< prev
next>
(22)
Jünglinge, ob er Euch nicht härter, ungroßmütiger, eigennütziger
erscheinen wird. Ist er darum schlechter? Ihr sagt Nein, er sei nur
bestimmter, oder, wie Ihr 's auch nennt, [14] "praktischer" geworden.
Hauptsache jedoch ist dies, daß er sich mehr zum Mittelpunkte macht,
als der Jüngling, der für Anderes, z. B. Gott, Vaterland u. dergl.
"schwärmt".
Darum zeigt der Mann eine zweite Selbstfindung. Der Jüngling fand
sich als Geist und verlor sich wieder an den allgemeinen Geist, den
vollkommenen, heiligen Geist, den Menschen, die Menschheit, kurz
alle Ideale; der Mann findet sich als leibhaftigen Geist.
Knaben hatten nur ungeistige, d. h. gedankenlose und ideenlose,
Jünglinge nur geistige Interessen; der Mann hat leibhaftige,
persönliche, egoistische Interessen.
Wenn das Kind nicht einen Gegenstand hat, mit welchem es sich
beschäftigen kann, so fühlt es Langeweile: denn mit sich weiß es sich
noch nicht zu beschäftigen. Umgekehrt wirft der Jüngling den
Gegenstand auf die Seite, weil ihm Gedanken aus dem Gegenstande
aufgingen: er beschäftigt sich mit seinen Gedanken, seinen Träumen,
beschäftigt sich geistig oder "sein Geist ist beschäftigt".
Alles nicht Geistige befaßt der junge Mensch unter dem verächtlichen
Namen der "Äußerlichkeiten". Wenn er gleichwohl an den
kleinlichsten Äußerlichkeiten haftet (z. B. burschikosen und andern
Formalitäten), so geschieht es, weil und wenn er in ihnen Geist
entdeckt, d. h. wenn sie ihm Symbole sind.
Wie Ich Mich hinter den Dingen finde, und zwar als Geist, so muß Ich
Mich später auch hinter den Gedan<20>ken finden, nämlich als ihr
Schöpfer und Eigner. In der Geisterzeit wuchsen Mir die Gedanken
über den Kopf, dessen Geburten sie doch waren; wie Fieberphantasien
umschwebten und erschütterten sie Mich, eine schauervolle Macht. Die
Gedanken waren für sich selbst leibhaftig geworden, waren Gespenster,
wie Gott, Kaiser, Papst, Vaterland usw. Zerstöre Ich ihre
Leibhaftigkeit, so nehme Ich sie in die Meinige zurück und
(23)
sage: Ich allein bin leibhaftig. Und nun nehme Ich die Welt als das,
was sie Mir ist, als die Meinige, als Mein Eigentum: Ich beziehe alles
auf Mich.
[15] Stieß Ich als Geist die Welt zurück in tiefster Weltverachtung, so
stoße Ich als Eigner die Geister oder Ideen zurück in ihre "Eitelkeit".
Sie haben keine Macht mehr über Mich, wie über den Geist keine
"Gewalt der Erde" eine Macht hat.
Das Kind war realistisch, in den Dingen dieser Welt befangen, bis ihm
nach und nach hinter eben diese Dinge zu kommen gelang; der
Jüngling war idealistisch, von Gedanken begeistert, bis er sich zum
Manne hinaufarbeitete, dem egoistischen, der mit den Dingen und
Gedanken nach Herzenslust gebahrt und sein persönliches Interesse
über alles setzt. Endlich der Greis? Wenn Ich einer werde, so ist noch
Zeit genug, davon zu sprechen.