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(102)
ganz aus der Wertigkeit in das "Reich des Geistes" erhob und
religiös machte.
Man stellte passend Luther und Cartesius zusammen in dem "Wer
glaubt, ist ein Gott" und "Ich denke, also bin Ich" (cogito, ergo sum).
Der Himmel des Menschen ist das Denken, der Geist. Alles kann ihm
entrissen werden, das Denken nicht, nicht der Glaube. Bestimmter
Glaube, wie Glaube [92] an Zeus, Astarte, Jehova, Allah usw. kann
zerstört werden, der Glaube selbst hingegen ist unzerstörbar. Im
Denken ist Freiheit. Was Ich brauche und wonach Ich Hunger habe,
das wird Mir durch keine Gnade mehr gewährt, durch die
Jungfrau
Maria
, durch Fürsprache der Heiligen, oder durch die lösende und
bindende Kirche, sondern Ich verschaffe Mir 's selber. Kurz Mein Sein
(das sum) ist ein Leben im Himmel des Denkens, des Geistes, ein
cogitare. Ich selber aber bin nichts anderes als Geist, als denkender
(nach
Cartesius
), als Gläubiger (nach
Luther
). Mein Leib, das bin Ich
nicht; Mein Fleisch mag leiden von Gelüsten oder Qualen. Ich bin nicht
Mein Fleisch, sondern Ich bin Geist, nur Geist.
Dieser Gedanke durchzieht die Reformationsgeschichte bis heute.
Erst die neuere Philosophie seit
Cartesius
hat Ernst damit gemacht, das
Christentum zu vollendeter Wirksamkeit zu bringen, indem sie das
"wissenschaftliche Bewußtsein" zum <112> allein wahren und
geltenden erhob. Daher beginnt sie mit dem absoluten Zweifel, dem
dubitare, mit der "Zerknirschung" des gemeinen Bewußtseins, mit der
Abwendung von Allem, was nicht durch den "Geist ", das "Denken "
legitimiert wird. Nichts gilt ihr die Natur, nichts die Meinung der
Menschen, ihre "Menschensatzungen", und sie ruht nicht, bis sie in
Alles Vernunft gebracht hat und sagen kann "das Wirkliche ist das
Vernünftige und nur das Vernünftige ist das Wirkliche". So hat sie
endlich den Geist, die Vernunft zum Siege geführt, und Alles ist Geist,
weil Alles vernünftig
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ist, die ganze Natur so gut als selbst die verkehrtesten Meinungen der
Menschen Vernunft enthalten: denn "es muß ja Alles zum Besten
dienen", d. h. zum Siege der Vernunft führen.
Das dubitare des Cartesius enthält den entschiedenen Ausspruch, daß
nur das cogitare, das Denken, der Geist sei. Ein vollkommener Bruch
mit dem "gemeinen " Bewußtsein, welches den unvernünftigen
Dingen Wirklichkeit zuschreibt! Nur das Vernünftige ist, nur der Geist
ist! Dies ist das Prin[93]zip der neueren Philosophie, das echt christli-
che. Scharf schied schon
Cartesius
den Körper vom Geiste, und "der
Geist ist 's, der sich den Körper baut" sagt
Goethe
.*
Aber diese Philosophie selbst, die christliche, wird doch das
Vernünftige nicht los und eifert darum gegen das "bloß Subjektive",
gegen die "Einfälle, Zufälligkeiten, Willkür" usw. Sie will ja, daß das
Göttliche in Allem sichtbar werden soll, und alles Bewußtsein ein
Wissen des Göttlichen werde und der Mensch Gott überall schaue; aber
Gott ist eben nie ohne den Teufel.
Ein Philosoph ist eben darum Derjenige nicht zu nennen, welcher zwar
offene Augen für die Dinge der Welt, einen <113> klaren und
unverblendeten Blick, ein richtiges Urteil über die Welt hat, aber in der
Welt eben nur die Welt, in den Gegenständen nur die Gegenstände,
kurz Alles prosaisch, wie es ist, sieht, sondern ein Philosoph ist allein
Derjenige, welcher in der Welt den Himmel, in dem Irdischen das
Überirdische, in dem Weltlichen das Göttliche sieht und nachweist
oder beweist. Jener mag noch so verständig sein, es bleibt doch dabei:
Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein
kindlich Gemüt. Dies kindliche Gemüt macht erst den Philosophen,
dieses Auge für das Göttliche. Jener hat nur ein "gemeines "
Bewußtsein, wer aber das Göttliche weiß und zu sagen weiß, der hat
ein "wissenschaftliches". Aus diesem Grunde verwies man den
Baco
aus dem Reiche der Philosophen. Und weiter scheint allerdings
Dasjenige, was