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(150)
weit ein Weib Hure ist, so weit ist sie unmenschlich, entmenscht.
Ferner: der Jude, der Christ, der Privilegierte, der Theologe usw. ist
nicht Mensch; soweit Du Jude usw. bist, bist Du nicht Mensch.
Wiederum das imperatorische Postulat: Wirf alles Aparte von Dir,
kritisiere es weg! Sei nicht Jude, <167> nicht Christ usw., sondern sei
Mensch, nichts als Mensch! Mach deine Menschlichkeit gegen jede
beschränkende Bestimmung geltend, mach Dich mittels ihrer zum
Menschen und von [139] jenen Schranken frei, mach Dich zum
"freien Menschen", d. h. erkenne die Menschlichkeit als dein alles
bestimmendes Wesen.
Ich sage: Du bist zwar mehr als Jude, mehr als Christ usw., aber Du
bist auch mehr als Mensch. Das sind alles Ideen, Du aber bist
leibhaftig. Meinst Du denn, jemals "Mensch als solcher" werden zu
können? Meinst Du, unsere Nachkommen werden keine Vorurteile und
Schranken wegzuschaffen finden, für die unsere Kräfte nicht
hinreichten? Oder glaubst Du etwa in deinem 40sten oder 50sten Jahre
so weit gekommen zu sein, daß die folgenden Tage nichts mehr an Dir
aufzulösen hätten, und daß Du Mensch wärest? Die Menschen der
Nachwelt werden noch manche Freiheit erkämpfen, die Wir nicht
einmal entbehren. Wozu brauchst Du jene spätere Freiheit? Wolltest
Du Dich für nichts achten, bevor Du Mensch geworden, so müßtest Du
bis zum "jüngsten Gericht" warten, bis zu dem Tage, wo der Mensch
oder die Menschheit die Vollkommenheit erlangt haben soll. Da Du
aber sicherlich vorher stirbst, wo bleibt dein Siegespreis?
Drum kehre Du Dir die Sache lieber um und sage Dir: Ich bin Mensch!
Ich brauche den Menschen nicht erst in Mir herzustellen, denn er
gehört Mir schon, wie alle meine Eigenschaften.
Wie kann man aber, fragt der Kritiker, zugleich Jude und Mensch
sein? Erstens, antworte Ich, kann man überhaupt weder Jude noch
Mensch sein, wenn "man " und Jude oder Mensch dasselbe bedeuten
sollen; "man " greift immer
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über jene <168> Bestimmungen hinaus, und Schmul sei noch so
jüdisch, Jude, nichts als Jude, vermag er nicht zu sein, schon weil er
dieser Jude ist. Zweitens kann man allerdings als Jude nicht Mensch
sein, wenn Mensch sein heißt, nicht Besonderes sein. Drittens aber
und darauf kommt es an kann Ich als Jude ganz sein, was ich eben
sein kann. Von
Samuel
oder
Moses
und andern erwartet Ihr
schwerlich, daß sie über das Judentum sich hätten erheben sollen,
obgleich Ihr sagen müßt, daß sie noch keine "Menschen" waren. Sie
waren eben, was sie [140] sein konnten. Ist 's mit den heutigen Juden
anders? Weil Ihr die Idee der Menschheit entdeckt habt, folgt daraus,
daß jeder Jude sich zu ihr bekehren könne? Wenn er es kann, so
unterläßt er 's nicht, und unterläßt er es, so kann er 's nicht. Was
geht ihn eure Zumutung an, was der Beruf, Mensch zu sein, den Ihr an
ihn ergehen lasset?
In der "menschlichen Gesellschaft", welche der Humane verheißt,
soll überhaupt nichts Anerkennung finden, was Einer oder der Andere
"Besonderes" hat, nichts Wert haben, was den Charakter des
"Privaten " trägt. Auf diese Weise rundet sich der Kreis des
Liberalismus, der an dem Menschen und der menschlichen Freiheit
sein gutes, an dem Egoisten und allem Privaten sein böses Prinzip, an
jenem seinen Gott, an diesem seinen Teufel hat, vollständig ab, und
verlor im "Staate " die besondere oder private Person ihren Wert (kein
persönliches Vorrecht), büßt in der "Arbeiter- oder Lumpen-
Gesellschaft" das besondere (private) Eigentum seine Anerkennung
ein, so wird in der "menschlichen Gesellschaft" alles
Beson<169>dere oder Private außer Betracht kommen, und wenn die
"reine Kritik" ihre schwere Arbeit vollführt haben wird, dann wird
man wissen, was alles privat ist, und was man "in seines Nichts
durchbohrendem Gefühle" wird stehen lassen müssen.