Max Stirner

Artikel und Gedichte

DIE EISENBAHN 1841-1842

Mittels Scanner und OCR-Reader aufbereitet von Kurt W. Fleming,

Max-Stirner-Archiv, Leipzig

____________________________________________________________________________________________Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge. IV. Jg. 1841. Dienstag den 28. Dezember. No. 77. pp. 307/308.

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Kritisches

Theodor Rohmer, Deutschlands Beruf in der Gegenwart. Zürich und Winterthur. Verlag des literarischen Comptoirs 1841.

Wie glücklich war ich als Kind, wenn ich, auf grüner Matte hingestreckt, von duftigen Frühlingslüften angeweht in den blauen Himmel hinaufblickte und von meiner glänzenden Zukunft träumte. Ein grosser Herr musste ich werden und mit Sechsen fahren, Gold aus dem Wagen streuen mit vollen Händen, und angebetet werden von der beglückten Menge des armen staunenden Volkes, Feenpaläste und Alhambras bauen und in blühenden Gärten mich von rosigen Mädchen bedienen lassen. Hätte ich's damals nur gleich ins Werk richten können, ich wäre heute gewiss ein grosser Mann; aber ach, ich hätte es nur werden können, und ward es eben darum nicht. - Wer fühlt nun nicht in ähnlicher Weise seine Brust gehoben von grossen Hoffnungen, wem schlägt das Herz nicht vor schmerzlich süsser Ungeduld, wenn er in unserm Buch von Seite zu Seite weiter liest, zu wie grossen Dingen das deutsche Volk ausersehen ist und was es alles werden - könnte. Ja, wir sind berufen zur »Hegemonie; die deutsche Natur trägt den Stempel der geistigen Oberhoheit, und ist im einzelnen mit einer Fülle von Talenten gesegnet, wie sie in solcher Vereinigung keine Nation besitzt. Politische und militärische, philosophische und wissenschaftliche, poetische und künstlerische, musikalische und sprachliche, industrielle und nautische, merkantile und technische Gaben - alles das ist uns so reichlich zugeteilt, dass wir es in den einzelnen Stücken jedem Volke gleich, in einigen zuvortun. Deutschland ist zum konstitutionellen Königtum in dem grossen Gemeinwesen bestimmt, das Europa heisst.« (S. 169.) Ach, man muss unfähig sein der Lust an blühenden Hoffnungen und bar aller süssen Schwärmerei für Vaterland und Menschheit, wenn man mit dem Verfasser nicht sehnend verlangen, nicht unmutig verachten, nicht freudig erwarten, nicht jugendlich träumen wollte. Und ich habe mit ihm verlangt, verachtet, erwartet und geträumt, ich habe meine Liebe genährt an seiner Begeisterung, und meinen Glauben gestärkt an seinen Hoffnungen, ich habe genossen in reicher Fülle - warum nun bin ich denn doch unzufrieden, unzufrieden mit diesem Buch?

Darum, weil ich auch hier wieder die Leidenschaft nicht finde, welche Leidenschaft weckt in den Seelen der Menschen; darum, weil ich auch hier derselben wohlmeinenden Halbheit begegne, die versöhnen will, ohne vorher zu entzweien, die nicht gekommen ist, das Schwert zu senden, wie Christus, sondern den Frieden; darum, weil kein Zorn, kein Hass, kein Grimm hier verzehrend brennt; darum, weil auch diese Begeisterung nichts als ein Strohfeuer und diese Erweckungspredigt nichts als eine politische und diplomatische Superklugheit ist; darum endlich, weil es, statt unsere Einsicht in uns und in die Schmach unserer geknechteten Seelen zu fördern, nur von unseren Aussichten spricht. Auf einer einzigen Seite (S. 171; denn das faktenlose zweite Kapitel wird man doch nicht geltend machen wollen) tut der Verfasser unsere Gebrechen ab, und welche Gebrechen! Den Stader Zoll, die Weigerung Hannovers und Mecklenburgs, zum Zollverein zu treten u.s.w.; nur beiläufig wird der Gerichtsverfassung und der Presse gedacht. Dann schliesst er sogleich: »Wenden wir uns hinweg von dem traurigen Anblick und betrachten die Aussicht, die die Zukunft uns bietet.« Und diese Zärtlichkeit entschuldigt er mit den Worten: »Wo das Übel im Ganzen so tief liegt, da fruchtet's weniger, die einzelnen Mängel zu beleuchten; nicht als wäre das nicht notwendig oder der Mühe wert, sondern weil die Beleuchtung hier nimmermehr wirkt, was sie anderswo wirkt; weil es zahllose Dinge gibt, worin die Nation von oben bis unten die klarste Einsicht hat, deren Abschaffung dem simpelsten Verstande sich aufdrängt, und welche dennoch fortwuchern trotz dem ausgesprochensten Willen der öffentlichen Stimme.«

»Die Nation hat die klarste Einsicht!« Woher soll sie die denn nehmen? Wie viele lesen z.B. in ganz Preussen mehr als die Staats- und andere privilegierte Zeitungen des Inlandes, in denen nur Festlichkeiten und keine anderen Gräuel besprochen werden, als die das - gemeine Volk begeht. Wann werden hier die grossen Gedanken der Neuzeit, wie Pressfreiheit, Öffentlichkeit, Mündigkeit u.s.w. anders zur Diskussion gebracht, als wenn sie uns unmittelbar nichts angehen, weil sie nur in auswärtigen Kammern verhandelt werden? Man gehe in die Provinzen und lerne erstaunen über den unaussprechlichen Nutzen der Zensur. So massenhafte Dummheit in Beziehung auf alle heiligen und unheiligen Fragen des Staatslebens findet man nicht leicht wieder; und sie sitzt so fest, diese Dummheit, dass kein leiser Strahl der Aufklärung in diese Urwaldfinsternis jemals einzudringen vermag, und nur der zündende Blitz Erleuchtung bringen wird, welcher ein Feuer entflammt, von dem alles, alles ergriffen wird. Ich sehe schon ein Wölkchen am tiefen Horizonte aufschauern, zwar noch unscheinbar und verzagt - es sehen es aber doch schon viele mit mir, obgleich es nur für die Augen der Sonntagskinder sichtbar ist - es kann ein hübsches Gewitterchen geben nach den schwülen Tagen.

Ein Buch, im pressfreien Land der Schweiz erschienen, das sollte nicht wegschleichen über unsere Schande, sondern den scheinheiligen Pfaffenrock der Wolfsseele abreissen. Nicht Tiraden, nicht Ermahnungen, nicht langweilige Auseinandersetzungen greifen in Herz und Nieren ein, sondern Aufdeckung und Entblössung, so schonungslose Entblössung, dass dem nackten Menschenkind im schneidenden Winterfrost die Zähne klappern und die Glieder erstarren, bis es, vom Geiste der Besinnung getrieben, endlich ein Laufen beginnt und ein rastloses Hilfe erjagen, dass der rettende Schweiss niedertrieft und die neue, schützende Behausung erreicht wird. Es gibt ein Büchlein von siebenundvierzig Seiten; wir dürfen's nicht nennen, aber es ist in wenigen Monden fast so bekannt geworden wie die Spener'sche Zeitung und obenein besser als zwanzig Jahrgänge dieses revolutionierten Lösch-

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papiers: das ist zu Tage noch unübertroffen in der unvergleichlich einfachen Weise, die Geister zu revolutionieren und die Überzeugung zu wecken. Da wird uns nicht von den Präadamiten her bewiesen, dass wir zur besten Rasse gehören und in dieser Rasse das »gottbegnadigste« Volk seien, sondern nur viermal gefragt und viermal geantwortet. Daran hätte der Verfasser Popularität lernen können. Aber er ist ein Deutscher mit Haut und Haaren. Man höre ihn S.201: »Erst muss die menschliche Seele zergliedert, ihr Bau erkannt, ihre Funktionen nachgewiesen, ihre Entwicklung von der Geburt bis zum Tode nach den einzelnen Stadien beschrieben werden; erst sollen wir die Lehre vom Geist, von den Individuen, den Gesamtindividuen, Rassen, Völkern, Nationen, Stämmen, Familien gründlich ausarbeiten: dann wird die Menschheit, in diesem Sinne zum ersten Mal, die Augen aufschlagen: sie wird sich kennenlernen, die Zeit ihrer Mündigkeit ist damit erfüllt. Je mehr sie, auf diese Weise, allmählich an Selbsterkenntnis wächst, je allgemeiner das psychologische Bewusstsein in den Massen um sich greift, desto möglicher wird es, das Höchste zu erreichen, was die Geschichte kennt - den vollkommnen Staat.« Es muss fast wie Heimtücke erscheinen, dass ich diese lächerliche Stelle auswählte, wo den »Massen« empfohlen wird, Psychologie (ein im Sinne des Verf. überhaupt etwas weitschichtiges Feld) zu studieren, um durch diese Art von Selbstkenntnis endlich zum »vollkommenen Staate« zu gelangen; allein es ist das leider kein beiläufiger Einfall, keine verzeihliche Grille ohne weiteren Belang, sondern es bildet den Grundgedanken des Buches. Kann es uns da wundern, dass der Verf. so enthusiastisch für Deutschheit schwärmt, da wir in ihm selbst einen so gründlichen Deutschen erkennen? Begreift - so etwa spricht Herr Rohmer - den Charakter und die Bedeutung der Russen und Polen, der Franzosen, Engländer und Spanier, der Chinesen und Inder, kurz aller Völker der Erde, begreift den eurigen dazu und vergleicht euch mit allen: dann werdet ihr sehen, dass ihr zur Hegemonie berufen seid als das »gesegnetste« Volk, und ihr werdet euch flugs daran machen, sie durch Einigkeit zu erringen. Zu jenem Begreifen soll euch mein Buch helfen, worin alle Völker Revue passieren müssen, und wenn ihr das nur recht inne habt, und es euch tüchtig zu Herzen gehen lasst, so wird sich die Einigkeit schon finden, und dann kann es dir auch, mein deutsches Volk, an einem Parakleten nicht fehlen, den »der Höchste aus den Deinigen erwecken wird und muss.«

Allerdings wird der Paraklet kommen, aber nicht eher, als bis seine Zeit erfüllt ist. Und erfüllt sie sich etwa von selbst? Wir müssen sie erfüllen und zuvor Busse tun in Sack und Asche. Zieht durch's Land, ihr Bussprediger, dringt ein in jede Hütte, predigt Zwietracht und das Schwert, nicht matte Einigkeit und komfortable Zufriedenheit, geisselt die schläfrigen Seelen, nicht mit den Fliegenwedeln trostreicher Hoffnungen, nein, mit der Zuchtrute der Aufklärung über alle die Gräuel, die im Verborgenen geschehen, ohne dass die vertrauensvollen Gläubigen sie zu ahnen vermögen.

Was will Herrn Rohmers Ruf nach Einigkeit? Sind wir Deutschen nicht einig? Singen wir nicht alle mit Salbung: »Was ist des Deutschen Vaterland«? Begegnet nicht der Schwabe dem Hannoveraner, der Rheinländer dem Sachsen, begegnen nicht alle Deutschen einander mit Freundlichkeit und Zutrauen, und fühlen wir uns nicht alle verbunden in dem Worte deutsch? Das weiss Herr Rohmer so gut als wir alle; und doch nennt er uns uneinig. Mit welchem Recht? Leider mit einem nur zu begründeten! Wir sind einig, wie eine grosse Herde Schafe. Die grasen alle in unvergleichlicher Friedlichkeit nebeneinander, und düngen in unwillkürlicher Güte den Acker, und lassen sich scheren und fressen dabei. Von Zeit zu Zeit stellt auch wohl das Wölflein sich ein, das bisweilen, wenn es ein feiger heimtückischer Bube ist, zur Vorsicht noch Schafskleider anzieht, obgleich das gar nicht nötig wäre, und langt sich so viele eifrige Exemplare, die ihm zu voreilig in den Rachen laufen, heraus, als seinem Appetite zusagen.

(Forts. folgt.)

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge. IV. Jg. 1841. Donnerstag den 30. Dezember. No. 78. pp. 310 - 312.

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Kritisches

Theodor Rohmer, Deutschlands Beruf in der Gegenwart. Zürich und Winterthur. Verlag des literarischen Comptoirs 1841.

(Fortsetzung und Schluss.)

Schafe sind einig, aber Schafe haben keinen Willen. Reisst unseren willenlosen Menschen in Stücke, und die blutenden Herzen werden voll des einigen Geistes sein. Zeigt die Blösse aller jener durch Menschensatzung aufgestellten Autoritäten auf, die in den weichen Gemütern, wo das Edelste Wohnung fassen könnte, sich eingenistet haben, verlöscht ihren blendenden angemassten Nimbus, dass er dem freien Menschen nicht mehr imponiere, stosst alle Stützen um, woran seine schwachmütige Bedürftigkeit sich anlehnt, tut das kindische Wesen dar von all jener langmütigen Treue, jenem trägen, hingebenden Vertrauen, jener angestammten Verehrung, kurz, untergrabt jeden Glauben, der nicht ein Glaube des Geistes an den Geist ist, jedes Abhängigkeitsgefühl. Erst wenn der Mensch sich wieder bloss und verlassen sieht, kehrt er zu sich zurück und ermannt sich; eine Riesenkraft spannt dann seine Muskeln, der Mut schwillt an und der Mensch erkennt sich selbst und seine Allmacht. Darum entkleidet frisch und mutig, reisst die Lappen des blinden Glaubens und der feigen Treue nieder; nur den Nackten erquickt das Bad im Morgentau der Freiheit. Habt nur den Mut, destruktiv zu sein, und ihr werdet bald sehen, welch' herrliche Blume der Eintracht aus der fruchtbaren Asche aufschiesst.

Es gibt kein anderes Heil, als einen mächtigen Gedanken, der unseren Geist erfüllt, einen begeisterten Willen, der uns zu Taten fortreisst. Wo findet sich in uns diese tatendurstige Seligkeit einer grossen Idee, die unter grossen Opfern unaufhaltsam eine eigene Welt und ein neues Dasein aufbaut? Wir Deutschen können in der Tat auf viele Dinge, und gewiss auf eben so viele, eitel sein als uns zur Schande gereichen. Aber stolz - stolz können wir nur auf eines sein: auf die selbstgewisse Freiheit des Gedankens, auf die überschwengliche Bedeutung des Ich. Und doch sind wir nur frei im Reich des Denkens; wir sind noch nicht stolz auf diese Freiheit. Kein Volk hätte ein grösseres Recht, sein Ich mit grossen Buchstaben zu schreiben, als das Deutsche, und wir gerade verstecken es am unscheinbarsten Plätzchen und lassen dem englischen I (Ich) den selbstsüchtigen Vortritt. Lasst uns erst die Allmacht des Ich fühlen, des Ich, das allein der Deutsche mit dem Geiste zu identifizieren wusste, während das egoistische Ich des Engländers noch unter der despotischen Autorität der Kirche steht und das französische unter der Herrschaft der gloire zerfliesst - lasst uns dessen nur recht inne werden, und wir werden - stolz sein. Ja der Stolz fehlt uns, der Stolz allein. Weg mit der Demut, die sich beugt und kriecht! Selbst ist der Mann! Fragt nicht länger nach Pflichten, die man euch auferlegt; gebt euch selbst die Gesetze: dann folgt ihr ihnen erst mit eigenem und bewusstem Willen, dann erst seid ihr frei.

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Doch es wird Zeit, dass ich dem Gang des Buches folge, an dessen einzelnen Partien ich mich wahrhaft erfrischte, und das, wäre es radikal genug (denn nichts ist gut, als das Radikale, weil alles andere eine Halbheit bleibt), nicht verstehen würde, durch klare Gedanken tief in die Gemüter einzugreifen. Die Ansicht, dass Deutschland den Beruf habe, die Hegemonie zu ergreifen, schlingt sich als der rote Faden durch die ganze Abhandlung. Dies veranlasst den Verf., die Weltstellung der Deutschen aufzusuchen und zu dem Ende eine Vergleichung mit allen Nationen aufzuführen, jede nach ihrem Berufe zu fragen, ihr die Nativität zu stellen und schliesslich sie im Geschichtsganzen zu rubrizieren. In der Einleitung wird das deutsche Bewusstsein mit Recht als das »politischer Unmündigkeit« bezeichnet. Aus der Geschichte einerseits, deren geistiger Gehalt fortan in ziemlich breiter Ausführlichkeit und mit geistreicher Reflexion angegeben wird, aus der Lage Europas andererseits, deren Betrachtung den zweiten Teil des Buches bildet, soll endlich der Beruf Deutschlands dargetan werden. Die Geschichte zeigt, dass Deutschland immer entscheidend war und das Herz Europas; »jetzt«, sagt endlich der Verf., »sollen die Deutschen, nachdem andere zerstört haben, aufbauen. Der Protestantismus, wie er unverrückt nach der Wahrheit gestrebt hat, muss aus seiner Mitte ein Prinzip erzeugen, welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der Zeit zu lösen vermag.« Der Protestantismus wird hier freilich etwas keck mit Deutschland identifiziert. »Dieses Prinzip«, heisst es weiter, »wird die höchste Sehnsucht der Menschheit, die Sehnsucht nach einer gerechtfertigten Weltanschauung, nach einem bewussten Verhältnisse der Menschen zu Gott, befriedigen.« Ich will es hier noch einmal aussprechen, was schon im Obigen liegt, dass die höchste Sehnsucht jetzt nicht auf eine gerechtfertigte Weltanschauung gerichtet ist, nicht auf diese theoretische Befriedigung, sondern auf freie Selbstbetätigung. Jene Leidenschaft Goethes wird abgelöst durch die letztere, von welcher Schillers Streben entzündet war. Nicht, wie sich der Mensch zu Gott verhalte, sondern wie sich der schöpferische Gott, als Geist, als freien, nur aus sich selbst produzierenden Geist betätige und bewähre, das ist jetzt die Frage und die Sehnsucht der Zeit. »Das Jahrhundert ringt nach der organischen Begründung des wahren Staates«, sagt der Verf. S.44. Dieses Ziel, im Sinne des Herrn Rohmer gefasst, missleitet uns vielfach und gerade so lange, als wir noch etwas anders machen und herstellen wollen, als uns selbst. Uns haben wir zu machen, zu manifestieren, frei zu machen. Uns zu wahren Geistern verklären, das heisst, den wahren Staat erschaffen. Der Staat lässt sich nicht machen, sondern er ist die Freiheit und freie Offenbarung des Geistes und der Geister. Es beteiligt sich der freie Geist an allem Geistigen als dem Seinigen; daher entsteht unter den freien Geistern von selbst, durch ihr notwendiges Wirken, die freie Gemeinschaft der Geister, die allein Staat genannt zu werden verdient. Derjenige Staat, den man machen kann wie ein aufgegebenes Pensum, erbleicht wie die Kirche vor dem Lichte der Freiheit, und gleich der sichtbaren Kirche, die zur unsichtbaren wurde, muss er sich zu einem unsichtbaren Staate verklären, zu einem geistigen. Herrn Rohmer ist es aber noch immer mehr um einen Zustand der Menschen (status - Staat) zu tun, in welchem sie ihr Wohl und Wehe finden sollen, als um die Freiheit ihres Handelns. Überhaupt nimmt er die ganze Litanei des Vorhandenen frag- und sorglos auf, und spricht von Staat, Kirche, Adel, doppelten Kammern u.s.w. als von Dingen, die sich von selbst verstehen und nicht in Frage gestellt werden könnten. Daher quält er sich denn auch über das Verhältnis von Staat und Kirche ab (z.B. S.206 ff.) und spielt den liebreichen Versöhner.

Hat die Geschichte nun ihrerseits gezeigt, zu welcher wichtigen Rolle Deutschland berufen ist, so wird sich aus einer Rezension der anderen Völker das Gleiche ergeben. »Die politische Lage Europas, die Stellung der Völker und Staaten, der Zustand ihrer Bestrebungen, sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland inmitten Europas hingewiesen ist. In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher für die wenigstens, die nur die Oberfläche sehen, seit der Revolution, ist Europa in unaufhörlicher Gärung begriffen: alles nur Übergang, nur Krise oder Intermezzo; die neue Zeit, welche in so unzähligen Zuckungen die Menschheit anstrebt, muss erst noch geboren werden. Die Geburtswehen, hier konvulsivisch heftig, dort langsam wühlend, schildert die Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789.«

In den vierzehn Kapiteln des zweiten Teils wird der europäische Organismus aufs vielseitigste besprochen. Das wichtigste davon ausheben, hiesse den Leser um einen Genuss bringen, zu dem wir ihn vielmehr dringend aufzufordern gesonnen sind; auch wäre es vergebliche Mühe, so reichen Stoff in kurze, unerquickliche Andeutungen zusammenpressen zu wollen. Die Summe ist folgende: »Seid einig - und zwei Grossmächte werden von eurem willen beseelt und es wird nur eine Macht sein mit zwei Armen. Seid einig - und Holland wird euch den alten Starrgeist opfern, und was deutscher Natur ist, in Belgien und der Schweiz, wird sich mit oder ohne Verlangen nach dem neuen Lichte kehren. Seid einig - und Skandinavien wird eure Hand ergreifen. Seid einig - und England wird euer Bündnis suchen in der ersten Zeit der Gefahr. Seid einig - und Russland wird zittern, und Polen wird hoffen. Seid einig - und Österreich, auf die doppelte Grundlage von Deutschland und Ungarn gestützt, wird euren Willen zum Gesetz erheben in der Frage des Orients. Seid einig - und Italien begehrt von euch seine Zukunft; ja durch eure Einigkeit zwingt ihr Portugal, Spanien und Frankreich, einig zu sein. Seid nur ihr selbst einig - und ihr seid das erste Volk der Erde.« (S: 161.)

Aber woher diese Einheit nehmen? Wodurch soll sie erschaffen werden? »Ein Prinzip verlangt die Zeit, um die falschen Gewalten zu zerstören, neue zu schaffen und die Wahrheit zu verkünden.« Und der Schöpfer dieses Prinzips - das erkennt selbst Herr Rohmer, den man in keiner Weise einen Philosophen nennen kann - soll die Philosophie sein. »Wir alle wissen, dass nur die deutsche Philosophie den Grundstein einer höheren Zukunft uns legen kann.« (S.188.) Wir sind hiermit in das Schlusskapitel des Buches gelangt. Wie muss man hier bedauern, dass der Verf. so wenig von der Sache kennt, die er bespricht. Er will freilich nur »die allgemeine Wirkung der Philosophie auf die Zeit und die Menschen schildern«; wie soll er aber von den Wirkungen wissen, ohne das Wirkende zu verstehen? Unzählige Wirkungen der Philosophie wird er gar nicht für Ausflüsse derselben ansehen, weil seine Augen nie die Quelle erblickt haben. Als ein Zuschauer aus der Ferne macht er die sinnigsten Beobachtungen, und eröffnet uns gar manche bittere Wahrheit; das Innerste aber trifft er nirgends, und was besonders die Bedeutung der Hegel'schen Philosophie betrifft, so überlässt er sich ganz der naiv-absprechenden Unkenntnis, die wir einem grossen Teile unserer wackersten südlichen Brüder zu Gute zu halten schon lange gewohnt sind. Fichte ist ihm »ein ganz anderer und einziger Mann«, und allerdings soll »ihn die deutsche Nation ewig als einen der Retter aus tiefer Not heilig halten«; wenn aber auch Hegel freilich die Leute nicht mehr unter der Devise: Für König und Vaterland! zu einem Rachekrieg entflammt, so weiss er doch - doch wohin verirre ich mich. Soll ich mit dem Verfasser über Hegel und Philosophie, ja auch nur über die Wirkungen derselben rechten? Ich achte ihn hoch und wiederhole es, dass sein Buch allen denen eine Freude sein wird, die nicht trägen Herzens sind; aber - von jenen Dingen versteht er nichts. Wer, der z.B. nur eine Burdach'sche oder Schubert'sche Psychologie kennt, zu schweigen von der Hegel'schen und anderer aus ihr hervorgegangener, kann die Psychologie, die wir jetzt besitzen, nur für »ein armseliges Konglomerat von Notizen und Beobachtungen« ansehen, die »niemand eine Wissenschaft zu nennen den Mut haben werde?« Welche Wunderlichkeiten Herr Rohmer überhaupt unter Psychologie versteht, ist oben schon angedeutet worden. Das nennt er dann »die Lehre vom Geiste«, und erwartet von ihrer Ausführung goldene Tage. Und S.200 schreibt er der Philosophie nicht nur ihre Probleme vor, sondern auch die Resultate, zu denen sie führen müsse, die er ganz aus seinen Herzensbedürfnissen entnimmt, obgleich er kurz vorher (S.196) eine solche Scholastik nicht für Philosophie halten wollte. - Freilich hat die Philosophie und neuere Bildung nicht alle die Wirkungen, in denen

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des Verf. Wünsche erfüllt werden; aber das liegt eben an diesen Wünschen, die, wie schon gesagt, auf eine Versöhnung ausgehen ohne Entzweiung, und alte Begriffe von »Verbrüderung von Staat und Kirche, Fürstengewalt etc.« nicht sondern von neuen, oder eben nicht - radikal sind.

Leider können wir zum Schluss, wie durch das ganze Buch hindurch uns der traurigen Aussicht nicht erwehren, dass der Verf. seine prophetische Weltanschauung grösstenteils tauben Ohren predige, da diejenigen, welche von ihr begeistert zur Verwirklichung schreiten könnten, nur für eigene Gewalt und deren feste Begründung Sinn haben, ohne kosmopolitisch zu fühlen und zu wollen, die andern aber, die davon eingenommen werden sollen, bei weitem noch nicht frei genug sind von der Bedientenhaftigkeit der Gesinnung, um Ideen für mehr als ergötzliche Schwärmereien zu halten. Nur die Jugend und die jugendlichen Geister bleiben übrig, und in ihren Herzen wird diese Aussaat - das hoffen wir - so üppig aufgehen, dass das Unkraut der selbstsüchtigen Gewalthaber - und ihre Anzahl beträgt Millionen - nicht weiter wuchern kann.

Stirner.

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Gedichte

Die folgenden 6 Gedichte, die Kurt W. Fleming 1996 entdeckte (vgl. Maja Parerga: Max Stirner - ein Philosoph! Max Stirner - ein Poet? In: espero. Forum für libertäre Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. 3.Jg., Nr.6/7, März 1996, S. 10-12), sind mit »G. Edward« gezeichnet, dem gleichen Namen also, den der Verfasser des Aufsatzes »Die philosophischen Reaktionäre« gewählt hat, und der meist als ein Pseudonym Johann Caspar Schmidts (Stirners) angesehen wird. Zur Frage der Identität Schmidt/Stirner=Edward vgl. o.g. Aufsatz und die editorischen Bemerkungen in Max Stirner: Parerga, Kritiken, Repliken. Nürnberg: LSR-Verlag 1986, S.225f.

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 17. Mai. No. 58. p. 1.

Neue Bauten.

Maurergeselle,

Was regst du die Kelle?

Wohl wird's ein Lustgebäude sein?

Ich seh', du legst nicht grosse Massen ein.

»Ein Harem wird's für schöne Frau'n;

Wir bau'n, den Herren zu erbau' n .«

Maurergeselle,

Was regst du die Kelle?

Wie ungern fügt sich finstres Felsgestein?

Wer wird Bewohner dieses Hauses sein?

»Der Finsternis ein finstres Haus;

Bald gehn hier Kutten ein und aus.«

Maurergeselle,

Was regst du die Kelle?

Wie sind des Hauses Augen eng und klein?

Kaum schlüpfen kann geschmeidge Luft hinein.

»Dem freien Wort, dem kühnen Aar,

Bau'n wir hier eine Totenbahr.«

G. Edward

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Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 21. Juni. No. 73. p. 1.

Im Gebirg.

Es braust der Strom, es raucht das Tal;

Die Nebel drückt der Sonne Strahl.

Ihr Berge, morgenhell durchglüht,

Singt laut mir nach das freie Lied:

Wach auf, du deutsches Volk!

Doch lebensvoll der Nebel wallt;

Will er sich formen zur Gestalt?

Sich, eine Jungfrau wunderbar

Mit blauem Aug und goldnem Haar. -

Wach auf, du deutsches Volk!

Zum Wanderer blickt das Auge hin,

Und eine Träne glänzt darin.

Wer bist du, hehre, holde Maid,

du Götterbild im Sonnenkleid? -

Wach auf, du deutsches Volk!

»In Deutschlands Eichwald ward ich gross,

Wuchs mächtig in dem deutschen Schoss.

Ich heisse Freiheit, bin verbannt

Aus deutschem Sinn, aus deutschem Land.«

Wach auf, du deutsches Volk!

Du bist nicht mehr verkannt, verbannt.

Der deutsche Sohn hat sich ermannt,

Der dich im freien Liede preist,

Das bald auch fort zu Taten reisst.

Wach auf, du deutsches Volk!

Doch sieh, es schwand das hehre Bild,

Der helle Tag die Täler füllt.

Ihr Berge, morgenhell durchglüht,

Singt laut mir nach das freie Lied:

Wach auf, du deutsches Volk!

G. Edward

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Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 5. Juli. No. 79. p. 1.

An eine Mutter.

Wie die Blume, zu der Quelle

Sanft die Krone niederneigend,

Sieht ihr Bild im Glanz der Welle,

Still in ihrem Glücke schweigend;

Schaust du, schöne Mutter, milde

Lächelnd auf den Knaben nieder,

Siehst du wie im Spiegelbilde

Treu Dein eignes Wesen wieder.

Wachend über seinen Schlummer

Scheuchest du Fliegen, böse Träume.

Lieberfüllt in Freud' und Kummer

Sind des Mutterherzens Räume.

Deine Seele lässt das Ringen

Seines Lebens schon dich ahnen; -

Fühlt der Vogel seine Schwingen,

Sucht er seine eignen Bahnen.

Ach, dann wirst du nicht die Schmerzen

Des geliebten Kindes wehren,

Wenn dereinst an seinem Herzen

Leidenschaft und Kummer zehren;

Denn in keine Welt voll Frieden

Hast den Liebling du geboren; -

Glücklich ist, wer jetzt hienieden

Hat ein gutes Schwert erkoren.

Holde Mutter, nenne leise

Schon dem Kind der Freiheit Namen!

Dieses Klanges grosse Weise

Streu ins Herz als guten Samen!

Flöss dem Kinde ein, dem Knaben

Zu der Freiheit heisse Liebe!

Tief im Herzen eingegraben

Sprossen dann die edlen Triebe,

Dass der Mann, von feiger Blindheit

Ferne, für die Freiheit ringe,

Die ihm naht als Geist der Kindheit

Auf der Mutterliebe Schwinge.

Nicht um Fürstengunst zu knieen,

Sei die Frucht er deines Leibes;

Freie Männer zu erziehen,

Ist die Göttlichkeit des Weibes.

Weinst du? ja vor Freuden weine!

Nicht für Künftiges furchtbefangen

Sieh! es lächelt hold der Kleine,

Rosen blühn auf seinen Wangen;

Mag in unbewusstem Triebe

Ahnungsvolle Träume haben.

Gott der Freiheit! Gott der Liebe!

Schütz' die Mutter und den Knaben.

G. Edward

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Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 13. August. No. 96. p. 1.

Wasserfahrt.

Wir sassen auf schwankem Kahne

Im rosigen Abendschein;

Es lag das Ruder müssig,

Die Fähre trieb allein.

Die fichtenbekrönten Felsen

Beschatteten weit den See;

Es schlich aus den Gebüschen

Das schlanke, flüchtige Reh.

Der schaffende Geist der Erde

Umweht' uns still und gross

Mein Haupt lag sanft gebettet,

O Liebchen, in deinem Schoss.

Ich blickte zum Äther träumend -

Da tagte der Sterne Licht -

Sah zwischen Himmel und Erde

Dein süsses Angesicht.

G. Edward

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Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 27. August. No. 102. p. 1.

Abschied.

Es rollen die Räder, es schallet der Huf;

Es geht durch die Auen mit raschem Lauf.

Der Postillon weckt mit des Hornes Ruf

Den schlummernden Morgen vom Traume auf.

Ich schaue zurück, wo dem duftigen Flor

Entsteigen die Türme der alten Stadt;

Sie ragen als letztes Zeichen empor,

Als letzter Trost, den mein Auge hat.

Dort sitzest du, Holde; im Auge schwebt

Die heisse Träne, und fällt in den Schoss;

Der letzte Kuss auf der Lippe noch bebt,

Du fühlst noch den Arm, der dich liebend umschloss.

Es rollen die Räder, es schallet der Huf,

Und immer weiter führt es mich fort.

Du goldene Welt, die die Liebe sich schuf,

Schwebst fern, wie der duftige Nebel dort.

G. Edward

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Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Donnerstag den 29. Septbr. No. 116. p. 1.

An die Geliebte.

Komm, nimm die Zither,

Sing mir ein Lied!

Weil ein Gewitter

Durch die Seele mir zieht.

Lass es nur rauschen,

Wie der Wind im Baum,

Lass stille mich lauschen

Blendendem Traum!

Liebchen, o singe.

Es throne das Recht,

Freiheit durchdringe

Der Menschen Geschlecht.

Deine Lippe wenn singet,

Tönt es so hold,

Selbst Täuschung klinget

Wie der Wahrheit Gold.

G. Edward

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Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. V. Jg. 1842. Donnerstag den 15. Februar. No. 19. p. 75.

Korrespondenz

Berlin, den 29. Jan. 1842.

Jüngst brachte einer unserer Geistlichen - da seinesgleichen keine Seltenheit sind, so tut sein Name nichts zur Sache - in einer Predigt die Klage vor, dass er sich in seinem christlichen Bewusstsein beschwert fühle, wenn er einen geschiedenen Mann oder eine geschiedene Frau zu einer neuen Ehe einzusegnen habe. Jetzt zwar leide er durch das Gesetz noch Zwang, »aber«, mit diesen Worten schloss er, »wir hoffen und harren!«

Darf man dem Manne Unrecht geben, ihm, der als christlicher Prediger an die Norm der Bibel gewiesen und ihrem göttlichen Worte verpflichtet ist? Sagt nicht im Evangelium Matthäi (XIX, 9) Christus ausdrücklich: »Wer sich von seinem Weibe scheidet (es sei denn um der Hurerei willen), und freiet eine andere, der bricht die Ehe. Und wer die abgescheidete freiet, der bricht auch die Ehe.« Und wenn nun gar sowohl Lukas (XVI, 18), als Markus (X, 11 f) nicht einmal vom Ehebruch als einem Scheidungsgrunde etwas wissen, dann mögen wohl die Schriftgelehrten unserer Tage durch allerlei Deutung und Auslegung sich aus der Schlinge zu ziehen und ihr Gewissen zu kühlen verstehen - ein wahrer Apostel des Herrn aber, der, wie wir in der »christlichen Sonntagsfeier« erinnert werden, gar wohl weiss, dass, so »jemand das ganze Gesetz hält und sündigt an einem, der ist's ganz schuldig« - wird nicht klügeln und deuteln an dem göttlichen Worte, sondern halten die Gebote. Er kann sie aber nicht halten, ohne sein Amt zu verlieren. Die Alternative ist: Gott gehorchen oder - den Menschen! Der arme Wurm, der gehorchende Diener, müsste vergehen in dieser entsetzlichen Not, wenn ihm nicht ein Ausweg bereitet wäre durch die - Schwäche seines Charakters. Er dient - damit ist sein Gewissen beruhigt! - den Menschen einstweilen, um Gott künftig und unter günstigeren Umständen zu dienen: er »hofft und harrt.« Mitunter aber fasst er sich ein Herz, und sagt's den Gewaltigen wenigstens, dass er - »hoffe und harre.« Str.

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. V. Jg. 1842. Dienstag den 1. März. No. 25. p. 99/100.

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Korrespondenz

Berlin, im Februar 1842

Dass durch das Zensur-Zirkular die Fesseln der Presse, den ausgesprochenen Grundsätzen nach, erleichtert werden sollen, erfreut natürlich die Wohlmeinenden. Im übrigen Deutschland und in Sachsen z. B., wo man längst das hat, was uns hier geboten wird, muss indes manche Äusserung dieser Freude auffallen. So hat in der Spener'schen Zeitung (19. Febr.) der Kriminaldirektor Hitzig den königl. preuss. Beamten Rat erteilt, wie das Geschenk auf's vorteilhafteste zu gebrauchen sei. Diese erste Sorge geht aber dahin, den »fremden« Blättern recht vielen Abbruch zu tun. Damit meint er aber andere deutsche! Diese fremden Zeitungen, heisst es, enthalten fast lauter Lügen, die ihnen »unwissende Korrespondenzler« zuschicken. Darum, ihr preussischen Beamten, lasst euch ein wenig von der strengen Pflicht des Amtsgeheimnisses entbinden und schickt eure »beschlossenen Sachen« den hiesigen Redakteuren bei Zeiten zu, damit sie den »fremden« Blättern zuvorkommen. Allein, wem ist denn viel an den trockenen Aktengeheimnissen gelegen, wenn sie nicht durch freimütige Betrachtung in Fluss gebracht werden? Das gerade fehlte seither. Wer sucht in den »fremden« Zeitungen nach solchem dürren Holze? Nein, weil in diesen Geschichten, wenigstens zuweilen, Geist gebracht wird, darum sucht und liest man sie gerne. - Auch von Rebenstein sind soeben »Einige Worte« über das Zensur-Zirkular erschienen. Ich glaube aber, dass man nur dazu sagen kann, es sei gut gemeint. -

Eine Frommtuerin ist dieser Tage hier als Diebin eingezogen worden. Sie wusste gleich gut zu beten und Edelsteine auszubrechen. Da sie aber zuletzt sich auch an gemeines Geld wagte, so nahm sich die Polizei der düpierten hohen und höheren Herrschaften an. Die höchst gebildete junge Dame war uns aus Hannover zugekommen und hatte die Rolle einer feinen Engländerin

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vortrefflich zu spielen gewusst. Sie amalgamierte ihren eigenen Namen mit dem einer Hereford und war bereits zu der ehrenvollen Stellung einer Vorleserin der ... ausersehen, als sie das Unglück traf, unserem altfränkischen Aberglauben zu verfallen, der noch immer darauf hält, dass der Diebstahl jeden Menschen schände. Sie hätte sehr zufrieden sein sollen, ihr Englisch so gut anzubringen. Jedenfalls hatte sie damit mehr Glück als der englische Juden-Missions-Prediger Pauli, der seit einiger Zeit in seiner Wohnung in der Alexanderstrasse die wärmsten Bekehrungspredigten in englischer Sprache hält!

Wer dürfte jetzt von hier aus einen Brief schreiben, ohne Liszt zu erwähnen? Er ist in die Akademie aufgenommen, und wurde kürzlich von dem Potsdamer Husarenregiment festlich bewirtet. Der Voraussetzung nach konnte bei diesem Diner nur Liszt als einziger Zivilist erscheinen. Ihm hatte sich aber eine bekannte Klette angehängt, die sich von jeher an jede Notabilität gehäkelt hat, an Hegel, an die Sonntag, an Schelling u.s.w. Die Gesellschaft nahm den Begleiter mit Befremden auf, konnte ihn jedoch als Liszts Gast nicht zurückweisen, und musste sich sogar von ihm den ersten Toast gefallen lassen, der ohngefähr folgenden geistreichen Ff-Stil und Sinn hatte: »Wie einst Ziethen aus dem Busch mit List die Feinde besiegte, so siegt jetzt Liszt u.s.w.«

Jüngst ging ich einmal während des Gottesdienstes durch die Strassen der Hauptstadt. Überall herrschte Stille, die Läden waren geschlossen, die Schaufenster sittsam verhangen; an einem Bilderladen verriet sich jedoch, dass der Berliner auch gern sein Fäustchen in der Tasche macht. Alle Bilder waren nämlich durch einen Vorhang verdeckt und ganz oben nur guckte eine Hälfte des spekulativen »Berlin bei Nacht« hervor.(1) Str.

[(1) »In Berlin«, so informiert eine Mitteilung in der »Eisenbahn« (Nr. 14, 5. Februar, 1842, p.56), »wurde um Weihnachten 1842 ein Bildchen verkauft und vielfach gekauft: >Berlin bei Nacht, vom dustern Keller aus gesehn<, auf dem man nichts als eine schwarze Fläche sah.« Das Bild spielt auf den Tag an, »an welchem es wegen Mangel an Illumination sehr finster in Berlin war ...«.]

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. V. Jg. 1842, Sonnabend den 12. März. No. 30. p. 120.

Korrespondenz.

Berlin, im März.

(Pusey - Liszt - W.Alexis und das Lesekabinett - Literarische Nova.)

Die Puseyisten fachten neuerdings in der rechtgläubigen englischen Kirche die Flamme des Haders und eines echten Theologen-Gezänkes an, und es wird vielen interessant sein zu erfahren, dass der Urheber jener Oxfordischen Unruhen, Pusey(1), ein Schüler unseres frommen Neander(2) ist und als ein rühriger Mann dem empfangenen »Steine des Weisen« - Leben zu geben wusste. - Die aus den Zeitungen bereits bekannte Abreise Liszts, der hier mehr als irgendwo gefeiert worden ist und besonders die Herzen der Damen und der Studenten völlig einzunehmen gewusst hat, fand am 3. d.[M.] unter Zulauf von Tausenden, mit einem glänzenden Komitat der Studenten nach dem nahegelegenen Friedrichsfelde, statt, wo der Besitzer ihm und seinen Begleitern ein Fest des Abschieds gab. Wir haben da wieder gesehen, was hier die Massen auf die Beine bringt. - Der eigentliche Besitzer des Berliner Lesekabinetts, Dr. Häring (Willibald Alexis), ist Buchhändler geworden und wird mit ersterem Institut eine Verlags- und Sortimentsbuchhandlung verbinden, unter der Firma: »Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts.« Auf diese Weise werden mehr Bücher und Broschüren ausgelegt werden können, als dies bisher der Fall war, und der Kreis der Leser, der doch allmählich zu fühlen anfängt, dass man mit bloss gelehrter Literatur weit hinter der Zeit zurückbleiben kann, wird sich durch jene Einrichtung hoffentlich vergrössern. - Von hiesigen literarischen Novitäten ist zuerst anzumerken: »Preussen, seine Verfassung, seine Verwaltung, sein Verhältnis zu Deutschland. Von Bülow-Cummerow.« (Berlin 1842, bei Veit u. Comp.). Freimütigkeit zeichnet das Buch in hohem Grade aus, so dass viele Eingeschüchterte befürchteten, es werde demnächst verboten werden. Allein der König hat selbst schon ein Prachtexemplar des Buches erhalten und gegen den Verfasser noch nicht die mindeste Unzufriedenheit geäussert. Herr v. Bülow-Cummerow ist ein reicher pommer'scher Gutsbesitzer und, wie es heisst, nur darum nicht Landtagsabgeordneter geworden, weil er auf eine Virilstimme Anspruch zu haben behauptet. Auch mag bei dem praktischen Manne noch ein anderer Grund mitgewirkt haben, wenn einer Anekdote zu trauen ist, die sich hier nicht mitteilen lässt. Die ausgezeichnetsten Partien seines Buches sind unstreitig in der Abteilung »über die Verwaltung« zu suchen. - Eine Schrift: »Die Not der Kirche und die christliche Sonntagsfeier. Ein Wort des Ernstes an die Frivolität der Zeit« (Berlin 1842)(3) wird der evangelischen Kirchenzeitung eine bedenkliche Stunde gemacht haben. Und was soll man dazu sagen, dass selbst eine verbotene Schrift in dem Schriftchen nicht nur erwähnt, sondern sogar exzerpiert wird?(4) Unwillkürlich kommt einem der Gedanke: Wie würde die Zensur darüber hergefahren sein, wenn in einem freisinnigen Buch ein solches verbotenes Buch mit Titel aufgeführt worden wäre! So einem Eiferer für den Herrn geht das aber für genossen hin.

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[(1) Edward Bouverie Pusey (1800-1882), englischer Theologe, der sich 1834 der sogenannten Oxfordbewegung anschloss, einer religiösen Bewegung, die mit ihren »Tracts for the Times« eine Erneuerung der Kirche von England anstrebte (Rückbesinnung auf das katholische Erbe, Betonung der sakramentalen und liturgischen Elemente, Loslösung von der staatlichen Bevormundung).

(2) Johann August Wilhelm Neander (1789-1850), einer der führenden Neupietisten und Professor der Kirchengeschichte in Berlin. Das Christentum verstand er als eine himmlische Kraft, die das Natürliche durchdringt und zu einem höheren Leben umformt.

(3) Die im Verlag Hermes erschienene anonyme Schrift stammt von dem Berliner Journalisten Ludwig Buhl, dem Herausgeber der Zeitschrift »Der Patriot«; Buhl war einer der sogenannten Freien um Bruno Bauer und ein guter Bekannter Stirners.

(4) Anspielung auf Stirners »Gegenwort«, das am 3. Februar 1842 polizeilich verboten wurde.]

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. V. Jg. 1842. Dienstag den 12. April. No. 43. p. 171/172.

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Eine Zeitfrage

Sabbat und Sonntag, oder Die christliche Sonntagsfeier. Eine Zeitfrage erörtert von Dr. Jachmann. Königsberg 1842.

Diese Frage wird in unserer Zeit freilich verhandelt, aber eine rechte Zeitfrage, d.h. eine Frage, auf welche die Zeit eine entscheidende Antwort erst noch zu geben hätte, ist es schwerlich. Worüber die Menschen so ins Reine gekommen sind, dass sie ihre ganze Lebensreise danach eingerichtet haben, darin lassen sie sich nicht mehr irren. Inzwischen gibt es doch auch noch Bedenkliche und Ungewisse, und für sie, für die Befangenen, hat Dr. Jachmann die verdienstliche Mühe übernommen, auf Veranlassung einer in Königsberg von Herrn Detroit gehaltenen Predigt den Nachweis zu geben, dass man sich zur Rechtfertigung einer strengen Sabbatsfeier weder auf Christi Lehren noch auf die Geschichte des Christentums berufen könne. Er liefert eine kurze Geschichte des Sonntags, worin es unter anderem heisst (S.11): »Erst die Kaiser Gratianus und Theodosius verboten die Schauspiele am Sonntag, aber nur aus dem Grund, weil es damals nur heidnische Schauspiele gab, an denen die Christen allerdings Anstoss nehmen mussten. Allmählich versanken jedoch die Christen seitdem in eine so unfreie Werkheiligkeit, dass sie im siebten Jahrhundert sich nicht mehr erlaubten, am Sonntag zu reiten, zu fahren, zu schiffen, zu baden, selbst Brot zu backen; sie konnten in dieser Beziehung recht gut für Juden gelten, über die sie sich doch unendlich erhaben dünkten.« - Wer also Gefahr läuft, durch den Vorwurf, als seien wir bei unserer laxen Sonntagsfeier Sünder gegen unsere Religionslehren, in seinem bisherigen Verfahren irre gemacht zu werden, der findet den nötigen geschichtlichen Trost und die Mittel zur Abwehr in der angeführten Broschüre. Auch tut es in unserer beweissüchtigen Zeit allerdings sehr Not, dass man besonders wider diejenigen mit Gegenbeweisen sich waffne, welche uns mit geschichtlichen Tatsachen geschlagen zu haben meinen, so oft sie ihre Theorien und Anmassungen auf die Haarbeutelzeit zurückführen. Ihnen gehen dann andere zur Seite, die in den grauen Jahrhunderten der ersten Zeiten die Norm für alles finden, und die z.B. die Aposteltage für alle Ewigkeit festhalten möchten, ohne der darauf folgenden geschichtlichen Entwicklungen zu achten. Trachtet man den Absolutismus zu rechtfertigen, so benutzt man die Geschichte zu dem Beweis, dass er schon lange bestehe; will man die geheiligte Macht der Bischöfe begründen, so lässt man sie in ununterbrochener Reihenfolge Abkömmlinge der Apostel sein; will man den Sonntag recht heilig machen, so entwirft man ein rührendes Bild von der Frömmigkeit unserer Vorderen. Gegen alle solche Geschichtsverunstaltungen, von bornierten oder intriganten Köpfen zum Heil ihrer »guten Sache« ersonnen, muss man sich einer redlichen Unbefangenheit in Betrachtung der Geschichte versichern, wie sie für den hier in Frage gestellten Gegenstand, die Sonntagsfeier, bei Jachmann anzutreffen ist. Es wird dann auch nicht fehlen, dass der Pfeil auf den falschen Schützen zurückprallt, und der Verfasser sagt S.17 ganz mit Recht: »Kehren wir auch einmal die Sache um, suchen wir den Grund der Unkirchlichkeit in den Anklägern und nicht in den Angeklagten, in den stolzen Anschuldigern und nicht in den armen Angeschuldigten. Diese Anschuldiger sind diejenigen, die uns immer und ewig die alten und veralteten Lehren einer unverständlichen Orthodoxie von den Kanzeln herab predigen, die uns immer mit Hölle und ewiger Strafe drohen, als ob sie Satans Geheimräte wären; die nicht die Liebe verkündigen, sondern den Hass; die absichtlich in den geradesten Gegensatz zu unserer jetzigen Bildung treten und es vergessen, dass wir nicht in Jerusalem und an den Ufern des Jordan leben; die es leugnen, dass unsere tiefere und allgemeiner verbreitete Erkenntnis auch eine andere Befriedigung religiöser Bedürfnisse heischt, als dem sechzehnten oder dem ersten Jahrhundert genügte; die aus der Welt die Freiheit des Gedankens verbannen möchten,

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weil sie selbst nicht einmal die Freiheit des Wortes kennen. Dies der ganz einfache Schlüssel zu dem Rätsel, dessen Lösung ihr von England erwartet, von England, das noch nie ehrlich mit dem Ausland verfahren ist.« - Um nicht durch weitere Auszüge den Leser zu der Meinung zu verleiten, als habe er damit die Hauptsache des Schriftchens, enthalten wir uns lieber aller Anführung und wünschen vielmehr, dass jeder das ganze lese.

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