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Demut, Unterwürfigkeit, Untertänigkeit usw.). Hier spukt die ganze
Gespensterschar der "christlichen Tugenden".
<95> Alles, wovor Ihr einen Respekt oder eine Ehrfurcht hegt,
verdient den Namen eines Heiligen; auch sagt Ihr selbst, Ihr trüget eine
" heilige Scheu", es anzutasten. Und selbst dem Unheiligen gebt Ihr
diese Farbe (Galgen, Verbrechen usw.). Es graut Euch vor der
Berührung desselben. Es liegt etwas Unheimliches, d. h. Unheimisches
oder Uneigenes darin.
" Gälte dem Menschen nicht irgend etwas als heilig, so wäre ja der
Willkür, der schrankenlosen Subjektivität Tür und Tor geöffnet!"
Furcht macht den Anfang, und dem rohsten Menschen kann man sich
fürchterlich machen; also schon ein Damm gegen seine Frechheit.
Allein in der Furcht bleibt immer noch der Versuch, sich vom
Gefürchteten zu befreien durch List, Betrug, Pfiffe usw. Dagegen ist 's
in der Ehrfurcht ganz anders. Hier wird nicht bloß gefürchtet, sondern
auch geehrt: das Gefürchtete ist zu einer innerlichen Macht geworden,
der Ich Mich nicht mehr entziehen kann; Ich ehre dasselbe, bin davon
eingenommen, ihm zugetan und angehörig: durch die Ehre, welche Ich
ihm zolle, bin Ich vollständig in seiner Gewalt, und versuche die
Befreiung nicht einmal mehr. Nun hänge ich mit der ganzen Kraft des
Glaubens daran, Ich glaube. Ich und das Gefürchtete sind Eins: "nicht
Ich lebe, sondern das Respektierte lebt in Mir!" Weil der Geist, das
Unendliche, kein Ende nehmen läßt, darum ist er stationär: er fürchtet
das Sterben, er kann von seinem Jesulein nicht lassen, die Größe der
Endlichkeit wird von seinem geblendeten Auge nicht mehr erkannt: das
nun zur Verehrung gesteigerte Gefürchtete darf nicht mehr angetastet
werden: die Ehrfurcht wird verewigt, das Respektierte wird vergöttert.
Der Mensch ist nun nicht mehr schaffend, sondern <96> lernend
(wissend, forschend usw.), d. h. beschäftigt mit einem festen
Gegenstande, sich vertiefend in ihn, ohne Rück[79]kehr zu sich selber.
Das Verhältnis zu diesem
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Gegenstande ist das des Wissens, des Ergründens und Begründens
usw., nicht das des Auflösens (Abschaffens usw.). "Religiös soll der
Mensch sein", das steht fest; daher beschäftigt man sich nur mit der
Frage, wie dies zu erreichen, welches der rechte Sinn der Religiosität
usw. Ganz anders, wenn man das Axiom selbst fraglich macht und in
Zweifel zieht, und sollte es auch über den Haufen stürzen. Sittlichkeit
ist auch solch eine heilige Vorstellung: sittlich müsse man sein, und
müsse nur das rechte Wie, die rechte Art es zu sein, aufsuchen. An die
Sittlichkeit selbst wagt man sich nicht mit der Frage, ob sie nicht selbst
ein Truggebilde sei: sie bleibt über allem Zweifel erhaben,
unwandelbar. Und so geht es fort mit dem Heiligen, Stufe für Stufe,
vom "Heiligen " bis zum "Hochheiligen".
Man teilt mitunter die Menschen in zwei Klassen, in Gebildete und
Ungebildete. Die ersteren beschäftigten sich, soweit sie ihres Namens
würdig waren, mit Gedanken, mit dem Geiste, und forderten, weil sie
in der nachchristlichen Zeit, deren Prinzip eben der Gedanke ist, die
Herrschenden waren, für die von ihnen anerkannten Gedanken einen
unterwürfigen Respekt. Staat, Kaiser, Kirche, Gott, Sittlichkeit,
Ordnung usw. sind solche Gedanken oder Geister, die nur für den Geist
sind. Ein bloß lebendiges Wesen, ein Tier, kümmert sich um sie so
wenig als ein Kind. Allein die Ungebildeten sind wirklich nichts als
Kinder, und wer nur seinen <97> Lebensbedürfnissen nachhängt, ist
gleichgültig gegen jene Geister; weil er aber auch schwach gegen
dieselben ist, so unterliegt er ihrer Macht, und wird beherrscht von ­
Gedanken. Dies ist der Sinn der Hierarchie.
Hierarchie ist Gedankenherrschaft, Herrschaft des Geistes!
Hierarchisch sind Wir bis auf den heutigen Tag, unter