< prev next>

<203> (182) [170]
An dem Eingange der neuen Zeit steht der "Gottmensch ". Wird sich
an ihrem Ausgange nur der Gott am Gottmenschen verflüchtigen, und
kann der Gottmensch wirklich sterben, wenn nur der Gott an ihm
stirbt? Man hat an diese Frage nicht gedacht und fertig zu sein gemeint,
als man das Werk der Aufklärung, die Überwindung des Gottes, in
unsern Tagen zu einem siegreichen Ende führte; man hat nicht
gemerkt, daß der Mensch den Gott getötet hat, um nun ­ "alleiniger
Gott in der Höhe" zu werden. Das Jenseits außer Uns ist allerdings
weggefegt, und das große Unternehmen der Aufklärer vollbracht; allein
das Jenseits in Uns ist ein neuer Himmel geworden und ruft Uns zu
erneutem Himmelsstürmen auf: der Gott hat Platz machen müssen,
aber nicht Uns, sondern ­ dem Menschen. Wie mögt Ihr glauben, daß
der Gottmensch gestorben sei, ehe an ihm außer dem Gott auch der
Mensch gestorben ist?
<204> (183) [171]
I.
Die Eigenheit
" Lechzt der Geist nicht nach Freiheit?" ­ Ach, mein Geist nicht
allein, auch mein Leib lechzt stündlich danach! Wenn meine Nase vor
der duftenden Schloßküche meinem Gaumen von den schmackhaften
Gerichten erzählt, die darin zubereitet werden, da fühlt er bei seinem
trockenen Brote ein fürchterliches Schmachten; wenn meine Augen
dem schwieligen Rücken von weichen Dunen sagen, auf denen sich 's
lieblicher liegt, als auf seinem zusammengedrückten Stroh, da faßt ihn
ein verbissener Grimm; wenn ­ doch verfolgen wir die Schmerzen
nicht weiter. ­ Und das nennst Du eine Freiheitssehnsucht? Wovon
willst Du denn frei werden? Von deinem Kommißbrot und deinem
Strohlager? So wirf es weg! ­ Damit aber scheint Dir nicht gedient zu
sein; Du willst vielmehr die Freiheit haben, köstliche Speisen und
schwellende Betten zu genießen. Sollen die Menschen Dir diese
"Freiheit" geben ­, sollen sie Dir 's erlauben? Du hoffst das nicht von
ihrer Menschenliebe, weil Du weißt, sie denken alle wie ­ <205> Du:
Jeder ist sich selbst der Nächste! Wie willst Du also zum Genuß jener
Speisen und Betten kommen? Doch wohl nicht anders, als wenn Du sie
zu deinem Eigentum machst!
Du willst, wenn Du es recht bedenkst, nicht die Freiheit, alle diese
schönen Sachen zu haben, denn mit der Freiheit dazu hast Du sie noch
nicht; Du willst sie wirklich haben, willst sie dein nennen und als dein
Eigentum
besitzen. Was nützt Dir auch eine Freiheit, wenn sie nichts
einbringt?