Es sind gegen den »Einzigen und sein Eigentum« von Max Stirner folgende drei grössere Aufsätze erschienen:
1) Kritik von Szeliga im Märzhefte der Norddeutschen Blätter.
2) Über das Wesen des Christentums in Beziehung auf den Einzigen und sein Eigentum - im vorigen Bande von Wigands Vierteljahrsschrift.
3) Eine Broschüre: Die letzten Philosophen von M. Hess.
Szeliga tritt als Kritiker auf, Hess als Sozialist, und der Verfasser des zweiten Aufsatzes als - Feuerbach.
Wenn auch vielleicht nicht den genannten Rezensenten, so mag doch manchem anderen Leser des Buches eine kurze Erwiderung von Nutzen sein.
Über diejenigen Worte, welche in Stirners Buche die auffälligsten
sind, über den »Einzigen« nämlich und den
»Egoisten«, stimmen die drei Gegner untereinander überein.
Es wird daher am dienlichsten sein, diese Einigkeit zu benutzen
und die berührten Punkte vorweg zu besprechen.
Nachdem Szeliga den Einzigen in allem Ernste hat »werden«
lassen und ihn mit dem »Manne« identifiziert
(S. 4: »der Einzige ist doch nicht immer Einziger, nicht
immer Mann, sondern einst Kind und darauf Jüngling gewesen«),
macht er ein »Weltgeschichtsindividuum« aus ihm und
findet endlich nach einiger Definition von Gespenstern (wobei
herauskommt, dass »ein gedankenloser Geist ein Leib, und
dass der blosse, blanke Leib die Gedankenlosigkeit ist«),
es sei der Einzige »folglich das Gespenst aller Gespenster«.
Zwar fügt er hinzu: »Für den Kritiker, der in der
Weltgeschichte nicht bloss fixe Ideen einander ablösen, sondern
schöpferische Gedanken sich fort und fort entwickeln sieht,
für den Kritiker ist der Einzige dennoch kein Gespenst, sondern
eine Tat des schaffenden Selbstbewusstseins, welche zu ihrer,
unserer Zeit auftreten und ihre, eine bestimmte Aufgabe
erfüllen musste« - allein diese »Tat« ist
doch nur ein »Gedanke«, ein »Prinzip« und
ein Buch.
Feuerbach lässt sich auf den »Einzigen« nicht genauer
ein, als dass er ihn ohne weiteres für ein »einziges
Individuum« ansieht, welches »aus einer Klasse oder
Gattung ausgewählt und als heilig, unverletzlich den übrigen
Individuen gegenübergestellt wird.« In diesem Auswählen
und Gegenüberstellen »bestehe das Wesen der Religion.
Dieser Mensch, dieser Einzige, Unvergleichliche, dieser Jesus
Christus ausschliesslich und allein ist Gott, diese Eiche, dieser
Ort, dieser Hain, dieser Stier, dieser Tag ist heilig, nicht die
übrigen.« Er schliesst: »Schlage dir den Einzigen
im Himmel, aber schlage dir auch den Einzigen auf Erden aus dem
Kopfe.«
Hess spielt eigentlich nur auf den Einzigen an. Erst identifiziert
er »Stirner« mit dem »Einzigen«, dann sagt
er von letzterem, »er ist der kopf- und herzlose Rumpf, d.h.
er hat eben diese Illusion - denn er ist in der Tat nicht nur
geistlos, sondern auch leiblos, er ist nichts, als
seine Illusion«, und endlich spricht er über Stirner,
»den Einzigen«, das Urteil: »er renommiert nur.«
Der Einzige erscheint hiernach als »das Gespenst aller Gespenster«,
als das »heilige Individuum, welches man sich aus dem Kopfe
schlagen müsse«, und als der blasse »Renommist.«
Stirner nennt den Einzigen und sagt zugleich: Namen nennen dich
nicht; er spricht ihn aus, indem er ihn den Einzigen nennt, und
fügt doch hinzu, der Einzige sei nur ein Name; er meint also
etwas anderes als er sagt, wie etwa derjenige, der dich Ludwig
nennt, nicht einen Ludwig überhaupt, sondern dich
meint, für den er kein Wort hat.
Was Stirner sagt, ist ein Wort, ein Gedanke, ein Begriff;
was er meint, ist kein Wort, kein Gedanke, kein Begriff.
Was er sagt, ist nicht das Gemeinte, und was er meint, ist unsagbar.
Man schmeichelte sich immer, dass man vom »wirklichen, individuellen«
Menschen rede, wenn man vom Menschen sprach; war das aber möglich,
so lange man diesen Menschen durch ein allgemeines,
ein Prädikat auszudrücken begehrte? Musste man nicht,
um diesen zu bezeichnen, statt zu einem Prädikate
vielmehr zu einer Bezeichnung, einem Namen seine Zuflucht nehmen,
wobei die Meinung, d.h. das Unausgesprochene, die Hauptsache
ist? Die einen beruhigten sich bei der »wahren, ganzen Individualität«,
die doch nicht von der Beziehung auf die »Gattung« frei
wird; andere bei dem »Geiste«, welcher gleichfalls eine
Bestimmtheit ist, nicht die völlige Bestimmungslosigkeit.
Im »Einzigen« nur scheint diese Bestimmungslosigkeit
erreicht zu sein, weil er als der gemeinte Einzige gegeben
wird, weil, wenn man ihn als Begriff, d.h. als Ausgesprochenes,
fasst, er als gänzlich leer, als bestimmungsloser Name erscheint,
und somit auf seinen Inhalt ausserhalb oder jenseits
des Begriffes hinweist. Fixiert man ihn als Begriff - und
das tun die Gegner - so muss man eine Definition desselben
zu geben suchen und wird dadurch notwendig auf etwas anderes kommen,
als auf das Gemeinte; man wird ihn von anderen Begriffen
unterscheiden und z.B. als das »allein vollkommene Individuum«
auffassen, wodurch es dann leicht wird, seinen Unsinn darzutun.
Kannst du dich aber definieren, bist du ein Begriff?
Der »Mensch« als Begriff oder Prädikat erschöpft
dich nicht, weil er einen eigenen Begriffsinhalt hat, und
weil sich sagen lässt, was menschlich und der Mensch
ist, d.h. weil er einer Definition fähig ist, wobei du
ganz aus dem Spiele bleiben kannst. Allerdings hast auch du als
Mensch deinen Anteil an dem Begriffsinhalt des Menschen, aber
du hast ihn nicht als du daran. Der Einzige hingegen hat
gar keinen Inhalt, ist die Bestimmungslosigkeit selber; Inhalt
und Bestimmung wird ihm erst durch dich. Es gibt keine
Begriffsentwicklung des Einzigen, es kann kein philosophisches
System aus ihm, als aus einem »Prinzipe« erbaut werden,
wie aus dem Sein, dem Denken oder dem Ich; es ist vielmehr alle
Begriffsentwicklung mit ihm zu Ende. Wer ihn als ein »Prinzip«
ansieht, der denkt ihn philosophisch oder theoretisch behandeln
zu können und führt notwendigerweise nutzlose Lufthiebe
gegen ihn. Sein, Denken, Ich - sind nur unbestimmte Begriffe,
welche durch andere Begriffe, d.h. durch Begriffsentwicklung,
Bestimmung erhalten; der Einzige aber ist bestimmungsloser
Begriff und kann durch keine anderen Begriffe bestimmter gemacht
werden oder einen »näheren Inhalt« bekommen: er
ist nicht
das »Prinzip einer Begriffsreihe«, sondern ein als Wort
oder Begriff aller Entwicklung unfähiges Wort oder Begriff.
Die Entwicklung des Einzigen ist deine und meine Selbstentwicklung,
eine ganz einzige Entwicklung, da deine Entwicklung
durchaus nicht meine Entwicklung ist. Nur als Begriff,
d.h. nur als »Entwicklung«, sind sie ein und dasselbe;
dagegen ist deine Entwicklung so verschieden und einzig als die
meinige.
Es ist, indem du der Inhalt des Einzigen bist, an einen
eigenen Inhalt des Einzigen, d.h. an einen Begriffsinhalt
nicht mehr zu denken.
Durch das Wort Einziger soll nicht gesagt werden, was du bist,
wie man dadurch, dass man bei der Taufe dir den Namen Ludwig zulegt,
nicht sagen will, was du bist.
Mit dem Einzigen ist das Reich der absoluten Gedanken,
d.h. der Gedanken, welche einen eigenen Gedankeninhalt haben,
abgeschlossen, wie mit dem inhaltsleeren Namen der Begriff und
die Begriffswelt ausgeht: der Name ist das inhaltsleere Wort,
dem ein Inhalt nur durch die Meinung gegeben werden kann.
Es wird aber im Einzigen nicht etwa nur, wie die genannten Gegner
sich's vorstellen, die »Lüge der bisherigen egoistischen
Welt« offenbar; nein, in seiner Nacktheit und Kahlheit, in
seiner schamlosen »Aufrichtigkeit« (s. Szeliga, S. 34)
kommt die Nacktheit und Kahlheit der Begriffe und Ideen ans Tageslicht,
wird der eitle Prunk seiner Gegner offenbar, wird es klar, dass
die grösste »Phrase« diejenige ist, die
das inhaltsvollste Wort zu sein scheint. Der Einzige ist die aufrichtige,
unleugbare, offenbare - Phrase; er ist der Schlussstein unserer
Phrasenwelt, dieser Welt, in deren »Anfang das Wort
war«.
Der Einzige ist eine Aussage, von welcher mit aller
Offenheit und Ehrlichkeit eingeräumt wird, dass sie - nichts
aussagt. Der Mensch, der Geist, das wahre Individuum, die Persönlichkeit
u.s.f. sind Aussagen oder Prädikate, welche von einer Fülle
des Inhalts strotzen, Phrasen mit höchstem Gedankenreichtum;
der Einzige ist, gegenüber jenen heiligen und erhabenen Phrasen,
die leere, anspruchslose und ganz gemeine Phrase.
So etwas ahnten die Rezensenten am Einzigen; sie hielten sich
daran, dass er eine Phrase sei. Aber sie meinten, er machte wieder
darauf Anspruch, eine heilige, erhabene Phrase zu sein, und bestritten
ihm diesen Anspruch. Er soll jedoch nichts als die gemeine Phrase
sein, nur dass er eben dadurch das wirklich ist, was die hochtrabenden
Phrasen der Gegner nicht zu sein vermögen, und dass er so
die Phrasenmacherei zu Schanden macht.
Der Einzige ist ein Wort, und bei einem Worte müsste man
sich doch etwas denken können, ein Wort müsste
doch einen Gedankeninhalt haben. Aber der Einzige ist ein gedankenloses
Wort, es hat keinen Gedankeninhalt. - Was ist aber dann sein Inhalt,
wenn der Gedanke es nicht ist? Einer, der nicht zum zweiten Male
dasein, folglich auch nicht ausgedrückt werden kann;
denn könnte er ausgedrückt, wirklich und ganz ausgedrückt
werden, so wäre er zum zweiten Male da, wäre im »Ausdruck«
da.
Weil der Inhalt des Einzigen kein Gedankeninhalt ist, darum ist
er auch undenkbar und unsagbar, weil aber unsagbar, darum ist
er, diese vollständige Phrase, zugleich - keine Phrase.
Erst dann, wenn nichts von dir ausgesagt und du nur genannt
wirst, wirst du anerkannt als du. Solange etwas von dir
ausgesagt wird, wirst du nur als dieses Etwas
(Mensch, Geist, Christ u.s.f.) anerkannt. Der Einzige sagt aber
nichts aus, weil er nur Name ist, nur dies sagt, dass du du, und
nichts anderes als du bist, dass du ein einziges du oder
du selber bist. Hierdurch bist du prädikatlos, damit aber
zugleich bestimmungslos, beruflos, gesetzlos u.s.w.
Es war die Spekulation darauf gerichtet, ein Prädikat zu
finden, welches so allgemein wäre, dass es jeden
in sich begriffe. Ein solches durfte doch jedenfalls nicht ausdrücken,
was jeder sein soll, sondern was er ist. Wenn also
»Mensch« dies Prädikat wäre, so müsste
darunter nicht etwas verstanden werden, was jeder werden soll,
da sonst alle, die es noch nicht geworden, davon ausgeschlossen
wären, sondern etwas, was jeder ist. Nun, »Mensch«
drückt auch wirklich aus, was jeder ist. Allein dieses
Was ist zwar Ausdruck für das Allgemeine in
jedem, für das, was jeder mit dem anderen gemein hat, aber
es ist nicht Ausdruck für den »Jeder«, es drückt
nicht aus, wer jeder ist. Bist du damit erschöpft,
dass man sagt, Du seist Mensch? Hat man damit auch ausgesprochen,
wer du bist? Erfüllt jenes Prädikat »Mensch«
die Aufgabe des Prädikats, das Subjekt ganz auszudrücken,
und lässt es nicht im Gegenteil am Subjekte gerade die Subjektivität
weg und sagt nicht, wer, sondern nur, was das Subjekt sei?
Soll daher das Prädikat einen jeden in sich begreifen,
so muss ein jeder darin als Subjekt erscheinen d.h. nicht bloss
als das, was er ist, sondern als der, der er ist.
Wie aber kannst du auftreten als der, der du bist, wenn du nicht
selber auftrittst? Bist du ein Doppelgänger oder bist du
nur einmal da? Du bist nirgends ausser dir, bist nicht zum zweiten
Male in der Welt, du bist - einzig. Du kannst nur auftreten, wenn
du leibhaftig auftrittst.
«Du bist einzig« - ist das nicht ein Urteil? Wenn du
in dem Urteil »Du bist Mensch« nicht als der, der
du bist, auftrittst, trittst du dann in dem Urteil »Du bist
einzig« wirklich als du auf? Das Urteil »Du bist einzig«
heisst nichts anderes als »Du bist du«, ein Urteil,
welches der Logiker ein widersinniges Urteil nennt, weil es nichts
urteilt, nichts sagt, weil es leer oder ein Urteil ist, das kein
Urteil ist. - (Im Buche S. 232 ist das widersinnige Urteil so
genommen, wie es als »unendliches« oder unbestimmtes
erscheint; hier hingegen nach der Seite, wie es das »identische«
Urteil ist.)
Was der Logiker verächtlich behandelt, das ist freilich unlogisch
oder nur »formell logisch«; aber es ist auch,
logisch betrachtet, nur noch eine Phrase; es ist die als
Phrase verendende Logik.
Der Einzige soll nur die letzte, die sterbende Aussage (Prädikat)
von dir und Mir, soll nur diejenige Aussage sein, welche in die
Meinung umschlägt: eine Aussage, die keine mehr ist, eine
verstummende, stumme Aussage.
Du-Einziger! Was ist hierin noch für ein Gedankeninhalt,
für ein Inhalt des Urteils? Keiner! - Wer aus dem Einzigen
als aus einem Begriff noch einen eigenen Gedankeninhalt ableiten
wollte, wer da meinte, mit dem »Einzigen« sei von dir
ausgesagt, was du seist: der würde eben beweisen,
dass er an Phrasen glaubt, weil er die Phrasen nicht als Phrasen
erkennt, er würde zeigen, dass er in der Phrase einen eigenen
Inhalt sucht.
Du, Undenkbarer und Unaussprechlicher, bist der Phraseninhalt,
der Phraseneigner, die leibhaftige Phrase, du bist der Wer, der
Der der Phrase.
Im Einzigen kann die Wissenschaft als Leben aufgehen, in dem ihr
Das zum Der und Der wird, der sich dann nicht mehr
im Worte, im Logos, im Prädikate sucht.
Szeliga nimmt sich die Mühe zu zeigen, dass der Einzige,
»mit seinem eigenen Prinzip, überall Gespenster zu sehen,
gemessen, zum Gespenst aller Gespenster wird.« Es schwant
ihm, dass der Einzige die leere Phrase sei; dass er selbst aber,
Szeliga, der Phraseninhalt sei, lässt er ausser Acht.
Der Einzige im Himmel, welchen Feuerbach dem Einzigen auf Erden
zur Seite stellt, ist die Phrase ohne Phraseneigner. Der gedachte
Einzige heisst Gott. Das hat eben der Religion ihre Dauer gesichert,
dass sie den Einzigen wenigstens in Gedanken oder als Phrase
hatte, dass sie ihn im Himmel sah. Aber der Einzige im
Himmel ist eben ein Einziger, dessen sich keiner annimmt, wogegen
sich des stirner'schen Einzigen Feuerbach nolens volens
annimmt, da er es wunderlich anstellen müsste, wenn er sich
seinen Einzigen aus dem Kopf schlagen wollte. Wäre
der Einzige im Himmel einer, der in seinem eigenen Kopf statt
in Feuerbachs Kopf steckte, so sollte es ihm schwer werden, sich
den Einzigen aus dem Kopf zu schlagen.
Hess sagt vom Einzigen: »Er renommiert.« Ohne Zweifel
ist der Einzige, diese offenkundige Phrase, eine leere Renommage;
er ist Feuerbachs Phrase ohne Phraseneigner. Ist es aber nicht
eine klägliche Renommage, damit ein langes und breites zu
renommieren, dass man die Renommage und weiter nichts aus ihm
herausgefunden hat? Ist denn Hess, dieser einzige Hess,
auch nichts weiter als eine Renommage? Doch wohl nicht!
Mehr Ärgernis noch als an dem Einzigen nehmen die Rezensenten
an dem »Egoisten.« Statt auf den Egoismus, wie er von
Stirner aufgefasst wird, näher einzugehen, bleiben sie bei
ihrer von Kindesbeinen an gewohnten Vorstellung von demselben
stehen und rollen sein allem Volke so wohlbekanntes Sündenregister
auf. Seht hier den Egoismus, die gräuliche Sünde - den
will uns Stirner »empfehlen«!
Gegen die christliche Definition: »Gott ist die Liebe«
konnten die Rezensenten im alten Jerusalem aufstehen und rufen:
Da seht ihr, dass es ein heidnischer Gott ist, der von den Christen
verkündet wird; denn ist Gott die Liebe, so ist er der Gott
Amor, der Liebesgott! - Was brauchten die jüdischen Rezensenten
sich weiter auf die Liebe und den Gott, welcher die Liebe ist,
einzulassen, da sie den Liebesgott, den Amor, längst anspieen?
Szeliga charakterisiert den Egoisten so: »Der Egoist hofft
auf ein sorgenfreies, glückliches Leben. Er heiratet ein
reiches Mädchen - und hat nun eine eifersüchtige, keifende
Frau, d.h. seine Hoffnung ist realisiert, getäuscht worden.«
Feuerbach sagt: »Es ist ein begründeter Unterschied
zwischen dem, was man selbstsüchtige, eigennützige und
dem, was man uneigennützige Liebe nennt. Welcher? In Kürze
dieser: in der eigennützigen Liebe ist der Gegenstand deine
Hetäre, in der uneigennützigen deine Geliebte. Dort
befriedige ich mich wie hier, aber dort unterordne ich das Wesen
einem Teil, hier aber den Teil, das Mittel, das Organ dem Ganzen,
dem Wesen, dort befriedige ich eben deswegen auch nur einen Teil
von mir, hier aber mich selbst, mein volles, ganzes Wesen. Kurz:
in der eigennützigen Liebe opfere ich das Höhere dem
Niederen, einen höheren Genuss folglich
einem niedrigeren, in der uneigennützigen aber das Niedere
dem Höheren auf.«
Hess fragt: »Was ist zunächst der Egoismus überhaupt,
und worin besteht der Unterschied zwischen dem egoistischen Leben
und dem Leben in der Liebe?« - Schon diese Frage zeigt seine
Verwandtschaft mit den beiden Vorhergehenden. Wie kann gegen Stirner
ein solcher Gegensatz von egoistischem Leben und Leben in der
Liebe geltend gemacht werden, da sich bei ihm beide vielmehr vollständig
vertragen? Hess fährt fort: »Das egoistische Leben ist
das mit sich zerfallene, sich selbst verzehrende Leben der Tierwelt.
Die Tierwelt ist eben die Naturgeschichte des mit sich zerfallenen,
sich selber zerstörenden Lebens überhaupt, und unsere
ganze bisherige Geschichte ist nichts als die Geschichte der sozialen
Tierwelt. - Wodurch unterscheidet sich aber die soziale
Tierwelt von der Tierwelt im Walde? Durch nichts als ihr
Bewusstsein. Die Geschichte der sozialen Tierwelt ist eben
die Geschichte des Bewusstseins der Tierwelt, und ist die letzte
Spitze der natürlichen Tierwelt das Raubtier, so ist
der Höhepunkt der sozialen Tierwelt eben das bewusste
Raubtier. - Wie der Egoismus die gegenseitige Entfremdung
der Gattung ist, so ist das Bewusstsein dieser Entfremdung (das
egoistische Bewusstsein) das religiöse Bewusstsein.
Die Tierwelt im Walde hat lediglich deshalb keine Religion, weil
ihr das Bewusstsein ihres Egoismus, ihrer Entfremdung d.h.
weil ihr das Sündenbewusstsein fehlt. Das erste Bewusstsein
in der Menschheit ist das Sündenbewusstsein. - Als die egoistische
Theorie, das egoistische Bewusstsein, Religion und Philosophie,
ihren Gipfelpunkt erreicht hatten, musste auch die egoistische
Praxis ihren Gipfelpunkt erreicht haben. Sie hat ihn erreicht
in der moder-
nen, christlichen Krämerwelt. Diese ist die letzte
Spitze der sozialen Tierwelt. - Die freie Konkurrenz unserer modernen
Krämerwelt ist nicht nur die vollendete Form des Raubmordes,
sie ist zugleich das Bewusstsein der gegenseitigen, menschlichen
Entfremdung. - Die heutige Krämerwelt ist die vermittelte,
ihrem Wesen entsprechende, bewusste und prinzipielle Form des
Egoismus.«
Das sind höchst populäre Charakteristiken des Egoismus,
und es ist nur zu verwundern, dass Stirner nicht selbst dergleichen
einfache Reflexionen anstellte und sich durch die Betrachtung,
wie einfältig, wie gemein und wie raubmörderisch der
Egoismus sei, bestimmen liess, dem hässlichen Ungetüm
abzusagen. Hätte er, wie Szeliga, bedacht, dass der Egoist
nichts als ein Einfaltspinsel sei, der ein reiches Mädchen
heiratet und eine keifende Frau bekommt, hätte er, wie Feuerbach,
gesehen, dass der Egoist keine »Geliebte« haben kann,
oder hätte er, wie Hess, in dem Egoisten den Tiermenschen
richtig erkannt oder gar den »Raubmord« an ihm gewittert,
wie sollte er denn nicht gegen ihn einen »tiefen Abscheu«
und eine »gerechte Entrüstung« gefasst haben! Der
Raubmord allein ist ja schon eine solche Infamie, dass Hess eigentlich
nur dieses einzige Wort gegen Stirners Egoisten auszurufen brauchte,
um alle »guten Menschen« gegen ihn aufzubringen und
auf seiner Seite zu haben: das Wort ist gut gewählt und -
ergreifend für ein sittliches Herz, wie ohngefähr der
Ausruf »Ketzer« für einen rechtgläubigen Haufen.
Stirner erkühnt sich zu sagen, Feuerbach, Hess, Szeliga seien
Egoisten. Er bescheidet sich freilich, hiermit nichts als ein
identisches Urteil auszusprechen, indem er
sagt, Feuerbach tue platterdings nichts als Feuerbachisches, Hess
nichts als Hessisches, Szeliga nichts als Szeligasches; allein
er hat ihnen doch einen gar zu anrüchigen Titel gegeben.
Lebt Feuerbach in einer anderen als in seiner Welt? Lebt
er etwa in Hess', in Szeligas, in Stirners Welt? Ist die Welt
nicht dadurch, dass Feuerbach in ihr lebt, die ihn umgebende,
die von ihm d.h. feuerbachisch empfundene, angeschaute, gedachte
Welt? Er lebt nicht bloss mitten in ihr, sondern ist ihre Mitte
selbst, ist der Mittelpunkt seiner Welt. Und wie Feuerbach,
so lebt niemand in einer andern, als in seiner Welt, wie Feuerbach,
so ist jeder das Centrum seiner Welt. Welt ist ja nur das, was
er nicht selber ist, was aber zu ihm gehört, mit ihm in Beziehung
steht, für ihn ist.
Um dich dreht sich alles, du bist die Mitte der Aussenwelt und
die Mitte der Gedankenwelt. Deine Welt reicht so weit als dein
Fassungsvermögen reicht, und was du umfassest, das ist durch
das blosse Fassen dein eigen. Du Einziger bist »Einziger«
nur zusammen mit »Deinem Eigentum.«
Indessen entgeht es dir nicht, dass, was dein eigen ist, zugleich
sein eigen ist oder ein eigenes Dasein hat, ein Einziges
ist gleich dir. Hierüber vergissest du dich selbst in süsser
Selbstvergessenheit.
Wenn du dich aber vergessen hast, bist du dann ganz verschwunden,
wenn du nicht an dich denkst, hast du dann überhaupt aufgehört
zu sein? Wenn du in das Auge deines Freundes blickst oder über
eine Freude sinnst, welche du ihm bereiten möchtest, wenn
du zu den Sternen aufschaust, ihrem Gesetze nachgrübelst
oder auch Grüsse ihnen zusendest, die sie in ein einsames
Stübchen tragen, wenn du mikroskopisch
dich in das Treiben der Infusionstierchen verlierst; wenn du
einem Menschen in Feuers- oder Wassersnot, ohne der eigenen Gefahr
zu denken, zu Hilfe eilst: so »denkst« du gewiss nicht
an dich, so »vergissest« du dich. Bist du aber
nur, wenn du an dich denkst und verkommst du, wenn du dich
vergisst; bist du nur durch das Selbstbewusstsein? Wer vergässe
sich nicht alle Augenblicke, wer verlöre sich nicht tausendmal
in einer Stunde aus den Augen?
Diese Selbstvergessenheit, dieses Selbstverlieren
ist ja nur eine Weise unserer Befriedigung, ist nur Genuss unserer
Welt, unseres Eigentums, d.h. Weltgenuss.
Nicht in diesem Selbstvergessen, sondern in dem Vergessen dessen,
dass die Welt unsere Welt ist, hat die Uneigennützigkeit,
d.h. der düpierte Egoismus, ihren Grund. Vor einer absoluten,
einer »höheren« Welt wirfst du dich nieder und
wirfst dich weg. Die Uneigennützigkeit ist nicht ein Selbstvergessen
in dem Sinne, dass man nicht an sich denkt und sich [nicht] mit
sich beschäftigt, sondern in dem anderen, dass man an der
Welt das »Unsere« vergisst, dass man vergisst, man sei
der Mittelpunkt oder Eigner dieser Welt, sie aber unser
Eigentum. Die Furcht und Scheu vor der Welt als einer »höheren«
Welt ist der entmutigte, der »demütige« Egoismus,
der Egoismus in Knechtsgestalt, der sich nicht zu mucken getraut,
im Stillen schleicht und »sich verleugnet« - ist Selbstverleugnung.
Unsere Welt und die heilige Welt - darin liegt der Unterschied
des aufrichtigen und des selbstverleugnenden, uneingeständigen,
inkognito kriechenden Egoismus.
Wie verhält es sich etwa mit Feuerbachs Beispiel von der
Hetäre und Geliebten? Im ersteren Falle ein
Geschäftsverhältnis ohne persönliches Interesse
(und wird es nicht in unzähligen anderen, ganz verschiedenen
Fällen beim Geschäftsverhältnis sein Bewenden haben
müssen, wird man immer ein Interesse für die Person,
mit der man's zu tun hat, ein persönliches Interesse, fassen
können?), im zweiten ein persönliches Verhältnis.
Was ist aber der Sinn des letzteren Verhältnisses? Doch wohl
das gegenseitige Interesse an der Person. Verschwände dies
Personen-Interesse aus dem Verhältnisse, dann wäre dasselbe
sinnlos geworden; denn dieses Interesse ist ja allein sein
Sinn. Was ist nun die Ehe, die man als ein »heiliges Verhältnis«
preist, anderes als die Fixierung eines interessanten Verhältnisses
trotz der Gefahr, dass es uninteressant und sinnlos werde? Man
sagt wohl, sie dürfe nur nicht »leichtsinnig« geschieden
werden. Aber warum nicht? Weil der Leichtsinn »Sünde«
ist, wenn es sich um eine »heilige Sache« handelt. Der
Leichtsinn soll nicht sein! Da steht dann ein Egoist, der um seinen
Leichtsinn geprellt wird und sich selbst verdammt, in einem uninteressanten,
aber heiligen Verhältnis fortzuleben. Aus dem egoistischen
Verein ist eine »heilige Verbindung« geworden; das Interesse
der Personen aneinander hört auf, aber die uninteressante
Verbindung bleibt.
Ein anderes Beispiel des Uninteressanten ist die Arbeit, welche
für eine Lebensaufgabe, einen Beruf des Menschen gilt. Aus
ihr schreibt sich der Wahn her, dass man sein Brot verdienen
müsse, und dass es eine Schande sei, Brot zu haben, ohne
etwas dafür getan zu haben: es ist der Stolz des Verdienstes.
Das Arbeiten hat für sich gar keinen Wert und macht
keinem Menschen Ehre, wie das arbeitslose Leben des Lazzarone
diesem keine Schande macht. Entweder nimmst du an der Arbeitstä-
tigkeit selbst ein Interesse, und es lässt dir keine Ruhe,
du musst tätig sein: dann ist die Arbeit deine Lust, dein
spezielles Vergnügen, ohne darin höher zu stehen als
die Faulheit des Lazzarone, die eben auch seine Lust ist. Oder
du verfolgst durch die Arbeit ein anderes Interesse, ein Resultat
oder einen »Lohn«, und unterziehst dich ihr nur als
einem Mittel, das zum Zweck führt: dann ist sie zwar
für sich nicht interessant, macht aber auch keinen Anspruch
darauf, das für sich Interessante zu sein, und du kannst
es wissen, dass sie nicht etwas für sich Wertvolles oder
Heiliges, sondern eben nur eine dermalen unvermeidliche
Sache ist, um das beabsichtigte Ergebnis, den Lohn, zu
gewinnen. Aber die Arbeit, die als eine »Ehre des Menschen«
und als sein »Beruf« betrachtet wird, ist Schöpferin
der Nationalökonomie geworden, und bleibt Herrin des heiligen
Sozialismus, wo sie als »menschliche Arbeit« die »menschlichen
Anlagen ausbilden soll«, und wo diese Ausbildung eine menschliche
Berufssache, ein absolut Interessantes ist. (Hierüber später
einmal ein mehr).
Der Glaube, dass irgendetwas anderes als ein Interesse das Zugewandtsein
zu einer Sache rechtfertigen könne, der über das Interesse
hinausgehende Glaube, erzeugt die Uninteressiertheit, ja die »Sünde«,
als ein Hangen am eignen Interesse.
Erst vor dem heiligen Interesse wird das eigene
Interesse zum »Privatinteresse«, zum verabscheuten »Egoismus«,
zur »Sünde«. Stirner signalisiert S.224 [188] den
Unterschied des heiligen und des eigenen Interesses in Kürze
so: »Gegen jenes kann Ich Mich versündigen, dieses
nur verscherzen.«
Das heilige Interesse ist das Uninteressante, weil es ein absolutes
oder ein Interesse für sich ist, gleichviel ob du
daran ein Interesse nimmst oder nicht. du sollst es zu
deinem Interesse machen; es ist nicht ursprünglich dein,
ist nicht aus dir geboren, sondern ein ewiges, ein allgemeines,
ein rein menschliches. Es ist uninteressant, weil auf dich und
dein Interesse dabei keine Rücksicht genommen wird; es ist
ein Interesse ohne Interessenten, weil es ein allgemeines oder
ein Interesse des Menschen ist. Und weil du nicht Eigner
desselben bist, sondern sein Anhänger und Diener werden sollst,
darum hört ihm gegenüber der Egoismus auf und die »Uninteressiertheit«
beginnt.
Nimm dir nur ein heiliges Interesse zu Herzen, so bist
du gefangen und wirst um deine eigenen Interessen betrogen
werden. Sprich das Interesse, welches du heute verfolgst, heilig,
so bist du morgen sein Sklave.
Alles Verhalten zu einem absolut Interessanten oder zu einem an
und für sich Wertvollen ist religiöses Verhalten oder
schlechtweg Religion. Das Interessante kann nur durch dein
Interesse interessant, das Wertvolle nur durch dein Wertbeilegen
wertvoll sein, wogegen das trotz dir Interessante ein Uninteressantes,
das trotz dir Wertvolle ein Unwürdiges ist.
Das Interesse jener Geister, wie das der Gesellschaft, des Menschen,
des menschlichen Wesens, der Menschen als Aller, ihr »wesentliches
Interesse«, ist fremdes Interesse und soll
dein Interesse sein. Das Interesse der Geliebten ist dein
Interesse und nur solange es dein Interesse ist, interessiert
es dich. Erst dann, wenn es aufhört, dein Interesse zu sein,
kann es zu einem heiligen Interesse werden, zu einem Interesse
nämlich, welches sein soll, obgleich es nicht dein
ist. Das bis dahin interessante Verhältnis wird nun zu einem
uninteressierten und uninteressanten.
Im Geschäftsverhältnis und im persönlichen Verhältnis
ist dein Interesse das Erste, und alle Aufopferungen geschehen
lediglich zum Besten dieses deines Interesses, wogegen im religiösen
Verhältnis das religiöse Interesse des Absoluten oder
des Geistes, d.h. das dir fremde Interesse, das Erste ist,
und deine Interessen diesem fremden Interesse geopfert
werden sollen.
Der betrogene Egoismus besteht daher in dem Glauben an ein absolut
Interessantes, an ein nicht aus dem Egoisten, d.h. dem sich
Interessierenden, entspringendes, sondern gegen denselben gebieterisches
und für sich festes, an ein »ewiges« Interesse.
»Betrogen« ist hierin der Egoist, weil sein eigenes
Interesse, das »Privatinteresse«, nicht nur unberücksichtigt
gelassen, sondern sogar verdammt wird, und »Egoismus«
bleibt es dennoch, weil er auch dieses fremden oder absoluten
Interesses sich nur in der Hoffnung annimmt, es werde ihm Genuss
gewähren.
Dieses absolut Interessante, welches ohne den Interessenten interessant
sein soll, welches also, statt Sache eines Einzigen zu sein, sich
vielmehr erst »Gefässe seiner Ehre«, oder Menschen,
welche seine »Rüstzeuge und Werkzeuge« sein sollen,
sucht, nennt Stirner schlechtweg »das Heilige«. Das
Heilige ist in der Tat das absolut Uninteressante, da es das Interessante
zu sein Anspruch macht, selbst wenn sich kein Mensch dafür
interessierte; es ist zugleich das »allgemein«, d.h.
subjektlos Interessante, weil es nicht ein einzig Interessantes,
ein Interesse eines Einzigen ist. Mit anderen Worten: Dieses »allgemeine
Interesse« ist mehr als du - ein »Höheres«;
ist auch ohne dich - ein »Absolutes«; ist ein Interesse
für sich - ein dir Fremdes; stellt an dich die Forderung,
ihm
zu dienen, und findet dich bereitwillig, wenn du dich - betören
lässt.
Um bei Feuerbachs rührender Definition von der Hetäre
zu bleiben, so ist da einer oder eine, die gerne unkeusch sein
möchten, weil der Naturtrieb ihnen keine Ruhe lässt.
Aber, sagen sie sich, weisst du wohl, was Unkeuschheit ist? Sie
ist eine Sünde, eine Gemeinheit, sie schändet uns. Sagten
sie, wir würden durch Unkeuschheit andere Interessen, die
uns noch wichtiger sind als dieser Sinnengenuss, verscherzen,
so wäre das kein religiöses Bedenken, und sie brächten
ihr Opfer nicht der Keuschheit, sondern anderen Vorteilen, um
welche sie sich nicht bringen mögen. Versagen sie sich hingegen
die Stillung des Naturtriebes um der Keuschheit willen, so geschieht
es aus religiösen Bedenken. Was für ein Interesse haben
sie an der Keuschheit? Ohne Zweifel kein natürliches, denn
ihre Natur rät ihnen zur Unkeuschheit: ihr wirkliches, unverkennbares
und unleugbares Interesse ist die Unkeuschheit. Aber die Keuschheit
ist ein Bedenken ihres Geistes, weil sie ein Interesse
des Geistes, ein geistiges Interesse ist: sie ist ein absolutes
Interesse, vor welchem die natürlichen und »Privatinteressen«
schweigen müssen, und welches den Geist bedenklich
macht. Dieses Bedenken nun werfen die einen durch einen »Ruck«,
durch den Ausruf »dummes Zeug« von sich, weil ihnen,
so bedenklich oder religiös sie auch sonst sein mögen,
hier ein Instinkt sagt, dass der Geist gegen den Naturtrieb ein
griesgrämiger Despot sei - während andere das Bedenken
selbst durch weiteres Denken überwinden und sich auch theoretisch
sicher stellen: jene schlagen die Bedenken nieder, diese lösen
- vermöge ihrer Virtuosität im Denken (die ihnen
das Denken zum Bedürf-
nis und interessant macht) - die Bedenken auf. - Die Unkeuschheit
und die Hetäre sehen also nur deshalb so schrecklich aus,
weil sie gegen das »ewige Interesse« der Keuschheit
verstossen.
Es hat nur der Geist die Schwierigkeiten erhoben, die Bedenken
geschaffen, woraus zu folgen scheint, dass sie nur geistig oder
durch's Denken wieder weggeschafft werden können. Wie übel
wären da die armen Seelen dran, die sich jene Bedenken haben
aufschwatzen lassen, ohne die Kraft des Denkens zu besitzen, durch
welche sie derselben Herr werden könnten! Wie übel,
wenn sie darauf warten müssten, bis die reine Kritik ihnen
die Freiheit wieder gibt. Sie helfen sich aber einstweilen durch
einen gesunden, hausbackenen Leichtsinn, der für
ihr Bedürfnis gerade so gut ist als für die reine
Kritik das freie Denken, da der Kritiker als Virtuose im
Denken einen unabweislichen Drang hat, durch's Denken die Bedenken
zu überwinden.
Die Bedenken sind etwas eben so Alltägliches als das Reden
und Plaudern; - was wäre also dagegen zu sagen? Nichts -
nur sind alltägliche Bedenken kein heiliges Bedenken. Die
alltäglichen Bedenken kommen und gehen, die heiligen Bedenken
aber bleiben und sind absolut, sind absolute Bedenken (Dogmen,
Glaubenssätze, Grundsätze). Gegen sie lehnt sich der
Egoist, der Entheiliger, auf und versucht, seine egoistische Kraft
gegen ihre heilige Macht. Alles »freie Denken« ist Entheiligung
der Bedenken und ein egoistisches Treiben gegen die heilige Macht
derselben. Macht auch so manches freie Denken nach einigen Sturmschritten
Halt und bleibt wieder vor einem neuen heiligen Bedenken stehen,
vor welchem der Egoismus zu Schanden wird; so rastet doch das
freie Denken in seiner freiesten Form -
die reine Kritik - vor keinem absoluten Bedenken und entheiligt
mit egoistischer Ausdauer eine bedenkliche Heiligkeit nach der
andern. Weil aber dieses freieste Denken nur egoistisches Denken,
nur Denkfreiheit ist, so wird es selbst zu einer heiligen Macht
des Denkens und verkündet das Evangelium, dass nur im Denken
die Erlösung zu finden sei. Es tritt nur das Denken selbst
als eine heilige Sache, als ein menschlicher Beruf, als heiliges
- Bedenken auf: nur das Bedenken (Erkennen) löst hiernach
die Bedenken auf.
Könnten die Bedenken nur durch das Denken aufgelöst
werden, so würden die Menschen niemals »reif« dazu,
sie loszuwerden.
Die Bedenklichkeit ist, wenn sie auch bis zum reinen Bedenken
oder zur Reinheit der Kritik gelangt ist, dennoch nur Religiosität;
der Religiöse ist der Bedenkliche. Eine Bedenklichkeit aber
bleibt es, wenn man meint, nur durch Bedenken mit dem Bedenken
fertig werden zu dürfen, wenn man also die »bequeme«
Unbedenklichkeit als »egoistische Arbeitsscheu der
Masse« verachtet.
Dem bedenklichen Egoismus fehlt nur die Anerkennung des unbedenklichen,
um den Akzent auf den Egoismus statt auf die Bedenklichkeit zu
legen und den Egoisten als den Überwinder zu erkennen, gleichviel
ob er durch's Denken oder durch Unbedenklichkeit überwindet.
Wird hierdurch etwa das Denken »verworfen«? Nein, nur
seine Heiligkeit wird ihm abgesprochen, nur als Zweck oder
Beruf wird es verneint; als Mittel wird es jedem überlassen,
der dieses Mittels mächtig ist. Zweck des Denkens ist vielmehr
die Unbedenklichkeit, wie ja ein Denkender in jedem einzelnen
Falle mit seinem Denken darauf ausgeht, endlich den richtigen
Punkt zu
finden oder des Nachdenkens überhoben zu sein und mit der
Sache fertig zu werden. Will man aber die »Arbeit des Denkens«
heilig sprechen oder, was dasselbe ist, »menschlich«
nennen, so gibt man den Menschen nicht minder einen Beruf als
wenn man ihnen den Glauben vorschreibt, und führt von der
Unbedenklichkeit ab statt zu ihr als zu dem eigentlichen oder
egoistischen Sinn des Denkens hinzuführen. Man verleitet
die Menschen zur Bedenklichkeit und Bedächtigkeit, indem
man ihnen ein »Heil« im Denken verheisst; die Denkschwachen,
die sich dazu verleiten lassen, können aber nicht anders,
als sich wegen ihrer Denkschwäche bei irgendeinem Gedanken
- beruhigen, d.h. gläubig werden. Statt sich's mit dem Bedenken
leicht zu machen, werden sie vielmehr bedenklich werden, weil
sie wähnen, im Denken liege das Heil (Fussnote: Die religiösen
Wirren unserer Tage haben hierin ihren Grund; ja sie sind unmittelbare
Äusserungen dieser Bedenklichkeit.)
Doch die Bedenken, durch das Denken erschaffen, sind einmal da
und können allerdings auch durch das Denken gehoben werden.
Allein dieses Denken, diese Kritik kommt nur dann zum Ziele, wenn
es egoistisches Denken, egoistische Kritik ist, d.h. wenn der
Egoismus oder das Interesse gegen die Bedenken oder das Uninteressante
geltend gemacht, wenn das Interesse offen eingestanden wird, und
der Egoist vom Egoisten aus kritisiert, statt vom Christen,
vom Sozialisten, vom Humanisten, vom Menschen, vom freien Denken,
vom Geiste aus (d.h. christlich, sozialistisch etc.) zu kritisieren.
Denn das Interesse des Einzigen, also dein Interesse, wird gerade
in der heiligen oder menschlichen Welt mit Füssen getreten,
und diese selbe Welt, der z.B. Hess und Szeliga vorwerfen, sie
sei eine egoistische, hat im
Gegenteil seit Jahrtausenden den Egoisten an den Schandpfahl gebunden
und den Egoismus jedem aus dem Gebiete des Denkens oder Glaubens
hergelaufenen »Heiligen« fanatisch geopfert. Wir leben
nicht in einer egoistischen, sondern in einer bis auf den geringen
Eigentumslappen herunter durchaus heiligen Welt.
Es könnte scheinen, als müsse es zwar jedem Einzelnen
anheimgestellt werden, wie er mit den Bedenken fertig zu werden
wisse, sei aber nichts desto weniger die Aufgabe der Geschichte,
die Bedenken durch kritisches Bedenken aufzulösen. Gerade
dies jedoch bestreitet Stirner, gerade gegen diese »Aufgabe
der Geschichte« behauptet er, dass die Geschichte der Bedenken
und ihres Bedenkens zu Ende gehe. Nicht die Arbeit des Auflösens,
sondern die Willkür, welche nicht viel Federlesens mit den
Bedenken macht, nicht die Kraft des Denkens, sondern die Kraft
der Unbedenklichkeit scheint im Anzug zu sein. Das Denken kann
nur dazu dienen, die Unbedenklichkeit zu stärken und zu sichern.
Das »freie Denken« nahm seinen Ausgang von der egoistischen
oder unbedenklichen Auflehnung gegen die heiligen Bedenken,
es begann mit der Unbedenklichkeit: wer frei denkt, der
macht sich unbedenklich über die heiligsten Bedenken her
- die Unbedenklichkeit ist die Seele und der egoistische Wert
des freien Denkens. Der Wert dieses Denkens liegt nicht im Denker,
sondern im Egoisten, der seine Macht, die Denkkraft, egoistisch
über die heiligen Bedenken stellt und sie mir nichts dir
nichts angreift.
Stirner hat S.197 [164] für eben diese Unbedenklichkeit Ausdrücke
gebraucht wie »Ruck, Aufspringen, aufjauchzendes Juchhe«
und sagt: »Die ungeheure Bedeutung des gedankenlosen Jauchzens
konnte in der
langen Nacht des Denkens und Glaubens nicht erkannt werden.«
Er hat damit nichts Geringeres bezeichnet als erstlich den verborgenen,
egoistischen Grund aller und jeder Kritik eines Heiligen,
selbst der blindesten und besessensten, für's zweite aber
die einfache Form der egoistischen Kritik, die er
mittelst seiner Denkkraft (einer blossen Virtuosität)
durchzuführen den Versuch machte: er bemühte sich zu
zeigen, wie ein Unbedenklicher vom Denken »Gebrauch machen«
könne, indem er die Bedenken von sich, dem Einzigen, aus
kritisiert. Stirner lässt nur die »Erlösung der
Welt« nicht mehr in der Hand der Denkenden und Bedenklichen.
Das Jauchzen und Juchhe lässt sich leicht lächerlich
machen, wenn man die Masse und Grösse der tiefen Bedenken
ihm entgegenhält, die doch wahrlich nicht mit so geringer
Mühe zu überwinden seien. Allerdings kann die Masse
der in der Geschichte aufgehäuften und durch die Denkenden
stets von neuem erweckten Bedenken nicht durch ein blosses Juchhe
gehoben werden. Die Denkenden können sich nicht darüber
hinwegsetzen, wenn nicht zugleich ihr Denken volle Befriedigung
erhält; denn die Befriedigung ihres Denkens ist ihr wirkliches
Interesse. Das Denken darf nicht etwa durch das Jauchzen unterdrückt
werden, wie es vom Standpunkte des Glaubens aus durch den Glauben
unterdrückt werden soll. Ohnehin wird es als ein wirkliches
Interesse, also als dein Interesse, sich nicht unterdrücken
lassen. Du, der du das Bedürfnis des Denkens hast, kannst
dir die Bedenken nicht bloss wegjauchzen; du musst sie auch wegdenken.
Aber aus eben diesem Bedürfnis ist gerade Stirners egoistisches
Denken entsprungen, und ein Anfang, wenn auch noch ein sehr
unbeholfener, von ihm gemacht worden, dem Interesse
des Denkens durch den unbedenklichen Egoismus zu entsprechen,
sein Buch sollte dartun, dass das rohe Juchhe nötigenfalls
auch die Potenz hat, ein kritisches Juchhe, eine egoistische Kritik
zu werden.
Dem Egoismus liegt das Interesse zu Grunde. Ist aber das Interesse
nicht in gleicher Weise ein blosser Name, ein inhaltsleerer und
aller Begriffsentwicklung barer Begriff wie der Einzige? Die Gegner
sehen das Interesse und den Egoismus für ein »Prinzip«
an. Dazu würde gehören, dass das Interesse als absolutes
begriffen würde. Das Denken kann »Prinzip« sein,
aber dann muss es als das absolute Denken, als die ewige Vernunft,
sich selbst entwickeln; das Ich, soll es »Prinzip« sein,
muss als das absolute Ich einem darauf erbauten Systeme zu Grunde
liegen. So könnte man auch das Interesse zu einem absoluten
machen, und von ihm als dem »menschlichen Interesse«
aus eine Philosophie des Interesses herleiten; - ja, die Moral
ist wirklich das System des menschlichen Interesses.
Die Vernunft ist eine und dieselbe: was vernünftig ist, bleibt
trotz aller Torheiten und Irrtümer vernünftig; die »Privatvernunft«
hat kein Recht gegen die allgemeine und ewige Vernunft. Du sollst
und musst dich der Vernunft unterwerfen. Das Denken ist ein und
dasselbe: was wirklich gedacht wird, ist ein logisch Wahres und
trotz des entgegengesetzten Wahnes von Millionen Menschen doch
das unveränderlich Wahre: das »private« Denken,
die Meinung, muss vor dem ewigen Denken schweigen. Du
sollst und musst dich der Wahrheit unterwerfen. Jeder Mensch ist
vernünftig, jeder Mensch ist Mensch nur durch das Denken
(»Das Denken unterscheidet den Menschen vom Tiere«,
sagt der Philosoph). So ist nun auch das Interesse ein
Allgemeines,
und jeder Mensch ist ein »interessierter Mensch«. Das
ewige Interesse tritt als »menschliches Interesse« dem
»Privatinteresse« entgegen, entwickelt sich als »Prinzip«
der Moral und u.a. auch des heiligen Sozialismus, und unterwirft
dein Interesse dem Gesetze des ewigen Interesses. Es figuriert
unter mancherlei Formen, z.B. als Staatsinteresse, Kircheninteresse,
Menschheitsinteresse, Interesse »Aller«, kurz als das
wahre Interesse.
Hat nun Stirner an diesem Interesse, an dem Interesse,
sein »Prinzip«? Reizt er nicht im Gegenteil dein
einziges Interesse gegen das »ewig Interessante«,
gegen das - Uninteressante? Und ist dein Interesse ein
»Prinzip«, ein logischer - Gedanke? Es ist, gleich
dem Einzigen, eine Phrase - im Reiche des Gedankens; in
dir aber einzig wie du selber.
Es ist nötig, noch ein Wort über den Menschen zu sagen.
Wie es scheint, ist Stirners Buch gegen den Menschen geschrieben.
Dadurch, wie auch durch das Wort Egoist hat er sich die schlimmsten
Urteile zugezogen oder die hartnäckigsten Vorurteile rege
gemacht. - Ja, es ist wirklich gegen den Menschen geschrieben,
und gleichwohl hätte Stirner auf dasselbe Ziel losgehen können,
ohne die Leute so arg vor den Kopf zu stossen, wenn er die Kehrseite
herausgewendet und gesagt hätte: er schreibe gegen den
Unmenschen. Nur hätte er dann selbst die Schuld getragen,
wenn man ihn in entgegengesetzter, nämlich in sentimentaler
Weise missverstanden und in die Reihe derer gestellt hätte,
welche für den »wahren Menschen« ihre Stimme erheben.
Stirner aber sagt: Mensch ist der Unmensch, was der eine ist,
das ist der andere, was gegen den einen gesagt wird, wird gegen
den anderen gesagt.
Misst man ein Wesen an einem Begriffe, so wird es nie-
mals diesem Begriffe vollkommen entsprechend gefunden: misst man
dich an dem Begriffe Mensch, so wird sich stets herausstellen,
dass du etwas Apartes bist, etwas, was mit dem Worte Mensch nicht
ausgedrückt werden kann, also jedenfalls ein aparter Mensch.
Mutete man dir nun zu, durchaus Mensch und nichts als Mensch zu
sein, du aber könntest dein Apartes nicht abstreifen, so
wärest du durch eben dieses Aparte ein Unmensch, d.h. ein
Mensch, der nicht wahrhaft Mensch, oder ein Mensch, der eigentlich
Unmensch ist. Der Begriff Mensch hätte seine Realität
gerade im Unmenschen.
Dass, an dem Begriffe Mensch gemessen, jeder wirkliche Mensch
ein Unmensch ist, hat die Religion durch den Satz ausgedrückt,
dass alle Menschen »Sünder« seien (das Sündenbewusstsein);
heute nennt man den Sünder einen Egoisten. Und wozu entschloss
man sich in Folge dieser Einsicht? Dazu, den Sünder zu erlösen,
den Egoismus zu überwinden, den wahren Menschen zu finden
und zu realisieren. Man verwarf das Aparte, d.h. das Einzige,
zu Gunsten des Begriffs, verwarf den Unmenschen, zu Gunsten
des Menschen, und erkannte nicht, dass der Unmensch die richtige
und allein mögliche Realität des Menschen ist; man wollte
durchaus eine wahrhaft menschliche Realität des Menschen.
Man verlangte eben eine Widersinnigkeit. Der Mensch ist real und
wirklich im Unmenschen; jeder Unmensch ist - der Mensch. Aber
Unmensch bist du nur als die Realität des Menschen, Unmensch
nur im Vergleich mit dem Begriffe Mensch.
Du bist Unmensch, und darum bist du vollkommen Mensch, realer,
wirklicher Mensch, bist vollkommener Mensch. Aber du bist eben
mehr als vollkommener
Mensch, du bist ein aparter, ein einziger Mensch. Mensch
und Unmensch, diese Gegensätze der religiösen Welt,
verlieren ihre göttliche und teuflische, also ihre heilige
oder absolute Bedeutung, in dir, dem Einzigen.
Der Mensch, nach dessen Anerkennung unsere Heiligen so sehr schmachten,
indem sie allezeit eifern, man solle in den Menschen den Menschen
anerkennen, wird erst dann vollständig und wirklich anerkannt,
wenn er als der Unmensch anerkannt wird. Wird er als solcher anerkannt,
so hören alle religiösen oder »menschlichen«
Zumutungen auf, und die Herrschaft der Guten, die
Hierarchie, hat ein Ende, weil der Einzige, der ganz gemeine
Mensch (nicht Feuerbachs tugendhafter »Gemeinmensch«),
zugleich der vollkommene Mensch ist.
Indem also Stirner gegen den Menschen schreibt, schreibt er zugleich
und in einem Atemzuge gegen den Unmenschen, als den Gegensatz
zum Menschen; er schreibt aber nicht gegen den Menschen, welcher
Unmensch, nicht gegen den Unmenschen, welcher Mensch ist - d.h.
er schreibt für den ganz gemeinen Einzigen, der dadurch,
dass er Unmensch ist, ohnehin und von selbst vollkommener Mensch
ist.
Nur Fromme, nur heilige Sozialisten u.s.w., nur Heilige aller
Art verhindern, dass der Mensch im Menschen anerkannt und gewürdigt
wird; nur sie hemmen den reinen menschlichen Verkehr, indem sie
den gemeinen egoistischen Verkehr allezeit eingeschränkt
haben und einzuschränken trachten. Sie haben einen heiligen
Verkehr eingeführt und möchten daraus wo möglich
einen allerheiligsten machen.
Szeliga sagt zwar noch mancherlei darüber, was der Egoist
und Egoismus sei, hat aber in der Tat alles in seinem Exempel
vom reichen Mädchen und der keifenden Frau erschöpft.
Er schildert den Egoisten als »arbeitsscheu«, als einen
Menschen, der »auf gebratene Tauben hofft, die ihm in den
Mund fliegen sollen«, der sich »keine wahren,
des Namens allein würdige Hoffnungen macht« u. dgl.:
er versteht einen Menschen darunter, der sich's bequem machen
will. Hätte er gleich so definiert: »Egoist = Schlafmütze«,
so wäre das noch deutlicher und einfacher gewesen.
Wie Szeliga bereits verrät, dass sein Egoist nur an einem Absoluten gemessen werden könnte, indem er ihn an »wahren Hoffnungen« misst, so spricht dies Feuerbach, der überhaupt des treffenden Wortes mächtiger ist, schon entschiedener aus, indem er vom Eigennützigen (Egoisten) sagt, »er opfere das Höhere dem Niederen;« vom Uneigennützigen, »er opfere das Niedere dem Höheren.« - Was ist »Höheres und Niederes«? Doch wohl nicht etwas, das sich nach dir richtet und wofür du das Mass bist? Gälte etwas dir und zwar dir in diesem Augenblicke - denn nur im Augenblicke bist du du, nur als Augenblicklicher bist du wirklich; als »allgemeines Du« wärest du
vielmehr in jedem Augenblick ein »anderer« - gälte also etwas dir in diesem Augenblicke »höher« als etwas anderes, so würdest du's nicht dem Letzteren opfern; vielmehr opferst du in jedem Augenblicke nur das, was dir in eben
diesem Augenblicke als »Niederes« oder als minder wichtig gilt. Soll hiernach das feuerbach'sche »Höhere« einen Sinn haben, so muss es ein von dir, dem Augenblicklichen, getrenntes und freies Höheres, es muss ein absolut Höhe-
res sein. Ein absolut Höheres ist ein solches, bei
welchem du nicht erst befragt wirst, ob es dir das Höhere sei, welches vielmehr trotz dir das Höhere ist. So allein kann von einem Höheren und einem »höheren Genusse«, welcher »geopfert werde«, die Rede sein. Ein solch Höheres ist im feuerbach'schen Beispiele der Genuss der Geliebten gegen den Genuss der Hetäre, oder die Geliebte gegen die Hetäre: jene ist das Hohe, diese das Niedere. Dass dir vielleicht die Hetäre der höhere Genuss ist, dass
dir es in diesem Augenblicke der einzige Genuss ist, den du begehrst:
- was kümmert das grosse und edle Herzen, wie Feuerbach,
die nur an der »Geliebten« Gefallen finden und nach
dem Massstabe ihres reinen Herzens dekretieren, dass die Geliebte
das »Höhere« sein müsse! Nur wer an einer
Geliebten, nicht wer an einer Hetäre hängt, »befriedigt
sein volles, ganzes Wesen.« Und worin besteht dieses volle,
ganze Wesen? Eben nicht in deinem augenblicklichen Wesen, nicht
in dem, was du augenblicklich für ein Wesen bist, ja nicht
einmal in dem, was du überhaupt für ein Wesen
bist, sondern im »menschlichen Wesen«. Für das
menschliche Wesen ist die Geliebte das Höhere. - Wer ist
also in Feuerbachs Sinne der Egoist? Derjenige, der sich gegen
»das Höhere«, das absolut Höhere (d.h. das
trotz deinem entgegengesetzten Interesse Höhere), das Uninteressante
versündigt, also der Egoist ist der - Sünder.
Hierauf würde auch Szeligas Egoist hinausgekommen sein,
wenn Szeliga den Ausdruck besser in seiner Gewalt hätte.
Am unzweideutigsten spricht erst Hess es aus, dass der Egoist
der Sünder sei. Freilich gesteht hierdurch auch erst Hess
vollständig und unbemäntelt ein, dass er nicht im entferntesten
begriffen hat, worauf es in Stirners Buch ankommt. Leugnet etwa
Stirner, dass der Egoist
der Sünder und dass der »bewusste« Egoismus (»bewusst«
so, wie es Hess auffasst) das Sündenbewusstsein sei? Wenn
der Europäer ein Krokodil tötet, so handelt er als Egoist
gegen das Krokodil, macht sich aber kein Gewissen daraus oder
rechnet es sich nicht als »Sünde« an; hätte
hingegen ein alter Ägypter, der das Krokodil für heilig
hielt, dennoch eines aus Notwehr erschlagen, so hätte
er zwar als Egoist sich seiner Haut gewehrt, zugleich aber auch
eine Sünde begangen: sein Egoismus wäre Sünde,
- er, der Egoist, ein Sünder. - Hieraus dürfte es einleuchten,
dass der Egoist gegenüber dem »Heiligen«, gegenüber
dem »Höheren«, notwendigerweise ein Sünder
ist; macht er gegen das Heilige seinen Egoismus geltend, so ist
das ohne weiteres Sünde. Aber es ist andererseits auch nur
so lange Sünde, als es am Heiligen gemessen wird, und nur
derjenige Egoist schleppt sich mit dem »Sündenbewusstsein«
herum, der zugleich von dem Heiligenbewusstsein besessen ist.
Ein Europäer, der am Krokodil zum Mörder wird, ist sich
seines Egoismus dabei gleichfalls bewusst oder handelt als bewusster
Egoist; aber er bildet sich nicht ein, dass sein Egoismus Sünde
sei und verlacht das Sündenbewusstsein des Ägypters.
Gegenüber dem »Heiligen« ist der Egoist mithin
allezeit ein Sünder, am Heiligen kann er zu nichts anderem
werden, als zum - Verbrecher. Das heilige Krokodil
stempelt den egoistischen Menschen zum sündigen
Menschen. Allein der Egoist kann den Sünder und die Sünde
von sich abtun, wenn er das Heilige entheiligt, wie der Europäer
das Krokodil ohne Sünde totschlägt, weil Seine Heiligkeit,
das Krokodil, für ihn ein Krokodil ohne Heiligkeit ist.
Hess sagt: »Die heutige Krämerwelt ist die vermittelte,
ihrem Wesen entsprechende, bewusste und prinzipielle
Form des Egoismus.« Diese heutige Welt voll Philanthropie,
die im Prinzip mit dem Sozialismus ganz einverstanden ist
(man sehe z.B. im »Gesellschaftsspiegel« und im »Westphälischen
Dampfboot«, wie die »Prinzipien« der Sozialisten
ganz dasselbe sind als die »Sonntagsgedanken« und Ideale
aller guten Bürger oder Bourgeois) diese Welt, in der die
allermeisten sich durch Heiligkeiten um ihren Vorteil bringen
lassen, und in der die Ideale von Bruderliebe, Menschenliebe,
Recht, Gerechtigkeit, von »Füreinandersein« und
Füreinandertun u.s.f. nicht bloss von Mund zu Mund gehen,
sondern schrecklicher, verderbenvoller Ernst sind - diese Welt,
die nach wahrer Menschlichkeit schmachtet und bei Sozialisten,
Kommunisten, Menschenfreunden aller Art endlich die rechte Erlösung
zu finden hofft, - diese Welt, in der die sozialistischen Bestrebungen
nichts als der offenbare Sinn jeder »Krämerseele«
sind und bei allen Wohldenkenden Anklang finden, - diese Welt,
deren Prinzip das »Wohl aller Menschen« das »Wohl
der Menschheit« ist, und die nur deshalb von diesem Wohl
erst träumt, weil sie noch nicht weiss, wie sie's herstellen
soll, und der sozialistischen Verwirklichung ihrer Lieblingsidee
noch nicht traut, - diese gegen allen Egoismus heftig eifernde
Welt verlästert Hess als eine »egoistische«. Aber
er hat gleichwohl Recht. Da diese Welt gegen den Teufel eifert,
so sitzt er ihr im Nacken; nur hätte Hess den heiligen
Sozialismus mit zu dieser egoistischen und sündenbewussten
Welt rechnen sollen.
Die freie Konkurrenz wird von Hess die vollendete Form des Raubmordes
und zugleich das vollendete Bewusstsein der gegenseitigen menschlichen
Entfremdung (des »Egoismus«) genannt. Da soll wieder
der
Egoismus die Schuld tragen. Warum entschied man sich denn für
die Konkurrenz? Weil sie für alle und jeden nützlich
zu sein schien. Und warum wollen die Sozialisten sie jetzt abschaffen?
Weil sie den gehofften Nutzen nicht gewährt, weil
die meisten sich schlecht dabei stehen, weil jeder seine Lage
zu verbessern verlangt und weil zu diesem Zweck die Aufhebung
der Konkurrenz rätlich erscheint.
Ist da der Egoismus das »Grundprinzip« der Konkurrenz,
oder haben sich nicht im Gegenteil die Egoisten in ihr nur verrechnet?
Müssen sie nicht gerade deshalb von ihr ablassen, weil sie
ihren Egoismus nicht befriedigt?
Man führte die Konkurrenz ein, weil man ein Heil für
alle darin sah, man einigte sich über sie, man
versuchte es gemeinschaftlich mit ihr; sie, die Isolierung
und Vereinzelung, ist selbst ein Produkt der Vereinigung, des
Übereinkommens, der gleichen Überzeugung, und man war
durch sie nicht bloss vereinzelt, sondern zugleich verbunden.
Sie war ein rechtlicher Zustand, das Recht aber ein gemeinsames
Band, ein Gesellschaftsverband. Man stimmt in der Konkurrenz etwa
so überein, wie alle Jäger bei einer Jagd für
ihren Zweck und respektive ihre Zwecke es zuträglich finden
können, sich im Walde zu zerstreuen und »vereinzelt«
zu jagen. Was nützlicher sei, darüber liess sich
streiten. Jetzt freilich stellt es sich heraus - was übrigens
nicht erst die Sozialisten entdeckt haben - dass bei der Konkurrenz
nicht jeder seinen Gewinn, seinen gewünschten »Privaterwerb«,
seinen Nutzen, sein eigentliches Interesse findet. Aber es stellt
sich wieder nur durch egoistische oder interessierte Berechnung
heraus.
Indes, man hat sich nun einmal so seine Vorstellung vom Egoismus
zurecht gemacht und denkt sich schlecht-
weg die »Isolierung« darunter. Was in aller Welt hat
aber der Egoismus mit der Isoliertheit zu schaffen? Werde Ich
(Ego) dadurch z.B. ein Egoist, dass Ich die Menschen fliehe? Ich
isoliere oder vereinsame Mich allerdings, aber egoistischer bin
Ich dadurch nicht um ein Haar mehr als andere, die unter den Menschen
bleiben und ihres Umgangs sich freuen. Isoliere Ich Mich, so geschieht
es, weil Ich in der Gesellschaft keinen Genuss mehr finde; bleibe
ich aber unter den Menschen, so bleibe Ich, weil sie Mir noch
vieles bieten. Das Bleiben ist nicht weniger egoistisch als die
Vereinsamung.
In der Konkurrenz steht freilich jeder isoliert; wenn aber die
Konkurrenz einst fallen wird, weil man einsieht, dass Zusammenwirken
nützlicher sei als Isoliertheit, wird dann in den
Vereinen nicht gleichwohl jeder Egoist sein und seinen
Nutzen wollen? Man erwidert, man wolle ihn aber auf Kosten anderer.
Ja, zunächst aber nur darum nicht auf Kosten anderer, weil
die anderen keine solchen Narren mehr sein wollen, ihn auf ihre
Kosten leben zu lassen.
Doch »ein Egoist ist, wer nur sich allein bedenkt!«
- Das wäre ein Mensch, der all die Freuden nicht kennt und
schmeckt, die aus der Teilnahme an anderen, d.h. daraus entspringen,
dass man auch andere »bedenkt«, ein Mensch, der unzählige
Genüsse entbehrte, also eine - arme Natur. Weshalb
aber soll dieser Verlassene und Isolierte im Vergleich mit reicheren
Naturen ein Egoist sein? Wir könnten uns freilich längst
daran gewöhnt haben, dass die Armut für eine Schande,
ja für ein Verbrechen gilt, und die heiligen Sozialisten
haben es schlagend nachgewiesen, dass der Arme als Verbrecher
behandelt wird. Die heiligen Sozialisten machen es aber mit denen,
die in ihren Augen verächtliche Arme sind,
gerade so wie die Bourgeois es mit ihren Armen machen.
Warum soll aber, wer um ein Interesse ärmer ist, »egoistischer«
heissen als wer das Interesse hat? Ist die Auster egoistischer
als der Hund, der Mohr egoistischer als der Deutsche, der arme
verachtete Trödeljude egoistischer als der begeisterte Sozialist,
der Vandale, welcher Kunstwerke zerstört, für die er
keinen Sinn hat, egoistischer als der Kunstkenner, der
dieselben Kunstwerke mit grösster Sorgfalt und Liebe pflegt,
weil er Sinn und Interesse dafür hat? Und wenn nun einer
- wir lassen es dahingestellt, ob so einer nachweisbar ist - kein
»menschliches« Interesse an den Menschen fände,
wenn er sie als Menschen nicht zu schätzen wüsste, wäre
er da nicht ein um ein Interesse ärmerer Egoist, statt, wie
die Feinde des Egoismus sagen, ein Ausbund von Egoist zu sein?
Wer einen Menschen liebt, ist um diese Liebe reicher als ein anderer,
der keinen liebt; aber ein Gegensatz von Egoismus und Nicht-Egoismus
ist darin keineswegs vorhanden, da beide nur ihrem Interesse folgen.
Allein, es soll jeder Interesse für die Menschen, Liebe zu
den Menschen haben!
Nun, seht zu, wie weit ihr mit diesem Soll, mit diesem Liebesgebote
kommt. Seit zwei Jahrtausenden wird es den Menschen zu Herzen
geführt, und gleichwohl klagen die Sozialisten heute, dass
unsere Proletarier liebloser behandelt werden als die Sklaven
der Alten, und gleichwohl erheben dieselben Sozialisten noch einmal
recht laut ihre Stimmen für dieses - Liebesgebot.
Wollt ihr, dass die Menschen ein Interesse an euch nehmen, so
zwingt ihnen eins ab und bleibt nicht uninteressante Heilige,
die ihr heiliges Menschentum wie einen heiligen Rock hinhalten
und bettlermässig rufen:
»Respekt vor unserer Menschheit, die heilig ist!«
Der Egoismus, wie ihn Stirner geltend macht, ist kein Gegensatz
zur Liebe, kein Gegensatz zum Denken, kein Feind eines süssen
Liebeslebens, kein Feind der Hingebung und Aufopferung, kein Feind
der innigsten Herzlichkeit, aber auch kein Feind der Kritik, kein
Feind des Sozialismus, kurz, kein Feind eines wirklichen Interesses:
er schliesst kein Interesse aus. Nur gegen die Uninteressiertheit
und das Uninteressante ist er gerichtet: nicht gegen die Liebe,
sondern gegen die heilige Liebe, nicht gegen das Denken, sondern
gegen das heilige Denken, nicht gegen die Sozialisten, sondern
gegen die heiligen Sozialisten u.s.w.
Die »Ausschliesslichkeit« des Egoisten, die man für »Isoliertheit, Vereinzelung, Vereinsamung« ausgeben möchte, ist im Gegenteil volle Beteiligung am Interessanten durch - Ausschliessung des Uninteressanten.
Den grössten Abschnitt des stirner'schen Buches, den Abschnitt
»Mein Verkehr«, den Weltverkehr und Verein von Egoisten,
hat man Stirner nicht zugute kommen lassen mögen.
Was die Besonderheit der genannten drei Gegner betrifft, so wäre
es eine langweilige Arbeit, sich bei allen schiefen Stellen aufhalten
zu wollen. Es kann aber eben so wenig für dieses Mal meine
Absicht sein, auf diejenigen Prinzipien näher einzugehen,
welche die Gegner vertreten oder vertreten möchten, nämlich
auf die feuerbachsche Philosophie, auf die reine Kritik und auf
den Sozialismus. Jedes derselben verdient eine eigene Abhandlung,
zu der sich wohl eine andere Gelegenheit finden wird. Daher nur
einiges einzelne.
Szeliga fängt gleich an: »Die reine Kritik hat gezeigt
u.s.w.«, als hätte Stirner von diesem »Subjekte«
nicht gesprochen (z.B. S. 469 [394]). Auf den beiden ersten Seiten
gibt sich Szeliga als den »Kritiker zu erkennen, welchen
die Kritik veranlasst, sich als eins mit dem zu betrachtenden
Gegenstand zu setzen, ihn als Geist vom Geiste geboren anzuerkennen,
sich in das Innere des zu bekämpfenden Wesens hinein zu begeben«
u.s.w. Ins Innere des stirner'schen Buches wenigstens hat sich
Szeliga, wie gezeigt, nicht hinein begeben, und so wollen wir
ihn hier auch nicht als den reinen Kritiker, sondern bloss als
einen aus der Masse ansehen, der das Buch rezensiert. Was Szeliga
die Kritik tun lässt, das sehen wir als von Szeliga getan
an, ohne zu beachten, ob die »Kritik« eben dasselbe
tun würde, und so sagen wir z.B. statt »die Kritik wird
dem Lebenslauf des Einzigen folgen« -: »Szeliga wird
.... folgen.«
Wenn Szeliga einen seiner Gedanken ganz begriffsmässig durch
das Wort »Affe« ausdrückt, so könnte es ja
sein, dass die reine Kritik einen solchen Gedanken durch ein anderes
Wort wiedergäbe, Worte sind doch gewiss weder der Kritik
noch Szeliga gleichgültig, und es geschähe der Kritik
Unrecht, wenn man ihr für ihren vielleicht anders schattierten
Gedanken durchaus den szeliga'schen Affen aufdrängen wollte;
der Affe ist der wahre Gedankenausdruck nur für Szeligas
Gedanken.
Von Seite 24 bis 32 führt Szeliga express die Sache der reinen
Kritik. Könnte aber die reine Kritik nicht diese poetische
Art, ihre Sache zu führen, ziemlich ungeschickt finden?
Wir nehmen seine Berufung auf die Muse Kritik, die ihn inspiriert
oder »veranlasst« habe, nicht an und über-
gehen alles, was er zum Preise seiner Muse sagt, selbst die »neue
Tat der Selbstvervollkommnung, zu welcher der Einzige (nämlich
Stirner, den Szeliga, Feuerbach und Hess den »Einzigen«
nennen!) ihr die Gelegenheit gegeben hat.«
Wie Szeliga dem Lebenslaufe des Einzigen zu folgen weiss, das
wird man sehen, wenn man z.B. S.6, erster Absatz seines Aufsatzes
mit dem »Einzigen« S.468-478 [393-401] vergleicht. Der
stirner'schen »Gedankenlosigkeit« stellt Szeliga als
einer Feigheit den »Mut des Denkens« entgegen. Warum
»begibt er sich denn nicht in das Innere dieses zu bekämpfenden
Wesens«, warum untersucht er nicht, ob jene Gedankenlosigkeit
sich nicht vollkommen gut mit dem Mut des Denkens vertrage? Er
hätte es gerade an diesem Gegenstand versuchen sollen, »sich
als eins mit dem zu betrachtenden Gegenstand zu setzen.«
Wer wird sich aber mit einem so verächtlichen Gegenstand,
wie die Gedankenlosigkeit ist, in eins zu setzen Lust haben! Man
braucht sie ja nur zu nennen, so spuckt gleich jeder von selbst
aus.
Stirner hatte von der reinen Kritik gesagt: »Vom Standpunkte
des Gedankens aus gibt es keine Macht, die der ihrigen überlegen
zu sein vermöchte, und es ist eine Lust zu sehen, wie leicht
und spielend dieser Drache alles andere Gedankengewürm verschlingt.«
Da es nun Szeliga so vorkommt, als wenn Stirner gleichfalls kritisierte,
so meint er, »der Einzige locke (als Affe) den Drachen -
die Kritik - herbei und stachle ihn an, das Gedankengewürm
zu verschlingen - zunächst das der Freiheit und Uneigennützigkeit.«
Welche Kritik wendet Stirner denn an? Die reine Kritik doch wahrscheinlich
nicht, da diese ja nach Szeligas eigenen Worten nur die »besondere«
Freiheit im Namen der »wahren« Freiheit
bekämpft, um sich »zur Idee der wahren, menschlichen
Freiheit oder zu der Idee der Freiheit überhaupt erst fortzubilden.«
Was hat Stirners egoistische, also durchaus nicht »reine«
Kritik, mit der »Idee der uneigennützigen, wahren, menschlichen
Freiheit« zu schaffen, mit der Freiheit, welche keine fixe
Idee ist, weil (ein scharfsinniges Weil!) sie sich nicht in den
Staat oder die Gesellschaft oder einen Glauben oder sonst in welche
Besonderheit es immer sei festsetzt, sondern sich in jedem Menschen,
in jedem Selbstbewusstsein anerkennt, an diesem und in diesem
jedem das Mass seiner Freiheit selbst überlässt, ihn
aber auch zugleich nach diesem seinem eigenen Masse misst?«
(Die Idee der Freiheit, welche sich anerkennt, und jeden
Menschen nach dem Masse misst, in welchem er sie in sich aufgenommen
hat! Gerade wie Gott sich anerkennt und die Menschen nach
dem Masse, wie sie ihn aufnehmen - wobei er auch »jedem das
Mass seiner Freiheit selbst überlässt« - in Verstockte
und Auserwählte scheidet.)
Wiederum soll »der Einzige den Drachen, die Kritik gegen
ein anderes Gedankengewürm: Recht und Gesetz losgelassen
haben.« Aber wieder ist es ja nicht die reine sondern die
interessierte Kritik. Übte Stirner die reine Kritik, so müsste
er ja, wie Szeliga sich ausdrückt, »das Aufgeben des
Privilegiums, des gewalttätigen Rechtes, das Aufgeben des
Egoismus fordern«; er müsste also das »wahre, menschliche«
Recht gegen das »gewalttätige« in den Kampf führen
und die Menschen ermahnen, dass sie sich doch ja an das wahre
Recht halten möchten. Stirner wendet die reine Kritik nirgends
an, stachelt diesen Drachen auf nichts an, braucht sie nirgends
und erreicht seine Resultate niemals durch »die fortschreitende
Reinheit der Kritik.« Sonst müsste
er sich auch z.B. wie Szeliga einbilden, »dass die Liebe
erst eine neue Schöpfung sein muss, welche die Kritik heraufführen
will.« Solche szeliga'sche Herrlichkeiten, wie »wahre
Freiheit, Aufgeben des Egoismus, neue Schöpfung der Liebe«
schweben ihm gar nicht vor.
Über die Stellen, in denen Szeliga eigens die Sache der Kritik
gegen Stirner führt, gehen wir, wie gesagt, hinweg, obgleich
fast jeder Satz angegriffen werden müsste. Eine besonders
schöne Rolle spielen darin die »Arbeitsscheu, Faulheit,
faules Wesen, Verwesung«; dann aber wird von der »Wissenschaft
des Menschen« gesprochen, welche der Mensch aus dem Begriffe
Mensch schaffen soll, und es heisst S.32: »Der zu findende
Mensch ist keine Kategorie mehr, darum auch nicht noch etwas Besonderes
ausser den Menschen.« Hätte Szeliga verstanden,
dass der Einzige, weil die völlig inhaltslose Phrase oder
Kategorie, darum keine Kategorie mehr ist, so hätte er ihn
vielleicht als »den Namen dessen, was ihm noch namenlos ist«,
anerkannt. Aber es steht zu fürchten, er weiss nicht, was
er damit sagt: »keine Kategorie mehr«.
Schliesslich besteht »die neue Tat der Selbstvervollkommnung,
zu welcher der Einzige der reinen Kritik die Gelegenheit gegeben
hat«, darin, dass »die Welt, welche der Einzige vollendet,
sich in ihm und durch ihn das vollständigste Dementi gegeben
hat, und dass die Kritik nur von ihr, dieser alten, zertrümmerten,
zersetzten, verwesenden Welt Abschied nehmen kann.« Eine
artige Selbst -Vervollkommnung.
Ob Stirner Feuerbachs »Wesen des Christentums« gelesen
und verstanden hat, das könnte nur durch eine
besondere Kritik desselben dargetan werden, die hier nicht geliefert
werden soll. Wir beschränken uns daher auf einiges wenige.
Feuerbach glaubt in Stirners Sinne zu reden, wenn er sagt: »Das
ist ja eben ein Zeichen von der Religiosität, von der Gebundenheit
Feuerbachs, dass er noch in einen Gegenstand vernarrt ist,
dass er noch etwas will, etwas liebt - ein Zeichen, dass
er sich noch nicht zum absoluten Idealismus des Egoismus emporgeschwungen
hat.« Hat Feuerbach dabei auch nur etwa folgende Stellen
betrachtet? »Einziger«, S.381 [319]: »Der Sinn
des Gesetzes der Liebe ist etwa der: jeder Mensch muss ein Etwas
haben, das ihm über sich geht.« Dieses Etwas
der heiligen Liebe ist der Spuk. S.383 [321]: »Wer
voll heiliger (religiöser, sittlicher, humaner) Liebe ist,
der liebt nur den Spuk u.s.w.« Ferner S.383-395 [321-332],
z. B. »Nicht als meine Empfindung ist die Liebe eine Besessenheit,
sondern durch die Fremdheit des Gegenstandes - durch den absolut
liebenswürdigen Gegenstand u.s.w.« »Mein eigen
ist meine Liebe erst, wenn sie durchaus in einem eigennützigen
und egoistischen Interesse besteht, mithin der Gegenstand meiner
Liebe wirklich mein Gegenstand oder mein Eigentum ist.«
»Ich bleibe bei dem alten Klange der Liebe und liebe meinen
Gegenstand«, also mein »Etwas«.
Aus Stirners »Ich hab' mein' Sach' auf nichts gestellt«
macht Feuerbach »das Nichts« und bringt dann
heraus, dass der Egoist ein frommer Atheist sei. Das Nichts ist
allerdings eine Definition Gottes. Feuerbach spielt hier mit einem
Worte, mit welchem sich (Norddeutsche Blätter, S.33) Szeliga
feuerbachisch abmüht. Übrigens heisst es im »Wesen
des Christentums«, S.31: »Ein wahrer Atheist ist nur
der, welchem die Prädikate des göttlichen Wesens, wie
z.B.
die Liebe, die Weisheit, die Gerechtigkeit nichts sind, aber nicht der, welchem nur das Subjekt dieser Prädikate nichts ist.« Trifft das nicht bei Stirner ein, zumal wenn ihm nicht das Nichts für nichts aufgebürdet wird?
Feuerbach fragt: »Wie lässt Feuerbach die (göttlichen)
Prädikate bestehen?« und antwortet: »Nicht so,
wie sie Prädikate Gottes, nein, so wie sie Prädikate
der Natur und Menschheit - natürliche, menschliche Eigenschaften
sind. Werden sie aus Gott in den Menschen versetzt, so verlieren
sie eben den Charakter der Göttlichkeit.« Stirner antwortet
dagegen: Feuerbach lässt die Prädikate als Ideale
bestehen: - als Wesensbestimmungen der Gattung, welche im individuellen
Menschen nur »unvollkommen« sind und erst »im Masse
der Gattung« vollkommen werden, als »Wesensvollkommenheiten
des vollkommenen Menschen«, also als Ideale für den
individuellen Menschen. Nicht als Göttlichkeiten lässt
er sie bestehen, insofern er sie um ihr Subjekt, Gott, bringt,
sondern als Menschlichkeiten, insofern er sie »aus
Gott in den Menschen versetzt.« Nun richtet sich Stirner
gerade gegen den Menschen, und Feuerbach kommt hier ganz
unbefangen wieder mit »dem Menschen« an und meint, wenn
die Prädikate nur »menschliche« oder in den Menschen
versetzt wären, würden sie gleich ganz »profan,
gemein.« Die menschlichen Prädikate sind aber um nichts
gemeiner und profaner als die göttlichen, und Feuerbach bleibt
weit davon entfernt, ein »wahrer Atheist« nach seiner
eigenen obigen Beschreibung zu sein; er will es auch nicht sein.
»Die Grundillusion«, sagt Feuerbach, »ist Gott
als Subjekt.« Stirner hat aber gezeigt, dass die Grundillusion
vielmehr der Gedanke der »Wesensvollkommenheiten« [ist],
und dass Feuerbach, der dies »Grundvorur-
teil« mit aller Macht vertritt, gerade darum ein wahrer Christ
ist.
»Feuerbach zeigt«, heisst es weiter, »dass das
Göttliche nicht Göttliches, Gott nicht
Gott, sondern nur das, und zwar im höchsten Grade, sich selbst
liebende, sich selbst bejahende und anerkennende menschliche Wesen
ist.« Wer ist aber dieses »menschliche Wesen«?
Stirner hat bewiesen, dass das menschliche Wesen eben jener Spuk
ist, welcher auch der Mensch heisst, und dass du,
einziges Wesen, durch den Sparren dieses menschlichen Wesens um
deine »Selbstbejahung«, um feuerbachisch zu reden, gebracht
wirst. Der Streitpunkt, welchen Stirner aufgenommen, wird also
wiederum gänzlich umgangen.
»Das Thema, der Kern der feuerbach'schen Schrift ist«,
heisst es weiter, »die Aufhebung der Spaltung in ein wesentliches
und unwesentliches Ich - die Vergötterung d.h. die Position,
die Anerkennung des ganzen Menschen vom Kopf bis zur Ferse.
Wird denn nicht ausdrücklich am Schlusse die Gottheit des
Individuums als das aufgelöste Geheimnis der Religion
ausgesprochen?« »Die einzige Schrift, in welcher das
Schlagwort der neueren Zeit, die Persönlichkeit, die Individualität,
aufgehört hat, eine sinnlose Floskel zu sein, ist gerade
Das Wesen des Christentums«. Was aber »der
ganze Mensch«, was »das Individuum, die Persönlichkeit,
die Individualität« sei, geht aus Folgendem hervor:
»Das Individuum ist dem Feuerbach das absolute, d.i. wa
hre, wirkliche Wesen. Warum sagt er aber nicht: dieses ausschliessliche
Individum? Darum, weil er dann nicht wüsste, was er will
- auf den Standpunkt, welchen er negiert, den Standpunkt der Religion
zurücksinken würde.« - Es ist also »der ganze
Mensch« nicht »dieser Mensch«, nicht der gemeine,
verbrecherische, selbst-
süchtige Mensch. Gewiss sänke Feuerbach auf den von
ihm negierten Standpunkt der Religion zurück, wenn er von
diesem ausschliesslichen Individuum aussagte, es sei »das
absolute Wesen«; aber nicht deshalb, weil er von diesem
Individuum etwas aussagte, sondern weil er von demselben etwas
Religiöses (»absolutes Wesen«) aussagte oder sein
religiöses Prädikat darauf anwendete, und weil er zweitens
ein »Individuum« als »heilig, unverletzlich den
übrigen Individuen gegenüberstellte.« Gegen Stirner
ist daher mit obigen Worten wieder gar nichts gesagt, da Stirner
nichts von einem »heiligen, unverletzlichen Individuum«
sagt, nichts von einem »ausschliesslichen, unvergleichlichen
Individuum, welches Gott ist oder werden könnte«; es
fällt ihm nicht ein, dem »Individuum« zu bestreiten,
dass es ein »Kommunist« sei. Zwar hat Stirner die Wörter
»Individuum«, »Einzelner«, gelten lassen,
weil er sie in dem Ausdruck »Einziger« ja doch zugleich
untergehen liess; aber er tat damit nur, was er in dem Abschnitt
»Meine Macht« ausdrücklich bekennt, wenn er sagt
(S.275 [230]): »Zum Schluss muss Ich nun noch die halbe Ausdrucksweise
zurücknehmen, von der Ich nur so lange Gebrauch machen wollte,
als u.s.w.«
Wenn gar Feuerbach gegen das stirner'sche: »Ich bin mehr
als Mensch« - die Frage aufwirft: »Bist du aber auch
mehr als Mann?« so muss man in der Tat diese ganze männliche
Stelle abschreiben. Er fährt nämlich fort: »Ist
dein Wesen oder vielmehr - denn das Wort Wesen verschmäht
der Egoist, ob es gleich dasselbe sagt - ([Einschub Stirners:]
Vielmehr reinigt es Stirner nur von der Doppelzüngigkeit,
die es z.B. bei Feuerbach hat, bei dem es scheint als spräche
er wirklich von dir und Mir, wenn er von unserem Wesen spricht,
wäh-
rend er doch von einem ganz untergeordneten, nämlich vom
menschlichen Wesen redet, das er dadurch zu einem übergeordneten
und erhabenen macht. Statt dich - Wesen, dich, der du ein
Wesen bist, vor Augen zu haben, macht er sich vielmehr mit dem
Menschen als »deinem Wesen« zu schaffen und tut dabei
stets, als habe er dich vor Augen. Stirner wendet das Wort »Wesen«
z.B. S.56 [45] an, wenn er sagt: »Du selbst mit deinem
Wesen bist Mir wert, denn dein Wesen ist kein höheres, ist
nicht höher und allgemeiner als du, ist einzig wie du selber,
weil du es bist« [Ende Einschub Stirners]) - dein Ich nicht
ein männliches? Kannst du die Männlichkeit absondern
selbst von dem, was man Geist nennt? Ist nicht dein Hirn, das
heiligste, höchstgestellte Eingeweide des Leibes, ein männlich
bestimmtes? Sind deine Gefühle, deine Gedanken unmännlich?
Bist du aber ein tierisches Männchen, ein Hund, ein
Affe, ein Hengst? Was anderes ist also dein einziges, unvergleichliches,
dein folglich geschlechtsloses Ich als ein unverdauter Rest des
alten christlichen Supranaturalismus?«
Hätte Stirner gesagt: du bist mehr als lebendiges
Wesen oder animal, so hiesse das doch: du bist zugleich
animal, wirst aber durch die Animalität nicht erschöpft.«
Ebenso sagt er nun: »Du bist mehr als Mensch, daher bist
du auch Mensch; du bist mehr als Mann, aber auch
Mann: die Menschlichkeit und die Männlichkeit drücken
dich nur nicht erschöpfend aus, und es kann dir daher alles,
was man als »wahre Menschlichkeit« oder »wahre
Männlichkeit« dir vorhält, gleichgültig sein.
Mit diesen prätentiösen Aufgaben hast du dich aber von
jeher martern lassen und selbst gemartert: mit ihnen denken die
heiligen Leute dich heute noch zu fangen.« Feuerbach ist
zwar kein »tierisches Männchen«,
aber ist er auch nicht mehr als ein menschlicher Mann? Hat er
sein »Wesen des Christentums« als Mann geschrieben,
und brauchte er nichts mehr, als Mann, zu sein, um dies Buch zu
schreiben? War nicht im Gegenteil der einzige Feuerbach
dazu nötig, und hätte selbst ein anderer Feuerbach,
z.B. Friedrich - doch auch ein Mann - die Sache prästieren
können? Da er dieser einzige Feuerbach ist so ist
er ohnehin zugleich ein Mann, ein Mensch, ein lebendiges
Wesen, ein Franke u. dergl.; aber er ist mehr als alles das, da
diese Prädikate erst durch seine Einzigkeit Realität
haben: er ist ein einziger Mann, ein einziger Mensch
u.s.w., ja er ist ein unvergleichlicher Mann, ein unvergleichlicher
Mensch.
Was will also Feuerbach mit seinem »folglich geschlechtslosen
Ich«? Ist Feuerbach, wenn er mehr als Mann ist, »folglich«
geschlechtslos? Feuerbachs heiligstes, höchstgestelltes Eingeweide
ist ohne Zweifel ein männliches, ein männlich bestimmtes,
wie es u.a. auch ein kaukasisches, ein deutsches u. dergl. ist;
aber alles dies ist es nur dadurch, dass es ein einziges,
ein einzig bestimmtes ist, ein Eingeweide oder Hirn, wie es in
der ganzen Welt nicht zum zweiten Male vorkommt, so voll die Welt
auch von »Eingeweide«, Eingeweide als solchem oder absolutem
Eingeweide, vorgestellt werden mag.
Und dieser einzige Feuerbach sollte »ein unverdauter Rest
des alten christlichen Supranaturalismus« sein?
Hiernach ist auch wohl klar, dass Stirner nicht »sein Ich«,
wie Feuerbach meint, »in Gedanken von seinem sinnlichen,
männlichen Wesen absondert«, wie auch die auf Seite
200 [von Wigands] Vierteljahrsschrift gegebene Widerlegung wegfallen
würde, wenn Feuerbach sich den Einzigen nicht verkehrter
Weise als individuali-
tätslos vorstellte, wie er ihn eben als »geschlechtslos«
schilderte.
»Die Gattung realisieren heisst, eine Anlage, eine Fähigkeit,
eine Bestimmung überhaupt der menschlichen Natur verwirklichen.«
- Vielmehr ist die Gattung bereits durch diese Anlage realisiert;
was du hingegen aus dieser Anlage machst, das ist eine Realisation
deiner. Deine Hand ist vollkommen realisiert im Sinne der Gattung,
sonst wäre sie nicht Hand, sondern etwa Tatze; wenn du aber
deine Hand ausbildest, so vervollkommnest du sie nicht im Sinne
der Gattung, realisierst nicht die Gattung, die bereits dadurch
real und vollkommen ist, dass deine Hand vollkommen dasjenige
ist, was die Gattung oder der Gattungsbegriff »Hand«
besagt, also vollkommen Hand ist, - sondern du machst aus ihr
das, was und wie du sie haben willst und machen kannst, bildest
deinen Willen und deine Kraft in sie hinein, machst die Gattungshand
zu einer einzigen, eigenen und eigentümlichen Hand.
»Gut ist, was dem Menschen gemäss ist, entspricht; schlecht,
verwerflich, was ihm widerspricht. Heilig sind also die ethischen
Verhältnisse, wie z.B. die Ehe, nicht um ihrer selbst willen,
heilig nur um des Menschen willen, heilig nur, weil sie Verhältnisse
des Menschen zum Menschen - also Selbstbejahungen, Selbstbefriedigungen
des menschlichen Wesens sind.« Wenn nun aber einer solch
ein Unmensch wäre, diese ethischen Verhältnisse nicht
als ihm gemäss anzusehen? Feuerbach wird ihm beweisen,
dass sie dem Menschen, dem »wirklichen, sinnlichen,
individuellen, menschlichen Wesen« gemäss sind,
und folglich auch ihm gemäss sein müssen. Dieser
Beweis ist so gründlich und praktisch, dass er schon seit
Jahrtausenden die Gefängnisse mit »Unmen-
schen«, d.h. mit Leuten, die nicht sich gemäss
finden wollten, was doch dem »menschlichen Wesen« so
gemäss ist, bevölkert hat.
Feuerbach ist allerdings nicht Materialist (Stirner sagt das auch
nicht, sondern spricht nur von seinem mit dem Eigentum des Idealismus
bekleideten Materialismus); er ist nicht Materialist, denn er
bildet sich zwar ein, er spräche vom wirklichen Menschen,
aber er spricht nicht davon. Er ist auch nicht Idealist, denn
er spricht zwar stets von dem Wesen des Menschen, einer Idee,
aber er bildet sich doch ein, vom »sinnlichen menschlichen
Wesen« zu sprechen. Er behauptet, weder Idealist noch Materialist
zu sein, und es wird ihm hiermit zugegeben. Aber es wird ihm auch
zugegeben, was er selbst sein will und wofür er sich am Schluss
ausgibt: er ist »Gemeinmensch, Kommunist«. Stirner hat
ihn auch schon so angesehen, z.B. S.413 [347].
Um den Punkt, auf welchen es allein angekommen wäre, nämlich
um die Behauptung Stirners, dass das Wesen des Menschen nicht
Feuerbachs oder Stirners oder irgendeines Menschen Wesen ist,
so wenig als die Karten das Wesen eines Kartenhauses sind, um
diesen Punkt geht Feuerbach herum, ja er ahnt ihn nicht einmal.
Er bleibt bei seinen Kategorien von Gattung und Individuum, Ich
und Du, Mensch und menschlichem Wesen in völliger Ungestörtheit
stehen.
Hess hat die »geschichtliche Entwicklung der deutschen Philosophie
hinter sich«, in der Broschüre »Die letzten Philosophen«
aber »die vom Leben abgezogene Entwicklung der Philosophen
Feuerbach, Br. Bauer und Stirner« vor sich und weiss durch
seine eigene, nicht
vom Leben abgezogene Entwicklung genau, dass jene »in diesen
Unsinn auslaufen musste«. Ist aber eine vom Leben abgezogene
Entwicklung nicht ein »Unsinn«, und ist nicht eine vom
Leben nicht abgezogene Entwicklung gleichfalls ein »Unsinn«?
Doch nein, sie hat Sinn, denn sie schmeichelt dem Sinne des grossen
Haufens, der unter einem Philosophen sich stets einen Menschen
denkt, welcher vom Leben nichts versteht.
Hess fängt folgendermassen an: »Es fällt keinem
Menschen zu behaupten ein, dass der Astronom das Sonnensystem
sei, welches er erkannt hat. Der einzelne Mensch aber, der die
Natur und Geschichte erkannt hat, soll, nach unseren letzten deutschen
Philosophen, die Gattung, das All sein.« Wie aber, wenn letzteres
auch keinem Menschen einfiele? Wer hat denn gesagt, dass der einzelne
Mensch darum die Gattung sei, weil er Natur und Geschichte »erkannt«
hat? Hess hat es gesagt, weiter keiner. Er führt dafür
auch von Stirner eine Belegstelle an, nämlich diese: »Wie
der Einzelne die ganze Natur, so ist er auch die ganze Gattung.«
Sagt Stirner etwa, der Einzelne müsse erst erkannt
haben, um die ganze Gattung zu sein? Vielmehr ist Hess, dieser
Einzelne, wirklich die ganze Gattung »Mensch«, und kann
mit Haut und Haaren als Gewährsmann für den stirner'schen
Ausspruch dienen. Was wäre denn Hess, wenn er nicht einmal
vollkommen Mensch wäre, was wäre er, wenn ihm auch nur
das Geringste am Menschsein fehlte? Alles andere, nur eben kein
Mensch; - er könnte ein Engel, ein Tier oder ein menschähnliches
Bild sein, aber ein Mensch kann er nur dann sein, wenn er vollkommener
Mensch ist. Der Mensch kann nicht vollkommener sein als Hess ist;
es gibt keinen vollkommeneren Menschen, als - Hess: Hess ist der
vollkom-
mene, ja, wenn man einen Superlativ gerne hört, der vollkommenste
Mensch. In Hess ist alles, alles - was zum Menschen gehört;
dem Hess fehlt auch nicht ein Titelchen von dem, was den Menschen
zum Menschen macht. Freilich ist das auch derselbe Fall mit jeder
Gans, jedem Hunde, jedem Pferde.
So gäbe es keinen vollkommeneren Menschen als Hess? Als Menschen
- keinen. Als Mensch ist Hess so vollkommen, wie - jeder Mensch,
und die Gattung Mensch enthält nichts, was Hess nicht auch
enthielte: er trägt sie ganz mit sich herum.
Ein ganz anderer Umstand ist der, dass Hess nicht bloss Mensch,
sondern ein ganz einziger Mensch ist. Diese Einzigkeit
kommt jedoch dem Menschen niemals zugute, da der Mensch nicht
vollkommener werden kann als er ist. - Wir wollen inzwischen hier
keine weitere Ausführung geben, da Obiges genügt, zu
zeigen, wie schlagend Hess bloss durch ein »erkanntes Sonnensystem«
den Stirner des »Unsinns« überführen kann.
Auf eine noch anschaulichere Weise deckt er Stirners »Unsinn«
auf Seite 11 seiner Broschüre auf, und ruft dann gesättigt
aus: »Das ist die Logik der neuen Weisheit!«
Die Expositionen über die Entwicklung des Christentums, welche
Hess gibt, sind als sozialistische Geschichtsanschauungen hier
nicht von Belang; seine Charakteristik Feuerbachs und Br. Bauers
ist ganz so, wie sie einer liefern muss, der »die Philosophie
bei Seite liegen lässt.«
Vom Sozialismus sagt er, »er mache mit der Verwirklichung
und Negation der Philosophie Ernst, er spreche nicht bloss aus,
dass, sondern wie die Philosophie als blosse Lehre zu negieren
und im gesellschaftlichen
Leben zu verwirklichen sei.« Er hätte hinzusetzen können,
der Sozialismus wolle nicht bloss die Philosophie, sondern auch
die Religion und das Christentum »verwirklichen«. Nichts
leichter als das, wenn man, wie Hess, das Leben, namentlich das
Elend des Lebens kennt. Der Fabrikant Hardy im »Ewigen Juden«
ist, als er im Elende steckt, den Jesuitenlehren ganz zugänglich,
besonders in dem Augenblicke, als er von dem »menschlichen«
Priester Gabriel ganz dieselben Lehren, nur in »menschlicher«
und einschmeichelnder Form, sich hat vorsagen lassen. Diese Gabriels
sind verderblicher als die Rodins.
Aus Stirners Buche führt Hess eine Stelle S.341 [286] an,
und folgert aus ihr, dass jener nichts gegen den »bestehenden
praktischen Egoismus einzuwenden habe, als dass ihm das Bewusstsein
des Egoismus fehle«. Aber Stirner spricht gar nicht davon,
dass, wie Hess ihn reden lässt, »der ganze Fehler der
bisherigen Egoisten nur darin bestehe, dass sie kein Bewusstsein
von ihrem Egoismus hätten«. In der zitierten Stelle
sagt Stirner: »Wenn nur das Bewusstsein darüber vorhanden
ist«. Worüber? Nicht über den Egoismus, sondern
darüber, dass das Zugreifen keine Sünde ist. Und nachdem
nun Hess Stirners Worte verdreht hat, widmet er seinen ganzen
zweiten Abschnitt dem Kampf gegen den »bewussten Egoismus«.
Stirner sagt mitten in der von Hess angeführten Stelle: »Wissen
soll man's eben, dass jenes Verfahren des Zugreifens nicht verächtlich
sei, sondern die reine Tat des mit sich einigen Egoisten
bekunde«. Dieses lässt Hess aus, weil er von dem mit
sich einigen Egoisten nichts weiter versteht, als was Marx
über den Krämer und die allgemeinen Menschenrechte (z.B.
in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern) früher
ausgespro-
chen hat; er wiederholt das, ohne jedoch im mindesten die scharfsinnige Gewandtheit seines Vorgängers zu erreichen. - Stirners »bewusster Egoist« haftet nicht bloss nicht am Sündenbewusstsein, sondern auch nicht am Rechtsbewusstsein, nicht am Bewusstsein der allgemeinen Menschenrechte.
Hess fertigt den Stirner auf folgende Weise ab: »Nein, du
altkluges Kind, ich schaffe und liebe keineswegs, um zu geniessen,
sondern liebe aus Liebe, schaffe aus Schöpferlust, aus Lebenstrieb,
aus unmittelbarem Naturtrieb. Wenn ich liebe, um zu geniessen,
dann liebe ich nicht nur nicht, dann geniesse ich auch nicht u.s.w.«
Bestreitet ihm aber Stirner irgendwo dergleichen Trivialitäten?
Schiebt Hess ihm nicht vielmehr einen »Unsinn« unter,
um ihn ein altkluges Kind nennen zu können? »Altkluges
Kind« nämlich ist das Schlussurteil, zu welchem es Hess
bringt und welches er auch am Ende wiederholt. Durch dergleichen
Schlussurteile gelangt er dahin, »die geschichtliche Entwicklung
der deutschen Philosophie hinter sich zu haben.«
Hess lässt (S.14) »die Gattung auseinanderfallen in
Individuen, Familien, Stämme, Völker, Rassen«.
Dieses Auseinanderfallen, sagt er, »diese Entfremdung ist
die erste Existenzform der Gattung. Um zur Existenz zu kommen,
muss die Gattung sich individualisieren.« Woher nur Hess
alles das weiss, was die Gattung »muss«. »Existenzform
der Gattung, Entfremdung der Gattung, Sichindividualisieren der
Gattung«, das holt er sich alles aus der Philosophie hinter
ihm und begeht noch obenein seinen beliebten »Raubmord«
daran, indem er es z.B. Feuerbach »raubt« und zugleich
alles, was daran wirklich Philosophie ist, »mordet«.
Er hätte gerade aus Stirner lernen können, dass die
pomphafte Redensart von
der »Entfremdung der Gattung« ein »Unsinn«
ist; aber wo hätte er die Waffen gegen Stirner hernehmen
sollen, wenn nicht aus der Philosophie hinter ihm, natürlich
mittelst eines sozialistischen Raubmordes - ?
Seinen zweiten Abschnitt schliesst Hess mit dem Fund, dass »das
Ideal Stirners die bürgerliche Gesellschaft ist, welche den
Staat zu sich nimmt«. Hegel hat gezeigt, dass der Egoismus
in der bürgerlichen Gesellschaft zu Hause sei. Wer nun die
hegel'sche Philosophie hinter sich hat, der weiss auch aus dieser
Philosophie hinter ihm, dass einer, der den Egoismus »empfiehlt«,
an der bürgerlichen Gesellschaft sein Ideal hat. Es wird
sich später einmal eine Veranlassung darbieten, über
die bürgerliche Gesellschaft ausführlich zu sprechen;
dann wird sich zeigen, dass sie eben so wenig die Stätte
des Egoismus ist, als etwa die Familie die der Uneigennützigkeit.
Ihr Sinn ist vielmehr das Geschäftsleben, ein Leben,
welches sowohl von Heiligen und auf eine heilige Weise betrieben
werden kann - wie es heute durchweg geschieht -, als auch von
Egoisten und auf egoistische Weise - wie es heute nur von Wenigen
und verdeckt geschieht. Dem Stirner liegt die bürgerliche
Gesellschaft ganz und gar nicht am Herzen, und er gedenkt sie
keineswegs so auszudehnen, dass sie Staat und Familie verschlinge.
So etwas konnte Hess nur darum in ihm argwöhnen, weil er
mit hegel'schen Kategorien an ihn trat.
Eine besondere gewinnreiche und einträgliche Wendung hat
der uneigennützige Hess sich angewöhnt, indem er zu
wiederholten Malen merken lässt, dass die armen Berliner
sich ihre Weisheit vom Rhein, respektive von Hess und den dortigen
Sozialisten, auch wohl aus Frankreich holen, leider aber aus Dummheit
die schönen Sachen verderben. So sagt er z.B.: »Man
hat in
der jüngsten Zeit bei uns soviel vom leibhaftigen
Individuum, vom wirklichen Menschen, von der Verwirklichung der
Idee gesprochen, dass man sich nicht darüber wundern darf,
wenn die Kunde davon auch nach Berlin gedrungen ist und da philosophische
Köpfe aus ihrer Seligkeit aufgerüttelt hat. Aber die
philosophischen Köpfe haben die Sache philosophisch
verstanden.« - Dies mussten wir erwähnen, um, so viel
an uns ist, einen wohlverdienten Ruhm gebührend zu verbreiten;
wir setzten noch hinzu, dass auch schon in der Rheinischen
Zeitung, obwohl nicht »in jüngster Zeit«, viel
vom wirklichen Menschen und dergl. »gesprochen«
wurde, und zwar lediglich vom rheinischen Korrespondenten.
Gleich darauf will Hess es »dem Philosophen begreiflich machen,
was er unter dem wirklichen lebendigen Menschen versteht«
. Indem er's begreiflich machen will, spricht er's aus,
dass sein wirklicher Mensch ein Begriff ist, also
kein wirklicher Mensch. Hess selbst ist zwar ein wirklicher Mensch,
aber was Hess unter dem wirklichen Menschen versteht, das
wollen wir ihm schenken, da ja am Rhein (»bei uns«)
genug davon gesprochen wird.
Stirner sagt: »Wenn du das Heilige verzehrst, dann hast du's
zum Eigentum gemacht! Verdaue die Hostie und du bist sie los!«
Hess erwidert: »Als ob wir nicht längst unser heiliges
Eigentum verzehrten!« Ja, wir verzehrten das Eigentum als
ein Heiliges, ein heiliges Eigentum; aber wir verzehrten
die Heiligkeit daran nicht. Stirner sagt: »Wenn du das
Heilige verzehrst (Hess nimmt's einmal nicht so genau und
lässt ihn statt »das Heilige« sagen »heiliges
Eigentum«), dann hast du's zum Eigentum gemacht« d.h.
dann ist es dir ein Etwas (z.B. Dreck), das du wegwerfen kannst.
»Vernunft und Liebe sind überhaupt ohne Realität«
lässt Hess den Stirner sagen. Spricht dieser aber nicht von
meiner Vernunft, meiner Liebe? In Mir sind sie real,
haben sie »Realität«.
»Wir dürfen unser Wesen, unsere Eigenschaften nicht
von innen heraus entwickeln«, soll Stirner sagen. Dein Wesen
darfst du schon entwickeln, aber »unser Wesen«, das
»menschliche Wesen«, das ist ein ander Ding, von welchem
der ganze erste Teil des Buches handelt. Gleichwohl macht Hess
wieder zwischen deinem Wesen und unserem Wesen keinen Unterschied,
und tut's darin dem Feuerbach nach.
Es wird Stirner vorgeworfen, er kenne vom Sozialismus nur die
Anfänge, und diese »nur vom Hörensagen, sonst müsste
er z.B. wissen, dass der auf dem Boden der Politik stehende Kommunismus
selbst schon in die beiden Gegensätze des Egoismus (intérêt
personel) und des Humanismus (dévouement) längst auseinander
gegangen ist.« Dieser für Hess, der vom Sozialismus
vielleicht tausend Dinge mehr weiss als Stirner, wenngleich letzterer
den Sozialismus besser durchschaut hat, wichtige Gegensatz war
für Stirner ein untergeordneter und hätte ihm nur bedeutungsvoll
scheinen können, wenn er über den Egoismus so unklar
dachte wie Hess durchweg.
Dass Stirner übrigens »von der Gesellschaft nichts weiss«,
versteht sich für alle Sozialisten und Kommunisten von selbst
und braucht von Hess nicht erst bewiesen zu werden. Hätte
Stirner von ihr gewusst, wie hätte er's dann wagen können,
gegen Ihre Heiligkeit zu schreiben, und obendrein so ausführlich
und rücksichtslos zu schreiben!
Wie richtig ferner Hess urteilt und wie wenig er nötig
hatte, folgendes Urteil (»Stirners Opposition gegen den Staat
ist ganz gewöhnliche Opposition der freisinnigen Bourgeois,
welche es ebenfalls dem Staate in die Schuhe schieben, wenn das
Volk verarmt und verhungert«) zu rechtfertigen, sieht unstreitig
jeder augenblicklich ein, der Stirners Buch nicht gelesen hat.
Stirner wird von Hess folgendermassen apostrophiert: »Einziger,
du bist gross, originell, genial! Aber ich hätte deinen »Verein
von Egoisten« gerne, wenn auch nur auf dem Papiere, gesehen.
Da mir dies nicht vergönnt ist, erlaube ich mir, den eigentlichen
Gedanken deines Vereines von Egoisten zu charakterisieren«.
Er will den »Gedanken« dieses Vereines charakterisieren,
ja er charakterisiert ihn, indem er apodiktisch sagt, es sei »der
Gedanke, die roheste Form des Egoismus, die Wildheit, jetzt
ins Leben einführen zu wollen«. Da es ihm um den »Gedanken«
dieses Vereins zu tun ist, so erklärt sich's auch, dass er
ihn auf dem Papiere sehen möchte. Wie er im Einzigen nichts
als einen Gedanken, eine Kategorie, sieht, so musste ihm jener
Verein, in welchem ja gerade der Einzige Lebenspunkt ist, natürlich
auch zu einem Gedanken werden. Wie, wenn man nun Hess seine eigenen
Worte wiederholte: »Man hat in jüngster Zeit bei uns
vom Einzigen gesprochen, und die Kunde davon ist auch nach Köln
gedrungen; aber der philosophische Kopf in Köln hat die Sache
philosophisch verstanden«, hat sich einen »Gedanken«
daraus präpariert?
Er fährt aber fort und beweist, dass »unsere ganze bisherige
Geschichte nichts war als die Geschichte von egoistischen Vereinen,
deren Früchte - die antike Sklaverei, die romantische Leibeigenschaft
und die moderne, prinzipielle, universelle Leibeigenschaft - uns
allen bekannt sind.« Zunächst setzt Hess hier - wozu
braucht
er's auch so genau zu nehmen! - »egoistischer Verein«
statt des stirner'schen Ausdrucks »Verein von Egoisten«.
Seine Leser, die er überzeugen will - man sieht ja aus seiner
Vorrede, was für Leute er zu überzeugen hat, nämlich
Männer, welche Werke, wie die (Bruno) bauer'schen, von einem
»Anstiften der Reaktion« ableiten, also ungemein pfiffige
und politische Köpfe - diese Leser finden es gewiss auf der
Stelle richtig und unzweifelhaft, dass das lauter »egoistische
Vereine« waren. - Ist aber ein Verein, in welchem sich die
meisten um ihre natürlichsten und offenbarsten Interessen
prellen lassen, ein Verein von Egoisten? Haben sich da »Egoisten«
vereint, wo einer des anderen Sklave oder Leibeigener ist? Es
sind zwar Egoisten in einer solchen Gesellschaft, und insofern
könnte sie mit einigem Anschein ein »egoistischer Verein«
genannt werden; aber die Sklaven haben wahrlich nicht aus Egoismus
diese Gesellschaft aufgesucht und sind vielmehr in ihrem egoistischen
Herzen gegen diese schönen »Vereine«, wie sie Hess
nennt. - Gesellschaften, in welchen die Bedürfnisse der einen
auf Kosten der andern befriedigt werden, in denen z.B. die einen
das Bedürfnis der Ruhe dadurch befriedigen können, dass
die andern bis zur Erschlaffung arbeiten müssen, oder ein
Wohlleben dadurch führen, dass andere kümmerlich leben,
ja wohl gar verhungern; oder prassen, weil andere so töricht
sind zu darben u.s.w. - die nennt Hess egoistische Vereine, ja
identifiziert, da er »von der geheimen Polizei seines kritischen
Gewissens« frei ist, unbefangen und polizeiwidrig diese seine
egoistischen Vereine mit dem stirner'schen Verein von Egoisten.
Stirner braucht wohl auch den Ausdruck »egoistischer Verein«;
er ist aber erstlich durch »Verein von Egoisten« erklärt
und zweitens richtig, während, was
Hess so benannt, vielmehr eine religiöse Gesellschaft, eine
durch Recht, Gesetz und alle Förmlichkeiten oder Zeremonien
der Gerechtigkeit in heiligem Respekt gehaltene Gemeinde ist.
Ein anderes wäre es freilich, wenn Hess egoistische Vereine
nicht auf dem Papiere, sondern im Leben sehen wollte. Faust befindet
sich mitten in solchen Vereinen, als er ausruft: Hier bin ich
Mensch, hier darf ich's sein; - Goethe gibt's hier sogar Schwarz
auf Weiss. Sähe Hess das wirkliche Leben, worauf er doch
so viel hält, aufmerksam an, so würde er Hunderte von
solchen teils schnell vorübergehenden, teils dauernden egoistischen
Vereinen vor Augen haben. Vielleicht laufen in diesem Augenblick
vor seinem Fenster Kinder zu einer Spielkameradschaft zusammen;
er sehe sie an und er wird lustige egoistische Vereine erblicken.
Vielleicht hat Hess einen Freund, eine Geliebte; dann kann er
wissen, wie sich das Herz zum Herzen findet, wie ihrer zwei sich
egoistisch vereinen, um aneinander Genuss zu haben, und wie keiner
dabei »zu kurz kommt«. Vielleicht begegnet er ein paar
guten Bekannten auf der Strasse und wird aufgefordert, sie in
ein Weinhaus zu begleiten; geht er etwa mit, um ihnen einen Liebesdienst
zu erweisen, oder »vereint« er sich mit ihnen, weil
er sich Genuss davon verspricht? Haben sie sich wegen der »Aufopferung«
schönstens bei ihm zu bedanken, oder wissen sie's, dass sie
zusammen auf ein Stündchen einen »egoistischen Verein«
bildeten?
Freilich wird Hess es diesen trivialen Beispielen nicht ansehen,
wie inhaltsschwer und wie himmelweit verschieden sie von den heiligen
Gesellschaften, ja von der »brüderlichen, menschlichen
Gesellschaft« der heiligen Sozialisten sind.
Hess sagt von Stirner, »er stehe fortwährend unter der
geheimen Polizei seines kritischen Gewissens.« Was ist damit
weiter gesagt, als dass er, wenn er kritisiert, nicht ins Gelag
hinein kritisieren, nicht faseln, sondern eben wirklich kritisieren
will? Hess möchte dadurch aber zeigen, wie Recht er hat,
dass er keinen eigentlichen Unterschied zwischen Stirner und Br.
Bauer herausfinden kann. Wusste er aber überhaupt einen anderen
Unterschied zu finden als den zwischen den heiligen Sozialisten
und den »selbstsüchtigen Krämern«? Und ist
selbst dieser Unterschied mehr als ein pathetischer? Wozu braucht
er also einen Unterschied zwischen Br. Bauer und Stirner zu suchen,
da doch Kritik ohne Zweifel - Kritik ist? Wozu, möchte man
fragen, braucht sich Hess überhaupt mit so wunderlichen Käuzen
abzugeben, in denen er schwerlich jemals anders einen Sinn finden
wird, als wenn er ihnen, wie er's in der Broschüre getan
hat, seinen Sinn unterschiebt, die also, wie er's im Vorworte
sagt, auf einen »Unsinn auslaufen mussten« - wozu, da
er doch ein so weites menschliches Feld menschlichsten Wirkens
vor sich hat?
Zum Schluss dürfte es nicht unpassend sein, die Rezensenten an Feuerbachs Kritik des Antihegel S.4 zu erinnern.*
ENDE
*[Gemeint ist die Vorrede zu Feuerbachs Schrift »Kritik des Anti-Hegel. Zur Einleitung in das Studium der Philosophie« (Ansbach 1835). Feuerbach begründet in ihr, warum er Carl Friedrich Bachmanns Schrift »Anti-Hegel« (Jena 1835) eine ausführliche Kritik widmet, obwohl er sie als »unter aller Kritik« stehend bezeichnet.]