Es ist ein Wort der Liebe an uns gerichtet worden, dem wir unsere
Ohren nicht verschliessen dürfen. Am ersten Tage dieses Jahres
wurde den Kirchengängern Berlins ein Schriftchen im Gotteshause
überreicht, das den Titel führt: »Die christliche
Sonntagsfeier. Ein Wort der Liebe an unsere Gemeinen,«
und das uns alle gar nahe angeht. Fassen wir den Inhalt desselben,
bevor wir ihn später im einzelnen beherzigen, in die wenigen
bezeichnenden Worte der zweiten Seite zusammen: »Da es unleugbar
ist, dass sich der Verfall der Kirche äusserlich am stärksten
offenbart durch die Entweihung der kirchlichen Feiertage, und
dass die Glieder anderer Religionsgemeinschaften an der Art, wie
diese Tage unter uns begangen werden, den grössten Anstoss
nehmen u.s.w., so bieten wir unseren Gemeinen zunächst die
folgende Schrift »über die christliche Sonntagsfeier«
dar, nicht meinend, dass diese Angelegenheit die höchste
sei im Wesen der christlichen Frömmigkeit, sondern weil wir
glauben, dass für das Höchste, nämlich die christliche
Wahrheit und Liebe, eine grössere Empfänglichkeit und
eine erweiterte Tätigkeit wird gewonnen sein, wenn die heiligen
Tage ihrer ursprünglichen Bestimmung,
nämlich der Ruhe von der Arbeit, der ernsten Einkehr in sich
selbst, der Aufmerksamkeit auf das göttliche Wort wiedergegeben
werden.« So werden wir von siebenundfünfzig unserer
evangelischen Geistlichen, deren Namen am Schlusse unterzeichnet
sind, unverhohlen mit dem »Verfall der Kirche«
bekannt gemacht und eines unkirchlichen Sinnes und Treibens angeklagt.
Wer es bis jetzt noch nicht hat glauben wollen, dass der Andächtigen
immer weniger werden und die christlichen Kirchen immer leerer,
der erfährt die unwiderlegliche Tatsache nun von denen, welche
ohne Zweifel die beste Auskunft darüber zu geben vermögen.
Sie rufen uns zurück in die verlassenen Sitze, mit väterlicher
Freundlichkeit die ungeratenen Kinder wieder zu sich winkend;
wir aber haben die gebannten Räume der Kirche und die Grenzen
andächtigen Glaubens unbewusst überschritten und werden
erst jetzt durch den mahnenden Zuruf unserer unwillkürlichen
Flucht gewahr. Lasst uns denn unseres jetzigen Zustandes recht
inne werden und das inhaltsschwere Wort, dass »der Verfall
der Kirche sich offenbare«, nach allen Seiten gründlich
erwägen, ohne vor seinem Eingeständnis zurückzubeben.
Es nützt uns nichts so sehr als Offenheit gegen uns selbst,
und schadet uns nichts mehr, als wenn wir aus Angst eine unbestreitbare
Tatsache vor uns selbst verbergen und von dem nichts wissen wollen,
was wir doch nicht ableugnen oder ändern können. Sammelt,
ihr Lieben, dazu euern Geist und vor allem euern Mut!
Die uns zur Umkehr ermuntern, die erinnern uns erst daran, dass
wir wirklich schon über die alte Heimat hinaus und in der
Fremde sind. Dank ihnen, dass sie uns über unseren Fortschritt,
an dessen Wirklichkeit zu glauben wir uns noch nicht einmal getrauten,
gründlich
belehren. Sie rufen uns zu: Ihr seid nicht mehr kirchlich gesinnt!
Wenn wir es denn nicht mehr sind (und lassen wir uns nicht durch
Heuchelei und verzagte Ängstlichkeit bestimmen, so können
wir uns gar nicht mehr darüber täuschen, dass jene Beschuldigung
uns in gewisser Beziehung vollkommen trifft), so fragen wir uns
unwillkürlich selbst: Was bist du nun denn? Und bist du darum
schlechter, weil du nicht mehr nach alter Art kirchlich bist?
Nun ja, der Vorwurf, in einer empfänglichen Stunde auf unser
Gewissen geschleudert, hat wohl die Macht, uns augenblicklich
in Schrecken zu setzen und eine Reue zu erzeugen, die für
einige Zeit den guten Vorsatz, künftig die Kirche gewissenhaft
zu besuchen, hervorruft. Aber wie lange dauert's, so sind wir
wieder die alten Sünder. So treibt uns denn die Reue zur
Busse, und die Langeweile der Busse wieder zur Sünde. Beklagenswertes
Los derer, die, mit ihrem eigenen Tun, obgleich sie darin nur
dem Zuge der Zeit folgen, unzufrieden, sich doch nicht zu bessern
vermögen. Sie haben die Kraft nicht, gegen den Strom der
Zeit zu schwimmen, und haben den Mut und Freiheitssinn nicht,
sich und ihr ruhiges Gewissen von seinen Fluten tragen zu lassen.
Sie möchten gerne fromme Christen sein, wenn es noch an der
Zeit wäre, und möchten auch gerne mit der Zeit gehen
und mit ihrer augenscheinlichen Gleichgültigkeit gegen das
Christentum oder vielleicht auch nur wider gewisse Äusserlichkeiten
desselben, wenn nur der alte Glaube und die alte Furcht nicht
wäre. So aber schweben sie zwischen Himmel und Erde, zu schwer,
um zu steigen, und zu leicht, um zu sinken: ein verzweifelter
Zustand. Auf den Gewinn solcher Seelen ziehen denn die Seelsorger
aus, und sie werden deren viele einfan-
gen. Aber auch wir müssen retten.
Siehe dort, ein kältezitternd' Reh
Flüchtet vor den Wölfen durch den Schnee!
Lass es ein, damit es kann erwarmen!
Was in aller Welt macht uns denn so kalt und gleichgültig,
was fehlt uns denn? Eine Begeisterung fehlt uns, die den ganzen
Menschen durchglüht, die alle Zweifel des Gedankens und alle
Verführungen der Sinne in ihrer reinen Flamme aufzehrt, die
den Tod zur Auferstehung erklärt! Nach einer solchen Begeisterung
sehnen wir uns!
Weiss man euch etwa für die Kirche so zu begeistern? Regt
die Predigt eurer Geistlichen den Enthusiasmus in euch auf, der
freudig auf die Walstatt des Todes zieht, predigen sie euch ein
neues Evangelium, womit einst Luther die offenen Gemüter
hinriss und die schlafsüchtige Welt aus ihrer Ermattung aufrüttelte?
Oder bedarf etwa euer Gemüt keiner neuen Offenbarung der
Wahrheit? Seid ihr, um nur an eines zu erinnern, noch immer zufrieden
mit jener fatalistischen Hingebung, die lieber schweigsam leidet
als sich Recht zu verschaffen nur versucht, und wird das
Recht noch immer nicht höher von euch geachtet? Wollt
ihr noch immer nur gehorsam sein auf Erden und frei erst im Himmel?
Redet euch das doch nicht ein; ihr handelt vernünftiger
als ihr glaubt. Nur bleibt ihr euch in eurem Handeln nicht
beständig gleich, eben weil ihr vom alten Glauben und seiner
Angst noch vielfältig berückt werdet. Sonst aber pflegt
ihr keine Gewalt zu leiden, ausser da, wo ihr euch fürchtet,
euer Recht zu behaupten; leider aber fürchtet ihr euch gar
oft und fallt von eurem Rechte und damit von Gott ab, bloss, weil
ihr es buchstäblich nehmt, dass man
die andere Backe hinhalten solle, nachdem die eine geschlagen worden. Gut das, wenn ihr eure persönliche Kränkung verzeiht; ihr veräussert aber auch aus demselben Grundsatz eure unveräusserlichen Rechte und lasst euch behandeln wie Kinder, wo ihr das unvertilgbare Recht der Männer zu wahren hättet, lasst euch bevormunden, wo es entehrendes Unrecht ist, nicht einen eigenen Mund und eigene Rede zu führen, seid kriechend, wo ihr euren Manne stehen solltet, seid Maschinen, wo ihr Geister sein solltet, die sich und andere befreien.
Seid ihr aber überhaupt noch so gleichgültig gegen das
Reich dieser Welt und nur sehnsüchtig nach dem Himmel, wie
eure Seelsorger euch gerne sehen möchten? Seid ihr unempfindlich
gegen die Dinge der Erde, um im Himmel desto mehr zu haben? Wollt
ihr von euren Predigern nur hören, was ihr hier alles aufgeben
sollt, um dort die Fülle zu empfangen; wie ihr euch kasteien
sollt und den Erdenfreuden entsagen, um im Himmel zu Gnaden angenommen
zu werden? Seid ihr, mit einem Worte, nur zukünftige Bürger
des Himmels und keine Bürger der Erde? Wenn ihr aber auch
das letztere seid, wollt ihr dann nicht Belehrung darüber
erhalten, was dem Erdenbürger gezieme? Steht ihm etwa nur
die geduldige Sanftmut gut an, oder soll er auch ein Mensch sein,
der sich selbst fühlt und nicht gegängelt sein will,
wenn er seinen Weg allein zu verfolgen weiss? -
Lasst die Lehrer, die man Prediger nennt, euch sagen dürfen,
was des Menschen Wert ausmacht, ohne dass sie sich gebunden
sehen, nur in althergebrachter Weise euch vorzutragen, was den
Christen ziert, und ihr werdet ihre Kirchen mit Eifer und
Freude besuchen. Der Grundsatz der Lehrfreiheit sei ausgesprochen,
und
jeder freie Lehrer wird willige und unermüdliche Zuhörer
in Menge um sich versammeln! Seid ihr nicht Menschen, ehe ihr
Christen seid, und bleibt ihr nicht Menschen, auch nachdem ihr
Christen geworden? Warum wollt ihr denn bloss wissen, worin des
Christen Bestimmung und Beruf bestehe, warum nicht vor allem erfahren,
was des Menschen würdig ist? Weil ihr meint, wenn ihr nur
Christen seid, so seid ihr wahrhafte Menschen! Ich will euch das
zugeben, dass ihr den wahrhaften Christen für so gleichbedeutend
ansehen mögt mit dem wahrhaften Menschen. Auch so bleibt
es eure einzige Aufgabe, nach dem wahrhaft Menschlichen zu fragen.
Wie aber, wenn nun einmal das Christliche, wenigstens so, wie
es zur Zeit verstanden und als Lehre geboten wird, nicht mit dem
rein Menschlichen in eins zusammenfällt? In wieweit dies
gegenwärtig der Fall ist, darüber muss ich ja auch schweigen,
da ich der Lehrfreiheit nicht geniesse. Aber ich will euch auf
Luther verweisen. Was zu seiner Zeit für christlich galt,
das war unmenschlich und schlecht. Nahm er sich nicht die Lehrfreiheit,
die verbotene, dies Christliche in seiner Erbärmlichkeit
aufzuzeigen? Er stellte sich und der Welt die Frage, was denn
das rein Christliche sei. Ungehemmt forschte er danach, und weil
er das Biblische dafür erkannte, so predigte er's ohne Scheu.
Wie denn nun, wenn drei Jahrhunderte rastloser Forschung in den
Tiefen der Gottheit uns darüber aufgeklärt hätten,
es sei auch, was so biblisch heisst, noch nicht das Wahrhafte?
Sollen wir dabei beharren, auch wenn das Menschliche darunter
litte? Sollen wir uns auf's Christliche verpflichten, selbst mit
Aufopferung des Menschlichen? Sollen wir um jeden Preis und namentlich
um diesen Preis Christen sein wollen? »Der wahre Christ,
das ist der wahre
Mensch!« Wohl denn, so lehrt uns, was des wahren Menschen
ist, so lernen wir wahre Christen sein. Wir wollen vom Christlichen
nichts wissen, wenn es nicht das Menschliche ist. Lehrt uns die
Religion der Menschlichkeit! Müssen aber, diese Frage entsteht
uns hierbei sogleich, müssen die Prediger dieser erhabensten
Religion, gleich den heutigen Predigern der christlichen Konfessionen,
verpflichtet werden auf ein Symbol? Müssen sie in eine Vorschrift
eingezwängt werden? Was hätten wir da gewonnen, wenn
uns auch diese Religion um den freien Lehrer betröge?
Nein, das Menschliche ist nicht das, was andere erkannt haben
und ich ihnen glauben soll, sondern das, was ich mit ganzer
Seele erfasse und mein eigen nenne. Ich bin kein ganzer, kein
voller Mensch, wenn ich anderen nur glaube, was sie mir von meinem
eigenen innersten Wesen, von meinem Berufe und von dem Gotte,
der in mir selbst wohnt, erzählen und versichern; ich bin
es nur, wenn ich es selbst erkenne, wenn ich davon durchdrungen
und überzeugt bin. Lasset nun den Lehrer mir gegenüber
stehen und seine gewichtigen Worte an mich richten; ich werde
ihnen folgen und, soweit sie mich überzeugen, sie zu meinem
Eigentum machen. Soweit sie mich aber nicht überzeugen, werden
sie mir auch nicht ein Glaubensartikel sein. Ich werde
mich von nichts abhängig machen, was ich nicht selbst bin
oder wovon ich nicht bis ins Innerste durchdrungen bin. Ist nun
der Prediger gehalten, mir Glaubensartikel einzuprägen, oder
ist es sein Beruf, mich zu überzeugen, mich über mich
selbst, über den Geist, der in mir wohnet und göttlichen
Ursprunges ist, dessen ich mir nur bewusst zu werden brauche,
zu belehren? Jener ist der Pfaffe, der gebieterisch meinen Glauben
verlangt, dieser der Mitbruder und Mensch,
der mich nur zu mir selbst führt, dessen gewiss, dass ich
nie wieder von mir selbst lassen werde, wenn ich mich einmal gewonnen
und inne habe. Nur der ist menschlich, der ganz in sich
selbst ist, und der wahre Mensch wird dem ewigen Geiste,
wird Gott selbst ähnlich zu werden stets trachten: Gott ist
ja mein bestes Teil, mein innerstes Wesen, mein besseres oder
vielmehr bestes und wahres Selbst. Gott ist der Mensch, das ist
die Lehre Christi; wer sich selbst ganz besitzt, wer in das Heiligtum
seines eigenen Wesens eingedrungen, wer bei sich ist, der ist
beim Vater. So lehrt uns Christus, dass wir Christen sein sollen,
und das ist seine wahre Wiederkunft, wenn in den Christen Christus
lebendig geworden ist; dann erscheint der Christus wieder auf
Erden. Meint ihr, das sei gotteslästerlich? O Nein; der
Gott, den uns Christi Prophetenwort verkündet, der wiedergekommene
Christus, wird damit gefeiert. Lasst euch durch eure Lehrer zu
euch selbst führen und entwöhnt sie der abgebrauchten
Redensart, als ob sie euch zu Gott führen wollten,
und ihr werdet sie mit Liebe hören. Allerdings führen
sie euch zu Gott, wenn sie euch zu euch selbst führen, und
der Ausdruck ist nicht falsch; aber welcher Missbrauch wird damit
getrieben, und wie werden die Gläubigen irregeführt!
Gott ist, so lehren sie, ausser euch, eine andere Person, ihr
vermöchtet ihm nicht in euch einen Tempel zu errichten. Es
wäre ein anderes, wenn ihr euch am besten dientet und wenn
ihm, einem fremden Herrn: ihm wolltet ihr gefallen. Aus Knechten
seid ihr zu Kindernworden, aber freie und mündige Menschen
seid ihr nicht. Den finsteren Herrn habt ihr nur mit dem
freundlichen Vater vertauscht, aber Geister, die sich selbst
aus freiem Antriebe zu Dienern Gottes machen, das seid ihr nicht.
»Ihr sollt aber vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.«
Ihr meint immer noch, eine Religion haben zu müssen neben
euren sonstigen Überzeugungen. Erkennt euch, so erkennt ihr
Gott und die Welt, liebt euch, so liebt ihr alle, sucht euch,
so sucht ihr Gott, habt euch, so habt ihr alles, trachtet im höheren
Sinne zuerst nach euch, so fällt euch alles andere zu. Nichts
ist euch so verborgen als ihr euch selbst; nichts kann euch aber
auch so offenbar werden als euer Selbst: und auch darin offenbart
sich Gott eurem suchenden Geiste.
Und forscht nur in euch nach, ob ihr wirklich damit zufrieden
seid, wenn ihr von euren Predigern stets an Gott gewiesen werdet,
an den Gott, der nicht euer eigenes Selbst ist. Könnt ihr
mit ihm jemals eins werden? Nur mit euch könnt ihr eins und
einig werden, nicht mit einem anderen, der euch immer, auch in
der innigsten Verbindung noch fremd bleiben muss, ein Herr und
Vater in unnahbarer Majestät. Schleudert die Demut von euch,
die einen Herrn braucht, und seid ihr selbst. Gesteht es
euch selbst, dass ihr das wollt, habt nur den Mut, es euch nicht
länger zu verhehlen, fürchtet euch nur nicht, zu denken,
was ihr unbewusst doch tut; denn ihr seid längst nicht mehr
gottesfürchtig nach alter Art, und eure Geistlichen
sagen es euch, dass ihr den kirchlichen Sinn verloren habt. Ihr
schlendert noch so in der alten Gewohnheit hin und meint gute
Christen zu sein; nehmt aber das Wort eurer Geistlichen euch zu
Herzen und lasst es nicht ungehört und unbeachtet verhallen:
sie, die eure berufenen Lehrer sind, verkündigen es euch,
dass ihr schlechte Christen seid. Ja, kommt dadurch zur Erkenntnis
und bekennt es frei: Wir sind keine Gläubigen mehr! Wir glauben
nicht ernstlich
mehr an den alten Herrgott, und wenn wir nur wüssten, wie
ohne ihn die Welt hätte entstehen und bestehen können,
so würden wir dieser ganzen unbegründeten Voraussetzung
nicht mehr bedürfen. Und wenn ihr mit diesem Selbstbekenntnis
die Last eurer Selbsttäuschung abgeworfen und euch wenigstens
offen gesagt habt, wie es um euch und euren Glauben steht, so
fordert für eure Lehrer das freie Wort, die unveräusserliche
Lehrfreiheit. Ihr werdet schwerlich verlieren, was ihr noch
länger besitzen möchtet, viel aber gewinnen, wovon ihr
in eurer träumerischen Anhänglichkeit am Alten nie zu
träumen wagtet.
Lasst uns nun das vorliegende »Wort der Liebe an unsere Gemeinen«
ein wenig näher betrachten. Eure Seelsorger, »welchen
das Amt des göttlichen Wortes anvertraut ist«, wollen
ein Wort des Ernstes und der Liebe über die Feier unserer
christlichen Sonn- und Festtage an euch richten. Verweilen wir
einen Augenblick bei diesem »anvertrauten Amte des göttlichen
Wortes«. Bedeutet es das Amt, uns zu lehren alles, was sie
als wahr erkennen, fühlen und denken, uns sich selbst und
die Wahrheiten zu offenbaren, welche sie im ernsten Bemühen
um die ewige Wahrheit gefunden haben, oder ist es das Amt, die
Bibel buchstäblich, treu und ohne Einmischung eines Urteiles
zu erklären und das Bibelwort als das göttliche Wort
zu verehren? Niemand unter euch kann zweifeln, dass ein christlicher
Prediger allein auf das letztere angewiesen ist. Aber auch nicht
leicht wird einer unter euch anzutreffen sein, dessen andächtiges
Gefühl nicht schon von mancher Predigt aufs tiefste verletzt
worden wäre, in welcher ein sklavischer »Diener am göttlichen
Worte« durch alle möglichen Kunststücke des Scharfsinnes
so lange
am Bibelworte drehte und deutelte, bis ein leidlicher Sinn herauskam.
O, es ist widerwärtig, dieses Deuteln an dem, was geschrieben
steht, an dem nicht gerückt werden soll, bloss weil es geschrieben
steht; dass der Seelsorger nur darum loben soll, nicht tadeln.
Er »soll«, wie es im Schriftchen selbst heisst,
»unseren Kindern das dritte Gebot einschärfen;«
er soll! Seid ihr, das fragt euch selbst, seid ihr damit
zufrieden, dass man euch sagt: So steht es geschrieben! - Seid
ihr beruhigt über eure Zweifel, sobald ihr wisst, so und
so lautet die Bibel; gilt euch etwas darum schon für wahr,
weil ihr's im Testament lest, und wollt ihr nur die Schrift auslegen
hören oder verlangt ihr nach - der ewigen Wahrheit? Und wenn
ihr danach verlangt, genügt euch da ein »Diener des
göttlichen Wortes«, der auf die BibeI geschworen hat,
geschworen, euch nur biblische Lehren beizubringen, geschworen,
euch seine abweichende Ansicht und seine Einwürfe zu verschweigen
- oder seht ihr euch nicht vielmehr nach einem freien Lehrer
um? Es ist wahrlich erhebender und göttlicher, einen freien
Menschen zu vernehmen als anzuhören, wie ein Diener
des Wortes seine pflichtschuldigen und diensteifrigen Lobgesänge
anstimmt, und lieber lausche ich einem Sünder, der im Kampf
der Gedanken sich verirrt hat, als neunundneunzig solcher Gerechten.
Doch für jetzt müssen wir ihren Worten weiter mit Aufmerksamkeit
folgen. Wir könnten uns durch den Beginn der Anrede geschmeichelt
fühlen, weil uns gesagt wird, »ein bedeutender Teil
der evangelischen Einwohner Berlins zeichne sich vor den Bewohnern
anderer Ortschaften unseres Vaterlandes in der Begehung der Sonntagsfeier
vorteilhaft aus«, wenn wir nicht die Richtigkeit der Angabe
sehr bezweifeln müssten und
ohnehin der Jammerruf über die »leeren Kirchen«
bald nachschallte. Zuvörderst jedoch heisst es in den Eingangsworten:
»Es war eine gesegnete Frucht der schweren Drangsale, welche
vor mehr als 30 Jahren unser Vaterland trafen, dass so viele Herzen
dem Gott, der uns geschlagen hatte, sich zuwandten, damit er uns
wieder heilen möchte.« Der Gott, der uns geschlagen
hatte, das war unser besseres Selbst, das über den Rhein
herüberkam und unsere mattherzige Selbstsucht zerbrach; und
wir wendeten uns ihm auch wieder zu, anfangs freilich in taumelnder
Frömmigkeit, endlich aber - und das ist die gesegnete Frucht
der 30 Jahre, ja die wahrhaft gesegnete! - mit bewusstem, männlichem
Mut. - Jetzt erst, da wir ihn nicht mehr bloss in den Kirchen
suchen, haben wir ihn noch mehr zu unserem Freunde gemacht.
Weiter wird uns gesagt: »Darüber sind ohne Zweifel alle
ernsten, gewissenhaften Bewohner unserer Stadt und unseres Vaterlandes
mit uns einverstanden: ein Volk, das die Gottesfurcht verlässt
und von dem Höchsten und Heiligsten, was es für die
Menschen gibt, sich entfremdet, das ist auf dem Wege, auch die
irdischen Segnungen wieder zu verlieren, deren es sich noch zu
erfreuen hat.« Wir, meine Lieben, sind ohne Zweifel auch
ernste, gewissenhafte Leute, und viele auch Bewohner dieser Stadt
und dieses Vaterlandes; allein sind wir damit einverstanden, dass
die Gottesfurcht das Höchste und Heiligste sei? Fürchten
mag sich, wer vor einem Furchtbaren im Staube kriecht; fürchten
vor einem Mächtigen, wer nicht alle Macht über sich
in sich selbst hat; wir fürchten uns so wenig als unsere
Altvorderen, von denen schon ein wackerer Römer sagte, dass
sie sich gegen Götter und Menschen sicher wussten. Als Christen
sollten wir schon gelernt haben, Gott nicht zu
fürchten, sondern zu lieben. Allein sie wollen ja, dass er
throne bloss ausser und über uns, mit aller Macht und Majestät
bekleidet, vor der ein ergebenes, nach Gnade dürstendes Gemüt
immer auf den Knien anbetet, und nicht durch Handlungen, wie sie
Menschen ziemen; einen Herrscher und Herrn nicht zu fürchten,
das heisst wohl, das Unmögliche begehren. Aber sie tun recht,
dass sie ihn fürchten, die Gottesfürchtigen! In ihm
lebt doch ihr eigener Geist schon hier, wenn er ein reiner ist,
obwohl sie ihn noch, verborgen wie er ihnen ist, im Jenseits suchen;
bis sie zu sich kommen, können sie ihn nur fürchten
und lieben. Darum mögen wir ihnen auch zugeben, dass alle,
die ihr bestes Teil als Gott ins Jenseits geworfen, in »kurzsüchtige
Selbstsucht« verfallen, sobald sie die Gottesfurcht ablegen.
Zu fürchten darf ja nur der aufhören, der den Allmächtigen
nicht mehr ausser sich, sondern in sich hat. Ja, wir bestreiten
ihnen selbst nicht, dass mit der Gottesfurcht auch die Ehrfurcht
vergeht und »an die Stelle des Gehorsams gegen die von Gott
eingesetzte Obrigkeit und ihre heilsamen Ordnungen, an die Stelle
der milden und ernsten Zucht und Sitte des Hauses und der Familie
eine zügellose Willkür, eine stete Auflehnung gegen
die Schranken, die jeden in seinem Berufe umgeben, Unzufriedenheit,
Missmut und Murren über sein Schicksal tritt«; wir bestreiten
dies ihnen umso weniger, als zwar die auf den Bibelbuchstaben
vereidigten »Diener am göttlichen Worte« die Erlaubnis
haben, solches zu reden, wir aber, die wir reden möchten,
wie's uns ums Herz ist und wie's allen ums Herz sein sollte, nur
das Gebot - zu schweigen. Wahr aber ist es allerdings, dass die
Selbstsucht in dem Masse steigt, als die Gottesfurcht sinkt; denn
es berühren sich ja allezeit die Extreme und lösen einander
ab, weil sie, obzwar feindliche Brüder, doch eben deshalb
die nächsten Verwandten sind.
Wir kommen nun an die Schilderung unserer Gottverlassenheit und
müssen sie wörtlich mitteilen als deutlichen Beweis
dafür, wie klärlich unsere Geistlichen den Verfall der
Kirche einsehen. »Wir bemerken mit Schmerz, wie so viele
des grossen Segens sich selbst berauben, den die wahre Ruhe, die
Ruhe von irdischen Mühen und Sorgen, die Erhebung der Seele
zu Gott an einem bestimmten, von Gott dazu festgesetzten Tage,
uns gewährt. Ohne einzelnen Ständen hier besonders nahe
treten zu wollen, lasst uns nur daran denken, wie die Reicheren
und Vornehmeren ihre oft bis an den Sonntagmorgen dauernden Vergnügungen
jetzt vorzugsweise auf den Abend des Sonnabends verlegen und sich
dadurch für jede ernste, heilige Beschäftigung am Sonntag
Vormittag unfähig machen; wie so viele Beamte einen Teil
ihrer Geschäfte besonders gern am Sonntagvormittag besorgen;
wie so viele Gewerbetreibende und Handwerker öffentlich und
in ihren Werkstätten den halben Sonntag wenigstens arbeiten
und erst am Nachmittag ruhen, wie man in allen Berufs- und Erwerbszweigen
gern wenigstens Nebenarbeiten am Sonntag abmacht; wie das Kaufen
und Verkaufen am Sonntag zu allen Stunden fortgeht, ausser wo
die Obrigkeit es strenge ahndet. Welch ein trauriges Beispiel
gibt Berlin hierin den nächsten Dörfern und kleinen
Städten, deren Einwohner, weil sie wissen, dass man hier
ungescheut am Sonntage Handel und Verkehr aller Art treibt, gerade
an diesem Tage früh Morgens so zahlreich der Hauptstadt zuströmen,
während die Gotteshäuser in den umliegenden Ortschaften
leer stehen! Welch ein Ärgernis geben unsere Christen den
Juden in unserer
Mitte, die, solange noch eine Spur von Gottesfurcht in ihnen ist,
ihren Sabbat nie auf solche Weise entheiligen! Und welch ein tiefer
Schmerz ist es besonders uns, euren Seelsorgern, denen ihr eure
Kinder zur Konfirmation anvertraut, wenn wir diesen im Unterricht
das dritte Gebot einschärfen sollen, zu dessen Übertretung
so häufig das Beispiel der eigenen Eltern und der nächsten
Umgebung im Hause sie verleitet; oder wenn wir sehen, wie Lehrlinge
und Gehilfen aller Art fast allgemein Sonntags vormittags, ja
bis in die späteren Nachmittagsstunden arbeiten müssen,
wo sie das Gotteshaus nicht mehr besuchen können und den
schlimmsten Versuchungen ausgesetzt sind! Wieviele Geschäftszimmer
und Werkstätten gibt es wohl noch in unserer Hauptstadt,
welche alle Sonntagmorgen geschlossen sind? Wieviele Läden,
welche den ganzen Tag über nicht geöffnet werden? Wieviele
Maschinen, wieviele Stühle, welche den ganzen Sonntag stillstehen?
Väter und Mütter, Vormünder und Pfleger der Jugend,
wieviele eurer Kinder besuchen wohl noch regelmässig an eurer
Seite das Gotteshaus? Wieviele hören wohl noch, gerade in
den gefahrvollsten Jahren, wo die Richtung für ihr ganzes
Leben sich entscheidet, das Wort des ewigen Lebens, welches sie
vom Wege der Sünde abzieht und hier und dort sie zu seligen
und Gott wohlgefälligen Menschen macht?« - Und angesichts
dieses erschreckenden Bildes geht ihr noch nicht in euch, ihr
Geistlichen, und fragt euch, ob die Schuld nicht an euch liege?
Greift doch in euren Busen und erkennt, dass an dem Tisch der
Knechte kein Freier sich setzen mag! - Mancherlei
hätten wir über das Voranstehende zu sagen, wie wir
freilich fast in jedem Worte des Schriftchens reichlichen Stoff
zu Bemerkungen fänden; für die gewählte
Kürze mag es genügen, auf eine Stelle aufmerksam
zu machen. Welch wunderliches Zeugnis legen unsere Geistlichen
von ihrer Bildung ab, indem sie uns zurufen: Schämt euch
doch vor den Juden und seid - wie die Juden! Jeder gleissende
Grund muss herhalten, wenn es gilt, die christlichen Gemeinen
zu - überreden. Wenn die Juden »ihren Sabbat nie auf
solche Weise entheiligen«, so sollten wir das doch für
einen Beweis ansehen, dass ihren Bedürfnissen in den
Synagogen eine bessere Befriedigung zuteil wird als unsere Geistlichen
unseren Bedürfnissen zu gewähren verstehen oder
- wagen. Lasst sie den Gemeinen nur statt der eingelernten Litanei
ein freies Wort bieten, wie es aus einer frischen Seele
und einem lebendigen Geiste kommt, und sie sollen Wunder sehen,
wie sich ihre Kirchen trotz den Synagogen füllen werden.
Sie irren sehr, wenn sie wähnen, wir hätten unser Heiligstes
abgeworfen und strebten nur nach vergänglichem Tand; wir
mögen nur ihre gefesselten Reden nicht und fliehen die Kutte,
unter der nur ein demütiges, kein mutiges Herz schlägt,
und das salbungsreiche Gelispel, das sich nie zum seelenvollen
Laute erhebt, zum offenen Worte eines furchtlosen Geistes.
Es werden weiterhin die Gründe für die Sabbatfeier angegeben,
und da die allbekannten durch keine neuen vermehrt werden, so
verdienen sie keine besondere Erwähnung und zeigen sich nur
insofern bemerkenswert, als ihre ganze Färbung der sonst
so verhassten Aufklärung abgeborgt ist.
Auch die Ausflüchte der zähen Kirchengänger mussten
zurückgewiesen werden, was zwar in ziemlicher Breite, aber
leider auch mit allem Aufwand überzeugungsloser Klügelei
geschieht. Gleichwohl sind die Ermahnungen richtig, und die gottvergessenen
Christen werden völlig
davon getroffen. Sie sollen sich nicht entschuldigen damit, dass
»sie Gott im Stillen dienen auf ihre Weise«, denn der
rechte »Segen könne ihnen nur aus der Gemeinschaft mit
anderen beim Gottesdienst durch Gesang, Gebet und andächtige
Betrachtung des göttlichen Wortes zufliessen«; auch
sollen sie nicht sagen, dass »sie ihren Gottesdienst am liebsten
in der freien Natur halten«, weil die »Natur nur das
Kleid Gottes sei und allein im Worte Gottes die Geheimnisse der
göttlichen Liebe aufgeschlossen werden«; sie sollen
auch nicht Mangel an Zeit zum Kirchenbesuche vorschieben, denn
»mit dieser Entschuldigung mögen sie allenfalls vor
einigen Menschen ausreichen, nicht aber vor dem Allwissenden,
vor dem ihr ganzes Herz und Leben offen da liegt«; endlich
aber »fehlen die am meisten, welche sagen, man könne
ja auch ohne Kirchenbesuch ein guter Mensch, ein guter Bürger,
ja, wie einige hinzusetzen, ein guter Christ sein«: den Feiertag
zu heiligen ist ja eines der Gebote Gottes, und »wer das
ganze Gesetz hält und sündigt an einem, der ist es ganz
schuldig.« Das ist alles recht schön und gut, und die
Gottesfürchtigen müssen gegen solche Gründe verstummen;
wer Gott fürchtet und meidet doch den Gottesdienst, wie will
der mit jenen Ausreden bestehen? Wir aber, die wir Gott nicht
fürchten, suchen auch keine Ausflüchte und brauchen
der Entschuldigung nicht, weil wir nicht in der Schuld, sondern
im Rechte stehen. Wir meiden das Gotteshaus, solange das Gotteswort
geknechtet ist im Buchstaben, und solange seine Ausleger nicht
sprechen dürfen als freie Geister.
An die Ermahnung zur Sabbatfeier und die Aufdeckung der gewöhnlichen
Entschuldigungen als blosser Winkelzüge schliesst sich nun
füglich an »die Erinnerung
an das, was zu einer gesegneten Feier unseres christlichen Ruhetages
notwendig ist.« Mit eindringlicher Wärme wird besonders
allen denen ihr Unrecht zu Herzen geführt, welche ihren Dienstboten
und Untergebenen den Ruhetag verkümmern. Wir, die wir für
die Erhebung und Heiligung des menschlichen Geistes gewiss ebensoviel
Eifer hegen als die unterzeichneten evangelischen Geistlichen,
wir sind weit davon entfernt, eine so berechtigte Ermahnung anzufeinden.
Warum aber wollen unsere Seelsorger es denn nicht einsehen, dass
ihre wahren Gegner nicht »der Weltsinn und die herzlose Gleichgültigkeit«
sind? Mit denen ist den wahrhaft Frommen der Kampf noch nie sonderlich
schwer geworden. Ein ganz anderer Feind stellt sich ihnen jetzt
gegenüber, zu dem sie übergehen müssen, wenn sie
ihm nicht das Feld räumen wollen. Denn auf den Kampfplatz
tritt der wiedergekommene Christus!
Was soll es helfen, mit Sehnsucht rückwärts zu blicken
und die Wiedererweckung der guten alten Zeit zu empfehlen, wo
»sonnabends die Arbeit etwas früher als sonst beendigt,
und nun das Haus gekehrt und die Zimmer aufgeräumt wurden,
damit am Sonntag schon die früheste Morgenstunde vor Störung
gesichert sei. Dann wurde des Morgens die Heiligung des Tages
damit begonnen, dass, nach Beseitigung aller nicht durchaus notwendigen
Geschäfte, Ruhe und Stille im Hause herrschte. Und wie sie
im Hause herrschte, so auch auf den Plätzen, in den Strassen
der Stadt. Selten hörte man da einen Wagen rollen; die Läden
blieben geschlossen; der öffentliche Verkehr hörte auf;
nichts unterbrach die ernste, heilige Sabbatstille. Dann pflegten
der Hausvater, die Mutter, die Herrschaft wohl die ihrigen zur
Andacht zu versammeln. Man las einen Abschnitt der
Bibel, am liebsten das Evangelium und die Epistel des Sonntags,
man stimmte ein Lied zum Preise Gottes an. Hierauf besuchten alle,
welche im Hause nicht schlechterdings unentbehrlich waren, den
öffentlichen Gottesdienst, und für die Zurückbleibenden
pflegte sogleich von vornherein eine andere Zeit festgesetzt zu
werden, wo sie am Gottesdienste und an der Ruhe des Tages auch
ihrerseits teilnehmen sollten. O, dass die frühere fromme
Sitte wieder unter uns allgemein würde!« Ja, wohin verirrt
man sich, wenn man, nachdem man uns schon die Juden als Muster
vorgehalten, nun auch die »Engländer, Schotten und Nordamerikaner«
uns zur Nachahmung anpreist, »bei denen der Sonntag am strengsten
geheiligt wird, und die reiche, blühende Völker sind.«
Und warum sind sie reich und blühend? Darum, antwortet man,
»weil die Gottseligkeit zu allen Dingen nütze ist, weil
sie die Verheissungen dieses und des zukünftigen Lebens hat,
und weil denen, die vor allem nach dem Reiche Gottes trachten,
alles andere zufällt.« O über die Unredlichkeit
des Vergleiches zwischen Deutschen und Briten! Wie, wenn man nun
erwiderte, die Briten sind reich und blühend, weil sie frei
sind, und frei sind sie - trotz der Tyrannei ihrer Kirche? Wenn
ihr Deutschen euch britische und amerikanische Gottesfurcht
holen wollt, da vergesst doch vor allen Dingen nicht, britische
und amerikanische Freiheit über das Meer und über den
Kanal auch mit herüberzubringen! Der freie Mensch kann selbst
die - qualvolle Last einer Hochkirche ertragen, bis er sie endlich
abschüttelt; ihr aber möchtet euch gerne noch die Tyrannei
englischer Gewissensbeschränktheit aufladen zu euren anderen
Bürden, alles in blinder Dienstergebenheit.
Nein, vorwärts winkt uns das Heil, nicht rückwärts;
oder können wir in unserer Mutter Leib zurückkehren?
Versteht man die Wiedergeburt noch immer so, wie einst Nikodemus,
und findet sie nicht einmal so widersinnig, wie er? Weil unsere
Vorfahren glücklich waren durch ihre Frömmigkeit, darum
ist uns noch nicht das gleiche Los durch ein gleiches Mittel bestimmt.
Es wäre das kaum anders, als wenn der vierzigjährige
Mensch noch immer in Spiel und Tanz seine Freude finden müsste,
weil sie vor zwanzig Jahren ihn vergnügten. Nein, die Zeiten
der Frömmigkeit sind vorüber, und was man heutigen
Tages fromm nennt, das darf sich wahrlich nicht mit der echten
Frömmigkeit unserer Voreltern vergleichen. Damals ein gesunder,
naturgemässer Zustand - ist sie heute eine krankhafte Überreizung
oder eine Täuschung anderer und unser selbst, eine Lüge,
die wir Furcht haben uns einzugestehen. Die Gegenwart fordert
das rein Menschliche, das allein das wahrhaft Göttliche ist,
sie fordert nicht Frömmigkeit, sondern Sittlichkeit und Vernünftigkeit;
mündige Männlichkeit des Geistes, nicht bevormundete
Kindlichkeit; Begeisterung für die ewig gegenwärtige
Welt des Wollens und Handelns, nicht blind ergebene Sehnsucht
nach dem Jenseits. Das könntet ihr alle wissen, wenn ihr
nur recht bedenken wolltet, wie ihr schon wirklich gesonnen seid.
Fragt ihr etwa bei euren Dichtern, die ihr so innig verehrt, ob
sie fromme Christen gewesen? Liebt ihr Schiller weniger als Klopstock,
weil dieser einen Messias ganz im Tone unserer hinaufgeschraubten
Frömmigkeit gedichtet, jener aber kein christlich frommes
Lied zu Stande gebracht? Achtet ihr den Staatsmann höher,
der eure Gedankenäusserungen streichen und überwachen
lässt, auf dass sie in Staat und Kirche rechtgläubig
seien, als den, welcher dem Gedanken und
Streben der Menschen keine orthodoxen Fesseln anlegt? Ja, verurteilt
ihr auch nur einen eurer Mitmenschen, den ihr sittlich und edel
handeln, frei und furchtlos denken seht, darum, weil er keine
herkömmliche Frömmigkeit übt? Und tut es einer
oder der andere unter euch, zeigt er sich euch da nicht als ein
blinder Ketzerrichter, den ihr bemitleidet? Ihr stellt selbst
nicht mehr die Forderung an den Menschen, dass er fromm
sei; wenn er ein sittlich-freier Mensch ist, wie Schiller, da
schämt ihr euch, Wehe über ihn zu rufen und ihn dem
Satan zu überliefern. Und doch ist er kein Christ im geltenden
Sinne und ist nicht fromm! Erwägt diese Gerechtigkeit, die
ihr unwillkürlich übt, recht reiflich in eurem Herzen
und ihr werdet finden, wie verstockt eure Gedanken hinter der
unbewussten Freiheit eures Handelns zurückbleiben. Aber freilich,
wo hättet ihr auch die Gelegenheit finden sollen, euer Denken
auszubilden, da eure Geistlichen selbst, berufen euren Geist zu
erheben und zu erleuchten, euch in die gute alte Zeit und in den
Mutterleib wieder zurückbringen möchten, und euer Gewissen,
statt es zu stärken, mit Furcht und Zittern erfüllen,
dass es euch anklagt und ängstigt ob der verlassenen Frömmigkeit!
Das Leben bewährte sich als ein besserer Lehrmeister; es
lehrte euch längst, dass die Sittlichkeit und die Freiheit
besser sei, als die formelle, tote Frömmigkeit. Eilt, dass
ihr erkennt, was ihr ausübt, und dass die Einsicht und das
Bewusstsein euren voraneilenden Taten und eurer unwillkürlich
erworbenen Bildung nachkomme, damit ihr nicht länger euch
selbst verdammt und aus Gewissensangst in die knappen Kinderschuhe
zurücktretet. Könnt ihr dazu beitragen wollen, dass
der Nachbar den Kirchgang und die Andacht des Nachbarn bewache,
der Freund den Freund anschul-
dige, die Schwester den Bruder, der Bruder die Schwester um der
Unchristlichkeit willen schelte, und jeder den anderen anschwärze
und anfeinde - aus Religion? Und muss es nicht, wenn ihr erst
schwach genug seid, den Verlust der alten Frömmigkeit für
ein Unglück zu halten, muss es nicht dahin kommen, dass die
Heuchler scharenweise zur Kirche ziehen, um, wenn sie Beamte sind,
in Amt und Würden zu bleiben, wenn aber unabhängige
Bürger, ihren guten Leumund nicht einzubüssen? Seid
stark, seid mutig genug, den Versucher von euch zu weisen und
offen zu sagen: Wir, die wir nur freie Lehrer hören wollen,
wir stehen mit unserer Unkirchlichkeit im Rechte!
Gehen wir nun dem Ende des Schriftchens zu, so erfahren wir noch,
wie die einzelnen Gemeindeglieder, an denen »dies Wort der
Liebe nicht spurlos vorübergeht«, aufgefordert werden,
»um ihre Prediger Vereine solcher Christen zu bilden, welche
sich freudig und ernstlich entschliessen, die Heiligung des Feiertags
nicht nur sich selbst angelegen sein zu lassen, sondern auch für
Förderung derselben überall nach Kräften zu wirken.«
Sehr wahrscheinlich wird es da schlimm um jeden stehen, der keine
Scheu trägt, sich auszuschliessen, und sein Name, in den
Vereinslisten, welche zur Subskription einladend gleich mit ausgegeben
wurden, fehlend, wird geächtet sein.
Nun endlich der Schluss: »Bei euch steht es, ob die Heiligtümer
unserer Religion, ob der grösste Segen, den Gott uns geschenkt
hat, unseren Nachkommen unversehrt überliefert werden, oder
ob wir und sie immer tiefer hinabsteigen und verlieren sollen,
was von wahrer, echter Frömmigkeit, kindlichem Sinn, Liebe,
Zucht und guter Sitte noch unter uns ist. Möge Gott euch
Augen und Herzen öffnen, das Gute zu erkennen und - zu wählen!«
Ja, möge er sie euch öffnen! Denn bei euch steht's wirklich,
ob die fromme Abhängigkeit oder die sittliche und mutige
Freiheit hinfort herrschen soll. Kindlicher Sinn aber, Liebe,
Zucht und gute Sitte, werden darum wahrlich nicht zugrunde gehen,
wohl aber edler und schöner wieder auferstehen. - Es gab
eine Zeit, da die römischen Heidenpriester Wehe riefen über
das Volk, dessen Tempel leer standen; es war das aber die Zeit,
da die Kirchen der Christen die herbeiströmenden Andächtigen
kaum fassen konnten. Die leeren Tempel, sie waren ein echtes
Zeichen der erfüllten Zeit!
Jetzt, da die Kirche, wie ja laut behauptet wird, »in Verfall
gerät«, wollen uns unsere Geistlichen mit blinkenden
Worten dahin zurückführen, sie, die als christliche
Seelsorger wissen sollten, dass man »nicht Most in alte Schläuche
fasset; wo anders so zerreisst der Most die Schläuche und
wird verschüttet, und die Schläuche kommen um. Sondern
den Most soll man in neue Schläuche fassen, so werden sie
beide behalten.« Sie könnten ihre Kirchen wohl wieder
füllen, obgleich der Verfall der alten Kirche, wie sie es
schauernd ahnen, unaufhaltsam vor sich gehen wird, wenn sie statt
des Splitters im Auge der Gemeinen den Balken im eigenen sehen
wollten. So aber schelten sie ihre Gemeinen darum, dass sie keinen
bevormundeten und durch Verpflichtung gebundenen Redner hören
mögen, der ihnen doch nicht sagen darf, was der Geist, der
ewig freie, erforscht in den Tiefen der Gottheit, sondern sagen
muss, was, so erhaben und heilig es auch sei, doch im unfreien
Munde nicht menschlich, nicht das eigene aus der Tiefe
der Brust heraufgeholte Wort eines aufrichtigen Menschen ist,
sondern eine leblose und versteinerte
Wahrheit. - Erkämpft euch, ihr Prediger des göttlichen
Wortes, die Freiheit der Rede, und wir finden uns mit Freuden
bei euch ein; tut zu allererst ab den eigenen Knechtsinn, dann
könnt ihr freie Menschen zu euch einladen; opfert die elende
Furcht auf dem Altare des Heldenmuts, und ihr sollt unsere geliebten
Führer sein; feiert den festlichen Tag der errungenen Lehrfreiheit,
so feiern wir alle gerne mit euch den Sonntag. Dann werden eure
Kirchen voll sein, und um jeden Helden des freien Wortes werden
sich lernbegierige Scharen sammeln. Aber die Kirche - ihr selbst
habt das unwiderrufliche Wort gesprochen - die Kirche wird dennoch
verhallen, wenn ihr sie nur in der Form und nicht im Geiste sucht
und in der Wahrheit! Ein Geschlecht freier Menschen wird erblühen
und, wenn man so will, ein neues Christentum, obgleich im Geist
und in der Wahrheit das alte, jenes zur Weltreligion reifende,
das in Bibelworten heisst: Unter allerlei Volk, wer Gott fürchtet
und Recht tut, ist ihm angenehm!
Viele unserer edelsten und wichtigsten Angelegenheiten, manche Frage von umfassendster Bedeutung habe ich hier mehr mit schneidender Kühnheit als bedächtiger Begründung aufstellen können - wie wäre das auch in dem engen Raume dieser wenigen Blätter anders möglich. Verschafft euch aber nur freie Lehrer, unverstrickte und ungegängelte Prediger der Wahrheit, und ihr werdet bald die offenste und ausführlichste Belehrung, ganz wie ihr sie wünscht, von den Kanzeln herab erhalten. So nehme ich denn Abschied von euch und hoffe auf eure Erweckung. Ich habe nicht bloss an die Laien, auch an euch Geistliche habe ich meine Worte gerichtet. Lasst uns, wo und wie wir uns auch wieder begegnen, als freie Menschen einander ins Auge sehen!
ENDE