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dagegen im Protestantismus sind weltliche Verhältnisse durch sich
selbst heilig, heilig durch ihre bloße Existenz. Mit der Weihe, durch
welche Heiligkeit verliehen wird, hängt genau die jesuitische Maxime
zusammen: "Der Zweck heiligt die Mittel." Kein Mittel ist für sich
heilig oder unheilig, sondern seine Beziehung zur Kirche, sein Nutzen
für die Kirche, heiligt das Mittel. Königsmord wurde als ein solches
angegeben; ward er zum Frommen der Kirche vollführt, so konnte er
ihrer, wenn auch nicht offen ausgesprochenen Heiligung gewiß sein.
Dem Protestanten gilt die Majestät für heilig, dem Katholiken könnte
nur die durch den Oberpriester geweihte dafür gelten, und gilt ihm
auch nur deshalb dafür, weil der Papst diese Heiligkeit ihr, wenn auch
ohne besonderen Akt, ein für allemal erteilt. Zöge er seine Weihe
zurück, so bliebe der König dem Katholiken nur ein "Weltmensch
oder Laie", ein "Ungeweihter".
<121> [100] Sucht der Protestant im Sinnlichen selbst eine Heiligkeit
zu entdecken, um dann nur an Heiligem zu hängen, so strebt der
Katholik vielmehr, das Sinnliche von sich weg in ein besonderes
Gebiet zu verweisen, wo es wie die übrige Natur seinen Wert für sich
behält. Die katholische Kirche schied aus ihrem geweihten Stande die
weltliche Ehe aus und entzog die Ihrigen der weltlichen Familie; die
protestantische erklärte die Ehe und das Familienband für heilig und
darum nicht unpassend für ihre Geistlichen.
Ein Jesuit darf als guter Katholik alles heiligen. Er braucht sich z. B.
nur zu sagen: Ich als Priester bin der Kirche notwendig, diene ihr aber
eifriger, wenn Ich meine Begierden gehörig stille; folglich will Ich dies
Mädchen verführen, meinen Feind dort vergiften lassen usw.; Mein
Zweck ist heilig, weil der eines Priesters, folglich heiligt er das Mittel.
Es geschieht ja am letzten Ende doch zum Nutzen der Kirche. Warum
sollte der katholische Priester sich scheuen, dem
Kaiser Heinrich VII.
die vergiftete Hostie zu reichen zum ­ Heil der Kirche?
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Die echt ­ kirchlichen Protestanten eiferten gegen jedes "unschuldige
Vergnügen", weil unschuldig nur das Heilige, das Geistige sein
konnte. Worin sie nicht den heiligen Geist nachweisen konnten, das
mußten die Protestanten verwerfen: Tanz, Theater, Prunk (z. B. in der
Kirche) u. dergl.
Gegen diesen puritanischen
Calvin
ismus ist wieder das
Luther
tum
mehr auf dem religiösen, d. h. geistigen Wege, ist radikaler. Jener
nämlich schließt flugs eine Menge Dinge als sinnlich und weltlich aus
und purifiziert* die Kirche; das
Luther
tum hingegen sucht womöglich
in alle Dinge Geist zu bringen, den heiligen Geist in Allem als Wesen
zu erken<122>nen, und so alles Weltliche zu heiligen. ("Einen Kuß in
Ehren kann niemand wehren." Der Geist der Ehrbarkeit heiligt ihn.)
Daher gelang auch dem
Luther
aner
Hegel
(er erklärt sich an irgend
einer Stelle dafür: "er wolle
Luther
aner bleiben") die vollständige
Durchführung des Begriffs durch Alles. In allem ist Vernunft, d. h.
heiliger Geist, oder "das [101] Wirkliche ist vernünftig". Das
Wirkliche ist nämlich in der Tat Alles, da in Jedem, z. B. jeder Lüge
die Wahrheit aufgedeckt werden kann: es gibt keine absolute Lüge,
kein absolut Böses u. dergl.
Große "Geisteswerke" wurden fast nur von Protestanten geschaffen,
da sie allein die wahren Jünger und Vollbringer des Geistes waren.
Wie weniges vermag der Mensch zu bezwingen! Er muß die Sonne
ihre Bahn ziehen, das Meer seine Wellen treiben, die Berge zum
Himmel ragen lassen. So steht er machtlos vor dem Unbezwinglichen.
Kann er sich des Eindruckes erwehren, daß er gegen diese riesenhafte
Welt ohnmächtig sei? Sie ist ein festes Gesetz, dem er sich unterwerfen
muß, sie bestimmt sein Schicksal. Wohin arbeitete nun die
vorchristliche Menschheit? Dahin, das Einstürmen der Geschicke
loszuwerden, sich durch sie nicht alterieren* zu lassen. Die Stoiker
erreichten dies in der Apathie, indem sie die Angriffe