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(206)
Die menschliche Religion ist nur die letzte Metamorphose der
christlichen Religion. Denn Religion ist der Liberalismus darum, weil
er mein Wesen von Mir trennt und über Mich stellt, weil er "den
Menschen" in demselben Maße erhöht, wie irgend eine andere
Religion ihren Gott oder Götzen, <231> weil er das Meinige zu einem
Jenseitigen, weil er überhaupt aus dem Meinigen, aus meinen
Eigenschaften und meinem Eigentum, ein Fremdes, nämlich ein
"Wesen " macht, [193] kurz, weil er Mich unter den Menschen stellt
und Mir dadurch einen "Beruf " schafft; aber auch der Form nach
erklärt sich der Liberalismus als Religion, wenn er für dies höchste
Wesen, den Menschen, einen Glaubenseifer fordert, "einen Glauben,
der endlich auch einmal seinen Feuereifer beweisen wird, einen Eifer,
der unüberwindlich sein wird."
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Da der Liberalismus aber
menschliche Religion ist, so verhält sich der Bekenner derselben gegen
den Bekenner jeder anderen (katholischen, jüdischen usw.) tolerant,
wie
Friedrich der Große
gegen Jeden sich verhielt, der seine
Untertanenpflichten verrichtet, welcher Fasson des Seligwerdens er
auch zugetan sein mochte. Diese Religion soll jetzt zur allgemein
üblichen erhoben und von den andern als bloßen "Privatnarrheiten",
gegen die man übrigens sich wegen ihrer Unwesentlichkeit höchst
liberal verhält, abgesondert werden.
Man kann sie die Staatsreligion, die Religion des "freien Staates"
nennen, nicht in dem bisherigen Sinne, daß sie die vom Staate
bevorzugte oder privilegierte sei, sondern als diejenige Religion,
welche der "freie Staat" von jedem der Seinigen, er sei privatim Jude,
Christ oder was sonst, zu fordern nicht nur berechtigt, sondern genötigt
ist. Sie tut nämlich dem Staate dieselben Dienste, wie die Pietät der
Familie. Soll die Familie von jedem der Ihrigen in ihrem Bestande
anerkannt und erhalten werden, so muß ihm das Band des Blutes heilig,
und sein Gefühl dafür das der
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Pietät, des <232> Respektes gegen die Blutsbande, sein, wodurch ihm
jeder Blutsverwandte zu einem Geheiligten wird. So auch muß jedem
Gliede der Staatsgemeinde diese Gemeinde heilig, und der Begriff,
welcher dem Staate der höchste ist, gleichfalls der höchste sein.
Welcher Begriff ist aber dem Staate der höchste? Doch wohl der, eine
wirklich menschliche Gesellschaft zu sein, eine Gesellschaft, in
welcher Jeder als Glied Aufnahme erhalten [194] kann, der wirklich
Mensch, d. h. nicht Unmensch, ist. Gehe die Toleranz eines Staates
noch so weit, gegen einen Unmenschen und gegen das Unmenschliche
hört sie auf. Und doch ist dieser "Unmensch " ein Mensch, doch ist
das "Unmenschliche" selbst etwas Menschliches, ja nur einem
Menschen, keinem Tiere, möglich, ist eben etwas
"Menschenmögliches". Obgleich aber jeder Unmensch ein Mensch
ist, so schließt ihn doch der Staat aus, d. h. er sperrt ihn ein, oder
verwandelt ihn aus einem Staatsgenossen in einen Gefängnisgenossen
(Irrenhaus- oder Krankenhausgenossen nach dem Kommunismus) .
Mit dürren Worten zu sagen, was ein Unmensch sei, hält nicht eben
schwer: es ist ein Mensch, welcher dem Begriffe Mensch nicht
entspricht, wie das Unmenschliche ein Menschliches ist, welches dem
Begriffe des Menschlichen nicht angemessen ist. Die Logik nennt dies
ein "widersinniges Urteil". Dürfte man wohl dies Urteil, daß einer
Mensch sein könne, ohne Mensch zu sein, aussprechen, wenn man
nicht die Hypothese gelten ließe, daß der Begriff des Menschen von
der Existenz, das Wesen von der Erscheinung getrennt sein könne?
Man sagt: der erscheint zwar als Mensch, ist aber kein Mensch.
<233> Dies "widersinnige Urteil" haben die Menschen eine lange
Reihe von Jahrhunderten hindurch gefällt! Ja, was noch mehr ist, in
dieser langen Zeit gab es nur ­ Unmenschen. Welcher Einzelne hätte
seinem Begriffe entsprochen? Das Christentum kennt nur Einen
Menschen, und dieser Eine ­
Christus
­ ist sogleich wieder im
umgekehrten Sinne ein