< prev
next>
(116)
Begriffe, um neue an deren Stelle zu bringen! Sie sagen: Ihr macht
Euch einen falschen Begriff vom Rechte, vom Staate, vom Menschen,
von der Freiheit, von der Wahrheit, von der Ehe usw.; der Begriff des
Rechts usw. ist vielmehr derjenige, den Wir jetzt aufstellen. So
schreitet die Begriffsverwirrung vorwŠrts.
Die Weltgeschichte ist mit Uns grausam umgegangen, und der Geist
hat eine allmŠchtige Gewalt errungen. Du mu§t Meine elenden Schuhe
achten, die Deinen nackten Fu§ schŸtzen kšnnten, mein Salz, wodurch
Deine Kartoffeln genie§bar wŸrden, und meine Prunkkarosse, deren
Besitz Dir alle Not auf einmal abnŠhme: Du darfst nicht darnach lan-
gen. Von alledem und unzŠhligem Anderen soll der Mensch die
SelbstŠndigkeit anerkennen, es soll ihm fŸr unergreifbar und unnahbar
gelten, soll ihm entzogen sein. Er mu§ es achten, respektieren; wehe
ihm, wenn er begehrend seine Finger ausstreckt: Wir nennen das
"lange Finger machen"!
<128> Wie so bettelhaft wenig ist Uns verblieben, ja wie so gar
nichts! Alles ist entrŸckt worden, an nichts dŸrfen Wir Uns wagen,
wenn es Uns nicht gegeben wird: Wir leben nur noch von der Gnade
des Gebers. Nicht eine Nadel darfst Du auf[106]heben, es sei denn, Du
habest Dir die Erlaubnis geholt, da§ Du es dŸrfest. Und geholt von
wem? Vom Respekte! Nur wenn er sie Dir ŸberlЧt als Eigentum, nur
wenn Du sie als Eigentum respektieren kannst, nur dann darfst Du sie
nehmen. Und wiederum sollst Du keinen Gedanken fassen, keine Silbe
sprechen, keine Handlung begehen, die ihre GewŠhr allein in Dir
hŠtten, statt sie von der Sittlichkeit oder der Vernunft oder der
Menschlichkeit zu empfangen. GlŸckliche Unbefangenheit des
begehrlichen Menschen, wie unbarmherzig hat man Dich an dem Al-
tare der Befangenheit zu schlachten gesucht!
Um den Altar aber wšlbt sich eine Kirche, und ihre Mauern rŸcken
immer weiter hinaus. Was sie einschlie§en, ist Ð heilig.
(117)
Du kannst nicht mehr dazu gelangen, kannst es nicht mehr berŸhren.
Aufschreiend in verzehrendem Hunger schweifst Du um diese Mauern
herum, das wenige Profane aufzusuchen, und immer ausgedehnter
werden die Kreise Deines Laufes. Bald umspannt jene Kirche die ganze
Erde, und Du bist zum Šu§ersten Rande hinausgetrieben; noch ein
Schritt, und die Welt des Heiligen hat gesiegt: Du versinkst in den
Abgrund. Darum ermanne Dich, dieweil es noch Zeit ist, irre nicht
lŠnger umher im abgegrasten Profanen, wage den Sprung und stŸrze
hinein durch die Pforten in das Heiligtum selber. Wenn Du das Heilige
verzehrst, hast Du 's zum Eigenen gemacht! Verdaue die Hostie und
Du bist sie los!
<129>
3. DIE FREIEN
Wenn oben die Alten und die Neuen in zwei Abteilungen vorgefŸhrt
wurden, so kšnnte es scheinen, als sollten hier in einer dritten
Abteilung die Freien fŸr selbstŠndig und abgesondert ausgegeben
werden. Dem ist nicht so. Die Freien sind nur die Neueren und
Neuesten unter den "Neuen " und werden blo§ deshalb in eine
besondere Abteilung gebracht, weil sie der Gegenwart angehšren, und
das GegenwŠrtige [107] vor Allem unsere Aufmerksamkeit hier in An-
spruch nimmt. Ich gebe die "Freien " nur als eine †bersetzung der
Liberalen, mu§ aber rŸcksichtlich des Freiheitsbegriffes wie Ÿberhaupt
so manches Anderen, dessen vorgreifliche Heranziehung nicht
vermieden werden kann, auf SpŠteres verweisen.
¤. 1. Der politische Liberalismus
Nachdem man den Kelch des sogenannten absoluten Kšnigtums so
ziemlich bis auf den Bodensatz geleert hatte, ward man im achtzehnten
Jahrhundert zu deutlich inne, da§ sein GetrŠnk nicht menschlich
schmecke, um nicht auf einen andern Becher lŸstern zu werden.
"Menschen ", was Unsere VŠter doch waren, verlangten sie endlich,
auch so angesehen zu werden.