< prev next>

(46)
künden den Geist, der sie geordnet, von den Berggipfeln weht ein
Geist der Erhabenheit herunter, aus den Wassern rauscht ein Geist der
Sehnsucht herauf, und ­ aus den Menschen reden Millionen Geister.
Mögen die Berge einsinken, die Blumen verblühen, die Sternenwelt
zusammenstürzen, die Menschen sterben ­ was liegt am Untergang
dieser sichtbaren Körper? Der Geist, der "unsichtbare", bleibt ewig!
<47> Ja, es spukt in der ganzen Welt! Nur in ihr? Nein, sie selber
spukt, sie ist unheimlich durch und durch, sie ist der wandelnde
Scheinleib eines Geistes, sie ist ein Spuk. Was wäre ein Gespenst denn
anders als ein scheinbarer Leib, aber wirklicher Geist? Nun, die Welt
ist "eitel ", ist "nichtig ", ist nur blendender "Schein "; ihre Wahrheit
ist allein der Geist; sie ist der Scheinleib eines Geistes.
Schaue hin in die Nähe oder in die Ferne, Dich umgibt überall eine
gespenstische Welt: Du hast immer "Erscheinungen" oder Visionen.
Alles, was Dir erscheint, ist nur der Schein eines inwohnenden Geistes,
ist eine gespenstische "Erscheinung", die Welt Dir nur eine
"Erscheinungswelt", hinter welcher der Geist sein Wesen treibt. Du
"siehst Geister".
Gedenkst Du Dich etwa mit den Alten zu vergleichen, die überall
Götter sahen? Götter, mein lieber Neuer, sind keine Geister; Götter
setzen die Welt nicht zu einem Schein herab und vergeistigen sie nicht.
Dir aber ist die ganze Welt vergeistigt und ein rätselhaftes Gespenst
geworden; darum wundere Dich nicht, wenn Du ebenso in Dir nichts
als einen Spuk findest. Spukt nicht Dein Geist in Deinem Leibe, und ist
nicht jener allein das Wahre und Wirkliche, dieser nur das
"Vergängliche, Nichtige" oder ein "Schein "? Sind Wir nicht Alle
Gespenster, unheimliche Wesen, die auf "Erlösung " harren, nämlich
"Geister"?
[38] Seit der Geist in der Welt erschienen, seit "das Wort Fleisch
geworden"* ist, seitdem ist die Welt vergeistigt, verzaubert, ein Spuk.
Du hast Geist, denn Du hast Gedanken. Was sind Deine
(47)
Gedanken? ­ Geistige Wesen. ­ Also keine Dinge? ­ Nein, <48> aber
der Geist der Dinge, die Hauptsache an allen Dingen, ihr Innerstes, ihre
­ Idee. ­ Was Du denkst, ist mithin nicht bloß Dein Gedanke? ­ Im
Gegenteil, es ist das Wirklichste, das eigentlich Wahre an der Welt: es
ist die Wahrheit selber; wenn Ich nur wahrhaft denke, so denke Ich die
Wahrheit. Ich kann Mich zwar über die Wahrheit täuschen und sie
verkennen; wenn Ich aber wahrhaft erkenne, so ist der Gegenstand
Meiner Erkenntnis die Wahrheit. ­ So trachtest Du wohl allezeit die
Wahrheit zu erkennen? ­ Die Wahrheit ist Mir heilig. Es kann wohl
kommen, daß Ich eine Wahrheit unvollkommen finde und durch eine
bessere ersetze, aber die Wahrheit kann Ich nicht abschaffen. An die
Wahrheit glaube Ich, darum forsche Ich in ihr; über sie geht 's nicht
hinaus, sie ist ewig.
Heilig, ewig ist die Wahrheit, sie ist das Heilige, das Ewige. Du aber,
der Du von diesem Heiligen Dich erfüllen und leiten lässest, wirst
selbst geheiligt. Auch ist das Heilige nicht für Deine Sinne, und
niemals entdeckst Du als ein Sinnlicher seine Spur, sondern für Deinen
Glauben oder bestimmter noch für Deinen Geist: denn es ist ja selbst
ein Geistiges, ein Geist, ist Geist für den Geist.
Das Heilige läßt sich keineswegs so leicht beseitigen, als gegenwärtig
Manche behaupten, die dies "ungehörige" Wort nicht mehr in den
Mund nehmen. Werde Ich auch nur in Einer Beziehung noch "Egoist "
gescholten, so bleibt der Gedanke an ein Anderes übrig, dem Ich mehr
dienen sollte als Mir, und das Mir wichtiger sein müßte als Alles, kurz
ein Etwas, worin Ich Mein wahres Heil zu suchen hätte, ein ­
"Heiliges". Mag dies Heilige auch noch so menschlich aussehen, mag
es das Menschliche selber sein, das nimmt ihm die Heiligkeit nicht ab,
sondern <49> macht es höchstens aus einem [39] überirdischen zu
einem irdischen Heiligen, aus einem Göttlichen zu einem
Menschlichen.
Heiliges existiert nur für den Egoisten, der sich selbst nicht