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(210)
hat, so kann er ohne Sittlichkeit nicht bestehen und muß auf
Sittlichkeit halten.
Darum sind Wir beide, der Staat und Ich, Feinde. Mir, dem Egoisten,
liegt das Wohl dieser "menschlichen Gesellschaft" nicht am Herzen,
Ich opfere ihr nichts, Ich benutze sie nur; um sie aber vollständig
benutzen zu können, verwandle Ich sie vielmehr in mein Eigentum und
mein Geschöpf, d. h. Ich vernichte sie und bilde an ihrer Stelle den
Verein von Egoisten.
[197] Also es verrät der Staat seine Feindschaft gegen Mich dadurch,
daß er fordert, Ich soll Mensch sein, was voraussetzt, daß Ich es auch
nicht sein und ihm für einen "Unmenschen" gelten könne: er legt Mir
das Menschsein als eine Pflicht auf. Ferner verlangt er, daß Ich nichts
tue, wobei er nicht bestehen könne; sein Bestand also soll Mir heilig
<236> sein. Dann soll Ich kein Egoist, sondern ein "honetter,
rechtschaffener", d. h. sittlicher Mensch sein. Genug, Ich soll gegen
ihn und seinen Bestand ohnmächtig und respektvoll sein usw.
Dieser Staat, allerdings nicht ein gegenwärtiger, sondern des
Erschaffens erst noch bedürftig, ist das Ideal des fortschreitenden
Liberalismus. Es soll eine wahrhafte "Menschengesellschaft"
entstehen, worin jeder "Mensch " Platz findet. Der Liberalismus will
"den Menschen" realisieren, d. h. ihm eine Welt schaffen, und dies
wäre die menschliche Welt oder die allgemeine (kommunistische)
Menschengesellschaft. Man sagte: "Die Kirche konnte nur den Geist,
der Staat soll den ganzen Menschen berücksichtigen."
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Aber ist "der
Mensch" nicht "Geist "? Der Kern des Staates ist eben "der
Mensch", diese Unwirklichkeit, und er selber ist nur
"Menschengesellschaft". Die Welt, welche der Gläubige (gläubige
Geist) schafft, heißt Kirche, die Welt, welche der Mensch (menschliche
oder humane Geist) schafft, heißt Staat. Das ist aber nicht meine Welt.
(211)
Ich verrichte nie in abstracto Menschliches, sondern immer Eigenes, d.
h. meine menschliche Tat ist von jeder andern menschlichen
verschieden und ist nur durch diese Verschiedenheit eine wirkliche,
Mir zugehörige Tat. Das Menschliche an ihr ist eine Abstraktion und
als solches Geist, d. h. abstrahiertes Wesen.
Br. Bauer
spricht es z. B. Judenfrage S. 84 aus, daß die Wahrheit der
Kritik die letzte, und zwar die vom Christentum selber gesuchte
Wahrheit sei, nämlich "der Mensch". Er sagt: "die Geschichte der
christlichen Welt ist die Geschichte <237> des höchsten
Wahrheitskampfes, denn in ihr und nur in [198] ihr! handelt es sich
um die Entdeckung der letzten oder der ersten Wahrheit des
Menschen und der Freiheit."
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Wohlan, lassen Wir Uns diesen Gewinn gefallen, und nehmen Wir
den Menschen für das endlich gefundene Resultat der christlichen
Geschichte und überhaupt des religiösen oder idealen Strebens der
Menschen. Wer ist nun der Mensch? Ich bin es! Der Mensch, das Ende
und Ergebnis des Christentums, ist als Ich der Anfang und das
auszunutzende Material der neuen Geschichte, einer Geschichte des
Genusses nach der Geschichte der Aufopferungen, einer Geschichte
nicht des Menschen oder der Menschheit, sondern Meiner. Der
Mensch gilt als das Allgemeine. Nun denn, Ich und das Egoistische ist
das wirklich Allgemeine, da Jeder ein Egoist ist und sich über alles
geht. Das Jüdische ist nicht das rein Egoistische, weil der Jude sich
noch an Jehova hingibt, das Christliche ist es nicht, weil der Christ von
der Gnade Gottes lebt und sich ihm unterwirft. Es befriedigt als Jude
wie als Christ ein Mensch nur gewisse seiner Bedürfnisse, nur eine
gewisse Notdurft, nicht sich: ein halber Egoismus, weil der Egoismus
eines halben Menschen, der halb er, halb Jude, oder halb sein
Eigentümer, halb ein Sklave ist. Darum schließen Jude und Christ sich
auch zur Hälfte immer aus, d. h. als Menschen erkennen sie sich an, als
Sklaven schließen sie sich aus, weil sie zweier verschiedener Herren
Diener sind.