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(162)
So verluft der Liberalismus in folgenden Wandlungen:
Erstens: Der Einzelne ist nicht der Mensch, darum gilt seine einzelne
Persnlichkeit nichts: kein persnlicher Wille, keine Willkr, kein
Befehl oder Ordonnanz!
<181> Zweitens: Der Einzelne hat nichts Menschliches, darum gilt
kein Mein und Dein oder Eigentum.
Drittens: Da der Einzelne weder Mensch ist noch Menschliches hat, so
soll er berhaupt nicht sein, soll als ein Egoist [151] mit seinem
Egoistischen durch die Kritik vernichtet werden, um dem Menschen,
"dem jetzt erst gefundenen Menschen" Platz zu machen.
Obgleich aber der Einzelne nicht Mensch ist, so ist der Mensch in dem
Einzelnen doch vorhanden und hat, wie jeder Spuk und alles Gttliche,
an ihm seine Existenz. Daher spricht der politische Liberalismus dem
Einzelnen Alles zu, was ihm als "Menschen von Geburt", als
geborenem Menschen zukommt, wohin denn Gewissensfreiheit, Besitz
usw., kurz die "Menschenrechte" gerechnet werden; der Sozialismus
vergnnt dem Einzelnen, was ihm als ttigem Menschen, als
"arbeitendem " Menschen zukommt; endlich der humane Liberalismus
gibt dem Einzelnen, was er als "Mensch " hat, d. h. Alles, was der
Menschheit gehrt. Mithin hat der Einzige gar nichts, die Menschheit
Alles, und es wird die Notwendigkeit der im Christentum gepredigten
"Wiedergeburt" unzweideutig und im vollkommensten Ma§e
gefordert. Werde eine neue Kreatur, werde "Mensch "!
Sogar an den Schlu§ des Vaterunsers knnte man sich erinnert
glauben. Dem Menschen gehrt die Herrschaft (die "Kraft " oder
Dynamis); darum darf kein Einzelner Herr sein, sondern der Mensch ist
der Herr der Einzelnen Š; des Menschen ist das Reich, d. h. die Welt,
deshalb soll der Einzelne nicht Eigentmer sein, sondern der Mensch,
"Alle ", gebietet ber die Welt als Eigentum Š; dem Menschen gebhrt
von Allem der Ruhm, die Verherrlichung oder <182> "Herrlichkeit"
(Doxa), denn der Mensch oder die Menschheit ist der
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Zweck des Einzelnen, fr den er arbeitet, denkt, lebt, und zu dessen
Verherrlichung er "Mensch " werden mu§.
Die Menschen haben bisher immer gestrebt, eine Gemeinschaft
ausfindig zu machen, worin ihre sonstigen Ungleichheiten
"unwesentlich" wrden; sie strebten nach Ausgleichung, mithin nach
Gleichheit, und wollten Alle unter Einen Hut kommen, was nichts
Geringeres bedeutet, als da§ sie Einen Herrn suchten, Ein Band, Einen
Glauben ("Wir glauben all ' an Einen Gott"). Etwas
Gemeinschaftlicheres oder [152] Gleicheres kann es fr die Menschen
nicht geben, als den Menschen selbst, und in dieser Gemeinschaft hat
der Liebesdrang seine Befriedigung gefunden: er rastete nicht, bis er
diese letzte Ausgleichung herbeigefhrt, alle Ungleichheit geebnet, den
Menschen dem Menschen an die Brust gelegt hatte. Gerade unter
dieser Gemeinschaft aber wird der Verfall und das Zerfallen am
schreiendsten. Bei einer beschrnkteren Gemeinschaft stand noch der
Franzose gegen den Deutschen, der Christ gegen Mohammedaner usw.
Jetzt hingegen steht der Mensch gegen die Menschen, oder, da die
Menschen nicht der Mensch sind, so steht der Mensch gegen den
Unmenschen.
Dem Satze: "Gott ist Mensch geworden" folgt nun der andere: "Der
Mensch ist Ich geworden." Dies ist das menschliche Ich. Wir aber
kehren 's um und sagen: Ich habe Mich nicht finden knnen, solange
Ich Mich als Menschen suchte. Nun sich aber zeigt, da§ der Mensch
darnach trachtet, Ich zu werden und in Mir eine Leibhaftigkeit zu
gewinnen, merke Ich wohl, da§ doch Alles auf Mich ankommt, und der
Mensch ohne Mich verloren ist. Ich mag aber nicht zum Schrein dieses
Allerheiligsten Mich hingeben und werde <183> hinfort nicht fragen,
ob Ich in Meiner Bettigung Mensch oder Unmensch sei: es bleibe mir
dieser Geist vom Halse!
Der humane Liberalismus geht radikal zu Werke. Wenn Du auch nur
in Einem Punkte etwas Besonderes sein oder haben willst, wenn Du
auch nur Ein Vorrecht vor Andern Dir bewahren, nur Ein Recht in
Anspruch nehmen willst,