Hegel behandelt die Kunst vor der Religion; diese Stellung
gebührt ihr, sie gebührt ihr sogar unter dem geschichtlichen
Gesichtspunkte. Sobald die Ahnung erwacht, dass der Mensch in
sich selbst ein Jenseits habe, d. h. dass er im tierischen und
natürlichen Zustande sich nicht genüge, sondern ein
anderer werden müsse (und für den gegenwärtigen
Menschen ist doch wohl der andere, der er werden soll,
ein zukünftiger, der erst jenseits seines dermaligen Befindens
erwartet werden muss - ein jenseitiger: so ist ja der Jüngling
die Zukunft und das Jenseits des Knaben, in welches er erst hineinwachsen
muss, und so ist der sittliche Mensch das Jenseits des bloss -
unschuldigen Kindes): sobald jene Ahnung in dem Menschen erwacht
und er darauf hindrängt, sich zu teilen und zu entzweien
in das, was er ist, und das, was er werden soll,
so strebt er sehnsüchtig nach dem letzteren, nach diesem
zweiten und anderen Menschen, und rastet nicht eher, als bis er
die Gestalt dieses jenseitigen Menschen vor sich sieht.
Lange wogt es in ihm hin und her; er fühlt nur, dass sich
eine Lichtgestalt in der Finsternis seines Innern erheben wolle,
aber die sicheren Konturen und die feste Form fehlen ihr noch.
Mit dem im Dunkel ungewiss tappenden Volke tappt auch der künstlerische
Genius eine Zeit lang nach dem Bilde ihrer Ahnung suchend umher;
was aber keinem gelingt, ihm gelingt es: er gibt der Ahnung Form,
er findet die Gestalt, er erschafft das - Ideal. Was ist
der vollkommene Mensch, des Menschen eigenste Bestimmung, von
der alle eine Anschauung zu erhalten sich sehnen, anderes, als
der ideale Mensch, des Menschen Ideal?
Der Künstler hat endlich das rechte Wort, das rechte
Bild, die rechte Anschauung für das entdeckt,
wonach alle verlangten; er stellt es auf: es ist das Ideal.
»Ja, das ist es! Das ist jene Gestalt des Vollkommenen, das
ist der Ausdruck für unser Sehnen, die frohe Botschaft (Evangelium),
welche unsere längst ausgesendeten Kundschafter, die labungsdurstigen
Fragen unseres Geistes, heimbringen!« So ruft das Volk bei
der Schöpfung des Genies und fällt - anbetend nieder.
Ja, anbetend! Der heisse Drang des Menschen, nicht allein zu sein, sondern sich zu verdoppeln, nicht zufrieden zu sein mit sich, dem natürlichen, sondern den zweiten zu suchen, den geistigen Menschen - dieser Drang ist befriedigt durch das Werk des Genius, und die Entzweiung ist vollendet. Jetzt erst atmet der Mensch befriedigt auf; denn die Wirren seines Innern sind gelöst, die beunruhigende Ahnung - hinausgeworfen als Gestalt: der Mensch steht sich selbst gegenüber. Dieses Gegenüber ist er selbst und ist es nicht: es ist sein Jenseits, auf das alle Gedanken und Gefühle hinfluten, ohne es ganz zu erreichen, und es ist sein Jenseits, eingehüllt und unzertrennlich verwoben mit dem Diesseits seiner Gegenwart. Es ist der Gott seines Innern, aber er ist draussen; darum kann er ihn nicht fassen, nicht begreifen. Verlangend breitet er seine Arme aus, aber das Gegenüber ist nicht zu erreichen; denn wäre es zu erreichen, wo bliebe dann das »Gegenüber«? Wo bliebe die Entzweiung mit all ihren Schmerzen und all ihrer Wonne? Wo bliebe - sprechen wir es aus, wie diese Entzweiung mit einem anderen Worte heisst! - wo bliebe die Religion?
Die Kunst schafft Entzweiung, indem sie dem Menschen das Ideal
entgegenstellt, der Anblick des Ideales
aber, der so lange dauert, bis vom unverwandten, gierigen Auge
das Ideal wieder eingesogen und verschlungen worden, heisst Religion.
Darum, weil sie ein Anblicken ist, bedarf sie eines Gegenstandes
oder Objektes, und der Mensch verhält sich als Religiöser
zu dem durch die Kunstschöpfung hinausgeworfenen Ideal, zu
seinem zweiten, äusserlich gewordenen Ich, als zu einem Objekte.
Hier liegen alle Qualen, alle Kämpfe von Jahrtausenden; denn
fürchterlich ist es, ausser sich zu sein, und ausser
sich ist jeder, der sich selbst zum Objekte hat, ohne dieses Objekt
ganz mit sich vereinigen und als Objekt, als Gegen- und Widerstand
vernichten zu können. Die religiöse Welt lebt in den
Freuden und Leiden, die sie von diesem Objekte erfährt, sie
lebt in der Entzweiung ihrer selbst, und ihr geistiges Dasein
ist nicht ein vernünftiges, sondern ein verständiges.
Die Religion ist eine VERSTANDES-SACHE! So hart als das Objekt,
das kein Frommer ganz für sich gewinnen kann, dem er sich
vielmehr unterwerfen muss, so spröde ist auch sein eigener
Geist, diesem Objekte gegenüber: er ist Verstand.
»Kalter Verstand?« - So kennt ihr nichts als jenen »kalten«
Verstand? Wisst nicht, dass nichts so glühend heiss, so heldenmütig
ist, als der Verstand? »Censeo, Carthaginem esse delendam«,
sprach Catos Verstand, und er blieb unverrückt dabei. »Die
Erde bewegt sich um die Sonne«, sprach Galileis Verstand,
selbst während der schwache Greis knieend die Wahrheit abschwur,
und als er aufstand, sagte er wieder: »Und sie bewegt sich
doch um die Sonne«. Keine Gewalt ist gross genug, uns den
Gedanken zu verrücken, dass 2 mal 2 = 4 ist, und des Verstandes
ewiges Wort bleibt dies: »Hier steh' ich, ich kann nicht
anders!« Und die Sache eines solchen Verstandes, der nur
unerschüt-
terlich ist, weil sein Objekt (2 mal 2 = 4 u.s.w.) sich nicht
erschüttern lässt, die Sache eines solchen Verstandes
sollte die Religion sein? Ja, sie ist es. Auch sie hat ein unerschütterliches
Objekt, dem sie verfallen ist: der Künstler hat es ihr erschaffen,
nur der Künstler könnte ihr's wieder nehmen. Denn sie
selbst ist ohne Genialität. Es gibt kein religiöses
Genie, und niemand wird behaupten, dass man in der Religion Genies,
Talente und Talentlose unterscheiden dürfe. Zur Religion
hat jeder gleiche Fähigkeit, so gut als zum Verständnis
des Dreiecks und des pythagoräischen Lehrsatzes. Man verwechsele
nur nicht Religion und Theologie; zu dieser hat freilich nicht
jeder die gleiche Befähigung, so wenig als zur höheren
Mathematik und Astronomie: diese Dinge erfordern einen selteneren
Grad von - Scharfsinn. Nur der Religionsstifter ist genial, er
ist aber auch der Schöpfer des Ideals, mit dessen Schöpfung
jede weitere Genialität unmöglich wird. Wo der Geist
an ein Objekt gebunden ist und alles Mass seiner Bewegung ihm
von eben diesem Objekte bestimmt wird (denn wollte der Religiöse
durch einen entschiedenen Zweifel am Dasein Gottes über die
Unübersteiglichkeit dieses Objektes dennoch hinaussteigen,
so würde er damit eben aufhören, ein Religiöser
zu sein, etwa wie ein Gespenstergläubiger, wenn er am Dasein
der Gespenster, dieser Objekte, entschieden zweifelte, kein Gespenstergläubiger
mehr wäre. Der Religiöse erbaut sich nur darum »Beweise
für das Dasein Gottes«, weil er, festgebannt in dem
Kreise des Glaubens an dieses Dasein, innerhalb desselben
sich eine freie Bewegung des -- Verstandes und Scharfsinns vorbehält),
wo, sage ich, der Geist von einem Objekte abhängig ist, das
er zu erklären, zu erforschen, zu fühlen, zu lieben
u.s.w. sucht,
da ist er nicht frei und, weil Freiheit die Bedingung der Genialität,
auch nicht genial. Eine geniale Frömmigkeit ist ein eben
so grosser Unsinn als eine geniale Leineweberei. Die Religion
bleibt auch dem Schalsten zugänglich, und jeder phantasielose
Tropf kann und wird doch immer noch Religion haben, weil ihn
die Phantasielosigkeit nicht hindert, in Abhängigkeit zu
leben.
»Ist denn nicht aber die Liebe das eigenste Wesen der Religion,
sie, die doch ganz eine Sache des Gefühls und nicht des Verstandes
ist?« Wenn sie eine Herzenssache ist, muss sie darum weniger
eine Verstandessache sein? Eine Herzenssache ist sie, wenn sie
mein ganzes Herz einnimmt; das schliesst nicht aus, dass sie auch
meinen ganzen Verstand einnehme, und macht sie überhaupt
zu nichts besonders Gutem: denn der Hass und Neid kann auch Herzenssache
sein. Die Liebe ist in der Tat nur eine Verstandessache, wobei
sie übrigens in ihrem Titel als Herzenssache unbeschädigt
bleibt: eine Sache der Vernunft ist sie nicht, denn im Reiche
der Vernunft gibt's eben so wenig eine Liebe, als im Himmel, nach
Christi bekanntem Worte, gefreit wird. Allerdings lässt sich
von einer »unverständigen« Liebe sprechen. Sie
ist entweder so unverständig, dass sie wertlos und nichts
weniger als Liebe ist, wie manches Vergaffen in ein hübsches
Gesicht oft schon Liebe genannt wird, oder sie erscheint nur zur
Zeit noch ohne ausdrücklichen Verstand, kann aber
zum Ausdruck desselben kommen. So ist die Kindesliebe zunächst
zwar nur an sich verständig ohne bewusste Einsicht,
allein nichtsdestoweniger von vornherein Verstandessache, weil
sie nur so weit geht, als der - Verstand des Kindes, und mit ihm
zugleich entsteht und wächst. Solange das Kind noch keine
Zeichen von Verstand gibt, zeigt es auch - wie jedem die
Erfahrung gelehrt haben kann - noch keine Liebe: es bestimmt sich
als blosses Gefühlswesen und fühlt eben
darum noch nichts von Liebe. In dem Masse erst, als es die Objekte
- wozu ja auch die Menschen gehören - sondert, schliesst
es sich an einen Menschen mehr an als an den andern, und mit seiner
Furcht - oder, wenn man es so nennen will, seinem Respekte
- beginnt seine Liebe. Das Kind liebt, weil es von einem
Gegenstande oder Objekte, also von einem Menschen, in dessen
Machtbereich oder Zauberkreis gezogen wird: es versteht
das mütterliche Wesen seiner Mutter wohl von anderen Wesen
zu unterscheiden, wenn es sich darüber auch noch nicht verständig
auszusprechen weiss. Vor jenem Verständnis liebt
kein Kind, und seine hingebendste Liebe ist nichts als - das innigste
Verständnis. Wer Kindesliebe sinnig beobachtet hat, dem wird
die Erfahrung diesen Satz bestätigen. Aber nicht bloss Kindesliebe
steigt und sinkt mit dem Verständnis des »Gegenstandes«
(so hört man ja oft, wenn auch ungeschickt, doch sehr bezeichnend
die Geliebten nennen), sondern jede Liebe. Tritt ein Missverständnis
ein, so verliert die Liebe während seiner Dauer mehr oder
weniger, und man braucht sogar das Wort Missverständnis geradezu
für Misshelligkeit, womit eine Störung der Liebe bezeichnet
wird. Die Liebe ist unhaltbar und unwiederbringlich verloren,
wenn man sich in einem Menschen vollständig getäuscht
hat: das Missverständnis ist dann vollkommen und die Liebe
erloschen.
Der Liebe ist ein Objekt, ein »Gegenstand« unentbehrlich.
Dieselbe Bewandtnis hat es mit dem Verstande, der eben darum die
eigentliche und einzige Geistestätigkeit des Religiösen
ist, weil dieser nur Gedanken über und an ein Objekt
hat, nur Betrachtungen und
Andacht, nicht freie, objektlose, »vernünftige«
Gedanken, welche letzteren er vielmehr für »philosophische
Hirngespinnste« ansieht und verurteilt. Ist aber dem Verstande
ein Objekt notwendig, so hört seine Wirksamkeit immer da
auf, wo er ein Objekt so ausgenossen hat, dass er nichts mehr
daran zu tun findet und damit fertig ist. Mit seiner Tätigkeit
erlischt sein Anteil an der Sache, weil, soll er sich liebend
hingeben und ihr alle Kräfte widmen, sie ihm ein - Mysterium
sein muss. Auch hierin ergeht's ihm, wie der Liebe. Eine Ehe ist
nur dann unvergänglicher Liebe versichert, wenn die Gatten
sich tägIich neu erscheinen, und jeder in dem andern einen
unerschöpflichen Born frischen Lebens erkennt, d.
h. ein Mysterium, ein Unerforschliches, Unbegreifliches. Finden
sie nichts Neues mehr an einander, so löst sich die Liebe
unaufhaltsam in die Langeweile und Gleichgültigkeit auf .
So auch ist der Verstand nur, indem er tätig
ist, und wo er seine Kräfte nicht mehr üben kann an
einem Mysterium, weil das Dunkel desselben verschwunden ist, da
entfernt er sich von dem ganz verstandenen und dadurch schal gewordenen
Gegenstande. Wer von ihm geliebt sein will, der muss sich, wie
eine kluge Frau, wohl hüten, ihm alle seine Reize auf einmal
zu bieten; jeden Morgen einen neuen, und die Liebe währt
Jahrtausende! Ganz eigentlich das Mysterium ist es, was die Verstandessache
zur Herzenssache ausbildet: der ganze Mensch ist mit seinem
Verstande bei der Sache, das macht sie zur Herzenssache.
Hat nun die Kunst den Menschen das Ideal erschaffen und ihnen
damit ein Objekt gegeben, mit welchem der Geist lange Zeiten
hindurch ringt und in diesem Ringen mit Objekten die blosse Verstandestätigkeit
geltend macht, so ist die Kunst die Schöpferin der Religion
und darf in einem philosophischen System, wie das Hegels ist,
ihren Platz nicht hinter der Religion einnehmen. Nicht bloss die
Dichter Homer und Hesiod »haben den Griechen ihre Götter
gemacht«, sondern auch andere haben als Künstler Religionen
gestiftet, wenngleich man ihnen den Künstler-Namen als zu
geringfügig beizulegen verschmäht. Die Kunst ist der
Anfang, das A[lpha] der Religion; sie ist aber auch ihr Ende,
ihr O[mega]; ja noch mehr, sie ist auch ihre Begleiterin. Ohne
die Kunst und den idealschaffenden Künstler entsteht die
Religion nicht; durch ihn vergeht sie wieder, indem er sein Werk
zu sich zurücknimmt, und durch ihn erhält sie sich auch,
indem er sie stets erfrischt. Wenn die Kunst in ihrer ganzen
Energie auftritt, so erschafft sie eine Religion und steht
am Anfang derselben: niemals ist die Philosophie Schöpferin
einer Religion, denn nie erzeugt sie eine Gestalt, die dem Verstande
als Objekt dienen könnte, sie erzeugt überhaupt
keine Gestalt, und ihre bildlosen Ideen lassen sich nicht
im religiösen Kultus anbetend verehren. Dagegen folgt die
Kunst jederzeit dem Triebe, das Eigenste und Beste des Geistes
oder vielmehr den Geist selbst in möglichster Fülle
als eine ideale Gestalt hervorzutreiben, ihn aus dem Dunkel, das
ihn umhüllt, solange er noch in der Brust des künstlerischen
Subjektes schlummert, zu erlösen, und durch Gestaltung
ein Objekt aus ihm zu bilden. Diesem Objekte, dem Gotte,
steht der Mensch dann gegenüber, und selbst der Künstler
fällt vor ihm, der Schöpfung seines Geistes, auf die
Knie. Im Verkehr und Kampfe mit dem Objekt verfolgt die Religion
nun einen der Kunst entgegengesetzten Weg, indem sie das Objekt,
welches der Künstler dadurch hervorbrachte, dass er die ganze
Kraft und Fülle seines Innern zu einer herrlichen Gestaltung
konzentrierte und sie, die mit eines jeden eigenstem Bedürfnis
und Verlangen harmonierte, der Welt als Objekt vor Augen stellte,
wieder in das Innere, wohin sie gehört, zurückzunehmen
und wieder subjektiv zu machen sucht. Sie trachtet das
Ideal oder den Gott mit dem Menschen, dem Subjekte, zu versöhnen
und ihn seiner harten Gegenständlichkeit zu entkleiden. Der
Gott soll innerlich werden (»Nicht Ich, sondern Christus
lebet in mir«), die Entzweiung will sich selbst auflösen
und loswerden; der mit dem Ideal entzweite Mensch strebt seinerseits,
dieses wieder zu gewinnen (Gott und Gottes Gnade zu gewinnen und
endlich Gott ganz zu seinem Ich zu machen), und der vom Menschen
noch getrennte Gott sucht andererseits jenen für das Himmelreich
zu gewinnen: sie ergänzen und suchen sich beide. Aber sie
finden sich nie und werden nie eins; die Religion selbst verschwände,
wenn beide jemals eins würden, da sie nur in ihrer Trennung
besteht. Daher hofft der Gläubige auch nichts mehr, als dass
er einst zum »Schauen von Angesicht zu Angesicht«
kommen werde.
Doch die Kunst begleitet auch die Religion, indem das menschliche
Innere, durch den Kampf mit dem Objekte bereichert, bald wieder
in einem Genius zu neuer Gestaltung ausbricht und das seitherige
Objekt durch frische Bildung verschönert und verklärt.
Schwerlich vergeht ein Menschenalter ohne eine solche, der Kunst
zu dankende Verklärung. Endlich aber steht die Kunst auch
am Ende einer Religion. Heiteren Mutes nimmt sie ihr Gebilde wieder
in Anspruch, und als das ihrige es behauptend raubt sie ihm die
Objektivität, erlöst es aus der Jenseitigkeit, in welche
es die Zeit der Religion hindurch verfallen war, und verschönert
es nicht mehr bloss, sondern vernichtet es gänzlich. Ihr
Geschöpf, die
Religion, zurückfordernd erscheint die Kunst beim Untergang
einer Religion, und indem sie tändelnd die ganze Ernsthaftigkeit
des alten Glaubens darum, weil er den Ernst des Inhalts, den er
an den fröhlichen Dichter zurückgeben musste, eingebüsst
hat, als eine lachende Komödie aufstellt, hat sie
sich selbst und damit neue Schöpfungskraft wiedergefunden.
Denn - erlassen wir ihr den Vorwurf ihrer Grausamkeit nicht! -
so grausam, als sie in der Komödie vernichtet, so unerbittlich
stellt sie wieder her, was sie von neuem zu vernichten gedenkt.
Sie schafft ein neues Ideal, ein neues Objekt und eine neue Religion.
Die Kunst kommt nicht darüber hinaus, wieder Religion zu
machen, und Raphaels Christusbilder verklären den Christus
dergestalt, dass er die Basis einer neuen Religion, der Religion
des »von allen Menschensatzungen geläuterten« biblischen
Christus wird. Von frischem beginnt der Verstand seine unermüdliche
Reflexionstätigkeit, indem er auf und über das neue
Objekt so lange reflektiert, bis er es durch immer tieferes Verständnis
ganz inne geworden ist: mit der hingebendsten Liebe versenkt er
sich in dasselbe und lauscht seinen Offenbarungen und Eingebungen.
So heiss er aber, dieser religiöse Verstand, sein Objekt
liebt, so glühend hasst er auch alle, die es nicht lieben:
Religionshass ist von religiöser Liebe unzertrennlich. Wer
nicht an sein Objekt glaubt, der ist ein Ketzer, und der ist wahrlich
nicht fromm, der Ketzerei duldet. Wer will es leugnen, dass Philipp
II von Spanien unendlich frömmer war als Joseph II von Deutschland,
und dass Hengstenberg wahrhaft fromm ist, Hegel aber gar nicht?
In dem Masse, als in unserer Zeit der Hass abgenommen hat, ist
auch die religiöse Gottesliebe matt geworden und einer humanen
Liebe gewichen, die nicht
fromm, sondern sittlich ist, weil sie mehr für Menschenwohl
als für Gott »eifert«. Der tolerante Friedrich
der Grosse kann wahrlich nicht für ein Musterbild der Frömmigkeit
gelten, wohl aber für ein erhabenes Vorbild der Menschlichkeit,
der Humanität. Wer seinem Gott dient, der muss ihm ganz dienen.
Es ist darum z. B. eine verkehrte Zumutung an den Christen,
dass er dem Juden keine Fesseln anlegen soll: auch der Christ
mit dem mildesten Herzen kann nicht anders, wenn er nicht gegen
seine Religion gleichgültig sein will oder eben gedankenlos
verfährt. Denkt er verständig über die Forderungen
seiner Religion nach, so muss er den Juden ausschliessen von christlichen
Rechten, oder, was dasselbe ist, von den Rechten der Christen,
und das vor allen Dingen im Staat. Denn die Religion ist für
jeden, der ihr nicht bloss lau anhängt, ein Verhältnis
der Entzweiung.
Dies also ist die Stellung der Kunst zur Religion. Jene erschafft
das Ideal und gehört an den Anfang; diese hat am Ideal ein
Mysterium und wird in jedem zu einer um so innigeren Frömmigkeit,
je fester er an dem Objekte hängt und von ihm abhängt.
Ist aber das Mysterium aufgeklärt, die Gegenständlichkeit
und Fremdheit gebrochen und eben damit das Wesen einer bestimmten
Religion vernichtet, dann hat die Komödie ihre Aufgabe zu
lösen, und durch den anschaulichen Beweis von der Leerheit
oder besser Ausgeleertheit des Objektes den Menschen von seiner
altgläubigen Anhänglichkeit an das Verödete zu
befreien. Diesem ihrem Wesen gemäss greift die Komödie
auch in jedem Gebiete das Heiligste heraus und benutzt z.B. die
heilige Ehe, weil die von ihr dargestellte Ehe nicht mehr - heilig
ist, sondern eine leergewordene Form, an welcher man nicht länger
haf-
ten soll. Aber selbst die Komödie geht der Religion vorher,
wie die gesamte Kunst: sie macht nur Raum für das Neue, dem
die Kunst selbst wieder Gestalt zu geben vorhat.
Macht die Kunst das Objekt und lebt die Religion nur in der Ankettung
an das Objekt, so unterscheidet sich die Philosophie von beiden
sehr deutlich. Ihr steht weder ein Objekt gegenüber, wie
der Religion, noch macht sie eines, wie die Kunst, sondern sie
legt vielmehr ebensowohl auf alle Objektmacherei als auf die ganze
Objektivität selbst die zermalmende Hand und atmet die Freiheit.
Die Vernunft, der Geist der Philosophie, beschäftigt sich
nur mit sich selbst, und kümmert sich um kein Objekt. Dem
Philosophen ist Gott so gleichgültig als ein Stein: er ist
der ausgemachteste Atheist. Wenn er sich mit Gott beschäftigt,
so ist das keine Verehrung desselben, sondern eine Verwerfung:
es sucht dann nur die Vernunft nach dem Funken von Vernunft, der
sich in jener Form verborgen hat; denn die Vernunft sucht nur
sich selbst, bekümmert sich nur um sich selbst, liebt nur
sich selbst, oder liebt sich eigentlich nicht, da sie an ihr kein
Objekt hat, sondern sie selbst ist. Neander hat daher mit richtigem
Instinkte dem »Gott der Philosophen« sein »pereat!«
gebracht.
Allein, über die Philosophie haben wir uns nicht vorgenommen, hier weiter zu sprechen: sie liegt jenseits des Themas.
ENDE