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(212)
Könnten sie vollkommene Egoisten sein, so schlössen sie sich ganz
aus und hielten umso fester zusammen. Nicht daß sie sich ausschließen,
ist ihre Schmach, sondern daß dies nur halb geschieht. Dagegen meint
Br. Bauer
, als "Menschen " können sich Juden und Christen erst
betrachten und gegenseitig behan<238>deln, wenn sie das besondere
Wesen, welches sie trennt und zu ewiger Absonderung verpflichtet,
aufgeben, das allgemeine Wesen "des Menschen" anerkennen und als
ihr "wahres Wesen" betrachten.
Nach seiner Darstellung liegt der Fehler der Juden wie der [199]
Christen darin, daß sie etwas "Apartes" sein und haben wollen, statt
nur Menschen zu sein und Menschliches zu erstreben, nämlich die
"allgemeinen Menschenrechte". Er meint, ihr Grundirrtum bestehe in
dem Glauben, sie seien "privilegiert", besäßen "Vorrechte",
überhaupt in dem Glauben an das Vorrecht. Dagegen hält er ihnen das
allgemeine Menschenrecht vor. Das Menschenrecht! ­
Der Mensch ist der Mensch überhaupt und insofern Jeder, der Mensch
ist. Nun soll Jeder die ewigen Menschenrechte haben, und in der
vollkommenen "Demokratie" oder, wie es richtiger heißen müßte ­
Anthropokratie, nach der Meinung der Kommunisten sie genießen.
Aber nur Ich habe Alles, was Ich Mir ­ verschaffe; als Mensch habe
Ich nichts. Man möchte jedem Menschen alles Gute zufließen lassen,
bloß weil er den Titel "Mensch " hat. Ich aber lege den Akzent auf
Mich, nicht darauf, daß Ich Mensch bin.
Der Mensch ist nur etwas als meine Eigenschaft (Eigentum), wie die
Männlichkeit oder Weiblichkeit. Die Alten fanden das Ideal darin, daß
man im vollen Sinne Mann sei; ihre Tugend ist virtus* und arete*, d. h.
Männlichkeit. Was soll man von einem Weibe denken, die nur
vollkommen "Weib " sein wollte? Das ist nicht jeder gegeben und
Manche würde sich damit ein unerreichbares Ziel setzen. Weiblich
dagegen ist sie ohnehin, von Natur, die Weiblichkeit ist ihre
Eigenschaft, und sie braucht der "echten Weiblich<239>keit" nicht.
(213)
Ich bin Mensch, gerade so, wie die Erde Stern ist. So lächerlich es
wäre der Erde die Aufgabe zu stellen, ein "rechter Stern" zu sein, so
lächerlich ist 's, Mir als Beruf aufzubürden, ein "rechter Mensch" zu
sein.
Wenn
Fichte
sagt: "Das Ich ist Alles", so scheint dies mit meinen
Aufstellungen vollkommen zu harmonieren. Allein nicht das Ich ist
Alles, sondern das Ich zerstört Alles, und nur das sich selbst auflösende
Ich, das nie seiende Ich, das ­ endliche Ich ist wirklich Ich.
Fichte
spricht vom "absoluten" Ich, Ich aber spreche von Mir, dem
vergänglichen Ich.
Wie nahe liegt die Meinung, daß Mensch und Ich dasselbe [200]
sagen, und doch sieht man z. B. an
Feuerbach
, daß der Ausdruck
"Mensch " das absolute Ich, die Gattung bezeichnen soll, nicht das
vergängliche, einzelne Ich. Egoismus und Menschlichkeit (Humanität)
müßten das Gleiche bedeuten, aber nach
Feuerbach
kann der Einzelne
(das "Individuum") "sich nur über die Schranken seiner
Individualität erheben, aber nicht über die Gesetze, die positiven
Wesensbestimmungen seiner Gattung".
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Allein die Gattung ist nichts,
und wenn der Einzelne sich über die Schranken seiner Individualität
erhebt, so ist dies vielmehr gerade Er selbst als Einzelner, er ist nur,
indem er sich erhebt, er ist nur, indem er nicht bleibt, was er ist; sonst
wäre er fertig, tot. Der Mensch ist nur ein Ideal, die Gattung nur ein
Gedachtes. Ein Mensch sein, heißt nicht das Ideal des Menschen
erfüllen, sondern sich, den Einzelnen, darstellen. Nicht, wie Ich das
allgemein Menschliche realisiere, braucht meine Aufgabe zu sein,
sondern wie Ich Mir selbst genüge. Ich bin meine Gattung, <240> bin
ohne Norm, ohne Gesetz, ohne Muster u. dgl. Möglich, daß Ich aus Mir
sehr wenig machen kann; dies Wenige ist aber Alles und ist besser, als
was Ich aus Mir machen lasse durch die Gewalt Anderer, durch die
Dressur der