Nr. 143. 24. Juni 1848.
Dass die Landkarte Europas in naher Zukunft ein anderes Aussehen
haben wird, als sie seit der diplomatischen Einteilung dieses
Weltteils gehabt hat, unterliegt keinem Zweifel; die Schöpfungen
der Diplomatie gehen ihrem Untergange entgegen. Welche neuen Gestaltungen
sich aber bilden und durch welchen Einteilungsgrund sie bestimmt
werden, das ist vor der Hand noch eine Sache der Vermutung oder
der Prophetie. Indes sind es doch wiederum die Menschen, die je
nach ihren Gedanken und Interessen die künftigen Verhältnisse
vorbereiten und darauf hinwirken, dass sie so ausfallen, wie sie
ihnen entweder am vernünftigsten oder am zuträglichsten
und wünschenswertesten erscheinen; aus den Plänen und
Hoffnungen, welche die Menschen über die Zukunft fassen,
gehen ihre Bestrebungen hervor, und diese haben immer auf die
Bildung der zukünftigen Dinge mehr oder weniger Einfluss.
Jetzt ist z.B. der Plan eines einheitlichen Deutschlands im Schwunge
und erfüllt viele deutsche Seelen mit süssen Hoffnungen,
ja wohl gar mit Träumereien von einem altfränkischen
Kaisertum. Die Frage lässt sich nicht mehr umgehen und es
ist deshalb wichtig zu sehen, in welcher Weise sich verständige
Männer über die zu erwartende Zukunft Europas auslassen.
Einen solchen Beitrag zur
»Reorganisation« Europas liefert ein kleines anonymes
Schriftchen »Polen, Preussen und Deutschland,« von dessen
Entwürfen ich es der Mühe wert halte, einige Kenntnis
zu geben.
Der Föderalismus ist eine höhere Form des Völkerlebens
als der Zentralismus. Denn die Föderation kann sich, wo es
not tut, namentlich in den Beziehungen nach aussen, zeitweilig
konzentrieren, so dass sie dann einer Zentralgewalt gleichkommt;
die Zentralisation aber kann nicht umgekehrt eine föderative
Gestalt annehmen. Der Föderalismus ist die Verfassungsform
der neuen Welt und der Zukunft. Was insbesondere Europa betrifft,
so muss Russland von demselben geschieden werden; Russland, ein
ausschliessliches Flachland, charakterisiert durch die Wolga,
welche dem asiatischen Steppengebiete zuströmt, gehört
nicht zum eigentlichen Europa und muss als ein besonderes Mittelstück
zwischen Europa und Asien angesehen werden. In dem eigentlichen
Europa liegt Deutschland in der Mitte, und darum kommt ihm auch
das Mittleramt zu, und zwar ausdrücklich nicht ein Herrschertum,
sondern nur ein Mittleramt, welches sich nach den Ideen eines
mehr entwickelten Bewusstseins und nach der gegenwärtigen
Lage der Dinge gestalten muss. Denn Deutschland ist kein Nationalstaat
und kann es nie werden. Ein Blick auf die Sprachkarte zeigt, wie
auf der östlichen Seite hier der Slawismus weithin bis an
das Fichtelgebirge in das deutsche Element hineintritt, dort das
Deutschtum sich längs der baltischen Küste weit über
Polen hinwegzieht, so dass es dem östlichen Deutschland wesentlich
ist sich mit slawischen Völkern zu verbinden. Gehören
denn nicht jetzt Böhmen, Mähren, Kärnten und Illyrien
zu Deutschland, und sind das nicht überwiegend slawische
Landschaften? Sie sind aber in politischer Hinsicht Glieder des
Reiches, und es gefährdet die deutsche Nation nicht, mit
slawischen Völkern in einem Hause zu wohnen, so wenig als
es unsere
Absicht sein kann und darf, die Nationalität der mit uns
verbundenen Slawenvölker zu gefährden.
Dieses Deutschland verbindet sich nach Südosten hin, dem
Laufe der Donau folgend, mit allen den Völkern und Stämmen,
welche im Gebiete diese Stromes wohnen, von Wien aus bis zum Schwarzen
Meere. Da steht also Österreich an der Spitze des grossen
Bundesstaates der Donauvölker. Die sind alle an Österreich
gewiesen, weil jedes einzeln für sich allein kein besonderes
Reich bilden kann, und weil sie mit der Zivilisation des Westens
nur durch Österreich in Verbindung stehen. Sie werden sich
an Österreich anschliessen und treu zusammenhalten, nachdem
diese beschränkten und verwerflichen Ideen der Beherrschung
des einen Volkes durch das andere abgetan sind, und jeder Teil
sich in seiner Art und Weise frei entwickeln kann.
Dieser Vergesellschaftung der Donauvölker, welche durch Österreich
mittelbar mit dem gesamten Deutschland verbunden sind, wird nach
Nordosten hin ein baltischer Bruderstaat entsprechen. Denn, soweit
die baltische Küste deutsch ist - und der reicht nördlich
bis zur Narwa - so weit sind auch die Hinterländer auf eine
engere Union mit dem nordöstlichen Deutschland, d. h. mit
Preussen hingewiesen, wodurch ihnen allein die Verbindung mit
der westlichen Zivilisation eröffnet wird. Zwischen Düna,
Niemen, Weichsel, Oder und den Landschaften der mittleren und
unteren Elbe gibt es nirgends eine erhebliche Naturgrenze. Völker
und Staatengrenzen haben sich auf diesem Gebiete unaufhörlich
verschoben und verrückt; fortwährend hat man hier freundlich
oder feindlich miteinander zu schaffen gehabt, und alles ist hier
aufeinander hingewiesen. Daraus muss denn ein baltischer Bundesstaat
hervorgehen, bestehend aus Preussen, Polen, Litauen Kurland und
Livland, ein Bundesstaat, der sich durch Preussen mittelbar an
das gesamte Deutschland anschliessen wird.
So werden also Österreich und Preussen je ein Hauptglied
des deutschen Föderativkörpers bilden, und das dritte
Hauptglied sind die übrigen deutschen Staaten zusammengenommen.
So wird von dieser deutschen Mittlerschaft aus das System der
abendländischen Völker, einst im Mittelalter im Geiste
der damaligen Zeit durch die Kirche, durch die Einheit in Kultur
und der Lehre zusammengehalten, wiederum zu einer lebendigen Einheit
erstehen, im Geiste der Zeit durch eine gemeinsame Zivilisation
verbunden, und durch einen gemeinsamen Weltberuf. Davon ist Russland
ausgeschlossen und wird fortan alles Einflusses auf die Angelegenheiten
der europäischen Völker entkleidet - eines Einflusses,
der sich so verderblich erwiesen und der auch nur aufkommen konnte
durch unsere eigenen Zerwürfnisse und durch die Ideenlosigkeit
der Zeit, die sich nicht über eine schale Kabinetts- und
Gleichgewichtspolitik zu erheben wusste. So nur konnte ein Barbarenreich
zu diesen sinnlosen Prätentionen kommen, ein Wächter
an dem Heiligtum der Zivilisation sein zu wollen und in den Amphiktyonen
Europas das grosse Wort zu führen.
Es handelt sich darum, ob Asien europäisch, oder Europa asiatisch
werden soll. Und damit dieses letztere nicht geschehe, darf es
kein Panslawenreich geben, sondern müssen sich die vorderen
Slawenvölker an das westliche Europa anschliessen. Russland
hat das mongolische, das asiatische Prinzip in sich aufgenommen;
die Donauslawen und Polen aber haben den ursprünglichen slawischen
Typus bewahrt, das Prinzip der individuellen Freiheit in sich
lebendig erhalten und gehören deswegen zu dem eigentlichen
Europa. Sie müssen daher sich an Deutschland anschliessen,
um ein Übergangsgebiet zu bilden für den europäischen
Geist. Und zu dem Zwecke muss der Föderativstaat der Donauvölker
und der baltische Föderativstaat gebildet werden.
Der südöstliche Föderativstaat besteht im Grunde
schon,
während sich der baltische erst bilden muss. In dem grossen
österreichischen Föderativstaat der Donauvölker
werden die Donauslawen sämtlich eintreten und mit ihnen auch
die Walachen, welche gleichfalls in das abendländische Völkersystem
und nicht in das russische oder asiatische gehören. Nur diejenige
Richtung, welche der Donaustaat gegen Süden hat, unterliegt
jetzt harten Zweifeln. In Italien ist das Nationalitätsprinzip
mit Macht hervorgebrochen, Italien hat sich erhoben. Die Entscheidung
des grossen Kampfes wird nicht lange auf sich warten lassen. Für
den Augenblick ist man für eine gründliche Untersuchung
dem gewaltigen Eindruck des Moments preisgegeben. Gibt es doch
nicht Wenige, welche die nahe Auflösung der gesamten österreichischen
Monarchie in Aussicht stellen, die nach ihrer Meinung nur ein
äusserliches, naturwidriges Aggregat ganz unzusammengehöriger
Länder sein soll. Und in der Tat, die Verhältnisse sind
augenblicklich verwickelt, die Aufregung ist allgemein; aber Österreich
wird die Probe siegreich bestehen. Zweimal haben die Türken
vor Wien gelegen, und zweimal ist Napoleon in die Kaiserstadt
eingezogen, und doch hat sich Österreich immer wieder erhoben.
Solche Stürme hat der alte Kaiserstaat bestanden, also muss
es doch wohl ein tieferes Prinzip geben, welches diese Monarchie
zusammenhält, die eine grundwesentliche Stellung in dem heutigen
Staatensystem einnimmt. Ungarn ist mit den deutschen Erbstaaten
unauflöslich zusammengewachsen. Sehen wir nur auf die Sprachkarte.
Da zieht sich die slawische Bevölkerung durch Böhmen
und Mähren in einem breiten Gürtel in das nördliche
Ungarn hinein. Und eben so ist es im Süden, wo sich von Kärnten
an durch das südliche Steiermark und Illyrien ebenso das
slawische Element durch Kroatien und Slawonien in das südliche
Ungarn verbreitet. So ist Ungarn wie durch zwei Klammern an die
deutschen Erbstaaten gebunden; und diese hinwiederum sind alle
durch tausendfache Bande mit
dem Erzherzogtum Österreich vereint. Wie sich um die Altstadt
Wien die Vorstädte herumlagern, so lagern sich die österreichischen
Länder um das Erzherzogtum und finden alle in der Kaiserstadt
ihren Vereinigungspunkt. - Österreich ist in der Tat der
Donaustaat; denn die Donaulande bilden den Kern. Aber es
gehören noch zwei Seitenflügel dazu, und das sind Böhmen
und ein Teil von Oberitalien. Böhmen ist für
Österreich unentbehrlich, denn durch Böhmen berührt
es das nördliche Deutschland, nimmt Teil an dem Gebiete der
Elbe, und die Elbe weist auf die atlantische Welt hin. Diese Beziehung
darf Österreich nicht fehlen. Wie aber Böhmen der nördliche,
so ist die Lombardei der südliche Seitenflügel, und
die Verbindung Österreichs mit Italien beruht auf tiefen
Gründen.
Österreich hat hier die Erbschaft des alten deutschen Kaisertums
übernommen, welches nie von Italien lassen konnte. Das erste
Auftreten der Germanen waren ihre Züge nach Italien. Diese
Züge haben sich seit zwei Jahrtausenden fortwährend
wiederholt und werden in veränderter Form immer stattfinden,
eine Verbindung mit Italien wird irgendwie immer bestehen. Das
deutsche Volk als ein universales Volk muss den europäischen
Süden berühren, es muss den Boden der altklassischen
Welt berühren. Und ebenso bedarf dieser altklassische Boden
Deutschlands. Man lasse sich nicht durch das Aufbrausen des Nationalgeistes
blenden. Dieses leichtbewegliche Volk, welches heute den Deutschen
Tod schwört, wird sie vielleicht morgen selbst herbeirufen.
Jetzt grade, meinen die Italiener, sei der rechte Zeitpunkt zur
Errichtung eines Nationalreichs. Und ganz dasselbe hat vor mehr
als dreihundert Jahren schon Machiavelli gesagt; er hat sich damals
getäuscht, und man wird sich jetzt täuschen. Eine italienische
Republik oder ein italienischer Föderativstaat wird nie von
Dauer sein, wenn es augenblicklich dahin kommen sollte. Italien
ist kein politisches Land. Der grosse Dante selbst hat
es seinen Landsleuten gesagt, dass sie Deutschlands bedürfen.
Und die Italiener sind noch dieselben, die sie damals waren.
Der österreichische Föderativstaat wird also bestehen
und die Trennungsgelüste werden verschwinden. Denn man verwechsle
nicht Österreich mit der Metternich'schen Politik, mit dem
Stabilismus und dem Polizeiregiment der gestürzten Regierung,
welche Österreich so unbeliebt gemacht hat.
So gewiss aber der österreichische Föderativstaat bestehen
wird, so gewiss wird sich der baltische Föderativstaat bilden.
Polen muss mit Preussen in eine Union treten, dem einen und selbigen
König huldigen, der abwechselnd in Berlin und in Warschau
residieren wird. Denn die Errichtung eines eigenen Polenreiches
ist mit unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft.
Erstlich müssten die Polen, um ein besonderes Reich zu bilden,
die Küste gewinnen, und dazu wäre ein Krieg zwischen
Polen und Preussen unvermeidlich. Beide, getrennt, müssten
sich gegenseitig aufreiben. Das eigene Interesse Polens fordert
aber, dass es Frieden mit Preussen habe, weil es nur durch Preussen
mit der Zivilisation des Westens verbunden ist. Sodann würde,
was immer man für eine Regierung in Warschau errichten möchte,
diese von den Parteien als eine bloss faktische Macht angesehen
werden, die man jeden Augenblick wieder zu stürzen bereit
ist. Darum erfordert es die Wohlfahrt Polens, sich an eine bereits
bestehende und befestigte Regierung anzuschliessen, und nur die
Verbindung mit Preussen kann Polen vor einem Bürgerkriege
bewahren. Endlich aber fehlt den Polen das bürgerliche Element,
was sie durchaus nicht entbehren könnten, wenn sie ein eigenes
Reich unter den Formen der westlichen Zivilisation bilden wollten.
Diese Richtung ist ihnen aber durchaus fremd, und sie würden
es darin doch nur zur Mittelmässigkeit bringen können.
Man betrachte den Zustand des polnischen Volkes und man wird zugestehen,
das sich da alle Kräfte
auf die Regulierung der agrarischen Verhältnisse, auf die
Entwicklung des Ackerbaues, auf die Veredlung des Landlebens richten
müssen; denn darin liegt allein der Keim der ganzen, sozialen,
sittlichen und geistigen Ausbildung dieses Volkes. Um aber in
dieser Richtung mit Sicherheit verfahren zu können, bedarf
Polen einer festen organischen Verbindung mit Preussen und mittelbar
mit Deutschland, um für seine überflüssigen Naturprodukte
die ihm mangelnden Manufakten eintauschen zu können. Dann
wird Polen, durch Preussen und Deutschland, mit dem System der
westlichen Völker verbunden, bei denen allen mehr oder weniger
das gewerbliche Leben überwiegt und die Agrikultur selbst
einen industriellen Charakter angenommen hat, als das einzige
wesentlich ackerbauende Volk in diesem Systeme dastehen. Und man
wird nicht sagen können: Preussen beherrscht Polen; wohl
aber: Polen hat in dem einen und selben Königtum mit Preussen
ein gemeinsames Zentrum der öffentlichen Ordnung und Organisation.
Polen als ein Reich hatte seine Bedeutung in dem Kampfe gegen
die Tartaren und Türken, gegen den Islam, es galt als eine
Vormauer der Christenheit. Dieser Kampf war damals ein Weltprinzip
und Polen, demselben dienend, war ein angesehenes Reich. Seit
Sobieski gab Polen den Türkenkrieg auf, die Türkenmacht
selbst verlor ihr Bedrohliches für Europa und mit ihr verfiel
die polnische Macht. Der ganze Fond zu einer politischen Entwicklung
ist erschöpft, der Staat als solcher gänzlich erstorben.
Was ist geblieben? Die Nation. Diese Nation bildet ein
Glied des grossen Völkerorganismus; sie hat ihre eigentümlichen
Anlagen, die sich entwickeln müssen; sie hat ihren Beruf,
den sie erfüllen muss. Aber sie kann aus sich selbst kein
neues Staatswesen hervorbringen, sie kann sich nicht allein regieren.
Wer sollte denn regieren? Der Adel? Er hat seine Unfähigkeit
hinlänglich dokumentiert, er hat sein Regierungsrecht verwirkt.
Bleibt nur der Bauernstand
übrig, denn einen Mittelstand gibt es nicht. Aber der bildet
bis jetzt nur eine wüste Masse, die man allerdings fanatisieren
kann und dann wird diese Masse vielleicht den Adel totschlagen,
oder sie wird auch die Russen, die Deutschen und die Juden totschlagen;
- aber eine geordnete politische Tätigkeit ausüben,
die Staatsgeschäfte leiten, das kann sie nicht. Sie müsste
dazu erst erzogen werden. Und eben deshalb ist eine fremde Mittlermacht
nötig, welche der ganzen Entwicklung Mass und Haltung gibt.
- Den Adel ausrotten, sagen die polnischen Aristokraten, heisst,
die Nation vernichten; denn unser Adel ist der Träger aller
unserer geschichtlichen Überlieferungen, ohne welche eine
Nation nichts ist. Und sie haben recht. Aber dieser Adel, sagen
die Demokraten, darf nicht regieren, das Volk muss erhoben werden.
Und sie haben auch recht. Allein das Volk ist blosse Masse und
zwar eine regierungsunfähige Masse. An diesem Dilemma scheitern
alle Versuche. Die früheren aristokratischen Aufstände
sind missglückt und die demokratische Bewegung wird ebenfalls
unterliegen. Darum ist eine Mittlermacht unentbehrlich. Preussen
kann und muss das Mittleramt ausüben, um die Ansprüche
zwischen Adel und Bauern auszugleichen, die Elemente der Nation
zu erhalten und zu einem neuen Leben zu entwickeln.
Deutschland kann, seinem Wesen nach, kein reiner Nationalstaat
sein; es muss sich nach der östlichen Seite hin mit fremden
Elementen verbinden. Unsere Ströme fliessen alle nach Nordwesten,
bis auf die Donau, die uns nach dem Orient hinweist. Wir haben
nur im Norden eine Küste und berühren im Süden
nur an einem Punkte das Adriatische Meer. Es fehlt uns das untere
Donauland und das schwarze Meer. Da liegt die Küste, welche
der baltischen Küste als die Gegenküste entspricht.
Das grosse Donautal bildet die Basis für das norddeutsche
und sarmatische Flachland, welches ebenso für sich unvollständig
ist. Schon im Altertum ging die Handelsstrasse vom schwarzen zum
baltischen Meere. Die müssen wir wieder herzustellen versuchen.
Der Rhein und die Donau müssen von Mündung zu Mündung
eine Handelsstrasse bilden. Dann wird auch das ganze Gebiet, welches
zwischen diesen grossen Strassen liegt, seinen natürlichen
Reichtum entwickeln. Der östliche Teil dieses Gebietes erzeugt
einen Überfluss von Naturprodukten, der westliche hingegen
Manufakte. Beide ergänzen sich. Was ist das jetzt für
ein Zustand? Unsere Fabriken stocken und unsere Arbeiter hungern;
kommen wir aber in die Donauländer und in die sarmatischen
Länder, da finden wir grosse Strecken des fruchtbarsten Bodens
unbebaut, das Volk in Lumpen gehüllt und in schmutzigen Hütten
wohnend. Also unsere Manufakte werden diese Leute bekleiden und
ihnen menschliche Umgebungen verschaffen; sie aber werden unsere
Arbeiter ernähren und dabei ihren eigenen Landbau befördern.
Ungarn erzeugt die edelsten Produkte und könnte sie in doppelter
Menge erzeugen, wenn sie nur Absatz fänden. Nun so vereinigen
wir uns doch, wobei wir noch obendrein ein ganzes Heer nutzloser
Mautbeamten ersparen! Auch Polen hat seine reichen Schätze;
aber sie werden schlecht benutzt, und das Volk ist arm und elend.
Nur allein das polnische Salz könnte in dreifacher Quantität
gewonnen und für die Gewerbe und Agrikultur verwandt werden;
Felder und Wälder könnten das Doppelte liefern; der
Handel in Hanf, Flachs, Leder, Talg und Wachs könnte einen
höheren Aufschwung nehmen. Die extremen Schwankungen der
Getreidepreise, die verderblichen Stockungen der Fabriken verschwinden;
auf diesem grossen Gebiete gleicht sich alles mehr aus: denn es
wird da nicht leicht einen allgemeinen Misswachs geben. Und da
man im östlichen Teile dieses Gebiets auf Verkauf produziert,
so wird man grosse Magazine haben, und der Ausfall eines Jahres
wird durch den Überschuss anderer Jahre gedeckt.
Es gibt keine Hungersnot mehr. Steigen dann gleichwohl die Getreidepreise,
so wird man im Osten mehr verdienen und dann mehr Manufakte des
Westens konsumieren, wodurch sich der Westen wieder entschädigt.
Jetzt ist es nicht so. Steigen die Getreidepreise, so stocken
oft zugleich die Fabriken; und das rührt daher, dass wir
kein naturgemässes Verkehrsgebiet haben.
Dies aber kann Deutschland nicht allein bilden; es kann nur durch
die Föderation gebildet werden. Also ein grosses vereinigtes
Deutschland, nach Osten hin selbst wiederum durch Preussen und
Österreich mit Föderativstaaten verbunden, und demnach
ein grosses föderatives Ländergebiet von jenseits der
Schelde bis jenseits der Düna, und von den Schweizerbergen
bis zum Pontus.
Nr. 167. 22. Juli 1848.
Es ist dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel
wachsen und es ist auch dafür gesorgt, dass nicht mehr Menschen
leben, als da Nahrung finden; aber es ist nicht dafür gesorgt,
dass nicht mehr Menschen geboren werden, als von den vorhandenen
Lebensmitteln leben können. Darum müssen die überzählig
Geborenen aus Mangel an Nahrungsmitteln sterben, sterben entweder
wie in China durch den dort üblichen Kindermord, oder sterben
wie in Europa durch Elend und Verkümmerung. Malthus hat die
berüchtigte Verhältnisberechnung zwischen der Vermehrung
der Geburten und der Vermehrung der Lebensmittel aufgestellt,
wonach jene eine geometrische, diese eine arithmetische Reihe
bildet; er hat damit die Übervölkerungsfrage so stark
hervorgehoben, dass sie seitdem nicht mehr übersehen werden
konnte, und immer von Neuem wieder auf's Tapet kam. Man fand es
unerträglich, dass die Natur,
wie es seit Jahrtausenden der Fall war, sich selbst helfe, indem
sie die überflüssigen Menschen gleich jenen Seidenwürmern,
die früher auskriechen, als die Maulbeerbäume Blätter
getrieben haben, verhungern lässt, und man wusste doch auch
kein Mittel, der Natur für den Fall einer ungehemmten Geburtsprogression
die nötige Fülle von Nährstoffen abzugewinnen.
In dieser Verlegenheit nahm man seine Zuflucht zur Moralität
der Menschen, zum moral restraint, zur moralischen Selbstbeschränkung:
man appellierte an die Entsagung.
Wie man auch über den Wert der Entsagung denken mag, der
Erfolg dieser Theorie hat wenigstens gezeigt, dass die Theoretiker
wie immer im Abstrakten stecken blieben und sich die Sache durch
ihre rigorose Zumutung nur leicht gemacht hatten. Die Menschen
wurden trotz aller Ermahnungen keine Engel und setzten nach wie
vor mit grösstem Leichtsinn Kinder in die Welt, Kinder, welche
aus Mangel an Unterhaltungsmitteln notwendig verkümmern und
nach langsamer Verhungerung eines »natürlichen Todes«
sterben mussten.
Als man sah, dass die Entsagungslehre nicht durchschlug, und die
Menschen wenig Geneigtheit zeigten, sich selbst Zwang anzutun,
dachte man daran, ihnen gegen ihren Willen Zwang anzutun. Ohnehin
waren schon unzählige Menschen, z.B. Soldaten, Gesellen,
Dienstboten u.s.w. durch ihren Stand zur Ehelosigkeit genötigt;
es durfte daher nur dafür Sorge getragen werden, dass auch
durch die Unehelichkeit keine überschüssige Volksvermehrung
entstünde. Die Theoretiker fügten also zum moralischen
Zwange - dem Malthus'schen moral restraint - den physischen
Zwang hinzu. C.A.Weinhold ist der bekannteste dieser Theoretiker.
Er ereiferte sich in den letzten zwanziger Jahren ausserordentlich
über die »Übervölkerung in Mitteleuropa«
und war ehrlich und entschieden genug, um mit seinem unbarmherzigen
Radikalmittel offen herauszurücken. Da
diese Heilmethode, die Infibulation, nur die praktische Ergänzung
zur Entsagungslehre ist, so wird es nicht uninteressant sein,
sie hier in kurzen Zügen so darzustellen, wie sie Weinhold
sich dachte und der Welt in mehreren Schriften eifrigst anempfahl.
Sie bildet das zweite Stadium der Übervölkerungsfrage.
Weinhold schliesst in einer populär-philosophischen Einleitung
seinen Rat genau an die Entwicklungslehre an; er sagt: »Es
ist letzter Zweck der Schöpfung, den moralischen Gesetzen
alles unterworfen zu sehen. So wie das Individuum für sich
selbst im Besonderen, so muss auch die ganze zivilisierte Menschheit
im Allgemeinen, welche durch weise Lehrer und Gesetzgeber über
sich selbst bereits zum wahren Bewusstsein gebracht worden ist,
mit ihrer Freiheit den Kampf beginnen gegen solche Erscheinungen
einer blossen Naturnotwendigkeit, welche sie mit den Tieren auf
gleiche Stufe stellt (die Geschlechtsfunktion nämlich); sie
muss frei sein, den rechten Gebrauch einer moralischen Freiheit
ernstlich wollen, wenn sie ihr Glück und das Glück der
werdenden Geschlechter dauernd begründen will.« Der
Unterschied zwischen der ersten und dieser zweiten Entsagungslehre
ist nur der, dass dort das Individuum die Entsagung, wenn auch
im Sinne der Menschheit oder Humanität, doch mit sich selbst
abzumachen hat, während hier »die Menschheit« das
Entsagung übende Subjekt ist; die Menschheit aber muss natürlich
die einzelnen widerspenstigen Individuen - zwingen, wenn sie nicht
freiwillig im Sinne der Menschheit leben. Man kann nicht sagen,
dass Weinhold hierin irgendwo vom sittlichen Prinzipe abweiche;
die sittlichen Mächte, wie Kirche, Staat, Gemeinde u.s.w.
unterwerfen stets diejenigen Individuen, welche sich den sittlichen
Gesetzen nicht gutwillig fügen, einem unerbittlichen Zwang,
lebenslänglicher Einsperrung u. dergl. Im Bewusstsein seiner
sittlichen Berechtigung geht Weinhold daher auch zur unverschleierten
Darlegung seines Planes fort und sagt: »Ich
schlage als eine allgemeine und dringend notwendige Massregel
eine Art von unauflöslicher Infibulation mit Verlötung
und metallischer Versiegelung vor, welche nicht anders als nur
gewaltsam geöffnet werden kann, ganz geeignet, den Zeugungsakt
bis in die Ehe zu verhindern«. Es folgt nun die Beschreibung
dieses Schlosses, dessen gewaltsame Eröffnung mit Ruten,
mit der Tretmühle, und mit hartem Gefängnis bestraft
werden soll. Diese Infibulation soll den Knaben vom vierzehnten
Lebensjahre an angelegt und bis zum Eintritt in die Ehe bei solchen
Individuen angewendet werden, welche erweisbar nicht so viel Vermögen
besitzen, um die ausserehelich erzeugten Wesen bis zur gesetzmässigen
Selbständigkeit ernähren und erziehen zu können.
»Sie verbleibe aber bei denen zeitlebens, welche niemals
in die Lage kommen, eine Familie ernähren und erhalten zu
können.« Und dieses gute Werk soll man bald beginnen
und besonders damit anfangen
1) »Dass allen Bettlern und anderen ausser der Ehe lebenden,
verarmtesten Menschen, welche sich kaum selbst, am wenigsten aber
noch ein Kind ernähren können, die Menschenerzeugung
durch Infibulation unmöglich gemacht werde.
2) Muss ebenso allen arbeitsunfähigen, an langwierigen Krankheiten
leidenden Menschen, welche bereits Almosen von den Kommunen erhalten,
die Ehe versagt und die Infibulation angelegt werden.
3) Infibuliere man sämtliche männliche Dienstboten,
Gesellen und Lehrlinge in den Städten und auf dem Lande und
gestatte ihnen die Ehe nicht eher, als bis sie imstande sind,
ausser sich auch Frau und Kinder ernähren zu können,
halte sie unter strenger medizinal-polizeilicher Aufsicht durch
öftere und unvermutete Visitationen, wegen heimlicher Eröffnung
der metallischen Versiegelung und wende im Übertretungsfalle
die angezeigten Strafen ohne alle Ausnahmen ernstlich an.
4) Alle unverheirateten Militärpersonen in den unteren Graden
werden ohne Ausnahme infibuliert.
5) Da in freien Staaten Gleichheit aller Staatsbürger vor
dem Gesetz stattfinden muss, so kann die vornehme und oft sehr
ausgelassene Jugend der Eximierten, insofern sie die Grenzen der
Sittlichkeit überschreitet, nicht befreit bleiben, sondern
wird sich mit einigen Modifikationen den gleichen Gesetzen unterwerfen
müssen.«
Solche Ratschläge konnte dieser Mann nur in dem Bewusstsein
geben, dass er dadurch das Reich der Sittlichkeit und der Vernunft
stärke. Er beschränkt mit dem gefühllosesten Sittlichkeitsfanatismus
die Freiheit, aber er beschränkt sie, »weil alles Unglück
in der Welt durch den unregelmässigen Gebrauch der Freiheit
der Menschen entsteht.« Auch waren seine Schriften dem damaligen
Zeitgeiste gar nicht fremd; er widmete sie dem preussischen Staatsministerium,
dann dem Minister Altenstein und schliesslich dem König Friedrich
Wilhelm III. selbst und sie wurden huldreich aufgenommen. Wie
sollten sie dies auch nicht? Waren sie doch die, wenn auch derbe,
so doch richtige Konsequenz des Polizeistaates, der zu
Nutz und Frommen der Menschheit die lebendigen Menschen in allerlei
Weise infibulierte.
Indes wie alle Tyrannei, wenn sie gar zu grell und handgreiflich
auftritt, dem sonst höchst untertänigen Menschen mit
einem Male verabscheuungswert erscheint, so empörte auch
diese nackte moralische Tyrannei ebendieselben Menschen auf's
äusserste, die es ganz gelassen mit ansehen konnten, dass
teils ausdrückliche Verbote mit Heiratsbeschränkungen,
teils die bittere Not vielen Millionen von Menschen das Heiraten
unmöglich machten, und dass Millionen Kinder durch den Notstand
ihrer Eltern offenbar dem Tode geweiht wurden.
Weinhold - der übrigens nicht bloss Gegner, sondern auch
Freunde in der literarischen Welt fand - konnte mit
seinen Polizeimassregeln nicht durchdringen. Aber die Not der
Übervölkerung dauerte fort, gleichviel, ob des Volkes
nur darum zu viel wurde, weil nicht Arbeit genug für dasselbe
zu beschaffen war, oder ob wirklich - was von manchen Seiten bestritten
wird - mehr Menschen erzeugt wurden, als selbst bei der vortrefflichsten
Bodenkultur Nahrungsstoffe sich erzielen liessen. Wie also der
Übervölkerung steuern, ohne entweder auf die freiwillige
sittliche Entsagung der Menschen, oder auf Polizeimassregeln sich
zu stützen?
Vielleicht vermöchte die Klugheit, meinte man, was der moralische
und polizeiliche Zwang nicht zu Wege bringen konnte. Man dachte
also auf Mittel, welche es den Menschen leicht machen sollten,
die Zahl der Kinder auf das richtige Mass zu beschränken.
Hiermit verliess die Frage den sittlichen und polizeilichen Standpunkt
und wurde zu einer Sache des individuellen Interesses. Wer den
Kindersegen in seinem Hause nicht zu seinem eigenen Verderben
überhand nehmen lassen will, der soll ihm klügerer Weise
Grenzen setzen. Ob es im Interesse der Menschheit oder des Staates
liegt, dass der Kindervermehrung nicht Einhalt getan werde, ist
für diesen Standpunkt gleichgültig; das Ehepaar kümmert
sich bloss um das Bedürfnis des eigenen Hauswesens und fasst
seinen Entschluss nach Massgabe der Privatökonomie.
Dem steht nur entgegen, dass die Gesellschaft sich jederzeit mit
allen Kräften dagegen sperrt, irgend eine Sache, in welche
sie sich gemischt hat, zur reinen Privatsache herabsinken zu lassen.
Im Geheimen mögen die Einzelnen wohl immer schon die Kinderangelegenheit
vom privatökonomischen Gesichtspunkte aus behandelt haben;
aber öffentlich will die Gesellschaft dazu nicht ihre Sanktion
erteilen. Das Ding ist delikat, wurde aber doch in Schriften unter
der Ägide der Wissenschaft gefördert.
Schon Fourier wies darauf hin, dass eine überreichliche
Nahrung, gleichsam eine Mästung, die Unfruchtbarkeit erzeuge.
Da aber die Vervielfachung der Lebensmittel, welche er der Welt
verhiess, noch im Schosse der Zukunft ruhte, so konnte dieses
Mittel dem gegenwärtigen Leiden nicht abhelfen. Loudon (Solution
du problème de la population et des subsistances) suchte
nachzuweisen, dass zwischen der Tätigkeit des Uterus und
der weiblichen Brüste ein solcher Antagonismus stattfinde,
dass das Weib während der Säugung nicht empfangen könne.
Da aber das Säugen naturgemäss drei Jahre dauern müsse,
so werde hierdurch die Empfängnis sehr beschränkt. Bischof
(»Beweis der von der Begattung unabhängigen periodischen
Reifung und Lösung der Eier der Säugetiere und der Menschen.«
Giessen 1848) sagt: »Es ist eine längst bekannte Tatsache,
dass Frauen am leichtesten unmittelbar nach der Menstruation konzipieren,
und es fehlt selbst nicht an Beispielen, dass dieses bei einigen
nur bei der Menstruation erfolgte.« Tritt also, das ist die
Folgerung, eine acht- oder vierzehntägige Unterbrechung ein,
so ist der Sexualakt unfruchtbar, und das Weib hat durch diese
Rücksichtnahme die Empfängnis in ihrer Gewalt. Proudhon
zitiert in seiner Philosophie de la Misère (II.453) das
System des Dr.G., »eines übrigens sehr rechtschaffenen
Mannes«, das System der Extraktion des Fötus, aus welchem
in Paris Chirurgen ein eigenes Gewerbe machen, und das auch sonst
von alten Weibern und Ärzten ausgeübt wird. Der Dr.G.
sucht diese Fruchtabtreibung wissenschaftlich zu verteidigen.
Endlich hat in der neuesten Zeit, die aller Heimlichkeit gram
ist und die Devise aufsteckt: »Alles für das Volk«,
Held, der Redakteur der Lokomotive, einer »Zeitung für
die politische Bildung des Volkes«, die Sache so wieder aufgenommen,
dass er sie als eine »Sache der Freiheit« verficht.
Wir halten es, sagt er, für zivilisierter, die Übervölkerung
dadurch zu vermeiden, dass die Empfängnis dem Willen der
Ehegatten unterworfen wird, als sie dadurch
zu vernichten, dass man Krieg und Seuchen herbeiruft. Denn in
dem ersteren Falle wird nur ein Leben nicht gegeben, in dem letzteren
aber wird ein bereits im Lebensgenusse stehendes Leben vernichtet.
Man wird nach dem künstlichen Mittel dazu fragen, und dabei
müssen wir denn freilich auf die Resultate der Wissenschaft
verweisen, indem wir nur bemerken, dass es - soviel uns bekannt
geworden - unter den homöopathischen Arzneikräften,
welche bekanntlich unschädlich sind, allerdings einige gibt,
durch deren Anwendung oder Nichtanwendung die Empfängnis
ganz in den Willen der Ehegatten gelegt werden kann. Ein Staat,
welcher in dem Menschen etwas anderes sieht, als »Futter
für's Pulver«, wird keinen Augenblick anstehen, die
Autorisation dazu zu erteilen. Denn eine Entvölkerung wird
dadurch schon aus dem einfachen Grunde nicht zu befürchten
sein, weil die Natur in die Brust jedes Menschen das Verlangen
nach Kindern gelegt hat. - Eine solche Lehre, mitten ins Volk
hineingeworfen, musste natürlich die grösste Anfeindung
erfahren; diese aber konnte wieder keine andere Folge haben, als
dass Held zu seiner Verteidigung die Sache noch weiter verfolgte.
Es ist, erwiderte er, bei der wissenschaftlichen Lösung eines
sozialen Problems völlig unangemessen, auf dem Boden einer
positiven Religion, eines positiven Gesetzes oder einer positiven
Sitte zu stehen. Die wissenschaftliche Forschung muss frei sein
von diesen Schranken, da sie es ja gerade ist, aus welcher erst
die Religion, das Gesetz oder die Sitte hervorgehen. Alle Einwendungen
also, welche man vom religiösen, oder sittlichen Standpunkte
aus erheben möchte, fallen hiermit von vorn herein zu Boden.
Aber noch mehr! Fassen wir den Begriff der Sittlichkeit von der
geistigen Seite auf, so wird sich die Wahrheit ergeben, dass die
höchste Sittlichkeit in der rechtlichen Ausübung der
höchsten Freiheit liegt. Was aber entspricht nun der Freiheit
und also der Sittlichkeit mehr: wenn der Mensch in dem wichtigsten
Akte seines Lebens mit der Freiheit des Willens und des Bewusstseins,
oder als Sklawe der Natur handelt? Die willen- und bewusstlose
Erzeugung stellt den Menschen in die Kategorie der unvernünftigen
Tierwelt; die willkürliche und bewusstvolle lässt ihm
seine unveräusserliche Stelle als vernünftiges Wesen
über der Tierwelt. Es ist also klar, dass die Willkür
der Zeugung dem sittlichen Prinzipe entspricht, dass sie der Menschenwürde
angemessen ist. - Was die Mittel betrifft, so behauptet Held,
dass die Wissenschaft auf dem Punkte stehe, die Mittel zur willkürlichen
Vermeidung der Empfängnis zu ergründen. Er »fordert
daher die Männer der Wissenschaft auf, dieser für die
Lösung der sozialen Frage so überaus wichtigen Materie
ihre ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden, und die Resultate ihrer
Forschungen mit derselben Furcht- und Rücksichtslosigkeit
zu veröffentlichen, mit welcher er selbst die Frage angeregt
hat.«
Dies ist der gegenwärtige Stand der Zeugungsfrage. Nachdem
sie vom Standpunkte der Menschheit aus als eine »Übervölkerungsfrage«
behandelt worden ist, ist sie nun vom Standpunkte des Einzelnen
aus zu einer »Empfängnisfrage« geworden. Die Angelegenheit
der Menschheit hat sich in eine Angelegenheit des Haushalts verwandelt.
Malthus stellte den sittlichen Menschen zum Wächter über
die Sache; dann wurde der Staat oder die Staatspolizei mit der
Überwachung beauftragt; endlich »bettet sich jeder selbst
am besten,« wobei dann natürlich eine solche Rücksicht,
wie sie z.B. Baltisch, ein Anhänger des Malthus (in seinem
Buche: »Eigentum und Vielkinderei, Hauptquellen des Glücks
und des Unglücks der Völker 1846«) gegen die Vielkinderei
geltend macht, dass »dieselbe das Übel ist, woran das
alte Europa am meisten leidet, und die Quelle der meisten Übel,
welche uns in der Völkergeschichte als Ungerechtigkeiten
erscheinen,« unbeachtet bleibt; denn nicht, dass Europa,
sondern dass ein Haushalt darunter leidet, ist auf diesem Standpunkte
entscheidend.
Allerdings wird die Gefahr der Übervölkerung von manchen
für ein blosses Hirngespinst erklärt, und der oben zitierte
Proudhon z.B. bestreitet geradezu das Malthus'sche Verhältnis
von Bevölkerungs- und Produktionsvermehrung, indem er behauptet,
der Reichtum wachse wie das Quadrat der Arbeitszahl (La richesse
croît comme le carré du nombre des travailleurs).
Allein erstens ist das eine Spiegelfechterei mit dem Worte richesse
oder Produktion, da es sich nicht um die Vermehrung der Arbeitserzeugnisse,
sondern um die der Lebensmittel, also nicht um die Produktion
überhaupt, sondern um die der Lebensmittel handelt, und zweitens
ist die Frage, ob der Menschen jemals zu viel werden können,
eine abstrakte Menschheitsfrage, deren Entscheidung dem Einzelnen
in seiner wirklichen Not nichts helfen kann. Wenn auch die Menschheit
an einem Dutzend Kinder jedes Ehepaares nicht zu viel hätte,
so könnte doch manches Ehepaar daran zu viel haben, und hat
wirklich daran zu viel, wie man sich alle Tage in seiner Umgebung
hinlänglich überzeugen kann. Dieser Widerspruch zwischen
dem, was die Menschheit (oder im Kleineren ein Staat, eine Gesellschaft),
erträgt, und dem, was ein wirklicher Mensch ertragen kann,
hat zu der oben gegebenen Entwicklung der Zeugungsfrage geführt,
die allmählich aus einer Humanitätssache zu einer Sache
des persönlichen Interesses geworden ist. Ob sie dabei gewonnen,
ob verloren hat, das ist nach einem fait accompli eine
müssige Untersuchung, wie ja überhaupt alles Moralisieren
in weltgeschichtlichen Dingen sich unfruchtbar erweist.
Nr. 177. 3. August 1848.
Das Verlangen nach Seemächtigkeit kann nur in solchen Zeiten
ernstlich aufkommen, wo der Mangel einer
Seemacht Gefahr und Not erzeugt. Hätten die Deutschen jetzt
in den nordischen Meeren auch nur eine kleine Kriegsflotte, so
würde das winzige Dänemark nicht die Küsten blockieren
und den Handel hemmen können, während sie nun fast darauf
angewiesen sind, wie jene Indianer an der amerikanischen Küste
zu verfahren, die mit einem blossen Schwerte bewaffnet, in die
See springen und den Haifisch in seinem ihm allein eigenen Elemente
angreifen, wobei natürlich der Mensch mehr Gefahr läuft
zu unterliegen als der Fisch. Und hätte Österreich seine
Flotte mehr mit Deutschen besetzt, so hätte es jetzt eine
und wäre nicht so im Gedränge. Der Wunsch nach einer
deutschen Flotte ist also im gegenwärtigen Augenblick sehr
natürlich, und wenn wir, was immerhin möglich ist, auch
noch mit Holland und Schweden in Zwist geraten sollten, so würde
sich das Bedürfnis sehr dringend herausstellen. Vielleicht
flössen dann die Beiträge, die jetzt nur spärlich
eingehen, weit reichlicher. Mehr aber noch, als durch solche freiwilligen
und - lästigen Beiträge, scheint eine Kriegsmarine dadurch
entstehen zu können, dass kühnen Männern eine Aussicht
auf reichen Gewinn eröffnet wird. Überlassen wir indessen
diesen Gegenstand kundigeren Männern. Wir wollten nur darauf
aufmerksam machen, dass den Deutschen bis jetzt beinahe alle Seekunde
fehlte, und dass die gegenwärtige Bedrängnis geeignet
ist, sie etwas mehr darauf hinzulenken. Dazu kann ihnen ein Werk
des Fregattenkapitäns R. Brommy in Athen die besten Dienste
leisten. Das Buch »Die Marine vom Fregattenkapitän R.
Brommy. Mit zwölf Abbildungen, einer Flaggenkarte und neun
Tabellen. Berlin bei A. Dunker 1848« behandelt alles, was
zum Verständnis des Unternehmens erforderlich ist, in einer
so klaren Weise, dass es auch dem wenigst erfahrenen Laien ein
lebendiges Bild des Ganzen wie des Einzelnen gewährt. So
wie es angelegt und ausgestattet ist, verschafft es namentlich
auch dem Leser von See-
romanen, wie den Kooper'schen, oder von Seereisen u. dergl. die
Möglichkeit, mittels eines angehängten Registers aller
seemännischen Ausdrücke, die im Texte ihre nähere
Erklärung finden, das Geschilderte sich deutlich vorzustellen.
Es ist also in der einen wie in der anderen Beziehung ganz an
der Zeit.
Nr. 187. 15. August 1842.
Wenn in unruhiger, zu Gewalttätigkeiten geneigter Zeit eine
Versammlung von Abgeordneten des Volkes zusammentritt, so wird
leicht die Befürchtung laut, dass die aufgeregten Massen
der Hauptstadt die Ruhe der Beratung stören, oder wohl gar
die ganze Versammlung sprengen könnten. Woher der Reiz zu
solchen Gewaltschritten? Sollte er nicht daraus entstehen, dass
der gesetzliche Weg nicht offen genug ist? Wenn die Volksmassen
eine Versammlung sprengen, so geschieht es darum, weil ihnen das
Mittel fehlt, sie im gesetzmässigen Wege aufzulösen.
Der Fürst, der eine Versammlung auflösen kann, gerät
nicht in die Versuchung, sie zu sprengen; es wäre ja unnützerweise
ein Gewaltstreich. Ebenso würde das Volk lieber das gesetzliche
Mittel, wenn es ihm freistünde, ergreifen, als das Recht
des Stärkeren gebrauchen.
In der Tat fehlt dem Volke diejenige Befugnis, welche dem Fürsten
gegeben ist, die Befugnis, eine Versammlung, wenn sie despotisch
wird, aufzulösen. Dieser Mangel hat schon zu wiederholten
Malen zur Gewaltanwendung geführt. Vielleicht könnte
ihm abgeholfen werden.
Der einzelne Abgeordnete ist nicht ein Vertreter des ganzen Volkes,
sondern der Vertreter seiner Wähler. Indem sie ihn als ihren
Vertreter in die Versammlung schicken, schenken sie ihm das Vertrauen,
dass er in ihrem Sinne und
zu ihrem Besten handeln werde. Benimmt er sich dort aber so, dass
die Wähler in ihm nicht den Mann ihres Vertrauens sehen;
erkennen die Wähler, dass sie sich in ihm getäuscht
haben, und wünschen sie eine bessere Wahl zu treffen: was
ist dann natürlicher, als dass sie wieder zusammenkommen,
und einen besseren oder wenigstens ihnen erwünschten Abgeordneten
ernennen? Es ist ihnen doch nicht zuzumuten, dass sie bei einem
Irrtum beharren sollen, der sich wieder gut machen lässt;
sie sehen ihren Fehler hintennach ein, und es ist noch nicht -
zu spät. Oder vielmehr, es wäre noch nicht zu spät,
wenn man gesetzlich die Abberufbarkeit des Gewählten feststellte.
Geschieht das nicht, müssen die Wähler für die
ganze Dauer einer Versammlung ihre teuersten Interessen einem
Mann überlassen, der sich in ihr Vertrauen einzuschleichen
gewusst hat und in dem sie später einen Unwürdigen entdecken:
so hat das Gesetz nicht, wie es behauptet, die Wahl eines Vertreters,
sondern die eines Despoten angeordnet. Denn ein Vertreter kann
er nur so lange sein, als seine Wähler in ihm ihren Vertreter
erkennen, so dass er sofort von seiner Stelle abtritt, sobald
ihm die Wähler erklären, dass sie ihm nicht mehr vertrauen
und einen anderen an seinen Platz berufen. Ein Despot hingegen
ist er, wenn er unabrufbar ist, da die Interessen seiner Wähler
ganz in seine Gewalt gegeben sind.
Eben das ist es aber, was die Menschen in einem freien Gemeinwesen
nicht wollen: sie wollen nicht, dass ihre Angelegenheiten in die
Gewalt irgend eines Menschen gegeben seien, selbst wenn dieser
Mensch nach seiner besten Überzeugung handelte und entschiede.
Bietet ihnen das Gesetz gegen den Gewalthaber keinen Schutz, und
müssen sie sich ihm für immer unterwerfen, weil sie
in dem Wahn, sich einen Vertreter zu wählen, einen Gewalthaber
aufgestellt haben, so ist durch den Mangel im Gesetze der Reiz
zu Gewalttätigkeiten gegeben; denn wo das Gesetz
gegen Gewalt nicht hilft, da kann man sich nicht wundern, wenn
Gewalt mit Gewalt vertrieben wird.
Mithin wird - dies scheint notwendig - der Kammerauflösung,
welche dem Fürsten frei steht, die Deputiertenabberufung,
zu welcher die Wähler jederzeit berechtigt sind, zur Seite
treten müssen. Sie ist die unerlässliche Ergänzung
zu jenem fürstlichen Rechte. Wie dieses den Fürsten
gegen die Despotie der Kammer schützt, so hat die Abberufungsbefugnis
die Wähler gegen die Despotie ihrer Gewählten zu schützen.
Und damit die Abberufung ihre Wirkung nicht verfehle und nicht
»zu spät« komme, muss von einem Beschluss der Kammer,
welchen die Abberufenden missbilligen, die Stimme des Abgerufenen
abgezogen werden, so dass dieser Beschluss selber nichtig wird,
sobald so viele Votierende abgerufen werden, dass die Zahl der
für ihn Stimmenden zur Minorität wird.
Nur wenn so verfahren wird, kann man sagen, dass die Kammerbeschlüsse
im Sinne der Majorität des Volkes gefasst werden, während
bei der Unabberufbarkeit gesagt werden muss, dass die Beschlüsse
bloss im Sinne der Majorität der Kammer, d. h. der unabsetzbaren
Gewalthaber gefasst worden sind.
Nr. 211 12. September 1848.
Berlin, Ende August.
Der Ruf nach einem Aufgehen der einzelnen deutschen Staaten im
Deutschen Reiche wird keineswegs schwächer, dass man jenes
Verlangen für eine vorübergehende Phantasterei halten
könnte, es lässt sich vielmehr von Tag zu Tag immer
lauter vernehmen, und verstummt selbst bei denen nicht, die mit
dem unverantwortlichen Reichsverweser und der ganzen deutschen
Nationalversammlung unzufrieden sind. Was liegt diesem Begehren
zu Grunde?
Man macht sich von dem, was das Deutsche Reich sein soll, verschiedene
Vorstellungen. Teils will man darunter einen Staatenbund, teils
einen Bundesstaat, teils einen eigenen deutschen Staat verstehen.
Es wäre so immer nur das in einem vergrösserten Massstabe,
was die einzelnen Staaten jetzt schon im kleinen sind: ein Staat
und nicht ein - Reich, ein deutscher Staat und nicht ein deutsches
Reich. In dem richtigen Gefühle, dass Reich und Staat nicht
einerlei seien, hat man zwar für das einige Deutschland den
Ausdruck »Reich« angenommen; aber man ist des Gegensatzes
so wenig bewusst geworden, dass man in demselben Atem ausruft:
»Wir wollen einen einigen deutschen Staat bilden!«
Dagegen scheint jene Sehnsucht nach einem einigen Reiche gerade
aus dem Überdruss am Staate, am Staatsleben und an der Staatenbildung
entsprungen zu sein. Was ist das Reich anders, als, um es mit
einem anderen Wort sinnfälliger zu bezeichnen, eine Landsmannschaft?
Der Verkehr in einem Reiche ist ein landsmannschaftlicher, ein
Verkehr von Landsleuten unter einander. Der Hannoveraner will,
wenn er nach München reist, nicht bloss bayerische Bürger,
sondern Landsleute finden, und so umgekehrt. Das Interesse des
Reiches und der Reichsbürger ist das des friedlichen landsmannschaftlichen
Verkehrs, die Bürger eines Reiches bleiben Landsleute zu
einander und können in den besten landsmannschaftlichen Beziehungen
und Verbindungen miteinander stehen, ohne irgendwie zugleich Gesinnungsgenossen
zu sein. - Nicht so die Bürger eines Staates. Das Band, welches
die Staatsbürger verbindet, ist nicht das der gleichen Landsmannschaft,
sondern das der gleichen Gesinnung; der Staat oder die Staatsgesellschaft
ist eine Gesinnungsgemeinschaft. Hierin, wie überhaupt in
allem, gleicht der Staat der Kirche, nur dass der Staat eine Gesinnungsgemeinde,
die Kirche aber eine Glaubensgemeinde ist.
Staat und Reich sind mithin ihrem ganzen Wesen nach verschieden,
da der eine zu seinem Bestande eine gleiche Gesinnung, der andere
weiter nichts als eine landsmännische Verträglichkeit
und Friedlichkeit des Verkehrs voraussetzt. Während der Staat
bei seinen Bürgern keine entgegengesetzten Gesinnungen dulden
kann, bleibt das Reich von der grössten Gesinnungsverschiedenheit
unberührt; ein monarchischer Staat z.B., in welchem ein grosser
Teil der Bürger in seiner Gesinnung umschlüge und eine
republikanische Gesinnung offenbarte, würde das Schicksal
einer Kirche haben, in der die Ketzerei um sich griffe: entweder
müsste er, wie die Kirche der Andersgläubigen oder Ketzer,
so die Andersgesinnten ausstossen und ausrotten, oder er müsste
zugrunde gehen. Ähnlich der Kirche, welche nur durch die
Rechtgläubigkeit besteht, besteht der Staat nur durch die
rechte Gesinnung, und wie die Kirche um ihrer selbst willen gegen
die Ketzerei nicht tolerant sein darf, so würde auch der
Staat sich selbst vernichten, wenn er gegen die »schlechte
Gesinnung« Nachsicht üben, und z.B. eine »schlechte
Presse« dulden wollte. Eine schlechte Presse ist aber in
einer Republik diejenige, welche antimonarchische Gesinnungen
äussert, gleichwie in einer lutherischen Kirche derjenige
ein schlechter, seines Amtes unwürdiger Prediger ist, der
den lutherischen Glauben verfälscht, oder in einer katholischen
derjenige, der einen dem Katholizismus entgegengesetzten Glauben
verkündet.
Hiergegen nun verhält sich das Reich, weil es vom Reichsbürger
keinerlei Gesinnung, sondern bloss ein friedliches Benehmen
fordert, völlig gleichgültig; dem Reiche liegt ebenso
wenig daran, ob seine Bürger nebenbei royalistisch oder konstitutionell
oder republikanisch u.s.w. gesinnt sind, als dem Staate (und z.B.
Friedrich dem Grossen, der durch und durch Staatsmann war) darauf
ankommt, welchen kirchlichen Glauben die Staatsbürger haben,
oder »auf welche Façon jeder selig werden will.«
Wenn die Anhaltiner z.B. unter sich eine Republik bilden wollten,
so würde das Reich als Reich gegen die Bildung dieser republikanischen
Gesinnungsgemeinde eben so wenig eine Einwendung machen, als es
Einspruch täte, wenn die Anhaltiner ihren Glauben änderten
und katholisch würden. Nur wenn er verkennt, was das Reich
im Unterschiede vom Staate ist, kann der Reichsverweser sich verleiten
lassen, denselben Fehler zu begehen, in den diejenigen Fürsten
gerieten, welche den Glauben der Staatsbürger überwachten
und die Glaubensfreiheit unterdrückten. Erhält er hingegen
die Bedeutung des Reiches in ihrer Reinheit, so werden die Fürsten
dem Reiche und dem Reichsverweser gegenüber zu dem, was die
Kirchenprälaten dem Staate und dem Staatsoberhaupte gegenüber
sind: wie diese Mittelpunkte derjenigen Gläubigen sind, welche
ihr Glaube um diese Mittelpunkte versammelt, so sind dann die
Fürsten Mittelpunkte derjenigen Gesinnungsvollen, welche
vermöge ihrer Gesinnung dieser Mittelpunkte bedürfen.
Dieser wesentliche Unterschied zwischen Reich und Staat scheint
die Ursache zu sein, weshalb jetzt die Sehnsucht nach einem Aufgehen
der einzelnen Staaten in das Reich so allgemein wird. Es ist das
Ringen nach der Freiheit, aus dem Staatenverbande und dem Staatsbürgertum
ungestraft austreten zu können, oder mit anderen Worten:
ein Reichsbürger zu sein, ohne ein Staatsbürger sein
zu müssen. Dieser Drang wird zwar auch im Reiche seine volle
Befriedigung nicht finden; aber er meint darin einstweilen wenigstens
vor der Zwingherrschaft der Staatsbürgerlichkeit dieselbe
Rettung zu finden, die der Staat dem Glaubenslosen vor der Zwingherrschaft
einer intoleranten Kirchlichkeit bot.
Übrigens drücken sich die Adressen, welche von allen
Seiten her einlaufen, über den hier behandelten Gegenstand
noch sehr unvollkommen aus und zeigen mehr Eifer für die
Auflösung des preussischen Staates, als unparteiische Ein-
sicht in die Sache. Sie machen daher dem Staate auch ganz ungerechtfertigte
Vorwürfe. So heisst es z.B. in einer der unumwundensten der
an die preussische Nationalversammlung gerichteten Adressen aus
dem Kreise Reichenbach in Schlesien: »Ein preussischer Staat
hat bisher nur als Konglomerat willkürlich durch Kaufverträge
und Eroberung vereinter Länderstrecken, mit den am Boden
geknechteten Untertanen, als Privatbesitz, Domäne oder Fideikommiss
einer Familie bestanden, nicht als freie Rechtsgemeinschaft eines
Volkes.« Das ist ebenso unwahr, als wenn man sagte, eine
Kirchen- oder Glaubensgemeinde sei ein blosses »Konglomerat«.
Der preussische Staat bestand vielmehr aus Leuten, welche alle
ein und dieselbe Huldigung leisteten, oder ein und dasselbe Gesinnungsbekenntnis,
das Bekenntnis der treuen Gesinnung für ihren Fürsten.
Es war ein geistiges Band, ein Band der Gesinnung, welches alle
umschlang, und wogegen erst im März dieses Jahres laut und
offen von einigen Seiten her protestiert wurde. Ebenso ist Folgendes
unrichtig: »Ein besonderes preussisches Volk hat es nie gegeben;
denn die gewaltsame Vereinigung mehrerer deutscher Stämme
zu einem Untertansverbande unter der souveränen preussischen
Dynastie macht doch wohl noch kein Volk.« Insofern unter
Volk ein stammverwandtes, eine Nation, verstanden werden kann,
hat es allerdings kein preussisches Volk gegeben, wie im Grunde
auch kein britisches wegen der Iren und kein französisches
wegen der Elsässer und anderer; aber ein Volk, d. h. eine
Gesellschaft von preussischen Staatsbürgern hat es allerdings
gegeben, und allerdings macht die Dynastie sie zu einem Staatsverbande,
wie der Papst alle Katholiken zu einer grossen einigen Kirchengemeinde
machte. »Wir sind«, sagt die Adresse, »keine Preussen
mehr, weil wir keine Untertanen des absoluten preussischen Königs
mehr sind, und können es ohne alle Bedingungen einer vernünftigen
Bestimmung und zum Gefallen
der Weiterregierung unserer Dynastie nicht mehr sein wollen. -
Möge der Reichsverweser verantwortlich oder unverantwortlich
ernannt sein, mag er auch neben seiner Haupteigenschaft ein tüchtiger
Mann, als Mann des Vertrauens der ganzen deutschen Nation, auch
die noch haben, zufällig ein österreichischer Prinz
zu sein: als solcher ist er nicht gewählt worden; wir huldigen
ihm allein als tüchtigem, edlem Menschen; allein, weil er
die Idee der Einheit Deutschlands verkörpert und somit der
erste, feste Punkt ist in dem Begründungsbau unserer Gesamtfreiheit.«
Das klingt immer noch so, als wenn sich die Adressanten nur nach
einem grösseren Staate, nach einem Gesamtstaate, sehnten.
Sie sind sich darüber nicht klar, dass es weniger die »Gesamtfreiheit«,
als die Freiheit vom Gesinnungszwange ist, was sie dahin bringt,
der Dynastie (d. h. dem Staate) ihren Abfall und dem Reiche ihre
Sympathie zu erklären.
Nr. 219. 21. September 1848.
So leichtsinnig das Versprechen der provisorischen Regierung Frankreichs
war, welche am 25. Februar nur zwei Tage verlangte, um dem Volke
»die Ruhe wiederzugeben, welche Arbeit schafft«, so
endlos sind auch die Vorwürfe, welche man ihr bald nachher
machte und täglich wieder macht. Als ihr Hauptverbrechen
wirft man ihr die Nationalwerkstätten und die Verkürzung
der Arbeitszeit vor. Beides sind unstreitig Einrichtungen, die
sich unter den bestehenden Erwerbsverhältnissen nicht bewähren
können und nicht aufrecht erhalten lassen. Wenn aber jetzt
die Bürger sich über diese »Verhätschelungen
der Arbeiter« beklagen und alle Schuld auf die Regierung
schieben, so dürften sie sich doch allzusehr weissbrennen.
In den ersten
Tagen nach der Februarrevolution waren die Bürger selbst
darauf bedacht, die wilden Leidenschaften der Arbeiter zu beschwichtigen,
und gerne bereit, Opfer zu bringen, um »dem Volke die Ruhe
wiederzugeben, welche Arbeit schafft.« Und für den Augenblick
schafften jene »Verhätschelungen« wirklich einige
Ruhe und liessen hoffen, dass man Zeit gewinnen werde. Deshalb
mochten sie denselben Bürgern, die heute darin ein Verbrechen
der Regierung sehen, damals wohl nicht so ekelhaft erscheinen
und als Auskunftsmittel gegen proletarische Stürme willkommen
sein.
Worin besteht aber die heutige Klugheit der Tadler? Doch nur darin,
dass sie einsehen, wie die bestehenden Gewerbsverhältnisse
sich mit dem Institut der Nationalwerkstätten und mit verkürzter
Arbeitszeit nicht vertragen. Durch die Nationalwerkstätten
geht die Privatindustrie zu Grunde, und unerschwingliche Summen
von den Staatsgeldern werden erfordert. So berechnet man z.B.,
dass der Quadratmeter Erdarbeit, welcher 40 Centimes hätte
kosten sollen, auf 8 Francs zu stehen kam, und dass ein Tagelohn
von 2 Francs nur für 10 Centimes Arbeit lieferte; dass die
Schuhmacher dieser Werkstätte Schuhe für 8 Francs lieferten,
die man zu 4 und 6 Francs verkaufte und so den freien Arbeitern
ihren Absatz verdarben u.s.w. Das alles ist augenfällig und
verurteilt die Nationalwerkstätten.
Allein wenn die neuen Einrichtungen, durch welche die provisorische
Regierung die vorhandenen Übel zu lindern gedachte, nichts
taugen, so folgt daraus noch keineswegs, dass man zu dem alten
Industriesystem, wie es seit der ersten Revolution sich zu hohem
Flor entwickelt hat, zurückkehren könne, denn man möge
dieses System noch so sehr loben, ein ungeheurer Mangel wenigstens
in seinen Resultaten ist nicht wegzuleugnen. Es hat seit etwa
sechzig Jahren Freiheit gehabt, sich zu entfalten, und was ist
heute das Endergebnis? Eine ungeheure Dürftigkeit und Hunger-
leiderei der bei weitem grössten Zahl von Menschen! - Nach
einer in Nr. 215 dieser Blätter unter der Aufschrift »Gewerbsresultate«
angestellten Vergleichung zwischen den Jahren 1805 und 1848 hat
sich in Preussen die durchschnittliche Verzehrung von Getreide
und Fleisch innerhalb dieses langen Zeitraumes fast gar nicht
vermehrt, und unzählige Menschen müssen heute wie damals
aller Fleischnahrung entbehren; sie sind also durch die »erstaunliche
Blüte der Industrie« um nichts gebessert. Das ist der
faule Fleck jenes Systems und zugleich der Grund, warum die provisorische
Regierung Frankreichs (denn das System hatte überall dieselben
Wirkungen, in Frankreich wie in Preussen) zu ihren falschen Massregeln
griff. Nicht die Regierung ist schuld, sondern das System. Eben
dieses System hatte ja bis zum Februar 1848 den Notstand geschaffen,
den die provisorische Regierung vorfand, und den die Arbeiter
abzuschütteln suchten, als ihnen mit der politischen Revolution
ein günstiger Augenblick gekommen zu sein schien. Wenn daher
die jetzigen Vertreter des französischen Volkes dadurch einen
geordneten Zustand zurückführen zu können meinen,
dass sie ohne wesentliche Änderung zu dem alten System zurückkehren,
so greifen sie noch mehr fehl, als selbst die provisorische Regierung,
die wenigstens die Unhaltbarkeit jenes Notstandes erkannte. Frankreich
hat Naturkräfte genug, um seine Bewohner unendlich besser
zu nähren, als es bis jetzt geschehen ist: das fühlen
heute die Franzosen. Da sie aber einmal diese Möglichkeit
fühlen und von ihren Sozialisten unablässig darüber
aufgeklärt werden, so ist es ein eitles Bemühen, sie
wieder auf ihre frühere Genügsamkeit zurückzubringen.
Sie werden immer dringender fordern, dass Frankreich sie gut ernähre,
weil es sie gut ernähren kann, wenn es richtig bewirtschaftet
wird. Mit anderen Worten: sie werden eine neue Wirtschaft,
ein neues Wirtschaftssystem fordern, dessen erster Artikel eine
Umgestaltung
der bisherigen Landwirtschaft sein wird. Frankreich kann mehr
für das Wohlsein seiner Kinder liefern; folglich soll es
auch mehr liefern. Von diesem Verlangen, scheint es, werden die
Kinder Frankreichs nicht mehr abstehen.
Nr. 220. 22. September 1848.
Als Traum lebt eine deutsche Kriegsflotte schon seit Jahren in
unserer Presse; endlich scheint es mit den Utopien etwas mehr
Ernst zu werden: es laufen nicht nur Beiträge, wenngleich
geringe ein, sondern es beschäftigen sich auch sachverständige
Männer theoretisch mit dem Plane. Adalbert, Prinz von Preussen
(ein Vetter des Königs), entwickelt in einer »Denkschrift
über die Bildung einer deutschen Kriegsflotte« dreierlei
Möglichkeiten für Deutschland. Man könne entweder
1) eine Kriegsmarine zu rein defensiver Küstenverteidigung,
oder 2) eine solche zur offensiven Verteidigung und zum notwendigsten
Schutze des Handels, oder endlich 3) eine selbständige Seemacht
schaffen. Der Prinz hat dabei »vorläufig« bloss
Norddeutschland im Auge und macht in Betreff der Küstenverhältnisse
des adriatischen Meeres nur die Bemerkung, »dass es für
das einige Deutschland von hoher Wichtigkeit sein dürfte,
wenn ihm der treffliche österreichische Kriegshafen von Pola,
an der Südspitze Istriens, zufiele, da Hafen und Reede von
Triest dermaleinst, abgesehen von dem merkantilischen Vorteile
einer deutschen Seemacht schwerlich den Verlust Polas ersetzen
könnten. Die Eisenbahnverbindung zwischen dem adriatischen
Meere und der Ost- und Nordsee würde die Sendung von Matrosen,
Vorräten u.s.w. von einem Meere zum anderen in wenigen Tagen
möglich machen: gewiss ein wichtiger Umstand für eine
künftige deutsche Kriegsmarine.« Auf eine Kriegsflotte
in unserem Norden dringt Adalbert hauptsächlich um der Gefahren
willen, mit denen Deutschland von Seiten Russlands bedroht ist.
Die offene Sprache gegen Russland aus dem Munde eines preussischen
Prinzen ist immerhin merkwürdig, wenn sie sich auch anscheinend
nur auf das Strategische bezieht. Adalbert sagt: »Fragen
wir uns: was würde die geringste Zahl von Linienschiffen
sein, um als selbständige Flotte in den europäischen
Gewässern, namentlich der allzeit fertigen russisch-baltischen
Flotte gegenüber, zu agieren, so glauben wir zwanzig Linienschiffe
als das Minimum einer Seemacht annehmen zu müssen, die sich
mit ihr messen könnte. Ein geringeres Geschwader würde
nicht ausreichen, denn es würde unserem nächsten und
gefährlichsten Nachbar - der russischen Ostseeflotte - gegenüber
zu schwach sein. Russland soll unser gefährlichster Nachbar
sein? wird man einwerfen; wie ist das möglich? Ja allerdings
verhält es sich so. Denn während England nie eine so
grosse Flotte im tiefen Frieden, selbst nicht einmal im Mittelmeere
konzentriert, als Russland in jedem Sommer im baltischen Meere
vereinigt, braucht es bei seinem mangelhaften Konskriptionsgesetz
viele Monate, um eine so grosse Zahl von Linienschiffen zu bemannen,
als Russland auf den ersten Wink des Kaisers in See zu stellen
vermag.« Achtzehn Linienschiffe kreuzen nämlich in jedem
Jahre während der vier Sommermonate in der Ostsee, während
neun andere (ungerechnet ein paar Schiffe zur Reserve) stets bereit
liegen, um jeden Augenblick armiert zu werden. Die deutsche Flotte
würde aber gegen Russland günstig stehen, da sie bereits
drei bis vier Wochen früher in See, mithin im Evolutionieren
hinlänglich geübt, die feindliche, noch im Eis eingeschlossene
leicht in ihrem Hafen blockieren kann oder wohl gar imstande ist,
sich zwischen das Geschwader von Reval und die Flotte von Kronstadt
zu werfen, beide zu trennen und vielleicht einzeln zu schlagen.
Was nun die dreierlei Möglichkeiten einer deutschen Kriegsflotte
betrifft, so würde nach Prinz Adalberts Meinung die deutsche
Flotille, wenn sie nur zur Verteidigung der Küsten dienen
soll, im Minimum bestehen müssen aus 40 Jaffelkanonenbooten
des grossen holländischen Modells, und 80 Kanonenschaluppen,
wozu nach Umständen noch eine Anzahl Kanonenjollen hinzutreten
würden. Vor allem, sagt er, dürften uns diese Fahrzeuge
in den Stand setzen, die inneren Fahrwasser zu behaupten, auf
diese Weise die russische Flotte vor ihrer Armee zu isolieren
und so die mannigfache Unterstützung, welche die See- und
Landmacht gewähren könnte, zu verhindern. »Wer
will es leugnen, dass Russland imstande ist, uns auf seiner baltischen
Flotte mit einem Male dreissigtausend Mann auf den Leib schicken?«
Sollte die Kriegsmarine aber zur offensiven Verteidigung und zum
notwendigsten Schutze des Handels dienen, so dürfte ihr Minimum
angenommen werden: 6 Fregatten von 60 Kanonen, 12 Dampfkorvetten
oder Dampffregatten von beiläufig 850 bis 1300 Tonnen und
350 bis 560 Pferdekraft, 40 Jaffelkanonenboote, 80 Kanonenschaluppen,
einer Anzahl Kanonenjollen und gemieteter Bugsierdampfboote.
Es ist hierbei nicht daran zu denken, eine selbständige Rolle
auf der See spielen zu wollen. Eine solche Marine würde einer
der grossen Seemächte gegenüber nur eben hinreichen,
die deutschen Küsten zu schützen. Der Haupthafen wäre
in der Elbe entweder in der Umgegend von Glückstadt oder
bei der Insel Krautsand anzulegen.
Der dritte Fall ist endlich der, dass Deutschland sich zu einer
selbständigen Seemacht erhebt. Dies würde im Minimum
erfordern: 20 Linienschiffe, 10 Fregatten, 30 Dampfer, 40 Jaffelkanonenboote,
80 Kanonenschaluppen u.s.w.
Eine solche Flotte zu bemannen wäre Deutschland sehr wohl
fähig, wie sich aus dem jetzigen Stande seiner Ree-
derei berechnen lässt. Der Hauptkriegshafen müsste dann
Danzig sein, dessen Wichtigkeit sowohl Napoleon als Peter der
Grosse erkannte: jener ging mit dem Plane um, hier einen grossen
Kriegshafen anzulegen, und Peter bedauerte es, dass ihm dieser
strategische Punkt nicht gehörte, um hier seine Flotte zu
stationieren. Danzig liegt an der breitesten Stelle der Ostsee,
an dem Wendepunkte, wo die Südküste derselben sich an
die Ostküste anschliesst; es flankiert mithin jede von dem
Finnischen Meerbusen nach dem Sunde gerichtete Bewegung der russischen
und umgekehrt auch jeden von einer englischen Ostseeflotte gegen
Kronstadt geführten Stoss und nimmt ihn im Rücken, deckt
gleichzeitig den deutschen Armeen die Flanke und schützt
ebenso die weiter westlich gelegenen Küsten durch seine Offensivfähigkeit.
Die jährlichen Gesamtausgaben für eine solche Marine
dürften, wenn man die Baukosten der Flotte und der Häfen
auf zehn Jahre verteilt, zwischen acht und neun Millionen Taler
zu veranschlagen sein.
Nr. 222. 24. September 1848.
Die durch die Zeitverhältnisse und namentlich durch den infolge
derselben tief gesunkenen Kredit mit dem Untergange bedrohte Industrie
rief um Hilfe, und die preussische Regierung glaubte diesem Rufe
durch die Kreierung von Darlehnskassen entsprechen zu können.
Es wurde ein Papiergeld, sogenannte Darlehns-Kassenscheine im
Betrage von 10 Millionen Taler ausgegeben, womit auf sicheres
Unterpfand von Waren oder geldwerten Papieren Darlehen bis auf
die Höhe des halben Wertes des Pfandes gegeben werden sollen.
Dieses Institut leistet aber nicht, was damit bezweckt wird. Denn
was zunächst den Schuldner
betrifft, so wird ihm dadurch geschadet, dass er durch die Verpfändung
seiner Waren die Disposition über dieselben einbüsst,
wodurch sie leicht bis zur Wiedereinlösung entwertet werden
können; der Darlehensgeber aber, der Staat, unterliegt der
Gefahr der Nichteinlösung und wird bei dem darauf eintretenden
Zwangsverkaufe nur selten die vorgeschossenen Gelder wiederbekommen;
endlich aber erleidet der Handelsstand im allgemeinen Nachteile,
indem die Waren bei den Versteigerungen zu äusserst niedrigen
Preisen weggehen und so der ganze Markt gedrückt wird.
Die Rücksicht auf diese Nachteile hat den Kaufmann Neumann
bewogen, in einer kleinen Schrift (»Die Reorganisation des
Handels durch die Erweiterung des Instituts der Darlehnskassen
zu einem Zentral-Handels-Bazar. Berlin bei Reuter & Stargardt«)
auf die Umgestaltung des Institutes zu dringen und vorzuschlagen,
dass man es aus einer einfachen Pfandleihe zu einem Zentral-Handels-Depot
umschaffe. Die Waren, die jetzt für den Verkehr tot daliegen,
sollen unter der speziellen Aufsicht des Darlehensinstitutes für
den Verkauf disponibel sein, so dass sie im Interesse des Pfandgebers
jederzeit, wenn sich geeignete Gelegenheit dazu bietet, verwertet
werden können. Indem auf diese Weise den Kaufleuten Gelegenheit
gegeben wird auf ihre Waren Geld zu erhalten, ohne dass diese
Waren dem Markte entzogen werden, indem also ferner dem Kaufmann
dadurch Vorteile geboten werden, die nicht einen grösseren
Schaden als Gegengewicht haben, die Wahrnehmung solcher Vorteile
aber dem Kredit nicht schaden kann, so können und werden
sehr viele Kaufleute, namentlich Fabrikanten, welchen der schwierigste,
eine sorgfältige Fabrikation am meisten beeinträchtigende
Teil ihres Geschäftsbetriebes hierdurch abgenommen wird,
dieses Institut benutzen. Durch diese Beteiligung vieler im grossartigsten
Massstabe wird aber der Staat eine sehr bedeutende Revenue sich
verschaffen und das Institut das
werden, was es seiner Bestimmung gemäss in der Tat sein soll:
das Zentrum des Handels für den ganzen Staat.
Es ist kein Zweifel, dass das Institut erst durch die hier vorgeschlagene
Bildung eines Bazars, der eine Art permanenter Gewerbeausstellung
wäre, denjenigen Nutzen bringen könnte, den es zu stiften
bestimmt ist. Freilich käme ein solcher Bazar im Grossen
zunächst nur der Hauptstadt und etwa einer oder der anderen
grösseren Stadt zu Gute, die dadurch zu Zentralhandelspunkten
würden. Im kleineren könnten jedoch auch andere Städte
ihre öffentlichen Verkaufshallen einrichten und sich bei
dieser Assoziierung durch Darlehen entweder vom Staat oder mittels
eigener Assoziation unterstützt, besser stehen, als es bei
dem bisherigen Einzelverkaufe möglich war.
Der Zwischenhandel würde allerdings darunter leiden, was
auch der Verfasser zugibt. Allein ich halte, sagt er, die Rückwirkung
auf den Zwischenhandel gerade für eine Empfehlung meines
Plans. Der Zwischenhandel in seiner jetzigen Gestalt hat sich
überlebt. Derselbe soll der Vermittler zwischen Produzenten
und Konsumenten sein und dies auf die schnellste und zweckmässigste
Weise bewirken. Dies tut der Zwischenhandel in seiner jetzigen
Gestalt aber nicht, vielmehr hängt er sich der Fabrikation
gleichsam als Parasit an und verteuert dieselbe um 10 bis 15 Prozent,
wodurch die Schwierigkeit der Konkurrenz mit anderen Ländern
nur um so viel vermehrt wird. Mit Recht unterstützt und fördert
man auf jede mögliche Weise, z.B. durch Patente u.s.w. das
Maschinenwesen, allein so sehr dasselbe als eine Wohltat für
die Menschheit betrachtet werden muss und deshalb jede Aufmunterung
verdient, so werden durch die Maschinen doch nur einzelne Fabrikationsmethoden
erleichtert und daher auch nur die Preise einzelner Artikel ermässigt.
Durch die Vereinfachung des Zwischenhandels dagegen würde
der Kostenpreis sämtlicher Waren vermindert werden, wodurch
also die Kon-
sumenten bedeutende Vorteile haben würden, ohne dass die Fabrikanten etwas verlören. Die Zwischenhändler endlich, welche ihren für die Gesamtheit unproduktiv gewordenen und deshalb nachteiligen Beruf aufgeben, werden sich der nützlichen Klasse der Produzenten anschliessen und so den allgemeinen Wohlstand erhöhen helfen. In England und Frankreich, also in den Ländern, welche uns in der Industrie überlegen sind, ist in der Tat ein Zwischenhandel wie der unsrige nicht vorhanden. In England kennt man weder Messen noch das bei uns herrschende Borgsystem. Die Waren derselben Gattung werden in bestimmten Distrikten fabriziert, dorthin begeben sich deshalb die Käufer, um ihre Einkäufe zu machen, und so wird der Fabrikant seine Ware gegen bares Geld in seinem Hause oder auf den nahen, wöchentlich stattfindenden Märkten los. In Frankreich ist eine, dem von Neumann vorgeschlagenen System sich annähernde Praxis üblich. Dort konzentriert sich das ganze Geschäft in Paris, das den Stapelplatz für ganz Frankreich bildet und gleichsam eine permanente Messe repräsentiert.
ENDE