Max Stirner:

Die philosophischen Reaktionäre

[Replik auf:] Die modernen Sophisten, von Kuno Fischer

Mittels Scanner und OCR-Reader aufbereitet von Svein Olav Nyberg, Oslo, Norwegen;

redigiert von Bernd A. Laska, Nürnberg.

Erstveröffentlichung in: Die Epigonen (Leipzig), Band 4, 1847, S.141-151.

(Der folgende Text entspricht der Edition: Max Stirner: Parerga, Kritiken, Repliken, hg. v. Bernd A. Laska. Nürnberg: LSR-Verlag 1986. S. 207-222;

dort, S.225, auch Angaben über die Autorschaft Stirners an diesem unter dem Namen G. Edward veröffentlichten Artikel)


Ein fruchtbarer Maler wurde in seinem Atelier von seiner Frau zum

Mittagsmahl gerufen. Er antwortete: »Warte noch einen Augenblick; ich habe nur noch die zwölf Apostel in Lebensgrösse, einen Christus und eine Madonna zu malen.« Dies ist auch die Weise des philosophischen Reaktionärs Kuno Fischer - ich wählte diese Phrase, weil man ohne den Frack einer philosophischen Phrase nicht im Salon der Philosophie erscheinen darf - die mühsame Titanenarbeit der modernen Kritik, welche den philosophischen Himmel, den letzten Himmel unter den Himmeln, zu erstürmen hatte, fertigt er mit grossen Pinselstrichen ab. Einer wird nach dem anderen konstruiert. Es ist eine Freude zuzusehen. Strauss, Feuerbach, Bruno Bauer, Stirner, die griechischen Sophisten, die Jesuiten, die Sophisten der Romantik, alles wird mit derselben Schablone konstruiert.

Der Gute macht Jagd auf Sophisten, wie unsere Lichtfreunde und Deutschkatholiken auf Jesuiten. Hängt ihm einen Denkzettel an, schmäht ihn einen »Sophisten«, und jeder respektable Philosoph macht ein Kreuz vor ihm. Schon Hegel hat darauf aufmerksam gemacht, dass das wenige, was uns von den griechischen Sophisten übrig geblieben ist, zeige, wie weit überlegen sie dem griechischen Idealismus gewesen, dessen ganze Herrlichkeit uns in den Werken Platos erhalten ist. Am Ende ist Hegel auch ein »Sophist«. Bringen Sie Ihre Schablone, Herr Kuno Fischer, mich gelüstet, Hegel einen »Sophisten« zu nennen. Doch hören wir unsern gloriosen Sophistenjäger selbst. »Die Sophistik ist das Spie-

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gelbild der Philosophie - ihre verkehrte Wahrheit«. Also ganz dieselbe Wahrheit, nur in entgegengesetzter Stellung? Ei, auf die Stellung kommt es uns nicht an. Wir betrachten das Bild von oben und nennen es einen »Sophisten«; wir betrachten es von unten und nennen es einen »Philosophen«: tel est notre plaisir.

»Das sophistische Subjekt, das sich zum Herrn, zum Despoten des Gedankens macht, und damit alle objektiven Mächte der Welt dem tel est mon plaisir preisgibt, kann unmöglich die denkende Subjektivität sein.« »Herr, Despot des Gedankens«! Wessen Gedankens? Meines Gedankens? Deines Gedankens? Oder des Gedankens an sich? Wenn das »sophistische Subjekt« sich zum Herrn meines Gedankens, oder des Gedankens an sich, eines Dinges, was keinen Sinn hat, macht, so ist es doch wohl mächtiger, und dazu berechtigt; denn es kann sich nur durch Denken des Gedankens bemächtigen, und das ist doch gewiss eine ehrenfeste, gentleman'sche Waffe. Ist es aber Herr seines eigenen Gedankens, so ist das nichts Besonderes. Bist du es nicht, so bist du ein Wahnsinniger, der Spielball deiner fixen Idee. Doch gemach, da kommen die »objektiven Mächte der Welt«, eine sublime Gesellschaft. Wer seid ihr? Seid ihr das Licht, »das durch gemalte Scheiben bricht« und mir trotz meinem Plaisir die Nase blau färbt, wenn ich in einer gotischen Kirche stehe? Ja, selbst mein betender Nachbar, von der Objektivität des gegenwärtigen Gottes durchdrungen, muss über die blaue Nase lachen. Oder seid ihr die vernichtende Macht eines fallenden Körpers, der entladenen Elektrizität, der raschen Ausdehnung eines verdunstenden Stoffes ?

Nein! das alles nicht. Ich sehe den Philosophen lächeln. Die geistlose Natur soll eine objektive Macht

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der Welt sein? Die Natur, welche nicht »ist«, wenn ich sie nicht »denke«, welche nur ein ;,Gedankending« ist. Nein! Denn diese ist bis jetzt mächtiger als der Philosoph; und deshalb desavouiert er sie; aber sein mit Phrasen geschmückter Gott, das bekränzte goldene Kalb, ist eine »objektive Macht der Welt«. Die vergangene Geschichte ist null und nichtig, insoweit sie nicht den dialektischen Prozess seines aparten Denkens zeigt, und die Zukunft - hat er bereits »konstruiert«. Also »das sophistische Subjekt«, »der Despot des Gedankens«, »kann unmöglich die denkende Subjektivität sein«. »Die denkende Subjektivität!« Wenn es noch hiesse »das denkende Subjekt«, so wäre bloss der einfache Unsinn in diesem Satz vorhanden, dass »das sophistische Subjekt nicht dadurch denkendes Subjekt ist, dass es Herr des Gedankens ist, also denkt, sondern etwa dadurch, dass es von einem Gedanken gedacht wird, dass es das willenlose Organ des absoluten Geistes ist, oder wie diese weisen Definitionen sonst ausfallen. So aber ist die geforderte »denkende Subjektivität« zu einer vielköpfigen Hydra des Unsinns geworden.

»Das Subjekt, das sich von seinem Gedanken als selbständig unterscheidet, ist vielmehr das partikulare, das zufällige Subjekt, das in dem Gedanken nichts weiter erblickt, als ein plausibles Mittel für seine Zwecke, und nur unter dieser Kategorie die natürliche und sittliche Welt auffasst.«

Von meinen Gedanken unterscheide ich mich, und unterscheide mich nicht; dort erfüllen mich meine Gedanken so, dass kein Gefühl, keine Empfindung eine Differenz zwischen mir und meinen Gedanken erzeugen kann. - Aber ich bediene mich der ungeschickten Sprache meines Gegners - kann ich denn dann von

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»Gedanken« überhaupt sprechen? Ein »Gedanke« ist etwas Fertiges, etwas Gedachtes, und von diesem unterscheide ich mich immer, wie der Schöpfer vom Geschöpf, der Vater vom Sohn. Von meinen Gedanken, die ich gedacht habe, oder denken werde, unterscheide ich mich doch gewiss; die einen sind mir Objekt, die anderen - ungelegte Eier. Deshalb bin ich auch nur »das partikulare, das zufällige Subjekt«. Wer sich aber »notwendiges Subjekt« zu sein dünkt, legitimiere sich als solches. Er mag sich die Legitimation aus dem Monde holen. Absurde Frage, ob ein Subjekt zufällig, oder notwendig ist, ob es »ein« Subjekt oder »das« Subjekt ist. Es ist notwendig, weil es da ist, und wenn es sich notwendig macht; zufällig, weil kein Hahn danach krähen würde, wenn es nicht da wäre. Die denkbar grösste Notwendigkeit eines Welteroberers, eines die Zeit beherrschenden Gelehrten oder Staatsmannes, ist doch nur illusorisch. Für »partikulare« Interessen, als »plausible Mittel zu ihren Zwecken« fesseln alle diese die Leidenschaften und Ideen der Zeit an ihren Triumphwagen. Mag ihr Zweck ein reeller sein, oder eine Idee; es ist immer ihre Idee eine »partikulare« Idee, die sie lieb haben, mit der sie das Anathema schleudern auf den, an dessen Trotz und ungebrochener Persönlichkeit sie deutlich gewahren, dass sie doch nur »zufällige, partikulare Subjekte« sind. Was die Auffassung »der natürlichen und sittlichen Welt« betrifft, so gestehe ich, dass ich nicht begreife, wie man die natürliche Welt anders erfassen kann denn als natürliches, »partikulares« Subjekt. Eure »sittliche Welt« überlasse ich euch gern; diese stand von jeher nur auf dem Papier, ist die ewige Lüge der Gesellschaft, und wird stets an der reichen Mannigfaltigkeit und Unvereinbarkeit der willenkräfti-

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gen Einzelnen zersplittern. Überlassen wir den Dichtern dieses »verlorene Paradies«.

Nun macht unser Held im Nu einen Ritt durch die Geschichte. »Hurra! Die Toten reiten schnell«.

»Der Gedankenidealismus der Eleaten befruchtete die griechische Sophistik.« Ei, das ist ein grosser Ruhm der Eleaten. Als ob nicht einen Irrenarzt ebenso »der Gedankenidealismus« seiner Irren befruchtete, zumal, wenn »System in ihrem Wahnsinn ist«.

»Die Sophistik des katholischen Christentums war der Jesuitismus. Die katholische Dogmatik, die dem gläubigen Subjekt sich äusserlich gegenüber stellt, brachte dasselbe eben so äusserlich in seine Gewalt.« »Äusserlich« wohl, aber auch faktisch? Oder haben nicht etwa die Schüler Loyolas von jeher den Vatikan beherrscht? In Österreich und Bayern Legitime, in Belgien Sansculotten, in Frankreich Kommunisten, ziehen die Vielgewandten stets die Masse am Narrenseil einer populären Idee mit sich fort. Selbst das Innere von Asien, wo der Hunger der Wüste und die Übermacht wilder Nomaden alle Expeditionen scheitern machte, hat ihr unerschrockener Fuss durchwandert. Heute sitzt ein Jesuitenzögling auf dem päpstlichen Thron und regiert im Sinne des religiösen und politischen Liberalismus; und es jauchzen ihm Katholiken und Protestanten zu.

»ln der romantischen Sophistik stürmte das partikulare Subjekt die Absolutheit des fichte'schen Ichs«. Hört, hört, ihr Romantiker, ihr kunstbegeisterten Schlegel und Tieck, du geistvoller Theosoph, Novalis, hört es im Grabe, ihr seid auch nur ganz gemeine »partikulare« Subjekte. Wahrlich, mit Phrasen kann man alles zu allem machen. »Die Sophistik emanzipiert das Subjekt von der Macht des Gedankens; also - ist das

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sophistische Subjekt das gedankenlose, das rohe, partikulare Subjekt, das hinter dem Gedanken sich verkriecht, um sich so seine Macht vom Leibe zu halten.« Also, weil ich Gedanken habe und die Gedanken mich nicht haben, weil ich frei denke, und nicht der Affe eines gedachten Gedankens bin, bin ich »gedankenloses«, »partikulares«, ja sogar »rohes« Subjekt? Doch nein! Die Sophisten sind nicht ganz »gedankenlos«, sie sind sogar »philosophisch«, so etwa »das umgekehrte Spiegelbild der Philosophie«, aber in welcher Weise? »Das plumpe Subjekt atmet philosophische Luft; das gibt ihm jenen eigentümlichen Sauerstoff, wodurch es zu einer formellen Volubilität dialektisch begeistert wird.« Habt ihr Philosophen wirklich eine Ahnung davon, dass ihr mit euren eigenen Waffen geschlagen seid? Aber nur eine Ahnung. Was könnt ihr Gesundes dagegen erwidern, wenn ich das dialektisch wieder auflöse, was ihr bloss dialektisch gesetzt habt? Ihr habt mir gezeigt, mit welcher »Volubilität« man alles zu nichts und nichts zu allem, schwarz zu weiss und weiss zu schwarz machen könne. Was habt ihr dagegen, wenn ich euch eure saubere Kunst zurückgebe? Aber mit dem dialektischen Kunststück einer Naturphilosophie werdet weder ihr noch ich die grossen Tatsachen der modernen Naturforschung auflösen, so wenig, als es Schelling und Hegel getan haben. Gerade hier hat sich der Philosoph als »plumpes« Subjekt gezeigt; denn er ist als Ignorant in eine Sphäre »geplumpt«, in der er keine Macht hatte, ein Gulliver ohne Witz unter die Riesen.

Der »Sophist« ist das »stabile«, das »zufällige« Subjekt, gehört dem »reaktionären«, »in der Philosophie bereits überwundenen Standpunkte« an, und ist zum Überfluss von Kuno Fischer noch einmal »konstruiert«.

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Es hat wahrscheinlich die Philosophen nicht verstanden; denn »der natürliche Mensch versteht nichts vom Geiste Gottes«. Wollen wir aber sehen, wie Herr Fischer diejenigen verstanden hat, die er philosophisch konstruiert, so können wir wenigstens seine »Volubilität« bewundern. »In diesem Prozess der ›reinen Kritik‹ bringt es das Subjekt nicht zu einer wirklichen Empfindung seiner Souveränität; es bleibt auf die Illusionen, die es bekämpft, kritisch bezogen.« Es wird hiemit der »reinen Kritik« nur der absurde Vorwurf gemacht, dass sie eben »Kritik« ist; denn wie wollte jemand eine Sache kritisieren, ohne sich »kritisch auf sie zu beziehen«? Es fragt sich doch wohl bloss, zu wessen Vorteil diese Beziehung ausfällt; das heisst, ob der Kritiker die Sache kritisch überwindet oder nicht. »Diese kritische Beziehung bricht das Subjekt ab; es ist das entschiedene Nichts aller weltbewegenden Gedanken; sie sind dem absoluten Egoismus des Einzigen verfallen. Peter Schlemihl hat seinen Schatten verloren.«

Wie unglücklich, wenn jemand ein Bild wählt, durch das er gerade am evidentesten geschlagen wird. Der Schatten Peter Schlemihls ist gerade das Bild seiner Einzigkeit, seine individuelle Kontur, bildlich gebraucht, die Erkenntnis und das Gefühl seines Selbsts. Eben wenn er dies verloren, ist er die unglückliche Beute des Goldes, in das er sein Wesen verlegt hat, der Meinung des Pöbels, die er nicht zu verachten weiss, der Liebe zu einem törichten Mädchen, der er nicht zu entsagen versteht, der Spielball eines Dämons, der ihm nur so lange fürchterlich ist, als er ihn fürchtet, als er im Kontraktverhältnis mit ihm steht. Er hätte eben so gut die Beute der Philosophie werden können.

Doch lassen wir die Bilder. In gleicher Weise, wie oben

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Herr Fischer, spricht sich die bauer'sche Literaturzeitung im achten Hefte aus.

»Welche Plumpheit und Frivolität, durch ein Abbrechen die schwierigsten Probleme lösen, die umfassendsten Aufgaben erledigen zu wollen.«

Darauf entgegnet Stirner:

»Hast du aber Aufgaben, wenn du sie dir nicht stellst? So lange du sie stellst, wirst du nicht von ihnen lassen und Ich habe ja nichts dagegen, dass du denkst und denkend tausend Gedanken erschaffst.«

Bricht hier »der Einzige« etwa den Denkprozess ab? Nein! Er lässt ihm ruhig seinen Lauf; lässt aber auch sich nicht in seiner »Einzigkeit« abbrechen, und lacht der Kritik, sobald sie ihn zwingen will, ein Problem lösen zu helfen, das er nicht gestellt hat, lacht eurer »weltbewegenden Gedanken«. Die Welt hat lange genug geschmachtet unter der Tyrannei des Gedankens, unter dem Terrorismus der Idee; sie erwacht aus dem schweren Traume und folgt dem fröhlichen Interesse des Tages. Sie schämt sich des Widerspruchs, in dem sie die Kirche, der Staat und die Philosophen gefangen hielten, des Widerspruchs, den diese zwischen Interesse und Prinzip gesetzt haben. Als ob man ein Prinzip haben könnte, an dem man kein Interesse hat, ein Interesse, das nicht im Moment Prinzip würde. Aber du sollst, du musst ein »reines« Prinzip haben, das Interesse ist »schmutzig«. Du musst dich bloss »philosophisch« oder »kritisch« verhalten; sonst bist du ein »plumpes«, »rohes«, »zufälliges«, »partikulares« Subjekt.

Höre es Naturforscher, der du mit Vergnügen das Werden des Hühnchens im bebrüteten Ei beobachtest und nicht daran denkst, es zu kritisieren; höre es, Alexander, der du den gordischen Knoten zerhaust, den du

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nicht geknüpft hast. Du musst sterben, Jüngling zu Sais, unter den Händen der Priester, weil du gewagt hast, »unbedenklich« den Schleier heiliger Bedenklichkeit zu lüften; und die Pfaffen haben noch die freche Stirn zu sagen, »der Anblick der Gottheit habe dich getötet«.

Doch eine Probe von der idealen, ätherischen Haltung der Sprache, die ein nicht »plumpes«, »notwendiges«, »weltbewegendes« Subjekt führt.

»Das sophistische Subjekt, das von seinem despotischen Dünkel sich immer wieder zum Eunuchen erniedrigt sieht, zieht sich endlich hinter die Vorhaut seiner Individualität zurück« u.s.w.

Nachdem Kuno Fischer »die philosophischen Voraussetzungen der modernen Sophistik, Hegel, Strauss, Bruno Bauer, Feuerbach«, einen schon historisch gewordenen Prozess der Philosophie, der aber doch noch zu nahe liegt, um in so trivialer Weise wieder als Neuigkeit exponiert zu werden, mit einer breiten Exposition gewürdigt, kommt er auf Max Stirner selbst zu sprechen. Was die Subsumierung Stirners unter die Sophisten, einen Namen, durch den er sich weder beschimpft noch geschmeichelt glauben wird, betrifft, so mag es genügen, ein Urteil desselben über die griechischen Sophisten dagegen zu stellen. »Allerdings musste das Prinzip der Sophistik dahin führen, dass der unselbständigste und blindeste Sklave seiner Begierden doch ein trefflicher Sophist sein, und mit Verstandesschärfe alles zu Gunsten seines rohen Herzens auslegen und zustutzen konnte. Was gäbe es wohl, wofür sich nicht ein ›guter Grund‹ auffinden, und was sich nicht durchfechten liesse.«

Ich habe schon oft die Bemerkung gemacht, dass Kritiker, die mit grossem Talent und Verstandesschärfe die

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Objekte ihrer Kritik gesichtet und analysiert haben, gewiss an Stirner irre geworden sind und jeder zu den verschiedensten Konsequenzen ihres Missverständnisses, oft zu wahrhaften Betisen fortgerissen wurden.

So gibt sich Kuno Fischer die vergebliche Mühe, Stirners Egoismus und Einzigkeit als Konsequenz des bauer'schen Selbstbewusstseins und der »reinen Kritik« zu entwickeln. Das Subjekt, das es »in dem Prozesse der reinen Kritik nicht zu einer wirklichen Empfindung seiner Souveränität bringt«, wird in Stirner zum »entschiedenen Nichts aller weltbewegenden Gedanken«. Und dies Kunststück wird vollbracht durch das »Abbrechen der kritischen Beziehung auf die Illusionen, die es bekämpft«.

Aber das Kunststück ist bloss ein Kunststück Kuno Fischers; in Stirners Buch selbst findet sich nichts davon. Das Buch Stirners war sogar bereits vollendet, ehe Bruno Bauer seiner theologischen Kritik, als einer abgetanen Sache, den Rücken gekehrt hatte, und jene Proklamation der »absoluten Kritik« in der Allgemeinen Literaturzeitung erwähnt Stirner nur in einem Nachtrage, der nicht notwendig in den Organismus des ganzen Werkes gehört. Viel näher lag der »Humanismus« Feuerbachs, der in den deutschen Kommunisten und Sozialisten zu einer allgemeineren Geltung gekommen war, zu einer Realisierung, die deutlich genug das »Inhumane« des »Humanismus«, den im System liegenden Widerspruch zu Tage gebracht hatte. Der Bekämpfung des Humanismus hat daher Stirner die meiste Sorgfalt zugewendet. Feuerbach hat in Wigands Vierteljahrsschrift (1845, III. Band) darauf geantwortet, und Stirner hat diese Antwort widerlegt. Von alldem scheint Kuno Fischer nichts zu wissen und zu ken-

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nen, sonst würde er sich die Mühe gespart haben, folgenden geistreichen Fund zu machen.

»Der Egoismus des Einzigen ist kein beliebiger Gedanke; er ist vielmehr objektiv; er übt eine dogmatische Gewalttätigkeit aus; er ist ein Sparren, ein Spuk, ein hierarchischer Gedanke, und Max Stirner sein Pfaffe.« »Stirner ist der Dogmatiker des Egoismus.« »In der Objektivität, die Stirner dem absoluten Egoismus gibt (von einem »absoluten« Egoismus ist im Buche Stirners keine Spur zu finden), ist dieser ein Gedankending, ein Dogma geworden.«

Hätte Herr Fischer jenen Aufsatz gelesen, so würde er nicht zu dem komischen Missverständnis gekommen sein, in dem »Egoismus« Stirners ein »Dogma«, einen ernstlich gemeinten »kategorischen Imperativ«, ein ernstlich gemeintes »Soll« zu finden, wie es der »Humanismus« provoziert (du sollst »Mensch« und nicht »Unmensch« sein) und danach den moralischen Katechismus der Humanität konstruiert hat. Dort hat Stirner den »Egoismus« selbst als »Phrase« bezeichnet; aber als letzte mögliche »Phrase«, die geeignet ist, dem Phrasenregiment überhaupt ein Ende zu machen. Ekrasieren wir aus Feuerbachs »Wesen des Christentums« und seinen kleineren Schriften, überhaupt aus seiner »Humanitätsphilosophie«, den kategorischen Imperativ, also das positiv Gewollte; das heisst, fassen wir sein »Gattungsideal« mit seinen mysteriösen »Mächten« (»Vernunft«, »Wille«, »Herz« und ihrer Realisation: »Erkenntnis«, »Charakter«, »Liebe«) als psychologische Darstellung der Fähigkeiten und Eigenschaften, die in der realen menschlichen Gattung als solcher, in der menschlichen Organisation, abgesehen von den historischen Veränderungen und Komplikationen,

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immanent sind, so ist schon in Feuerbach ein gewaltiger Fortschritt gegeben; er zeigt, zurückgehend auf die einfachen, grossen Züge unserer Organisation, schon genügend, wie unsinnig es ist, einer Seite, einer Eigenschaft, wie der des Verstandes oder des Denkens, ein solches Übergewicht zu geben, dass es die anderen zu verschlingen droht; kurz, er will den ganzen Menschen in der gleichen Berechtigung aller seiner Eigenschaften, also auch der Sinne und der Willenskräfte. Aber hier angelangt vergisst er, dass »der Mensch« nicht existiert, dass er eine willkürliche Abstraktion ist. Aber er stellt ihn als Ideal hin. Was Wunder, wenn er zu einem unpersönlichen, mysteriösen Gattungswesen wird, ausgestattet mit mysteriösen »Mächten«, die polytheistisch sich, wie die griechischen Götter zu Zeus, verhalten. Konsequent hiermit tritt ein Soll ein; du sollst der Mensch sein. Dem »Menschen« tritt »der Unmensch« entgegen. Nun wird aber niemand ein »Untier« für kein »Tier« halten. Ebenso schwer möchte es Feuerbach sein zu beweisen, dass ein »Unmensch« kein wirklicher »Mensch« sei. Ein »Unmensch« ist und bleibt ein wirklicher »Mensch«, mit einem moralischen Anathema behaftet, mit einem Affekt des Abscheus, aus menschlicher Gemeinschaft gewiesen von dem - der ihn »Unmensch« nennt.

Dieser Phrase des »Humanismus« setzt Stirner die Phrase des »Egoismus« entgegen: Wie? Du forderst von mir, ich solle »Mensch« sein, näher, ich solle »Mann« sein? Ei! »Mensch«, »nacktes Menschlein« und »Mann« war ich schon in der Wiege; ich bin das zwar; aber bin mehr als dies, bin, was ich durch mich, durch meine Entwicklung, durch Aneignung der äusseren Welt, der Geschichte u.s.w. geworden, bin »Einziger«. Aber das willst du nicht eigentlich. du willst nicht, dass ich ein

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wirklicher Mensch sei, du gibst für meine Einzigkeit keinen Pfifferling. Du willst, dass ich »der Mensch« sein solle, wie du ihn konstruiert hast, als Musterbild für alle. Du willst das »pöbelhafte Egalitätsprinzip« zur Norm meines Lebens machen. Prinzip um Prinzip! Forderung um Forderung! Ich setze dir das Prinzip des Egoismus entgegen. Ich will bloss Ich sein; Ich verachte die Natur, die Menschen und ihre Gesetze, die menschliche Gesellschaft und ihre Liebe, und schneide jede allgemeine Beziehung, selbst die der Sprache mit ihr ab. Ich setze allen Anmutungen eures Solls, allen Bezeichnungen eures kategorischen Urteils die »Ataraxie« meines Ichs entgegen; Ich bin schon nachgiebig, wenn Ich mich der Sprache bediene, Ich bin das »Unsagbare«, »Ich zeige Mich bloss«. Und habe ich mit dem Terrorismus meines Ichs, der alles Menschliche zurückstösst, nicht ebenso Recht, wie ihr mit eurem Terrorismus der Humanität, der mich gleich zum »Unmenschen« stempelt, wenn ich mich gegen euren Katechismus versündige, wenn ich mich in meinem Selbstgenusse nicht stören lasse?

Ist hiermit etwa gesagt, dass Stirner mit seinem »Egoismus« alles Allgemeine negieren, als nicht vorhanden hinstellen, alle Eigenschaften unserer Organisation, der sich also kein Einzelner entziehen kann, durch blosses Wegleugnen hinwegräumen will? Dass er alle Gemeinschaft mit Menschen aufgeben, selbstmörderisch sich in sich verpuppen will? Wahrlich, dieses Missverständnis ist nicht weniger plump als jenes der deutschen Liberalen und Konservativen, die sich noch heute über den Ausspruch Börnes empören: »Wenn Euch an Eurem König die Nase nicht gefällt, so jagt ihn davon«, als ob es Börne je eingefallen wäre, die Nase eines Königs zum

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Verbrechen gegen die Demokratie zu machen. Man muss sich wirklich schämen, dergleichen den Herren Konfusionsräten noch begreiflich zu machen.

Aber es liegt ein gewichtiges »Deshalb«, eine gewaltige Folgerung in dem Buche Stirners, die freilich oft zwischen den Zeilen zu lesen, die aber den Philosophen gänzlich entgangen ist, weil sie die wirklichen Menschen und sich, als wirkliche Menschen, nicht kennen, und nur immer mit »dem Menschen«, »dem Geiste« an sich, a priori, immer bloss mit dem Namen, nie mit der Sache und der Person zu tun haben. In negativer Weise spricht dies Stirner aus durch seine scharfe, unwiderstehliche Kritik, mit der er alle Illusionen des Idealismus analysiert, alle Lügen uneigennütziger Hingebung und Aufopferung enthüllt; was freilich seine gloriosen Kritiker wieder verstanden haben als eine Apotheose des blinden Eigennutzes, des »geprellten Egoismus«, der sich um den Besitz eines ganzen Menschen bringt, um ein paar Pfennige von ihm zu gewinnen. Stirner hat sein Buch selbst als teilweise »unbeholfenen« Ausdruck dessen, was er wollte, bezeichnet. Es ist das mühsame Werk der besten Jahre seines Lebens; und doch nennt er es teilweise »unbeholfen«. So sehr hatte er mit einer Sprache zu kämpfen, die von Philosophen verderbt, von Staats-, Religions- und anderen Gläubigen gemissbraucht, und einer grenzenlosen Begriffsverwirrung fähig gemacht worden war.

Doch zurück zu unserem Kritiker. Wenn Stirner sagt: »Die Liebe ist meine Empfindung, mein Eigentum« u.s.w., oder: »Mein eigen ist meine Liebe erst, wenn sie durchaus in einem eigennützigen und egoistischen Interesse besteht, mithin der Gegenstand meiner Liebe wirklich mein Gegenstand oder mein Eigentum ist« und

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dasselbe gesetzten Falles in einem Liebesverhältnis, vom wiederliebenden, geliebten Gegenstand aussagt, so erhebt sich triumphierend unser Idealist: »Also doch Dalailamakultus! Das heisst, sich zweimal verspeisen. Ich verzehre mein eigenes Verzehrtwerden.« »Max und Marie gehören somit in der Naturgeschichte der Liebe zu den Wiederkäuern.«

Doch da Herr Kuno Fischer so persönlich und pittoresk wird, wollen wir die Sache doch umkehren. Kuno liebt die Kunigunde und Kunigunde liebt Kuno. Aber Kuno liebt die Kunigunde nicht, weil er in dieser Liebe seinen Genuss findet, er geniesst die Geliebte nicht zu seiner Freude, sondern aus purer Aufopferung, weil sie geliebt werden will; er duldet auch etwaige Leiden ihrer Liebe nicht, weil die Liebe zu ihr ihn hinreichend entschädigt, also nicht aus diesem eigennützigen Grunde, sondern alles, ohne sich zu berücksichtigen, aus purer Uneigennützigkeit. Kunigunde macht es mit Kuno ebenso. So hätten wir das ideale Paar einer Narrenehe, zwei Menschen, die sich in den Kopf gesetzt haben, ohne sich selbst im anderen zu geniessen, aus purer Aufopferung eines das andere zu lieben. Eine solche sublime philosophische Liebe mag Kuno Fischer für sich behalten, oder sich ein Pendant im Irrenhaus suchen. Wir anderen »rohen«, »partikularen« Subjekte wollen lieben, weil wir Liebe empfinden, weil die Liebe unserem Herzen und unseren Sinnen wohlgefällt, und wir in der Liebe zu einem anderen Wesen einen höheren Selbstgenuss erfahren.

Weiterhin verwickelt sich unser Kritiker in seine eigenen Widersprüche. Der »staatsauflösende Egoismus des Einzigen« ist zugleich »der solideste Mässigkeitsverein«, »in Wahrheit die Begründung der schamlosesten

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Despotie«, deren »klirrenden verhängnisvollen Säbel« der Kritiker schon hört. Der »klirrende Säbel« wäre uns längst nicht mehr »verhängnisvoll«, wenn wir ihn nicht zu unserem Verhängnis gemacht, und mit närrischem Beginnen in seinen Stahl Schibboleths eingegraben hätten, die dem Säbel die Macht geben, uns um der »Idee« willen zu knechten.

Weiter können wir nicht folgen; wir hoffen, dass man so honett sein wird, uns nicht zuzumuten, von einem Buche wie »Verstandestum und Individuum« mehr als eine Seite zu lesen, geschweige noch eine Kritik desselben anzuhören. Doch wollen wir Herrn Kuno Fischer zur gefälligen Kenntnisnahme mitteilen, dass der Verfasser von »Verstandestum und Individuum« eine Kritik in der evangelischen Kirchenzeitung gegen sich selbst geschrieben. Vielleicht aber ist Herrn Kuno Fischer dieses burleske Handeln eines Mannes, der à tout prix berühmt werden will, besser bekannt als uns.

ENDE.