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" Fleisch" die Tyrannei des Geistes brechen; denn nur, wenn ein
Mensch auch sein Fleisch vernimmt, vernimmt er sich ganz, und nur,
wenn er sich ganz vernimmt, ist er vernehmend oder vernünftig. Der
Christ vernimmt den Jammer seiner geknechteten Natur nicht, sondern
lebt in "Demut "; darum murrt er nicht gegen die Unbill, welche seiner
Person widerfährt: mit der "Geistesfreiheit" glaubt er sich befriedigt.
Führt aber einmal das Fleisch das Wort und ist der Ton desselben, wie
es nicht anders sein kann, "leidenschaftlich", "unanständig", "nicht
wohlmeinend", "böswillig" usw., so glaubt er Teufelsstimmen zu
vernehmen, Stimmen gegen den Geist (denn Anstand, Lei-
denschaftlosigkeit, Wohlmeinung u. dergl. ist eben ­ Geist), und eifert
mit Recht dagegen. Er müßte nicht Christ sein, wenn er sie dulden
wollte. Er hört nur auf die Sittlichkeit, und schlägt die Sittenlosigkeit
<84> aufs Maul, er hört nur auf die Gesetzlichkeit, und knebelt das
gesetzlose Wort: Der Geist der Sittlichkeit und Gesetzlichkeit hält ihn
gefangen, ein starrer, unbeugsamer Herr. Das nennen sie die
"Herrschaft des Geistes" ­, es ist zugleich der Standpunkt des Geistes.
[69] Und wen wollen nun die gewöhnlichen liberalen Herrn
freimachen? Nach wessen Freiheit schreien und lechzen sie denn?
Nach der des Geistes! Des Geistes der Sittlichkeit, Gesetzlichkeit,
Frömmigkeit, Gottesfurcht usw. Das wollen die antiliberalen Herrn
auch, und der ganze Streit zwischen beiden dreht sich um den Vorteil,
ob die letzteren das Wort allein haben oder die ersteren einen
"Mitgenuß desselben Vorteils" erhalten sollen. Der Geist bleibt für
beide der absolute Herr, und sie hadern nur darum, wer den
hierarchischen Thron, der dem "Statthalter des Herrn" gebührt,
einnehmen soll. Das Beste an der Sache ist, daß man dem Treiben
ruhig zusehen kann mit der Gewißheit, daß die wilden Tiere der
Geschichte sich ebenso zerfleischen werden, wie die der Natur; ihre
verwesenden Kadaver düngen den Boden für ­ Unsere Früchte.
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Auf manchen andern Sparren, wie den des Berufes, der
Wahrhaftigkeit, der Liebe usw. kommen Wir später zurück.
Wenn das Eigene dem Eingegebenen entgegengestellt wird, so will der
Einwurf nichts verschlagen, daß Wir Isoliertes nicht haben können,
sondern alles im Weltzusammenhange, also durch den Eindruck des
um Uns Befindlichen empfangen, mithin als ein "Eingegebenes "
haben; denn es ist ein großer Abstand zwischen den Gefühlen und
Gedanken, welche durch <85> Anderes in mir angeregt, und denen,
welche Mir gegeben werden. Gott, Unsterblichkeit, Freiheit,
Menschlichkeit usw. werden Uns von Kindheit an als Gedanken und
Gefühle eingeprägt, die kräftiger oder flauer Unser Inneres bewegen,
und entweder unbewußt Uns beherrschen, oder in reicheren Naturen zu
Systemen und Kunstwerken sich darlegen können, immer aber nicht
angeregte, sondern eingegebene Gefühle sind, weil Wir an sie glauben
und an ihnen hängen müssen. Daß ein Absolutes sei und dieses
Absolute von Uns aufgenommen, gefühlt und gedacht werden müsse,
stand als Glaube bei denen fest, die alle Kraft ihres Geistes darauf
verwandten, es zu erkennen und darzustel[70]len. Das Gefühl für das
Absolute besteht da als ein eingegebenes und kommt fortan nur zu den
mannigfaltigsten Offenbarungen seiner selbst. So war in
Klopstock
das
religiöse Gefühl ein eingegebenes, das sich in der
Messiade
nur
künstlerisch verkündete. Wäre hingegen die Religion, welche er
vorfand, für ihn nur eine Anregung zu Gefühl und Gedanke gewesen,
und hätte er sich ganz eigen dagegen zu stellen gewußt, so ergab sich
statt religiöser Begeisterung eine Auflösung und Verzehrung des
Objektes. Dafür setzte er im reifen Alter nur seine kindischen, in der
Kindheit empfangenen Gefühle fort, und verpraßte die Kräfte seiner
Mannheit in dem Aufputz seiner Kindereien.