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<226> (202) [189]
II.
Der Eigner
Ich ­ komme Ich zu Mir und dem Meinigen durch den Liberalismus?
Wen sieht der Liberale für Seinesgleichen an? Den Menschen! Sei Du
nur Mensch ­ und das bist Du ja ­ so nennt der Liberale Dich seinen
Bruder. Er fragt nach deinen Privatmeinungen und Privatnarrheiten
sehr wenig, wenn er nur den "Menschen " in Dir erblicken kann.
Da er aber dessen wenig achtet, was Du privatim bist, ja bei strenger
Befolgung seines Prinzips gar keinen Wert darauf legt, so sieht er in
Dir nur das, was Du generatim bist. Mit andern Worten; er sieht in Dir
nicht Dich, sondern die Gattung, nicht
Hans
oder
Kunz
, sondern den
Menschen, nicht den Wirklichen oder Einzigen, sondern dein Wesen
oder deinen Begriff, nicht den Leibhaftigen, sondern den Geist.
Als
Hans
wärest Du nicht Seinesgleichen, weil er
Kunz
, also nicht
Hans
, ist; als Mensch bist Du dasselbe, was er ist. Und da Du als
Hans
für ihn, soweit er nämlich ein <227> Liberaler und nicht
unbewußterweise Egoist ist, so gut als gar nicht existierst, so hat er sich
die "Bruderliebe" wahrlich sehr leicht gemacht: er liebt in Dir nicht
den
Hans
, von welchem er nichts weiß und wissen will, sondern den
Menschen.
In Dir und Mir nichts weiter zu sehen, als "Menschen ", das heißt die
christliche Anschauungsweise, wonach einer für den andern nichts als
ein Begriff (z. B. ein zur Seligkeit Berufener usw.) ist, auf die Spitze
treiben.
Das eigentliche Christentum sammelt Uns noch unter einem
(203)
minder allgemeinen Begriffe: Wir sind da "Kinder Gottes" und "der
Geist Gottes treibet Uns"
51
. Nicht Alle jedoch können sich rühmen
Gottes Kinder zu sein, sondern "derselbige Geist, welcher Zeugnis
gibt unserem Geiste, daß Wir Gottes [190] Kinder sind, der offenbart
auch, welche die Kinder des Teufels sind"
52
. Mithin mußte ein
Mensch, um Gottes Kind zu sein, nicht ein Kind des Teufels sein; die
Kindschaft Gottes exkludierte* gewisse Menschen. Dagegen brauchen
Wir, um Menschenkinder, d. h. Menschen zu sein, nichts als zu der
Menschengattung zu gehören, brauchen nur Exemplare derselben
Gattung zu sein. Was Ich als dieses Ich bin, das geht Dich als guten
Liberalen nichts an, sondern ist allein meine Privatsache; genug, daß
Wir beide Kinder ein und derselben Mutter, nämlich der
Menschengattung, sind: als "Menschenkind" bin Ich Deinesgleichen.
Was bin Ich Dir nun? Etwa dieses leibhaftige Ich, wie Ich gehe und
stehe? Nichts weniger als das. Dieses leibhaftige Ich mit seinen
Gedanken, Entschlüssen und Leidenschaf<228>ten ist in deinen Augen
eine "Privatsache", welche Dich nichts angeht, ist eine "Sache für
sich". Als eine "Sache für Dich" existiert nur mein Begriff, mein
Gattungsbegriff, nur der Mensch, der, wie er
Hans
heißt, eben so gut
Peter
oder
Michel
sein könnte. Du siehst in Mir nicht Mich, den
Leibhaftigen, sondern ein Unwirkliches, den Spuk, d. h. einen
Menschen.
Zu "Unsersgleichen" erklärten Wir im Laufe der christlichen
Jahrhunderte die Verschiedensten, aber jedesmal nach Maß desjenigen
Geistes, den Wir von ihnen erwarteten, z. B. Jeden, bei dem der Geist
der Erlösungsbedürftigkeit sich voraussetzen läßt, dann später Jeden,
der den Geist der Rechtschaffenheit hat, endlich Jeden, der
menschlichen Geist und ein menschlich Antlitz zeigt. So variierte der
Grundsatz der "Gleichheit".