12 KLEINERE SCHRIFTEN
steckte aber der Gläubige und mit ihm die ganze Schaar der Gottesfürchtigen, und -- was das Schlimmste und Wunderlichste war -- wir selbst steckten auch dahinter. Wir waren allerdings sehr freisinnige Philosophen und ließen auf das Denken nichts kommen: das Denken war Alles in Allem. Wie stand es jedoch mit dem Glauben? Sollte der etwa dem Denken weichen? Bewahre! Die sonstige Freiheit des Denkens und Wissens in allen Ehren, so durfte ja doch keine Feindschaft angenommen werden zwischen dem Glauben und Wissen! Der Inhalt des Glaubens und der des Wissens ist der eine und selbige Inhalt, und wer den Glauben verletzte, der verstände sich selbst nicht und wäre kein wahrer Philosoph! Machte es denn nicht Hegel selbst zum "Zweck seiner religiös-philosophischen Vorlesungen, die Vernunft mit der Religion zu versöhnen" (Phil. d. Rel. II, 355) und wir, seine Jünger, sollten dem Glauben etwas entziehen wollen? Das sey ferne von uns! Wisset, Ihr gläubigen Herzen, daß wir ganz einverstanden sind mit Euch in dem Inhalte des Glaubens, und daß wir uns nur noch die schöne Aufgabe gestellt haben, Euren so verkannten und angefochtenen Glauben zu vertheidigen. Oder zweifelt Ihr etwa noch daran ? Sehet zu, wie wir uns vor Euch rechtfertigen, leset unsere versöhnlichen Schriften über "Glauben und Wissen" und über die "Pietät der Philosophie gegen die christliche Religion" und ein Dutzend ähnlicher, und Ihr werdet kein Arg mehr haben gegen Eure besten Freunde! --
So stürzte sich der gutherzige, friedliche Philosoph in die Arme des Glaubens. Wer ist so rein von dieser Sünde, daß er den ersten Stein aufheben könnte gegen den armen philosophischen Sünder ? Die somnambüle Schlafperiode voll Selbstbetrug und Täuschung war so allgemein, der Zug und Drang nach Versöhnlichkeit so durchgängig, daß nur Wenige sich davon frei erhielten und diese Wenigen vielleicht ohne die wahre Berechtigung. Es war dies die
UEBER B. BAUER'S POSAUNE 13
Friedenszeit der Diplomatie. Nirgends wirkliche Feindschaft und doch überall ein Bezwacken und Uebervortheilen, ein Aufreizen und Wiederausgleichen, ein Aus-und Einreden, eine zuckersüße Friedlichkeit und ein freundschaftliches Mißtrauen, wie die Diplomatie dieser Zeit, diese sinnige Kunst den Ernst des Willens durch oberflächliche Schwänke wegzugaukeln, solche Phänomene des Selbstbetrugs und der Täuschung tausendfach in allen Gebieten aufzutreiben verstanden hat. "Friede um jeden Preis" oder besser "Ausgleichung und Verträglichkeit um jeden Preis", das war das kümmerliche Herzensbedürfniß dieser Diplomaten. Es wäre hier der Ort, ein Liedlein zu singen von dieser Diplomatie, die unser ganzes Leben so energielos gemacht hat, daß wir noch immer im schlaftrunkenen Vertrauen um jene kunstfertigen Magnetiseure, welche unsere und ihre eigene Vernunft einlullten, herumtaumeln, wenn es nicht eben -- verboten wäre.
Ueberdem aber kümmert uns hier auch nur diejenige Diplomatie, welcher ein Buch, dessen Anzeige durch obige Bemerkungen eingeleitet werden sollte, den letzten Stoß zu versetzen, bestimmt scheint.
"Die Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum."
Unter diesem Titel erschien so eben bei Wigand ein Schriftchen von 11 Bogen,
dessen Verfasser für denjenigen nicht schwer zu ermitteln ist, welcher
seine letzten litterarischen Leistungen und eben daraus seinen wissenschaftlichen
Standpunkt kennt.*) Eine
köstliche Mystifikation
dieses Buch! Ein Mann der gläubigsten Gottesfurcht, dessen Herz von Groll
erfüllt ist gegen die verruchte Rotte der jungen Hegelianer, geht auf den
Ursprung derselben, auf Hegel selbst und dessen Lehre, zurück, und findet -- o
Schrecken! -- die ganze
revolutionaire Bosheit, die jetzt aus seinen lasterhaften Schülern hervorsprudelt,
in dem verstockten,
scheinheiligen Sünder schon vor, welcher lange für einen Hort und Schirm des
Glaubens gegolten. Voll
gerechten Zornes reißt er ihm die bisherigen Priestergewänder vom Leibe, setzt
ihm, wie die Pfaffen zu
Costnitz dem Huß, eine mit Teufeln und Flammen bemalte Papiermütze auf's
kahlgeschorene Haupt und jagt den "Erzketzer" durch die Gassen der erstaunten
Welt. So unverzagt und allseitig hat noch Keiner den philosophischen Jacobiner
enthüllt. Es ist dies unverkennbar ein vortrefflicher Griff des Verfassers,
daß er einem entschiedenen
Knechte Gottes den radikalen Angriff auf Hegel in den Mund legt. Diese Knechte
haben das Verdienst, daß
sie sich nie blenden ließen, sondern aus richtigem Instinkt in Hegel ihren Erzfeind
und den Antichristen ihres
Christus witterten. Nicht wie jene "Wohlgesinnten", die es weder mit ihrem Glauben, noch
mit ihrem Wissen verderben
mochten, gaben sie sich zu einem leichtgläubigen Vertrauen her, sondern mit
inquisitorischer Strenge behielten
sie stets den Ketzer im Auge, bis sie ihn fingen. Sie ließen sich nicht
täuschen, -- wie denn die
Dümmsten gewöhnlich die Pfiffigsten sind -- und können deshalb mit Recht
fordern, als die besten Kenner
der gefährlichen Seiten des Hegelschen Systems gepriesen zu werden. "Du
kennst den Schützen, suche
keinen andern!" Das wilde Thier
weiß sehr genau, daß es sich vor dem Menschen ammeisten zu
fürchten hat.
Hegel, der den Menschengeist zum allmächtigen Geiste erheben wollte und erhoben
hat, und seinen Schülern die
Lehre eindringlich machte, daß Niemand außer und über sich das Heil zu
suchen habe, sondern sein eigner
Heiland
und Erretter sey, machte es nie zu seinem besonderen Berufe, den Egoismus, welcher in
tausendfältigen Gestalten
der Befreiung des Einzelnen widerstand, aus jedem seiner Verhacke heraus zu hauen und
einen sogenannten "kleinen
Krieg" zu führen. Man hat ihm diese Unterlassung auch unter der Form zum Vorwurf
gemacht, daß man sein
System des Mangels an aller Moral bezüchtigte, womit man wohl eigentlich sagen
wollte, es fehle ihm jene
wohltuende Paränese und pädagogische Väterlichkeit, durch welche die
reinen Tugendhelden gebildet
werden. Der Mann, dem die Aufgabe geworden,
eine ganze Welt zu stürzen durch den Aufbau einer neuen, welche der alten keinen
Raum mehr läßt, soll
schulmeisterlich den Jungen auf allen Schleichwegen ihrer Tücke nachlaufen und
Moral predigen oder zornig an den
morschen Hütten und Palästen rütteln, die ja ohnehin versinken
müssen, sobald er den ganzen Himmel
sammt allen wohlgenährten Olympiern auf sie niederwirft! Das kann die kleinliche
Angst der Kreatur nur
wünschen, weil es ihr selbst an dem Muthe fehlt, den Wust des Lebens von sich
abzuschütteln, nicht der
muthige Mensch, der nur eines Wortes bedarf, des Logos, und in ihm Alles hat
und Alles aus ihm erschafft.
Weil aber der gewaltige Schöpfer des Wortes, weil der Meister sich über die
Einzelheiten der Welt, deren
Gesammtheit er stürzte, nur gelegentlich ausgelassen hat, weil er im
göttlichen Zorne über das Ganze
den Zorn über dieses und jenes weniger verrieth und weniger empfand, weil er den
Gott von seinem Throne
schleuderte, unbekümmert darum, ob nun auch gleich die ganze Schaar der
Posaunen-Engel in's Nichts zerflattern
werde: darum haben Einzelheiten und Dieses und Jenes sich wieder erhoben, und die
unbeachteten Engel stoßen aus
Leibeskräften in die "Posaune des jüngsten Gerichts". So erwachte nun nach dem
Tode des "Königs" eine
Geschäftigkeit unter den "Kärnern". Waren denn nicht die lieben Engelein
übrig geblieben? "Die Racker
sind doch gar zu
appetitlich!" Einen Vergleich mit ihnen zu schließen, wäre doch gar herrlich!
Wenn sie sich nur etwas weltlicher machen, etwas begriffsmäßiger
zustutzen ließen!
Ihr schwanket hin und her, so senkt euch nieder,
Das Gelüste nach dem Positiven bemächtigte sich derer, an welche das
Gebot des Weltgeistes erging, Hegels Werk im Einzelnen fortzusetzen, wozu dieser
selbst sie ermahnte, z. B. am Schlusse seiner Geschichte der Philosophie: "Ich
wünsche, daß diese Gesch. d. Philos. eine Aufforderung für sie enthalten
möge, den Geist der Zeit, der in uns natürlich ist, zu ergreifen und aus
seiner
Natürlichkeit, d. h. Verschlossenheit, Leblosigkeit hervor an den Tag zu ziehen,
une -- jeder an seinem Orte -- mit Bewußtseyn an den Tag zu bringen."
Für sein Theil dagegen, für sich, als den Philosophen, lehnte er es ab,
der Welt aus ihrer zeitlichen Noth zu helfen. "Wie sich die zeitliche, empirische
Gegenwart aus
ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen,
und ist nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der
Philosophie." (Relig. Phil. II. 356.) Er breitete den Himmel der Freiheit über
ihr aus und durfte es ihr selbst nun wohl "überlassen", ob sie den
trägen Blick aufwärts richten und so das Ihrige dazu thun wolle.
Anders verhielt es sich mit seinen Jüngern. Sie gehörten schon mit
zu dieser "empirischen Gegenwart, die sich aus ihrem Zwiespalt heraus zu finden
hat," und mußten ihr. die zuerst Erleuchteten, helfen. Aber sie "quängelten"
und wurden Diplomaten und Friedensvermittler. Was Hegel im Großen und Ganzen
niedergerissen, das dachten sie im Einzelnen wieder aufzubauen; denn er selbst hatte
sich ja gegen das Einzelne nicht überall erklät und war im Detail oft so
dunkel wie Christus! Im Dunkeln ist gut munkeln: da läßt sich viel
hineininterpretiren.
Wohl uns, das finstere Jahrzehend der diplomatischen Barbarei ist
vorüber. Es hatte sein Gutes und war -- unvermeidlich. Wir mußten uns
selbst erst abklären und die ganze Schwäche des Alten in
uns aufnehmen, um es so als unser Eigenthum und unser eigenes Selbst recht
energisch -- verachten zu lernen. Aus dem Schlammbade der Erniedrigung, worin
wir mit der Unreinigkeit der Stabilität jeder Art besudeln werden, steigen
wir gestärkt hervor und rufen neubelebt; Zerrissen sey das Band zwischen Euch
und Uns! Krieg auf Tod und Leben! -- Wer jetzt noch diplomatisch vermitteln,
wer noch immer den "Frieden um jeden Preis" will, der sehe sich vor, daß er nicht
zwischen die Schwerdter der Fechtenden gerathe und ein blutiges Opfer seiner
"wohlmeinenden" Halbheit werde. Die Zeit der Aussöhnung und der Sophistik gegen
Andere und uns selbst ist vorüber.
Der Posaunist stoßt den vollen Schlachtruf in seine Posaune des jüngsten
Gerichts.
Er wird noch an so manches schläfrige Ohr schlagen, worin er gellt, aber nicht
weckt;
es wird noch Mancher meinen, er könne hinter der Fronte bleiben;
noch Mancher wird wähnen, es werde nur unnützer Lärm gemacht und
man gebe für Kriegs-
ruf aus, was ein Friedenswort sey: aber es hilft nichts mehr. Wenn die Welt in
Waffen steht gegen Gott, und der brüllende Donner der Schlacht gegen den
Olympier selbst und seine Heerschaaren losbricht: dann können nur die
Todten schlafen; die Lebendigen ergreifen Partei. Wir wollen keine Vermittlung,
keine Ausgleichung; kein diplomatisches "Quängeln" mehr, wollen in
geschiedenen Feldlagern einander gegenüber stehen, wollen die Gottlosen
seyn Stirn gegen Stirn solchen Gottesfürchtigen, wollen wissen lassen, wie
wir mit einander daran sind. Und hierin, ich wiederhole es, in dieser
Entschiedenheit der Feindschaft gebührt den gottesfürchtigen Zeloten
der Vorrang; sie haben aus richtigem Instinkte nie Freundschaft geschlossen.
Unter einer geschickteren und zugleich gerechteren Form konnte daher die
Enthüllung der Erzketzerei Hegels nicht eingeleitet werden, als es der
Verfasser gethan hat, indem er im gläubigen Zelotismus die Posaune des
Weltgerichts ertönen läßt. Sie wollen keinen "Vergleich der
Billigkeit", sie wollen den Vernichtungskrieg. Dies Recht soll ihnen werden.
Was können aber -- und mit dieser Frage gedenken wir in das Buch
selbst hinein zu kommen -- die Gottesfürchtigen an Hegel Arges finden?
Die Gottesfürchtigen? Wer droht ihnen mehr den Untergang, als der
Vernichter der Furcht? Ja, Hegel ist der wahre Verkündiger und
Schöpfer der Tapferkeit, vor der die feigen Herzen erzittern. Securi
adversus
homines, securi adversus Deus, so schildert Tacitus die alten Deutschen. Aber
die Sicherheit gegen Gott war ihnen verloren gegangen in dem Verluste ihrer
selbst, und die Gottesfurcht nistete sich in den zerknirschten Gemüthern
ein. Sie haben endlich sich selbst wiedergefunden und die Schauer der Furcht
bezwungen; denn sie haben das Wort gefunden, das hinfort nicht mehr zu
vertilgen, das ewig ist, wie auch sie selbst noch dagegen ringen und
kämpfen mögen, bis ein Jeder es inne wird.
Ein wahrhaft deutscher Mann -- securus adversus Deum -- hat es ausgesprochen, das
befreiende Wort, das Selbstgenügen, die Autarkie des
freien Menschen. Von vielen Arten der Furcht und des Respektes sind wir bereits
durch die Franzosen, die zuerst die Idee der Freiheit mit weltgeschichtlichem
Nachdruck verkündeten, erlöst worden, und haben sie in das Nichts der
Lächerlichkeit hinabsinken sehen. Sind sie aber nicht von neuem wieder
aufgetaucht mit den scheußlichen Schlangenhäuptern und verdüstert
nicht hundertfache Angst noch stets das kühne Selbstvertrauen? Das Heil,
welches uns die Franzosen brachten, war so wenig gründlich und
unerschütterlich, als dasjenige, welches einst aus Böhmen her im
Hussitischen Sturme die Flammenzeichen der späteren deutschen Reformation
gab. Der Deutsche erst und er allein bekundet den weltgeschichtlichen Beruf des
Radikalismus; nur Er allein ist radikal und Er allein ist es -- ohne Unrecht.
So
unerbittlich und rücksichtslos wie er ist Keiner; denn er stürzt
nicht allein die bestehende Welt, um selber stehen zu bleiben; er
stürzt -- sich selbst. Wo der Deutsche umreißt, da muß ein Gott
fallen
und eine Welt vergehen. Bei dem Deutschen ist das Vernichten -- Schaffen und
das Zermalmen des Zeitlichen -- seine Ewigkeit. Hier allein ist keine Furcht
und kein Verzagen mehr: er verscheucht nicht bloß die Gespensterfurcht und
diese und jene Art der Ehrfurcht, er rottet alle und jede Furcht aus, die
Ehrfurcht selber und die Gottesfurcht. Flüchtet euch nur, ihr
ängstlichen Seelen, aus der Gottesfurcht in die Gottesliebe, wofür
ihr in eurer Sprache und folglich auch in euerm Volksbewußtseyn nicht einmal
ein rechtes Wort habt: er leidet auf eure Bitte nicht rnehr, denn er macht
euren Gott zur Leiche und eure Liebe verwandelt er dadurch in Abscheu.
In diesem Sinne schmettert danrn auch die "Posaune" und enthält unter
alttestamentlichen Formeln und Stos-
seufzern die wahre Tendenz des Hegel'schen Systems, damit "die modernen
Bedenken, Transactionen und ängstlichen Kreuz- und Querzüge, die
immer noch auf der Voraussetzung beruhen, daß der Irrthum und die Wahrheit
vermittelt werden können, ein Ende nehmen." "Hinweg", ruft der gegen alles
Denken zornerfüllte Posaunist, "hinweg mit dieser Vermittlungswuth, mit
dieser sentimentalen Gallerte, mit dieser Schelm- und Lügenwelt: nur das
Eine ist wahr, und wenn das Eine und das Andere zusammengestellt werden, so
fällt das Andere von selbst in's Nichts. Kommt uns nicht mit dieser
ängstlichen, weltklugen Zaghaftigkeit der Schleiermacher'schen Schule und
der positiven Philosophie; hinweg mit dieser Blödigkeit, die nur deßhalb
vermitteln will, weil sie den Irrthum noch innerlich liebt und nicht den Muth
hat, ihn aus dem Herzen zu reißen. Reißt sie euch aus und werft sie hinweg,
diese doppeltgespaltene, hin- und herfahrende, schmeichelnde und vermittelnde
Schlangenzunge; aufrichtig und Eines und lauter sey euer Mund, euer Herz und
Gemüth u. s. w." Hinweg also mit der zähen und geistlähmenden,
wenn auch geistreichen Diplomatie!
Der Posaunist, ein rechter Knecht Gottes, wie er seyn soll, verschmäht
seines bewegungslosen Gottes so gewiß, wie der Türke seines Allah, jeden
Beistand gegen den Gotteslästerer Hegel, außerdem der Frommen. Dieser
Abweichung ist die Vorrede (S. 5-42) gewidmet, in der zuerst die
"älteren Hegelianer" mit den Worten begrüßt werden: "sie hätten
immer das Wort der Versöhnung im Munde gehabt, aber Otterngift war unter
ihren Lippen." Nun soll ihnen "der Spiegel des Systems vorgehalten werden, und
sie werden, ein Göschel, Henning, Gabler, Rosenkranz u. s. w. verpflichtet
zu antworten, weil sie es ihrer -- Regierung schuldig sind. Es ist die
Zeit gekommen, wo ferneres Schweigen ein Verbrechen ist." Auch "eine
philosophische Schule" hat sich gebildet, welche eine "christliche und
positive Philosophie" schaffen und Hegel philosophisch widerlegen wollte,
allein sie hat auch nur das eigene Ich lieb gehabt, sie hat sich selbst gegen
die Grundlagen der christlichen Wahrheit vergangen und außerdem hat sie unter
den Gläubigen so wenig als unter den Ungläubigen Erfolg und Wirkung
gehabt. Wenn wir jammern und die Regierungen sich nach dem Arzte umsehen, hat
sich da Einer der Positiven als Arzt gefunden, haben die Regierungen Einem von
ihnen die Cur anvertraut? Nein! Andere Männer bedarf es! Ein Krummacher,
ein Hävernick, Hengstenberg, ein Harleß haben sich vor den Riß stellen
müssen! Eine dritte Klasse von Gegnern der Hegel'schen Philosophie, die
Schleiermacherianer, werden endlich gleichfalls desavouiert. "Sie sind selbst
noch den Lockungen des Bösen ausgesetzt, da sie es lieben, den Schein
hervorzubringen, als seyen sie selbst Philosophen. Und doch können sie
nicht einmal den weltlichen Neidern Proben dieser Bildung vorhalten. Ihnen gilt
das Wort: ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach,
daß du
kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm,
werde ich dich außpeien mit meinem Munde." Ihr Eifer für "kirchliches
Leben" wird vom Posaunisten zwar anerkannt; er ist ihm aber doch nicht "ernst,
gründlich, umfassend und eifrig genug" und sie haben auch Bruno Bauer (die
evangel. Landeskirche Preußens und die Wissenschaft) "Nichts entgegengestellt,
was seine lästernden Behauptungen umstoßen konnte" (S. 30). Schließlich
wird Leo's, des Mannes gedacht, "der zuerst den Muth hatte, gegen diese
gottlose Philosophie aufzutreten, sie förmlich anzuklagen und die
christlich gesinnten Regierungen auf die dringende Gefahr aufmerksam zu machen,
welche von dieser Philosophie aus dem Staat, der Kirche und aller Sittlichkeit
droht." Aber auch er wird getadelt, weil er nicht unnachsichtig genug verfuhr
und weil auch seine Werke noch mit "einigem
weltlichen Sauerteich durchdrungen sind," was ihm mit vieler Spitzfindigkeit
nachgewiesen wird. Den Schluß machen, wie billig, psalmodische Bannflüche
gegen die Gottlosen.
Der "Eingang" eröffnet uns nun die eigentliche Absicht des grimmigen
Mannes. "Die Stunde hat geschlagen, daß der ärgste, der stolzeste, der
letzte Feind des Herrn zu Boden gestürzt wird. Dieser Feind aber ist auch
der gefährlichste, Die Welschen -- jenes Volk des Antichrists --
hatten mit schaamloser Oeffentlichkeit, bei hellem Tage, auf dem Markte,
Angesichts der Sonne, die nie einen solchen Frevel gesehen hat, und vor den
Augen des christlichen Europa dem Herrn der Ewigkeit zum Nichtseyn
herabgestoßen, wie sie den Gesalbten Gottes mordeten, sie hatten mit der Metze,
der Vernunft, abgöttischen Ehebruch getrieben; aber Europa, voll von
heiligem Eifer, erwürgte den Greuel und verband sich zu einem heiligen
Bunde, um den Antichrist in Fesseln zu schlagen und dem wahren Herrn seine
ewigen Altäre wieder aufzurichten. Da kam, nein! -- da berief, da hegte
und pflegte, da beschützte, da ehrte und besoldete man den Feind, den man
draußen besiegt hatte, in einem Manne, welcher stärker war, als das
französische Volk, einem Mann, welcher die Decrete jenes höllischen
Konvents wieder zur Gesetzeskraft erhob, ihnen neue, festere Grundlagen gab
und unter dem einschmeichelnden, besonders für die deutsche Jugend
verführerischen Titel der Philosophie Eingang verschaffte. Man berief
Hegel und machte ihn zum Mittelpunkt der Universität Berlin. -- Man
glaube nun nicht, daß die Rotte, mit welcher der christliche Staat in unsern
Tagen zu kämpfen hat, ein anderes Prinzip verfolgt und andere Lehren
bekennt, als der Meister des Trugs aufgestellt hat. Es ist wahr, die
jüngere Schule ist von der älteren, welche der Meister gesammelt hat,
bedeutend unterschieden: sie hat Schaam und allen göttlichen Gehalt
weggeworfen, sie bekämpft offen
und ohne Rückhalt Staat und Kirche, das Zeichen des Kreuzes wirft sie um,
wie sie den Thron erschüttern will -- alles Gesinnungen und Höllenthaten,
deren die ältere Schule nicht fähig schien. Allein es scheint nur so,
oder es war vielleicht nur zufällige Befangenheit und Beschränktheit,
wenn die früheren Schüler bis zu dieser teuflischen Energie sich nicht
erhoben:
im Grunde und in der Sache, d. h. wenn wir auf das Princip und die eigentliche Lehre des
Meisters zurückgehen, haben die Späteren nichts Neues aufgestellt,
sie haben vielmehr nur den durchsichtigen Schleier, in welchen der Meister
zuweilen seine Behauptungen hüllte, hinweggenommen und die Blöße des
Systems -- schamlos genug! -- aufgedeckt."
Es läge uns nun ob, auf die Anklage des Hegelschen Systems, den
eigentlichen Inhalt des Buches, näher einzugehen. Indessen ist dieser
gerade so beschaffen, daß er dem Leser unverkümmert und nicht in eine
Recension verzettelt, vor Augen kommen muß und überdem wissen wir daran
nichts weiter auszusetzen, als daß dem Gedächtniss des Verfassers nicht
alle brauchbaren Stellen der Hegel'schen Werke zu Gebote gestanden zu haben
scheinen. Da inzwischen, wie Seite 163 angekündigt wird, dieser Schrift
noch eine zweite Abtheilung folgt, die zeigen soll, "wie Hegel von vornherein
aus der innern Dialektik und Entwickelung des Selbstbewußtseyns die Religion
als ein besonderes Phänomen desselben entstehen läßt" und in welcher
zugleich "Hegels Haß gegen die religiöse und christliche Kunst und seine
Auflösung aller positiven Staatsgesetze dargestellt werden wird:" so ist
ja die Gelegenheit noch völlig offen, das etwa Versäumte nachzuholen.
So möge sich denn der Leser -- und wer an den Fragen der Zeit ein
lebendiges Interesse nimmt, der darf dieses Buch nicht unbeachtet lassen
-- damit begnügen, eine Uebersicht der 13 Kapitel zu erhalten. 1) Das
religiöse
Verhältniß als Substantialitäts-Verhältniß. Der Posaunist
behauptet näm-
lich, Hegel habe "über sein Werk der Zerstörung eine zwiefache
Hülle gezogen," deren eine darin bestehe, daß er unzähligemal von
Gott spreche und es fast immer scheine, als verstehe er unter Gott jenen
lebendigen Gott, der da war, ehe die Welt war u. s. w. Bei dieser Anschauung
seyen die älteren Hegelianer (einen Göschel an ihrer Spitze) stehen
geblieben. Durch eine zweite Hülle errege er den Schein, daß die Religion
in der Form des Substantialitäts-Verhältnisses und als die Dialektik
gefaßt wird, in welcher sich der individuelle Geist dem Allgemeinen, welches
als Substanz oder -- wie es noch öfter heißt -- als absolute Idee
über ihn Gewalt hat, hingiebt, aufopfert, ihm seine besondere Einzelnheit
preis giebt und sich so mit ihm in Einheit setzt. Diesem gefährlicheren
Scheine haben sich die kräftigeren Geister (Strauß u. s. w.) gefangen
gegeben. "Aber," heißt es endlich, "gefährlicher als dieser Schein ist die
Sache selbst, die jedem kundigen und offenen Auge, wenn es sich nur
einigermaßen anstrengt, sogleich entgegentritt: diejenige Auffassung der
Religion, nach welcher das religiöse Verhältniß nichts als ein
inneres Verhältniß des Selbstbewußtseyns zu sich selber ist und
alle jene
Mächte, die als Substanz oder als absolute Idee von dem Selbstbewußtseyn
noch unterschieden zu sein scheinen, nichts als die eigenen in der
religiösen Vorstellung nur objektivirten Momente desselben sind." Hiernach
ist der Inhalt des ersten Kapitels evident. -- 2) Das Gespenst des
Weltgeistes. 3) Haß gegen Gott. 4) Haß gegen das Bestehende. 5) Bewunderung
der
Franzosen und Verachtung gegen die Deutschen. Dies widerspricht dem Lobe nicht,
das wir oben dem Deutschen ertheilten, so wenig als etwa die von dem Verfasser
übersehene Stelle, Gesch. d. Phil. III, 328. 6) Zerstörung der
Religion. 7) Haß gegen das Judenthum. 8) Vorliebe für die Griechen. 9)
Haß
gegen die Kirche. 1O) Verachtung der heiligen Schrift und der heiligen Ge-
schichte. 11) Die Religion als Product des Selbstbewußtseyns. 12) Auflösung
des Christenthums. 13) Haß gegen gründliche Gelehrsamkeit und das
Lateinschreiben.
(Eine, wie der Posaunist meint, komische Beigabe.)
Die angekündigte zweite Abtheilung, für welche dem Verfasser ganz
besonders die Hülfe eines umfangreichen Gedächtnisses zu
wünschen ist, da es ihm an der sonstigen Begabung nicht fehlt, soll nach
ihrem Erscheinen sogleich besprochen und dann vielleicht auch Einiges aus der
vorliegenden nachgetragen werden.
Warum wir, dies kann schließlich noch gefragt werden, dieses Buch so getrost
für eine Mummerei nehmen? Darum, weil nie ein Gottesfürchtiger so frei
und intelligent seyn kann, wie der Verfasser es ist. "Wer sich nicht selbst zum
Besten haben kann, ist wahrlich keiner von den Besten!"
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*) Was er in der Anrede an "seine Brüder in Christo" so motivirt:
"Wir werden noch in
Verborgenheit bleiben, damit es nicht scheint, als trachteten
wir nach einer andern Ehre, als nach der himmlischen Krone. Wenn der Kampf, den
wir bald zu beendigen hoffen, zu Ende ist, wenn die Lüge ihre Strafe
erhalten hat, dann werden wir sie auch persönlich begrüßen und auf
dem Wahlplatz heiß umarmen."
14 KLEINERE SCHRIFTEN
UEBER B. BAUER'S POSAUNE 15
16 KLEINERE SCHRIFTEN
Ein bißchen weltlicher bewegt die holden Glieder;
Fürwahr der Ernst steht Euch recht schön!
Doch möcht' ich Euch nur einmal lächeln sehn;
Das wäre mir ein ewiges Entzücken.
Ich meine so, wie wenn Verliebte blicken,
Ein kleiner Zug am Mund so ist's getan.
Dich, langer Bursche, dich mag ich am liebsten leiden,
Die Pfaffenmiene will dich garnicht kleiden,
So sieh' mich doch ein wenig lüstern an!
Auch könntet ihr anständig-nackter gehn,
Das lange Faltenhemd ist übersittlich --
Sie wenden sich -- von Hinten anzusehn! --
Die Racker sind doch gar zu appetitlich! --
UEBER B. BAUER'S POSAUNE 17
18 KLEINERE SCHRIFTEN
UEBER B. BAUER'S POSAUNE 19
20 KLEINERE SCHRIFTEN
UEBER B. BAUER'S POSAUNE 21
22 KLEINERE SCHRIFTEN
UEBER B. BAUER'S POSAUNE 23
24 KLEINERE SCHRIFTEN
UEBER B. BAUER'S POSAUNE 25