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einnimmt; aber ist auch der Geist gebunden? Im Gegenteil, der ist
frei, ist alleiniger Herr, ist nicht Unser Geist, sondern absolut. Darum
wäre die richtige affirmative Übersetzung [53] des Wortes Religion die
" Geistesfreiheit"! Bei wem der Geist frei ist, der ist gerade in
derselben Weise religiös, wie derjenige ein sinnlicher Mensch heißt,
bei welchem die Sinne freien Lauf haben. Jenen bindet der Geist,
diesen die Lüste. Gebundenheit oder religio ist also die Religion in
Beziehung auf Mich: Ich bin gebunden; Freiheit in Beziehung auf den
Geist: der Geist ist frei oder hat Geistesfreiheit. Wie übel es Uns
bekommt, wenn frei und zügellos die Lüste mit Uns durchgehen, davon
wird Mancher die Erfahrung gemacht haben; daß aber der freie Geist,
die herrliche Geistigkeit, der Enthusiasmus für geistige Interessen, oder
wie immer in den verschiedensten Wendungen dies Juwel benannt
werden mag, Uns noch ärger in die Klemme bringt, als selbst die
wildeste Ungezogenheit, das will man nicht merken, und kann es auch
nicht merken, ohne bewußterweise ein Egoist zu sein.
Reimarus
und Alle, welche gezeigt haben, daß auch Unsere Vernunft,
Unser Herz usw. auf Gott führe, haben damit eben gezeigt, daß Wir
durch und durch besessen sind. Freilich ärgerten sie die Theologen,
denen sie das Privilegium der religiösen Erhebung nahmen, aber der
Religion, der Gei<66>stesfreiheit eroberten sie dadurch nur noch mehr
Terrain. Denn wenn der Geist nicht länger auf das Gefühl oder den
Glauben beschränkt ist, sondern auch als Verstand, Vernunft und
Denken überhaupt sich, dem Geiste, angehört, also auch in der Form
des Verstandes usw., an den geistigen und himmlischen Wahrheiten
teilnehmen darf, dann ist der ganze Geist nur mit Geistigem, d. h. mit
sich beschäftigt, also frei. Jetzt sind Wir so durch und durch religiös,
daß "Geschworne" Uns zum Tode verdammen, und jeder
Polizeidiener als guter Christ durch "Amtseid" Uns ins Loch bringt.
Die Sittlichkeit konnte erst von da ab gegen die Frömmigkeit in einen
Gegensatz treten, wo überhaupt der brausende
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Haß wider alles, was einem "Befehle" (Ordonnanz, Gebote usw.)
ähnlich sah, sich revoltierend Luft machte, und der persönliche
"absolute Herr" verhöhnt und verfolgt wurde: sie konnte folglich zur
Selbständigkeit erst durch den Libe[54]ralismus kommen, dessen erste
Form als "Bürgertum" sich weltgeschichtliche Bedeutung verschaffte,
und die eigentlich religiösen Gewalten schwächte (siehe unten
"Liberalismus"). Denn das Prinzip der neben der Frömmigkeit nicht
bloß beihergehenden, sondern auf eigenen Füßen stehenden Sittlichkeit
liegt nicht mehr in den göttlichen Geboten, sondern im
Vernunftgesetze, von welchem jene, soweit sie noch gültig bleiben
sollen, zu ihrer Gültigkeit erst die Berechtigung erwarten müssen. Im
Vernunftgesetze bestimmt sich der Mensch aus sich selbst, denn "der
Mensch" ist vernünftig, und aus dem "Wesen des Menschen"
ergeben sich jene Gesetze mit Notwendigkeit. Frömmigkeit und
Sittlichkeit scheiden sich darin voneinander, daß jene Gott, diese den
Menschen zum Gesetzgeber macht.
Von einem gewissen Standpunkte der Sittlichkeit aus rä<67>soniert
man etwa so: Entweder treibt den Menschen seine Sinnlichkeit, und er
ist, ihr folgend, unsittlich, oder es treibt ihn das Gute, welches, in den
Willen aufgenommen, sittliche Gesinnung (Gesinnung und
Eingenommenheit für das Gute) heißt: dann beweist er sich als sittlich.
Wie läßt sich von diesem Gesichtspunkte aus z. B. die Tat
Sand
s gegen
Kotzebue
unsittlich nennen? Was man so unter uneigennützig versteht,
das war sie doch gewiß in demselben Maße als unter anderem die
Diebereien des heiligen
Crispin
zu Gunsten der Armen. "Er hätte nicht
morden sollen, denn es stehet geschrieben: Du sollst nicht morden!"
Also dem Guten zu dienen, dem Volkswohl, wie Sand wenigstens
beabsichtigte, oder dem Wohl der Armen, wie
Crispin
, das ist sittlich;
aber der Mord und Diebstahl ist unsittlich: der Zweck sittlich, das
Mittel unsittlich. Warum? "Weil der Mord, der Meuchelmord etwas
absolut Böses ist." Wenn die Guerillas die Feinde des Landes in
Schluchten verlockten und sie ungesehen