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Christen eifert, so sehr ist er dennoch selbst Christ geblieben, nämlich
[49] ein sittlicher Christ. In der Form der Sittlichkeit hält ihn das
Christentum gefangen, und zwar gefangen unter dem Glauben. Die
Monogamie soll etwas Heiliges sein, und wer etwa in Doppelehe lebt,
der wird als Verbrecher gestraft; wer Blutschande treibt, leidet als
Verbrecher. Hiermit zeigen sich diejenigen einverstanden, die immer
schreien, auf die Religion solle im Staate nicht gesehen werden, und
der Jude Staatsbürger gleich dem Christen sein. Ist jene Blutschande
und Monogamie nicht ein Glaubenssatz? Man rühre ihn <61> an, und
man wird erfahren, wie dieser Sittliche eben auch ein Glaubensheld ist,
trotz einem Krummacher, trotz einem
Philipp II.
Diese fechten für den
Kirchenglauben, er für den Staatsglauben, oder die sittlichen Gesetze
des Staates; für Glaubensartikel verdammen beide denjenigen, der
anders handelt, als ihr Glaube es gestatten will. Das Brandmal des
"Verbrechens" wird ihm aufgedrückt, und schmachten mag er in
Sittenverbesserungshäusern, in Kerkern. Der sittliche Glaube ist so
fanatisch als der religiöse! Das heißt dann "Glaubensfreiheit", wenn
Geschwister um eines Verhältnisses willen, das sie vor ihrem
"Gewissen " auszumachen hätten, ins Gefängnis geworfen werden.
"Aber sie gaben ein verderbliches Beispiel!" Ja freilich, es könnten
Andere auch darauf verfallen, daß der Staat sich nicht in ihr Verhältnis
zu mischen habe, und darüber ginge die "Sittenreinheit" zu Grunde.
So eifern denn die religiösen Glaubenshelden für den "heiligen Gott",
die sittlichen für das "heilige Gute".
Die Eiferer für etwas Heiliges sehen einander oft gar wenig ähnlich.
Wie differieren die strengen Orthodoxen oder Altgläubigen von den
Kämpfern für "Wahrheit, Licht und Recht", von den Philalethen,
Lichtfreunden, Aufgeklärten usw. Und doch wie gar nichts
Wesentliches enthält die Differenz. Rüttelt man an einzelnen
althergebrachten Wahrheiten (z. B. Wunder, unumschränkte
Fürstengewalt usw.), so rütteln
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die Aufgeklärten mit, und nur die Altgläubigen jammern. Rüttelt man
aber an der Wahrheit selbst, so hat man gleich beide als Gläubige zu
Gegnern. So mit Sittlichkeiten: [50] die Strenggläubigen sind
unnachsichtig, die helleren Köpfe sind toleranter. Aber wer die Sittlich-
keit selbst angreift, der bekommt 's mit beiden zu tun. "Wahrheit,
Sittlichkeit, Recht, <62> Licht usw." sollen "heilig " sein und
bleiben. Was man am Christentum zu tadeln findet, das soll nach der
Ansicht dieser Aufgeklärten eben "unchristlich" sein; das
Christentum aber muß das "Feste" bleiben, an ihm zu rütteln ist
frevelhaft, ist ein "Frevel". Allerdings setzt sich der Ketzer gegen den
reinen Glauben nicht mehr der früheren Verfolgungswut aus, desto
mehr aber gilt es jetzt dem Ketzer gegen die reine Sitte.
Die Frömmigkeit hat seit einem Jahrhundert so viele Stöße erfahren
und ihr übermenschliches Wesen so oft ein "unmenschliches"
schelten hören müssen, daß man sich nicht versucht fühlen kann, noch
einmal sich gegen sie auszulegen. Und doch sind fast immer nur
sittliche Gegner auf der Mensur* erschienen, um das höchste Wesen
anzufechten zu Gunsten eines andern höchsten Wesens. So sagt
Proudhon
ungescheut: "Der Mensch ist bestimmt, ohne Religion zu
leben, aber das Sittengesetz (la loi morale) ist ewig und absolut. Wer
würde es heute wagen, die Moral anzugreifen?"
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Die Sittlichen
schöpften das beste Fett von der Religion ab, genossen es selbst und
haben nun ihre liebe Not, die daraus entstandene Drüsenkrankheit
loszuwerden. Wenn Wir deshalb darauf hinweisen, daß die Religion
noch bei weitem nicht in ihrem Innersten verletzt wird, solange man ihr
nur ihr übermenschliches Wesen zum Vorwurfe macht, und daß sie in
letzter Instanz allein an den "Geist " appelliert (denn Gott ist Geist), so
haben Wir ihre endliche Eintracht mit der Sitt