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<21> (24)
II.
Menschen der alten und neuen Zeit
Wie ein Jeder von Uns sich entwickelte, was er erstrebte, erlangte oder
verfehlte, welche Zwecke er einst verfolgte und an welchen Plänen und
Wünschen sein Herz im Augenblicke hängt, welche Umwandlungen
seine Ansichten, welche Erschütterungen seine Prinzipien erfuhren,
kurz wie er heute geworden, was er gestern oder vor Jahren nicht war:
das hebt er mit mehr oder minderer Leichtigkeit aus seiner Erinnerung
wieder hervor und empfindet besonders dann recht lebhaft, welche
Veränderungen in ihm selbst vorgegangen sind, wenn er das Abrollen
eines fremden Lebens vor Augen hat.
Schauen Wir daher in das Treiben hinein, welches Unsere Voreltern
verführten.
[16]
1. DIE ALTEN
Da das Herkommen einmal Unseren vorchristlichen Ahnen den
Namen der "Alten " beigelegt hat, so wollen Wir es ihnen <22> nicht
vorrücken, daß sie gegen Uns erfahrene Leute eigentlich die Kinder
heißen müßten, und sie lieber nach wie vor als Unsere guten Alten
ehren. Wie aber sind sie dazu gekommen zu veralten, und wer konnte
sie durch seine vorgebliche Neuheit verdrängen?
Wir kennen den revolutionären Neuerer und respektlosen Erben wohl,
der selbst den Sabbath der Väter entheiligte, um seinen Sonntag zu
heiligen, und die Zeit in ihrem Laufe unterbrach, um bei sich mit einer
neuen Zeitrechnung zu beginnen: Wir kennen ihn und wissen 's, daß es
der Christ
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ist. Bleibt er aber ewig jung und ist er heute noch der neue, oder wird
auch er antiquiert werden, wie er die "Alten " antiquiert hat?
Es werden die Alten wohl selbst den Jungen erzeugt haben, der sie
hinaustrug. Belauschen Wir denn diesen Zeugungsakt.
" Den Alten war die Welt eine Wahrheit", sagt
Feuerbach
, aber er
vergißt den wichtigen Zusatz zu machen: eine Wahrheit, hinter deren
Unwahrheit sie zu kommen suchten, und endlich wirklich kamen. Was
mit jenen
Feuerbachschen
Worten gesagt sein soll, wird man leicht
erkennen, wenn man sie mit dem christlichen Satze von der "Eitelkeit
und Vergänglichkeit der Welt" zusammenhält. Wie der Christ nämlich
sich niemals von der Eitelkeit des göttlichen Wortes überzeugen kann,
sondern an die ewige und unerschütterliche Wahrheit desselben glaubt,
die, je mehr in ihren Tiefen geforscht werde, nur um so glänzender an
den Tag kommen und triumphieren müsse: so lebten die Alten ihrer-
seits in dem Gefühle, daß die Welt und weltliche Verhältnisse (z. B. die
natürlichen Blutsbande) das Wahre seien, vor dem ihr ohnmächtiges
Ich sich beugen müsse. Gerade dasjenige, <23> worauf die Alten den
größten Wert legten, wird von den Chri[17]sten als das Wertlose
verworfen, und was jene als das Wahre erkannten, brandmarken diese
als eitle Lüge: die hohe Bedeutung des Vaterlandes verschwindet, und
der Christ muß sich für einen "Fremdling auf Erden"
2
ansehen, die
Heiligkeit der Totenbestattung, aus der ein Kunstwerk wie die
sophokleische Antigone
entsprang, wird als eine Erbärmlichkeit
bezeichnet ("Laß die Toten ihre Toten begraben"), die
unverbrüchliche Wahrheit der Familienbande wird als eine Unwahrheit
dargestellt, von der man nicht zeitig genug sich losmachen könne,
3
und
so in Allem.
Sieht man nun ein, daß beiden Teilen das Umgekehrte für Wahrheit
gilt, den Einen das Natürliche, den Andern das