Weil unsere Zeit nach dem Worte ringt, womit sie ihren Geist ausspreche,
so treten viele Namen in den Vordergrund und machen alle Anspruch
darauf, der rechte Name zu sein. Auf allen Seiten zeigt unsere
Gegenwart das bunteste Parteiengewühl, und um den verwesenden
Nachlass der Vergangenheit sammeln sich die Adler des Augenblicks.
Es gibt aber der politischen, sozialen, kirchlichen, wissenschaftlichen,
künstlerischen, moralischen und anderer Leichname überall
eine grosse Fülle, und ehe sie nicht alle verzehrt sind,
wird die Luft nicht rein und der Atem der lebenden Wesen bleibt
beklommen.
Ohne unser Zutun bringt die Zeit das rechte Wort nicht zu Tage;
wir müssen alle daran mitarbeiten. Wenn aber auf uns dabei
so viel ankommt, so fragen wir billig, was man aus uns gemacht
hat und zu machen gedenkt; wir fragen nach der Erziehung, durch
die man uns zu befähigen sucht, die Schöpfer jenes Wortes
zu werden. Bildet man unsere Anlage, Schöpfer zu werden,
gewissenhaft aus oder behandelt man uns nur als Geschöpfe,
deren Natur bloss eine Dressur zulässt? Die Frage ist so
wichtig als es eine unserer sozialen nur irgend sein kann, ja
sie ist die wichtigste, weil jene auf dieser letzten Basis ruhen.
Seid etwas Tüchtiges, so werdet ihr auch etwas Tüchtiges
wirken; sei »jeder vollendet in sich«, so wird eure
Gemeinschaft, euer soziales Leben, auch voll-
endet sein. Darum kümmern wir uns vor allem darum, was man
aus uns macht in der Zeit unserer Bildsamkeit; die Schulfrage
ist eine Lebensfrage. Das springt auch jetzt genugsam in die Augen,
und seit Jahren wird auf diesem Felde mit einer Hitze und Offenheit
gefochten, die jene auf dem Gebiete der Politik darum weit übertrifft,
weil sie nicht auf die Hemmnisse eigenmächtiger Gewalt stösst.
Ein ehrwürdiger Veteran, der Professor Theodor Heinsius,
der wie der verstorbene Professor Krug sich Kraft und Strebsamkeit
bis in sein hohes Alter bewahrt hat, sucht neuerdings wieder durch
eine kleine Schrift das Interesse für diese Sache anzufachen.
Er nennt sie ein »Konkordat zwischen Schule und Leben
oder Vermittlung des Humanismus und Realismus, aus nationalem
Standpunkte betrachtet. Berlin 1842«. Zwei Parteien kämpfen
um den Sieg und wollen jede ihr Erziehungsprinzip unserem Bedürfnis
als das beste und wahrhafte empfehlen: die Humanisten und Realisten.
Ohne es mit den einen oder anderen verderben zu wollen, redet
Heinsius in dem Büchelchen mit jener Milde und Versöhnlichkeit,
die beiden ihr Recht widerfahren zu lassen meint und dabei der
Sache selbst das grösste Unrecht tut, weil dieser nur mit
schneidender Entschiedenheit gedient ist. Es bleibt nun einmal
diese Sünde wider den Geist der Sache das unablösbare
Erbteil aller weichmütigen Vermittler. »Konkordate«
bieten nur ein feiges Auskunftsmittel:
Nur offen wie ein Mann: Für oder Wider!
Und die Parole: Sklave oder frei!
Selbst Götter stiegen vom Olympe nieder,
Und kämpften auf der Zinne der Partei.
Heinsius entwirft, ehe er an seine eigenen Vorschläge kommt,
eine kurze Skizze des historischen Verlaufs von
der Reformation an. Die Periode zwischen der Reformation und Revolution
ist - was ich hier ohne Begründung nur behaupten will, weil
ich es bei einer anderen Gelegenheit ausführlicher darzustellen
gedenke - die des Verhältnisses zwischen Mündigen und
Unmündigen, zwischen Herrschenden und Dienenden, Gewaltigen
und Machtlosen, kurz die Untertänigkeitsperiode. Abgesehen
von jedem anderen Grunde, der zu einer Überlegenheit berechtigen
mochte, hob die Bildung, als eine Macht, den, der sie besass,
über den Ohnmächtigen, der ihrer entbehrte, empor, und
der Gebildete galt in seinem Kreise, so gross oder klein derselbe
war, als der Mächtige, der Gewaltige, der Imponierende: denn
er war eine Autorität. Nicht alle konnten zu dieser
Herrschaft und Autorität berufen sein; darum war auch die
Bildung nicht für alle und eine allgemeine Bildung widersprach
jenem Prinzip. Die Bildung verschafft Überlegenheit und macht
zum Herrn: so war sie in jenem Herren-Zeitalter Mittel
zur Herrschaft. Allein die Revolution durchbrach die Herren- und
Diener-Wirtschaft, und der Grundsatz trat in's Leben: Jeder sei
sein eigener Herr. Damit war die notwendige Folge verknüpft,
dass die Bildung, die ja zum Herrn macht, forthin eine universelle
werden musste, und die Aufgabe stellte sich von selbst ein, nunmehr
die wahrhaft universelle Bildung zu finden. Der Drang nach universeller,
allen zugänglicher Bildung musste zum Kampfe gegen die hartnäckig
behauptete exklusive anrücken, und die Revolution musste
auch auf diesem Felde gegen das Herrentum der Reformationsperiode
das Schwert zücken. Der Gedanke der allgemeinen Bildung
stiess zusammen mit der ausschliesslichen, und durch manche
Phasen und unter allerhand Namen zog sich Krieg und
Schlacht bis in den heutigen Tag herein. Für die Gegensätze,
die in feindlichen Lagern einander gegenüber stehen, wählt
Heinsius die Namen Humanismus und Realismus, und wir wollen sie,
so wenig zutreffend sie auch sind, doch als die gewöhnlichsten
beibehalten.
Bis im 18. Jahrhundert die Aufklärung ihr Licht zu verbreiten
anfing, lag die sogenannte höhere Bildung ohne Einspruch
in den Händen der Humanisten und beruhte fast allein auf
dem Verständnis der alten Klassiker. Daneben ging
eine andere Bildung einher, welche ihr Muster gleichfalls
im Altertum suchte und der Hauptsache nach auf eine erkleckliche
Kenntnis der Bibel hinauskam. Dass man in beiden Fällen
die beste Bildung der antiken Welt zu seinem einzigen Stoff ausersah,
beweist genugsam, wie wenig das eigene Leben noch etwas Würdiges
darbot, und wie weit wir noch davon entfernt waren, aus eigener
Originalität die Formen der Schönheit, aus eigener Vernunft
den Inhalt der Wahrheit erschaffen zu können. Wir hatten
Form und Inhalt erst zu lernen, wir waren Lehrlinge. Und
wie die antike Welt durch Klassiker und Bibel als Herrin
über uns gebot, so war - was sich historisch beweisen lässt
- das Herr- und Diener-Sein überhaupt das Wesen unseres gesamten
Treibens, und lediglich aus dieser Natur des Zeitalters erklärt
es sich, warum man so unbefangen nach einer »höheren
Bildung« trachtete und vor dem gemeinen Volke sich durch
sie auszuzeichnen beflissen war. Mit der Bildung wurde ihr Besitzer
ein Herr der Ungebildeten. Eine volkstümliche Bildung
würde dem entgegen gewesen sein, weil das Volk den gelehrten
Herrn gegenüber im Laienstande verharren und die
fremde Herrlichkeit nur anstaunen und verehren sollte. So setzte
sich der Romanismus in der Gelehrsamkeit
fort, und seine Stützen sind Latein und Griechisch. Ferner
konnte es nicht fehlen, dass diese Bildung durchgehend eine formelle
blieb, sowohl deshalb, weil von dem verstorbenen und längst
begrabenen Altertum ja nur die Formen, gleichsam die Schemen der
Literatur und Kunst, sich zu erhalten im Stande waren, als besonders
deshalb, weil Herrschaft über Menschen gerade durch formelles
Übergewicht erworben und behauptet wird: es bedarf nur eines
gewissen Grades von geistiger Gewandtheit zur Überlegenheit
über die Ungewandten. Die sogenannte höhere Bildung
war daher eine elegante Bildung, ein sensus omnis elegantiae,
eine Bildung des Geschmacks und Formensinns, die zuletzt gänzlich
zu einer grammatischen herabzusinken drohte, und die deutsche
Sprache selbst so sehr mit dem Geruche Latiums parfümierte,
dass man heute noch z. B. in der soeben [1842] erschienenen »Geschichte
des brandenburgisch-preussischen Staates. Ein Buch für Jedermann.
Von [A.] Zimmermann« die schönsten lateinischen Satzbildungen
zu bewundern Gelegenheit hat.
Indessen richtete sich allgemach aus der Aufklärung ein Geist
des Widerspruchs gegen diesen Formalismus auf, und zu der Anerkennung
unverlierbarer und allgemeiner Menschenrechte gesellte sich die
Forderung einer alle umfassenden, einer menschlichen Bildung.
Der Mangel einer reellen und in das Leben eingreifenden Belehrung
war an der bisherigen Verfahrungsweise der Humanisten einleuchtend
und erzeugte die Forderung einer praktischen Ausbildung. Fortan
sollte alles Wissen Leben, das Wissen gelebt werden; denn erst
die Realität des Wissens ist seine Vollendung. Gelang es,
den Stoff des Lebens in die Schule einzuführen, durch ihn
etwas allen Brauchbares zu bieten, und eben darum
alle für diese Vorbereitung auf's Leben zu gewinnen und der
Schule zuzuwenden, so beneidete man die gelehrten Herren
nicht mehr um ihr absonderliches Wissen, und das Volk beendete
seinen Laienstand. Den Priesterstand der Gelehrten und
den Laienstand des Volkes aufzuheben ist das Streben des Realismus,
und darum muss er den Humanismus überflügeln. Aneignung
der klassischen Formen des Altertums begann zurückgedrängt
zu werden, und mit ihr verlor die Autoritäts-Herrschaft
ihren Nimbus. Die Zeit sträubte sich gegen den althergebrachten
Respekt vor der Gelehrsamkeit, wie sie denn überhaupt
gegen jeden Respekt sich auflehnt. Der wesentliche Vorzug
der Gelehrten, die allgemeine Bildung, sollte allen zugute
kommen. Was ist aber, fragte man, allgemeine Bildung anderes als
die Befähigung, trivial ausgedrückt, »über
alles mitreden zu können«, ernster gesprochen, die Befähigung,
jedes Stoffes Herr zu werden? Man sah, die Schule war hinter dem
Leben zurückgeblieben, indem sie sich nicht nur dem Volke
entzog, sondern auch bei ihren Zöglingen über der exklusiven
Bildung die universelle versäumte, und sie anzuhalten unterliess,
eine Menge Stoff, der uns vom Leben aufgedrungen wird, schon auf
der Schule zu bemeistern. Hat ja doch die Schule, dachte man,
die Grundlinien unserer Versöhnung mit allem, was das Leben
darbietet, zu ziehen und dafür zu sorgen, dass keiner der
Gegenstände, mit welchen wir uns dereinst befassen müssen,
uns völlig fremd und ausser dem Bereich unserer Bewältigung
sei. Daher wurde aufs eifrigste Vertrautheit mit den Dingen und
Verhältnissen der Gegenwart gesucht und eine Pädagogik
in Aufnahme gebracht, welche auf alle Anwendung finden musste,
weil sie das allen gemeinsame Bedürfnis, sich in
ihre Welt und Zeit zu finden, befriedigte. Die Grundsätze
der Menschenrechte gewannen in dieser Weise auf dem pädagogischen
Gebiete Leben und Realität: die Gleichheit, weil jene
Bildung alle umfasste, und die Freiheit, da man in dem,
was man brauchte, bewandert, mithin unabhängig und selbständig
wurde.
Indes das Vergangene zu fassen, wie der Humanismus lehrt, und das Gegenwärtige zu ergreifen, worauf es der Realismus absieht, führt beides nur zur Macht über das Zeitliche. Ewig ist nur der Geist, welcher sich erfasst. Deshalb empfingen Gleichheit und Freiheit auch nur ein untergeordnetes Dasein. Man konnte wohl anderen gleich, und von ihrer Autorität emanzipiert werden; von der Gleichheit mit sich selbst, von der Ausgleichung und Versöhnung unseres zeitlichen und ewigen Menschen, von der Verklärung unserer Natürlichkeit zur Geistigkeit, kurz von der Einheit und der Allmacht unseres Ichs, das sich selbst
genügt, weil es ausser ihm nichts Fremdes stehen lässt -:
Davon liess sich in jenem Prinzip kaum eine Ahnung er-
kennen. Und die Freiheit erschien wohl als Unabhängig-
keit von Autoritäten, war aber noch leer an Selbstbestim-
mung und lieferte noch keine Taten eines in sich freien
Menschen, Selbstoffenbarungen eines rücksichtslosen,
d.h. eines aus dem Fluktuieren der Reflexion erretteten
Geistes. Der formell Gebildete sollte freilich nicht mehr über
den Meeresspiegel der allgemeinen Bildung hervorragen und
verwandelte sich aus einem »höher Gebildeten« in einen
»einseitig Gebildeten« (als welcher er natürlich seinen un-
bestrittenen Wert behält, da alle allgemeine Bildung be-
stimmt ist, in die verschiedensten Einseitigkeiten spezieller
Bildung auszustrahlen); allein der im Sinne des Realismus
Gebildete war auch nicht über die Gleichheit
mit anderen und die Freiheit von anderen, nicht über den sogenannten »praktischen Menschen« hinausgekommen. Zwar
konnte die leere Eleganz des Humanisten, des Dandy, der
Niederlage nicht entgehen; allein der Sieger gleisste vom
Grünspan der Materialität und war nichts Höheres als ein
geschmackloser Industrieller. Dandismus und IndustriaIismus
streiten um die Beute lieblicher Knaben und Mädchen und tauschen
oft verführerisch ihre Rüstungen, indem der Dandy im
ungeschliffenen Zynismus und der Industrielle mit weisser Wäsche
erscheint. Allerdings wird das lebendige Holz industrieller Streitkolben
die trockenen Stecken dandistischer Entmarkung zerbrechen; lebendig
aber oder tot, Holz bleibt Holz, und soll die Flamme des Geistes
leuchten, so muss das Holz in Feuer aufgehen.
Warum muss inzwischen auch der Realismus, wenn er,
wozu ihm doch die Fähigkeit nicht abzusprechen, das Gute
des Humanismus in sich aufnimmt, gleichwohl zugrunde
gehen? Gewiss kann er das Unveräusserliche und Wahre
des Humanismus, die formelle Bildung, in sich aufnehmen, was ihm
mehr und mehr durch die möglich gewordene Wissenschaftlichkeit
und vernünftige Behandlung aller Lehrobjekte leicht gemacht
wird (ich erinnere nur beispielsweise an Beckers Leistungen für
die deutsche Grammatik), und durch diese Veredlung seinen Gegner
aus der festen Position verdrängen. Da der Realismus so gut
als der Humanismus davon ausgeht, dass es die Bestimmung aller
Erziehung sei, dem Menschen Gewandtheit zu verschaffen,
und beide z.B. darin übereinkommen, dass man sprachlich an
alle Wendungen des Ausdrucks gewöhnen, mathematisch
die Wendungen der Beweise einschärfen müsse u.s.w.,
dass man also auf Meisterschaft in Handhabung des Stoffes,
auf Bemeisterung desselben hinzuarbeiten habe: so wird es gewiss
nicht ausbleiben, dass auch der Realismus endlich als letztes
Ziel die Geschmacksbildung anerkenne und die formierende
Tätigkeit obenan stelle, wie das schon jetzt zum Teil der
Fall ist. Denn in der Erziehung hat ja doch aller gegebene Stoff
nur darin seinen Wert, dass die Kinder lernen, etwas damit anzufangen,
ihn zu gebrauchen. Wohl darf nur Nützliches und Brauchbares,
wie die Realisten wollen, eingeprägt werden; allein der Nutzen
wird doch einzig im Formieren zu suchen sein, im Verallgemeinern,
im Darstellen, und man wird diese humanistische Forderung nicht
abweisen können. Die Humanisten haben darin Recht, dass es
vornehmlich auf die formelle Bildung ankommt - darin Unrecht,
dass sie diese nicht in der Bewältigung jedes Stoffes
finden; die Realisten verlangen das Richtige darin, dass jeder
Stoff auf der Schule angefangen werden müsse, das Unrichtige
dann, wenn sie nicht die formelle Bildung als hauptsächlichen
Zweck ansehen wollen. Der Realismus kann, wenn er die rechte Selbstverleugnung
übt und sich nicht den materialistischen Verführungen
hingibt, zu dieser Überwindung seines Widersachers und zugleich
zur Versöhnung mit ihm kommen. Warum feinden wir ihn nun
dennoch an?
Wirft er denn wirklich die Schale des alten Prinzips von
sich, und steht er auf der Höhe der Zeit? Danach ist ja
doch alles zu beurteilen, ob es sich zu der Idee bekennt,
welche die Zeit als ihr Teuerstes errungen hat, oder ob es
hinter ihr einen stationären Platz einnimmt. - Es muss
jene unvertilgbare Furcht auffallen, mit der die Realisten
vor der Abstraktion und Spekulation zurückschaudern, und
ich will deshalb ein paar Stellen aus Heinsius hierhersetzen,
der in diesem Punkte steifen
Realisten nichts nachgibt, und
mir Anführungen aus diesen erspart, die leicht zu geben
wären. Seite 9 heisst es: »Man hörte auf den höheren
Bildungsanstalten von philosophischen Systemen der Grie-
chen, von Aristoteles und Plato, auch wohl der Neueren,
von Kant, dass er die Ideen von Gott, Freiheit, Unsterblich-
keit als unerweislich hingestellt, von Fichte, dass er die
moralische Weltordnung an die Stelle des persönlichen
Gottes gesetzt, von Schelling, Hegel, Herbart, Krause und
wie alle die Entdecker und Verkünder überirdischer Weisheit
heissen mögen. Was, sagte man, sollen wir, soll die deutsche
Nation mit idealistischen Schwärmereien anfangen, die weder
den empirischen und positiven Wissenschaften noch dem
praktischen Leben angehören und dem Staate nicht from-
men? Was mit einer dunklen Erkenntnis, die nur den
Zeitgeist verwirrt, zu Unglauben und Atheismus führt, die
Gemüter spaltet, die Studierenden selbst von den Lehr-
stühlen ihrer Apostel verscheucht und sogar unsere Na-
tionalsprache verdunkelt, da sie die klarsten Begriffe des
gesunden Menschenverstandes in mystische Rätsel um-
wandelt? Ist das die Weisheit, die unsere Jugend zu sitt-
lich guten Menschen, denkenden Vernunftwesen, treuen
Bürgern, brauchbaren und tüchtigen Arbeitern in ihrem
Beruf, liebenden Gatten und sorgsamen Vätern für die Be-
gründung häuslichen Wohlseins heranbilden soll?« Und
Seite 45: »Sehen wir auf die Philosophie und Theologie,
die als Wissenschaften des Denkens und Glaubens für das Wohl
der Welt obenangestellt werden: was sind sie durch ihre gegenseitigen
Reibungen geworden, seit Luther und Leibniz die Bahn dazu brachen?
Der Dualismus, Materialismus, Spiritualismus, Naturalismus, Pantheismus,
Realismus, Idealismus, Supernaturalis-
mus, Rationalismus, Mystizismus und wie alle die abstrusen Ismen
überspannter Spekulationen und Gefühle heissen mögen:
was haben sie denn nun dem Staat, der Kirche, den Künsten,
der Volkskultur für Segen gebracht? Das Denken und Wissen
ist freilich in seinem Umfang erweitert, ist aber jenes auch deutlicher
und dieses sicherer geworden? Die Religion, als Dogma, ist reiner,
aber der subjektive Glaube ist verworrener, geschwächt, in
seinen Stützen gebrochen, durch Kritik und Hermeneutik erschüttert,
oder in Schwärmerei und pharisäische Scheinheiligkeit
umgewandelt. Und die Kirche? - ach - ihr Leben ist Zwiespalt oder
Tod. Ist es nicht so?« Weshalb zeigen sich denn die Realisten
der Philosophie so abhold? Weil sie ihren eigenen Beruf verkennen
und mit aller Gewalt beschränkt bleiben wollen, statt unumschränkt
zu werden! Warum hassen sie die Abstraktion? Weil sie selbst abstrakt
sind, weil sie von der Vollendung ihrer selbst, von dem Aufschwung
zur erlösenden Wahrheit abstrahieren!
Wollen wir etwa die Pädagogik den Philosophen in die Hände
spielen? Nichts weniger als das! Sie würden sich ungeschickt
genug benehmen. Denen allein werde sie anvertraut, die mehr sind
als Philosophen, darum aber auch unendlich mehr als Humanisten
oder Realisten. Die letzteren haben den richtigen Geruch, dass
auch die Philosophen untergehen müssen, aber keine Ahnung
davon, dass ihrem Untergange eine Auferstehung folgt: sie abstrahieren
von der Philosophie, um ohne sie in den Himmel ihrer Zwecke zu
gelangen, sie überspringen sie und - fallen in den Abgrund
eigener Leerheit, sie sind, gleich dem ewigen Juden, unsterblich,
nicht ewig. Nur die Philosophen können sterben
und finden im Tode ihr eigentliches Selbst; mit ihnen stirbt die
Reformations-Periode, das Zeitalter des Wissens. Ja, so ist es,
das Wissen selbst muss sterben, um im Tode wieder aufzublühen
als Wille; die Denk-, Glaubens- und Gewissensfreiheit,
diese herrlichen Blumen dreier Jahrhunderte, werden in den Mutterschoss
der Erde zurücksinken, damit eine neue Freiheit, die des
Willens, von ihren edelsten Säften sich nähre. Das Wissen
und seine Freiheit war das Ideal jener Zeit, das auf der Höhe
der Philosophie endlich erreicht worden ist: hier wird der Heros
sich selbst den Scheiterhaufen erbauen und sein ewiges Teil in
den Olymp retten. Mit der Philosophie schliesst unsere Vergangenheit
ab, und die Philosophen sind die Raphaele der Denk-Periode, an
welchen das alte Prinzip in leuchtender Farbenpracht sich vollendet
und durch Verjüngung aus einem zeitlichen ein ewiges wird.
Wer hinfort das Wissen bewahren will, der wird es verlieren; wer
es aber aufgibt, der wird es gewinnen. Die Philosophen allein
sind berufen zu diesem Aufgeben und diesem Gewinn: sie stehen
vor dem flammenden Feuer und müssen, wie der sterbende Heros,
ihre irdische Hülle verbrennen, wenn der unvergängliche
Geist frei werden soll.
So viel als möglich muss verständlicher gesprochen werden.
Darin nämlich liegt noch immer der Fehler unserer Tage, dass
das Wissen nicht vollendet und zur Durchsichtigkeit gebracht wird,
dass es ein materielles und formelles, ein positives bleibt, ohne
sich zum absoluten zu steigern, dass es uns befrachtet als eine
Bürde. Ähnlich jenem Alten muss man Vergesslichkeit
wünschen, muss aus der beseligenden Lethe trinken: sonst
kommt man nicht zu sich. Alles Grosse muss zu sterben wissen und
durch seinen Hintritt sich verklären; nur das
Klägliche sammelt, gleich dem starrgliedrigen Reichskammergericht,
Akten auf Akten und spielt Jahrtausende in zierlichen Porzellanfiguren,
wie die unvergängliche Kinderei der Chinesen. Das rechte
Wissen vollendet sich, indem es aufhört, Wissen zu sein,
und wieder ein einfacher menschlicher Trieb wird - der Wille.
So wird z.B. der, welcher Jahre lang über seinen »Beruf
als Mensch« nachgedacht hat, alle Sorgen und Pilgerschaften
des Suchens in demselben Augenblick in die Lethe eines einfachen
Gefühles, eines von Stund' an allmählich leitenden Triebes
versenken, in welchem er jenen gefunden hat. Der »Beruf des
Menschen«, dem dieser auf tausend Pfaden und Stegen der Forschung
nachspürte, schlägt, sobald er erkannt worden, in die
Flamme des sittlichen Willens aus und durchglüht die Brust
des nicht mehr im Suchen zerstreuten, sondern wieder frisch und
naiv gewordenen Menschen.
Auf, bade, Schüler, unverdrossen,
Die ird'sche Brust im Morgenrot.
Das ist das Ende und zugleich die Unvergänglichkeit, die
Ewigkeit des Wissens: das Wissen, das wieder einfach und unmittelbar
geworden, als Wille sich (das Wissen) in jeder Handlung von neuem
und in neuer Gestalt setzt und offenbart. Nicht der Wille ist
von Haus aus das Rechte, wie uns die Praktischen gerne versichern
möchten, nicht überspringen darf man das Wissenwollen,
um gleich im Willen zu stehen, sondern das Wissen vollendet sich
selbst zum Willen, wenn es sich entsinnlicht und als Geist, »der
sich den Körper baut«, sich selbst erschafft. Darum
haften an jeder Erziehung, die nicht auf diesen Tod und diese
Himmelfahrt des Wissens ausgeht, die Gebrechen der Zeitlichkeit,
die Formalität
und Materialität, der Dandismus und Industrialismus. Ein
Wissen, welches sich nicht so läutert und konzentriert, dass
es zum Wollen fortreisst, oder mit anderen Worten, ein Wissen,
welches mich nur als ein Haben und Besitz beschwert, statt ganz
und gar mit mir zusammengegangen zu sein, so dass das freibewegliche
Ich, von keiner nachschleppenden Habe geniert, frischen Sinnes
die Welt durchzieht, ein Wissen also, das nicht persönlich
geworden, gibt eine ärmliche Vorbereitung auf's Leben ab.
Man will es nicht zur Abstraktion kommen lassen, worin doch erst
die wahre Weihe allem konkreten Wissen verliehen wird: denn durch
sie wird der Stoff wirklich getötet und in Geist verwandelt,
dem Menschen aber die eigentliche und letzte Befreiung gegeben.
Nur in der Abstraktion ist die Freiheit: der freie Mensch nur
der, welcher das Gegebene überwunden und selbst das aus ihm
fragweise Herausgelockte wieder in die Einheit seines Ichs zusammengenommen
hat.
Ist es der Drang unserer Zeit, nachdem die Denkfreiheit errungen, diese bis zu jener Vollendung zu verfolgen, durch welche sie in die Willensfreiheit umschlägt, um die letztere als das Prinzip einer neuen Epoche zu verwirklichen, so kann auch das letzte Ziel der Erziehung nicht mehr das Wissen sein, sondern das aus dem Wissen geborene Wollen, und der sprechende Ausdruck dessen, was sie zu erstreben hat, ist: der persönliche oder freie Mensch. Die Wahrheit selbst besteht in nichts anderem als in dem Offenbaren seiner selbst, und dazu gehört das Auffinden seiner selbst, die Befreiung von allem Fremden, die äusserste Abstraktion oder Entledigung von aller Autorität, die wiedergewonnene Naivität. Solche durchaus wahren
Menschen liefert die
Schule nicht; wenn sie dennoch da sind, so sind sie es trotz
der Schule. Diese macht uns wohl zu Herren über die Dinge,
allenfalls auch zu Herren über unsere Natur; zu freien Naturen
macht sie uns nicht. Kein noch so gründliches und ausgebreitetes
Wissen, kein Witz und Scharfsinn, keine dialektische Feinheit
bewahrt uns vor der Gemeinheit des Denkens und Wollens. Es ist
wahrlich nicht das Verdienst der Schule, wenn wir nicht die Selbstsucht
aus ihr mitbringen. Jede Art entsprechender Eitelkeit und jede
Art der Gewinnsucht, Ämtergier, mechanischer und serviler
Dienstbeflissenheit, Achselträgerei u.s.w. verbindet sich
sowohl mit dem ausgebreiteten Wissen als mit der eleganten, klassischen
Bildung, und da dieser ganze Unterricht keinerlei Einfluss auf
unser sittliches Handeln ausübt, so verfällt er häufig
dem Lose, so weit vergessen zu werden, als er nicht gebraucht
wird: man schüttelt den Schulstaub ab. Und dies alles darum,
weil die Bildung nur im Formellen oder im Materiellen, höchstens
in beidem gesucht wird, nicht in der Wahrheit, in der Erziehung
des wahren Menschen. Die Realisten machen zwar einen Fortschritt,
indem sie verlangen, der Schüler solle das finden und verstehen,
was er lernt: Diesterweg z.B. weiss viel von dem »Erlebungsprinzip«
zu reden; allein das Objekt ist auch hier nicht die Wahrheit,
sondern irgendein Positives (wohin auch die Religion zu rechnen),
das der Schüler mit der Summe seines übrigen positiven
Wissens in Übereinstimmung und Zusammenhang zu bringen angeleitet
wird, ohne irgendeine Erhebung über die Vierschrötigkeit
des Erlebens und Anschauens, und ohne allen Anreiz, mit dem Geiste,
welchen er durch Anschauung gewonnen, weiter zu arbeiten und aus
ihm zu produzieren d.h. spekulativ zu sein, was
praktisch so viel sagen will, als zu sein und sittlich zu handeln.
Im Gegenteil, verständige Leute zu erziehen, das soll
genügen; auf vernünftige Menschen ist's nicht
eigentlich abgesehen; Dinge und Gegebenes zu verstehen, dabei
hat's sein Bewenden - sich zu vernehmen, scheint nicht
jedermanns Sache zu sein. So fördert man den Sinn für
das Positive, sei es nach seiner formellen oder zugleich nach
seiner materiellen Seite, und lehrt: sich in das Positive schicken.
Wie in gewissen anderen Sphären, so lässt man auch in
der pädagogischen die Freiheit nicht zum Durchbruch, die
Kraft der Opposition nicht zu Worte kommen: man will Unterwürfigkeit.
Nur ein formelles und materielles Abrichten wird bezweckt, und
nur Gelehrte gehen aus den Menagerien der Humanisten, nur »brauchbare
Bürger« aus denen der Realisten hervor, die doch beide
nichts als unterwürfige Menschen sind. Unser guter
Fond von Ungezogenheit wird gewaltsam erstickt und mit ihm die
Entwicklung des Wissens zum freien Willen. Resultat des Schullebens
ist dann das Philistertum. Wie wir uns in der Kindheit in alles
zu finden gewöhnten, was uns aufgegeben wurde, so finden
und schicken wir uns später ins positive Leben, schicken
uns in die Zeit, werden ihre Knechte und sogenannte gute Bürger.
Wo wird denn an Stelle der bisher genährten Unterwürfigkeit
ein Oppositionsgeist gestärkt, wo wird statt des lernenden
Menschen ein schaffender erzogen, wo verwandelt sich der Lehrer
in den Mitarbeiter, wo erkennt er das Wissen als umschlagend in
das Wollen, wo gilt der freie Mensch als Ziel, und nicht der bloss
gebildete? Leider nur erst an wenigen Orten. Die Einsicht muss
aber allgemeiner werden, dass nicht die Bildung, die Zivilisation,
die höchste Aufgabe des Menschen ausmacht, sondern die Selbst-
betätigung. Wird darum die Bildung vernachlässigt werden?
Gerade so wenig, als wir die Denkfreiheit einzubüssen gesonnen
sind, indem wir sie in die Willensfreiheit eingehen und sich verklären
lassen. Wenn der Mensch erst seine Ehre darein setzt, sich selbst
zu fühlen, zu kennen und zu betätigen, also in Selbstgefühl,
Selbstbewusstsein und Freiheit, so strebt er von selbst, die Unwissenheit,
die ihm ja den fremden, undurchdrungenen Gegenstand zu einer Schranke
und Hemmung seiner Selbsterkenntnis macht, zu verbannen. Weckt
man in den Menschen die Idee der Freiheit, so werden die Freien
sich auch unablässig immer wieder selbst befreien; macht
man sie hingegen nur gebildet, so werden sie sich auf
höchst gebildete und feine Weise allezeit den Umständen
anpassen und zu unterwürfigen Bedientenseelen ausarten. Was
sind unsere geistreichen und gebildeten Subjekte grösstenteils?
Hohnlächelnde Sklavenbesitzer und selber - Sklaven.
Die Realisten dürfen sich des Vorzugs rühmen, dass sie
nicht blosse Gelehrte erziehen, sondern verständige und brauchbare
Bürger: ja ihr Grundsatz: »man lehre alles mit Beziehung
auf das praktische Leben« könnte sogar als das Motto
unserer Zeit gelten, wenn sie die wahre Praxis nur nicht in gemeinem
Sinn auffassten. Die wahre Praxis ist aber nicht die, sich durch's
Leben durchzuarbeiten, und das Wissen ist mehr wert, als dass
man es verbrauchen dürfte, um damit seine praktischen Zwecke
zu erjagen. Vielmehr ist die höchste Praxis die, dass ein
freier Mensch sich selbst offenbart, und das Wissen, das zu sterben
weiss, ist die Freiheit, welche Leben gibt. »Das praktische
Leben!« Damit glaubt man sehr viel gesagt zu haben, und doch
führen selbst die Tiere ein durchaus praktisches Leben, sobald
die Mutter sie
ihrer theoretischen Säuglingschaft entwöhnt hat, und
suchen entweder nach Lust in Feld und Wald ihr Futter, oder werden
ins Joch eines - Geschäftes eingespannt. Der tierseelenkundige
Scheitlin würde den Vergleich noch viel weiter führen,
bis in die Religion hinein, wie zu ersehen aus seiner »Tierseelenkunde«,
einem gerade darum sehr belehrenden Buche, weil es das Tier
dem zivilisierten Menschen und den zivilisierten Menschen
dem Tiere so nahe rückt. Jene Intention, »für's
praktische Leben zu erziehen«, bringt nur Leute von Grundsätzen
hervor, die nach Maximen handeln und denken, keine prinzipiel1en
Menschen; legale Geister, nicht freie. Etwas ganz
anderes aber sind Menschen, in denen die Totalität ihres
Denkens und Handelns in steter Bewegung und Verjüngung wogt,
und etwas anderes solche, die ihren Überzeugungen treu sind:
die Überzeugungen selbst bleiben unerschüttert, pulsieren
nicht als stets erneuertes Arterienblut durch das Herz, erstarren
gleichsam als feste Körper und sind, wenn auch erworben und
nicht eingelernt, doch etwas Positives und gelten noch obenein
als etwas Heiliges. So mag die realistische Erziehung wohl feste,
tüchtige, gesunde Charaktere erzielen, unerschütterliche
Menschen, treue Herzen, und das ist für unser schleppenträgerisches
Geschlecht ein unschätzbarer Gewinn; allein die ewigen
Charaktere, in welchen die Festigkeit nur in dem unablässigen
Fluten ihrer stündlichen Selbstschöpfung besteht, und
die darum ewig sind, weil sie sich in jedem Augenblicke selbst
machen, weil sie die Zeitlichkeit ihrer jedesmaligen Erscheinung
aus der nie welkenden und alternden Frische und Schöpfungstätigkeit
ihres ewigen Geistes setzen - die gehen nicht aus jener Erziehung
hervor. Der sogenannte gesunde Charakter
ist auch im besten Falle nur ein starrer; soll er ein vollendeter
sein, so muss er zugleich ein leidender werden, zuckend
und schauernd in der seligen Passion einer unaufhörlichen
Verjüngung und Neugeburt.
So laufen denn die Radien aller Erziehungen in dem einen Mittelpunkte
zusammen, welcher Persönlichkeit heisst. Das Wissen,
so gelehrt und tief, oder so breit und fasslich es auch sei, bleibt
so lange doch nur ein Besitz und Eigentum, als es nicht in dem
unsichtbaren Punkt des Ichs zusammengeschwunden ist, um von da
als Wille, als übersinnlicher und unfasslicher Geist allgewaltig
hervorzubrechen. Das Wissen erfährt diese Umwandlung dann,
wenn es aufhört, nur an Objekten zu haften, wenn es ein Wissen
von sich selbst, oder, falls dies deutlicher scheint, ein Wissen
der Idee, ein Selbstbewusstsein des Geistes geworden ist. Dann
verkehrt es sich sozusagen in den Trieb, den Instinkt des Geistes,
in ein bewusstloses Wissen, von dem sich jeder wenigstens
eine Vorstellung zu machen vermag, wenn er es damit vergleicht,
wie so viele und umfassende Erfahrungen bei ihm selbst in das
einfache Gefühl sublimiert wurden, das man Takt nennt:
alles aus jenen Erfahrungen gezogene weitläufige Wissen ist
in ein augenblickliches Wissen konzentriert, wodurch er
im Nu sein Handeln bestimmt. Dahin aber, zu dieser Immaterialität,
muss das Wissen durchdringen, indem es seine sterblichen Teile
opfert und als Unsterbliches - Wille wird.
In diesem Umstande liegt grossenteils die Not unserer seitherigen
Erziehung, dass das Wissen nicht zum Willen, zur Betätigung
seiner selbst, zur reinen Praxis sich läuterte. Die Realisten
fühlten den Mangel, halfen ihm jedoch auf eine elende Weise
dadurch ab, dass sie ideenlose und unfreie »Praktiker«
ausbildeten. Die meisten
Seminaristen sind ein lebendiger Beleg dieser traurigen Wendung.
Zugestutzt auf's Trefflichste stutzen sie wieder zu, dressiert
dressieren sie wieder. Persönlich aber muss jede Erziehung
werden, und vom Wissen ausgehend doch stets das Wesen desselben
im Auge behalten, dies nämlich, - dass es nie ein Besitz,
sondern das Ich selbst sein soll. Mit einem Worte, nicht das Wissen
soll angebildet werden, sondern die Person soll zur Entfaltung
ihrer selbst kommen; nicht vom Zivilisieren darf die Pädagogik
ferner ausgehen, sondern von der Ausbildung freier Personen, souveräner
Charaktere; und darum darf der Wille, der bisher so gewalttätig
unterdrückte, nicht länger geschwächt werden. Schwächt
man ja doch auch den Wissenstrieb nicht, warum denn den Willenstrieb?
Pflegt man jenen, so pflege man auch diesen. Die kindliche Eigenwilligkeit
und Ungezogenheit hat so gut ihr Recht als die kindliche Wissbegierde.
Die letztere regt man geflissentlich an; so rufe man auch die
natürliche Kraft des Willens hervor, die Opposition.
Wenn das Kind sich nicht fühlen lernt, so lernt es gerade
die Hauptsache nicht. Man erdrücke seinen Stolz nicht, seinen
Freimut. Gegen seinen Übermut bleibt meine eigene Freiheit
immer gesichert. Denn artet der Stolz in Trotz aus, so will das
Kind mir Gewalt antun; das brauche ich mir, der ich ja selbst
so gut als das Kind ein Freier bin, nicht gefallen zu lassen.
Muss ich mich aber durch die bequeme Schutzwehr der Autorität
dagegen verteidigen? Nein, ich halte die Härte meiner eigenen
Freiheit entgegen, so wird der Trotz der Kleinen von selbst zerspringen.
Wer ein ganzer Mensch ist, braucht keine - Autorität zu sein.
Und bricht der Freimut als Frechheit aus, so verliert diese ihre
Kraft an der sanften Gewalt eines echten Weibes, an ihrer Mütterlichkeit,
oder an
der Festigkeit des Mannes; man ist sehr schwach, wenn man die
Autorität zu Hilfe rufen muss, und sündigt, wenn man
glaubt, den Frechen zu bessern, sobald man aus ihm einen Furchtsamen
macht. Furcht und Respekt fordern, das sind Dinge, die mit der
heimgegangenen Periode dem Rokoko-Stil angehören.
Worüber klagen wir also, wenn wir die Mängel unserer
heutigen Schulbildung ins Auge fassen? Darüber, dass unsere
Schulen noch im alten Prinzipe stehen, in dem des wi1lenlosen
Wissens. Das junge Prinzip ist das des Willens, als der Verklärung
des Wissens. Darum kein »Konkordat zwischen Schule
und Leben«, sondern die Schule sei Leben, und dort, wie ausser
ihr, sei die Selbstoffenbarung der Person die Aufgabe. Die universelle
Bildung der Schule sei Bildung zur Freiheit, nicht zur Unterwürfigkeit:
Freisein, das ist das wahre Leben. Die Einsicht in die
Leblosigkeit des Humanismus hätte den Realismus zu dieser
Erkenntnis treiben sollen. Indes gewahrte man an der humanistischen
Bildung nur den Mangel aller Befähigung zum sogenannten praktischen
(bürgerlichen - nicht persönlichen) Leben, und wendete
sich, im Gegensatze wider jene bloss formelle Bildung, einer materiellen
Bildung in der Meinung zu, dass man durch Mitteilung des im Verkehr
brauchbaren Stoffes nicht nur den Formalismus überwinden,
sondern auch das höchste Bedürfnis befriedigen werde.
Allein auch die praktische Bildung steht noch weit zurück
hinter der persönlichen und freien, und gibt jene die Geschicklichkeit,
sich durch's Leben zu schlagen, so verschafft diese die Kraft,
den Feuerfunken des Lebens aus sich herauszuschlagen; bereitet
jene darauf vor, sich in einer gegebenen Welt zu Hause zu finden,
so lehrt diese, bei sich zu Hause zu sein. Wir sind noch nicht
alles, wenn wir uns als nützliche Glieder der Gesellschaft
bewegen; wir vermögen vielmehr selbst dies erst dann vollkommen,
wenn wir freie Menschen, selbstschöpferische (uns selbst
schaffende) Personen sind.
Ist nun die Idee und der Trieb der neuen Zeit die Willensfreiheit,
so muss der Pädagogik als Anfang und Ziel die
Ausbildung der freien Persönlichkeit vorschweben.
Humanisten wie Realisten beschränken sich noch auf's Wissen,
und wenn's hoch kommt, so sorgen sie für das freie Denken
und machen uns durch theoretische Befreiung zu freien
Denkern. Durch das Wissen werden wir indes nur innerlich
frei (eine Freiheit übrigens, die nie wieder aufgegeben werden
soll), äusserlich können wir bei aller Gewissens- und
Denkfreiheit Sklaven und in Untertänigkeit bleiben. Und doch
ist gerade jene für das Wissen äussere Freiheit
für den Willen die innere und wahre, die sittliche Freiheit.
In dieser darum universellen Bildung, weil in ihr der Niedrigste
mit dem Höchsten zusammentrifft, begegnen wir erst der wahren
Gleichheit aller, der Gleichheit freier Personen: nur die
Freiheit ist Gleichheit.
Man kann, wenn man einen Namen will, über die Humanisten
und Realisten die Sittlichen (ein deutsches Wort) stellen,
da ihr Endzweck die sittliche Bildung ist. Doch kommt dann freilich
gleich der Einwand, dass uns diese wieder für positive Sittlichkeitsgesetze
werden ausbilden wollen, und dass das im Grunde schon bisher immer
geschehen sei. Weil es aber bisher geschehen ist, so meine ich
das auch nicht, und dass ich die Kraft der Opposition geweckt,
den Eigenwillen nicht gebrochen, sondern verklärt wissen
will, das könnte den Unterschied hinreichend verdeutlichen.
Um indes die hier gestellte Forderung selbst noch von den besten
Bestre-
bungen der Realisten, wie eine solche z.B. in dem eben erschienenen
Programm Diesterwegs, Seite 36, so ausgedrückt wird: - »In
dem Mangel an Charakterbildung liegt die Schwäche unserer
Schulen, wie die Schwäche unserer Erziehung überhaupt.
Wir bilden keine Gesinnung.« - zu unterscheiden, sage ich
lieber, wir brauchen fortan eine persönliche Erziehung
(nicht Einprägung einer Gesinnung). Will man diejenigen,
welche diesem Prinzip folgen, wieder -isten nennen, so nenne man
sie meinetwegen Personalisten.
Daher wird, um noch einmal an Heinsius zu erinnern, der »lebhafte
Wunsch der Nation, dass die Schule dem Leben näher gerückt
werden möchte«, nur dann erfüllt, wenn man in der
vollen Persönlichkeit, Selbständigkeit und Freiheit
das eigentliche Leben findet, da, wer nach diesem Ziele strebt,
nichts des Guten, weder aus dem Humanismus noch aus dem Realismus
aufgibt, wohl aber beides unendlich höher rückt und
veredelt. Auch kann der nationale Standpunkt, welchen Heinsius
einnimmt, noch nicht als der richtige gepriesen werden, da dies
vielmehr erst der persönliche ist. Erst der freie
und persönliche Mensch ist ein guter Bürger (Realisten),
und selbst bei dem Mangel spezieller (gelehrter, künstlerischer
u.s.w.) Kultur ein geschmackvoller Beurteiler (Humanisten).
Soll daher am Schluss mit kurzen Worten ausgedrückt werden, nach welchem Ziel unsere Zeit zu steuern hat, so liesse sich der notwendige Untergang der willenlosen Wissenschaft und der Aufgang des selbstbewussten Willens, welcher sich im Sonnenglanz der freien Person vollendet, etwa folgendermassen fassen: das Wissen muss sterben, um als Wille wieder aufzuerstehen und als freie Person sich täglich neu zu schaffen.
ENDE