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(198)
sich vom Vater unabhängig. Hätten jene gewartet, bis ihre Tyrannen
ihnen die Mündigkeit gnädigst bewilligten: sie konnten lange warten.
Den Sohn, der nicht mündig werden will, wirft ein verständiger Vater
aus dem Hause und behält das Haus allein; dem Laffen geschieht
Recht.
Der Freigegebene ist eben nichts als ein Freigelassener, ein libertinus,
ein Hund, der ein Stück Kette mitschleppt: er ist ein Unfreier im
Gewande der Freiheit, wie der Esel in der Löwenhaut. Emanzipierte
Juden sind um nichts gebessert in sich, sondern nur erleichtert als
Juden, obgleich, wer ihren Zustand erleichtert, allerdings mehr ist als
ein kirchlicher Christ, da der letztere dies nicht ohne Inkonsequenz
vermag. Aber emanzipierter Jude oder nicht emanzipierter: Jude bleibt
Jude; der Nicht-Selbstbefreite ist eben ein Emanzipierter. Der
protestantische Staat vermag allerdings die Katholiken
freizu<222>geben (zu emanzipieren); weil sie sich aber nicht selbst frei
machen, bleiben sie eben Katholiken.
Von Eigennutz und Uneigennützigkeit ist oben schon gesprochen
worden. Die Freiheitsfreunde erbosen sich gegen [186] den Eigennutz,
weil sie in ihrem religiösen Freiheitsstreben von der erhabenen
"Selbstverleugnung" sich nicht befreien können. Dem Egoismus gilt
der Zorn des Liberalen, denn der Egoist bemüht sich ja um eine Sache
niemals der Sache wegen, sondern seinetwegen: ihm muß die Sache
dienen. Egoistisch ist es, keiner Sache einen eigenen oder "absoluten "
Wert beizulegen, sondern ihren Wert in Mir zu suchen. Zu den
widerlichsten Zügen egoistischen Betragens hört man häufig das so
gewöhnliche Brotstudium zählen, weil es die schändlichste Entweihung
der Wissenschaft bekunde; allein wozu ist die Wissenschaft als dazu,
verbraucht zu werden? Wenn Einer sie zu nichts Besserem zu nutzen
weiß, als zum Broterwerb, so ist sein Egoismus zwar ein kleinlicher,
weil die Macht dieses Egoisten eine beschränkte ist, aber das
Egoistische daran und die Entweihung der Wissenschaft kann nur ein
Besessener tadeln.
(199)
Weil das Christentum, unfähig den Einzelnen als Einzigen gelten zu
lassen, ihn nur als Abhängigen dachte und eigentlich nichts als eine
Sozialtheorie war, eine Lehre des Zusammenlebens, und zwar sowohl
des Menschen mit Gott als des Menschen mit dem Menschen: so mußte
bei ihm alles "Eigene" in ärgsten Verruf kommen: Eigennutz,
Eigensinn, Eigenwille, Eigenheit, Eigenliebe usw. Die christliche
Anschauungsweise hat überhaupt allmählich ehrliche Wörter zu
unehrlichen umgestempelt; warum sollte man sie nicht wieder zu Ehren
bringen? So heißt "Schimpf" im alten <223> Sinne soviel als Scherz,
für den christlichen Ernst ward aber aus der Kurzweil eine Entbehrung,
denn er versteht keinen Spaß; "Frech " bedeutete früher nur kühn,
tapfer; "Frevel" war nur Wagnis. Bekannt ist, wie scheel lange Zeit
das Wort "Vernunft" angesehen wurde.
Unsere Sprache hat sich so ziemlich auf den christlichen Standpunkt
eingerichtet, und das allgemeine Bewußtsein ist noch zu christlich, um
nicht vor allem Nichtchristlichen als vor einem Unvollkommenen oder
Bösen zurückzuschrecken. Deshalb steht es auch schlimm um den
"Eigennutz".
[187] Eigennutz im christlichen Sinne heißt etwa dies: Ich sehe nur
darauf, ob etwas Mir als sinnlichem Menschen nützt. Ist denn aber die
Sinnlichkeit meine ganze Eigenheit? Bin Ich bei Mir selbst, wenn Ich
der Sinnlichkeit hingegeben bin? Folge Ich Mir selbst, meiner eigenen
Bestimmung, wenn Ich jener folge? Mein eigen bin Ich erst, wenn nicht
die Sinnlichkeit, aber ebensowenig ein Anderer (Gott, Menschen,
Obrigkeit, Gesetz, Staat, Kirche usw.) Mich in der Gewalt haben,
sondern Ich selbst; was Mir, diesem Selbsteigenen oder
Selbstangehörigen, nützt, das verfolgt mein Eigennutz.
Übrigens sieht man sich alle Augenblicke genötigt, an den Eigennutz,
den allezeit gelästerten, als an eine Alles bewältigende Macht zu
glauben. In der Sitzung vom 10. Februar 1844 begründet
Welcker
eine
Motion* auf die Abhängigkeit