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(174)
Gleich dem letzteren geht er stets von einem Gedanken aus, aber darin
weicht er ab, daß er 's nicht aufgibt, den prinzipiellen Gedanken im
Denkprozesse zu erhalten, ihn also <195> nicht stabil werden läßt. Er
macht nur den Denkprozeß [163] gegen die Denkgläubigkeit, den
Fortschritt im Denken gegen den Stillstand in demselben geltend. Vor
der Kritik ist kein Gedanke sicher, da sie das Denken oder der
denkende Geist selber ist.
Deshalb wiederhole Ich 's, daß die religiöse Welt und diese ist eben
die Welt der Gedanken in der Kritik ihre Vollendung erreicht, indem
das Denken über jeden Gedanken übergreift, deren keiner sich
"egoistisch" festsetzen darf. Wo bliebe die "Reinheit der Kritik", die
Reinheit des Denkens, wenn auch nur Ein Gedanke sich dem Denkpro-
zesse entzöge? Daraus erklärt sich 's, daß der Kritiker sogar hie und da
schon über den Gedanken des Menschen, der Menschheit und
Humanität leise spöttelt, weil er ahnt, daß hier ein Gedanke sich
dogmatischer Festigkeit nähere. Aber er kann diesen Gedanken doch
eher nicht auflösen, bis er einen "höheren " gefunden hat, in
welchem jener zergehe; denn er bewegt sich eben nur in Gedanken.
Dieser höhere Gedanke könnte als der der Denkbewegung oder des
Denkprozesses selbst, d. h. als der Gedanke des Denkens oder der
Kritik ausgesprochen werden.
Die Denkfreiheit ist hierdurch in der Tat vollkommen geworden, die
Geistesfreiheit feiert ihren Triumph: denn die einzelnen, die
"egoistischen" Gedanken verloren ihre dogmatische Gewalttätigkeit.
Es ist nichts übrig geblieben, als das Dogma des freien Denkens oder
der Kritik.
Gegen alles, was der Welt des Denkens angehört, ist die Kritik im
Rechte, d. h. in der Gewalt; sie ist die Siegerin. Die Kritik, und allein
die Kritik "steht auf der Höhe der Zeit". Vom Standpunkte des
Gedankens aus gibt es keine Macht, die der ihrigen überlegen zu sein
vermöchte, und es ist eine Lust, zu sehen, wie leicht und spielend
dieser Drache <196> alles andere Gedankengewürm verschlingt. Es
windet sich
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freilich jeder Wurm, sie aber zermalmt ihn in allen "Wendungen ".
Ich bin kein Gegner der Kritik, d. h. Ich bin kein Dogmatiker, und
fühle Mich von dem Zahne des Kritikers, womit er den Dogmatiker
zerfleischt, nicht getroffen. Wäre Ich ein [164] "Dogmatiker", so
stellte Ich ein Dogma, d. h. einen Gedanken, eine Idee, ein Prinzip
obenan, und vollendete dies als "Systematiker", indem Ich 's zu
einem System, d. h. einem Gedankenbau ausspönne. Wäre Ich
umgekehrt ein Kritiker, nämlich ein Gegner des Dogmatikers, so führte
Ich den Kampf des freien Denkens gegen den knechtenden Gedanken,
verteidigte das Denken gegen das Gedachte. Ich bin aber weder der
Champion eines Gedankens, noch der des Denkens; denn "Ich ", von
dem Ich ausgehe, bin weder ein Gedanke, noch bestehe Ich im Denken.
An Mir, dem Unnennbaren, zersplittert das Reich der Gedanken, des
Denkens und des Geistes.
Die Kritik ist der Kampf des Besessenen gegen die Besessenheit als
solche, gegen alle Besessenheit, ein Kampf, der in dem Bewußtsein
begründet ist, daß überall Besessenheit oder, wie es der Kritiker nennt,
religiöses und theologisches Verhältnis vorhanden ist. Er weiß, daß
man nicht bloß gegen Gott, sondern ebenso gegen andere Ideen, wie
Recht, Staat, Gesetz usw. sich religiös oder gläubig verhält, d. h. er
erkennt die Besessenheit allerorten. So will er durch das Denken die
Gedanken auflösen, Ich aber sage, nur die Gedankenlosigkeit rettet
Mich wirklich vor den Gedanken. Nicht das Denken, sondern meine
Gedankenlosigkeit oder Ich, der Undenkbare, Unbegreifliche befreie
mich aus der Besessenheit.
Ein Ruck tut Mir die Dienste des sorglichsten Denkens, ein Recken
der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab, <197> ein Aufspringen
schleudert den Alp der religiösen Welt von der Brust, ein
aufjauchzendes Juchhe wirft jahrelange Lasten ab. Aber die ungeheure
Bedeutung des gedankenlosen Jauchzens konnte in der langen Nacht
des Denkens und Glaubens nicht erkannt werden.