Ein fruchtbarer Maler wurde in seinem Atelier von seiner Frau zum
Mittagsmahl gerufen. Er antwortete: »Warte noch einen Augenblick;
ich habe nur noch die zwölf Apostel in Lebensgrösse,
einen Christus und eine Madonna zu malen.« Dies ist auch
die Weise des philosophischen Reaktionärs Kuno Fischer -
ich wählte diese Phrase, weil man ohne den Frack einer philosophischen
Phrase nicht im Salon der Philosophie erscheinen darf - die mühsame
Titanenarbeit der modernen Kritik, welche den philosophischen
Himmel, den letzten Himmel unter den Himmeln, zu erstürmen
hatte, fertigt er mit grossen Pinselstrichen ab. Einer wird nach
dem anderen konstruiert. Es ist eine Freude zuzusehen. Strauss,
Feuerbach, Bruno Bauer, Stirner, die griechischen Sophisten, die
Jesuiten, die Sophisten der Romantik, alles wird mit derselben
Schablone konstruiert.
Der Gute macht Jagd auf Sophisten, wie unsere Lichtfreunde und
Deutschkatholiken auf Jesuiten. Hängt ihm einen Denkzettel
an, schmäht ihn einen »Sophisten«, und jeder respektable
Philosoph macht ein Kreuz vor ihm. Schon Hegel hat darauf aufmerksam
gemacht, dass das wenige, was uns von den griechischen Sophisten
übrig geblieben ist, zeige, wie weit überlegen sie dem
griechischen Idealismus gewesen, dessen ganze Herrlichkeit uns
in den Werken Platos erhalten ist. Am Ende ist Hegel auch ein
»Sophist«. Bringen Sie Ihre Schablone, Herr Kuno Fischer,
mich gelüstet, Hegel einen »Sophisten« zu nennen.
Doch hören wir unsern gloriosen Sophistenjäger selbst.
»Die Sophistik ist das Spie-
gelbild der Philosophie - ihre verkehrte Wahrheit«. Also
ganz dieselbe Wahrheit, nur in entgegengesetzter Stellung? Ei,
auf die Stellung kommt es uns nicht an. Wir betrachten das Bild
von oben und nennen es einen »Sophisten«; wir betrachten
es von unten und nennen es einen »Philosophen«: tel
est notre plaisir.
»Das sophistische Subjekt, das sich zum Herrn, zum Despoten
des Gedankens macht, und damit alle objektiven Mächte der
Welt dem tel est mon plaisir preisgibt, kann unmöglich
die denkende Subjektivität sein.« »Herr, Despot
des Gedankens«! Wessen Gedankens? Meines Gedankens? Deines
Gedankens? Oder des Gedankens an sich? Wenn das »sophistische
Subjekt« sich zum Herrn meines Gedankens, oder des Gedankens
an sich, eines Dinges, was keinen Sinn hat, macht, so ist es doch
wohl mächtiger, und dazu berechtigt; denn es kann sich nur
durch Denken des Gedankens bemächtigen, und das ist doch
gewiss eine ehrenfeste, gentleman'sche Waffe. Ist es aber Herr
seines eigenen Gedankens, so ist das nichts Besonderes. Bist du
es nicht, so bist du ein Wahnsinniger, der Spielball deiner fixen
Idee. Doch gemach, da kommen die »objektiven Mächte
der Welt«, eine sublime Gesellschaft. Wer seid ihr? Seid
ihr das Licht, »das durch gemalte Scheiben bricht« und
mir trotz meinem Plaisir die Nase blau färbt, wenn ich in
einer gotischen Kirche stehe? Ja, selbst mein betender Nachbar,
von der Objektivität des gegenwärtigen Gottes durchdrungen,
muss über die blaue Nase lachen. Oder seid ihr die vernichtende
Macht eines fallenden Körpers, der entladenen Elektrizität,
der raschen Ausdehnung eines verdunstenden Stoffes ?
Nein! das alles nicht. Ich sehe den Philosophen lächeln.
Die geistlose Natur soll eine objektive Macht
der Welt sein? Die Natur, welche nicht »ist«, wenn ich
sie nicht »denke«, welche nur ein ;,Gedankending«
ist. Nein! Denn diese ist bis jetzt mächtiger als der Philosoph;
und deshalb desavouiert er sie; aber sein mit Phrasen geschmückter
Gott, das bekränzte goldene Kalb, ist eine »objektive
Macht der Welt«. Die vergangene Geschichte ist null und nichtig,
insoweit sie nicht den dialektischen Prozess seines aparten Denkens
zeigt, und die Zukunft - hat er bereits »konstruiert«.
Also »das sophistische Subjekt«, »der Despot des
Gedankens«, »kann unmöglich die denkende Subjektivität
sein«. »Die denkende Subjektivität!« Wenn
es noch hiesse »das denkende Subjekt«, so wäre
bloss der einfache Unsinn in diesem Satz vorhanden, dass »das
sophistische Subjekt nicht dadurch denkendes Subjekt ist, dass
es Herr des Gedankens ist, also denkt, sondern etwa dadurch, dass
es von einem Gedanken gedacht wird, dass es das willenlose Organ
des absoluten Geistes ist, oder wie diese weisen Definitionen
sonst ausfallen. So aber ist die geforderte »denkende Subjektivität«
zu einer vielköpfigen Hydra des Unsinns geworden.
»Das Subjekt, das sich von seinem Gedanken als selbständig
unterscheidet, ist vielmehr das partikulare, das zufällige
Subjekt, das in dem Gedanken nichts weiter erblickt, als ein plausibles
Mittel für seine Zwecke, und nur unter dieser Kategorie die
natürliche und sittliche Welt auffasst.«
Von meinen Gedanken unterscheide ich mich, und unterscheide mich
nicht; dort erfüllen mich meine Gedanken so, dass kein Gefühl,
keine Empfindung eine Differenz zwischen mir und meinen Gedanken
erzeugen kann. - Aber ich bediene mich der ungeschickten Sprache
meines Gegners - kann ich denn dann von
»Gedanken« überhaupt sprechen? Ein »Gedanke«
ist etwas Fertiges, etwas Gedachtes, und von diesem unterscheide
ich mich immer, wie der Schöpfer vom Geschöpf, der Vater
vom Sohn. Von meinen Gedanken, die ich gedacht habe, oder denken
werde, unterscheide ich mich doch gewiss; die einen sind mir Objekt,
die anderen - ungelegte Eier. Deshalb bin ich auch nur »das
partikulare, das zufällige Subjekt«. Wer sich aber »notwendiges
Subjekt« zu sein dünkt, legitimiere sich als solches.
Er mag sich die Legitimation aus dem Monde holen. Absurde Frage,
ob ein Subjekt zufällig, oder notwendig ist, ob es »ein«
Subjekt oder »das« Subjekt ist. Es ist notwendig, weil
es da ist, und wenn es sich notwendig macht; zufällig, weil
kein Hahn danach krähen würde, wenn es nicht da wäre.
Die denkbar grösste Notwendigkeit eines Welteroberers, eines
die Zeit beherrschenden Gelehrten oder Staatsmannes, ist doch
nur illusorisch. Für »partikulare« Interessen,
als »plausible Mittel zu ihren Zwecken« fesseln alle
diese die Leidenschaften und Ideen der Zeit an ihren Triumphwagen.
Mag ihr Zweck ein reeller sein, oder eine Idee; es
ist immer ihre Idee eine »partikulare« Idee,
die sie lieb haben, mit der sie das Anathema schleudern auf den,
an dessen Trotz und ungebrochener Persönlichkeit sie deutlich
gewahren, dass sie doch nur »zufällige, partikulare
Subjekte« sind. Was die Auffassung »der natürlichen
und sittlichen Welt« betrifft, so gestehe ich, dass ich nicht
begreife, wie man die natürliche Welt anders erfassen kann
denn als natürliches, »partikulares« Subjekt. Eure
»sittliche Welt« überlasse ich euch gern; diese
stand von jeher nur auf dem Papier, ist die ewige Lüge der
Gesellschaft, und wird stets an der reichen Mannigfaltigkeit und
Unvereinbarkeit der willenkräfti-
gen Einzelnen zersplittern. Überlassen wir den Dichtern dieses
»verlorene Paradies«.
Nun macht unser Held im Nu einen Ritt durch die Geschichte. »Hurra!
Die Toten reiten schnell«.
»Der Gedankenidealismus der Eleaten befruchtete die griechische
Sophistik.« Ei, das ist ein grosser Ruhm der Eleaten. Als
ob nicht einen Irrenarzt ebenso »der Gedankenidealismus«
seiner Irren befruchtete, zumal, wenn »System in ihrem Wahnsinn
ist«.
»Die Sophistik des katholischen Christentums war der Jesuitismus.
Die katholische Dogmatik, die dem gläubigen Subjekt sich
äusserlich gegenüber stellt, brachte dasselbe eben so
äusserlich in seine Gewalt.« »Äusserlich«
wohl, aber auch faktisch? Oder haben nicht etwa die Schüler
Loyolas von jeher den Vatikan beherrscht? In Österreich und
Bayern Legitime, in Belgien Sansculotten, in Frankreich Kommunisten,
ziehen die Vielgewandten stets die Masse am Narrenseil einer populären
Idee mit sich fort. Selbst das Innere von Asien, wo der Hunger
der Wüste und die Übermacht wilder Nomaden alle Expeditionen
scheitern machte, hat ihr unerschrockener Fuss durchwandert. Heute
sitzt ein Jesuitenzögling auf dem päpstlichen Thron
und regiert im Sinne des religiösen und politischen Liberalismus;
und es jauchzen ihm Katholiken und Protestanten zu.
»ln der romantischen Sophistik stürmte das partikulare
Subjekt die Absolutheit des fichte'schen Ichs«. Hört,
hört, ihr Romantiker, ihr kunstbegeisterten Schlegel und
Tieck, du geistvoller Theosoph, Novalis, hört es im Grabe,
ihr seid auch nur ganz gemeine »partikulare« Subjekte.
Wahrlich, mit Phrasen kann man alles zu allem machen. »Die
Sophistik emanzipiert das Subjekt von der Macht des Gedankens;
also - ist das
sophistische Subjekt das gedankenlose, das rohe, partikulare
Subjekt, das hinter dem Gedanken sich verkriecht, um sich so seine
Macht vom Leibe zu halten.« Also, weil ich Gedanken
habe und die Gedanken mich nicht haben, weil ich frei denke,
und nicht der Affe eines gedachten Gedankens bin, bin ich »gedankenloses«,
»partikulares«, ja sogar »rohes« Subjekt?
Doch nein! Die Sophisten sind nicht ganz »gedankenlos«,
sie sind sogar »philosophisch«, so etwa »das umgekehrte
Spiegelbild der Philosophie«, aber in welcher Weise? »Das
plumpe Subjekt atmet philosophische Luft; das gibt ihm jenen eigentümlichen
Sauerstoff, wodurch es zu einer formellen Volubilität dialektisch
begeistert wird.« Habt ihr Philosophen wirklich eine Ahnung
davon, dass ihr mit euren eigenen Waffen geschlagen seid? Aber
nur eine Ahnung. Was könnt ihr Gesundes dagegen erwidern,
wenn ich das dialektisch wieder auflöse, was ihr bloss dialektisch
gesetzt habt? Ihr habt mir gezeigt, mit welcher »Volubilität«
man alles zu nichts und nichts zu allem, schwarz zu weiss und
weiss zu schwarz machen könne. Was habt ihr dagegen, wenn
ich euch eure saubere Kunst zurückgebe? Aber mit dem dialektischen
Kunststück einer Naturphilosophie werdet weder ihr noch ich
die grossen Tatsachen der modernen Naturforschung auflösen,
so wenig, als es Schelling und Hegel getan haben. Gerade hier
hat sich der Philosoph als »plumpes« Subjekt gezeigt;
denn er ist als Ignorant in eine Sphäre »geplumpt«,
in der er keine Macht hatte, ein Gulliver ohne Witz unter die
Riesen.
Der »Sophist« ist das »stabile«, das »zufällige«
Subjekt, gehört dem »reaktionären«, »in
der Philosophie bereits überwundenen Standpunkte« an,
und ist zum Überfluss von Kuno Fischer noch einmal »konstruiert«.
Es hat wahrscheinlich die Philosophen nicht verstanden; denn »der
natürliche Mensch versteht nichts vom Geiste Gottes«.
Wollen wir aber sehen, wie Herr Fischer diejenigen verstanden
hat, die er philosophisch konstruiert, so können wir wenigstens
seine »Volubilität« bewundern. »In diesem
Prozess der reinen Kritik bringt es das Subjekt nicht
zu einer wirklichen Empfindung seiner Souveränität;
es bleibt auf die Illusionen, die es bekämpft, kritisch bezogen.«
Es wird hiemit der »reinen Kritik« nur der absurde Vorwurf
gemacht, dass sie eben »Kritik« ist; denn wie wollte
jemand eine Sache kritisieren, ohne sich »kritisch auf sie
zu beziehen«? Es fragt sich doch wohl bloss, zu wessen Vorteil
diese Beziehung ausfällt; das heisst, ob der Kritiker die
Sache kritisch überwindet oder nicht. »Diese kritische
Beziehung bricht das Subjekt ab; es ist das entschiedene Nichts
aller weltbewegenden Gedanken; sie sind dem absoluten Egoismus
des Einzigen verfallen. Peter Schlemihl hat seinen Schatten verloren.«
Wie unglücklich, wenn jemand ein Bild wählt, durch das
er gerade am evidentesten geschlagen wird. Der Schatten Peter
Schlemihls ist gerade das Bild seiner Einzigkeit, seine individuelle
Kontur, bildlich gebraucht, die Erkenntnis und das Gefühl
seines Selbsts. Eben wenn er dies verloren, ist er die unglückliche
Beute des Goldes, in das er sein Wesen verlegt hat, der Meinung
des Pöbels, die er nicht zu verachten weiss, der Liebe zu
einem törichten Mädchen, der er nicht zu entsagen versteht,
der Spielball eines Dämons, der ihm nur so lange fürchterlich
ist, als er ihn fürchtet, als er im Kontraktverhältnis
mit ihm steht. Er hätte eben so gut die Beute der Philosophie
werden können.
Doch lassen wir die Bilder. In gleicher Weise, wie oben
Herr Fischer, spricht sich die bauer'sche Literaturzeitung im
achten Hefte aus.
»Welche Plumpheit und Frivolität, durch ein Abbrechen
die schwierigsten Probleme lösen, die umfassendsten Aufgaben
erledigen zu wollen.«
Darauf entgegnet Stirner:
»Hast du aber Aufgaben, wenn du sie dir nicht stellst? So
lange du sie stellst, wirst du nicht von ihnen lassen und Ich
habe ja nichts dagegen, dass du denkst und denkend tausend Gedanken
erschaffst.«
Bricht hier »der Einzige« etwa den Denkprozess
ab? Nein! Er lässt ihm ruhig seinen Lauf; lässt aber
auch sich nicht in seiner »Einzigkeit« abbrechen,
und lacht der Kritik, sobald sie ihn zwingen will, ein Problem
lösen zu helfen, das er nicht gestellt hat, lacht eurer »weltbewegenden
Gedanken«. Die Welt hat lange genug geschmachtet unter der
Tyrannei des Gedankens, unter dem Terrorismus der Idee; sie erwacht
aus dem schweren Traume und folgt dem fröhlichen Interesse
des Tages. Sie schämt sich des Widerspruchs, in dem sie die
Kirche, der Staat und die Philosophen gefangen hielten, des Widerspruchs,
den diese zwischen Interesse und Prinzip gesetzt
haben. Als ob man ein Prinzip haben könnte, an dem man kein
Interesse hat, ein Interesse, das nicht im Moment Prinzip würde.
Aber du sollst, du musst ein »reines« Prinzip haben,
das Interesse ist »schmutzig«. Du musst dich bloss »philosophisch«
oder »kritisch« verhalten; sonst bist du ein »plumpes«,
»rohes«, »zufälliges«, »partikulares«
Subjekt.
Höre es Naturforscher, der du mit Vergnügen das Werden
des Hühnchens im bebrüteten Ei beobachtest und nicht
daran denkst, es zu kritisieren; höre es, Alexander, der
du den gordischen Knoten zerhaust, den du
nicht geknüpft hast. Du musst sterben, Jüngling zu Sais,
unter den Händen der Priester, weil du gewagt hast, »unbedenklich«
den Schleier heiliger Bedenklichkeit zu lüften; und die Pfaffen
haben noch die freche Stirn zu sagen, »der Anblick der Gottheit
habe dich getötet«.
Doch eine Probe von der idealen, ätherischen Haltung der
Sprache, die ein nicht »plumpes«, »notwendiges«,
»weltbewegendes« Subjekt führt.
»Das sophistische Subjekt, das von seinem despotischen Dünkel
sich immer wieder zum Eunuchen erniedrigt sieht, zieht sich
endlich hinter die Vorhaut seiner Individualität zurück«
u.s.w.
Nachdem Kuno Fischer »die philosophischen Voraussetzungen
der modernen Sophistik, Hegel, Strauss, Bruno Bauer, Feuerbach«,
einen schon historisch gewordenen Prozess der Philosophie, der
aber doch noch zu nahe liegt, um in so trivialer Weise wieder
als Neuigkeit exponiert zu werden, mit einer breiten Exposition
gewürdigt, kommt er auf Max Stirner selbst zu sprechen. Was
die Subsumierung Stirners unter die Sophisten, einen Namen, durch
den er sich weder beschimpft noch geschmeichelt glauben wird,
betrifft, so mag es genügen, ein Urteil desselben über
die griechischen Sophisten dagegen zu stellen. »Allerdings
musste das Prinzip der Sophistik dahin führen, dass der unselbständigste
und blindeste Sklave seiner Begierden doch ein trefflicher Sophist
sein, und mit Verstandesschärfe alles zu Gunsten seines rohen
Herzens auslegen und zustutzen konnte. Was gäbe es wohl,
wofür sich nicht ein guter Grund auffinden, und
was sich nicht durchfechten liesse.«
Ich habe schon oft die Bemerkung gemacht, dass Kritiker, die mit
grossem Talent und Verstandesschärfe die
Objekte ihrer Kritik gesichtet und analysiert haben, gewiss an
Stirner irre geworden sind und jeder zu den verschiedensten Konsequenzen
ihres Missverständnisses, oft zu wahrhaften Betisen fortgerissen
wurden.
So gibt sich Kuno Fischer die vergebliche Mühe, Stirners
Egoismus und Einzigkeit als Konsequenz des bauer'schen Selbstbewusstseins
und der »reinen Kritik« zu entwickeln. Das Subjekt,
das es »in dem Prozesse der reinen Kritik nicht zu einer
wirklichen Empfindung seiner Souveränität bringt«,
wird in Stirner zum »entschiedenen Nichts aller weltbewegenden
Gedanken«. Und dies Kunststück wird vollbracht durch
das »Abbrechen der kritischen Beziehung auf die Illusionen,
die es bekämpft«.
Aber das Kunststück ist bloss ein Kunststück Kuno Fischers;
in Stirners Buch selbst findet sich nichts davon. Das Buch Stirners
war sogar bereits vollendet, ehe Bruno Bauer seiner theologischen
Kritik, als einer abgetanen Sache, den Rücken gekehrt hatte,
und jene Proklamation der »absoluten Kritik« in der
Allgemeinen Literaturzeitung erwähnt Stirner nur in
einem Nachtrage, der nicht notwendig in den Organismus des ganzen
Werkes gehört. Viel näher lag der »Humanismus«
Feuerbachs, der in den deutschen Kommunisten und Sozialisten zu
einer allgemeineren Geltung gekommen war, zu einer Realisierung,
die deutlich genug das »Inhumane« des »Humanismus«,
den im System liegenden Widerspruch zu Tage gebracht hatte. Der
Bekämpfung des Humanismus hat daher Stirner die meiste Sorgfalt
zugewendet. Feuerbach hat in Wigands Vierteljahrsschrift (1845,
III. Band) darauf geantwortet, und Stirner hat diese Antwort widerlegt.
Von alldem scheint Kuno Fischer nichts zu wissen und zu ken-
nen, sonst würde er sich die Mühe gespart haben, folgenden
geistreichen Fund zu machen.
»Der Egoismus des Einzigen ist kein beliebiger Gedanke; er
ist vielmehr objektiv; er übt eine dogmatische Gewalttätigkeit
aus; er ist ein Sparren, ein Spuk, ein hierarchischer Gedanke,
und Max Stirner sein Pfaffe.« »Stirner ist der Dogmatiker
des Egoismus.« »In der Objektivität, die Stirner
dem absoluten Egoismus gibt (von einem »absoluten«
Egoismus ist im Buche Stirners keine Spur zu finden), ist dieser
ein Gedankending, ein Dogma geworden.«
Hätte Herr Fischer jenen Aufsatz gelesen, so würde er
nicht zu dem komischen Missverständnis gekommen sein, in
dem »Egoismus« Stirners ein »Dogma«, einen
ernstlich gemeinten »kategorischen Imperativ«, ein ernstlich
gemeintes »Soll« zu finden, wie es der »Humanismus«
provoziert (du sollst »Mensch« und nicht »Unmensch«
sein) und danach den moralischen Katechismus der Humanität
konstruiert hat. Dort hat Stirner den »Egoismus« selbst
als »Phrase« bezeichnet; aber als letzte mögliche
»Phrase«, die geeignet ist, dem Phrasenregiment überhaupt
ein Ende zu machen. Ekrasieren wir aus Feuerbachs »Wesen
des Christentums« und seinen kleineren Schriften, überhaupt
aus seiner »Humanitätsphilosophie«, den kategorischen
Imperativ, also das positiv Gewollte; das heisst, fassen wir sein
»Gattungsideal« mit seinen mysteriösen »Mächten«
(»Vernunft«, »Wille«, »Herz« und
ihrer Realisation: »Erkenntnis«, »Charakter«,
»Liebe«) als psychologische Darstellung der Fähigkeiten
und Eigenschaften, die in der realen menschlichen Gattung
als solcher, in der menschlichen Organisation, abgesehen von den
historischen Veränderungen und Komplikationen,
immanent sind, so ist schon in Feuerbach ein gewaltiger Fortschritt
gegeben; er zeigt, zurückgehend auf die einfachen, grossen
Züge unserer Organisation, schon genügend, wie unsinnig
es ist, einer Seite, einer Eigenschaft, wie der des Verstandes
oder des Denkens, ein solches Übergewicht zu geben, dass
es die anderen zu verschlingen droht; kurz, er will den ganzen
Menschen in der gleichen Berechtigung aller seiner Eigenschaften,
also auch der Sinne und der Willenskräfte. Aber hier angelangt
vergisst er, dass »der Mensch« nicht existiert, dass
er eine willkürliche Abstraktion ist. Aber er stellt ihn
als Ideal hin. Was Wunder, wenn er zu einem unpersönlichen,
mysteriösen Gattungswesen wird, ausgestattet mit mysteriösen
»Mächten«, die polytheistisch sich, wie die griechischen
Götter zu Zeus, verhalten. Konsequent hiermit tritt ein Soll
ein; du sollst der Mensch sein. Dem »Menschen«
tritt »der Unmensch« entgegen. Nun wird aber niemand
ein »Untier« für kein »Tier« halten.
Ebenso schwer möchte es Feuerbach sein zu beweisen, dass
ein »Unmensch« kein wirklicher »Mensch« sei.
Ein »Unmensch« ist und bleibt ein wirklicher »Mensch«,
mit einem moralischen Anathema behaftet, mit einem Affekt des
Abscheus, aus menschlicher Gemeinschaft gewiesen von dem - der
ihn »Unmensch« nennt.
Dieser Phrase des »Humanismus« setzt Stirner die Phrase
des »Egoismus« entgegen: Wie? Du forderst von mir, ich
solle »Mensch« sein, näher, ich solle »Mann«
sein? Ei! »Mensch«, »nacktes Menschlein« und
»Mann« war ich schon in der Wiege; ich bin das zwar;
aber bin mehr als dies, bin, was ich durch mich, durch meine Entwicklung,
durch Aneignung der äusseren Welt, der Geschichte u.s.w.
geworden, bin »Einziger«. Aber das willst du nicht eigentlich.
du willst nicht, dass ich ein
wirklicher Mensch sei, du gibst für meine Einzigkeit keinen
Pfifferling. Du willst, dass ich »der Mensch« sein solle,
wie du ihn konstruiert hast, als Musterbild für alle. Du
willst das »pöbelhafte Egalitätsprinzip« zur
Norm meines Lebens machen. Prinzip um Prinzip! Forderung um Forderung!
Ich setze dir das Prinzip des Egoismus entgegen. Ich will bloss
Ich sein; Ich verachte die Natur, die Menschen und ihre Gesetze,
die menschliche Gesellschaft und ihre Liebe, und schneide jede
allgemeine Beziehung, selbst die der Sprache mit ihr ab. Ich setze
allen Anmutungen eures Solls, allen Bezeichnungen eures kategorischen
Urteils die »Ataraxie« meines Ichs entgegen; Ich bin
schon nachgiebig, wenn Ich mich der Sprache bediene, Ich bin das
»Unsagbare«, »Ich zeige Mich bloss«. Und habe
ich mit dem Terrorismus meines Ichs, der alles Menschliche zurückstösst,
nicht ebenso Recht, wie ihr mit eurem Terrorismus der Humanität,
der mich gleich zum »Unmenschen« stempelt, wenn ich
mich gegen euren Katechismus versündige, wenn ich mich in
meinem Selbstgenusse nicht stören lasse?
Ist hiermit etwa gesagt, dass Stirner mit seinem »Egoismus«
alles Allgemeine negieren, als nicht vorhanden hinstellen, alle
Eigenschaften unserer Organisation, der sich also kein Einzelner
entziehen kann, durch blosses Wegleugnen hinwegräumen will?
Dass er alle Gemeinschaft mit Menschen aufgeben, selbstmörderisch
sich in sich verpuppen will? Wahrlich, dieses Missverständnis
ist nicht weniger plump als jenes der deutschen Liberalen und
Konservativen, die sich noch heute über den Ausspruch Börnes
empören: »Wenn Euch an Eurem König die Nase nicht
gefällt, so jagt ihn davon«, als ob es Börne je
eingefallen wäre, die Nase eines Königs zum
Verbrechen gegen die Demokratie zu machen. Man muss sich wirklich
schämen, dergleichen den Herren Konfusionsräten noch
begreiflich zu machen.
Aber es liegt ein gewichtiges »Deshalb«, eine gewaltige
Folgerung in dem Buche Stirners, die freilich oft zwischen den
Zeilen zu lesen, die aber den Philosophen gänzlich entgangen
ist, weil sie die wirklichen Menschen und sich, als wirkliche
Menschen, nicht kennen, und nur immer mit »dem Menschen«,
»dem Geiste« an sich, a priori, immer bloss mit
dem Namen, nie mit der Sache und der Person zu tun haben. In negativer
Weise spricht dies Stirner aus durch seine scharfe, unwiderstehliche
Kritik, mit der er alle Illusionen des Idealismus analysiert,
alle Lügen uneigennütziger Hingebung und Aufopferung
enthüllt; was freilich seine gloriosen Kritiker wieder verstanden
haben als eine Apotheose des blinden Eigennutzes, des »geprellten
Egoismus«, der sich um den Besitz eines ganzen Menschen bringt,
um ein paar Pfennige von ihm zu gewinnen. Stirner hat sein Buch
selbst als teilweise »unbeholfenen« Ausdruck dessen,
was er wollte, bezeichnet. Es ist das mühsame Werk der besten
Jahre seines Lebens; und doch nennt er es teilweise »unbeholfen«.
So sehr hatte er mit einer Sprache zu kämpfen, die von Philosophen
verderbt, von Staats-, Religions- und anderen Gläubigen gemissbraucht,
und einer grenzenlosen Begriffsverwirrung fähig gemacht worden
war.
Doch zurück zu unserem Kritiker. Wenn Stirner sagt: »Die
Liebe ist meine Empfindung, mein Eigentum« u.s.w., oder:
»Mein eigen ist meine Liebe erst, wenn sie durchaus in einem
eigennützigen und egoistischen Interesse besteht, mithin
der Gegenstand meiner Liebe wirklich mein Gegenstand oder
mein Eigentum ist« und
dasselbe gesetzten Falles in einem Liebesverhältnis, vom
wiederliebenden, geliebten Gegenstand aussagt, so erhebt sich
triumphierend unser Idealist: »Also doch Dalailamakultus!
Das heisst, sich zweimal verspeisen. Ich verzehre mein eigenes
Verzehrtwerden.« »Max und Marie gehören somit in
der Naturgeschichte der Liebe zu den Wiederkäuern.«
Doch da Herr Kuno Fischer so persönlich und pittoresk wird,
wollen wir die Sache doch umkehren. Kuno liebt die Kunigunde und
Kunigunde liebt Kuno. Aber Kuno liebt die Kunigunde nicht, weil
er in dieser Liebe seinen Genuss findet, er geniesst die Geliebte
nicht zu seiner Freude, sondern aus purer Aufopferung, weil sie
geliebt werden will; er duldet auch etwaige Leiden ihrer Liebe
nicht, weil die Liebe zu ihr ihn hinreichend entschädigt,
also nicht aus diesem eigennützigen Grunde, sondern alles,
ohne sich zu berücksichtigen, aus purer Uneigennützigkeit.
Kunigunde macht es mit Kuno ebenso. So hätten wir das ideale
Paar einer Narrenehe, zwei Menschen, die sich in den Kopf gesetzt
haben, ohne sich selbst im anderen zu geniessen, aus purer Aufopferung
eines das andere zu lieben. Eine solche sublime philosophische
Liebe mag Kuno Fischer für sich behalten, oder sich ein Pendant
im Irrenhaus suchen. Wir anderen »rohen«, »partikularen«
Subjekte wollen lieben, weil wir Liebe empfinden, weil die Liebe
unserem Herzen und unseren Sinnen wohlgefällt, und wir in
der Liebe zu einem anderen Wesen einen höheren Selbstgenuss
erfahren.
Weiterhin verwickelt sich unser Kritiker in seine eigenen Widersprüche.
Der »staatsauflösende Egoismus des Einzigen« ist
zugleich »der solideste Mässigkeitsverein«, »in
Wahrheit die Begründung der schamlosesten
Despotie«, deren »klirrenden verhängnisvollen Säbel«
der Kritiker schon hört. Der »klirrende Säbel«
wäre uns längst nicht mehr »verhängnisvoll«,
wenn wir ihn nicht zu unserem Verhängnis gemacht, und mit
närrischem Beginnen in seinen Stahl Schibboleths eingegraben
hätten, die dem Säbel die Macht geben, uns um der »Idee«
willen zu knechten.
Weiter können wir nicht folgen; wir hoffen, dass man so honett sein wird, uns nicht zuzumuten, von einem Buche wie »Verstandestum und Individuum« mehr als eine Seite zu lesen, geschweige noch eine Kritik desselben anzuhören. Doch wollen wir Herrn Kuno Fischer zur gefälligen Kenntnisnahme mitteilen, dass der Verfasser von »Verstandestum und Individuum« eine Kritik in der evangelischen Kirchenzeitung gegen sich selbst geschrieben. Vielleicht aber ist Herrn Kuno Fischer dieses burleske Handeln eines Mannes, der à tout prix berühmt werden will, besser bekannt als uns.
ENDE.