Was soll sich nicht alles mit einander vertragen, ausgleichen,
versöhnen! An dieser Verträglichkeit und Milde haben
wir lange genug gelitten, haben uns bis zum Überdruss eingebildet,
dass wir im Innersten so uneinig gar nicht wären und uns
nur zu verständigen brauchten, und haben die edle Zeit mit
unnützen Einigungsversuchen und Konkordaten verbracht. Aber
der Fanatiker hat Recht: »Wie verträgt sich Belial und
Christus?« Keinen Augenblick liess der fromme Eiferer nach
im rüstigen Kampfe gegen den gewitterschwangeren Geist der
neuen Zeit und kannte kein anderes Ziel, als seine »Ausrottung«.
Wie der Kaiser des himmlischen Reichs nur an »Vertilgung«
seiner Feinde, der Engländer, denkt, so wollte auch jener
von keinem anderen Kampfe wissen, als einem entscheidenden auf
Leben und Tod. Wir pflegten ihn toben und wüten zu lassen
und sahen in ihm nichts weiter, als den - lächerlichen Fanatiker.
Taten wir recht daran? Sofern der Polterer immer vor dem gesunden
Sinn des Volkes seine Sache verliert, wenn auch der Vernünftige
ihn nicht noch besonders zurechtweist, konnten wir getrost jenem
Sinne das Urteil über die Bannschleuderer überlassen
und folgten dieser Zuversicht auch im allgemeinen. Allein unsere
Langmut wiegte uns unversehens in einen gefährlichen Schlummer.
Das Poltern tat uns freilich nichts; hinter dem Polterer steckte
aber der Gläubige und mit ihm die ganze Schar der Gottesfürchtigen,
und - was das Schlimmste und Wunderlichste war - wir selbst steckten
auch dahinter. Wir waren allerdings sehr
freisinnige Philosophen und liessen auf das Denken nichts
kommen: das Denken war alles in allem. Wie stand es jedoch mit
dem Glauben? Sollte der etwa dem Denken weichen? Bewahre!
Die sonstige Freiheit des Denkens und Wissens in allen Ehren,
so durfte ja doch keine Feindschaft angenommen werden zwischen
dem Glauben und Wissen! Der Inhalt des Glaubens und der des Wissens
ist der eine und selbige Inhalt, und wer den Glauben verletzte,
der verstände sich selbst nicht und wäre kein wahrer
Philosoph! Machte es denn nicht Hegel selbst zum »Zweck seiner
religiös-philosophischen Vorlesungen, die Vernunft mit der
Religion zu versöhnen«? Und wir, seine Jünger,
sollten dem Glauben etwas entziehen wollen? Das sei ferne von
uns! Wisset, Ihr gläubigen Herzen, dass wir ganz einverstanden
sind mit euch in dem Inhalte des Glaubens, und dass wir uns nur
noch die schöne Aufgabe gestellt haben, euren so verkannten
und angefochtenen Glauben zu verteidigen. Oder zweifelt ihr etwa
noch daran ? Seht zu, wie wir uns vor euch rechtfertigen, lest
unsere versöhnlichen Schriften über »Glauben und
Wissen« und über die »Pietät der Philosophie
gegen die christliche Religion« und ein Dutzend ähnlicher,
und ihr werdet kein Arg mehr haben gegen eure besten Freunde!
-
So stürzte sich der gutherzige, friedliche Philosoph in die Arme des Glaubens. Wer ist so rein von dieser Sünde, dass er den ersten Stein aufheben könnte gegen den armen philosophischen Sünder? Die somnambule Schlafperiode voll Selbstbetrug und Täuschung war so allgemein, der Zug und Drang nach Versöhnlichkeit so durchgängig, dass nur wenige sich davon frei erhielten und diese Wenigen vielleicht ohne die wahre Berechtigung. Es war dies die
Friedenszeit der Diplomatie. Nir-
gends wirkliche Feindschaft und doch überall ein Bezwacken
und Übervorteilen, ein Aufreizen und Wiederausgleichen, ein
Aus- und Einreden, eine zuckersüsse Friedlichkeit und ein
freundschaftliches Misstrauen, wie die Diplomatie dieser Zeit,
diese sinnige Kunst, den Ernst des Willens durch oberflächliche
Schwänke wegzugaukeln, solche Phänomene des Selbstbetrugs
und der Täuschung tausendfach in allen Gebieten aufzutreiben
verstanden hat. »Friede um jeden Preis« oder besser
»Ausgleichung und Verträglichkeit um jeden Preis«,
das war das kümmerliche Herzensbedürfnis dieser Diplomaten.
Es wäre hier der Ort, ein Liedlein zu singen von dieser Diplomatie,
die unser ganzes Leben so energielos gemacht hat, dass wir noch
immer im schlaftrunkenen Vertrauen um jene kunstfertigen Magnetiseure,
welche unsere und ihre eigene Vernunft einlullten, herumtaumeln,
wenn es nicht eben - verboten wäre.
Überdem aber kümmert uns hier auch nur diejenige Diplomatie,
welcher ein Buch, dessen Anzeige durch obige Bemerkungen eingeleitet
werden sollte, den letzten Stoss zu versetzen bestimmt scheint.
»Die Posaune des jüngsten Gerichts überHegel den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum.« - Unter diesem Titel erschien soeben bei Wigand ein Schriftchen von 11 Bogen, dessen Verfasser für denjenigen nicht schwer zu ermitteln ist, welcher seine letzten literarischen Leistungen und eben daraus seinen wissenschaftlichen Standpunkt kennt.* Eine köstliche Mystifi-
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* Was er in der Anrede an »seine Brüder in Christo«
so motiviert: »Wir werden noch in Verborgenheit bleiben,
damit es nicht scheint, als trachteten wir nach einer andern Ehre
als nach der himmlischen Krone. Wenn der Kampf, den wir bald zu
beendigen hoffen, zu Ende ist, wenn die Lüge ihre Strafe
erhalten hat, dann werden wir sie auch persönlich begrüssen
und auf dem Wahlplatz heiss umarmen.«
kation, dieses Buch! Ein Mann der gläubigsten Gottesfurcht,
dessen Herz von Groll erfüllt ist gegen die verruchte Rotte
der jungen Hegelianer, geht auf den Ursprung derselben, auf Hegel
selbst und dessen Lehre, zurück, und findet - o Schrecken!
- die ganze revolutionäre Bosheit, die jetzt aus seinen lasterhaften
Schülern hervorsprudelt, in dem verstockten, scheinheiligen
Sünder schon vor, welcher lange für einen Hort und Schirm
des Glaubens gegolten. Voll gerechten Zornes reisst er ihm die
bisherigen Priestergewänder vom Leibe, setzt ihm, wie die
Pfaffen zu Costnitz dem Hus, eine mit Teufeln und Flammen bemalte
Papiermütze aufs kahlgeschorene Haupt und jagt den »Erzketzer«
durch die Gassen der erstaunten Welt. So unverzagt und allseitig
hat noch keiner den philosophischen Jakobiner enthüllt. Es
ist dies unverkennbar ein vortrefflicher Griff des Verfassers,
dass er einem entschiedenen Knechte Gottes den radikalen
Angriff auf Hegel in den Mund legt. Diese Knechte haben das Verdienst,
dass sie sich nie blenden liessen, sondern aus richtigem Instinkt
in Hegel ihren Erzfeind und den Antichristen ihres Christus witterten.
Nicht wie jene »Wohlgesinnten«, die es weder mit ihrem
Glauben noch mit ihrem Wissen verderben mochten, gaben sie sich
zu einem leichtgläubigen Vertrauen her, sondern mit inquisitorischer
Strenge behielten sie stets den Ketzer im Auge, bis sie ihn fingen.
Sie liessen sich nicht täuschen - wie denn die Dümmsten
gewöhnlich die Pfiffigsten sind - und können deshalb
mit Recht fordern, als die besten Kenner der gefährlichen
Seiten des Hegelschen Systems gepriesen zu werden. »Du
kennst den Schützen, suche keinen andern!« Das wilde
Tier weiss sehr genau, dass es sich vor dem Menschen am
meisten zu fürchten hat.
Hegel, der den Menschengeist zum allmächtigen Geiste erheben
wollte und erhoben hat, und seinen Schülern die Lehre eindringlich
machte, dass niemand ausser und über sich das Heil zu suchen
habe, sondern sein eigner Heiland und Erretter sei, machte es
nie zu seinem besonderen Berufe, den Egoismus, welcher in tausendfältigen
Gestalten der Befreiung des Einzelnen widerstand, aus jedem seiner
Verhacke heraus zu hauen und einen sogenannten »kleinen Krieg«
zu führen. Man hat ihm diese Unterlassung auch unter der
Form zum Vorwurf gemacht, dass man sein System des Mangels an
aller Moral bezichtigte, womit man wohl eigentlich sagen wollte,
es fehle ihm jene wohltuende Paränese und pädagogische
Väterlichkeit, durch welche die reinen Tugendhelden gebildet
werden. Der Mann, dem die Aufgabe geworden, eine ganze Welt zu
stürzen durch den Aufbau einer neuen, welche der alten keinen
Raum mehr lässt, soll schulmeisterlich den Jungen auf allen
Schleichwegen ihrer Tücke nachlaufen und Moral predigen oder
zornig an den morschen Hütten und Palästen rütteln,
die ja ohnehin versinken müssen, sobald er den ganzen Himmel
samt allen wohlgenährten Olympiern auf sie niederwirft! Das
kann die kleinliche Angst der Kreatur nur wünschen, weil
es ihr selbst an dem Mute fehlt, den Wust des Lebens von sich
abzuschütteln, nicht der mutige Mensch, der nur eines
Wortes bedarf, des Logos, und in ihm alles hat und alles aus
ihm erschafft. Weil aber der gewaltige Schöpfer des Wortes,
weil der Meister sich über die Einzelheiten der Welt, deren
Gesamtheit er stürzte, nur gelegentlich ausgelassen hat,
weil er im göttlichen Zorne über das Ganze den Zorn
über dieses und jenes weniger verriet und weniger empfand,
weil er den Gott von seinem Throne schleu-
derte, unbekümmert darum, ob nun auch gleich die ganze Schar
der Posaunen-Engel ins Nichts zerflattern werde: darum haben Einzelheiten
und dieses und jenes sich wieder erhoben, und die unbeachteten
Engel stossen aus Leibeskräften in die »Posaune des
jüngsten Gerichts«. So erwachte nun nach dem Tode des
»Königs« eine Geschäftigkeit unter den »Kärrnern«.
Waren denn nicht die lieben Engelein übrig geblieben? »Die
Racker sind doch gar zu appetitlich!« Einen Vergleich mit
ihnen zu schliessen, wäre doch gar herrlich! Wenn sie sich
nur etwas weltlicher machen, etwas begriffsmässiger zustutzen
liessen!
Ihr schwanket hin und her, so senkt euch nieder,
Ein bisschen weltlicher bewegt die holden Glieder;
Fürwahr der Ernst steht euch recht schön!
Doch möcht' ich euch nur einmal lächeln sehn;
Das wäre mir ein ewiges Entzücken.
Ich meine so, wie wenn Verliebte blicken,
Ein kleiner Zug am Mund so ist's getan.
Dich, langer Bursche, dich mag ich am liebsten leiden,
Die Pfaffenmiene will dich garnicht kleiden,
So sieh' mich doch ein wenig lüstern an!
Auch könntet ihr anständig-nackter gehn,
Das lange Faltenhemd ist übersittlich.
Sie wenden sich - von hinten anzusehn! -
Die Racker sind doch gar zu appetitlich! -
Das Gelüste nach dem Positiven bemächtigte sich derer,
an welche das Gebot des Weltgeistes erging, Hegels Werk im einzelnen
fortzusetzen, wozu dieser selbst sie ermahnte, z. B. am Schlusse
seiner Geschichte der Philosophie: »Ich wünsche, dass
diese Gesch. d. Philos. eine Aufforderung für sie enthalten
möge, den Geist der
Zeit, der in uns natürlich ist, zu ergreifen und aus seiner
Natürlichkeit, d. h. Verschlossenheit, Leblosigkeit hervor
an den Tag zu ziehen, und - jeder an seinem Orte - mit
Bewusstsein an den Tag zu bringen.« Für sein Teil dagegen,
für sich, als den Philosophen, lehnte er es ab, der Welt
aus ihrer zeitlichen Not zu helfen. »Wie sich die zeitliche,
empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie
sich gestalte, ist ihr zu überlassen, und ist nicht die unmittelbar
praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie.« Er breitete
den Himmel der Freiheit über ihr aus und durfte es ihr selbst
nun wohl »überlassen«, ob sie den trägen Blick
aufwärts richten und so das Ihrige dazu tun wolle. Anders
verhielt es sich mit seinen Jüngern. Sie gehörten schon
mit zu dieser »empirischen Gegenwart, die sich aus ihrem
Zwiespalt heraus zu finden hat«, und mussten ihr, die zuerst
Erleuchteten, helfen. Aber sie »quengelten« und wurden
Diplomaten und Friedensvermittler. Was Hegel im grossen und ganzen
niedergerissen, das dachten sie im Einzelnen wieder aufzubauen;
denn er selbst hatte sich ja gegen das Einzelne nicht überall
erklärt und war im Detail oft so dunkel wie Christus. Im
Dunkeln ist gut munkeln: da lässt sich viel hineininterpretieren.
Wohl uns, das finstere Jahrzehnt der diplomatischen Barbarei ist
vorüber. Es hatte sein Gutes und war - unvermeidlich. Wir
mussten uns selbst erst abklären und die ganze Schwäche
des Alten in uns aufnehmen, um es so als unser Eigentum und unser
eigenes Selbst recht energisch - verachten zu lernen. Aus dem
Schlammbade der Erniedrigung, worin wir mit der Unreinigkeit der
Stabilität jeder Art besudelt werden, steigen wir gestärkt
hervor und rufen neubelebt: Zerrissen sei das Band zwischen Euch
und Uns! Krieg auf Tod und Leben!
- Wer jetzt noch diplomatisch vermitteln, wer noch immer den »Frieden
um jeden Preis« will, der sehe sich vor, dass er nicht zwischen
die Schwerter der Fechtenden gerate und ein blutiges Opfer seiner
»wohlmeinenden« Halbheit werde. Die Zeit der Aussöhnung
und der Sophistik gegen Andere und uns selbst ist vorüber.
Der Posaunist stösst den vollen Schlachtruf in seine Posaune
des jüngsten Gerichts. Er wird noch an so manches schläfrige
Ohr schlagen, worin er gellt, aber nicht weckt; es wird noch mancher
meinen, er könne hinter der Front bleiben; noch mancher wird
wähnen, es werde nur unnützer Lärm gemacht und
man gebe für Kriegsruf aus, was ein Friedenswort sei: aber
es hilft nichts mehr. Wenn die Welt in Waffen steht gegen Gott,
und der brüllende Donner der Schlacht gegen den Olympier
selbst und seine Heerscharen losbricht: dann können nur die
Toten schlafen; die Lebendigen ergreifen Partei. Wir wollen keine
Vermittlung, keine Ausgleichung, kein diplomatisches »Quengeln«
mehr, wollen in geschiedenen Feldlagern einander gegenüber
stehen, wollen die Gottlosen sein Stirn gegen Stirn solchen Gottesfürchtigen,
wollen wissen lassen, wie wir miteinander dran sind. Und hierin,
ich wiederhole es, in dieser Entschiedenheit der Feindschaft gebührt
den gottesfürchtigen Zeloten der Vorrang; sie haben aus richtigem
Instinkt nie Freundschaft geschlossen. Unter einer geschickteren
und zugleich gerechteren Form konnte daher die Enthüllung
der Erzketzerei Hegels nicht eingeleitet werden, als es der Verfasser
getan hat, indem er im gläubigen Zelotismus die Posaune des
Weltgerichts ertönen lässt. Sie wollen keinen »Vergleich
der Billigkeit«, sie wollen den Vernichtungskrieg.
Dies Recht soll ihnen werden.
Was können aber - und mit dieser Frage gedenken wir in das
Buch selbst hinein zu kommen - die Gottesfürchtigen an Hegel
Arges finden? Die Gottesfürchtigen? Wer droht ihnen
mehr den Untergang, als der Vernichter der Furcht? Ja,
Hegel ist der wahre Verkündiger und Schöpfer der Tapferkeit,
vor der die feigen Herzen erzittern. Securi adversus homines,
securi adversus Deos, so schildert Tacitus die alten Deutschen.
Aber die Sicherheit gegen Gott war ihnen verloren gegangen in
dem Verluste ihrer selbst, und die Gottesfurcht nistete
sich in den zerknirschten Gemütern ein. Sie haben endlich
sich selbst wiedergefunden und die Schauer der Furcht bezwungen;
denn sie haben das Wort gefunden, das hinfort nicht mehr zu vertilgen,
das ewig ist, wie auch sie selbst noch dagegen ringen und kämpfen
mögen, bis ein jeder es inne wird. Ein wahrhaft deutscher
Mann - securus adversus Deum - hat es ausgesprochen, das
befreiende Wort, das Selbstgenügen, die Autarkie
des freien Menschen. Von vielen Arten der Furcht und des Respektes
sind wir bereits durch die Franzosen, die zuerst die Idee der
Freiheit mit weltgeschichtlichem Nachdruck verkündeten, erlöst
worden, und haben sie in das Nichts der Lächerlichkeit hinabsinken
sehen. Sind sie aber nicht von neuem wieder aufgetaucht mit den
scheusslichen Schlangenhäuptern, und verdüstert nicht
hundertfache Angst noch stets das kühne Selbstvertrauen ?
Das Heil, welches uns die Franzosen brachten, war so wenig gründlich
und unerschütterlich, als dasjenige, welches einst aus Böhmen
her im Hussitischen Sturme die Flammenzeichen der späteren
deutschen Reformation gab. Der Deutsche erst und er allein bekundet
den weltgeschichtlichen Beruf des Radikalismus; nur er
allein ist radikal, und er allein ist es - ohne
Unrecht. So unerbittlich und rücksichtslos wie er ist keiner;
denn er stürzt nicht allein die bestehende Welt, um selber
stehen zu bleiben; er stürzt - sich selbst. Wo der Deutsche
umreisst, da muss ein Gott fallen und eine Welt
vergehen. Bei dem Deutschen ist das Vernichten - Schaffen, und
das Zermalmen des Zeitlichen - seine Ewigkeit. Hier allein ist
keine Furcht und kein Verzagen mehr: er verscheucht nicht
bloss die Gespensterfurcht und diese und jene Art der Ehrfurcht,
er rottet alle und jede Furcht aus, die Ehrfurcht selber und die
Gottesfurcht. Flüchtet euch nur, ihr ängstlichen Seelen,
aus der Gottesfurcht in die Gottesliebe, wofür ihr in eurer
Sprache und folglich auch in eurem Volksbewusstsein nicht einmal
ein rechtes Wort habt: er leidet auf eure Bitte nicht mehr, denn
er macht euren Gott zur Leiche, und eure Liebe verwandelt er dadurch
in Abscheu.
In diesem Sinne schmettert dann auch die »Posaune« und
enthält unter alttestamentlichen Formeln und Stossseufzern
die wahre Tendenz des Hegelschen Systems, damit »die modernen
Bedenken, Transaktionen und ängstlichen Kreuz- und Querzüge,
die immer noch auf der Voraussetzung beruhen, dass der Irrtum
und die Wahrheit vermittelt werden können, ein Ende nehmen.«
»Hinweg«, ruft der gegen alles Denken zornerfüllte
Posaunist, »hinweg mit dieser Vermittlungswut, mit dieser
sentimentalen Gallerte, mit dieser Schelm- und Lügenwelt:
nur das Eine ist wahr, und wenn das Eine und das Andere zusammengestellt
werden, so fällt das Andere von selbst ins Nichts. Kommt
uns nicht mit dieser ängstlichen, weltklugen Zaghaftigkeit
der Schleiermacherschen Schule und der positiven Philosophie;
hinweg mit dieser Blödigkeit, die nur deshalb vermitteln
will, weil sie den Irrtum noch innerlich liebt und nicht
den Mut hat, ihn aus dem Herzen zu reissen. Reisst sie euch aus
und werft sie hinweg, diese doppeltgespaltene, hin- und herfahrende,
schmeichelnde und vermittelnde Schlangenzunge; aufrichtig und
eines und lauter sei euer Mund, euer Herz und Gemüt usw.«
Hinweg also mit der zähen und geistlähmenden, wenn auch
geistreichen Diplomatie!
Der Posaunist, ein rechter Knecht Gottes, wie er sein soll, verschmäht
seines bewegungslosen Gottes so gewiss wie der Türke seines
Allah jeden Beistand gegen den Gotteslästerer Hegel, ausser
dem der Frommen. Dieser Abweichung ist die Vorrede (S. 5-42) gewidmet,
in der zuerst die »älteren Hegelianer« mit den
Worten begrüsst werden: »sie hätten immer das Wort
der Versöhnung im Munde gehabt, aber Otterngift war unter
ihren Lippen.« Nun soll ihnen »der Spiegel des Systems
vorgehalten werden, und sie werden, ein Göschel, Henning,
Gabler, Rosenkranz usw., verpflichtet zu antworten, weil sie es
ihrer - Regierung schuldig sind. Es ist die Zeit gekommen, wo
ferneres Schweigen ein Verbrechen ist.« Auch »eine philosophische
Schule« hat sich gebildet, welche eine »christliche
und positive Philosophie« schaffen und Hegel philosophisch
widerlegen wollte, allein sie hat auch nur das eigene Ich lieb
gehabt, sie hat sich selbst gegen die Grundlagen der christlichen
Wahrheit vergangen, und ausserdem hat sie unter den Gläubigen
so wenig als unter den Ungläubigen Erfolg und Wirkung gehabt.
Wenn wir jammern und die Regierungen sich nach dem Arzte umsehen,
hat sich da einer der Positiven als Arzt gefunden, haben die Regierungen
einem von ihnen die Kur anvertraut ? Nein ! Anderer Männer
bedarf es! Ein Krummacher, ein Hävernick, Hengstenberg, ein
Har-
less haben sich vor den Riss stellen müssen! Eine dritte
Klasse von Gegnern der Hegel'schen Philosophie, die Schleiermacherianer,
werden endlich gleichfalls desavouiert. »Sie sind selbst
noch den Lockungen des Bösen ausgesetzt, da sie es lieben,
den Schein hervorzubringen, als seien sie selbst Philosophen.
Und doch können sie nicht einmal den weltlichen Neidern Proben
dieser Bildung vorhalten. Ihnen gilt das Wort: ich weiss deine
Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder
warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch
warm, werde ich dich ausspeien mit meinem Munde.« Ihr
Eifer für »kirchliches Leben« wird vom Posaunisten
zwar anerkannt; er ist ihm aber doch nicht »ernst, gründlich,
umfassend und eifrig genug«, und sie haben auch Bruno Bauer
(die evangel. Landeskirche Preussens und die Wissenschaft) »nichts
entgegengestellt, was seine lästernden Behauptungen umstossen
konnte« (S. 30). Schliesslich wird Leos, des Mannes gedacht,
»der zuerst den Mut hatte, gegen diese gottlose Philosophie
aufzutreten, sie förmlich anzuklagen und die christlich gesinnten
Regierungen auf die dringende Gefahr aufmerksam zu machen, welche
von dieser Philosophie aus dem Staat, der Kirche und aller Sittlichkeit
droht.« Aber auch er wird getadelt, weil er nicht unnachsichtig
genug verfuhr und weil auch seine Werke noch mit »einigem
weltlichen Sauerteig durchdrungen sind,« was ihm mit vieler
Spitzfindigkeit nachgewiesen wird. Den Schluss machen, wie billig,
psalmodische Bannflüche gegen die Gottlosen.
Der »Eingang« eröffnet uns nun die eigentliche
Absicht des grimmigen Mannes. »Die Stunde hat geschlagen,
dass der ärgste, der stolzeste, der letzte Feind des Herrn
zu Boden gestürzt wird. Dieser Feind
aber ist auch der gefährlichste. Die Welschen - jenes Volk
des Antichrists - hatten mit schamloser Öffentlichkeit, bei
hellem Tage, auf dem Markte, angesichts der Sonne, die nie einen
solchen Frevel gesehen hat, und vor den Augen des christlichen
Europa, den Herrn der Ewigkeit zum Nichtsein herabgestossen, wie
sie den Gesalbten Gottes mordeten, sie hatten mit der Hure, der
Vernunft, abgöttischen Ehebruch getrieben; aber Europa, voll
von heiligem Eifer, erwürgte den Greuel und verband sich
zu einem heiligen Bunde, um den Antichrist in Fesseln zu schlagen
und dem wahren Herrn seine ewigen Altäre wieder aufzurichten.
Da kam, nein! - da berief, da hegte und pflegte, da beschützte,
da ehrte und besoldete man den Feind, den man draussen besiegt
hatte, in einem Manne, welcher stärker war als das französische
Volk, einem Manne, welcher die Dekrete jenes höllischen Konvents
wieder zur Gesetzeskraft erhob, ihnen neue, festere Grundlagen
gab und unter dem einschmeichelnden, besonders für die deutsche
Jugend verführerischen Titel der Philosophie Eingang verschaffte.
Man berief Hegel und machte ihn zum Mittelpunkt der Universität
Berlin. - Man glaube nun nicht, dass die Rotte, mit welcher der
christliche Staat in unseren Tagen zu kämpfen hat, ein anderes
Prinzip verfolgt und andere Lehren bekennt, als der Meister des
Trugs aufgestellt hat. Es ist wahr, die jüngere Schule ist
von der älteren, welche der Meister gesammelt hat, bedeutend
unterschieden: sie hat Scham und allen göttlichen Gehalt
weggeworfen, sie bekämpft offen und ohne Rückhalt Staat
und Kirche, das Zeichen des Kreuzes wirft sie um, wie sie den
Thron erschüttern will - alles Gesinnungen und Höllentaten,
deren die ältere Schule nicht fähig schien. Allein es
scheint nur so,
oder es war vielleicht nur zufällige Befangenheit und Beschränktheit, wenn die früheren Schüler bis zu dieser teuflischen Energie sich nicht erhoben: im Grunde und in der Sache, d. h. wenn wir auf das Prinzip und die eigentliche Lehre des Meisters zurückgehen, haben die Späteren nichts Neues aufgestellt, sie haben vielmehr nur den durchsichtigen Schleier, in welchen der Meister zuweilen seine Behauptungen hüllte, hinweggenommen und die Blösse des Systems - schamlos genug! - aufgedeckt.«
Es läge uns nun ob, auf die Anklage des Hegelschen Systems,
den eigentlichen Inhalt des Buches, näher einzugehen. Indessen
ist dieser gerade so beschaffen, dass er dem Leser unverkümmert
und nicht in eine Rezension verzettelt, vor Augen kommen muss,
und überdem wissen wir daran nichts weiter auszusetzen, als
dass dem Gedächtnis des Verfassers nicht alle brauchbaren
Stellen der Hegelschen Werke zu Gebote gestanden zu haben scheinen.
Da inzwischen, wie Seite 163 angekündigt wird, dieser Schrift
noch eine zweite Abteilung folgt, die zeigen soll, »wie Hegel
von vornherein aus der inneren Dialektik und Entwicklung des Selbstbewusstseins
die Religion als ein besonderes Phänomen desselben entstehen
lässt«, und in welcher zugleich »Hegels Hass gegen
die religiöse und christliche Kunst und seine Auflösung
aller positiven Staatsgesetze dargestellt werden wird«: so
ist ja die Gelegenheit noch völlig offen, das etwa Versäumte
nachzuholen. So möge sich denn der Leser - und wer an den
Fragen der Zeit ein lebendiges Interesse nimmt, der darf dieses
Buch nicht unbeachtet lassen - damit begnügen, eine Übersicht
der 13 Kapitel zu erhalten. 1) Das religiöse Verhältnis
als Substantialitäts-Verhältnis. Der Posaunist behauptet
näm-
lich, Hegel habe »über sein Werk der Zerstörung
eine zwiefache Hülle gezogen«, deren eine darin bestehe,
dass er unzähligemal von Gott spreche und es fast immer scheine,
als verstehe er unter Gott jenen lebendigen Gott, der da war,
ehe die Welt war usw. Bei dieser Anschauung seien die älteren
Hegelianer (einen Göschel an ihrer Spitze) stehen geblieben.
Durch eine zweite Hülle errege er den Schein, dass die Religion
in der Form des Substantialitäts-Verhältnisses
und als die Dialektik gefasst wird, in welcher sich der individuelle
Geist dem Allgemeinen, welches als Substanz oder - wie es noch
öfter heisst - als absolute Idee über ihn Gewalt
hat, hingibt, aufopfert, ihm seine besondere Einzelnheit preisgibt
und sich so mit ihm in Einheit setzt. Diesem gefährlicheren
Scheine haben sich die kräftigeren Geister (Strauss usw.)
gefangen gegeben. »Aber«, heisst es endlich, »gefährlicher
als dieser Schein ist die Sache selbst, die jedem kundigen und
offenen Auge, wenn es sich nur einigermassen anstrengt, sogleich
entgegentritt: diejenige Auffassung der Religion, nach welcher
das religiöse Verhältnis nichts als ein inneres Verhältnis
des Selbstbewusstseins zu sich selber ist, und alle jene
Mächte, die als Substanz oder als absolute Idee von dem Selbstbewusstsein
noch unterschieden zu sein scheinen, nichts als die eigenen in
der religiösen Vorstellung nur objektivierten Momente desselben
sind.« Hiernach ist der Inhalt des ersten Kapitels evident.
- 2) Das Gespenst des Weltgeistes. 3) Hass gegen Gott. 4) Hass
gegen das Bestehende. 5) Bewunderung der Franzosen und Verachtung
gegen die Deutschen. Dies widerspricht dem Lobe nicht, das wir
oben dem Deutschen erteilten. 6) Zerstörung der Religion.
7) Hass gegen das Judentum. 8) Vorliebe für die Griechen.
g) Hass gegen
die Kirche. 10) Verachtung der heiligen Schrift und der heiligen
Geschichte. 11) Die Religion als Produkt des Selbstbewusstseins.
12) Auflösung des Christentums. I3) Hass gegen gründliche
Gelehrsamkeit und das Lateinschreiben (eine, wie der Posaunist
meint, komische Beigabe).
Die angekündigte zweite Abteilung, für welche dem Verfasser ganz besonders die Hilfe eines umfangreichen Gedächtnisses zu wünschen ist, da es ihm an der sonstigen Begabung nicht fehlt, soll nach ihrem Erscheinen sogleich besprochen und dann vielleicht auch Einiges aus der vorliegenden nachgetragen werden.
Warum wir, dies kann schliesslich noch gefragt werden, dieses
Buch so getrost für eine Mummerei nehmen? Darum, weil nie
ein Gottesfürchtiger so frei und intelligent sein kann, wie
der Verfasser es ist. »Wer sich nicht selbst zum Besten haben
kann, ist wahrlich keiner von den Besten!« -- ENDE