Auch der kleinste Schritt, welcher dem Ziele näher bringt,
ist von Bedeutung, und zwar von um so grösserer, je schwieriger
dieser Schritt zu sein scheint. Was aber wohl am meisten dazu
dienen kann, ihn zu beschleunigen und zu erleichtern, dürfte
der Nachweis seiner Unvermeidlichkeit sein, wozu hier der Versuch
gemacht werden soll. Hat die Religion absolute Geltung oder
nicht? mit anderen Worten: hat die Religion eine wahrhaft
wissenschaftliche Repräsentation, d. h. gibt es eine Theologie
oder nicht? ist die grosse Frage, auf welche die Antwort nicht
etwa erst gegeben werden soll, sondern jetzt gegeben ist, und
deren Entscheidung nicht bloss die Schule, die Wissenschaft
angeht, sondern ebenso die Kirche und den Staat.
Zunächst freilich ist nur die Wissenschaft bei der gegebenen
Antwort beteiligt, aber schon macht sich ihr Einfluss in der Kirche,
bald muss er auch im Staate, im öffentlichen Leben überhaupt
sich fühlbar machen. So möge denn auch uns zunächst
die wissenschaftliche Seite der Sache, hernach auch ihre übrigen
beschäftigen.
Die Theologie ist endlich aus der wissenschaftlichen Enzyklopädie
gestrichen, und ihr Objekt, die Religion, teils der Philosophie,
teils der Geschichte zugeteilt worden. Sie steht den übrigen
Wissenschaften nicht mehr als selbständige Wissenschaft gegenüber,
sondern hat sich mit denselben, die heilige mit den profanen,
vermischt. Die theologische Fakultät ist nichts mehr
als eine unnatürliche Verbindung von philosophischer Fakultät
und Predigerseminar, welche es unmöglich lange bei einander
aushalten können, deren Trennung aber
zugleich die Auflösung der theologischen Fakultät sein
wird. Dies Resultat ist es, zu welchem die ganze Geschichte des
Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Religion, von der
Zeit, da sich beide gegenüberstehen, also, da die Religion
der Wissenschaft vorangeht, von dem ersten Aufleben des wissenschaftlichen
Geistes an hingedrängt hat. Die Entwicklung jenes
Verhältnisses in der neuesten Zeit kann als Rekapitulation
der Hauptphasen, welche jenes Verhältnis bis dahin durchlaufen
hat, betrachtet werden. Nur dass sich die verschiedenen Parteien,
welche früher meistens als philosophische und nichtphilosophische
einander gegenüberstanden, jetzt auf den gemeinschaftlichen
Boden der Philosophie begeben haben. Ja nicht nur bloss im allgemeinen
ist der Standpunkt, auf den sie sich gestellt, ein philosophischer,
sondern bestimmter der Standpunkt eines und desselben philosophischen
Systems, in der allerneuesten sogar der Standpunkt einer bestimmten
Seite dieses Systems, derjenigen, welche man als linke zu bezeichnen
pflegt. Denn offenbar bewegt sich jetzt das Hauptinteresse des
Streits um die Differenz von Strauss und Feuerbach.
In immer engerem Kreis also begegnen sich die Parteien, und eben
hierin liegt die Bürgschaft dafür, dass wir das Ende
des Streites erlebt haben. Die Theologie hat der Philosophie,
die orthodoxe Philosophie der ungläubigen Philosophie,
wenn nicht durch offenes Bekenntnis, doch durch Stillschweigen
und faktisch das Feld geräumt, und es bleibt nichts zu tun
mehr übrig, als die gewöhnlichen, den Siegern obliegenden
Pflichten zu erfüllen, nämlich die Gefallenen zu begraben,
die Kranken und Halbgesunden entweder sterben oder genesen zu
lassen, mit einem Wort und ohne Bild gesprochen: die Scheidung
der Gegensätze zu vollenden und sich vollenden zu lassen.
Nicht abstrakte, erst noch der Vermittlung bedürftige Gegensätze
haben wir vor uns, nein! was vermittelt werden kann und soll,
das ist vermittelt, die Vermittlung selbst ist jetzt zum Gegensatz
geworden, zum Gegensatz der Unmittelbarkeit und Gedankenlosigkeit.
Zwischen dem Denken und der Gedankenlosigkeit aber soll doch wohl
nicht wieder vermittelt werden! Die einen unserer religiösen
Philosophen und spekulativen Frommen also werden sich zurück
zum lieben religiösen Ich wenden, die Anderen vorwärts
in das Denken stürzen. Beide, Wissenschaft und Religion,
sind endlich des Kalfakterns müde, und wollen ganze Leute.
Zu einer von beiden - ein Drittes, vermittelndes oder verbindendes,
gibt es nicht mehr - werden sich bald auch, wenn sie es anders
nicht mit Gott und Welt verderben wollen, unsere Theologen,
wird namentlich auch Strauss sich entschiedener, als bis jetzt
geschehen ist, halten müssen. Zwar hat Strauss die Befürchtungen,
welche er in Beziehung auf Veränderung des Anfangs eingenommenen
Standpunktes eine Zeit lang hatte aufkommen lassen, durch die
vierte Auflage seiner kritischen Bearbeitung des Lebens Jesu sowie
durch seine Darstellung der christlichen Glaubenslehre im Kampfe
mit der modernen Wissenschaft nicht bloss niedergeschlagen,
sondern sogar in die Hoffnung umgewandelt, dass er noch weiter
gehen und als die Wahrheit seiner Ansicht die jetzt noch bekämpfte
Feuerbach'sche anerkennen werde. Rückwärts oder vorwärts!
Stehen bleiben kann er jetzt, nachdem er so weit gegangen, nicht
mehr. Die Widersprüche, in welche er sich in seiner Polemik
gegen Feuerbach verwickelt, kann er nicht lange unbemerkt lassen.
Die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt
hält er nicht mehr für zureichend zu dem Beweis, dass,
wenn die Religion gleich von der Philosophie sich unterscheide,
nämlich in Beziehung auf die Form, sie gleichwohl mit der
letzteren im Wesentlichen, d. h. in Beziehung auf den Inhalt,
als Bewusstsein des Absoluten unter einen Gesichtspunkt zu stellen
sei. Eine solche abstrakte Trennung ist dem Geiste der neueren
Philosophie zuwider, und Hegels Religionsphilosophie im Widerspruch
mit seiner Logik. Denn nach dieser letzteren ist »der Inhalt
nicht die rohe, sondern die formierte Materie; in der höheren
Sphäre des spekulativen Denkens erkennt sich die Unwahrheit
des Unterschiedes von Form und Inhalt, und dass es die reine Form
selbst ist, welche zum Inhalt wird; so dass der Inhalt nichts
ist als das Umschlagen der Form in Inhalt, und die Form nichts
als Umschlagen des Inhalts in Form.« Nur die äussere,
oberflächlichste Seite der Form sei dem Inhalte gleichgültig,
welcher bei einer totalen Verwandlung der Form nicht derselbe
bleiben könne.
»Wenn daher Hegel«, fährt Strauss weiter fort,
»die Form der Vorstellung, in welcher ihm zufolge die Religion
den absoluten Inhalt hat, ungescheut als eine untergeordnete,
inadäquate bezeichnet: so fragt sich, ob in einer endlichen
Form der Inhalt als absoluter vorhanden sein kann, und nicht vielmehr
mit dieser Form selbst ein endlicher, der Idee unangemessener
wird? Macht ja doch Hegel selbst den Unterschied geltend, ob die
Vernunft in einer Religion expliziert, oder ob sie nur dunkel
und als Grundlage darin vorhanden sei - aber nicht explizierte,
nur im Grunde liegende Vernunft, meint er weiterhin selbst, ist
noch keine wirkliche, und ein in unangemessenen Formen verborgener
spekulativer und sittlicher Inhalt ist eben auch noch nicht als
spe-
kulativer und sittlicher vorhanden.« Die Anwendung, welche
sich von diesen Sätzen für das Christentum ergibt, ist
klar und von Strauss selbst gegen Hegel geltend gemacht; es fragt
sich jetzt nur, ob diese Anerkennung ihn nicht noch einen Schritt
weiter hätte führen sollen, ob er nicht auf halbem Wege
stehengeblieben sei. »Dass nun, fürs Erste,« bemerkt
Strauss in Beziehung auf die von ihm dargelegte Feuerbach'sche
Ansicht, »das Gemüt der Boden sei, dem die Religion
unmittelbar entspriesse; dass, fürs Zweite, dieser Boden
unter Anderem auch mit den sinnlichen, endlichen, rein subjektiven
Wünschen und Bedürftigkeiten des Menschen geschwängert
sei, ist nicht zu leugnen: aber wer kann andererseits, ohne die
Einheit des menschlichen Lebens zu zerreissen, in Abrede stellen,
dass nicht auch die Vernunft, die objektive Tätigkeit der
Intelligenz, ihren Samen in diesen Boden streue, dass mithin die
aus demselben aufkeimende Religion an beiden Seiten Anteil habe?«
Allerdings, ist hierauf zu erwidern, darf das religiöse Bewusstsein
nicht in dem Sinne ein unvernünftiges genannt werden, als
ob nie und nimmer Vernunft aus ihm werden könnte, denn in
diesem Falle wäre es vom tierischen Gefühle nicht zu
trennen, aber daran ist festzuhalten, dass, sobald der auch im
religiösen Bewusstsein niedergelegte vernünftige Samen
aufhört bloss im Grunde und verborgen zu liegen, sobald er
anfängt aufzukeimen, eo ipso auch das religiöse
Bewusstsein aufhört religiös zu sein und in einen Widerspruch
mit sich tritt, welcher nur dadurch gelöst werden kann, dass
entweder das religiöse Bewusstsein in seine alte Würde
wieder eingesetzt, d.h. die Vernunft unterdrückt wird, oder
aber das vernünftige Prinzip zum herrschenden also das religiöse
zum besiegten gemacht wird. Was hilft es, sich
zum Beweise der Vernünftigkeit des religiösen Bewusstseins
auf den in dasselbe gestreuten vernünftigen Samen
zu berufen, wenn doch kurz vorher zugegeben worden ist, dass »nicht
explizierte, nur im Grunde liegende Vernunft,« d. h. eben
der vernünftige Samen, noch keine wirkliche Vernunft
ist. Nur explizierte, entwickelte Vernunft ist wirkliche Vernunft.
Eine Stufe des Bewusstseins, in welcher die Vernunft nur erst
verborgen liegt, noch nicht heraus ist, ist auch keine
vernünftige zu nennen; nur was sie wirklich, in explizierter
Weise ist, darf als ihr Wesen betrachtet werden. Ja es muss gesagt
werden, dass ohne das strengste Festhalten an diesem Grundsatz
weder philosophische noch historische, kurz keine wissenschaftliche
Betrachtung der Dinge möglich ist. Denn wenn es doch, wie
anerkannt, die Aufgabe der Wissenschaft ist, die Dinge in einer
Stufenreihe und als Momente in der Entwicklung der Einen Idee
zu begreifen, so ist vor allem diejenige Betrachtungsweise eine
unwissenschaftliche zu nennen, welche in einer bestimmten Stufe
der Natur oder des Geistes nicht sowohl sie selbst, um deren Begreifen
es sich handelt, als vielmehr eine höhere, überhaupt
eine andere Stufe zu erkennen sucht. Wie von diesem Standpunkt
aus eine befriedigende, sei es nun philosophische oder historische
Anschauung der Welt möglich sei, ist nicht abzusehen. Allerdings
gehen beide, Wissenschaft und Religion, aus demselben Bewusstsein
hervor, welches sich von allen vorangehenden Arten des Insichseins
durch das Merkmal der Vernünftigkeit unterscheidet, und in
diesem Sinne lässt sich die Identität von Philosophie
und Religion nicht leugnen, ja diese Identität ist schon
oft mit Unrecht nicht gehörig bedacht worden. Aber den religiösen
Menschen als solchen, als der er
doch nur an sich vernünftig ist, vernünftig,
d. h. wirklich vernünftig zu heissen ist eben so verkehrt,
als wenn man den ABC-Schüler für einen Philosophen ansehen
wollte. Denn das Ansich des denkenden Mannes ist der Knabe so
gut als das religiöse Bewusstsein das Ansich der Vernunft
ist. Solange man der Religion wirkliche Vernunft zuschreibt, solange
lässt sich die absolute Vernünftigkeit der Vernunft
selbst nicht festhalten. Im Grunde und verborgen liegende Vernunft,
eine entfernte Ahnung der Vernunft kann man der Religion schon
zugestehen, aber keine wirkliche, d.h. eigentlich allein diesen
Namen verdienende Vernunft. Sonst nimmt die Egoistin, welcher
man nur einen Finger bieten wollte, gleich die ganze Hand. Darum
rein ab, rein ab, bis auf den Boden!
Zur Widerlegung des Feuerbach'schen Wunderbegriffs liest man (Glaubenslehre
I. S. 20 u.f.): »Jesus, wie er den Seesturm bedroht und mit
einem Worte stillt - soll die Seele dieser Wundergeschichte nur
der eitle Wunsch des Menschenherzens sein, aus ähnlicher
Gefahr sich ebenso leicht ziehen zu können, und nicht vielmehr
das Bewusstsein des Geistes von seiner Erhabenheit über die
Mächte der Natur? Dieses freilich in doppelter Hinsicht nicht
in reiner, hüllenloser Gestalt: nämlich einmal der Geist
nicht als reinmenschlicher, sondern als übermenschliches
Wesen; und für's andere sein Übergreifen über die
Natur nicht als moralisches oder durch Kunstfertigkeit vermitteltes,
sondern als magisches vorgestellt: aber wer fühlt nicht dennoch
die Ahnung dieses Bewusstseins durch, und wen könnte jene
niedrige Erklärung befriedigen?« Diese Schlussfrage
scheint mir in der Tat würdiger der Bearbeitung des Philalethus,
als des Originals. Um den eigenen Einfall, dass nicht, wie
man erwarten sollte, die Macht des Geistes über die Natur,
sondern erst das Bewusstsein dieser Macht als Objekt der dem Wunderglauben
zugeschriebenen Ahnung dargestellt wird, nicht weiter zu verfolgen,
so beantwortet sich die aufgeworfene Frage kurz und einfach so:
wer nicht fühlt, auch keine Ahnung fühlt, das ist der
wissenschaftliche Betrachter, welcher sich den Vorwurf niedriger
Erklärung insofern schon gefallen lassen kann, als ihm darin
das Zeugnis ausgestellt wird, dass er den Gegenstand erklärt
hat, wie er ist, ihn nicht zu etwas Höherem gemacht hat,
als er selbst sein will. Was ist doch das für eine Macht
des Geistes über die Natur, welcher das religiöse Bewusstsein
als Wunderglaube sich bewusst wird, wenn weder die Vorstellung,
welche sich der Wundergläubige vom Geiste, noch die, welche
er sich von der Art seiner Wirksamkeit macht, die richtige ist!
Eine Sache, welche man sich nicht richtig, oder gar, wie hier
offenbar geschieht, als ihr Gegenteil (den menschlichen Geist
als übermenschlichen, seine Tätigkeit als unmittelbare)
vorstellt, wird nicht vorgestellt wie sie ist: sie kann also gar
nicht Gegenstand der in Frage stehenden Vorstellung genannt werden.
Oder man sehe einmal zu, welche Konsequenzen mit einer solchen
Art, die Dinge aufzufassen, verbunden sind. Wenn der Wundergläubige
eine Ahnung hat von der Macht des Geistes über die Natur,
dann sage ich und glaube mit denselben Gründen beweisen zu
können, dass der Hund, der die ihm vorgeworfene Speise verschlingt,
die Identität des Objektiven und Subjektiven ahnt und zu
realisieren strebt. Man sieht leicht, auch diesen Behauptungen
lässt sich eine wahre Seite abgewinnen, aber sie sind selbst
nicht wahr, ja würden, im Ernste vorgetragen, für baren
Unsinn gelten. Aber in
theologicis nimmt man das nicht so genau. Nachdem somit
der philosophisch-dogmatische Teil der Strauss'schen Einwendungen
gegen Feuerbach in seiner Unhaltbarkeit nachgewiesen ist, möge
kurz noch die von Strauss nur im Vorübergehen gemachte, aber
auch sonst oft gehörte Einwendung gegen die Vereinbarkeit
jener Ansicht mit der Geschichte berücksichtigt werden. [In]
Dogm. I. S. 22 sagt Strauss: »Wie von diesem Standpunkt aus
(wonach nämlich die Wahrheit nur bei den Philosophen zu finden
wäre) eine befriedigende philosophische Ges[ch]ichtsanschauung
möglich sei, ist nicht abzusehen.« Wir könnten
uns hier einfach darauf berufen, dass die »philosophisch
bewiesene Wahrheit durch die Geschichte unwiderlegbar sei.«
Allein es ist billig, dass wir den gemachten Einwurf auf sein
eigenes Gebiet verfolgen, obgleich er in der Weise, wie er bis
jetzt aufgetreten ist, nämlich als unbewiesene Behauptung
und Voraussetzung, auf wissenschaftliche Berücksichtigung
eigentlich keinen Anspruch machen könnte. Einige kurze Gegenbemerkungen
jedoch werden schon erlaubt sein. Worauf auch hier alles ankommt,
ist, dass man an die Stelle allgemeiner Phrasen bestimmte Sätze
setze. Dass das Christentum in der Geschichte die Quelle der grössten
und wohltätigsten Begebenheiten war, wird niemand ernstlich
leugnen wollen, aber diese Behauptung ist eben einer doppelten
Auslegung fähig. Es fragt sich nämlich, ob das Christentum
als positives oder als negatives Moment in der Entwicklung
des modernen Geistes diese Bedeutung habe. Von rein negativer
Bedeutung freilich war das Christentum nicht, aber seine positive
Bedeutung fällt einzig in die ersten Jahrhunderte seines
Bestehens, in diejenige Zeit, in welcher es auch allein lebendig
und produktiv war. Mit
der römischen Herrschaft aber, im Gegensatz gegen welche es entstanden war und seine positive Bedeutung hatte, fiel auch es selbst zusammen. Als es zu den Germanen, welche der Weltgeist für die neue Ära zu seinen hauptsächlichen Organen auserkoren hatte, kam, war es nichts mehr als ein fertiger und toter Inbegriff von Dogmen und Satzungen. Seine Bedeutung bestand nun in nichts anderem als darin, die frische, aber ungebändigte Kraft des neuen Geistes so lange im Zaum zu halten und in seinen Dienst zu nehmen, bis dieselbe in sich selbst erstarkt, die Gefahr, sich zu zersplittern und zu vergeuden, überstanden hatte und der Geist seiner Autonomie bewusst wurde. Der Anfang hierzu geschah in der Reformation, die seitherige Geschichte aber als immer vollkommenere Emanzipation des Geistes zu begreifen, dürfte keine Schwierigkeit mehr bieten. Der Einwurf, dass doch gerade die christlichen Völker die Träger der modernen Bildung seien, dies aber nur in der hohen Bedeutung des Christentums seine Erklärung finde, setzt voraus, was wohl niemand beweisen wird, dass nämlich unsere sogenannten christlichen Völker christlich wirklich sind und nicht bloss heissen. Dagegen wird wohl ohne Beweis zugegeben werden müssen, dass, je höher die europäische Bildung steigt, desto mehr das Christentum in seinen wahren Verehrern zum Bewusstsein kommt, dass es sich in andere Weltteile flüchten müsse, wo es eine Masse von Individuen, aber nicht den Weltgeist zurück in seine Fesseln bannen wird.
Resultat der nunmehrigen Stellung der Wissenschaft zur Religion
für das wissenschaftliche Gebiet ist sonach kurz folgendes:
Ausschliessung der Religion aus der Sphäre des absoluten
Geistes und Versetzung derselben, was die philosophische Betrachtung
betrifft, in die
Anthropologie, wo sie als sich selbst genügendes subjektives Bewusstsein ihr Plätzchen einzunehmen hat; was die historische Betrachtung betrifft, in die allgemeine Weltgeschichte, wo sie sich teils, d. h. in Beziehung auf eine bestimmte Zeit, als positives, teils, und zwar hauptsächlich in Beziehung auf die neuere Zeit, als negatives Moment in der Entwicklung der Menschheit begreifen lassen wird.
Nun gilt es noch, auf die wichtigen Konsequenzen aufmerksam zu
machen, welche das angeführte, zunächst rein wissenschaftliche
Resultat in Beziehung auf Kirche und Staat und das
Verhältnis beider in sich schliesst. Die Kirche als eine
ein bestimmtes Glaubensbekenntnis besitzende und allen einzelnen
ihrer Mitglieder auferlegende Gesellschaft und die Forderung des
Staates, dass jeder Einzelne sich zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft
halten müsse, auf der einen Seite, und die Forderung der
modernen Wissenschaft, dass über die Religion hinausgegangen
werden müsse, auf der anderen Seite, die Forderung also,
Verzicht zu leisten auf das Denken und sich an bestimmte religiöse
Voraussetzungen zu binden, und die Forderung, das Denken zu seinem
Gott zu machen und alle bestimmten, namentlich religiösen
Voraussetzungen aufzugeben, sind die Gegensätze, welche man
vergeblich vermitteln zu können glaubt. Deswegen nämlich
ist jeder Vermittlungsversuch zwischen ihnen ein eitles Unterfangen,
weil der eine dieser Gegensätze die schon geschehene Vermittlung,
der andere aber das Verharren in der Unmittelbarkeit ist. Wie
der in der Unmittelbarkeit stehende Fromme mit vollem Recht gegen
jeden Versuch, ihn in den Vermittlungsprozess hineinziehen zu
wollen, protestiert, so mit noch grösserem Recht der Denker
gegen
alle Versuche, ihn zur Unmittelbarkeit und Gedankenlosigkeit zurückzuführen.
Der Fromme will nicht am gleichen Joch ziehen mit dem Ungläubigen,
und dieser seinerseits will von dem orthodoxen »Joch«
nichts hören. Der Gegensatz zwischen uns und der Kirche ist
ein unversöhnlicher, wie dies von den Konsequenten aller
Parteien anerkannt und ausgesprochen ist. Jetzt ist die Scheidung
der Böcke von den Schafen, um welche die Frommen aller Zeiten
gebetet haben, aber ohne erhört zu werden, nicht mehr bloss
ein frommer, unerhörter Wunsch, sondern auch die Ungläubigen
stimmen jetzt in das Gebet mit ein, und das Gebet der Ungläubigen,
das Wollen des Weltgeistes, ist mächtiger als das Gebet der
Frommen, ihm folgt die Erhörung auf dem Fusse nach. So lange
die Denker den Kirchendruck noch erträglich fanden, hatte
ihre Ausschliessung aus der Kirche, welche im Bewusstsein der
Gläubigen längst vollzogen worden ist, wenig zu bedeuten,
denn nur eine Partei, und zwar die, wenn schon nicht an Zahl,
doch an Macht schwächere, hatte auf Scheidung angetragen.
Jetzt aber willigt auch die andere mit ein und betreibt die Sache
sogar mehr als manchen lieb ist. Ist aber nur der Entschluss selbst
nicht übereilt worden - und ein paar tausend Jahre hat der
Weltgeist Zeit gehabt, ihn zu bedenken - so kann er auch nicht
schnell genug ausgeführt werden. Periculum in mora.
Darum wollen wenigstens wir, die wir entschieden sind, nicht zögern
und - unseren Austritt aus der Kirche erklären. Sonst
würden wir den Vorwurf der Heuchelei nicht länger von
uns abwehren können. Auf unserer Seite wird nicht nur das
Recht, die Sittlichkeit, die Wissenschaft sein, sondern unseren
Schritt kann auch die Kirche nur willkommen heissen. Aber der
Staat - was wird der Staat dazu sagen?
Wird er da, wo er die Sache der Kirche zu seiner eigenen macht, da, wo er die Kirche nicht als eine Gesellschaft neben anderen ebenso berechtigten Gesellschaften, sondern als sein alter ego ansieht, diejenigen, welche sich von der Kirche lossagen, nicht zugleich als abtrünnig vom Staate behandeln? Ja, das wird, das muss er tun, oder er muss andererseits die Kirche zur blossen Gesellschaft herabsetzen, d.h. übrigens nur, sie für das erklären, was sie bereits ist. Einen Ausweg gibt es hier nicht. Was aber wir hierbei zu tun haben, kann keinem Zweifel unterworfen sein. Wir müssen tun, was die absolute Pflicht, der Wissenschaft und Sittlichkeit zu folgen, uns vorschreibt, und dann zu warten, was der Staat mit der neuen, aber vollkommen zu rechtfertigenden Form anfängt. Entweder wird der Staat, dem protestantischen Grundsatz der Glaubens- und Gewissensfreiheit treu, von seinen Bürgern kein bestimmtes Glaubensbekenntnis, keinen Taufschein und dergleichen mehr verlangen, und dann werden wir Bürger bleiben, ohne Bekenner einer Religion zu sein; oder aber glaubt der Staat die Existenz der Kirche mit seiner eigenen identifizieren zu müssen, und dann ist Verbannung unser Los. Im letzteren Fall könnte es diesem oder jenem geratener scheinen, sich zur Kirchenlehre, wenn auch in spekulativ-allegorischer Gestalt, zurückzuwenden, aber einem solchen ruft die Wissenschaft das Wort Christi zu: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert.
Hiermit ist, wie diese Jahrbücher neulich gewünscht
haben, das Verhältnis der »Hegel'schen und hyperhegel'schen
Theologen« zu Staat und Kirche zwar nicht mit der gewünschten
Ausführlichkeit, aber so bestimmt und klar als möglich
dargelegt. Was durch sich selbst ein-
leuchtet, kann durch viele Worte nicht deutlicher gemacht werden. Worte haben wir genug gehört, und wer noch nicht genug gehört hat, will nicht hören. Ein Philosoph.
ENDE