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(158)
Aber Du wirst erwidern, daß Du einen ganz andern, einen würdigern,
höheren, größeren Menschen offenbarest, einen Menschen, der mehr
Mensch sei, als jener Andere. Ich will annehmen, daß Du das
Menschenmögliche vollführest, daß Du zu Stande bringest, was keinem
Andern gelingt. Worin besteht denn Deine Größe? Gerade darin, daß
Du mehr bist als andere Menschen (die "Masse "), mehr bist, als
Menschen gewöhnlich sind, mehr als "gewöhnliche Menschen",
gerade in deiner Erhabenheit über den Menschen. Vor andern
Menschen zeichnest Du Dich nicht dadurch aus, daß Du Mensch bist,
sondern weil Du ein "einziger" Mensch bist. Du zeigst wohl, was ein
Mensch leisten kann, aber weil Du, ein [147] Mensch, das leistest,
darum können Andere, auch Menschen, es noch keineswegs leisten: Du
hast es nur als einziger Mensch verrichtet und bist darin einzig.
Nicht der Mensch macht deine Größe aus, sondern Du erschaffst sie,
weil Du mehr bist, als Mensch, und gewaltiger, als andere Menschen.
Man glaubt nicht mehr sein zu können, als Mensch. Vielmehr kann
man nicht weniger sein!
Man glaubt ferner, was man immer auch erreiche, das komme dem
Menschen zu Gute. Insofern Ich jederzeit Mensch bleibe, oder, wie
Schiller
, Schwabe, wie
Kant
, Preuße, wie
Gustav Adolf
, Kurzsichtiger,
so werde Ich durch meine Vorzüge freilich ein ausgezeichneter
Mensch, Schwabe, Preuße oder Kurzsichtiger. Aber damit steht 's
nicht viel besser, wie <177> mit
Friedrich
des Großen Krückstock, der
um
Friedrich
s willen berühmt wurde.
Dem "Gebt Gott die Ehre"* entspricht das Moderne: "Gebt dem
Menschen die Ehre". Ich aber denke sie für Mich zu behalten.
Indem die Kritik an den Menschen die Aufforderung ergehen läßt,
"menschlich" zu sein, spricht sie die notwendige Bedingung der
Geselligkeit aus; denn nur als Mensch unter Menschen ist man
umgänglich. Hiermit gibt sie ihren
(159)
sozialen Zweck kund, die Herstellung der "menschlichen
Gesellschaft".
Unter den Sozialtheorien ist unstreitig die Kritik die vollendetste, weil
sie Alles entfernt und entwertet, was den Menschen vom Menschen
trennt: alle Vorrechte bis auf das Vorrecht des Glaubens. In ihr kommt
das Liebesprinzip des Christentums, das wahre Sozialprinzip, zum
reinsten Vollzug, und wird das letzte mögliche Experiment gemacht,
die Ausschließlichkeit und das Abstoßen den Menschen zu benehmen:
ein Kampf gegen den Egoismus in seiner einfachsten und darum
härtesten Form, in der Form der Einzigkeit, der Ausschließlichkeit,
selber.
[148] "Wie könnt Ihr wahrhaft gesellschaftlich leben, solange auch
nur Eine Ausschließlichkeit zwischen Euch noch besteht?"
Ich frage umgekehrt: Wie könnt Ihr wahrhaft einzig sein, solange auch
nur Ein Zusammenhang zwischen Euch noch besteht? Hängt Ihr
zusammen, so könnt Ihr nicht voneinander, umschließt Euch ein
"Band ", so seid Ihr nur selbander* etwas, und Euer Zwölf machen
ein Dutzend, Euer Tausende ein Volk, Euer Millionen die Menschheit.
<178> "Nur wenn Ihr menschlich seid, könnt Ihr als Menschen
miteinander umgehen, wie Ihr nur, wenn Ihr patriotisch seid, als
Patrioten Euch verstehen könnt!"
Wohlan, so entgegne Ich: Nur wenn Ihr einzig seid, könnt Ihr als das,
was Ihr seid, miteinander verkehren.
Gerade der schärfste Kritiker wird am schwersten von dem Fluche
seines Prinzips getroffen werden. Indem er ein Ausschließliches nach
dem andern von sich tut, Kirchlichkeit, Patriotismus usw. abschüttelt,
löst er ein Band nach dem andern auf und sondert sich vom
Kirchlichen, vom Patrioten usw. ab, bis er zuletzt, nachdem alle Bande
gesprengt sind, allein steht. Er gerade muß Alle ausschließen, die
etwas Ausschließliches oder Privates haben, und was kann am Ende
ausschließlicher sein, als die ausschließliche, einzige Person selber!