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(156)
Darum sagt der humane Liberalismus: Ihr wollt die Arbeit; wohlan,
Wir wollen sie gleichfalls, aber Wir wollen sie in vollstem Maße. Wir
wollen sie nicht, um Muße zu gewinnen, sondern um in ihr selber alle
Genugtuung zu finden. Wir wollen die Arbeit, weil sie unsere
Selbstentwicklung ist.
<174> Aber die Arbeit muß dann auch darnach sein! Es ehrt den
Menschen nur die menschliche, die selbstbewußte Arbeit, nur die
Arbeit, welche keine "egoistische" Absicht, sondern den Menschen
zum Zwecke hat, und die Selbstoffenbarung des Menschen ist, so daß
es heißen muß: laboro, ergo sum*, Ich arbeite, d. h. Ich bin Mensch.
Der Humane will die alle Ma[145]terie verarbeitende Arbeit des
Geistes, den Geist, der kein Ding in Ruhe oder in seinem Bestande läßt,
der sich bei nichts beruhigt, alles auflöst, jedes gewonnene Resultat
von neuem kritisiert. Dieser ruhelose Geist ist der wahre Arbeiter, er
vertilgt die Vorurteile, zerschmettert die Schranken und
Beschränktheiten, und erhebt den Menschen über Alles, was ihn
beherrschen möchte, indes der Kommunist nur für sich, und nicht
einmal frei, sondern aus Not arbeitet, kurz einen Zwangsarbeiter
vorstellt.
Der Arbeiter solchen Schlages ist nicht "egoistisch", weil er nicht für
Einzelne, weder für sich noch für andere Einzelne, also nicht für
private Menschen arbeitet, sondern für die Menschheit und den
Fortschritt derselben: er lindert nicht einzelne Schmerzen, sorgt nicht
für einzelne Bedürfnisse, sondern hebt Schranken hinweg, in denen die
Menschheit eingepreßt ist, zerstreut Vorurteile, die eine ganze Zeit
beherrschen, überwindet Hemmnisse, die Allen den Weg verlegen,
beseitigt Irrtümer, in denen sich die Menschen verfangen, entdeckt
Wahrheiten, welche für Alle und alle Zeit durch ihn gefunden werden,
kurz er lebt und arbeitet für die Menschheit.
Für 's Erste nun weiß der Entdecker einer großen Wahrheit wohl, daß
sie den andern Menschen nützlich sein könne, und da ihm ein
neidisches Vorenthalten keinen Genuß verschafft,
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so teilt er sie mit; aber wenn er auch das Bewußtsein hat, <175> daß
seine Mitteilung für die Andern höchst wertvoll sei, so hat er doch
seine Wahrheit keinesfalls um der Andern willen gesucht und
gefunden, sondern um seinetwillen, weil ihn selbst danach verlangte,
weil ihm das Dunkel und der Wahn keine Ruhe ließ, bis er nach seinen
besten Kräften sich Licht und Aufklärung verschafft hatte.
Er arbeitete also um seinetwillen und zur Befriedigung seines
Bedürfnisses. Daß er damit auch Andern, ja der Nachwelt nützlich war,
nimmt seiner Arbeit den egoistischen Charakter nicht.
Fürs Andere, wenn doch auch er nur seinetwegen arbeitete, [146]
warum wäre seine Tat menschlich, die der Andern unmenschlich, d. h.
egoistisch? Etwa darum, weil dieses Buch, Gemälde, Symphonie usw.
die Arbeit seines ganzen Wesens ist, weil er sein Bestes dabei getan,
sich ganz hin[ein]gelegt hat und ganz daraus zu erkennen ist, während
das Werk eines Handwerkers nur den Handwerker, d. h. die
Handwerksfertigkeit, nicht "den Menschen" abspiegelt? In seinen
Dichtungen haben Wir den ganzen
Schiller
, in so und so viel hundert
Öfen haben Wir dagegen nur den Ofensetzer vor Uns, nicht "den
Menschen".
Heißt dies aber mehr als: in dem einen Werke seht Ihr Mich möglichst
vollständig, in dem andern nur meine Fertigkeit? Bin Ich es nicht
wiederum, den die Tat ausdrückt? Und ist es nicht egoistischer, sich
der Welt in einem Werke darzubieten, sich auszuarbeiten und zu
gestalten, als hinter seiner Arbeit versteckt zu bleiben? Du sagst
freilich, Du offenbarest den Menschen. Allein der Mensch, den Du
offenbarst, bist Du; Du offenbarst nur Dich, jedoch mit dem
Unterschiede vom Handwerker, daß dieser sich nicht in Eine Arbeit
zusam<176>menzupressen versteht, sondern, um als er selbst erkannt
zu werden, in seinen sonstigen Lebensbeziehungen aufgesucht werden
muß, und daß dein Bedürfnis, durch dessen Befriedigung jenes Werk
zu Stande kam, ein theoretisches war.