< prev
next>
(164)
das nicht ein "allgemeines Menschenrecht" ist, so bist Du ein Egoist.
Recht so! Ich will nichts Besonderes vor Andern haben oder sein, Ich
will kein Vorrecht gegen sie beanspruchen, aber Ð Ich messe Mich
auch nicht an Andern, und will Ÿberhaupt kein Recht haben. Ich will
Alles sein und Alles haben, was ich sein und haben kann. Ob Andere
€hnliches sind und haben, was kŸmmert 's Mich? Das Gleiche,
dasselbe kšnnen sie weder sein, noch haben. Ich tue Ihnen keinen
Abbruch, wie Ich dem Felsen dadurch keinen Abbruch tue, da§ Ich die
Be[153]wegung vor ihm "voraushabe". Wenn sie es haben kšnnten,
so hŠtten sie 's.
Den andern Menschen keinen Abbruch zu tun, darauf kommt die
Forderung hinaus, kein Vorrecht zu besitzen. Allem "Voraushaben"
zu entsagen, die strengste Entsagungs-Theorie. Man soll sich nicht fŸr
"etwas Besonderes" halten, wie z. B. Jude oder Christ. Nun, Ich halte
Mich nicht fŸr etwas Besonderes, sondern fŸr einzig. Ich habe wohl
€hnlichkeit mit Andern; das gilt jedoch nur fŸr die Vergleichung oder
Reflexion; in der Tat bin Ich unvergleichlich, einzig. Mein Fleisch ist
nicht ihr Fleisch, mein Geist ist nicht ihr Geist. Bringt Ihr sie unter die
Allgemeinheiten "Fleisch, Geist", so sind das eure Gedanken, die mit
meinem Fleische, meinem Geiste nichts zu schaffen haben, und <184>
am wenigsten an das Meinige einen "Beruf " ergehen lassen kšnnen.
Ich will an Dir nichts anerkennen oder respektieren, weder den
EigentŸmer, noch den Lump, noch auch nur den Menschen, sondern
Dich verbrauchen. Am Salze finde Ich, da§ es die Speisen Mir
schmackhaft macht, darum lasse Ich 's zergehen; im Fische erkenne
Ich ein Nahrungsmittel, darum verspeise Ich ihn; an Dir entdecke Ich
die Gabe, Mir das Leben zu erheitern, daher wŠhle Ich Dich zum
GefŠhrten. Oder am Salze studiere Ich die Kristallisation, am Fische
die AnimalitŠt, an Dir die Menschen usw. Mir bist Du nur dasjenige,
was Du fŸr Mich bist, nŠmlich
(165)
mein Gegenstand, und weil mein Gegenstand, darum mein Eigentum.
Im humanen Liberalismus vollendet sich die Lumperei. Wir mŸssen
erst auf das Lumpigste, Armseligste herunterkommen, wenn Wir zur
Eigenheit gelangen wollen, denn Wir mŸssen alles Fremde ausziehen.
Lumpiger aber scheint nichts, als der nackte Ð Mensch.
Mehr als Lumperei ist es indessen, wenn Ich auch den Menschen
wegwerfe, weil ich fŸhle, da§ auch er Mir fremd ist, und da§ Ich Mir
darauf nichts einbilden darf. Es ist das nicht mehr blo§ Lumperei: weil
auch der letzte Lumpen abgefallen ist; so steht die wirkliche Nacktheit,
die Entblš§ung [154] von allem Fremden da. Der Lump hat die
Lumperei selbst ausgezogen und damit aufgehšrt zu sein, was er war,
ein Lump.
Ich bin nicht mehr Lump, sondern bin 's gewesen.
Bis zur Stunde konnte die Zwietracht deshalb nicht zum Ausbruch
kommen, weil eigentlich nur ein Streit neuer Libe<185> raler mit
veralteten Liberalen vorhanden ist, ein Streit derer, welche die
"Freiheit" in kleinem Ma§e verstehen, und derer, welche das "volle
Ma§" der Freiheit wollen, also der GemЧigten und Ma§losen. Alles
dreht sich um die Frage: Wie frei mu§ der Mensch sein? Da§ der
Mensch frei sein mŸsse, daran glauben Alle; darum sind auch Alle
liberal. Aber der Unmensch, der doch in jedem Einzelnen steckt, wie
dŠmmt man den? Wie stellt man 's an, da§ man nicht mit dem
Menschen zugleich den Unmenschen frei lЧt?
Der gesamte Liberalismus hat einen Todfeind, einen unŸberwindlichen
Gegensatz, wie Gott den Teufel: dem Menschen steht der Unmensch,
der Einzelne, der Egoist stets zur Seite. Staat, Gesellschaft, Menschheit
bewŠltigen diesen Teufel nicht.
Der humane Liberalismus verfolgt die Aufgabe, den andern Liberalen
zu zeigen, da§ sie immer noch nicht die "Freiheit" wollen.