< prev
next>
(160)
Oder meint er etwa, daß es besser stände, wenn Alle "Menschen "
würden und die Ausschließlichkeit aufgäben? Eben darum, weil
"Alle " bedeutet "jeder Einzelne", bleibt ja der grellste Widerspruch
erhalten, denn der "Einzelne" ist die Ausschließlichkeit selber. Läßt
der Humane dem Einzelnen nichts Privates oder Ausschließliches,
keinen Privatgedanken, keine Privatnarrheit mehr gelten, kritisiert er
ihm Alles vor der Nase weg, da sein Haß gegen das Private ein
absoluter und ein fanatischer ist, kennt er keine Toleranz gegen
Privates, weil alles Private unmenschlich ist: so kann er doch die
Privatperson selbst nicht wegkritisieren, da die Härte der einzelnen
Person seiner Kritik widersteht, und er muß sich damit begnügen, diese
Person für eine "Privatperson " [149] zu erklären, und ihr wirklich
alles Private wieder überlassen.
Was wird die Gesellschaft, die sich um nichts Privates <179> mehr
bekümmert, tun? Das Private unmöglich machen? Nein, sondern es
dem "Gesellschaftsinteresse unterordnen und z. B. dem Privatwillen
überlassen, Feiertage, so viel wie er will, zu setzen, wenn er nur nicht
mit dem allgemeinen Interesse in Kollision tritt".
39
Alles Private wird
freigelassen, d. h. es hat für die Gesellschaft kein Interesse.
" Durch ihre Absperrung gegen die Wissenschaft haben die Kirche
und Religiosität ausgesprochen, daß sie sind, was sie immer waren, was
sich aber unter einem andern Scheine verbarg, wenn sie für die Basis
und notwendige Begründung des Staats ausgegeben wurden eine
reine Privatangelegenheit. Auch damals, als sie mit dem Staate zusam-
menhingen und diesen zum christlichen machten, waren sie nur der
Beweis, das der Staat noch nicht seine allgemeine politische Idee
entwickelt habe, daß er nur Privatrechte setze sie waren nur der
höchste Ausdruck dafür, daß der Staat eine Privatsache sei und nur mit
Privatsachen zu tun habe. Wenn der Staat endlich den Mut und die
Kraft haben
(161)
wird, seine allgemeine Bestimmung zu erfüllen und frei zu sein, wenn
er also auch im Stande ist, den besondern Interessen und
Privatangelegenheiten ihre wahre Stellung zu geben dann werden
Religion und Kirche frei sein, wie sie es bisher noch nie gewesen. Als
die reinste Privatangelegenheit und Befriedigung des rein persönlichen
Bedürfnisses werden sie sich selbst überlassen sein, und jeder Einzelne,
jede Gemeinde und Kirchengemeinschaft werden für die Seligkeit der
Seele sorgen können, wie sie wollen und wie sie es für nötig halten.
Für seiner Seele Seligkeit wird Jeder sorgen, soweit es ihm
persönliches <180> Bedürfnis ist, und als Seelsorger denjenigen
annehmen und besolden, der ihm die [150] Befriedigung seines
Bedürfnisses am besten zu garantieren scheint. Die Wissenschaft wird
endlich ganz aus dem Spiel gelassen."
40
Was soll jedoch werden? Soll das gesellschaftliche Leben ein Ende
haben und alle Umgänglichkeit, alle Verbrüderung, alles, was durch
das Liebes- oder Sozietätsprinzip geschaffen wird, verschwinden?
Als ob nicht immer Einer den Andern suchen wird, weil er ihn
braucht, als ob nicht Einer in den Andern sich fügen muß, wenn er ihn
braucht. Der Unterschied ist aber der, daß dann wirklich der Einzelne
sich mit dem Einzelnen vereinigt, indes er früher durch ein Band mit
ihnen verbunden war: Sohn und Vater umfängt vor der Mündigkeit ein
Band, nach derselben können sie selbständig zusammentreten, vor ihr
gehörten sie als Familienglieder zusammen (waren die "Hörigen" der
Familie), nach ihr vereinigen sie sich als Egoisten, Sohnschaft und
Vaterschaft bleiben, aber Sohn und Vater binden sich nicht mehr daran.
Das letzte Privilegium ist in Wahrheit "der Mensch"; mit ihm sind
Alle privilegiert oder belehnt. Denn, wie
Bruno
Bauer
selbst sagt:
"Das Privilegium bleibt, wenn es auch auf Alle ausgedehnt wird."
41