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Weil dem humanen Liberalismus Staat und Gesellschaft nicht genügt,
negiert er beide und behält sie zugleich. So heißt es einmal, die
Aufgabe der Zeit sei "keine politische, sondern eine soziale", und
dann wird wieder für die Zukunft der "freie Staat" verheißen. In
Wahrheit ist die "menschliche Gesellschaft" eben beides, der
allgemeinste Staat und die allgemeinste Gesellschaft. Nur gegen den
beschränkten Staat wird behauptet, er mache zuviel Aufhebens von
geistigen Privatinteressen (z. B. dem religiösen Glauben der Leute),
und gegen die beschränkte Gesellschaft, sie mache zuviel aus den
materiellen Privatinteressen. Beide sollen die Privatinteressen den
Privatleuten überlassen, und sich als mensch[141]liche Gesellschaft
allein um die allgemein menschlichen Interessen bekümmern.
Indem die Politiker den eigenen Willen, Eigenwillen oder Willkür
abzuschaffen gedachten, bemerkten sie nicht, daß durch das Eigentum
der Eigenwille eine sichere Zufluchtstätte erhielt.
Indem die Sozialisten auch das Eigentum wegnehmen, beachten sie
nicht, daß dieses sich in der Eigenheit eine Fortdauer sichert. Ist denn
bloß Geld und Gut ein Eigentum, oder ist jede Meinung ein Mein, ein
Eigenes?
Es muß also jede Meinung aufgehoben oder unpersönlich gemacht
werden. Der Person gebührt keine Meinung, sondern wie der
Eigenwille auf den Staat, das Eigentum auf die Gesellschaft übertragen
wurde, so muß die Meinung <170> auch auf ein Allgemeines, "den
Menschen", übertragen und dadurch allgemein menschliche Meinung
werden.
Bleibt die Meinung bestehen, so habe Ich meinen Gott (Gott ist ja nur
als "mein Gott", ist eine Meinung oder mein "Glaube"); also meinen
Glauben, meine Religion, meine Gedanken, meine Ideale. Darum muß
ein allgemein menschlicher Glaube entstehen, der " Fanatismus der
Freiheit
". Dies wäre nämlich ein Glaube, welcher mit dem "Wesen
des Menschen" übereinstimmte, und weil nur "der Mensch"
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vernünftig ist (Ich und Du könnten sehr unvernünftig sein!), ein
vernünftiger Glaube.
Wie Eigenwille und Eigentum machtlos werden, so muß die Eigenheit
oder der Egoismus überhaupt es werden.
In dieser höchsten Entwicklung "des freien Menschen" wird der
Egoismus, die Eigenheit, prinzipiell bekämpft, und so untergeordnete
Zwecke, wie die soziale "Wohlfahrt" der Sozialisten usw.
verschwinden gegen die erhabene "Idee der Menschheit". Alles, was
nicht ein "allgemein Menschliches" ist, ist etwas Apartes, befriedigt
nur Einige oder Einen, oder wenn es Alle befriedigt, so tut es dies an
ihnen nur als Einzelnen, nicht als Menschen, und heißt deshalb ein
"Egoistisches".
[142] Den Sozialisten ist noch die Wohlfahrt das höchste Ziel, wie den
politischen Liberalen der freie Wettstreit das Genehme war; die
Wohlfahrt ist nun auch frei, und was sie haben will, mag sie sich
verschaffen, wie, wer in den Wettstreit (Konkurrenz) sich einlassen
wollte, ihn erwählen konnte.
Allein an dem Wettstreit Teil zu nehmen, braucht Ihr nur Bürger, an
der Wohlfahrt Teil zu nehmen, nur Arbeiter zu sein. Beides ist noch
nicht gleichbedeutend mit <171> "Mensch ". Dem Menschen ist erst
"wahrhaft wohl", wenn er auch "geistig frei" ist! Denn der Mensch
ist Geist, darum müssen alle Mächte, die ihm, dem Geiste, fremd sind,
alle übermenschlichen, himmlischen, unmenschlichen Mächte müssen
gestürzt werden, und der Name "Mensch " muß über alle Namen sein.
So kehrt in diesem Ende der Neuzeit (Zeit der Neuen) als Hauptsache
wieder, was im Anfange derselben Hauptsache gewesen war: die
"geistige Freiheit".
Dem Kommunisten insbesondere sagt der humane Liberale: Schreibt
Dir die Gesellschaft Deine Tätigkeit vor, so ist diese zwar vom Einfluß
der Einzelnen, d. h. der Egoisten frei, aber es braucht darum noch keine
rein menschliche Tätigkeit, und Du noch nicht ein völliges Organ der
Mensch