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treiben). Wer nun religiös ist, der befaßt sich nicht mit dem
trügerischen Schein, nicht mit den eitlen Erscheinungen, sondern
schaut das Wesen an, und hat in dem Wesen die Wahrheit.
Die Wesen, welche aus den einen Erscheinungen sich ergeben, sind
die bösen Wesen, und umgekehrt aus andern die guten. Das Wesen des
menschlichen Gemütes z. B. ist die Liebe, das Wesen des menschlichen
Willens ist das Gute, das seines Denkens das Wahre usw.
<54> Was zuerst für Existenz galt, wie Welt u. dergl., das erscheint
jetzt als bloßer Schein, und das wahrhaft Existierende ist vielmehr das
Wesen, dessen Reich sich füllt mit Göttern, Geistern, Dämonen, d. h.
mit guten oder bösen Wesen. Nur diese verkehrte Welt, die Welt der
Wesen, existiert jetzt wahrhaft. Das menschliche Herz kann lieblos
sein, aber sein Wesen existiert, der Gott, "der die Liebe ist"; das
menschliche Denken kann im Irrtum wandeln, aber sein Wesen, die
Wahrheit existiert: "Gott ist die Wahrheit" usw.
Die Wesen allein und nichts als die Wesen zu erkennen und
anzuerkennen, das ist Religion: ihr Reich ein Reich der Wesen, des
Spukes und der Gespenster.
Der Drang, den Spuk faßbar zu machen, oder den Nonsens zu
realisieren, hat ein leibhaftiges Gespenst zu Wege gebracht, ein
Gespenst oder einen Geist mit einem wirklichen Leibe, ein beleibtes
Gespenst. Wie haben sich die kräftigsten genialsten Christenmenschen
abgemartert, um diese gespenstische Erscheinung zu begreifen. Es
blieb aber stets der Widerspruch zweier Naturen, der göttlichen und
menschlichen, d. h. der gespenstischen und sinnlichen: es blieb der
wundersamste Spuk, ein Unding. Seelenmarternder war noch nie ein
Gespenst, und kein Schamane, der bis zu rasender Wut und
nervenzerreißenden Krämpfen sich stachelt, um ein Gespenst zu
bannen, kann solche Seelenqual erdulden, wie Christen sie von jenem
unbegreiflichsten Gespenst erlitten.
[44] Allein durch
Christus
war zugleich die Wahrheit der Sache zu
Tage gekommen, daß der eigentliche Geist oder das eigent
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liche Gespenst der Mensch sei. Der leibhaftige oder beleibte Geist ist
eben der Mensch: er selbst das grauenhafte Wesen und zugleich des
Wesens Erscheinung und Existenz oder <55> Dasein. Fortan graut dem
Menschen nicht eigentlich mehr vor Gespenstern außer ihm, sondern
vor ihm selber: er erschrickt vor sich selbst. In der Tiefe seiner Brust
wohnt der Geist der Sünde, schon der leiseste Gedanke (und dieser ist
ja selber ein Geist) kann ein Teufel sein usw. Das Gespenst hat einen
Leib angezogen, der Gott ist Mensch geworden, aber der Mensch ist
nun selbst der grausige Spuk, hinter den er zu kommen, den er zu
bannen, zu ergründen, zur Wirklichkeit und zum Reden zu bringen
sucht: der Mensch ist Geist. Mag auch der Leib verdorren, wenn nur
der Geist gerettet wird: auf den Geist kommt Alles an, und das Geistes-
oder "Seelenheil" wird alleiniges Augenmerk. Der Mensch ist sich
selbst ein Gespenst, ein unheimlicher Spuk geworden, dem sogar ein
bestimmter Sitz im Leibe angewiesen wird (Streit über den Sitz der
Seele, ob im Kopfe usw.).
Du bist Mir und Ich bin Dir kein höheres Wesen. Gleichwohl kann in
jedem von Uns ein höheres Wesen stecken, und die gegenseitige
Verehrung desselben hervorrufen. Um gleich das Allgemeinste zu
nehmen, so lebt in Dir und Mir der Mensch. Sähe Ich in Dir nicht den
Menschen, was hätte Ich Dich zu achten? Du bist freilich nicht der
Mensch und seine wahre und adäquate Gestalt, sondern nur eine
sterbliche Hülle desselben, aus welcher er ausscheiden kann, ohne
selbst aufzuhören; aber für jetzt haust dieses allgemeine und höhere
Wesen doch in Dir und Du vergegenwärtigst Mir, weil ein
unvergänglicher Geist in Dir einen vergänglichen Leib angenommen
hat, mithin Deine Gestalt wirklich nur eine "angenommene" ist, einen
Geist, der erscheint, in Dir erscheint, ohne an Deinen Leib und diese
bestimmte Erscheinungsweise gebunden zu sein, also einen Spuk.
Darum be[45]trachte Ich nicht Dich als ein <56> höheres Wesen,
sondern respektiere allein