Max Stirner:

Gegenwort

eines Mitglieds der Berliner Gemeinde wider die Schrift der siebenundfünfzig Berliner Geistlichen »Die christliche Sonntagsfeier. Ein Wort der Liebe an unsere Gemeinen«

(Leipzig, 1842, [Verlag] Robert Binder)

Mittels Scanner und OCR-Reader aufbereitet von Svein Olav Nyberg, Oslo, Norwegen;

redigiert von Bernd A. Laska, Nürnberg.

Erschien wahrscheinlich Mitte Januar 1842

(Der folgende Text entspricht der Edition: Max Stirner: Parerga, Kritiken, Repliken, hg. v. Bernd A. Laska. Nürnberg: LSR-Verlag 1986. S. 55-58)

Liebe Brüder und Schwestern!

Es ist ein Wort der Liebe an uns gerichtet worden, dem wir unsere Ohren nicht verschliessen dürfen. Am ersten Tage dieses Jahres wurde den Kirchengängern Berlins ein Schriftchen im Gotteshause überreicht, das den Titel führt: »Die christliche Sonntagsfeier. Ein Wort der Liebe an unsere Gemeinen,« und das uns alle gar nahe angeht. Fassen wir den Inhalt desselben, bevor wir ihn später im einzelnen beherzigen, in die wenigen bezeichnenden Worte der zweiten Seite zusammen: »Da es unleugbar ist, dass sich der Verfall der Kirche äusserlich am stärksten offenbart durch die Entweihung der kirchlichen Feiertage, und dass die Glieder anderer Religionsgemeinschaften an der Art, wie diese Tage unter uns begangen werden, den grössten Anstoss nehmen u.s.w., so bieten wir unseren Gemeinen zunächst die folgende Schrift »über die christliche Sonntagsfeier« dar, nicht meinend, dass diese Angelegenheit die höchste sei im Wesen der christlichen Frömmigkeit, sondern weil wir glauben, dass für das Höchste, nämlich die christliche Wahrheit und Liebe, eine grössere Empfänglichkeit und eine erweiterte Tätigkeit wird gewonnen sein, wenn die heiligen Tage ihrer ursprünglichen Bestimmung,

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nämlich der Ruhe von der Arbeit, der ernsten Einkehr in sich selbst, der Aufmerksamkeit auf das göttliche Wort wiedergegeben werden.« So werden wir von siebenundfünfzig unserer evangelischen Geistlichen, deren Namen am Schlusse unterzeichnet sind, unverhohlen mit dem »Verfall der Kirche« bekannt gemacht und eines unkirchlichen Sinnes und Treibens angeklagt. Wer es bis jetzt noch nicht hat glauben wollen, dass der Andächtigen immer weniger werden und die christlichen Kirchen immer leerer, der erfährt die unwiderlegliche Tatsache nun von denen, welche ohne Zweifel die beste Auskunft darüber zu geben vermögen. Sie rufen uns zurück in die verlassenen Sitze, mit väterlicher Freundlichkeit die ungeratenen Kinder wieder zu sich winkend; wir aber haben die gebannten Räume der Kirche und die Grenzen andächtigen Glaubens unbewusst überschritten und werden erst jetzt durch den mahnenden Zuruf unserer unwillkürlichen Flucht gewahr. Lasst uns denn unseres jetzigen Zustandes recht inne werden und das inhaltsschwere Wort, dass »der Verfall der Kirche sich offenbare«, nach allen Seiten gründlich erwägen, ohne vor seinem Eingeständnis zurückzubeben. Es nützt uns nichts so sehr als Offenheit gegen uns selbst, und schadet uns nichts mehr, als wenn wir aus Angst eine unbestreitbare Tatsache vor uns selbst verbergen und von dem nichts wissen wollen, was wir doch nicht ableugnen oder ändern können. Sammelt, ihr Lieben, dazu euern Geist und vor allem euern Mut!

Die uns zur Umkehr ermuntern, die erinnern uns erst daran, dass wir wirklich schon über die alte Heimat hinaus und in der Fremde sind. Dank ihnen, dass sie uns über unseren Fortschritt, an dessen Wirklichkeit zu glauben wir uns noch nicht einmal getrauten, gründlich

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belehren. Sie rufen uns zu: Ihr seid nicht mehr kirchlich gesinnt! Wenn wir es denn nicht mehr sind (und lassen wir uns nicht durch Heuchelei und verzagte Ängstlichkeit bestimmen, so können wir uns gar nicht mehr darüber täuschen, dass jene Beschuldigung uns in gewisser Beziehung vollkommen trifft), so fragen wir uns unwillkürlich selbst: Was bist du nun denn? Und bist du darum schlechter, weil du nicht mehr nach alter Art kirchlich bist?

Nun ja, der Vorwurf, in einer empfänglichen Stunde auf unser Gewissen geschleudert, hat wohl die Macht, uns augenblicklich in Schrecken zu setzen und eine Reue zu erzeugen, die für einige Zeit den guten Vorsatz, künftig die Kirche gewissenhaft zu besuchen, hervorruft. Aber wie lange dauert's, so sind wir wieder die alten Sünder. So treibt uns denn die Reue zur Busse, und die Langeweile der Busse wieder zur Sünde. Beklagenswertes Los derer, die, mit ihrem eigenen Tun, obgleich sie darin nur dem Zuge der Zeit folgen, unzufrieden, sich doch nicht zu bessern vermögen. Sie haben die Kraft nicht, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen, und haben den Mut und Freiheitssinn nicht, sich und ihr ruhiges Gewissen von seinen Fluten tragen zu lassen. Sie möchten gerne fromme Christen sein, wenn es noch an der Zeit wäre, und möchten auch gerne mit der Zeit gehen und mit ihrer augenscheinlichen Gleichgültigkeit gegen das Christentum oder vielleicht auch nur wider gewisse Äusserlichkeiten desselben, wenn nur der alte Glaube und die alte Furcht nicht wäre. So aber schweben sie zwischen Himmel und Erde, zu schwer, um zu steigen, und zu leicht, um zu sinken: ein verzweifelter Zustand. Auf den Gewinn solcher Seelen ziehen denn die Seelsorger aus, und sie werden deren viele einfan-

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gen. Aber auch wir müssen retten.

Siehe dort, ein kältezitternd' Reh

Flüchtet vor den Wölfen durch den Schnee!

Lass es ein, damit es kann erwarmen!

Was in aller Welt macht uns denn so kalt und gleichgültig, was fehlt uns denn? Eine Begeisterung fehlt uns, die den ganzen Menschen durchglüht, die alle Zweifel des Gedankens und alle Verführungen der Sinne in ihrer reinen Flamme aufzehrt, die den Tod zur Auferstehung erklärt! Nach einer solchen Begeisterung sehnen wir uns!

Weiss man euch etwa für die Kirche so zu begeistern? Regt die Predigt eurer Geistlichen den Enthusiasmus in euch auf, der freudig auf die Walstatt des Todes zieht, predigen sie euch ein neues Evangelium, womit einst Luther die offenen Gemüter hinriss und die schlafsüchtige Welt aus ihrer Ermattung aufrüttelte? Oder bedarf etwa euer Gemüt keiner neuen Offenbarung der Wahrheit? Seid ihr, um nur an eines zu erinnern, noch immer zufrieden mit jener fatalistischen Hingebung, die lieber schweigsam leidet als sich Recht zu verschaffen nur versucht, und wird das Recht noch immer nicht höher von euch geachtet? Wollt ihr noch immer nur gehorsam sein auf Erden und frei erst im Himmel? Redet euch das doch nicht ein; ihr handelt vernünftiger als ihr glaubt. Nur bleibt ihr euch in eurem Handeln nicht beständig gleich, eben weil ihr vom alten Glauben und seiner Angst noch vielfältig berückt werdet. Sonst aber pflegt ihr keine Gewalt zu leiden, ausser da, wo ihr euch fürchtet, euer Recht zu behaupten; leider aber fürchtet ihr euch gar oft und fallt von eurem Rechte und damit von Gott ab, bloss, weil ihr es buchstäblich nehmt, dass man

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die andere Backe hinhalten solle, nachdem die eine geschlagen worden. Gut das, wenn ihr eure persönliche Kränkung verzeiht; ihr veräussert aber auch aus demselben Grundsatz eure unveräusserlichen Rechte und lasst euch behandeln wie Kinder, wo ihr das unvertilgbare Recht der Männer zu wahren hättet, lasst euch bevormunden, wo es entehrendes Unrecht ist, nicht einen eigenen Mund und eigene Rede zu führen, seid kriechend, wo ihr euren Manne stehen solltet, seid Maschinen, wo ihr Geister sein solltet, die sich und andere befreien.

Seid ihr aber überhaupt noch so gleichgültig gegen das Reich dieser Welt und nur sehnsüchtig nach dem Himmel, wie eure Seelsorger euch gerne sehen möchten? Seid ihr unempfindlich gegen die Dinge der Erde, um im Himmel desto mehr zu haben? Wollt ihr von euren Predigern nur hören, was ihr hier alles aufgeben sollt, um dort die Fülle zu empfangen; wie ihr euch kasteien sollt und den Erdenfreuden entsagen, um im Himmel zu Gnaden angenommen zu werden? Seid ihr, mit einem Worte, nur zukünftige Bürger des Himmels und keine Bürger der Erde? Wenn ihr aber auch das letztere seid, wollt ihr dann nicht Belehrung darüber erhalten, was dem Erdenbürger gezieme? Steht ihm etwa nur die geduldige Sanftmut gut an, oder soll er auch ein Mensch sein, der sich selbst fühlt und nicht gegängelt sein will, wenn er seinen Weg allein zu verfolgen weiss? -

Lasst die Lehrer, die man Prediger nennt, euch sagen dürfen, was des Menschen Wert ausmacht, ohne dass sie sich gebunden sehen, nur in althergebrachter Weise euch vorzutragen, was den Christen ziert, und ihr werdet ihre Kirchen mit Eifer und Freude besuchen. Der Grundsatz der Lehrfreiheit sei ausgesprochen, und

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jeder freie Lehrer wird willige und unermüdliche Zuhörer in Menge um sich versammeln! Seid ihr nicht Menschen, ehe ihr Christen seid, und bleibt ihr nicht Menschen, auch nachdem ihr Christen geworden? Warum wollt ihr denn bloss wissen, worin des Christen Bestimmung und Beruf bestehe, warum nicht vor allem erfahren, was des Menschen würdig ist? Weil ihr meint, wenn ihr nur Christen seid, so seid ihr wahrhafte Menschen! Ich will euch das zugeben, dass ihr den wahrhaften Christen für so gleichbedeutend ansehen mögt mit dem wahrhaften Menschen. Auch so bleibt es eure einzige Aufgabe, nach dem wahrhaft Menschlichen zu fragen. Wie aber, wenn nun einmal das Christliche, wenigstens so, wie es zur Zeit verstanden und als Lehre geboten wird, nicht mit dem rein Menschlichen in eins zusammenfällt? In wieweit dies gegenwärtig der Fall ist, darüber muss ich ja auch schweigen, da ich der Lehrfreiheit nicht geniesse. Aber ich will euch auf Luther verweisen. Was zu seiner Zeit für christlich galt, das war unmenschlich und schlecht. Nahm er sich nicht die Lehrfreiheit, die verbotene, dies Christliche in seiner Erbärmlichkeit aufzuzeigen? Er stellte sich und der Welt die Frage, was denn das rein Christliche sei. Ungehemmt forschte er danach, und weil er das Biblische dafür erkannte, so predigte er's ohne Scheu. Wie denn nun, wenn drei Jahrhunderte rastloser Forschung in den Tiefen der Gottheit uns darüber aufgeklärt hätten, es sei auch, was so biblisch heisst, noch nicht das Wahrhafte? Sollen wir dabei beharren, auch wenn das Menschliche darunter litte? Sollen wir uns auf's Christliche verpflichten, selbst mit Aufopferung des Menschlichen? Sollen wir um jeden Preis und namentlich um diesen Preis Christen sein wollen? »Der wahre Christ, das ist der wahre

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Mensch!« Wohl denn, so lehrt uns, was des wahren Menschen ist, so lernen wir wahre Christen sein. Wir wollen vom Christlichen nichts wissen, wenn es nicht das Menschliche ist. Lehrt uns die Religion der Menschlichkeit! Müssen aber, diese Frage entsteht uns hierbei sogleich, müssen die Prediger dieser erhabensten Religion, gleich den heutigen Predigern der christlichen Konfessionen, verpflichtet werden auf ein Symbol? Müssen sie in eine Vorschrift eingezwängt werden? Was hätten wir da gewonnen, wenn uns auch diese Religion um den freien Lehrer betröge? Nein, das Menschliche ist nicht das, was andere erkannt haben und ich ihnen glauben soll, sondern das, was ich mit ganzer Seele erfasse und mein eigen nenne. Ich bin kein ganzer, kein voller Mensch, wenn ich anderen nur glaube, was sie mir von meinem eigenen innersten Wesen, von meinem Berufe und von dem Gotte, der in mir selbst wohnt, erzählen und versichern; ich bin es nur, wenn ich es selbst erkenne, wenn ich davon durchdrungen und überzeugt bin. Lasset nun den Lehrer mir gegenüber stehen und seine gewichtigen Worte an mich richten; ich werde ihnen folgen und, soweit sie mich überzeugen, sie zu meinem Eigentum machen. Soweit sie mich aber nicht überzeugen, werden sie mir auch nicht ein Glaubensartikel sein. Ich werde mich von nichts abhängig machen, was ich nicht selbst bin oder wovon ich nicht bis ins Innerste durchdrungen bin. Ist nun der Prediger gehalten, mir Glaubensartikel einzuprägen, oder ist es sein Beruf, mich zu überzeugen, mich über mich selbst, über den Geist, der in mir wohnet und göttlichen Ursprunges ist, dessen ich mir nur bewusst zu werden brauche, zu belehren? Jener ist der Pfaffe, der gebieterisch meinen Glauben verlangt, dieser der Mitbruder und Mensch,

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der mich nur zu mir selbst führt, dessen gewiss, dass ich nie wieder von mir selbst lassen werde, wenn ich mich einmal gewonnen und inne habe. Nur der ist menschlich, der ganz in sich selbst ist, und der wahre Mensch wird dem ewigen Geiste, wird Gott selbst ähnlich zu werden stets trachten: Gott ist ja mein bestes Teil, mein innerstes Wesen, mein besseres oder vielmehr bestes und wahres Selbst. Gott ist der Mensch, das ist die Lehre Christi; wer sich selbst ganz besitzt, wer in das Heiligtum seines eigenen Wesens eingedrungen, wer bei sich ist, der ist beim Vater. So lehrt uns Christus, dass wir Christen sein sollen, und das ist seine wahre Wiederkunft, wenn in den Christen Christus lebendig geworden ist; dann erscheint der Christus wieder auf Erden. Meint ihr, das sei gotteslästerlich? O Nein; der Gott, den uns Christi Prophetenwort verkündet, der wiedergekommene Christus, wird damit gefeiert. Lasst euch durch eure Lehrer zu euch selbst führen und entwöhnt sie der abgebrauchten Redensart, als ob sie euch zu Gott führen wollten, und ihr werdet sie mit Liebe hören. Allerdings führen sie euch zu Gott, wenn sie euch zu euch selbst führen, und der Ausdruck ist nicht falsch; aber welcher Missbrauch wird damit getrieben, und wie werden die Gläubigen irregeführt! Gott ist, so lehren sie, ausser euch, eine andere Person, ihr vermöchtet ihm nicht in euch einen Tempel zu errichten. Es wäre ein anderes, wenn ihr euch am besten dientet und wenn ihm, einem fremden Herrn: ihm wolltet ihr gefallen. Aus Knechten seid ihr zu Kindernworden, aber freie und mündige Menschen seid ihr nicht. Den finsteren Herrn habt ihr nur mit dem freundlichen Vater vertauscht, aber Geister, die sich selbst aus freiem Antriebe zu Dienern Gottes machen, das seid ihr nicht.

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»Ihr sollt aber vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.«

Ihr meint immer noch, eine Religion haben zu müssen neben euren sonstigen Überzeugungen. Erkennt euch, so erkennt ihr Gott und die Welt, liebt euch, so liebt ihr alle, sucht euch, so sucht ihr Gott, habt euch, so habt ihr alles, trachtet im höheren Sinne zuerst nach euch, so fällt euch alles andere zu. Nichts ist euch so verborgen als ihr euch selbst; nichts kann euch aber auch so offenbar werden als euer Selbst: und auch darin offenbart sich Gott eurem suchenden Geiste.

Und forscht nur in euch nach, ob ihr wirklich damit zufrieden seid, wenn ihr von euren Predigern stets an Gott gewiesen werdet, an den Gott, der nicht euer eigenes Selbst ist. Könnt ihr mit ihm jemals eins werden? Nur mit euch könnt ihr eins und einig werden, nicht mit einem anderen, der euch immer, auch in der innigsten Verbindung noch fremd bleiben muss, ein Herr und Vater in unnahbarer Majestät. Schleudert die Demut von euch, die einen Herrn braucht, und seid ihr selbst. Gesteht es euch selbst, dass ihr das wollt, habt nur den Mut, es euch nicht länger zu verhehlen, fürchtet euch nur nicht, zu denken, was ihr unbewusst doch tut; denn ihr seid längst nicht mehr gottesfürchtig nach alter Art, und eure Geistlichen sagen es euch, dass ihr den kirchlichen Sinn verloren habt. Ihr schlendert noch so in der alten Gewohnheit hin und meint gute Christen zu sein; nehmt aber das Wort eurer Geistlichen euch zu Herzen und lasst es nicht ungehört und unbeachtet verhallen: sie, die eure berufenen Lehrer sind, verkündigen es euch, dass ihr schlechte Christen seid. Ja, kommt dadurch zur Erkenntnis und bekennt es frei: Wir sind keine Gläubigen mehr! Wir glauben nicht ernstlich

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mehr an den alten Herrgott, und wenn wir nur wüssten, wie ohne ihn die Welt hätte entstehen und bestehen können, so würden wir dieser ganzen unbegründeten Voraussetzung nicht mehr bedürfen. Und wenn ihr mit diesem Selbstbekenntnis die Last eurer Selbsttäuschung abgeworfen und euch wenigstens offen gesagt habt, wie es um euch und euren Glauben steht, so fordert für eure Lehrer das freie Wort, die unveräusserliche Lehrfreiheit. Ihr werdet schwerlich verlieren, was ihr noch länger besitzen möchtet, viel aber gewinnen, wovon ihr in eurer träumerischen Anhänglichkeit am Alten nie zu träumen wagtet.

Lasst uns nun das vorliegende »Wort der Liebe an unsere Gemeinen« ein wenig näher betrachten. Eure Seelsorger, »welchen das Amt des göttlichen Wortes anvertraut ist«, wollen ein Wort des Ernstes und der Liebe über die Feier unserer christlichen Sonn- und Festtage an euch richten. Verweilen wir einen Augenblick bei diesem »anvertrauten Amte des göttlichen Wortes«. Bedeutet es das Amt, uns zu lehren alles, was sie als wahr erkennen, fühlen und denken, uns sich selbst und die Wahrheiten zu offenbaren, welche sie im ernsten Bemühen um die ewige Wahrheit gefunden haben, oder ist es das Amt, die Bibel buchstäblich, treu und ohne Einmischung eines Urteiles zu erklären und das Bibelwort als das göttliche Wort zu verehren? Niemand unter euch kann zweifeln, dass ein christlicher Prediger allein auf das letztere angewiesen ist. Aber auch nicht leicht wird einer unter euch anzutreffen sein, dessen andächtiges Gefühl nicht schon von mancher Predigt aufs tiefste verletzt worden wäre, in welcher ein sklavischer »Diener am göttlichen Worte« durch alle möglichen Kunststücke des Scharfsinnes so lange

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am Bibelworte drehte und deutelte, bis ein leidlicher Sinn herauskam. O, es ist widerwärtig, dieses Deuteln an dem, was geschrieben steht, an dem nicht gerückt werden soll, bloss weil es geschrieben steht; dass der Seelsorger nur darum loben soll, nicht tadeln. Er »soll«, wie es im Schriftchen selbst heisst, »unseren Kindern das dritte Gebot einschärfen;« er soll! Seid ihr, das fragt euch selbst, seid ihr damit zufrieden, dass man euch sagt: So steht es geschrieben! - Seid ihr beruhigt über eure Zweifel, sobald ihr wisst, so und so lautet die Bibel; gilt euch etwas darum schon für wahr, weil ihr's im Testament lest, und wollt ihr nur die Schrift auslegen hören oder verlangt ihr nach - der ewigen Wahrheit? Und wenn ihr danach verlangt, genügt euch da ein »Diener des göttlichen Wortes«, der auf die BibeI geschworen hat, geschworen, euch nur biblische Lehren beizubringen, geschworen, euch seine abweichende Ansicht und seine Einwürfe zu verschweigen - oder seht ihr euch nicht vielmehr nach einem freien Lehrer um? Es ist wahrlich erhebender und göttlicher, einen freien Menschen zu vernehmen als anzuhören, wie ein Diener des Wortes seine pflichtschuldigen und diensteifrigen Lobgesänge anstimmt, und lieber lausche ich einem Sünder, der im Kampf der Gedanken sich verirrt hat, als neunundneunzig solcher Gerechten.

Doch für jetzt müssen wir ihren Worten weiter mit Aufmerksamkeit folgen. Wir könnten uns durch den Beginn der Anrede geschmeichelt fühlen, weil uns gesagt wird, »ein bedeutender Teil der evangelischen Einwohner Berlins zeichne sich vor den Bewohnern anderer Ortschaften unseres Vaterlandes in der Begehung der Sonntagsfeier vorteilhaft aus«, wenn wir nicht die Richtigkeit der Angabe sehr bezweifeln müssten und

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ohnehin der Jammerruf über die »leeren Kirchen« bald nachschallte. Zuvörderst jedoch heisst es in den Eingangsworten: »Es war eine gesegnete Frucht der schweren Drangsale, welche vor mehr als 30 Jahren unser Vaterland trafen, dass so viele Herzen dem Gott, der uns geschlagen hatte, sich zuwandten, damit er uns wieder heilen möchte.« Der Gott, der uns geschlagen hatte, das war unser besseres Selbst, das über den Rhein herüberkam und unsere mattherzige Selbstsucht zerbrach; und wir wendeten uns ihm auch wieder zu, anfangs freilich in taumelnder Frömmigkeit, endlich aber - und das ist die gesegnete Frucht der 30 Jahre, ja die wahrhaft gesegnete! - mit bewusstem, männlichem Mut. - Jetzt erst, da wir ihn nicht mehr bloss in den Kirchen suchen, haben wir ihn noch mehr zu unserem Freunde gemacht.

Weiter wird uns gesagt: »Darüber sind ohne Zweifel alle ernsten, gewissenhaften Bewohner unserer Stadt und unseres Vaterlandes mit uns einverstanden: ein Volk, das die Gottesfurcht verlässt und von dem Höchsten und Heiligsten, was es für die Menschen gibt, sich entfremdet, das ist auf dem Wege, auch die irdischen Segnungen wieder zu verlieren, deren es sich noch zu erfreuen hat.« Wir, meine Lieben, sind ohne Zweifel auch ernste, gewissenhafte Leute, und viele auch Bewohner dieser Stadt und dieses Vaterlandes; allein sind wir damit einverstanden, dass die Gottesfurcht das Höchste und Heiligste sei? Fürchten mag sich, wer vor einem Furchtbaren im Staube kriecht; fürchten vor einem Mächtigen, wer nicht alle Macht über sich in sich selbst hat; wir fürchten uns so wenig als unsere Altvorderen, von denen schon ein wackerer Römer sagte, dass sie sich gegen Götter und Menschen sicher wussten. Als Christen sollten wir schon gelernt haben, Gott nicht zu

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fürchten, sondern zu lieben. Allein sie wollen ja, dass er throne bloss ausser und über uns, mit aller Macht und Majestät bekleidet, vor der ein ergebenes, nach Gnade dürstendes Gemüt immer auf den Knien anbetet, und nicht durch Handlungen, wie sie Menschen ziemen; einen Herrscher und Herrn nicht zu fürchten, das heisst wohl, das Unmögliche begehren. Aber sie tun recht, dass sie ihn fürchten, die Gottesfürchtigen! In ihm lebt doch ihr eigener Geist schon hier, wenn er ein reiner ist, obwohl sie ihn noch, verborgen wie er ihnen ist, im Jenseits suchen; bis sie zu sich kommen, können sie ihn nur fürchten und lieben. Darum mögen wir ihnen auch zugeben, dass alle, die ihr bestes Teil als Gott ins Jenseits geworfen, in »kurzsüchtige Selbstsucht« verfallen, sobald sie die Gottesfurcht ablegen. Zu fürchten darf ja nur der aufhören, der den Allmächtigen nicht mehr ausser sich, sondern in sich hat. Ja, wir bestreiten ihnen selbst nicht, dass mit der Gottesfurcht auch die Ehrfurcht vergeht und »an die Stelle des Gehorsams gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit und ihre heilsamen Ordnungen, an die Stelle der milden und ernsten Zucht und Sitte des Hauses und der Familie eine zügellose Willkür, eine stete Auflehnung gegen die Schranken, die jeden in seinem Berufe umgeben, Unzufriedenheit, Missmut und Murren über sein Schicksal tritt«; wir bestreiten dies ihnen umso weniger, als zwar die auf den Bibelbuchstaben vereidigten »Diener am göttlichen Worte« die Erlaubnis haben, solches zu reden, wir aber, die wir reden möchten, wie's uns ums Herz ist und wie's allen ums Herz sein sollte, nur das Gebot - zu schweigen. Wahr aber ist es allerdings, dass die Selbstsucht in dem Masse steigt, als die Gottesfurcht sinkt; denn es berühren sich ja allezeit die Extreme und lösen einander

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ab, weil sie, obzwar feindliche Brüder, doch eben deshalb die nächsten Verwandten sind.

Wir kommen nun an die Schilderung unserer Gottverlassenheit und müssen sie wörtlich mitteilen als deutlichen Beweis dafür, wie klärlich unsere Geistlichen den Verfall der Kirche einsehen. »Wir bemerken mit Schmerz, wie so viele des grossen Segens sich selbst berauben, den die wahre Ruhe, die Ruhe von irdischen Mühen und Sorgen, die Erhebung der Seele zu Gott an einem bestimmten, von Gott dazu festgesetzten Tage, uns gewährt. Ohne einzelnen Ständen hier besonders nahe treten zu wollen, lasst uns nur daran denken, wie die Reicheren und Vornehmeren ihre oft bis an den Sonntagmorgen dauernden Vergnügungen jetzt vorzugsweise auf den Abend des Sonnabends verlegen und sich dadurch für jede ernste, heilige Beschäftigung am Sonntag Vormittag unfähig machen; wie so viele Beamte einen Teil ihrer Geschäfte besonders gern am Sonntagvormittag besorgen; wie so viele Gewerbetreibende und Handwerker öffentlich und in ihren Werkstätten den halben Sonntag wenigstens arbeiten und erst am Nachmittag ruhen, wie man in allen Berufs- und Erwerbszweigen gern wenigstens Nebenarbeiten am Sonntag abmacht; wie das Kaufen und Verkaufen am Sonntag zu allen Stunden fortgeht, ausser wo die Obrigkeit es strenge ahndet. Welch ein trauriges Beispiel gibt Berlin hierin den nächsten Dörfern und kleinen Städten, deren Einwohner, weil sie wissen, dass man hier ungescheut am Sonntage Handel und Verkehr aller Art treibt, gerade an diesem Tage früh Morgens so zahlreich der Hauptstadt zuströmen, während die Gotteshäuser in den umliegenden Ortschaften leer stehen! Welch ein Ärgernis geben unsere Christen den Juden in unserer

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Mitte, die, solange noch eine Spur von Gottesfurcht in ihnen ist, ihren Sabbat nie auf solche Weise entheiligen! Und welch ein tiefer Schmerz ist es besonders uns, euren Seelsorgern, denen ihr eure Kinder zur Konfirmation anvertraut, wenn wir diesen im Unterricht das dritte Gebot einschärfen sollen, zu dessen Übertretung so häufig das Beispiel der eigenen Eltern und der nächsten Umgebung im Hause sie verleitet; oder wenn wir sehen, wie Lehrlinge und Gehilfen aller Art fast allgemein Sonntags vormittags, ja bis in die späteren Nachmittagsstunden arbeiten müssen, wo sie das Gotteshaus nicht mehr besuchen können und den schlimmsten Versuchungen ausgesetzt sind! Wieviele Geschäftszimmer und Werkstätten gibt es wohl noch in unserer Hauptstadt, welche alle Sonntagmorgen geschlossen sind? Wieviele Läden, welche den ganzen Tag über nicht geöffnet werden? Wieviele Maschinen, wieviele Stühle, welche den ganzen Sonntag stillstehen? Väter und Mütter, Vormünder und Pfleger der Jugend, wieviele eurer Kinder besuchen wohl noch regelmässig an eurer Seite das Gotteshaus? Wieviele hören wohl noch, gerade in den gefahrvollsten Jahren, wo die Richtung für ihr ganzes Leben sich entscheidet, das Wort des ewigen Lebens, welches sie vom Wege der Sünde abzieht und hier und dort sie zu seligen und Gott wohlgefälligen Menschen macht?« - Und angesichts dieses erschreckenden Bildes geht ihr noch nicht in euch, ihr Geistlichen, und fragt euch, ob die Schuld nicht an euch liege? Greift doch in euren Busen und erkennt, dass an dem Tisch der Knechte kein Freier sich setzen mag! - Mancherlei hätten wir über das Voranstehende zu sagen, wie wir freilich fast in jedem Worte des Schriftchens reichlichen Stoff zu Bemerkungen fänden; für die gewählte

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Kürze mag es genügen, auf eine Stelle aufmerksam zu machen. Welch wunderliches Zeugnis legen unsere Geistlichen von ihrer Bildung ab, indem sie uns zurufen: Schämt euch doch vor den Juden und seid - wie die Juden! Jeder gleissende Grund muss herhalten, wenn es gilt, die christlichen Gemeinen zu - überreden. Wenn die Juden »ihren Sabbat nie auf solche Weise entheiligen«, so sollten wir das doch für einen Beweis ansehen, dass ihren Bedürfnissen in den Synagogen eine bessere Befriedigung zuteil wird als unsere Geistlichen unseren Bedürfnissen zu gewähren verstehen oder - wagen. Lasst sie den Gemeinen nur statt der eingelernten Litanei ein freies Wort bieten, wie es aus einer frischen Seele und einem lebendigen Geiste kommt, und sie sollen Wunder sehen, wie sich ihre Kirchen trotz den Synagogen füllen werden. Sie irren sehr, wenn sie wähnen, wir hätten unser Heiligstes abgeworfen und strebten nur nach vergänglichem Tand; wir mögen nur ihre gefesselten Reden nicht und fliehen die Kutte, unter der nur ein demütiges, kein mutiges Herz schlägt, und das salbungsreiche Gelispel, das sich nie zum seelenvollen Laute erhebt, zum offenen Worte eines furchtlosen Geistes.

Es werden weiterhin die Gründe für die Sabbatfeier angegeben, und da die allbekannten durch keine neuen vermehrt werden, so verdienen sie keine besondere Erwähnung und zeigen sich nur insofern bemerkenswert, als ihre ganze Färbung der sonst so verhassten Aufklärung abgeborgt ist.

Auch die Ausflüchte der zähen Kirchengänger mussten zurückgewiesen werden, was zwar in ziemlicher Breite, aber leider auch mit allem Aufwand überzeugungsloser Klügelei geschieht. Gleichwohl sind die Ermahnungen richtig, und die gottvergessenen Christen werden völlig

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davon getroffen. Sie sollen sich nicht entschuldigen damit, dass »sie Gott im Stillen dienen auf ihre Weise«, denn der rechte »Segen könne ihnen nur aus der Gemeinschaft mit anderen beim Gottesdienst durch Gesang, Gebet und andächtige Betrachtung des göttlichen Wortes zufliessen«; auch sollen sie nicht sagen, dass »sie ihren Gottesdienst am liebsten in der freien Natur halten«, weil die »Natur nur das Kleid Gottes sei und allein im Worte Gottes die Geheimnisse der göttlichen Liebe aufgeschlossen werden«; sie sollen auch nicht Mangel an Zeit zum Kirchenbesuche vorschieben, denn »mit dieser Entschuldigung mögen sie allenfalls vor einigen Menschen ausreichen, nicht aber vor dem Allwissenden, vor dem ihr ganzes Herz und Leben offen da liegt«; endlich aber »fehlen die am meisten, welche sagen, man könne ja auch ohne Kirchenbesuch ein guter Mensch, ein guter Bürger, ja, wie einige hinzusetzen, ein guter Christ sein«: den Feiertag zu heiligen ist ja eines der Gebote Gottes, und »wer das ganze Gesetz hält und sündigt an einem, der ist es ganz schuldig.« Das ist alles recht schön und gut, und die Gottesfürchtigen müssen gegen solche Gründe verstummen; wer Gott fürchtet und meidet doch den Gottesdienst, wie will der mit jenen Ausreden bestehen? Wir aber, die wir Gott nicht fürchten, suchen auch keine Ausflüchte und brauchen der Entschuldigung nicht, weil wir nicht in der Schuld, sondern im Rechte stehen. Wir meiden das Gotteshaus, solange das Gotteswort geknechtet ist im Buchstaben, und solange seine Ausleger nicht sprechen dürfen als freie Geister.

An die Ermahnung zur Sabbatfeier und die Aufdeckung der gewöhnlichen Entschuldigungen als blosser Winkelzüge schliesst sich nun füglich an »die Erinnerung

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an das, was zu einer gesegneten Feier unseres christlichen Ruhetages notwendig ist.« Mit eindringlicher Wärme wird besonders allen denen ihr Unrecht zu Herzen geführt, welche ihren Dienstboten und Untergebenen den Ruhetag verkümmern. Wir, die wir für die Erhebung und Heiligung des menschlichen Geistes gewiss ebensoviel Eifer hegen als die unterzeichneten evangelischen Geistlichen, wir sind weit davon entfernt, eine so berechtigte Ermahnung anzufeinden. Warum aber wollen unsere Seelsorger es denn nicht einsehen, dass ihre wahren Gegner nicht »der Weltsinn und die herzlose Gleichgültigkeit« sind? Mit denen ist den wahrhaft Frommen der Kampf noch nie sonderlich schwer geworden. Ein ganz anderer Feind stellt sich ihnen jetzt gegenüber, zu dem sie übergehen müssen, wenn sie ihm nicht das Feld räumen wollen. Denn auf den Kampfplatz tritt der wiedergekommene Christus!

Was soll es helfen, mit Sehnsucht rückwärts zu blicken und die Wiedererweckung der guten alten Zeit zu empfehlen, wo »sonnabends die Arbeit etwas früher als sonst beendigt, und nun das Haus gekehrt und die Zimmer aufgeräumt wurden, damit am Sonntag schon die früheste Morgenstunde vor Störung gesichert sei. Dann wurde des Morgens die Heiligung des Tages damit begonnen, dass, nach Beseitigung aller nicht durchaus notwendigen Geschäfte, Ruhe und Stille im Hause herrschte. Und wie sie im Hause herrschte, so auch auf den Plätzen, in den Strassen der Stadt. Selten hörte man da einen Wagen rollen; die Läden blieben geschlossen; der öffentliche Verkehr hörte auf; nichts unterbrach die ernste, heilige Sabbatstille. Dann pflegten der Hausvater, die Mutter, die Herrschaft wohl die ihrigen zur Andacht zu versammeln. Man las einen Abschnitt der

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Bibel, am liebsten das Evangelium und die Epistel des Sonntags, man stimmte ein Lied zum Preise Gottes an. Hierauf besuchten alle, welche im Hause nicht schlechterdings unentbehrlich waren, den öffentlichen Gottesdienst, und für die Zurückbleibenden pflegte sogleich von vornherein eine andere Zeit festgesetzt zu werden, wo sie am Gottesdienste und an der Ruhe des Tages auch ihrerseits teilnehmen sollten. O, dass die frühere fromme Sitte wieder unter uns allgemein würde!« Ja, wohin verirrt man sich, wenn man, nachdem man uns schon die Juden als Muster vorgehalten, nun auch die »Engländer, Schotten und Nordamerikaner« uns zur Nachahmung anpreist, »bei denen der Sonntag am strengsten geheiligt wird, und die reiche, blühende Völker sind.« Und warum sind sie reich und blühend? Darum, antwortet man, »weil die Gottseligkeit zu allen Dingen nütze ist, weil sie die Verheissungen dieses und des zukünftigen Lebens hat, und weil denen, die vor allem nach dem Reiche Gottes trachten, alles andere zufällt.« O über die Unredlichkeit des Vergleiches zwischen Deutschen und Briten! Wie, wenn man nun erwiderte, die Briten sind reich und blühend, weil sie frei sind, und frei sind sie - trotz der Tyrannei ihrer Kirche? Wenn ihr Deutschen euch britische und amerikanische Gottesfurcht holen wollt, da vergesst doch vor allen Dingen nicht, britische und amerikanische Freiheit über das Meer und über den Kanal auch mit herüberzubringen! Der freie Mensch kann selbst die - qualvolle Last einer Hochkirche ertragen, bis er sie endlich abschüttelt; ihr aber möchtet euch gerne noch die Tyrannei englischer Gewissensbeschränktheit aufladen zu euren anderen Bürden, alles in blinder Dienstergebenheit.

Nein, vorwärts winkt uns das Heil, nicht rückwärts;

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oder können wir in unserer Mutter Leib zurückkehren? Versteht man die Wiedergeburt noch immer so, wie einst Nikodemus, und findet sie nicht einmal so widersinnig, wie er? Weil unsere Vorfahren glücklich waren durch ihre Frömmigkeit, darum ist uns noch nicht das gleiche Los durch ein gleiches Mittel bestimmt. Es wäre das kaum anders, als wenn der vierzigjährige Mensch noch immer in Spiel und Tanz seine Freude finden müsste, weil sie vor zwanzig Jahren ihn vergnügten. Nein, die Zeiten der Frömmigkeit sind vorüber, und was man heutigen Tages fromm nennt, das darf sich wahrlich nicht mit der echten Frömmigkeit unserer Voreltern vergleichen. Damals ein gesunder, naturgemässer Zustand - ist sie heute eine krankhafte Überreizung oder eine Täuschung anderer und unser selbst, eine Lüge, die wir Furcht haben uns einzugestehen. Die Gegenwart fordert das rein Menschliche, das allein das wahrhaft Göttliche ist, sie fordert nicht Frömmigkeit, sondern Sittlichkeit und Vernünftigkeit; mündige Männlichkeit des Geistes, nicht bevormundete Kindlichkeit; Begeisterung für die ewig gegenwärtige Welt des Wollens und Handelns, nicht blind ergebene Sehnsucht nach dem Jenseits. Das könntet ihr alle wissen, wenn ihr nur recht bedenken wolltet, wie ihr schon wirklich gesonnen seid. Fragt ihr etwa bei euren Dichtern, die ihr so innig verehrt, ob sie fromme Christen gewesen? Liebt ihr Schiller weniger als Klopstock, weil dieser einen Messias ganz im Tone unserer hinaufgeschraubten Frömmigkeit gedichtet, jener aber kein christlich frommes Lied zu Stande gebracht? Achtet ihr den Staatsmann höher, der eure Gedankenäusserungen streichen und überwachen lässt, auf dass sie in Staat und Kirche rechtgläubig seien, als den, welcher dem Gedanken und

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Streben der Menschen keine orthodoxen Fesseln anlegt? Ja, verurteilt ihr auch nur einen eurer Mitmenschen, den ihr sittlich und edel handeln, frei und furchtlos denken seht, darum, weil er keine herkömmliche Frömmigkeit übt? Und tut es einer oder der andere unter euch, zeigt er sich euch da nicht als ein blinder Ketzerrichter, den ihr bemitleidet? Ihr stellt selbst nicht mehr die Forderung an den Menschen, dass er fromm sei; wenn er ein sittlich-freier Mensch ist, wie Schiller, da schämt ihr euch, Wehe über ihn zu rufen und ihn dem Satan zu überliefern. Und doch ist er kein Christ im geltenden Sinne und ist nicht fromm! Erwägt diese Gerechtigkeit, die ihr unwillkürlich übt, recht reiflich in eurem Herzen und ihr werdet finden, wie verstockt eure Gedanken hinter der unbewussten Freiheit eures Handelns zurückbleiben. Aber freilich, wo hättet ihr auch die Gelegenheit finden sollen, euer Denken auszubilden, da eure Geistlichen selbst, berufen euren Geist zu erheben und zu erleuchten, euch in die gute alte Zeit und in den Mutterleib wieder zurückbringen möchten, und euer Gewissen, statt es zu stärken, mit Furcht und Zittern erfüllen, dass es euch anklagt und ängstigt ob der verlassenen Frömmigkeit! Das Leben bewährte sich als ein besserer Lehrmeister; es lehrte euch längst, dass die Sittlichkeit und die Freiheit besser sei, als die formelle, tote Frömmigkeit. Eilt, dass ihr erkennt, was ihr ausübt, und dass die Einsicht und das Bewusstsein euren voraneilenden Taten und eurer unwillkürlich erworbenen Bildung nachkomme, damit ihr nicht länger euch selbst verdammt und aus Gewissensangst in die knappen Kinderschuhe zurücktretet. Könnt ihr dazu beitragen wollen, dass der Nachbar den Kirchgang und die Andacht des Nachbarn bewache, der Freund den Freund anschul-

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dige, die Schwester den Bruder, der Bruder die Schwester um der Unchristlichkeit willen schelte, und jeder den anderen anschwärze und anfeinde - aus Religion? Und muss es nicht, wenn ihr erst schwach genug seid, den Verlust der alten Frömmigkeit für ein Unglück zu halten, muss es nicht dahin kommen, dass die Heuchler scharenweise zur Kirche ziehen, um, wenn sie Beamte sind, in Amt und Würden zu bleiben, wenn aber unabhängige Bürger, ihren guten Leumund nicht einzubüssen? Seid stark, seid mutig genug, den Versucher von euch zu weisen und offen zu sagen: Wir, die wir nur freie Lehrer hören wollen, wir stehen mit unserer Unkirchlichkeit im Rechte!

Gehen wir nun dem Ende des Schriftchens zu, so erfahren wir noch, wie die einzelnen Gemeindeglieder, an denen »dies Wort der Liebe nicht spurlos vorübergeht«, aufgefordert werden, »um ihre Prediger Vereine solcher Christen zu bilden, welche sich freudig und ernstlich entschliessen, die Heiligung des Feiertags nicht nur sich selbst angelegen sein zu lassen, sondern auch für Förderung derselben überall nach Kräften zu wirken.« Sehr wahrscheinlich wird es da schlimm um jeden stehen, der keine Scheu trägt, sich auszuschliessen, und sein Name, in den Vereinslisten, welche zur Subskription einladend gleich mit ausgegeben wurden, fehlend, wird geächtet sein.

Nun endlich der Schluss: »Bei euch steht es, ob die Heiligtümer unserer Religion, ob der grösste Segen, den Gott uns geschenkt hat, unseren Nachkommen unversehrt überliefert werden, oder ob wir und sie immer tiefer hinabsteigen und verlieren sollen, was von wahrer, echter Frömmigkeit, kindlichem Sinn, Liebe, Zucht und guter Sitte noch unter uns ist. Möge Gott euch

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Augen und Herzen öffnen, das Gute zu erkennen und - zu wählen!« Ja, möge er sie euch öffnen! Denn bei euch steht's wirklich, ob die fromme Abhängigkeit oder die sittliche und mutige Freiheit hinfort herrschen soll. Kindlicher Sinn aber, Liebe, Zucht und gute Sitte, werden darum wahrlich nicht zugrunde gehen, wohl aber edler und schöner wieder auferstehen. - Es gab eine Zeit, da die römischen Heidenpriester Wehe riefen über das Volk, dessen Tempel leer standen; es war das aber die Zeit, da die Kirchen der Christen die herbeiströmenden Andächtigen kaum fassen konnten. Die leeren Tempel, sie waren ein echtes Zeichen der erfüllten Zeit!

Jetzt, da die Kirche, wie ja laut behauptet wird, »in Verfall gerät«, wollen uns unsere Geistlichen mit blinkenden Worten dahin zurückführen, sie, die als christliche Seelsorger wissen sollten, dass man »nicht Most in alte Schläuche fasset; wo anders so zerreisst der Most die Schläuche und wird verschüttet, und die Schläuche kommen um. Sondern den Most soll man in neue Schläuche fassen, so werden sie beide behalten.« Sie könnten ihre Kirchen wohl wieder füllen, obgleich der Verfall der alten Kirche, wie sie es schauernd ahnen, unaufhaltsam vor sich gehen wird, wenn sie statt des Splitters im Auge der Gemeinen den Balken im eigenen sehen wollten. So aber schelten sie ihre Gemeinen darum, dass sie keinen bevormundeten und durch Verpflichtung gebundenen Redner hören mögen, der ihnen doch nicht sagen darf, was der Geist, der ewig freie, erforscht in den Tiefen der Gottheit, sondern sagen muss, was, so erhaben und heilig es auch sei, doch im unfreien Munde nicht menschlich, nicht das eigene aus der Tiefe der Brust heraufgeholte Wort eines aufrichtigen Menschen ist, sondern eine leblose und versteinerte

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Wahrheit. - Erkämpft euch, ihr Prediger des göttlichen Wortes, die Freiheit der Rede, und wir finden uns mit Freuden bei euch ein; tut zu allererst ab den eigenen Knechtsinn, dann könnt ihr freie Menschen zu euch einladen; opfert die elende Furcht auf dem Altare des Heldenmuts, und ihr sollt unsere geliebten Führer sein; feiert den festlichen Tag der errungenen Lehrfreiheit, so feiern wir alle gerne mit euch den Sonntag. Dann werden eure Kirchen voll sein, und um jeden Helden des freien Wortes werden sich lernbegierige Scharen sammeln. Aber die Kirche - ihr selbst habt das unwiderrufliche Wort gesprochen - die Kirche wird dennoch verhallen, wenn ihr sie nur in der Form und nicht im Geiste sucht und in der Wahrheit! Ein Geschlecht freier Menschen wird erblühen und, wenn man so will, ein neues Christentum, obgleich im Geist und in der Wahrheit das alte, jenes zur Weltreligion reifende, das in Bibelworten heisst: Unter allerlei Volk, wer Gott fürchtet und Recht tut, ist ihm angenehm!

Viele unserer edelsten und wichtigsten Angelegenheiten, manche Frage von umfassendster Bedeutung habe ich hier mehr mit schneidender Kühnheit als bedächtiger Begründung aufstellen können - wie wäre das auch in dem engen Raume dieser wenigen Blätter anders möglich. Verschafft euch aber nur freie Lehrer, unverstrickte und ungegängelte Prediger der Wahrheit, und ihr werdet bald die offenste und ausführlichste Belehrung, ganz wie ihr sie wünscht, von den Kanzeln herab erhalten. So nehme ich denn Abschied von euch und hoffe auf eure Erweckung. Ich habe nicht bloss an die Laien, auch an euch Geistliche habe ich meine Worte gerichtet. Lasst uns, wo und wie wir uns auch wieder begegnen, als freie Menschen einander ins Auge sehen!

ENDE