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(66)
Das Gewebe der heutigen Heuchelei hängt an den Marken zweier
Gebiete, zwischen denen Unsere Zeit herüber und hinüber schwebt und
ihre feinen Fäden der Täuschung und Selbsttäuschung anklebt. Nicht
mehr kräftig genug, um zweifellos und ungeschwächt der Sittlichkeit
zu dienen, noch nicht rücksichtslos genug, um <70> ganz dem Ego-
ismus zu leben, zittert sie in dem Spinnennetze der Heuchelei bald zur
einen [57] bald zum andern hin, und fängt, vom Fluche der Halbheit
gelähmt, nur dumme, elende Mücken. Hat man 's einmal gewagt,
einen "freien " Antrag zu stellen, gleich verwässert man ihn wieder
mit Liebesversicherungen und heuchelt Resignation; hat man
anderseits die Stirne gehabt, den freien Antrag mit sittlichen
Verweisungen auf Vertrauen usw. zurückzuschlagen, gleich sinkt auch
der sittliche Mut, und man versichert, wie man die freien Worte mit
besonderem Wohlgefallen usw. vernehme: man heuchelt
Anerkennung. Kurz man möchte das Eine haben, aber das Andere nicht
entbehren: man möchte einen freien Willen haben, aber den sittlichen
bei Leibe nicht missen. Kommt nur zusammen, Ihr Liberalen, mit
einem Servilen. Ihr werdet jedes Wort der Freiheit mit einem Blick des
loyalsten Vertrauens versüßen, und er wird seinen Servilismus in die
schmeichelndsten Phrasen der Freiheit kleiden. Dann geht Ihr
auseinander, und er wie Ihr denkt: Ich kenne Dich, Fuchs! Er wittert an
Euch so gut den Teufel, als Ihr an ihm den alten finstern Herrgott.
Ein
Nero
ist nur in den Augen der "Guten " ein "böser " Mensch; in
den Meinigen ist er nichts als ein Besessener, wie die Guten auch. Die
Guten sehen in ihm einen Erzbösewicht, und delegieren ihn der Hölle.
Warum hinderte ihn nichts in seinen Willkürlichkeiten? Warum ließ
man sich so viel gefallen? Waren etwa die zahmen Römer, die von
einem solchen Tyrannen sich allen Willen binden ließen, um ein Haar
besser? Im alten Rom hätte man ihn augenblicklich hingerichtet, wäre
nie sein Sklave geworden. Aber
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die jetzigen "Guten " unter den Römern setzten ihm nur die sittliche
For<71>derung entgegen, nicht ihren Willen; sie seufzten darüber, daß
ihr Kaiser nicht der Sittlichkeit huldige wie sie: sie selber blieben
"sittliche Untertanen ", bis endlich Einer den Mut fand, die "sittliche,
gehorsame Untertänigkeit" aufzugeben. Und dann jauchzten dieselben
"guten Römer", die als "gehorsame Untertanen" alle Schmach der
Willenlosigkeit ertragen hatten, über die frevelhafte, unsittliche Tat des
Em[58]pörers. Wo war denn bei den "Guten " der Mut zur Revolution,
den sie jetzt priesen, nachdem ein Anderer ihn gefaßt hatte? Die Guten
konnten diesen Mut nicht haben, denn eine Revolution, und gar eine
Insurrektion, ist immer etwas "Unsittliches", wozu man sich nur
entschließen kann, wenn man aufhört, "gut " zu sein, und entweder
"böse " wird, oder keins von beiden.
Nero
war nicht schlimmer als
seine Zeit, in der man nur eins von beiden sein konnte, gut oder böse.
Seine Zeit mußte von ihm urteilen: er sei böse, und zwar im höchsten
Grade, nicht ein Flauer, sondern ein Erzböser. Alle Sittlichen können
nur dieses Urteil über ihn fällen. Schurken, wie er war, leben heute
noch mitunter fort (siehe z. B.
Memoiren des Ritters
von Lang
.)
inmitten der Sittlichen. Bequem lebt sich 's allerdings unter ihnen
nicht, da man keinen Augenblick seines Lebens sicher ist; allein lebt
man unter den Sittlichen etwa bequemer? Seines Lebens ist man da
ebensowenig sicher, nur daß man "im Wege Rechtens" gehängt wird,
seiner Ehre aber ist man am wenigsten sicher, und die Nationalkokarde
fliegt im Umsehen davon. Die derbe Faust der Sittlichkeit geht gar
unbarmherzig mit dem edlen Wesen des Egoismus um.
" Aber man kann doch nicht einen Schurken und einen ehrlichen
Mann auf gleiche Linie stellen!" Nun, kein Mensch <72> tut das öfter
als Ihr Sittenrichter, ja noch mehr als das, einen ehrlichen Mann, der
offen gegen die bestehende Staatsverfassung, gegen die geheiligten
Institutionen usw. redet, den sperrt Ihr ein als Verbrecher, und einem
verschmitzten