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Gleich dem letzteren geht er stets von einem Gedanken aus, aber darin
weicht er ab, da§ er 's nicht aufgibt, den prinzipiellen Gedanken im
Denkprozesse zu erhalten, ihn also <195> nicht stabil werden lЧt. Er
macht nur den Denkproze§ [163] gegen die DenkglŠubigkeit, den
Fortschritt im Denken gegen den Stillstand in demselben geltend. Vor
der Kritik ist kein Gedanke sicher, da sie das Denken oder der
denkende Geist selber ist.
Deshalb wiederhole Ich 's, da§ die religišse Welt Ð und diese ist eben
die Welt der Gedanken Ð in der Kritik ihre Vollendung erreicht, indem
das Denken Ÿber jeden Gedanken Ÿbergreift, deren keiner sich
"egoistisch" festsetzen darf. Wo bliebe die "Reinheit der Kritik", die
Reinheit des Denkens, wenn auch nur Ein Gedanke sich dem Denkpro-
zesse entzšge? Daraus erklŠrt sich 's, da§ der Kritiker sogar hie und da
schon Ÿber den Gedanken des Menschen, der Menschheit und
HumanitŠt leise spšttelt, weil er ahnt, da§ hier ein Gedanke sich
dogmatischer Festigkeit nŠhere. Aber er kann diesen Gedanken doch
eher nicht auflšsen, bis er einen Ð "hšheren " gefunden hat, in
welchem jener zergehe; denn er bewegt sich eben nur Ð in Gedanken.
Dieser hšhere Gedanke kšnnte als der der Denkbewegung oder des
Denkprozesses selbst, d. h. als der Gedanke des Denkens oder der
Kritik ausgesprochen werden.
Die Denkfreiheit ist hierdurch in der Tat vollkommen geworden, die
Geistesfreiheit feiert ihren Triumph: denn die einzelnen, die
"egoistischen" Gedanken verloren ihre dogmatische GewalttŠtigkeit.
Es ist nichts Ÿbrig geblieben, als das Ð Dogma des freien Denkens oder
der Kritik.
Gegen alles, was der Welt des Denkens angehšrt, ist die Kritik im
Rechte, d. h. in der Gewalt; sie ist die Siegerin. Die Kritik, und allein
die Kritik "steht auf der Hšhe der Zeit". Vom Standpunkte des
Gedankens aus gibt es keine Macht, die der ihrigen Ÿberlegen zu sein
vermšchte, und es ist eine Lust, zu sehen, wie leicht und spielend
dieser Drache <196> alles andere GedankengewŸrm verschlingt. Es
windet sich
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freilich jeder Wurm, sie aber zermalmt ihn in allen "Wendungen ".
Ich bin kein Gegner der Kritik, d. h. Ich bin kein Dogmatiker, und
fŸhle Mich von dem Zahne des Kritikers, womit er den Dogmatiker
zerfleischt, nicht getroffen. WŠre Ich ein [164] "Dogmatiker", so
stellte Ich ein Dogma, d. h. einen Gedanken, eine Idee, ein Prinzip
obenan, und vollendete dies als "Systematiker", indem Ich 's zu
einem System, d. h. einem Gedankenbau ausspšnne. WŠre Ich
umgekehrt ein Kritiker, nŠmlich ein Gegner des Dogmatikers, so fŸhrte
Ich den Kampf des freien Denkens gegen den knechtenden Gedanken,
verteidigte das Denken gegen das Gedachte. Ich bin aber weder der
Champion eines Gedankens, noch der des Denkens; denn "Ich ", von
dem Ich ausgehe, bin weder ein Gedanke, noch bestehe Ich im Denken.
An Mir, dem Unnennbaren, zersplittert das Reich der Gedanken, des
Denkens und des Geistes.
Die Kritik ist der Kampf des Besessenen gegen die Besessenheit als
solche, gegen alle Besessenheit, ein Kampf, der in dem Bewu§tsein
begrŸndet ist, da§ Ÿberall Besessenheit oder, wie es der Kritiker nennt,
religišses und theologisches VerhŠltnis vorhanden ist. Er wei§, da§
man nicht blo§ gegen Gott, sondern ebenso gegen andere Ideen, wie
Recht, Staat, Gesetz usw. sich religišs oder glŠubig verhŠlt, d. h. er
erkennt die Besessenheit allerorten. So will er durch das Denken die
Gedanken auflšsen, Ich aber sage, nur die Gedankenlosigkeit rettet
Mich wirklich vor den Gedanken. Nicht das Denken, sondern meine
Gedankenlosigkeit oder Ich, der Undenkbare, Unbegreifliche befreie
mich aus der Besessenheit.
Ein Ruck tut Mir die Dienste des sorglichsten Denkens, ein Recken
der Glieder schŸttelt die Qual der Gedanken ab, <197> ein Aufspringen
schleudert den Alp der religišsen Welt von der Brust, ein
aufjauchzendes Juchhe wirft jahrelange Lasten ab. Aber die ungeheure
Bedeutung des gedankenlosen Jauchzens konnte in der langen Nacht
des Denkens und Glaubens nicht erkannt werden.