
Menschen zu schaden; ich wiederholte nicht einmal mein Ersuchen,
sie sehen und sprechen zu dürfen, ich bat sie nur, mir wenigstens
auf einige schriftlich gestellte Fragen (die ich beilegte) Antwort
zu geben.
Nach dem, was ich unterdessen in Erfahrung gebracht, war ich sogar
auf die Ablehnung auch dieser letzten Bitte gefasst.
Aber Frau Schmidt hat meine Fragen - zum Teil - beantwortet. Obwohl
sie mir in ihnen weder neue Tatsachen noch
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auch Quellen irgendeiner Art erschloss, - das meiste war von ihr
"forgotten", - so waren ihre Antworten für mich
doch von grossem Wert, und sie sind in meinem Buch, wie jede andere
Mitteilung, nur mit womöglich noch grösserer Gewissenhaftigkeit
verwertet worden - soweit es dort möglich war.
Denn was sollte ich tun? - Sollte ich das neue Bild, wie es so
plötzlich vor mir auftauchte, an die Stelle des alten setzen,
wie es sich von selbst, Zug für Zug, ohne Widerspruch aus
den Zeugnissen so vieler anderer entwickelt hatte? - Oder sollte
ich dieses bestehen lassen, wie es war? - Ich entschied mich für
das letztere, aber zugleich dafür, keinen einzigen von Marie
Dähnhardts Vorwürfen, keine ihrer herben Anklagen zu
unterdrücken. So ist es geschehen.
Nur zwei ihrer Antworten seien an dieser Stelle erwähnt.
In der einen sagt sie, dass Stirner zu selbstisch gewesen sei,
um wahre Freunde zu haben - es ist nicht nötig, auf diesen
Punkt näher einzugehen, als es späterhin geschehen ist.
In der zweiten findet sie auf die Frage nach Stirners Charakter
nur den einen Ausdruck: er war "very sly". Ich überlasse
es dem Leser, ihn sich selbst zu übersetzen.
Die herbe Bitterkeit dieser und der anderen Antworten, die übrigens
nur zum Teil und dann meist sehr unvollständig gegeben waren,
ist durch kein gutes Wort gemildert.
An den Schluss des Bogens schrieb Frau Schmidt die Zeilen, die
ich im Anhang in ihrer eigenen Handschrift wiedergebe. Nach dieser
Erklärung verbot sich jeder weitere Versuch einer Annäherung,
auch wenn er überhaupt im Bereiche der Möglichkeit gelegen
hätte, von selbst.
Ich bestreite ihr nicht das Recht ihrer Handlungsweise.
Wenn sie aber sagt, sie habe Stirner "je weder geachtet,
noch geliebt", so wird gewiss ebenso die Frage berechtigt
erscheinen, aus welchem Grunde sie ihn denn geheiratet hat, wozu
sie doch gewiss kein Mensch gezwungen, oder auch nur überredet
hat?
Nichts wäre erwünschter gewesen, als dass das Erscheinen
meiner Biographie sie von ihrem Entschluss des Schweigens abgebracht
und sie veranlasst hätte, sich, ehe es zu spät war,
nochmals und eingehender über ihr Verhältnis zu dem
Toten zu äussern. Sie hat es nicht getan.
Eines steht über allem Zweifel: sie hat ihren Mann nie verstanden.
Ob sie das Werk, das er ihr gewidmet, jemals wirklich recht gelesen
hat? - Man möchte es bezweifeln, wenn man sieht, wie keine
Erinnerung an seine grossen Wahrheiten sie davon zurückhalten
konnte, in die Nacht zurückzusinken, aus der sie sich in
ihrer Jugend zu retten suchte. Hätte nicht jene eine schon
sie zur Besinnung bringen müssen? -: "Nenne die Menschen
nicht Sünder, so sind sie's nicht: Du allein bist der Schöpfer
der Sünder: Du, der Du die Menschen zu lieben wähnst,
Du gerade wirfst sie in den Kot der Sünde .... Ich aber sage
Dir, Du hast niemals einen Sünder gesehen, Du hast ihn nur
- geträumt."
Ihr Ohr hat die Worte wohl vernommen, ihr Herz hat vielleicht
einmal bei ihnen etwas schneller geschlagen, aber ihr Verstand
hat sie nie begriffen, und nie sind sie Fleisch und Blut geworden
in ihrem Handeln. Darum konnte sie sie vergessen bis auf den letzten
Hauch.
Und er? - Wie konnte er sich so über die Grenzen ihrer Intelligenz,
die Stärke ihrer Fähigkeiten täuschen, dass er
ihren kleinen Namen neben den seinen vor die Blicke der Jahrhunderte
stellte? - War es eine Laune? - ein Spiel? - der Einfall einer
Stunde? - Oder glaubte er wirklich damals noch, sie sei stark
genug, um ihm zu folgen durch die kalten und starren Regionen
zur höchsten Höhe?
Ich weiss es nicht. Aber keine künftige Ausgabe seines Werkes
sollte neben dem seinen den Namen Marie Dähnhardt mehr tragen.
Anfang 1902 kam dann die Nachricht von ihrem Tod. Es konnte mich
nicht mehr enttäuschen, dass sich in ihrem Nachlass auch
nicht das geringste gefunden hat, was auf ihre an Stirners Seite
verlebte Zeit Bezug gehabt hätte.
Mein Buch ist ihr zugestellt worden. Sie hat es nicht gelesen,
wahrscheinlich nicht einmal geöffnet, und zurückgesandt
mit der Bemerkung, "dass weltliche Dinge sie nicht mehr berührten".
Ihr Bild steht wohl unverrückbar fest: ein Mensch der bürgerlich
engen Kreise, aus ihnen herausgerissen nicht durch irgendwelche
fremde Schuld (am wenigsten durch die Stirners), sondern
14
durch die in ihr schlummernde und durch die Zeitverhältnisse
genährte Sehnsucht nach innerer und äusserer Befreiung,
und, allzu schwach die erworbene für sich zu verwerten, zurückgekehrt
in die dunkeln Tiefen des Glaubens und Aberglaubens - ein trauriges
Bild, kein tragisches.
Es ist gewiss ein Unterfangen gewesen, das Leben eines Mannes
schildern zu wollen, das so in die Schatten der Vergessenheit
gehüllt war, und manche werden es noch so nennen. Aber wenn
der Mut einer Entschuldigung bedarf, so gibt sie ihm in diesem
Fall die Liebe zur Sache. Ohne diese Liebe allerdings würde
der Mut nur Vermessenheit gewesen sein; ohne diese Liebe würde
aber auch nie erreicht worden sein, was heute vor uns liegt. Und
darum hätte diese Arbeit auch kein anderer tun können.
Das Leben Max Stirners gliedert sich von selbst in drei
Perioden, trivial gesprochen in: Aufstieg, Höhe, Niedergang.
Die erste umfasst seine Jugend und sein Leben bis zur Beendigung
seiner Lehrtätigkeit (1806-1844); die zweite die Jahre, die
in dem Erscheinen seines Werkes gipfeln (1844-1846); die dritte
die Zeit der Vergessenheit und Verlassenheit bis zu seinem Tod
(1846-1856).
Ich habe indessen meinem Buche in Bezug auf die beiden ersten
Teile eine breitere, übersichtlichere Einteilung geben müssen.
Ich teilte die erste Periode und liess auf die Schilderung der
ersten Jugend die der Lern- und Lehrtätigkeit folgen, wobei
ich, um in dem ersten Kapitel in Bayreuth zu bleiben, die Gymnasialzeit
noch mit in dieses hineinnahm. Da dieses erste Kapitel sich auf
die äusseren Daten stützt und diese fast vollzählig
wiedergefunden sind, so glaube ich nicht, dass es noch in irgendwie
wichtiger Weise in Zukunft vervollständigt werden wird. -
Kaum anders ist es mit dem zweiten. War es möglich, die Zeit
des Universitätsstudiums, die des Examens und der ersten
provisorischen Anstellung, sowie die Daten der ersten Ehe und
der Tätigkeit als Mädchenlehrer auf das genaueste festzustellen,
so finden sich in diesem Lebensabschnitt doch zwei dunkle Punkte,
von denen besonders der zweite beunruhigt. Der erste liegt in
den Jahren 1830-32,
15
in denen Stirner immer wieder am Abschluss seiner akademischen
Studien gehindert wird. Aber welcher Art sind die Familienverhältnisse,
die ihn hemmen? - Wohl wissen wir, dass von diesen Jahren eines
auf Kulm, das andere auf Königsberg fällt. Aber welches
hierhin, welches dorthin? - Die zweite Lücke klafft in den
Jahren 1837-1839. Stirners Gesuch um Anstellung nach bestandenem
Examen und abgelegter Probezeit ist abschlägig beschieden.
Wir wissen, wann er sich zum ersten Mal verheiratete. Aber wenn
wir nicht annehmen, dass er in diesen Jahren privatisierte, sind
wir über seine Tätigkeit in dieser kurzen Zeit in Unkenntnis.
Auch von seinen Familienverhältnissen wissen wir kaum mehr
als vorher.
Ein völlig anderes Bild bilden die beiden Jahre der zweiten
Periode. Der Mensch selbst, den wir suchen, gewinnt Leben und
Gestalt. Wir wissen, wie er lebt und sehen ihn unter anderen.
Mit Recht und aus mehr als einem Grund interessieren uns diese
"Anderen"; und da sie einen grossen, geschlossenen Kreis
um ihn herum bilden, so ist ihnen ein besonderes Kapitel gewidmet:
den "Freien" bei Hippel. Wären doch ohne sie auch
die letzten persönlichen Erinnerungen an den Menschen Stirner
verloren gewesen! - Umsomehr durfte ich auf eine Darstellung der
Geschichte jener Zeit verzichten: Stirner hat, obwohl er ihr Kind
war, an ihrem öffentlichen Leben nicht teilgenommen und nie
in ihren Verlauf tätig eingegriffen.
Durch die "Freien" sind wir ihm endlich nahe gekommen
und dürfen sagen, wer er war: Max Stirner. Er steht vor uns:
noch immer in der ihm eigenen Zurückhaltung, aber doch greifbar;
und neben ihm sie, sein Liebchen, Marie Dähnhardt.
Und von ihm zu seinem Werk ist es kein Schritt mehr. Es ist der
Versuch gemacht, zu verstehen, worin seine Kraft und seine Bedeutung,
seine Unsterblichkeit liegt - mehr als alles nur ein Versuch,
der über bestimmte Grenzen nicht hinausgehen durfte.
Die dritte Periode und das letzte Kapitel des Buches fallen zusammen.
Es ist das letzte Jahrzehnt dieses Lebens, das merkwürdigste
und - undurchdringlichste. Die lebende Gestalt entschwindet uns.
Es ist, als ob sich die Schatten des Abends bereits um sie breiten
und nur undeutlich erkennen wir noch ihre Umrisse,
16
obwohl wir genau wissen, wo sie geht. Stirners Familie ist ausgestorben,
seine Mutter längst unheilbar krank, von seinen Freunden
hat er sich selbst getrennt - wer wüsste noch Zeugnis zu
geben über den von seiner eigenen Zeit bereits Vergessenen?
Er ist gegangen, und nichts hat er hinterlassen, als sein unsterbliches
Werk. Wir haben kein Bild von ihm; es hat wohl nie ein solches
existiert, denn selbst Marie Dähnhardt hat weder je eines
gesehen noch besessen. Sein schriftlicher Nachlass ist verloren
und vernichtet, soweit ich es weiss.
Noch ein Wort über die Methode meiner Arbeit.
Sie bestand zunächst in der Auffindung und Sammlung des Materials.
Und zwar musste nicht nur den Spuren des Gesuchten, sowie jeder
anderen, die auch nur den Schimmer einer Hoffnung liess, dass
sie auf einen Weg führen könne, nachgegangen werden
bis in den letzten erreichbaren Winkel, sondern es musste auch
die Literatur jener Zeit aufs Geratewohl durchsucht werden, um
auf Anhaltspunkte zu stossen. Dass dies letztere - bei ihrer verhältnismässigen
Erfolglosigkeit der ermüdendste Teil der Arbeit - nicht nach
jeder Richtung hin geschehen konnte, ist selbstverständlich,
und es ist darum nicht unwahrscheinlich, dass andere, die sich
zu ähnlichem Zwecke ebenfalls durch diese Massen von Staub
und Papier durchwinden müssen, hier und da noch auf den Namen
"Stirner" stossen werden, wenn auch schwerlich mehr
unter Arbeiten, die von ihm selbst herrühren. Gerade diesen
sei nochmals die Bitte des Vorworts hier wiederholt.
Der zweite, angenehmere Teil der Arbeit war die Sichtung und Ausarbeitung
des gewonnenen Materials. Das Falsche musste von dem Wahren, das
Unwichtige von dem Wichtigen getrennt werden, und vor allem eine
Form gefunden werden, um das Buch wenigstens einigermassen lesbar
zu machen, ohne der Wahrheit das geringste zu vergeben.
Ich schwankte lange, ob ich den Ergebnissen meiner Forschung sogenannte
"Quellenangaben" beifügen sollte. Ich habe es unterlassen.
Denn erstens glaube ich nicht, dass die Gründlichkeit einer
17
Arbeit durch solche ad oculos demonstriert werden muss,
und zweitens hätten diese unzähligen, den Text unterbrechenden
und seine Seiten ungebührlich belastenden Anmerkungen die
Lesbarkeit des Buches einfach in Frage gestellt. Durch Seiten
hätte nicht nur jeder Satz, sondern oft jedes Wort in einem
Satze mit einer solchen "Anmerkung" belegt werden müssen,
und der Umfang des Buches hätte sich fast verdoppelt. Diese
Anmerkungen aber in einem neuen "Anhang" zu geben, hätte
mich zwingen heissen, den Text in unschöner Weise mit endlosen
Zahlen zu durchbrechen.
Trotzdem, denke ich, wird man mir "auf mein Wort hin"
glauben und der Versicherung, dass alle Daten und Tatsachen so
zuverlässig sind, als äusserste Sorgfalt sie nur festzustellen
vermochte. Der Phantasie ist nirgends, der Vermutung nur selten
und vorsichtig Ausdruck gegeben, denn besser schien es mir, offene
Lücken zu lassen, als sie künstlich zu füllen und
so die Wahrheit des Bildes zu beeinträchtigen. Es waren überall
nur Einzelheiten, die ich benutzen konnte; bei vielen musste die
Quelle, woher sie kamen, geprüft werden. Wo ich einen Ausdruck
direkt übernommen habe, derselbe mir aber so charakteristisch
erschien, dass ich ihn als Eigentum seines Urhebers bezeichnen
wollte, habe ich dies getan, indem ich ihn in Anführungszeichen
setzte. So kann ich denn für jede Tatsache den Beweis antreten
und werde es tun, sowie in der Öffentlichkeit Zweifel von
einer Seite her erhoben werden sollten, die mir dazu berechtigt
erscheint. Auf alle anderen Angriffe indessen werde ich in gewohnter
Weise schweigen.
Wem die vielen Einzelheiten, z.B. die Aufzählung der vielen
Namen im dritten, der Wohnungen Stirners im vierten und sechsten
Kapitel und andere überflüssig und lächerlich erscheinen,
der möge sich erinnern, dass ich gerade von ihrer Bekanntmachung
die Ausfüllung noch mancher leeren Stelle erhoffe und sie
als ein zwar uninteressantes, aber vielleicht nützliches
Mittel zum Zwecke mit voller Absichtlichkeit verwandt habe. Gerade
solche Einzelheiten waren es, die mich in konsequenter Befolgung
meiner vorgefassten Methode zu den Resultaten ermöglicht
haben, die ich erzielte.
18
Weit den Rahmen dieses Buches würde es überschreiten,
und ganz ausserhalb meiner Absicht liegt es, den Einfluss der
Weltanschauung Max Stirners bis in unsere Zeit zu verfolgen und
sich mit seiner wiedererrungenen Stellung in ihr zu beschäftigen.
Es sind Arbeiten, die ohne Zweifel eines Tages getan werden müssen
und geschehen werden, wenn auch nicht von mir.
Die erstere wird ausserordentlich schwierig sein. Mit voller Klarheit
und Unverkennbarkeit wird der Einfluss Stirners sich nur bei denen
nachweisen lassen, die seine Lehre des Egoismus zu der ihren gemacht
haben und sie nach allen Richtungen hin erweitern, vor allem,
indem sie zeigen, in welchem schneidenden Zwiespalt diese Lehre
der Selbstherrlichkeit des Individuums zu allen Staatstheorien,
einerlei, welche Form diese in der Neuzeit angenommen haben, stehen.
Nicht, dass Stirner auch nur eine seiner Ideen nicht selbst bis
zu ihrem Endpunkte geführt hätte. Aber er musste in
seinen direkten Angriffen vorsichtig sein, wollte er sein Werk
nicht selbst zerstören. Die es weiterführen, sind die
individualistischen Anarchisten der Welt. Nicht in der Zahl, sondern
in der Bedeutung ihrer Anhänger liegt ihre Macht. Mit ihren
Bestrebungen müsste sich also zunächst die ersterwähnte
Arbeit näher und viel gründlicher beschäftigen,
als man es bisher für nötig befunden hat.
Noch weniger konnte mir der Gedanke kommen, auf die Handvoll Artikel
einzugehen, welche die letzten Jahrzehnte gezeitigt haben. Ihre
Verfasser haben Stirner kaum mehr Verständnis entgegengebracht,
als die Kritiker der vierziger Jahre. Eine Arbeit, die ernsthafter
Erwähnung wert wäre, ist kaum unter ihnen. Am besten
sind noch die Aufsätze, die sich auf die Wiedergabe der Stirner'schen
Weltanschauung beschränken, ohne eigene Betrachtungen an
sie zu knüpfen.
Sie alle gehen mehr oder weniger direkt von Friedrich Nietzsche
aus. Keiner kann den trotzigen Mut dieses Denkers, seine stolze
Verachtung aller hergebrachten Autorität, die zeitweilige
Gewalt seiner Sprache mehr bewundern als ich, aber diesen ewig
schwankenden, sich immer aufs neue widersprechenden, von Wahrheit
fast hilflos zu Irrtum taumelnden, verworrenen Geist vergleichen
zu wollen mit dem tiefen, klaren, ruhigen und überlegenen
19
Genie Stirners, das ist eine Absurdität, nicht wert ernstlicher
Widerlegung. Sie ist möglich eben nur in einer Zeit wie der
unseren, die in gieriger Hast nach allem greift, was sich ihrer
unklaren Zukunftssehnsucht bietet. Ich habe die Beobachtung gemacht,
dass die meisten Nietzsche-Schwärmer mit einer Art kühler
und höchst komischer Überlegenheit von Stirner sprechen:
sie trauen sich nicht recht an diesen Riesen heran und fürchten
sich heimlich vor seiner starren Logik. Bei Nietzsche brauchen
sie weniger zu denken: sie lullen sich in seine Sprache ein, während
der rechte Nietzsche ihnen meist fremd bleibt. Aber es lockt die
Zwerge, mit blechernen Kronen zu spielen. Lassen wir sie weiter
spielen. Das Fieber der Nietzsche-Krankheit ist bereits im Fallen.
Eines Tages wird sich auch der "Übermensch" an
der Einzigkeit des Ich zerschmettert haben.
Ob Nietzsche Stirner kannte und wie weit er durch ihn beeinflusst
wurde, ist eine immer wieder von neuem, selbst in einer eigenen
Schrift von Albert Lévy, erörterte Frage, die sich
aber jetzt durch die aus dem Nachlass von Franz Overbeck in der
"Neuen Rundschau" vom Februar 1906 veröffentlichten
Erinnerungen für jeden Unvoreingenommenen zweifellos dahin
beantwortet hat, dass Nietzsche den "Einzigen" kannte
und die erdrückende Wucht seines Einflusses scheu in sich
barg, bis er sich von ihr in eigenem Schaffen zu befreien vermochte.
Auch die alten Jünger und Freunde Feuerbachs - Rau, Bolin,
Duboc - bemühen sich immer noch von Zeit zu Zeit, ihren geliebten
Meister vor Stirner in Sicherheit zu bringen und die Blössen
zu verdecken, die er sich selbst gegeben hat. Es ist ein nutzloses
Bemühen. Der Feuerbach'sche Mensch ist längst verschieden.
Noch einige Bemerkungen, zu denen ich mich genötigt sehe.
Wenn der Philosoph Eduard von Hartmann den Anspruch erhoben hat,
der "Wiederentdecker" Stirners gewesen zu sein, so genügt
es vollkommen, auf das hinzuweisen, was er in seiner "Phänomenologie
des sittlichen Bewusstseins" und seiner "Philosophie
des Unbewussten" über ihn gesagt hat. Nicht das hat
Stirner aus seiner Vergessenheit gezogen. Eine neuere, flüchtige
Anerkennung Stirners durch Hartmann in einem Aufsatz der "Preussischen
Jahrbücher" vom
20
Mai 1891 über Nietzsches "neue Moral" aber stammt
aus der Zeit, als mein Eintreten für Stirner bereits seine
ersten Früchte getragen hatte.
Stirner und sein Werk waren bis 1888 völlig, aber auch völlig
vergessen, und sie wären es vielleicht noch heute, wenn ich
mich nicht mit der Kraft meines halben Lebens für ihn eingesetzt
hätte. Behauptungen, wie die gekennzeichneten, sind also
nichts als dreiste und hässliche Fälschungen der Tatsachen,
die zurückzuweisen ich mich endlich um so mehr genötigt
sehe, als sie einen systematischen Zweck zu verfolgen scheinen:
man scheint es offenbar nicht verwinden zu können, dass Stirner
seine Wiedergeburt nicht einem zünftigen Philosophen verdankte.
Eine Zurückweisung anderer Art gebührt der ungeschickten
Reklame des Verlegers eines 1895 in Dresden erschienenen Romans:
"Feuersäule" von Leo Hildeck (Leonie Meyerhof),
die den Anschein erwecken könnte, als sei in der Person und
der Laufbahn des Helden dieses Buches das "Erdenwallen Stirners"
geschildert.
Nicht unerwähnt kann ich auch die "kurze Einführung"
lassen, die ein Herr Paul Lauterbach der Reclam'schen Ausgabe
des "Einzigen und sein Eigentum" vorausgesandt hat.
Die willkürliche Heranziehung aller möglichen "verwandten"
Denker und die kritiklosen Zitate aus ihren Werken können
einzig mehr schaden als nützen, und die so geschaffene Verwirrung
bleibt um so bedauerlicher, als gerade diese Ausgabe wohl auf
lange hinaus für weitere Kreise die zugänglichste bleiben
wird. Der gespreizte und geistreichelnde Stil dieser Einleitung
steht zudem in unangenehmstem Gegensatz zu der durchsichtig klaren,
wie gemeisselten Sprache des Werkes selbst. Ich freue mich daher,
dass es mir vergönnt sein soll, bei einem Neudruck diese
Einleitung durch eine andere, eigene zu ersetzen.
Das Kapitel: "Wir und er ..." ist ein langes, und wird
nicht zu Ende geschrieben werden, solange sein Einfluss währt.
Ich kann ihm natürlich hier nur hinzufügen, was mir
für diesen Einfluss in den letzten Jahren besonders charakteristisch
zu sein scheint.
Er fängt bereits an, eigene Bücher zu zeitigen. So erfreulich
dies ist, muss ich doch bei Versuchen, wie dem eines Dr. Anselm
Ruest
21
(Max Stirner. Leben - Weltanschauung - Vermächtnis. Berlin,
o. J.), warnend darauf hinweisen, wie gewagt und gefährlich
es ist, das "Bild Stirners durch die Hypothese gewinnen"
zu wollen, und ihn so "in die Geschichte einzuführen".
Was hätte für mich bequemer sein, was den Dichter in
mir stärker reizen können, als diesen Weg zu gehen?
- Wenn aber diese meine Lebensgeschichte Stirners, die ich an
die Stelle dreier, nicht einmal irrtumfreier Zeilen gesetzt habe,
und die sich allein und ausschliesslich auf den Tatsachen aufbaut,
die noch zu finden waren, irgendwelchen Wert besitzt, so liegt
er in der Methode meiner Arbeit, mich zu bescheiden, wo ich mich
bescheiden musste: "der Phantasie nirgends, der Vermutung
selten Raum gegeben zu haben . . . "
Der genannte Verfasser aber schmückt sein Buch (dessen ersten
Teil er "Leben" Stirners zu nennen den Mut hat und der
sich natürlich bis in die kleinsten Einzelheiten auf meine
Arbeit stützt und sich nur auf sie stützen kann) "phantasievoll"
aus, ergeht sich in den gewagtesten Hypothesen, und der Unverstand
nennt das dann: 'mit Farbe und Wärme erfüllen'. Was
dabei herauskommt, ist natürlich kein Bild, sondern ein Zerrbild.
- Das Vermächtnis Stirners aber ruht in den treuen und starken
Händen der individualistischen Anarchisten, deren Arbeit
der Hypothetiker nur dem Namen nach kennt.
Nur erheiternd kann ein anderer, allerdings gänzlich verschieden
gearteter Versuch wirken, den im "Archiv für Psychiatrie
und Nervenkrankheiten" 1903 Ernst Schultze machte, indem
er "Stirner'sche Ideen in einem paranoischen Wahnsystem"
nachzuweisen sucht und - wenn auch nur schüchtern - es wagt,
die geistige Gesundheit Stirners selbst in Frage zu ziehen, wobei
er aber selbst zugeben muss, dass dessen System vom psychiatrischen
Standpunkt aus "einwandfrei" ist.
Er stützt sich dabei auf die "im 50. Lebensjahr bei
der Mutter auftretende Psychose" (woher weiss er das?), und
darauf, dass Stirner ohne Freunde war (was er erstaunlicherweise
unter anderem daraus entnimmt, dass Stirner in meinem Kapitel
über die "Freien" fehlt).
Was sagt er jetzt, wenn er erfährt, dass Stirner nicht erblich
belastet war, sondern dass seine Mutter an einer "fixen Idee"
litt und sonst körperlich durchaus gesund war?
Ernst Schultzes fixe, d.h. feststehende Idee ist es, dass er für
22
Recht und Vernunft hält, was die Majorität in ihren
Gesetzen für Recht und Vernunft erklärt, Gesetzen, durch
welche sie die Minorität zu zwingen sucht, an ihre so geschaffenen
Begriffe zu glauben.
Das ist natürlich sein gutes Recht. Aber es ist zugleich
der zurückgebliebene Standpunkt aller, über die die
von Stirner begründete Erkenntnis unserer Tage zu dem höheren
hinwegschreitet, indem sie die Bestimmung der Begriffe von Recht
und Vernunft nicht mehr der Gewalt, sondern der Freiheit anvertraut.
Nachdem sich das Lexikon der Beschimpfungen Stirners und seiner
Tat in fünfzig Jahren erschöpft hat, sollten nun aber
auch die Versuche, den vielleicht klarsten und schärfsten
Verstand aller Zeiten und Völker in Zweifel zu ziehen, verstummen
- können sie doch nach dem Genannten nicht einmal mehr den
anregenden Reiz der Originalität für sich in Anspruch
nehmen.
Das Jahr 1906 war, um in dem Deutsch der Zeitungen zu reden, das
Jubiläumsjahr, in das zugleich Stirners hundertjähriger
Geburtstag und sein fünfzigster Todestag fielen.
Wenn man bedenkt, wie völlig unbeachtet der letztere seiner
Zeit gelassen wurde, so ging es immerhin recht laut her. Aber
es fehlten doch immer noch die Stimmen, die einer tieferen Auffassung
die Wege gewiesen hätten. Nirgends werden auch heute noch
die Konsequenzen einer Weltanschauung gezogen, die in nahen Tagen
so gewaltig auf unser ganzes soziales Leben zu wirken bestimmt
ist, dass sich dessen Gestaltung von Grund aus ändern wird.
Es lauert eben einstweilen noch überall die feige Angst vor
der "bestehenden Macht" menschlicher Einrichtungen und
ihrer Heiligkeit, des Staates, und noch wagt der Einzelne es nicht,
sich ihr bewusst entgegenzustellen und das Eigentum seiner Einzigkeit
von ihr zu fordern: seine Freiheit.
So war die beste Wirkung des Jahres immer noch die, dass es zwei
Zeugen aus Stirners Zeit: Rudolf von Gottschall und Ludwig Pietsch
veranlasste, noch einmal auf ihre Erinnerungen an ihn zurückzukommen,
wenn sie sich auch auf nichts eigentlich Neues zu besinnen wussten.
23
Das "Jubiläumsjahr" brachte auch dem längst
von vielen Seiten geäusserten Wunsche, wie das Haus und Grab
in Berlin, so auch das Geburtshaus in Bayreuth mit einer Inschrifttafel
bezeichnet zu sehen, die endliche Erfüllung. Ich erliess,
"als das letzte, was mir für das Andenken Max Stirners
noch zu tun übrig blieb", einen Aufruf, in dem ich die,
denen er so viel geworden war, zur Einsendung eines kleinen Beitrages
aufforderte. Die erforderliche Summe läpperte sich denn auch
glücklich zusammen, und die Ausführung wurde der Firma
Wölfel & Herold in Bayreuth übertragen.
Am 6. Mai 1907 erfolgte in meinem Beisein die Anbringung der 0,95 x 0,70
Meter grossen Tafel von bestem schwarz-schwedischem Granit an
dem Hause No. 31 der Maximilianstrasse, dem Marktplatz, in Bayreuth.
Sie trägt in grossen modern-schwabacher Lettern und weithin
erkennbar die Inschrift:
Die Fassung der Worte erfolgte mit Hinblick auf die früher
für das Grab und das Sterbehaus gewählten Inschriften,
so dass sich die drei gegenseitig ergänzen.
Die Einnahmen hatten 263 Mark 91 Pfg., die Ausgaben 283 Mark 70
Pfg. betragen, worüber ich allen Beteiligten Bericht erstattete.
Den ersten und bisher einzigen ernsthaften, wenn auch nicht durchweg
gelungenen Versuch zu einer Darstellung der Weltanschauung Stirners
in ihrem Einfluss auf die sozialen Fragen unserer Zeit hat ein
Franzose gemacht: Victor Basch, Professor an der Sorbonne, in
seinem Buch "L'Individualisme anarchiste. Max Stirner. (Paris,
1904)".
Möchten ihm bald andere folgen, die nicht nur Versuche, sondern
schon Ergründungen sind.
Mehr als das, mehr als alles aber sind es die Übertragungen
Stirners in fremde Sprachen, die als unbestechliche Zeugen künden,
wie siegreich auch er nun endlich seinen Weltgang angetreten hat.
24
Sie, nicht mehr zu schweigen, rufen es über die Erde, wie
er der unsere, wir die seinen geworden sind, um uns nicht mehr
zu verlieren.
Noch einmal, zum dritten Male ist es mir vergönnt gewesen,
die Arbeit an dem Bau dieses Lebens wieder aufzunehmen und ihr
letzte Steine einzufügen.
Dass es zum letzten Male gewesen ist, weiss ich.
Doch nicht ohne ein Gefühl innerer Ruhe darf ich heute die
Feder aus der Hand legen:
Ein Erstrebtes ist erreicht. Und es ist schön erreicht: mit
keinen anderen Mitteln, als den der Kraft der Wahrheit eigenen
und innewohnenden, und im Kampfe gegen eine in Jahrtausenden aufgebaute
Welt des Wahns und der Vorurteile - mühevoll und langsam,
aber sicher.
Das war es, wie ich in meinem Bericht über die Anbringung
der Tafel an dem Hause in Bayreuth sagte, was ich vor fünfundzwanzig
Jahren wollte, ahnte und ersehnte, als ich meine Arbeit für
die Wiedererweckung dieses Lebens und seiner Tat begann, und wie
dort sei hier mein letztes Wort ein Wort des Dankes an alle, die
mir bei ihr geholfen, an jeden, der sie mir erleichterte.
Der Schleier, der fast undurchdringlich über dem Leben Max
Stirners lag, ist nicht gefallen, und wir werden wohl auf immer
darauf verzichten müssen, seine Gestalt von dem vollen Lichte
des Tages übergossen - wie lebend - je vor uns stehen zu
sehen.
Aber der Schleier ist doch wenigstens gelüftet, und diese
Gestalt uns nicht mehr so fremd, wie sie es war; in gewissen Augenblicken
sogar dürfen wir wähnen, ihr nah zu sein und Stirner
sprechen zu hören, wie aus seinem Werke.
Sein Leben ist ein neuer Beweis dafür, dass nicht die lauten
Lärmer des Tages, die Lieblinge der Menge, sondern die einsamen
und rastlosen Forscher, die in stiller Arbeit dem Geschick der
Menschheit die Wege weisen, die in Wahrheit Unsterblichen sind.
Unter ihnen steht Max Stirner. Zu den Newtons und Darwins, nicht
zu den Bismarcks hat er sich gesellt.
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26
ERSTES KAPITEL
ERSTE JUGEND
1806-1826
DAS GEBURTSHAUS IN BAYREUTH - GEBURT UND TAUFE - ELTERN UND VORFAHREN
- TOD DES VATERS UND WIEDERHEIRAT DER MUTTER; NACH KULM - RITTMEISTER
GÖCKING - RÜCKKEHR NACH BAYREUTH UND ERZIEHUNG - ÜBERBLICK
27
Wer heute in der Stadt Richard Wagners - in Bayreuth, das doch
noch so ganz die Stadt Jean Pauls geblieben ist - vom Bahnhof
herkommend und, an dem altberühmten Opernhaus des Markgrafen
Friedrich vorüber zum alten Schlosse emporsteigend, den Marktplatz,
die jetzige Maximilianstrasse, betritt, dessen Blick weilt vielleicht,
unter all den anderen interessanten Gebäuden, einen Augenblick
auf einem Hause zur linken Hand, das ein schöner, doppeleckiger
Erker schmückt.
Ausser diesem Erker, der es vom Erdgeschoss bis zum Dache durchläuft,
besitzt das braunangestrichene Haus allerdings nichts, was auf
das Auge anziehend wirken könnte.
Aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts stammend, schmal, zweistöckig,
ist es ein derber, massiger Bau, mit engem Hof und schmalen Treppen,
aber einem hellen, saalartigen Zimmer in jedem Stockwerk nach
vorn hinaus. Ursprünglich zur Bäckerei bestimmt, wurde
es über ein Jahrhundert lang von seinen Besitzern, lauter
"Becken", als solche benutzt.
Es liegt an dem Eingang der Braut- oder Kirchgasse, deren andere
Ecke das Rathaus bildet, erstreckt sich tief in diese hinein und
dient heute, wo es die No. 31 der Maximiliansstrasse trägt,
einer gewöhnlichen Bierwirtschaft mit seinem Erdgeschoss.
Aber die Fenster seines ersten Stockes sind mit freundlichen Blumenstöcken
geziert....
In diesem Hause, zu Anfang des Jahrhunderts die No. 67 unter den
achthundert Häusern Bayreuths und an der damaligen "Hauptstrasse"
gelegen, wurde am 25. Oktober des Jahres 1806, in der Frühe
um sechs Uhr, Johann Caspar Schmidt geboren.
28
Die Taufe an dem Kinde wurde am 6. November nach evangelisch-lutherischem
Ritus durch den Subdiakonus Bumann vollzogen; nach seinem Paten
empfing es die Namen Johann Caspar.
Die Familie Schmidt stammte väterlicherseits aus Ansbach.
Dort waren dem "Herrendiener" Johann Georg Schmidt und
seiner Frau Sophia Elisabetha, geb. Götz in den Jahren 1762-1769
fünf Kinder, vier Söhne und eine Tochter, geboren, unter
denen der jüngste Sohn, Albert Christian Heinrich Schmidt,
geboren am 14. Juni 1769, Johann Caspars Vater war.
Die Mutter, Sophia Eleonora, war eine Reinlein aus Erlangen, wo
sie am 30. November 1778 dem ehemaligen Postboten Johann Reinlein
von seiner Ehefrau Luise Margarete, geb. Kasperitz, geboren war.
Wann und wo die Trauung der Eltern stattgefunden hat, konnte nicht
ermittelt werden; doch wird sie wohl in das Jahr 1805 gefallen
sein. Johann Caspar war ihr erstes und blieb ihr einziges Kind.
Der Vater war seines Zeichens "blasender Instrumentenmacher".
Es waren Flöten, die er verfertigte; dass er daneben auch
Porträtmaler gewesen sei ist eine unverbürgte Nachricht.
Bereits ein halbes Jahr nach der Geburt des Kindes, am 19. April
1807, starb der Vater im Alter von 37 Jahren an einem durch zu
grosse Körperanstrengung verursachten Blutsturz, und zwei
Jahre später, am 13. April 1809, verheiratete sich die "Schmidtin"
zum zweiten Male und zwar mit dem damaligen Provisor an der Hofapotheke,
dem fast fünfzigjährigen Heinrich Friedrich Ludwig Ballerstedt.
Die Trauung wurde vollzogen von dem Superintendenten und Stadtpfarrer
Dr. Johann Kopp, und das Ehepaar lebte nach den bestehenden Gesetzen
in Gütergemeinschaft.
Ballerstedt stammte aus Helmstedt, wo er am 1. Juni 1761 als einziger
Sohn des weil. Dr. med. Karl Friedrich Ballerstedt und seiner
Frau Anna Juliane Johanne, geb. Göcking, geboren war. Seine
beiden Eltern entstammten Pastorenfamilien und lebten später
in Wolfenbüttel.
Gleich nach ihrer Wiederverheiratung verliess die Mutter mit ihrem
zweiten Gatten Bayreuth und kam mit ihm "nach mancherlei
29
wechselnden Schicksalen" nach Kulm an der Weichsel in Westpreussen.
Ballerstedt ging dorthin auf den Wunsch und Ruf seines Grossonkels,
des Rittmeisters Goecking (oder Goeckingk) .
Der herzoglich-nassauische pensionierte Rittmeister Paul Heinrich
Ludwig Friedrich Günther Goecking hatte im Verlauf der letzten
Jahre, 1806 bis 1808, seine drei Geschwister: den Ratsverwandten
Christian Valentin, die Demoiselle Marie Sophie, beide in Kulm,
und den Pfarrer an der Tragheim'schen Kirche zu Königsberg,
Dietrich Theodor Günther Goecking, durch den Tod verloren,
und, selbst unverheiratet und dem Alter entgegengehend, machte
er den "mancherlei wechselnden Schicksalen" seiner noch
lebenden näheren Verwandten durch den Vorschlag ein Ende,
zu ihm zu kommen und sein Haus, das "bürgerliche Grundstück"
No. 9 in der Graudenzer Strasse zu Kulm mit ihm zu bewohnen. Sicherlich
fügte er seinem Anerbieten das Versprechen hinzu, sie zugleich
nach seinem Tode zu seinen Erben einzusetzen, denn schon wenige
Monate nach ihrer Ankunft, am 20. Mai 1810, errichtete er ein
Testament zu ihren Gunsten, das nach seinem am 26. Juni 1814 erfolgten
Tod Ballerstedt und dessen Frau zu alleinigen Besitzern des Hauses
machte, zu dem noch 40 Morgen Ackerland und etwas Garten gehörte,
so dass Ballerstedts mit dem, was die Apotheke abwarf, sorgenfrei
leben und dem einzigen Kinde der Frau die gute Erziehung geben
konnten, die es genoss. Denn der zweiten Ehe der Mutter entstammte
nur ein Töchterchen, das am 19. Dezember 1809, wohl gleich
nach der Ankunft in Kulm, geboren wurde und die Namen Johanna
Friederica erhielt, aber, noch nicht drei Jahre alt, am 21. September
1812 starb.
Ob Ballerstedt eine Apotheke erwarb oder nur pachtete, und welche
von den beiden in Kulm bestehenden es war, ist nicht genau festzustellen.
Doch spricht die Vermutung für Pachtung und zwar für
die der Apotheke auf dem Grundstück No. 296, der Adler-Apotheke
am Markt.
Nach Kulm wurde, so bald als möglich, nach einem Jahre, 1810,
das in Bayreuth zurückgelassene Kind nachgeholt, und hier
in Kulm wuchs der kleine Johann Caspar auf und empfing seinen
ersten Unterricht. Der Stiefvater war zugleich der Vormund des
Kindes geworden.
30
Mochten es die Verhältnisse im Hause wünschenswert machen,
mochte es der grosse Ruf des Gymnasiums in Bayreuth und der Wunsch
der dort lebenden Anverwandten heischen - kurz, Johann Caspar
kam schon als Knabe von zwölf Jahren, 1818, in seine Vaterstadt
zurück und fand hier Aufnahme in dem Hause seines Paten,
nach dem er genannt war, des "Bürgen und Strumpfwirkermeisters"
Johann Caspar Martin Sticht aus Erlangen und seiner Frau, der
um drei Jahre älteren, einzigen Schwester seines Vaters,
Anna Marie, geb. Schmidt, aus Ansbach.
Von den kinderlosen Eheleuten gewissermassen an Kindes statt aufgenommen,
blieb er in ihrem Hause - es lag unweit von seinem Geburtshause,
trug damals die Einquartierungs-Nummer 89 und ist heute No. 36
an der Maximiliansstrasse - acht Jahre, bis zu seinem Abgang zur
Universität.
Für den, der Interesse genug daran hat, die einzelnen Stationen
der Schulwanderung des Knaben zu verfolgen, seien sie hier genannt.
Nach Bayreuth zurückgekehrt, empfängt der Knabe zunächst
den Vorbereitungsunterricht des Gymnasiasten Imhof und tritt dann
1819, dreizehnjährig, mit Übergehung der Unterklasse
sogleich in die Oberklasse der lateinischen Vorbereitungsschule
ein, wo er unter 75 Schülern den 5. Platz erhielt. Als "Klasslehrer"
hatte er hier schon Johann Melchior Pausch, den er auch in den
beiden folgenden Jahren 1820-21 in dem Unter- und 1821-22 im Oberprogymnasium
als solchen behält. In beiden Klassen hat er gute Plätze,
erst den 8. unter 42, dann den 6. unter 29 Schülern und beide
Jahre wird er "durch Ablesung des Namens belobt". Er
kommt dann 1822-23 in die Unterprogymnasialklasse, erhält
den Prof. G. P. Kieffer zum Klasslehrer, den Platz 6 b unter 25
Schülern und ein "Accessit"-Diplom; in diesen Jahren
ist er einige Zeit durch Krankheit vom Schulbesuch abgehalten.
Er geht weiter: 1823-24 in die Untermittelklasse. Klasslehrer
ist Kloeter; Schmidt hat den 4. Platz unter 15 Schülern.
1824-25 wird die Organisation der Gymnasien und die Bezeichnung
der Klassen vollständig umgestaltet. Schmidt ist jetzt in
der 4. Klasse des Gymnasiums und hat Platz 3 unter 16 Schülern.
In dem letzten Jahre seiner Gymnasiallaufbahn ist er in der
31
5. Klasse, der "Oberklasse". Sein Klassenlehrer ist
Dr. J. C. Held, der spätere verdiente Rektor des Gymnasiums.
Unter 20 Schülern hat er den 6. Platz.
Herbst 1826 macht er sein Absolutorium, das ein ausserordentlich
günstiges Resultat erzielt. Unter den 25 pro absolutorio
Geprüften erhält er den 3. Platz mit der Bestimmungszahl
15 und der Note II (III), während der 1. Platz mit der Bestimmungszahl
5 und derselben Note II vergeben wurde.
In dem Abgangszeugnis vom 8. September 1826 wird ihm die Note
I und das Prädikat "sehr würdig" verliehen.
Dieses Abgangszeugnis ist von dem damaligen Direktor des Gymnasiums,
Georg Andreas Gabler, unterschrieben. Leider war dieser bedeutende
Mann, der einige Zeit im Schiller'schen Hause in Weimar gelebt
hatte, der begeisterte Schüler Hegels, in dessen Lehre er
die "absolute Befreiung seines Denkens und Erkennens fand"
und der später auch an seine Stelle nach Berlin gerufen wurde,
niemals Schmidts Klassenlehrer. Aber seinen Unterricht hat dieser
doch genossen.
Gewiss ein Beweis, wie hoch die an die Schüler gestellten
Anforderungen schon damals gewesen sein müssen, ist die Tatsache,
dass Schmidt, obwohl er stets zu den Besten zählte, doch
fast jedes Jahr Privatunterricht nehmen musste. So 1819-23 bei
einem Namensvetter von ihm, einem Gymnasiasten Schmidt, mit dem
er aber wohl nicht verwandt war, meist im Lateinischen; 1823-24
bei seinem früheren Klassenlehrer Prof. Kieffer; im nächsten
Jahre einige Stunden im Französischen und in der Musik, wogegen
er einige lateinische Stunden gibt; und endlich im letzten Jahre
einige Stunden im Französischen und im Klavierspiel.
Das ist der Weg, den Johann Caspar Schmidt zur Erreichung des
ersten Lebenszieles ging; er ist zwanzig Jahre, als er es erreicht
hat, und die erste Jugend liegt hinter ihm.
Mit diesen nüchternen Daten erschöpft sich alles, was
wir mit Bestimmtheit über die erste Jugend dieses Lebens
berichten können und es ist eigentlich nicht mehr, als was
sich auch in die Worte fassen lässt: "Er war ein guter
und fleissiger Schüler".
32
Einer einfachen Familie entstammend, fliesst in dem Kinde das
unvermischte Blut der Oberfranken, eines nüchternen, ernsten,
klugen, ein wenig schwerfälligen Menschenschlages.
Seine Geburt fällt in das Jahr, als die Stadt Baireuth -
so schrieb sich ihr Name damals - von den Wirren der napoleonischen
Kriege auf das Schwerste heimgesucht wird.
Das Jahr 1806 begann dort, wie ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber
sagt, mit "einer traurigen Gegenwart", um mit "einer
düsteren Aussicht in eine schicksalschwangere Zukunft"
zu enden.
1792 war die Markgrafschaft Bayreuth preussisch geworden; 1806,
dem "merkwürdigsten und letzten" Jahre unter preussischer
Regierung, im November, kam es unter napoleonische Herrschaft.
Johann Caspar Schmidt wurde also noch unter preussischer geboren:
"Borussiae olim oppido natus sum".
Alles sieht mit Angst dem Ausbruch neuer Kriege entgegen. Die
Last der Einquartierung liegt furchtbar auf der entmutigten Stadt.
Es ist das Jahr, da - von Lichtmess über Walpurgis hinaus
bis Martini - das Mass Bier von 3 auf 4, das Pfund Rindfleisch
von 9 auf 11 Kreuzer steigt und die Mez Salz 8 Kreuzer kostet.
1809, als nach den Franzosen die Österreicher kommen, verlässt
die Mutter die unglückliche Stadt, wie so viele, wahrscheinlich
um den nie endenden Unruhen und Beängstigungen für Leib
und Leben zu entgehen. Weit fort führt sie ihr Weg mit dem
zweiten Mann, in das ferne, fremde Westpreussen. Das Kind bleibt
zurück, wird aber nachgeholt, sobald es möglich ist.
Dort, in der neuen Heimat, empfängt es die ersten Eindrücke
des Lebens, und seine ersten Erinnerungen müssen später
verknüpft gewesen sein mit der alten Weichselstadt in dem
flachen Lande.
In dem Jahre einer unerhörten Teuerung und Hungersnot kehrt
es in die alte zurück. Doch herrscht jetzt wenigstens Frieden
in der Stadt, die inzwischen bayerisch geworden ist und bayerisch
bleibt.
Der Pate und seine Frau nehmen den Knaben in ihre einfache Häuslichkeit
auf. Er hat keine Geschwister verlassen, und er findet keine neuen.
Aber was er findet, ist liebevolle Pflege, denn wohl mit Recht
darf angenommen werden, dass die, die anderer Leute
33
Kinder freiwillig zu sich nehmen, sie mindestens ebenso gut behandeln,
wie Eltern, die sie vielleicht unfreiwillig bekommen haben. Parentes
fecit amor, non necessitas.
An dem hochberühmten Gymnasium erhält Johann Caspar
Schmidt seine Erziehung; die schweren, breiten Lasten humanistischer
Kenntnisse werden von ernsten, gelehrten Männern auf die
jungen Schultern gelegt.
Aber diese Schultern tragen die Last. In ruhigem Aufstieg erreicht
der Heranwachsende sein erstes Lebensziel.
Wie war der Knabe geartet? Wie zeigten sich seine ersten Neigungen?
Wie äusserten sich seine ersten Triebe zum Leben? Wo fanden
sie Nahrung und welche? Genoss er die Jahre der Jugend in der
ungetrübten Freude der Kraft? Oder waren sie bereits umdüstert
von den Schatten irgendeines Zwiespalts?
Umsonst, umsonst alle diese Fragen! - So klar und bestimmt alle
äusseren Daten lauten, es sind doch nur tote Zahlen, und
dunkel und verborgen liegt hinter ihnen das innere Leben, nach
dem wir vergebens suchen. Ohne die Frage beantwortet zu haben,
müssen wir Abschied von dem Knaben nehmen, um den Jüngling
hinauszubegleiten aus der Enge des ersten Lebens in die Weiten
der Welt, die sich für ihn erschliesst mit dem Beginn seiner
akademischen Studien und die ihn, und uns mit ihm, zunächst
in die Stadt führen, in der er leben, wirken und sterben
sollte: nach Berlin.
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36
ZWEITES KAPITEL
LERN- UND LEHRJAHRE
1826-1844
J. C. SCHMIDT, STUD. PHILOS., IN BERLIN - EIN SEMESTER IN ERLANGEN;
REISE DURCH DEUTSCHLAND - KÖNIGSBERG UND KULM - WIEDER IN
BERLIN; BEENDIGUNG DES STUDIUMS - EXAMEN PRO FACULTATE DOCENDI-
ALS SCHULAMTSKANDIDAT AN DER REALSCHULE-VEREITELTE HOFFNUNGEN
AUF ANSTELLUNG; NIE GYMNASIALLEHRER, NIE DR. PHIL. - FAMILIENVERHÄLTNISSE
UND ERSTE EHE - DER LEHRER HÖHERER TÖCHTER - ÜBERBLICK
37
Als junger Student von zwanzig Jahren kam Johann Caspar Schmidt
zu Michaelis 1826 frisch von Bayreuth weg nach Berlin, über
dessen Hochschule ein paar Jahre vorher ein anderer angehender
Studiosus - er hiess Ludwig Feuerbach - seinem Vater geschrieben
hatte: " . . . . auf keiner anderen Universität herrscht
wohl solch allgemeiner Fleiss, solcher Sinn für etwas Höheres
als blosse Studentengeschichten, solches Streben nach Wissenschaft,
solche Ruhe und Stille wie hier. Wahre Kneipen sind andere Universitäten
gegen das hiesige Arbeitshaus . . . "
Am 18. Oktober 1826 in der philosophischen Fakultät immatrikuliert,
wohnte Schmidt während seines zweijährigen ersten Aufenthaltes
in Berlin das erste Jahr in der Rosenthalerstrasse 47, das zweite
näher der Universität, Dorotheenstrasse 5.
Er schöpft hier aus den ersten Quellen der damaligen Wissenschaft:
eine Reihe der glänzendsten Namen, jeder ihrer Träger
eine anerkannte Autorität auf seinem Gebiet, zieht an uns
vorüber, wenn wir die Testate, die fast überall den
"sehr fleissigen" und "aufmerksamen" Besuch
bezeugen, durchsehen.
So hört Schmidt im ersten seiner vier Semester in Berlin:
Logik bei Heinrich Ritter, dem durch seine unabhängigen,
geschichtsphilosophischen Forschungen bekannten Philosophen; allgemeine
Geographie bei dessen Namensvetter, dem grossen Geographen Carl
Ritter, und Pindar und Metrik bei Böckh, dem berühmten
Altertumsforscher und Rhetoriker.
Ferner in seinem zweiten, der Philosophie gewidmeten: Ethik bei
Schleiermacher, dem "grössten deutschen Theologen des
Jahrhunderts", und vor allem Religionsphilosophie bei Hegel,
bei Hegel, von dessen ungeheurem, damals noch ungebrochenem Einfluss
auf das ganze Denken der damaligen Zeit wir uns heute gar keinen
rechten Begriff mehr machen können.
38
Auch im nächsten Wintersemester gibt sich Schmidt noch dem
eigentümlichen Reiz seiner Vorlesungen hin: er hört
Geschichte der Philosophie und Psychologie und Anthropologie oder
Philosophie des Geistes bei dem bewunderten Manne. Daneben wieder
bei Böckh und Carl Ritter: bei ersterem über griechische
Altertümer, bei letzterem über Geographie des alten
Griechenlands und Italiens. Und, um auch seine theologischen Studien
nicht zu vernachlässigen, bei Marheineke, dem Orthodoxen
von der Hegel'schen Rechten, über Dogmatik und über
die Bedeutung der neueren Philosophie in der Theologie.
Ebenfalls die Theologie nimmt im letzten, vierten Semester die
erste Stelle ein: Neander, der Kirchenhistoriker und Gegner von
Strauss, liest über Kirchengeschichte und christliche Altertümer,
Marheineke über theologische Enzyklopädie und kirchliche
Symbolik.
Es sind bis 22 Stunden in der Woche, die der eifrige Student besucht,
und er muss gerade in den vier Semestern in Berlin einen festen
Grund für seine späteren Kenntnisse gelegt haben.
Von Berlin am 1. September 1828 exmatrikuliert, wandte sich Johann
Caspar Schmidt sodann nach der Stadt, in der seine Mutter, die
Reinelin, geboren war und in der ihr gewiss noch Verwandte lebten,
nach Erlangen. Nach vollzogener Immatrikulation am 20. Oktober
hört er indessen nur in dem Wintersemester zwei Vorlesungen:
die eine bei dem bekannten Theologen Georg Benedikt Wiener über
die Korintherbriefe, die andere bei Christian Kapp, dem Philosophen,
über Logik und Metaphysik.
Nach Ablauf des Wintersemesters leitet er eine dreiundeinhalbjährige
Pause in seinem Studium mit einer "längeren Reise durch
Deutschland", der einzigen seines Lebens, ein, die sich wahrscheinlich
durch den ganzen Sommer 1829 erstreckte. Ohne somit mehr in Erlangen
zu weilen, bleibt er indessen doch dort bis zum 2. November immatrikuliert.
Von seiner Reise zurückgekehrt, geht Schmidt im Herbst 1829
nach Königsberg in Preussen, der berühmten Universität,
und
39
lässt sich dort unter dem Datum seiner Erlanger Exmatrikel
immatrikulieren. Er wohnt Steindamm 132. Aber er hört keine
Vorlesungen, lässt sich auch kein Abgangszeugnis ausstellen,
sondern verbleibt, wie er selbst sagt, "häuslicher Verhältnisse"
halber ein Jahr in Kulm bei seinen Eltern, ein zweites, "ebenfalls
in Familienangelegenheiten", wieder in Königsberg, wo
er übrigens im Herbst 1830 auf seinen Wunsch als Halbinvalide
aus seinem Militärverhältnis entlassen war.
Welcher Art die Familienverhältnisse waren, die ihn zur Unterbrechung
seiner Studien zwangen und so lange in dem fernen Westpreussen
festhielten, ob die pekuniäre Unterstützung nicht mehr
gewährt werden konnte, ob die später ausbrechende Geisteskrankheit
seiner Mutter schon damals ihre Schatten warf und ihn nach Kulm
zog, darüber lassen sich Vermutungen mit Aussicht auf Erfolg
nicht anstellen.
Jedenfalls vernachlässigt Johann Caspar während seiner
unfreiwilligen Musse "keineswegs seine philosophischen und
philologischen Studien" und sucht sich auf eigene Faust weiterzubilden,
wobei er ganz gewiss ebenso gut und besser vorwärts gekommen
ist.
Erst im Oktober 1832 kehrt der unterdessen der Vormundschaft entwachsene
Sechsundzwanzigjährige zu seinem akademischen Studium zurück,
und zwar zieht es ihn wieder nach Berlin, von wo er vier Jahre
fort gewesen war. Er bezieht in der Poststrasse 9 ein Zimmer und
lässt sich am 28. November auf Grund seiner Erlanger Exmatrikel
und der früheren Berliner zum zweiten Male immatrikulieren.
Ein ausgedehnter Studienplan, den er entworfen, zeigt, wie ernst
es ihm mit seiner Absicht der Wiederaufnahme und Vollendung seiner
Studien war: er will über die "Hauptepochen der Künste"
sowohl, wie über die "Mythologie der alten Germanen",
"Literatur_ Geschichte" ebenso gut, wie "Preussens
Geschichte" hören, will ein Publikum bei Carl Ritter
besuchen und ein solches über Äschines - aber all' diese
Pläne macht eine langwierige Krankheit zu Nichte, in die
er verfällt und die ihn erst im nächsten Sommer-Semester
zur definitiven Wiederaufnahme der Vorlesungen kommen lässt.
40
In diesem Sommer 1833 hört er denn auch einige, aber bedeutsame
Vorlesungen, nämlich bei dem berühmten Kritiker und
Philologen Lachmann, dem Meister methodischer Kritik, über
Properz, dem jener bekanntlich ein spezielles Studium gewidmet
hatte; bei dem Hegelianer Michelet über Aristoteles' Leben,
Schriften und Philosophie; und wieder, wie vor Jahren, bei Böckh,
diesmal über Platos Republik, bei allen mit vielem Fleisse.
Klassische Philologie war ja das Ziel, das er als zukünftiger
Lehrer am Gymnasium vor allem zu bewältigen hatte und vor
ihm musste manche früher noch gehegte Lieblingsneigung nun,
wo es Ernst wurde, zurücktreten.
Im Winter bleibt er noch immatrikuliert, hat sich auch vorgenommen,
bei Trendelenburg über Aristoteles' Bücher de anima,
bei Raumer Allgemeine Geschichte und bei Michelet über Aristoteles'
Metaphysik zu belegen, unterlässt es aber, sondern bereitet
sich in eigener Arbeit auf das bevorstehende Examen vor. Am 27.
März 1834 lässt er sich exmatrikulieren und konnte nun
das nötige akademische Triennium - denn das Semester in Erlangen
zählte in Preussen nicht mit und in Königsberg hatte
er keine Vorlesungen gehört - mit sieben Semestern an der
Universität Berlin beweisen. Einer "Teilnahme an verbotenen
Verbindungen unter Studierenden" ist er auch diesmal nicht
"bezüchtigt" worden.
Nachdem Schmidt die Osterferien hatte verstreichen lassen, meldete
er sich am 2. Juni 1834 bei der Königl. Wissenschaftlichen
Prüfungs-Kommission zum Examen pro facultate docendi
unter Beifügung seiner Schul- und Universitätszeugnisse,
sowie eines Curriculum vitae in lateinischer Sprache. In
nicht weniger als fünf Fächern verlangt er die Prüfung
zum Unterricht in den oberen Gymnasialklassen, nämlich in
den alten Sprachen, in Deutsch, in Geschichte, in Philosophie
und endlich in Religion; ausserdem "in den übrigen Gegenständen"
auch für die unteren - eine selbst für die damalige
Zeit ungewöhnliche Forderung, die ebensowohl von des Bewerbers
Selbstvertrauen, wie von dem Umfang seiner Kenntnisse beredtes
Zeugnis ablegte.
Es wurden ihm zunächst zwei schriftliche Arbeiten aufgetragen,
die erste eine "lateinische Übersetzung nebst grammatischem
und
41
exegetischem Kommentar über Thukydides VII, 78-87" und
die zweite "Über Schulgesetze"; zugleich wurden
ihm die zu haltenden Probelektionen Horatius Epist. I, 14, und
"Über Huss und die Hussiten" angekündigt.
Als Frist für die Ablieferung der schriftlichen Arbeiten
waren sechs bis acht Wochen gegeben.
Aber der Kandidat vermochte diese Frist nicht innezuhalten. Im
August kommt plötzlich und unerwartet von Kulm her seine
"geisteskranke" Mutter nach Berlin, und deren Pflege
nimmt seine ganze Zeit in Anspruch, sodass er um eine Verlängerung
von vier Wochen einkommen muss, die ihm denn auch gewährt
wird.
Erst gegen Ende des Jahres, am 29. November, reicht er die Arbeiten
ein; auch eigene Kränklichkeit hat ihre Beendigung so lange
verzögert und hindert ihn auch jetzt noch, sie persönlich
zu übergeben. Darum bittet er auch, die Probelektionen und
das mündliche Examen bis nach Neujahr verlegen zu wollen.
Auch das wird ihm zugestanden und die Prüfung im Mündlichen
bis zum Frühjahr des nächsten Jahres verschoben.
Es sind umfangreiche Arbeiten, die Schmidt lieferte: die Übersetzung
aus Thukydides umfasst 16, der Kommentar dazu 23 Foliospalten,
die Arbeit über Schulgesetze deren 22. Das Urteil über
beide wird später noch mitgeteilt werden.
Während die Thukydides-Übertragung nur ein bedingtes
Interesse für uns haben kann, muss die Arbeit über Schulgesetze
unsere höchste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Treten uns
doch aus ihr zum ersten Male selbstgebildete Gedanken und Anschauungen
entgegen, Anschauungen, die uns ihrem Urheber näher bringen,
als es bisher irgend vergönnt war.
Vom Wesen des Gesetzes ausgehend, sagt der junge Denker: "Alles
Gesetz nämlich ist weder willkürlich noch zufällig,
sondern in der Natur des Gegenstandes, für welchen es ist,
begründet und gleichsam eingehüllt. Denn jegliches Seiende,
sei es in der Welt der Erscheinungen oder des Geistes, ist, wie
es sich als ein Einfaches in dieser oder jener eigenen Gestalt
darstellt, so auch nur eben darum ein in sich Erfülltes,
Inhaltreiches, durch Unterschiede, in die es sich innerhalb seiner
selbst zersetzt, mannigfaltig Geteiltes. Werden diese Unterschiede
hervorgehoben und wird an ihnen aufgezeigt, wie
42
und in welcher Beziehung und durch welche Art der Verschmelzung
sie zu jener Einfachheit des Gegenstandes notwendig gehören,
so liegt in diesen Auseinandersetzungen der Gegenstand selbst
so vor, wie er in seiner gehalt- und unterschiedsreichen Einheit
gesetzt ist, und sie selber geben, wie sie der auseinandergesetzte
Gegenstand sind, so diesen in seinen Auseinandersetzungen oder
Gesetzen. Kein Gesetz, geht hieraus hervor, ist seinem Gegenstande
von aussen gegeben: die Gesetze der Schwere sind der auseinandergesetzte
Inhalt des Begriffes der Schwere selbst".
Schulgesetze sind demnach - und hiermit kommt er auf sein eigentliches
Thema - der auseinandergesetzte Inhalt des Begriffes im Schüler.
Die Deutung dieses Begriffes macht den Inhalt der Prüfungsarbeit
aus. Denn die Aufstellung eigentlicher Schulgesetze trotz seiner
geringen Erfahrung auch nur zu versuchen, schiene seiner ihm geziemenden
Bescheidenheit wohl zu widerstreiten - bemerkt er mit köstlichem,
scheinbarem Ernst im Schlusssatze seiner Arbeit.
Der Begriff des Schülers wird in streng induktiver Weise
gewonnen, ausgehend vom ersten Kindesalter, dem Stadium des Isoliertseins,
des reinen Fürsichseins, fortschreitend zu dem gegenständlichen
Dasein, wo das Kind sich von der Umgebung unterscheidet und sich
der Dinge im Spiele zu bemächtigen sucht. Jetzt folgt die
wichtigste Periode, die Entstehung des Ich des Selbstbewusstseins
und der Unterscheidung von anderen Ichen, der Verkehr mit diesen,
d.h. das Mitteilen, Ausgeben und Entfalten seines eigenen Ichs
gegenüber diesen und das Lernen von ihnen. Das Kind wird
zum Schüler. Der Lehrer ist ihm das Bild der Vollkommenheit.
Ihn sucht es zu verstehen, um durch ihn überhaupt zum Verstand
zu kommen. Auch diese Periode der Verständigkeit findet ihren
Abschluss und geht über in die Periode der Vernünftigkeit,
die mit dem Universitätsleben ihren Anfang nimmt. Die Universität
heisst nur noch in sehr uneigentlichem Sinne Hochschule. "Statt
des Lehrers stellt sich somit die Wissenschaft selbst in ihrer
reinen Gestalt dem Ich als Aufgabe dar und ihr Gebiet ist die
Freiheit."
Die Aufgaben des Lehrers, der Schule und der "Gesetze"
werden in prägnanten Sätzen zur Sprache gebracht, immer
aber abgeleitet
43
aus der Natur des Gegenstandes, d. i. des Schülers, für
den sie sind, in dessen Wesen sie begründet und gleichsam
eingehüllt sind.
Die Betonung des Ich flimmert durch die ganze Arbeit in zuckenden
Funken, und schon lebt und leitet der Gedanke in ihr, der später
als lodernde Flamme weithin die Welt erleuchten sollte .... Und
in diesem Sinne dürfen wir sie wohl als ersten Grundstein
betrachten, auf dem der Denker später den Bau seines Werkes
errichtete, von dessen Gestalt er damals allerdings noch nicht
träumte.
Wie erinnerlich war der Kandidat J. C. Schmidt um einen Aufschub
seiner mündlichen Prüfung eingekommen, der ihm auch
bewilligt worden war. Am 24. April 1835, einem Freitag, fand sie
dann endlich statt und wurde am folgenden Tage fortgesetzt.
Die Prüfungs-Kommission setzte sich zusammen aus Adolph Trendelenburg,
der vor kurzem Professor an der Universität zu Berlin geworden
war; aus August Meineke, dem bekannten Philologen und Textkritiker,
damals Direktor des Joachimthal'schen Gymnasiums; und aus Friedrich
Strehlcke, Professor am Köllnischen Realgymnasium. Ausserdem
war noch Dr. Agathon Benary, der namhafte Philolog, damals Oberlehrer
für klassische Sprachen am Köllnischen Realgymnasium,
in der Kommission, deren Vorsitz Lange führte.
Die beiden Probelektionen hatten schon vorher, Anfang April, stattgefunden.
Am 4. April hatte Schmidt in der Prima des Joachimthal'schen Gymnasiums
die historische über "Huss und die Hussiten" und
wahrscheinlich an demselben Tage und derselben Stelle diejenige
über Horaz abgehalten; eine dritte wurde dem Vielgeplagten
noch während der mündlichen Prüfung aufgegeben.
Sie fand am 28. April in der Sekunda des Köllnischen Realgymnasiums
über "Begriff und Gebrauch der deutschen Konjunktionen"
statt. Die Urteile über alle drei werden ebenfalls mit den
mündlichen Prüfungs-Resultaten mitgeteilt werden.
An dem ersten Tage, an dem der Kandidat ins Rigorosum stieg, prüfte
ihn Meineke in Religion und Hebräisch, Trendelenburg in Geschichte
und Geographie.
Besonders des letzteren Urteil erweckte die günstigsten Auspizien.
Indem Trendelenburg "die recht sichere Kenntnis der einzelnen
44
zur Sprache gebrachten Gegenstände, als auch die anschauliche
Übersicht allgemeiner Verhältnisse" anerkannte,
und hinzufügte, dass Schmidt auch in seiner geschichtlichen
Probelektion (über Huss und die Hussiten) eine "gute
Gabe des Vortrags" an den Tag gelegt habe, kommt er zu dem
Urteil, dass er zweifellos den historisch-geographischen Unterricht
in den unteren und mittleren Klassen eines Gymnasium mit Erfolg
erteilen könne und fügt hinzu, das er "überhaupt
ein sehr brauchbarer Geschichtslehrer" werden könne,
wenn er sich noch anhaltender und gründlicher mit dem Studium
der Geschichte, namentlich in den Quellen, beschäftige. Über
die historische Probelektion hatte er ausserdem noch folgendes
interessante Urteil gefällt: "Der Kandidat ging in eine
Unterredung mit den Schülern nicht ein, sondern beschränkte
sich auf einen zusammenhängenden Vortrag, der in Form und
Inhalt sehr gelungen war. . . Der Fluss der Rede, den man zu bewundern
hatte, überschlug sich fast selbst, so dass seine Gleichmässigkeit,
die wie fertig und gemacht erschien, fast ermüdete . . ."
Aber auch Meineke wird der Begabung des Kandidaten gerecht. Er
bezeugt dessen Vertrautheit mit dem allgemeinen Inhalt der biblischen
Schriften, die Leichtigkeit in der Übersetzung eines vorgelegten
neutestamentlichen Textes (I. Cor. cap. 13) und die Beschäftigung
mit der christlichen Glaubenslehre - "obwohl es ihm nicht
gelingen wollte, den einen oder anderen der ihm freigestellten
Artikel zu entwickeln" - sowie mit der Kirchengeschichte,
und glaubt, obgleich ihm der Religions-Unterricht einstweilen
nur für die mittleren Klassen mit Einschluss der Obertertia
anvertraut werden könne, doch, dass es ihm "bei seiner
sonstigen Tüchtigkeit sowie spekulativen Fähigkeit"
leicht fallen dürfte, mit sicherem Erfolge auch in den oberen
Gymnasialklassen in diesem Fache zu unterrichten, falls er sich
nur mit dem Gegenstande auch hier noch näher beschäftigen
wolle.
Im Hebräischen dagegen zeigte der Geprüfte nur ganz
geringe Kenntnisse und vermochte kaum den Text zu lesen.
Der folgende, zweite Tag begann mit einer Prüfung Strehlckes
in der Mathematik - des Kandidaten schwacher Seite, der hier fast
nur auf die verblassten Spuren in der Schule erworbener Kenntnisse
45
zurückweisen konnte und darum unterlag. Da der Mathematiker
Strehlcke zugleich Lehrer des Deutschen war, warf das ungünstige
Resultat in dem einen auch zugleich seine Schatten auf die Prüfung
in dem anderen Fach.
So fiel auch die Prüfung in der Philosophie, die Trendelenburg
leitete, nicht in dem günstigen Masse aus, wie erwartet werden
durfte. Wohl hatte diesem bereits die Arbeit über Schulgesetze
einen nicht unbedeutenden Eindruck hinterlassen, denn er hatte
über sie gesagt: "Der Verfasser versucht eine Deduktion
aus dem Begriffe, worin der Einfluss der neuesten Philosophie
nicht zu verkennen ist Er hat sich sichtlich an eine stufenweise
Entwickelung und strenge Ableitung der Gedanken gewöhnt,
wenn auch die Begriffe durch die oft etwas gezwungene Ableitung
einseitig sollten gefasst sein. Dem Ausdruck ist hier und da eine
grössere Ründung in der Form zu wünschen; denn
das Borstige und Abgerissene in neueren dialektischen Darstellungen
dürfte nicht als Muster gelten können."
Aber die Prüfung selbst, die zwar ebenfalls ein "unverkennbares
Talent in allgemeiner und folgerechter Behandlung der Begriffe"
erkennen liess, zeigte, dass "die positiven Kenntnisse in
der Geschichte der Philosophie mit dieser Fähigkeit keineswegs
gleichen Schritt hielten", und dass "dem Kandidaten
eine tiefere Einsicht in das mathematische Verfahren und somit
eine anschaulichere Kenntnis mehrerer logischer Beziehungen"
fehlte, so dass es von dieser einen Seite her bedenklich erschien,
ihm den propädeutischen Unterricht in der Philosophie und
die Leitung der deutschen Aufsätze in den ersten Klassen
zu übertragen, da der Lehrer den wissenschaftlichen Gesichtskreis
der Schüler beherrschen müsse.
Dazu kam noch, das die dritte, noch nachträglich abgehaltene
Probelektion über den "Begriff und Brauch der deutschen
Konjunktionen" ebenfalls nicht nach Wunsch ausfiel. "Wenn
auch der Kandidat", so sagt Trendelenburg, "sich bestrebt
hatte, den Gegenstand philosophisch zu durchdringen, so hinderten
ihn doch an einer freien und natürlichen Auffassung vorgefasste
philosophische Formen, die er dem Gegenstande willkürlich
anpasste. Er überlieferte den Schülern gemachte und
zum Teil gezwängte Unterschiede und wusste nicht die Begriffe
natürlich und lebendig in den Schülern
46
selbst zu entwickeln," die das "Gekünstelte mancher
Gedankenbestimmungen sichtlich verwirrte".
Alles in allem glaubte Trendelenburg, dass, wenn der Kandidat
diesen Mängeln (in der Geschichte der Philosophie und der
Mathematik) abhülfe, sich von ihm in den beiden Disziplinen,
Philosophie und Deutsch, "nützliche Leistungen"
erwarten liessen. Vor allem erinnerte er ihn daran "durch
ein besonnenes Studium der Quellen die namhaften Lücken zu
füllen, damit die philosophische Richtung seines Gedankenganges
einen festeren Boden gewänne".
Wenn Trendelenburg hätte ahnen können, dass der "Gedankengang"
dieses namenlosen jungen Mannes schon damals vielleicht die Wege
betrat, die in ihren Endzielen den Boden eines Landes, nicht aus
dem Studium der "Quellen", sondern aus den Quellen des
Lebens selbst, gewinnen lassen sollte, von dem er selbst und die
in den Himmeln aller möglichen und unmöglichen Spekulation
Verlorenen sich nie ein rechtes Bild zu machen gewusst hatten
Der letzte Gegenstand der Prüfung umfasste die alten Sprachen
und wieder war Meineke der Examinator. Hatte er über die
Thukydides-Übersetzung ein annehmbares Urteil gefällt
- er bezeichnete sie als klar, einfach und fliessend, und mit
Fleiss und grammatischer Genauigkeit ausgeführt, ohne gelehrt
zu sein, - so war er weniger mit der Probelektion aus Horaz zufrieden
gewesen, bei der er, obwohl er dem Kandidaten das eigene Verständnis
der Stelle zugestand, doch die geringe didaktische Geschicklichkeit
und den geringen Grad von Methode und Fähigkeit, den Schülern
den Sinn des Schriftstellers zu eröffnen, sowie das Matte
und Einschläfernde des Vortrages tadelte. Auch in der mündlichen
Prüfung vermisste er noch den Umfang und die Gediegenheit
grammatischer Kenntnisse, die für den Unterricht in den beiden
oberen Klassen des Gymnasiums qualifizieren könnten, und
gab nur zu, dass die lateinische Sprache schriftlich wie mündlich
mit löblicher Fertigkeit gehandhabt wurde.
Alle diese Urteile wurden noch einmal in dem Prüfungszeugnis
vom 29. April 1835 zusammengefasst, in welchem dem Kandidaten
die bedingte facultas docendi feierlichst erteilt wurde.
Das war kein glänzendes, aber immerhin ein sehr zufriedenstellendes
Resultat, wenn man den aussergewöhnlichen Umfang des
47
Prüfungsgebietes, und die hohen Anforderungen, die gestellt
wurden, im Auge behält. Die grössten Lücken hatte
Schmidt jedenfalls in den sogenannten Examenskenntnissen, dem
für den bestimmten Zweck Auswendiggelernten, gezeigt; an
seiner ungewöhnlichen Begabung hegte wohl keiner der Examinatoren
einen Zweifel. Überdies berechtigte das erzielte Resultat
durchaus zur Anstellung, ohne dass, wie heute, noch ein Nachexamen
nötig gewesen wäre.
So bald als möglich nach bestandenem Examen meldete sich
der Schulamtskandidat Schmidt zur Absolvierung seines pädagogischen
Probejahres und zwar wählte er hierzu die berühmte Königliche
Realschule zu Berlin, deren Direktor Spilleke damals zugleich
der Direktor des Friedrich-Wilhelmstädtischen Gymnasiums
und der Elisabeth-Schule war.
Die von Spilleke für Schmidt bei dem Provinzialschulkollegium
nachgesuchte Erlaubnis wurde erteilt und dieser übernahm
Ostern 1835 den achtstündigen Unterricht im Lateinischen
in der Unterquarta.
Es war, wie gesagt, des jungen Lehrers eigene Wahl, seine ersten
Versuche als Erzieher an einer Realschule zu wagen. Selbst noch
völlig in humanistischen Studien erzogen, musste es ihn reizen,
die andere Seite der realen Bildung an der Quelle kennen zu lernen,
obwohl er wohl schon damals die Einseitigkeiten beider erkannt
und den Grund zu den Anschauungen gelegt hatte, die er nur wenige
Jahre später in einer tiefgründigen und hochbedeutenden
Arbeit mit vollster Schärfe und Klarheit darlegen sollte.
Den genannten Unterricht in der Unterquarta der Realschule setzte
er, nachdem sein Probejahr vollendet war, "aus Liebe zur
Sache und zur Anstalt" freiwillig noch ein halbes Jahr, bis
zum Herbst 1836, fort.
Dann schied er am 1. November von der Schule, der er unentgeltlich
anderthalb Jahre lang einen Teil seiner Kräfte gewidmet hatte.
Den nächsten Winter, 1836 auf 37, füllt Johann Caspar
Schmidt mit neuen Privatstudien aus, und erst am 4. März
1837 bewirbt er sich bei dem "königl. hochwürdigen
Schulkollegium der Provinz
48
Brandenburg" um eine Anstellung gegen Remuneration. Nachdem
er dargetan, dass er bisher nicht gewagt habe, um "hochgeneigte
Berücksichtigung" anzugehen, weil er es für seine
Pflicht gehalten habe, ausser der Zeit seines Probejahres noch
ein Jahr dazu anzuwenden, die Lücken, welche bei einem Examen
noch in philologischer und philosophischer Bildung sichtbar waren,
mit möglichster Gewissenhaftigkeit auszufüllen, und
nachdem er "diesen Mängeln begegnet zu sein glaubt",
sagt er: "so vergönnt es mir meine dermalige Lage nicht
mehr, ohne Bewerbung um einen Berufskreis auch noch für das
Hebräische und Mathematische eine längere Zeit auszusetzen"
und schliesst mit der Versicherung, dass er indessen "entschieden
sei, auch ihnen seine, von Berufspflichten freie Zeit zu widmen".
Auf dieses ernste, ehrliche, von seiner Selbstzucht so beredt
sprechende Schreiben wurde er am 16. März kurzerhand dahin
beschieden, dass sich für jetzt keine Gelegenheit zur Anstellung
oder Beschäftigung zeige; er habe sich "wegen der letzteren"
übrigens an die Gymnasialdirektoren zu wenden.
Ob er diesen Versuch noch gemacht hat, ist zweifelhaft; es liegen
keine Beweise dafür vor und keinesfalls war er von Erfolg
begleitet. Nie hat er eine wirkliche Anstellung an einer staatlichen
Schule inne gehabt und entgegen den so bestimmten Behauptungen
der Lexiken sei hier nochmals ausdrücklich betont: Schmidt
war nie Gymnasiallehrer. Wenn er sich selbst in späteren
Jahren, als er jede erzieherische Tätigkeit überhaupt
längst aufgegeben hatte, so nannte, so folgte er damit nur
dem allgemeinen Brauche, der diese Bezeichnung im Gegensatz zu
den Volksschullehrern anwandte.
Damit mag bei dieser Gelegenheit auch gleich ein anderer Irrtum
beseitigt werden. So nahe es lag und so spielend leicht es ihm
gewiss gewesen wäre, den Doktorgrad zu erwerben, Schmidt
hat, wie festgestellt ist, nie den Versuch gemacht zu promovieren.
Wie er auch diesen Irrtum dadurch selbst hervorrief, dass er zeitweilig
diesen Titel bei seinen polizeilichen Meldungen seinem Namen beifügte,
so war er doch nie Dr. phil.
49
Was Schmidt nach dem Scheitern seiner Hoffnungen unternahm, um
leben zu können, vermag für die nächste Zeit nicht
gesagt zu werden. Wir wissen nur, dass in diesem Sommer 1837 sein
Stiefvater Ballerstedt in Kulm an Altersschwäche im Alter
von 76 Jahren starb (am 19. Juli) und es ist mehr als wahrscheinlich,
dass ihn der Todesfall dorthin gerufen hat.
Schon vorher indessen, noch vor dem Tod dieses ihres zweiten Mannes,
hatte seine an einer "fixen Idee" leidende Mutter, deren
Zustand die Aufnahme in eine Anstalt bald darauf nötig machte,
Kulm verlassen und war, wohl gegen seinen Wunsch, zu ihm gekommen.
Wir sahen sie bereits im August 1834 in Berlin. Ob sie bis zu
ihrer Aufnahme in die Charité, die am 28. Januar 1835 erfolgte,
in Berlin geblieben oder nochmals nach Kulm zurückgekehrt
ist, steht nicht fest. Jedenfalls bleibt sie hier, in der Charite,
bis zum 28. Juli 1836, wo sie "mit unbestimmtem Urlaub als
ungeheilt" entlassen wird, um bis zum 17. Oktober 1837 in
der Chausseestrasse (bei Gaede) zu wohnen, und sich sodann in
die Privatirrenheilanstalt Schönhauser Allee 9, die damals
einer Frau Dr. Klinsmann gehörte, zu begeben und in ihr bis
zu ihrem Tode zu verbleiben.
Nach dem Tode ihres Mannes, 1837, wurde Frau Ballerstedt seine
alleinige Erbin, also auch die des Hauses Nr. 9 in Kulm, doch
wurde für die "blödsinnige Witwe" der Stadtkämmerer
Wach als Kurator eingesetzt.
Sie, seine Mutter, war jetzt Schmidts einzige noch lebende Verwandte,
und wenn die Hinterlassenschaft des Stiefvaters, der schon lange
seine Beschäftigung als Apotheker aufgegeben und als Privatmann
in Kulm mit seiner Frau sehr zurückgezogen gelebt hatte,
keine grosse gewesen war, so war sie ganz auf ihn angewiesen.
Denn auch der Pate Sticht, der Strumpfwirker in Bayreuth, war
1835 aus dem Leben geschieden und Anfang 1838 folgte ihm seine
Witwe, Johann Caspars Tante von väterlicher Seite, der mit
ihnen seine letzten näherstehenden Verwandten verlor.
Es ist ein anderes Familienereignis, das neue Bande in seinem
Leben knüpfen sollte und das unser Interesse zunächst
in Anspruch nimmt: - seine erste Ehe .
50
Als Schmidt Ostern 1833 nach überstandener Krankheit seine
Studien an der Universität mit vollem Eifer wieder aufnahm,
um sie endlich zu Ende zu führen, zog er von der Poststrasse
nach dem Neuen Markt Nr. 2. Dort wohnte er, zwei Treppen hoch,
bei der Stadthebamme D. L. Burtz. Deren Tochter (oder Schwester?),
die sich ebenfalls später zur Hebamme ausbildete, Caroline
Friederike Burtz, besass eine uneheliche Tochter, die am 26. November
1815 geborene Agnes Clara Kunigunde Burtz. Zwischen dieser und
dem neuen Mieter knüpfte sich im Laufe der nächsten
Jahre ein Verhältnis, das aber erst 1837 zur Ehe führen
sollte.
Am 12. Dezember fand die Trauung zwischen ihm und der nun zweiundzwanzigjährigen
Braut, die wie er evangelischer Konfession war, durch den Prediger
von St. Marien zu Berlin statt. Das junge Ehepaar bezog erst eine
Wohnung in der Klosterstrasse 5/6; dann, wenige Monate später,
am 6. April 1838, eine solche in der Oranienburger (Kommunal?)-Strasse 86.
Hier starb die junge Frau am 29. August im Kindbett an einer zu
frühen Entbindung, im Alter von 22 Jahren, 9 Monaten und
3 Tagen. Die Kunst der ihrigen vermochte weder sie noch das Kind
zu retten.
Es war eine stille, harmlose, leidenschaftslose Ehe gewesen, die
die Eheleute geführt hatten. Wie sie sich kennen gelernt
in dem ruhigen Gleichmass der Tage, so lebten sie weiter, und
die Ehe wird keine allzugrossen Veränderungen in ihrem Verkehr
nach aussen hin hervorgebracht haben.
Der traurige Tod löschte schnell und unvermutet die ruhige
Flamme dieses stillen Glückes, wenn es überhaupt so
genannt werden darf, das in anspruchsloser Zufriedenheit gewiss
noch viele Jahre Nahrung aus sich selbst gezogen hätte und
erst erloschen wäre, wenn die Zeit es geboten.
Der vereinsamte Witwer nahm nach der kurzen Unterbrechung sein
früheres Leben wieder auf.
Die alte Burtz hatte mit ihrer Tochter, der "Demoiselle",
die sich nun auch als Stadthebamme etablierte, ebenfalls eine
Wohnungsänderung vorgenommen, und zu ihnen, nach der Neuen
Friedrichstrasse 79, zog nun am 5. Oktober auch Schmidt, und wieder,
wie als
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Junggeselle, wohnte der junge Witwer bei den beiden Frauen, auch
dieses Mal mehrere Jahre lang, bis ihn eine neue Heirat abermals
von ihnen entfernen sollte.
Auf eine staatliche Anstellung hatte Schmidt längst endgültig
verzichtet. Da er aber auf den Erwerb seiner Lehrtätigkeit
angewiesen war, musste er sich zur Annahme irgendeiner privaten
Stellung entschliessen. Er fand eine solche an der "Lehr-
und Erziehungsanstalt für höhere Töchter"
der Madame Gropius am Köllnischen Fischmarkt 4, in die er
am 1. Oktober 1839 eintrat, um von da an ununterbrochen fünf
Jahre lang an ihr tätig zu sein.
Die Schule war eine wohlbegründete, angesehene Privatanstalt
für halberwachsene Töchter aus den wohlhabenden Kreisen,
die mit Hilfe einiger Lehrer von der Inhaberin selbst und ihren
Schwestern geleitet wurde. Schmidt unterrichtete zunächst
in der ersten Klasse zwei Stunden in deutscher Sprache. In einer
Prüfung, die am 2. März 1840 abgehalten wurde, prüfte
er seine 13 Schülerinnen in der Literaturgeschichte, vor
allem der Schlesischen Dichterschule. "Die Unterhaltung war
anziehend und ergab ein erfreuliches Resultat." - Nach zwei
Jahren übernahmen frühere Zöglinge der Frau Gropius,
die Fräulein Zepp, die Schule. Schmidt gab Lehrstunden in
der zweiten Klasse in Gemeinschaft mit der Vorsteherin, im darauf
folgenden Jahre auch noch Geschichte in der ersten Klasse vor
7 Schülerinnen.
Bei seinen Schülerinnen, die er "viele und lange Aufsätze"
schreiben liess, wie bei den Vorsteherinnen war er seines stets
sich gleich bleibenden, höflichen und ruhigen Wesens sehr
beliebt und geschätzt.
Zu ihrem Erstaunen trat er am 1. Oktober 1844 unvermutet und plötzlich
aus, um von da an nie wieder in seinem Leben eine öffentliche,
wie immer auch geartete, Stellung zu bekleiden.
Doch warum und unter welchen Umständen dies geschah, das zu erzählen, gehört, wie überhaupt die Schilderung