< prev next>

(18)
suchen Uns an Allem. Sind Wir erst dahinter gekommen, so wissen
Wir Uns sicher; sind Wir z. B. dahinter gekommen, da§ die Rute zu
schwach ist gegen Unsern Trotz, so fŸrchten Wir sie nicht mehr, "sind
ihr entwachsen". [10] Hinter der Rute steht, mŠchtiger als sie, unser Ð
Trotz, unser trotziger Mut. Wir kommen gemach hinter alles, was Uns
unheimlich und nicht geheuer war, hinter die unheimlich gefŸrchtete
Macht der Rute, der strengen Miene des Vaters usw., und hinter allem
finden Wir Unsere Ð Ataraxie, d. h. UnerschŸtterlichkeit,
Unerschrockenheit,
unsere
Gegengewalt,
†bermacht,
Unbezwingbarkeit. Was Uns erst Furcht und Respekt einflš§te, davor
ziehen Wir Uns nicht mehr scheu zurŸck, sondern fassen Mut. Hinter
allem finden Wir Unsern Mut, Unsere †berlegenheit; hinter dem
barschen Befehl der Vorgesetzten und Eltern steht doch Unser mutiges
Belieben oder Unsere Ÿberlistende Klugheit. Und je mehr Wir Uns
fŸhlen, desto kleiner erscheint, was zuvor unŸberwindlich dŸnkte. Und
was ist Unsere List, Klugheit, Mut, Trotz? Was sonst als Ð Geist!
Eine geraume Zeit hindurch bleiben Wir mit einem Kampfe, der spŠter
Uns so sehr in Atem setzt, verschont, mit dem Kampfe gegen die
Vernunft. Die schšnste Kindheit geht vorŸber, <15> ohne da§ Wir
nštig hŠtten, Uns mit der Vernunft herumzuschlagen. Wir kŸmmern
Uns gar nicht um sie, lassen Uns mit ihr nicht ein, nehmen keine
Vernunft an. Durch †berzeugung bringt man Uns zu nichts, und gegen
die guten GrŸnde, GrundsŠtze usw. sind Wir taub; Liebkosungen,
ZŸchtigungen und €hnlichem widerstehen Wir dagegen schwer.
Dieser saure Lebenskampf mit der Vernunft tritt erst spŠter auf, und
beginnt eine neue Phase: in der Kindheit tummeln Wir Uns, ohne viel
zu grŸbeln.
Geist hei§t die erste Selbstfindung, die erste Entgštterung des
Gšttlichen, d. h. des Unheimlichen, des Spuks, der "oberen MŠchte".
Unserem frischen JugendgefŸhl, diesem SelbstgefŸhl, imponiert nun
nichts mehr: die Welt ist in Verruf erklŠrt, denn Wir sind Ÿber ihr, sind
Geist.
(19)
Jetzt erst sehen Wir, da§ Wir die Welt bisher gar nicht mit Geist
angeschaut haben, sondern nur angestiert.
An Naturgewalten Ÿben Wir Unsere ersten KrŠfte. Eltern [11]
imponieren Uns als Naturgewalt; spŠter hei§t es: Vater und Mutter sei
zu verlassen, alle Naturgewalt fŸr gesprengt zu erachten. Sie sind
Ÿberwunden. FŸr den VernŸnftigen, d. h. "Geistigen Menschen", gibt
es keine Familie als Naturgewalt: es zeigt sich eine Absagung von
Eltern, Geschwistern usw. Werden diese als geistige, vernŸnftige
Gewalten
"wiedergeboren", so sind sie durchaus nicht mehr das, was
sie vorher waren.
Und nicht blo§ die Eltern, sondern die Menschen Ÿberhaupt werden
von dem jungen Menschen besiegt: sie sind ihm kein Hindernis, und
werden nicht berŸcksichtigt: denn, hei§t es nun: Man mu§ Gott mehr
gehorchen, als den Menschen.
<16> Alles " Irdische" weicht unter diesem hohen Standpunkte in
verŠchtliche Ferne zurŸck: denn der Standpunkt ist der - himmlische.
Die Haltung hat sich nun durchaus umgekehrt, der JŸngling nimmt ein
geistiges Verhalten an, wŠhrend der Knabe, der sich noch nicht als
Geist fŸhlte, in einem geistlosen Lernen aufwuchs. Jener sucht nicht
der Dinge habhaft zu werden, z. B. nicht die Geschichtsdata in seinen
Kopf zu bringen, sondern der Gedanken, die in den Dingen verborgen
liegen, also z. B. des Geistes der Geschichte; der Knabe hingegen
versteht wohl ZusammenhŠnge, aber nicht Ideen, den Geist; daher reiht
er Lernbares an Lernbares, ohne apriorisch und theoretisch zu
verfahren, d. h. ohne nach Ideen zu suchen.
Hatte man in der Kindheit den Widerstand der Weltgesetze zu
bewŠltigen, so stš§t man nun bei Allem, was man vorhat, auf eine
Einrede des Geistes, der Vernunft, des eigenen Gewissens. "Das ist
unvernŸnftig, unchristlich, unpatriotisch" u. dergl., ruft Uns das
Gewissen zu, und Ð schreckt Uns davon ab. Ð Nicht die Macht der
rŠchenden