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Wohin könnte man blicken, ohne Opfern der Selbstverleugnung zu
begegnen? Da sitzt Mir gegenüber ein Mädchen, das vielleicht schon
seit zehn Jahren seiner Seele blutige Opfer bringt. Über der üppigen
Gestalt neigt sich ein todmüdes Haupt, und bleiche Wangen verraten
die langsame Verblutung ihrer Jugend. Armes Kind, wie oft mögen die
Leidenschaften an Dein Herz geschlagen, und die reichen Jugendkräfte
ihr Recht gefordert haben! Wenn Dein Haupt sich in die weichen
Kissen wühlte, wie zuckte die erwachende Natur durch Deine Glieder,
spannte das Blut Deine Adern, und gossen feurige Phantasien den
Glanz der Wollust in Deine Augen. Da erschien das Gespenst der Seele
und ihrer Seligkeit. Du erschrakst, Deine Hände falteten sich, Dein
gequältes Auge richtete den Blick nach oben, Du betetest. Die Stürme
der Natur verstummten, Meeresstille glitt hin über den Ozean Deiner
Begierden. Langsam senkten sich die [67] matten Augenlider über das
unter ihnen erloschene Leben, aus den strotzenden Gliedern schlich
unvermerkt die Spannung, in dem Herzen versiegten die lärmenden
Wogen, die gefalteten Hände selbst lasteten entkräftet auf dem
widerstandlosen Busen, ein leises, letztes Ach stöhnte noch nach, und
die Seele war ruhig. Du entschliefst, um am Morgen zu neuem Kampfe
zu erwachen und zu neuem Gebete. Jetzt kühlt die Ge<82>wohnheit
der Entsagung die Hitze Deines Verlangens und die Rosen Deiner
Jugend erblassen in der Bleichsucht Deiner Seligkeit. Die Seele ist
gerettet, der Leib mag verderben! O
Lais
*, o
Ninon
, wie tatet Ihr wohl,
diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen
tausend in der Tugend grau gewordene Jungfern!
Auch als "Grundsatz, Prinzip, Standpunkt" u. dergl. läßt sich die fixe
Idee vernehmen. Archimedes verlangte einen Standpunkt außerhalb
der Erde, um sie zu bewegen. Nach diesem Standpunkte suchten
fortwährend die Menschen, und Jeder nahm ihn ein, so gut er
vermochte. Dieser fremde
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Standpunkt ist die Welt des Geistes, der Ideen, Gedanken, Begriffe,
Wesen usw.; es ist der Himmel. Der Himmel ist der "Standpunkt",
von welchem aus die Erde bewegt, das irdische Treiben überschaut und
verachtet wird. Sich den Himmel zu sichern, den himmlischen Stand-
punkt fest und auf ewig einzunehmen, wie schmerzlich und
unermüdlich rang darnach die Menschheit.
Es hat das Christentum dahin gezielt, Uns von der Naturbestimmung
(Bestimmung durch die Natur), von den Begierden als antreibend, zu
erlösen, mithin gewollt, daß der Mensch sich nicht von seinen
Begierden bestimmen lasse. Darin liegt nicht, daß er keine Begierden
haben solle, sondern daß die Begierden ihn nicht haben sollen, daß sie
nicht fix, unbezwinglich, unauflöslich werden sollen. Was nun das
Christentum (die Religion) gegen die Begierden machinierte, könnten
Wir das nicht auf seine eigene Vorschrift, daß Uns der Geist (Gedanke,
Vorstellungen, Ideen, Glaube usw.) bestimmen solle, anwenden,
könnten verlangen, daß auch der [68] Geist oder die Vorstellung, die
Idee Uns nicht bestimmen, nicht fix und <83> unantastbar oder
"heilig " werden dürfe? Dann ginge es auf die Auflösung des Geistes,
Auflösung aller, Gedanken, aller Vorstellungen aus. Wie es dort heißen
mußte: Wir sollen zwar Begierden haben, aber die Begierden sollen
Uns nicht haben, so hieße es nun: Wir sollen zwar Geist haben, aber
der Geist soll Uns nicht haben. Scheint das Letztere eines rechten
Sinnes zu ermangeln, so denke man z. B. daran, daß bei so Manchem
ein Gedanke zur "Maxime" wird, wodurch Er selbst in dessen
Gefangenschaft gerät, so daß nicht Er die Maxime, sondern diese
vielmehr Ihn hat. Und mit der Maxime hat er wieder einen "festen
Standpunkt". Die Lehren des Katechismus werden unversehens
Unsere Grundsätze und ertragen keine Verwerfung mehr. Der Gedanke
derselben oder der Geist hat die alleinige Gewalt, und keine Einrede
des "Fleisches" wird weiter gehört. Gleichwohl aber kann Ich nur
durch das