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(194)
sondern zu Idealisten ("guten Menschen") berufen. Schüttelt das ab!
Suchet nicht die Freiheit, die Euch gerade um Euch selbst bringt, in der
"Selbstverleugnung", sondern suchet Euch Selbst, werdet Egoisten,
werde jeder von euch ein allmächtiges Ich. Oder deutlicher: Erkennet
Euch nur <217> wieder, erkennet nur, was Ihr wirklich seid, und laßt
eure heuchlerischen Bestrebungen fahren, eure törichte Sucht, etwas
Anderes zu sein, als Ihr seid. Heuchlerisch nenne Ich jene, weil Ihr
doch alle diese Jahrtausende Egoisten geblieben seid, aber schlafende,
sich selbst betrügende, verrückte Egoisten, Ihr Heautontimorumenen,
Ihr Selbstpeiniger. Noch niemals hat eine Religion der Versprechungen
und "Verheißungen" entraten können, mögen sie aufs Jenseits oder
Diesseits verweisen ("langes Leben" usw.); denn lohnsüchtig [182] ist
der Mensch, und "umsonst " tut er nichts. Aber jenes "das Gute um
des Guten willen tun" ohne Aussicht auf Belohnung? Als ob nicht
auch hier in der Befriedigung, die es gewähren soll, der Lohn enthalten
wäre. Also auch die Religion ist auf unsern Egoismus begründet, und
sie ­ beutet ihn aus; berechnet auf unsere Begierden, erstickt sie viele
andere um Einer willen. Dies gibt denn die Erscheinung des
betrogenen Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige, sondern eine
meiner Begierden, z. B. den Glückseligkeitstrieb. Die Religion
verspricht Mir das ­ "höchste Gut"; dies zu gewinnen achte Ich auf
keine andere meiner Begierden mehr und sättige sie nicht. ­ All euer
Tun und Treiben ist uneingestandener, heimlicher, verdeckter und
versteckter Egoismus. Aber weil Egoismus, den Ihr Euch nicht
gestehen wollt, den Ihr Euch selbst verheimlicht, also nicht offenbarer
und offenkundiger, mithin unbewußter Egoismus, darum ist er nicht
Egoismus
, sondern Knechtschaft, Dienst, Selbstverleugnung, Ihr seid
Egoisten und Ihr seid es nicht, indem Ihr den Egoismus verleugnet. Wo
Ihr 's am meisten zu sein scheint, da habt Ihr dem Worte "Egoist " ­
Abscheu und Verachtung zugezogen.
<218> (195)
Meine Freiheit gegen die Welt sichere Ich in dem Grade, als Ich Mir
die Welt zu eigen mache, d. h. sie für Mich "gewinne und einnehme",
sei es durch welche Gewalt es wolle, durch die der Überredung, der
Bitte, der kategorischen Forderung, ja selbst durch Heuchelei, Betrug
usw.; denn die Mittel, welche Ich dazu gebrauche, richten sich nach
dem, was Ich bin. Bin Ich schwach, so habe Ich nur schwache Mittel,
wie die genannten, die aber dennoch für ein ziemlich Teil Welt gut
genug sind. Ohnehin sehen Betrug, Heuchelei, Lüge schlimmer aus als
sie sind. Wer hätte nicht die Polizei, das Gesetz betrogen, wer hätte
nicht vor dem begegnenden Schergen schnell die Miene ehrsamer
Loyalität vorgenommen, um eine etwa begangene Ungesetzlichkeit zu
verbergen usw.? Wer es nicht getan hat, der hat sich eben Gewalt antun
lassen: er war ein Schwächling aus ­ Gewissen. Meine [183] Freiheit
weiß ich schon dadurch geschmälert, daß Ich an einem Andern (sei
dies Andere ein Willenloses, wie ein Fels, oder ein Wollendes, wie eine
Regierung, ein Einzelner usw.) meinen Willen nicht durchsetzen kann;
meine Eigenheit verleugne Ich, wenn Ich Mich selbst ­ Angesichts des
Andern ­ aufgebe, d. h. nachgebe, abstehe, Mich ergebe, also durch
Ergebenheit, Ergebung. Denn ein Anderes ist es, wenn Ich mein
bisheriges Verfahren aufgebe, weil es nicht zum Ziele führt, also ab-
lenke von einem falschen Wege, ein Anderes, wenn Ich Mich gefangen
gebe. Einen Felsen, der Mir im Wege steht, umgehe Ich so lange, bis
Ich Pulver genug habe, ihn zu sprengen; die Gesetze eines Volkes
umgehe Ich, bis Ich Kraft gesammelt habe, sie zu stürzen. Weil Ich den
Mond nicht fassen kann, soll er Mir darum "heilig " sein, eine
Astarte*? Könnte Ich Dich nur fassen, Ich faßte <219> Dich wahrlich,
und finde Ich nur ein Mittel, zu Dir hinauf zu kommen, Du sollst Mich
nicht schrecken! Du Unbegreiflicher, Du sollst Mir nur so lange
unbegreiflich bleiben, bis Ich Mir die Gewalt des Begreifens erworben
habe, Dich mein eigen nenne; Ich gebe