John Henry Mackay
MAX STIRNER -
SEIN LEBEN UND SEIN WERK
Dritte, als Privatausgabe in 325 Exemplaren gedruckte, völlig durchgearbeitete und vermehrte, mit einem Namen- und Sachregister versehene Auflage.
Berlin-Charlottenburg: Selbstverlag 1914
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Mittels Scanner und OCR-Reader aufbereitet von Svein Olav Nyberg, Oslo, Norwegen.
Redigiert und orthographisch modernisiert von Bernd A. Laska, Nürnberg.
Die im Inhaltsverzeichnis eckig eingeklammerten Abschnitte des Anhangs wurden nicht in die vorliegende Fassung übernommen.
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INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE
VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE
VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE
EINLEITUNG
DIE GESCHICHTE MEINER ARBEIT. 1889-1914
DIE WIEDERENTDECKUNG STIRNERS. - AUFRUF. - ERSTE ENTTÄUSCHUNG.-DREIFACHE
SCHWIERIGKEITEN DER ARBEIT. - HAUS UND GRAB IN BERLIN. - LANGSAMER
FORTGANG UND STIRNERS WIEDERGEBURT. - MARIE DÄHNHARDT IN
LONDON. DAS LEBEN MAX STIRNERS. - DIE METHODE MEINER ARBEIT. -
WIR UND ER.- DAS JUBILÄUMSJAHR. - WELTGANG. - GEBURTSHAUS
IN BAYREUTH. - LETZTER DANK.- SCHLUSSWORT 3
ERSTES KAPITEL
ERSTE JUGEND. 1806-1826
DAS GEBURTSHAUS IN BAYREUTH. - GEBURT UND TAUFE; ELTERN UND
VORFAHREN. - TOD DES VATERS UND WIEDERHEIRAT DER MUTTER; NACH
KULM. RITTMEISTER GÖCKING. - RÜCKKEHR NACH BAYREUTH
UND ERZIEHUNG.- ÜBERBLICK 25
ZWEITES KAPITEL
LERN- UND LEHRJAHRE. 1826-1844
J. C SCHMIDT, STUD. PHILOS., IN BERLIN. - EIN SEMESTER IN ERLANGEN;
REISE DURCH DEUTSCHLAND. - KÖNIGSBERG UND KULM. - WIEDER IN BERLIN. - BEENDIGUNG DES STUDIUMS. - EXAMEN PRO FACULTATE
DOCENDI. - ALS SCHULAMTSKANDIDAT AN DER REALSCHULE. - VEREITELTE HOFFNUNGEN AUF ANSTELLUNG; NIE GYMNASIALLEHRER,
NIE DR. PHIL. - FAMILIENVERHÄLTNISSE UND ERSTE EHE. - DER
LEHRER HÖHERER TÖCHTER. - ÜBERBLICK 35
DRITTES KAPITEL
DIE "FREIEN" BEI HIPPEL
IM FÜNFTEN JAHRZEHNT DES JAHRHUNDERTS. - HIPPEL IN DER FRIEDRICHSTRASSE.
- ERSTE ANFÄNGE DER "FREIEN". - CHARAKTERISTIK.
- DER INNERE RING. - DER WEITERE KREIS DER BESUCHER. - DREI GÄSTE.
- DIE "FREIEN" IN DER ÖFFENTLICHKEIT. - TON DES
KREISES. - SEINE BEDEUTUNG 55
VIERTES KAPITEL
MAX STIRNER. 1840-1845
DER NAME STIRNER. - ÄUSSERE ERSCHEINUNG. - WESEN UND CHARAKTER. - STIRNER UNTER DEN "FREIEN". - ERSTE VERÖFFENTLICHUNGEN. - ZEITUNGSKORRESPONDENT. - LITTERARISCHE ARBEITEN. - ZWEITE EHE. - GESCHICHTE DER TRAUUNG. - MARIE DÄHNHARDT. -
DIE JAHRE DER HÖHE 83
FÜNFTES KAPITEL
DER EINZIGE UND SEIN EIGENTUM. 1845
ERSCHEINEN. - BESCHLAGNAHME UND FREIGABE IN SACHSEN. - VERBOT
IN PREUSSEN. - STIRNER UND DIE POLIZEI. - ALLGEMEINE AUFNAHME
UND ERFOLG. - DAS WERK. - VERSUCH SEINER WÜRDIGUNG. - DIE
KRITIK. - STIRNERS ENTGEGNUNGEN. - DAS VERSTANDESTUM UND DAS INDIVIDUUM.
- AUSBLICK 123
SECHSTES KAPITEL
DAS LETZTE JAHRZEHNT. 1845-1856
LANGSAMER ABSTIEG. - DIE NATIONALÖKONOMEN DER FRANZOSEN UND
ENGLÄNDER. - LETZTE VERSUCHE. - MARIE DÄHNHARDTS TRENNUNG.
- IHR SPÄTERES LEBEN UND TOD. - ZURÜCK ZU STIRNER: DARLEHENSGESUCH.
- LETZTE JOURNALISTISCHE ARBEITEN. - BEI HIPPEL IN DER DOROTHEENSTRASSE.
- DIE GESCHICHTE DER REACTION. - HÖHEPUNKT DER NOT. - AUSWEG.
- LETZER VERKEHR. - ERKRANKUNG. - TOD UND BEGRÄBNIS. - NACHKOMMENSCHAFT.
- DIE ÜBERLEBENDEN UND IHR SCHICKSAL. - SCHLUSSBETRACHTUNG.
- ABSCHIED. - AUSBLICK 179
ANHANG
[A. STATIONEN DER LEBENSWANDERUNG
B. STAMMBÄUME
C. CURRICULUM VITAE.
D. PORTRÄTSKIZZE
E. NAMENSUNTERSCHRIFTEN
F. ZWEI BRIEFE
G. MARIE DÄHNHARDTS LETZTES WORT
H. BIBLIOGRAPHIE
I. ÜBERSETZUNGEN ]
NAMEN- UND SACH-REGISTER
[ABBILDUNGEN
1. GEBURTSHAUS IN BAYREUTH
2. DAS HAUS IN KULM
3. STERBEHAUS IN BERLIN
4. STIRNERS GRAB
FACSIMILE
KUNST UND RELIGION]
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V
VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE
Diese dritte Auflage erscheint als Privat-Ausgabe, die - auf die Anzahl von 325 Exemplaren begrenzt - nicht in den Handel gelangt.
Es war der einzige Weg, sie zu ermöglichen.
Denn auch die zweite Auflage meiner Lebensgeschichte Max Stirners
teilt das Schicksal der ersten, sich ebenso schwer und ebenso
langsam zu verkaufen wie diese, so dass ich (wie ich am Schluss
ihrer Vorrede sagte) eine dritte wohl nicht mehr erleben würde,
wollte ich darauf warten, sie vergriffen zu sehen.
Eine neue Auflage aber noch selbst zu veranstalten, ist in den
letzten Jahren ein bei mir immer wiederkehrender Wunsch geworden.
Es war, wie ich gern zugebe, kein besonders glücklicher Gedanke,
der zweiten Auflage von 191O die Forschungs-Ergebnisse der voraufgehenden
zehn Jahre in einer "Nachschrift" anzugliedern, statt
sie in den Text hineinzuarbeiten. Dass dies nach meinem Tode einmal
von einem 'Bearbeiter', und zwar in einer die Anlage und Einheit
des Ganzen gefährdenden Weise, geschehen könnte, ja
zweifellos geschehen würde und müsste, beunruhigte mich.
So entstand der Plan einer neuen einheitlichen und grundlegenden
Privat-Ausgabe in mir, neben und nach der - da es natürlich
nicht angängig ist, eine erst angegriffene Auflage einzustampfen
- die noch bestehende zweite öffentlich weiter verkauft werden
soll, bis auch sie eines Tages einer vierten weicht.
Mein Plan hat sich, wenn auch unter grossen Schwierigkeiten, noch
verwirklichen lassen. - Dank der kleinen - ach, so kleinen! -
Anzahl derer, die heute unentwegt zu allem, was den Namen Stirner
trägt, stehen.
Diese Ausgabe nun aber auch so zu gestalten, wie ich es plante
und wollte, und ihr die letzte gültige Form zu geben, ist
mein ganzes Bemühen gewesen. Nicht nur ist die genannte Verschmelzung
vorgenommen, sondern es haben auch einzelne Abschnitte ihre ganz
neue Form gefunden, während ich das Ganze einer nochmaligen
Nachprüfung unterzog, die allerdings nur an wenigen Stellen
die eine oder andere kleine Änderung nötig machte. Dass
sie sich auch äusserlich im Format und Aussehen von den beiden
ersten zu unterscheiden hatte, lag auf der Hand.
Wieder habe ich hier nun denen zu danken, die mir auch diesmal
so bereitwillig geholfen.
An erster Stelle Herrn Dr. Gustav Mayer in Zehlendorf bei Berlin.
Gründlicher Kenner der Geschichte des Vormärz und in
die Möglichkeit versetzt, zu bisher verschlossenen Quellen
vorzudringen, gelang ihm nicht nur die Auffindung einer frühesten,
selbständigen Schrift Stirners, die des "Gegenworts",
sondern auch die überzeugende Feststellung von seiner tatsächlichen
Mitarbeit an der "Leipziger Allgemeinen Zeitung" von
1842, eine Feststellung, die mich um so mehr überraschen
musste, als mir nicht nur selbst vor langen Jahren auf persönlich
eingezogene Erkundigung von der Firma Brockhaus die bestimmte
gegenteilige Versicherung abgegeben wurde, sondern auch vor Erscheinen
der zweiten Auflage der derzeitige Lektor des Verlages, Herr Dr.
H. H. Houben in Leipzig, nochmals diese Auskunft als richtig bestätigte.
VI
Herr Dr. Mayer hat seine so überaus glücklichen Funde
bereits teilweise selbst in einem Aufsatz in dem ersten Heft des
VI. Bandes der "Zeitschrift für Politik" von 1913:
"Die Anfänge des politischen Radikalismus im vormärzlichen
Preussen" verwertet, einer Abhandlung, auf die ich jeden
meiner Leser, der ein breiteres Bild von den politischen Strömungen
dieser Epoche zu gewinnen wünscht, als ich es hier, in der
nur einem Einzigen gewidmeten Studie, naturgemäss geben konnte,
nicht genug hinweisen kann. Er wird aus ihr zugleich ersehen,
wie durchaus irrtümlich die Auffassung ihres Verfassers ist,
wenn er - aus seiner direkt entgegengesetzten Lebensanschauung
heraus - in dem Werke Stirners nur eine Fortentwicklung und einen
Ausbau der geistigen Ideenwelt dieses Radikalismus sieht, während
es in Wirklichkeit ein durch eigenste Schöpferkraft auf den
Trümmern dieser gefallenen Festung des "Geistes"
errichteter, uneinnehmbarer Bau ist. So kann denn auch die Stellung,
die Stirner in seinerArbeit angewiesen wird: neben, nicht über
den anderen, nur eine ganz falsche sein.
Einen anderen Fund: "Über die Verpflichtung der Staatsbürger
zu irgendeinem Religionsbekenntnis", den Herr Dr. Mayer in
dem Anhang zu seiner Abhandlung ("Unbekanntes von Stirner")
zusammen mit dem "Gegenwort" als ein "Programm
der Freien" abgedruckt und ebenfalls, wenn auch nicht unbedingt,
Stirner zuschreibt, kann ich mich nicht entschliessen, als von
diesem herrührend anzuerkennen, so freudig und dankbar ich
sonst jede Vermehrung und Bereicherung seiner Lebensarbeit begrüsse.
Nicht nur die Arbeit selbst, sondern auch die für die Autorschaft
angeführten Gründe scheinen mir eher gegen als für
diese zu sprechen, und ich muss es daher dem Leser selbst überlassen,
hier zu entscheiden. Auch die Mitarbeiterschaft Stirners an den
"Deutschen Jahrbüchern" kann sich leider in Bezug
auf bestimmte Artikel nur auf Vermutungen stützen und nicht
mit der durchaus nötigen Sicherheit feststellen lassen.
Es ist mir eine Freude, Herrn Dr. Gustav Mayer für die Liebenswürdigkeit,
mit der er mich nicht nur mit seinen so überaus glücklichen
und bedeutungsvollen Funden schon vor seiner eigenen Veröffentlichung
bekanntmachte, sondern auch für die mannigfachen anderen
wertvollen Hinweise und Winke, mit denen er meine Arbeit so bereitwillig
unterstützte, meinen ganz besonderen Dank auch hier aussprechen
zu dürfen.
Ihren schönsten Schmuck erhält diese neue Ausgabe durch
die vortrefflich gelungene Wiedergabe eines zwölfseitigen
Manuskripts Stirners, nachdem so lange schon jede Hoffnung aufgegeben
war, auch nur eine seiner Arbeiten noch in ihrer ursprünglichen
Form aufzufinden. Es ist die Handschrift zu dem Aufsatz "Kunst
und Religion", stammt aus dem alten Archiv der Rheinischen
Zeitung und befindet sich im Besitz von Herrn Prof. Dr. Josef
Hansen, Bibliothekar an St. Gereon in Köln, dem ich für
die freundlich gegebene Erlaubnis zur Wiedergabe zu grossem Dank
verpflichtet bin.
Für die Aufstellung der russischen Übersetzungen des
"Einzigen" in der Bibliographie des Anhangs bin ich
endlich Herrn Leo Kasarnowski in Halensee bei Berlin ebenso wie
für manchen Hinweis seiner unerbittlichen Akribie verbunden.
Diese dritte Auflage hat nun auch ihr wohlberechtigtes Namen-
und Sachregister gefunden. Ich versuchte es so zu gestalten, dass
der Leser sich bei allem, was Stirner und die ihm Nahestehenden
selbst betrifft, in seinen Hinweisen zurechtfindet, habe aber
bei Personen, mit denen er nur in entferntere Berührung gekommen
ist, solche Hinweise unterlassen, um den Umfang des Registers
nicht ungebührlich zu steigern. Man wird trotzdem auch bei
ihnen leicht finden, was man sucht.
Zugleich mit ihr ist nun auch endlich den "Kleineren Schriften und Entgegnungen"
VII
Stirners - zunächst in einer Vorzugs-Ausgabe - eine zweite
Auflage ermöglicht, die, um das Doppelte gegen die erste
vermehrt, natürlich alle Funde der letzten fünfundzwanzig
Jahre in sich aufgenommen hat. Es steht zu hoffen, dass sie, und
vielleicht schon bald, noch durch weitere neue Funde ergänzt
werden kann. So soll Stirner 1842 noch an zwei weiteren Zeitschriften
mitgearbeitet haben, die aufzutreiben bisher leider nicht gelang:
an einer beim Verleger des "Gegenworts", Robert Binder
in Leipzig, erschienenen Zeitschrift "Die Eisenbahn",
in der ein Aufsatz von ihm über die "Lage der Lehrer"
stehen soll, und an einer anderen, von Robert Heller herausgegebenen,
die den merkwürdigen Titel "Rosen" führte.
Vielleicht ist der eine oder andere Leser dieser Angaben glücklicher
beim Suchen und verpflichtet mich dann durch die Mitteilung von
seinem Funde.
Von den ersten Helfern meiner Arbeit hat der Tod nun auch die
letzten hingerafft: 1911 starb siebenundachtzigjährig Daniel
Collin; ebenfalls 1911 der unermüdliche Ludwig Pietsch; und
auch der hochbetagte Enno Sander in St. Louis ist, so viel ich
weiss, nicht mehr am Leben. Von den zweiundzwanzig lebt nur noch
Fräulein Pauline Julius, Stirners frühere Schülerin,
in Steglitz bei Berlin, jetzt auch schon hoch in den Achtzigern.
Sie und die Baronesse von der Goltz sind also die beiden einzigen
Lebenden, die Stirner noch von Angesicht zu Angesicht gesehen
haben - beide als junge Mädchen.
Es ist Zeit zu schliessen.
Wenn ich es mit einem letzten Wunsche tun darf, so ist es der
schon geäusserte: mein Buch, dem ich hier noch eine letzte
und endgültige Form geben durfte, die jede spätere 'Bearbeitung'
durch fremde und voraussichtlich unberufene Hände unnötig
und überflüssig macht, nicht in solche Hände gelangen
zu lassen. Ich werde ein Exemplar dieser Ausgabe hinterlassen,
in welches alle mir selbst noch bekannt gewordenen Ergebnisse
druckfertig eingefügt sind; was sich etwa später noch
hinzufinden sollte, kann leicht in gleicher Weise behandelt werden,
ohne meiner Arbeit ihre eigene und einheitliche Form zu nehmen.
Dies wird sich ausserdem schon deshalb als geboten erweisen, weil
die in dem Vorwort zur zweiten Auflage von mir geäusserte
Absicht: das gesamte Material meiner Stirner-Arbeit dem Britischen
Museum in London zu hinterlassen, einem anderen Plan gewichen
ist, über den die mir als solche bekannten Freunde Stirners
demnächst direkt von mir hören werden.
Ich lege meinen Wunsch in die Hände der Leser dieses Buches,
die zugleich die Freunde Stirners sind. Sie werden über ihn
wachen, wie sie über sein Erbe wachen werden. Denn kein Denker
hat wohl überzeugtere und treuere Freunde gefunden als er,
wie klein ihre Zahl einstweilen auch noch sein mag. Längst
bin ich es nicht mehr allein, der die unermessliche praktische
Tragweite seiner Ideen auf die Gestaltung - und gänzliche
Umgestaltung - unseres gesamten sozialen Lebens erkannt hat. Nicht
nur die Grösse und Weite seiner Gedanken, sondern auch ihre
Lauterkeit und unantastbare Ehrlichkeit haben sie ihm gewonnen,
und ruhig darf heute gesagt werden, dass sein Vermächtnis
unverloren ist für alle künftigen Zeiten.
An ihrem Eingang steht er - dieser grosse Vernichter der Phrase.
Müssen wir auch in unseren Tagen sehen, dass sie noch lebt
und die Völker in Mord und Wahnsinn treibt - er hat ihr doch
den Todesstoss versetzt, an dem die grösste Feindin des Lebens
langsam verblutet.
Berlin-Charlottenburg, Berliner Strasse 166,
im August 1914 JOHN HENRY MACKAY
XII
VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE
Diese zweite Auflage meiner Lebensgeschichte Max Stirners hat
bereits ihre eigene kleine Geschichte.
Ich stellte sie schon vor zweieinhalb Jahren auf den Wunsch meines
alten Freundes Benj. R. Tucker, des Herausgebers des "Liberty"
in New York, der sie veröffentlichen und sie natürlich
bis auf die letzten Forschungsergebnisse fortgesetzt zu sehen
wünschte, fertig. In seinem Verlag sollte sie in englischer
Sprache erscheinen, und zwar - eine seltene Ausnahme - vor der
deutschen. Vor ihr deshalb, weil das Interesse der Deutschen an
dem Leben ihres kühnsten und konsequentesten Denkers immer
noch nicht so weit reichte, als dass die erste Auflage meiner
Biographie erschöpft gewesen wäre.
Das Manuskript sowie die Platten der Bilder und Handschriften
waren abgesandt, die Übersetzung Georg Schumms in vollem
Gange, und das Werk sollte in Druck gehen, um im Frühjahr
1908 zu erscheinen. Da zerstörte ein furchtbarer Brand am
10. Januar das Parker Building in der vierten Avenue, in dem sich
mit vielen anderen die Office Tuckers befand, von Grund auf und
mit ihm sein ganzes Bücherlager, viele wertvolle Manuskripte
sowie sein gesamtes Setz- und Druckmaterial: ein Schaden, der,
soweit überhaupt berechenbar, von ihm selbst auf mindestens
zehntausend Dollar geschätzt wird, und ein Schlag für
unsere Sache, den ganz zu verwinden selbst der neuen Arbeit vieler
Jahre wohl nie ganz gelingen wird und der am härtesten von
uns allen in der Vernichtung fast der ganzen Auflage und aller
Platten der eben erschienenen, mit so unendlicher Sorgfalt in
langen Jahren vorbereiteten englischen Ausgabe des "Einzigen
und sein Eigentum" empfunden wird.
An eine Weiterführung der begonnenen Unternehmungen war einstweilen
nicht zu denken. Mein Manuskript, nur durch einen Zufall vor der
Vernichtung bewahrt, kam an mich zurück, und fast unverändert
gebe ich es nun für diese zweite Auflage in Druck.
Diese zweite Auflage ist bereichert durch die Forschungen der
letzten elf Jahre, die seit dem Erscheinen der ersten, 1898, verflossen
sind.
Ich habe lange geschwankt, wie ich die Ergebnisse dieser Forschungen
verwerten sollte. Zwei Wege lagen mir offen: sie in mein Buch
hineinzuarbeiten oder sie ihm in einer Nachschrift anzugliedern.
Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden. Denn der erstere
hätte nichts anderes bedeutet, als ein Niederreissen und
Wiederaufbauen ganzer Teile, ohne die Gewähr, der Konstruktion
des Gesamtbaus dadurch nicht zu schaden. Manches hätte ganz
fortbleiben und durch Neues ersetzt, wieder Anderes bis zur Unkenntlichkeit
ergänzt und umgemodelt werden müssen, und selbst wenn
ich die völlige Umarbeitung für das Richtigere gehalten
hätte, weiss ich nicht, ob mir nicht die Mittel der Zeit
und Lust zu einer so grossen Neuarbeit gefehlt hätten. So
entschloss ich mich denn statt für den Einbau für den
Ausbau: was sich an Ort und Stelle einfügen liess,
XIII
ohne dort störend zu wirken, erhielt an ihr seinen Platz,
wie auch natürlich die Verbesserung einiger kleinerer Irrtümer
an diesen selbst vorgenommen wurde. Aber für die hauptsächlichsten
und wichtigsten der neuen Funde hat der Leser den Text durch die
"Nachschrift" zu ergänzen, die diesem so streng
wie nur irgend möglich anzuschliessen ich bemüht war.
Die Aufnahme meines Buches war, ich will es nicht verhehlen, eine
letzte Enttäuschung für mich. Ich hatte erwartet, dass
diesmal der Name Stirner zu tieferer und ehrlicherer Betrachtung
zwingen müsse. Was indessen von der "Kritik" gegeben
wurde, war im grossen und ganzen nichts anderes als eine Ausschlachtung
des von mir Gefundenen, und nicht immer ist verstanden worden,
wenigstens richtig abzuschreiben. Eine Arbeit, die ernster Widerlegung
wert und würdig wäre, ist bisher nicht erschienen.
Dem Einwand, der gemacht wurde: den Wurzeln der Philosophie Stirners
nicht nachgegraben, nicht gezeigt zu haben, wer seine Vorläufer
in der Geschichte der Philosophie waren, sowie seinem Einfluss
bis auf unsere Tage nicht nachgegangen zu sein, entgegne ich,
dass ich keine Geschichte der Philosophie des Egoismus, sondern
eine Geschichte des Lebens Max Stirners schreiben wollte. Ich
bin kein Philosoph, und Arbeiten wie die geforderten liegen mir
völlig fern. Daher hätte nur die Kritik für mich
von Wert sein können, die mir zeigte, welche anderen Wege
ich hätte gehen müssen, um zu meinem Ziele zu gelangen.
Leider ist mir in dieser Beziehung von keiner Seite der Kritik
geholfen worden, und ich weiss daher nicht, wie ich meine Arbeit
anders hätte durchführen und gestalten sollen, als ich
es getan.
Dagegen hat mich die Hoffnung, die der eigentliche Antrieb zu
der ersten Veröffentlichung war: aus dem Kreis der Leser
selbst Hilfe zu erhalten, insofern nicht betrogen, als mir 1901
in Herrn Benedict Lachmann in Berlin ein Helfer entstand, wie
ich mir keinen besseren hätte wünschen können.
Selbst ein geborener Kulmer, glaubte er die verwischten Jugendspuren
Stirners in der alten Weichselstadt mit Erfolg weiter verfolgen
zu können, und seine mit ebensoviel Energie und Ausdauer
wie Umsicht betriebene, durch alte dortige Beziehungen glücklich
geförderte Arbeit wurde denn auch insoweit wenigstens von
Erfolg gekrönt, als sie nicht nur die Gründe aufdeckte,
aus denen Stirners Stiefvater seinen Aufenthalt nach Kulm verlegte,
sondern als schönstes Resultat die Erhellung der letzten
Lebensjahre Stirners zeitigte, wie sie endlich auch authentische
Nachricht über Krankheit und Tod der Mutter brachte. Es war
Herrn Lachmanns Wunsch, das von ihm Gefundene hier zuerst veröffentlicht
zu sehen, und ich danke ihm herzlich für die Art und Weise,
in der er mir sein gesamtes Material zur Verfügung gestellt
hat.
Seinen Bemühungen ist es auch gelungen, zu einer letzten
Persönlichkeit zu dringen, die Stirner noch von Angesicht
zu Angesicht gesehen hat: der Baronesse von der Goltz in Berlin.
Obwohl sie noch ein Kind war, als Stirner im Hause ihrer Mutter
gegen Ende seines Lebens verkehrte, sind ihre Erinnerungen an
ihn doch scharf und lebendig. Sie hat in liebenswürdiger
Weise die Richtigkeit des von mir gezeichneten Bildes bestätigt,
ihm aber neue Züge nicht einfügen können. Die Engels'sche
Zeichnung erklärt auch sie für durchaus unähnlich.
Endlich haben diese zehn Jahre zwei neue Funde von Arbeiten Stirners selbst gebracht. Der eine wurde von Herrn Dr. H. H. Houben gelegentlich seiner
XIV
Gutzkow-Forschungen gemacht und von Dr. Rudolf Steiner in seinem
"Magazin für Literatur" vom 17. Februar 1900 zuerst
wieder veröffentlicht. Es ist die Besprechung von Bruno Bauers
"Posaune des jüngsten Gerichts" und die erste nun
bekannte literarische Arbeit Stirners.
Der zweite glückte mir selbst. An einem Ort, wo ich es am
wenigsten vermutet hätte, in Friedrich von Bodenstedts, des
Mirza Schaffy Sängers: "Erinnerungen aus meinem Leben",
wurde ich, als ich mich zwei Jahre nach dem Erscheinen meines
Buches durch einen neuen Berg inzwischen aufgesammelter Literatur
frass, auf ihn aufmerksam gemacht. Bodenstedt erzählt dort,
wie er, 1848 als Hauptredakteur des "Journal des österreichischen
Lloyd" nach Triest verschlagen, in dem ihm "persönlich
ganz unbekannten Max Stirner" einen geschätzten Mitarbeiter
fand. Sofort angestellte Nachforschungen ergaben, dass das genannte
Journal sich nur noch in einem einzigen vollständigen Exemplar,
und zwar auf der Biblioteca civica in Triest selbst befand, von
dort aber unter keiner Bedingung ausgeliehen wurde. Eine Reise
nach Triest wurde mir aber erst gegen Ende 1904 möglich.
Ich fand dort an Ort und Stelle, im Jahrgang 1848 der genannten
Zeitung, acht Aufsätze, die unzweifelhaft aus der Feder Stirners
stammen, wenn auch keiner mit seinem Namen gezeichnet ist, die
ich abschrieb und zum ersten Mal wieder im Jahrgang 1908 der Berliner
Zeitschrift "Morgen" der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht habe.
Sollte für die von mir 1898 herausgegebenen kleineren Schriften
Stirners ("Max Stirners Kleinere Schriften und seine Entgegnungen
auf die Kritik seines Werkes: 'Der Einzige und sein Eigentum'.
Aus den Jahren 1842-1847") eine neue Auflage nötig werden,
was heute leider noch nicht der Fall ist, so werden diese Neufunde
in ihnen selbstverständlich ihren Platz finden.
Sind somit in dem Leben, das wir suchen, Lücken erfreulich
ausgefüllt, und konnte das Werk dieses Lebens vervollständigt
werden, so schien doch das seltsame Verhängnis, das meine
Arbeit zu einer an Enttäuschungen so reichen gemacht hat,
sie auch getreulich durch ein zweites Jahrzehnt begleiten zu wollen.
Frau Agathe Nalli-Rutenberg, die Tochter Adolf Rutenbergs, des
alten Freundes Stirners, mit der mich ein Zufall gleich nach dem
Erscheinen meines Buches in Rom zusammenführte, hat mir zwar
manches Interessante über das Leben ihres Vaters und seine
Zeit mitzuteilen, indessen meinen Schilderungen nichts eigentlich
Neues hinzuzufügen gewusst, und der schriftliche Nachlass
ihres Vaters ist verloren wie der Buhls.
Auch diesen, den Nachlass Ludwig Buhls, den wichtigsten von allen,
da er zugleich den Nachlass Stirners selbst und mit ihm gewiss
alle Arbeiten zum "Einzigen" enthalten haben soll, aufzustöbern,
wurde durch die freundliche und interessevolle Hilfe des Direktors
der deutschen Genossenschaftsbank in Berlin, Herrn E. Werners,
eines Vetters Buhls, ein letzter, leider ebenfalls fehlgeschlagener
Versuch gemacht, und auf die Auffindung der geistigen Hinterlassenschaft
Stirners muss nunmehr wohl endgültig verzichtet werden.
Selbst die Hoffnung, wenigstens die Niederschrift der "Geschichte
der Reaktion" noch zu finden, durfte ich nur kurze Zeit hegen.
Denn wenn es mir auch gelang, zu Frau Clementine Wolff, der Witwe
des 1900 zu Meran-Mais verstorbenen Verlagsbuchhändlers Sigismund
Wolff, in dessen Allgemeiner Deutscher Verlagsanstalt Stirners
zweites und letztes Werk erschien, zu gelangen, und wenn ich auch
XV
hier mit der grössten Bereitwilligkeit unterstützt wurde,
so liess sich doch nur feststellen, dass das gesuchte Manuskript
sich wahrscheinlich in einer Kiste befunden hat, die vor langen
Jahren auf einem Umzug verloren ging, und über deren Verlust
der Verstorbene "sich gar nicht beruhigen konnte, da sie
wichtige Papiere enthielt".
Endlich besitzt zwar Herr Carl Hippel, der Sohn des alten Hippel,
dieses treuesten Freundes der "Freien", ein Bild seines
Vaters, doch haben sich auch in dessen Nachlass die Geschäftsbücher
der alten Weinstube, die doch immerhin manches Interessante hätten
erzählen können, nicht mehr vorgefunden.
Auch zwei andere Persönlichkeiten, die mir genannt wurden:
der Dramatiker und Romanschriftsteller Karl von Heigel in Riva,
und Alexander Meyer, ein bekannter Berliner und Verfasser amüsanter
Erinnerungen "aus guter alter Zeit", beide seitdem verstorben,
die mit einzelnen Gliedern des Kreises der "Freien"
in Berührung standen, ohne jedoch Stirner selbst noch gekannt
zu haben, vermochten das von mir Gegebene nicht zu ergänzen.
Mit allen diesen aber zu den letzten, den verstecktesten Quellen
vorgedrungen zu sein, darf ich heute nicht mehr bezweifeln, und
wenn ich auch nie ermüden werde, jede, auch die unscheinbarste
der sich etwa noch zeigenden Spuren zu verfolgen, dürfen
doch neue und überraschende Entdeckungen wohl nicht mehr
erwartet werden....
Furchtbar sind die Lücken, die der Tod in die Reihen meiner
ersten Helfer aus den Jahren 1889-1897 gerissen hat. Noch während
der Drucklegung meines Buches 1897 starb der Antiquar Emanuel
Mai, und bei seinem Erscheinen im Frühjahr 1898 Dr. Ludwig
Ruge. Ihnen folgten noch in demselben Jahr Theodor Fontane, 1900
infolge eines Unglücksfalls Immanuel Schmidt, 1902 der prächtige
alte Alexander Kapp, 1903 Malwida von Meysenbug, 1904 der Nibelungen-Dichter
Wilhelm Jordan und im vergangenen Jahre Rudolf von Gottschall.
Nicht mehr unter den Lebenden weilen ferner Dr. Gustav Siegmund,
Guido Weiss, Paul von Szczepanski, sowie Dr. Albert Fränkel,
der mir nochmals nach der Übersendung meines Buches sein
grosses Interesse an dem Gegenstand in einem langen Briefe bekundet
hat. Auch die Witwe Karl Heinzens, die "Mutter Heinzen",
und die alten Herren Friedrich Beust und Henry Ulke hat der Tod
ereilt, so dass von zweiundzwanzig im Vorwort zur ersten Auflage
genannten Namen solcher, die mit Max Stirner einst in direkter
oder indirekter Verbindung gestanden haben und mir von ihm zu
melden wussten, heute nur noch vier am Leben sind. Wie recht hatte
ich, wenn ich damals sagte: "Noch zwanzig Jahre, und auch
die letzten persönlichen Erinnerungen wären unrettbar
verloren gewesen!"...
Jetzt, wo Marie Dähnhardt nicht mehr unter den Lebenden weilt,
wird mir auch von Herrn Meno Haas in London erlaubt zu sagen,
dass er es gewesen ist, der die ebenso freundliche wie vergebliche
Mühe der Vermittelung zwischen uns übernahm. Durch ihn
empfing sie ihre kleine Rente, so sah er sie alle Jahre einmal.
Herr Haas hat mich denn auch von ihrem Tode benachrichtigt. -
Der zweite von Marie Dähnhardts alten Freunden, Herr M. Lippner
in London, der mir von ihr erzählte, sah sie ebenfalls nie
mehr und ist im selben Jahre wie sie dahingegangen.
Heute darf ich auch sagen, wer Szeliga war. Unter dem Pseudonym
Szeliga schrieb in den vierziger Jahren der damalige junge Offizier,
spätere General der Infanterie Franz Zychlin von Zychlinski,
der 1900 in Berlin verstarb, eine sehr
XVI
bekannte Persönlichkeit. Er war ein alter Freund Fontanes, der in seiner gewohnten liebenswürdigen Art unsere Bekanntschaft vermittelte, die zwar zu einem interessanten Gespräch über die nachhegelianische Philosophie, leider aber zu keinen Resultaten in Bezug auf meine Forschungen führte, da Szeliga und Stirner nie zusammengetroffen waren. Das Schweigen, zu dem ich damals ausdrücklich verpflichtet wurde, darf ich heute, wo beide, der General und Fontane, nicht mehr leben, brechen.
Darauf hingewiesen sei endlich noch, dass die wichtigsten der
Briefe, die mir Hans von Bülow, der Unvergessliche, schrieb,
in dem achten und letzten Band der ausgezeichneten, von seiner
Witwe Marie von Bülow veranstalteten Ausgabe seiner "Briefe
und Schriften" ihren Platz gefunden haben.
Dem Wunsche, einer neuen Auflage die Quellen meiner Arbeit anzufügen, kann ich aus den bereits angeführten Gründen auch diesmal nicht entsprechen. Das gesamte, wohlgeordnete Material meiner Stirner-Forschung wird nach meinem Tode an das Britische Museum in London gehen, und zwar dorthin, weil es dann dort jedem - ohne die von den grossen staatlichen Bibliotheken des Kontinents beliebte Einmischung in seine Absichten und Zwecke - zur Verfügung stehen wird, zur Verfügung und zur Nachprüfung meiner Arbeit, die diese nicht zu scheuen hat.
Auch den Plan, dieser neuen Auflage ein Namen- und Sachregister
beizufügen, habe ich fallengelassen, da mir von verschiedenen
Seiten gesagt wurde, dass die übersichtliche Anordnung des
Stoffes ein solches vollkommen entbehrlich mache. Dagegen dürften
die neu hinzugekommenen drei Stammbäume, sowie eine Übersicht
der Stationen von Stirners Lebenswanderung für die leichtere
Auffindung mancher Daten und Namen nicht ohne Nutzen sein.
Zwölf Jahre sind nötig gewesen, um die erste Auflage
dieses Buches zu erschöpfen. Es steht nicht zu hoffen, dass,
nachdem das erste Interesse befriedigt und die erste Neugier gestillt
sind - sich diese zweite schneller verkaufen wird. Ich werde also
eine dritte kaum mehr erleben.
So habe ich denn hier nur noch Abschied zu nehmen von einer Arbeit,
die ich, was immer sie mir auch an Enttäuschungen und Mühen
gebracht hat, doch zu den köstlichsten Errungenschaften meines
Lebens zähle, und der das eine wenigstens niemand nehmen
kann: mit ihr einen Namen und ein Werk von unsterblicher und nicht
mehr anzweifelbarer Bedeutung herausgehoben zu haben aus der Nacht
der Vergessenheit in das Licht unserer und damit aller künftigen
Tage.
Aber wenn ich diese Arbeit hier gewissermassen nach aussen hin
abzuschliessen mich bescheiden muss, darf ich doch meine Bitte:
mir auch weiterhin in allem zu helfen, was etwa noch zu letzten
Ergänzungen führen könnte, und keinen Hinweis wie
keine Berichtigung, auch in Bezug auf das Vorliegende, ihrer scheinbaren
Bedeutungslosigkeit halber zu unterlassen (und sich dabei der
unten angegebenen Adresse bedienen zu wollen), in alter Dringlichkeit
bestehen lassen. Denn auch wenn es mir nicht mehr möglich
sein sollte, diese letzte Hilfe noch selbst zu verwerten, wird
sie nicht umsonst geleistet sein, sondern, dem bisherigen Material
angefügt und, wie oben gesagt, für jede fernere Forschung
sichergestellt, bestimmt eines Tages ihren Zweck erfüllen.
Berlin-Charlottenburg, im Frühjahr 1910
JOHN HENRY MACKAY
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EINLEITUNG
DIE GESCHICHTE MEINER ARBEIT
1889-1914
DIE WIEDERENTDECKUNG STIRNERS - AUFRUF - ERSTE ENTTÄUSCHUNG
- DREIFACHE SCHWIERIGKEITEN DER ARBEIT - HAUS UND GRAB IN BERLIN
- LANGSAMER FORTGANG UND STIRNERS WIEDERGEBURT - MARIE DÄHNHARDT
IN LONDON - DAS LEBEN MAX STIRNERS - DIE METHODE MEINER ARBEIT
- WIR UND ER - DAS JUBILÄUMSJAHR - WELTGANG - GEBURTSHAUS
IN BAYREUTH - LETZTER DANK - SCHLUSSWORT
Die Geschichte des Lebens MAX STIRNERS kann ohne Kenntnis ihrer
Entstehung unmöglich richtig verstanden werden; die Geschichte
meiner Arbeit zu erzählen, bin ich daher dem Leser nicht
minder als mir selbst schuldig.
Es war im Sommer des Jahres 1887, als ich, im Britischen Museum
in London in das Studium der sozialen Bewegung unseres Jahrhunderts
vergraben - (ich weiss es heute noch: es war in Langes "Geschichte
des Materialismus") - zum ersten Male den Namen Stirner und
den Titel seines Werkes las. Niemals vorher war er mir genannt
worden; nie hatte ich bis dahin von einem Werk dieser Art vernommen.
Obwohl die Notiz über ihn wenig besagte, schrieb ich mir
doch den eigentümlichen Titel des Buches auf; ich wollte
es mir gelegentlich verschaffen.
Das geschah aber erst ein gutes Jahr später. Ich war nie
wieder auf den Namen seines Verfassers gestossen. Jetzt las ich
es.
Von dem ungeheuren, unvergleichbaren Eindruck, den das Werk damals
wie seitdem bei jeder neuen Annäherung auf mich gemacht hat,
habe ich hier nicht zu sprechen. Genug dass, als ich den Lexiken
die ersten spärlichen und offenbar ungenauen Angaben über
das Leben des Verfassers entnahm und auch sonst nie und nirgends
authentische und ausführlichere Nachrichten, sondern nur
hier und da kurze und flüchtige Erwähnungen über
ihn fand, der Entschluss in mir feststand, einen Teil meiner eigenen
Lebensarbeit an die Erforschung dieses offenbar gänzlich
verschollenen Daseins zu setzen.
Ich erliess zunächst im Frühjahr 1889, und sodann im Herbst in umfassenderer Weise, meinen ersten Aufruf, den eine grosse Anzahl von Zeitungen aller Art überallhin bereitwilligst verbreiteten. In diesem Aufruf richtete ich an alle, die sich des Aufsehens, das
6
"Der Einzige und sein Eigentum" seinerzeit hervorgerufen,
noch erinnern und mit Max Stirner in nähere oder entferntere
Berührung gekommen sein sollten, die Bitte, mir aus ihren
Erinnerungen mitzuteilen, was sie noch über den vergessenen
Denker und seine Persönlichkeit wüssten. Vor allem bat
ich die Besitzer von Handschriften, Briefen und Bildern, mir solche
für eine kurze Zeit zur Verfügung zu stellen.
Sehr bald sollte ich mich überzeugen, dass die unternommene
Arbeit sich in Wirklichkeit noch weit schwieriger gestaltete,
als ich es bereits ahnte. Schon nach dem Einlaufen der ersten,
spärlichen Antworten war mir klar, dass einzig und allein
das sorgfältige Verfolgen jeder sich ergebenden Spur nach
allen Richtungen hin das Dickicht, in dem dieses Leben versteckt
lag, überhaupt zugänglich zu machen im Stande sei.
Nicht nur eine tiefe Entmutigung, sondern auch eine grosse Enttäuschung
ergriff mich, als ich, immer weiter und weiter vordringend, mehr
und mehr mich überzeugen musste, wie einfach und ereignislos
dieses Leben sich abgespielt hatte. Ich hatte etwas Ausserordentliches
in ihm erwartet und fand es nicht! . . . Musste ein so grosses
Leben nicht auch reich an äusseren, grossen Erlebnissen gewesen
sein? - Noch verstand ich es nicht.
Aber als ich mit jedem Jahr tiefer und tiefer in die Lehre des
Werkes und damit in die Erkenntnis des Lebens der Menschen drang,
da erfasste mich die Beschämung über die eigene Torheit
und ich erkannte, dass dieses Leben nicht anders hätte sein
können, als es gewesen war, und ich suchte nicht mehr nach
neuen und überraschenden Betätigungen in ihm, sondern
seine Lücken in stiller Arbeit zu füllen.
Heute weiss ich, dass Stirners Leben, weit entfernt, im Gegensatz
zu seiner grossen Tat zu stehen, vielmehr der klare und schlichte
Ausdruck ihrer letzten Lehre war, mit Notwendigkeit sich aus ihr
ergebend und ohne jeden äusseren noch inneren Widerspruch
. . . Ein Egoist, der wusste, dass er es war!
7
Drei Ursachen haben vor allem dazu beigetragen, die Persönlichkeit
Stirners den Augen der Mit- und Nachwelt so völlig zu entziehen:
Die erste beruht in der grossen Zurückgezogenheit und Stille,
in der er - mit Ausnahme weniger Jahre - die Zeit seines Lebens
verbrachte.
Die zweite ist in dem enormen Umschlag zu suchen, den das Jahr
1848 in dem öffentlichen Leben Deutschlands bezeichnet, und
dessen Eintreten eine nicht minder grosse Veränderung in
dem Leben fast aller damals die Spitze des Radikalismus bildenden
Persönlichkeiten bedeutet.
Der dritte Grund liegt in dem eigentümlich verschlossenen
Charakter Stirners, der einesteils keine eigenen Mitteilungen
über sein Leben zeitigte, andernteils keine jener intimen
Freundschaften, aus denen etwa zur Zeit seines kurzen Ruhmes persönliche
Aufzeichnungen an ihn so leicht hätten hervorgehen können.
Zusammen mit anderen Zufälligkeiten, die ich teils im Vorwort
streifte, teils noch erzählen werde, haben diese Ursachen
meine Arbeit zu einer aussergewöhnlich mühevollen gemacht,
und ich darf wohl sagen, dass jede einzelne Tatsache des biographischen
Materials - Stück um Stück - aus dem Schutt der Jahre
wieder hervorgegraben werden musste.
Jedenfalls war es die höchste Zeit: noch zwanzig Jahre, und
auch die letzten persönlichen Erinnerungen an Max Stirner
und seine Zeit wären unrettbar verloren gewesen.
Wenn auch andere, eigene Arbeiten meine Forschungen oft unterbrachen,
ich verlor mein Ziel doch nie aus den Augen, und langsam, ganz
langsam fügte sich ein Fund an den anderen, um einen weiteren
Stein abzugeben für den ersehnten Wiederbau.
Das Grab, der Erde gleich, wurde wieder gefunden, ebenso das Haus,
in dem Stirner die letzten Jahre seines Lebens gewohnt; ersteres,
von völliger Vernichtung bedroht, wurde auf weitere dreissig
Jahre erworben. Und so fand sich eines nach dem anderen.
Anfang 1892 ging ich nach langjähriger Abwesenheit wieder
nach Berlin, von dem Wunsche getrieben, an Ort und Stelle selbst
8
weitere Nachforschungen zu betreiben und sie womöglich zum
baldigen Abschluss zu bringen. Ich erliess die Bekanntmachung,
dass ich gesonnen sei, an dem Haus, in dem Stirner zuletzt gelebt
und in dem er gestorben war, eine Gedenktafel und auf seinem Grab
eine Grabplatte anzubringen, "damit nicht auch diese äusseren
Spuren seines grossen Lebens von der Zeit gänzlich verwischt
würden". Der Vorschlag fand die denkbar gleichgültigste
Aufnahme. Mag es mir an dieser Stelle auf manche irrtümliche
Auffassung meines Vorhabens hin erlaubt sein zu bemerken, dass
nicht sentimentale Pietät, sondern die Erwägung, auch
auf solche Weise für das Andenken des Vergessenen propagandistisch
nützlich wirken zu können, mich zu meinem Entschluss
veranlasste.
Es war kein anderer als Hans von Bülow, der meinen Plan mit
seinem schon so oft bewiesenen leidenschaftlichen Interesse an
allem, was verkannt war, unterstützte: er hatte Stirner noch
persönlich gekannt, war von jeher ein begeisterter Bewunderer
seines Werkes gewesen und tat nun alles, was er vermochte, um
der Idee zur Wirklichkeit zu verhelfen. Unser Verkehr in jenen
mir unvergesslichen Tagen gab denn auch Veranlassung zu der Erwähnung
Stirners in seiner merkwürdigen Rede, in der er Ende März
in der Philharmonie Beethovens Eroica an den Fürsten Bismarck
umwidmete.
Am 14. Mai fand an dem Hause NW., Philippstrasse 19 die Errichtung
der Gedenktafel statt, die in vergoldeten Lettern die Inschrift
trägt:
Als sie erfolgte, war mir noch nicht bekannt, dass Stirner nie
Dr. gewesen war.
9
Sollte sich daher jemals die Gelegenheit bieten, die Tafel durch
eine andere zu ersetzen (die dann der leichteren Lesbarkeit der
Inschrift wegen besser in schwarzem, statt in hellem Granit ausgeführt
würde), so müsste in der Inschrift die Zeile:
geändert werden.
Die Aufstellung der Grabplatte war mit grösseren Schwierigkeiten
verknüpft. Die Grösse der einzigen für die Erwerbung
in Frage kommenden Granitplatte - ein eines kleinen, kaum sichtbaren
Fehlers wegen sehr billiger Gelegenheitskauf - überstieg
nämlich um etwas die vorgeschriebenen Masse, so dass die
Platte, nachdem ein Gesuch um Erlaubnis zur Aufstellung von dem
Gemeindekirchenrat abschlägig beschieden worden war, auf
1,75x 0,95 Meter verkleinert werden musste. Das alles erforderte
fast zwei Monate, und erst am 7. Juli konnte die Aufstellung endlich
erfolgen. Die Platte trägt als einzige Aufschrift den Namen
»MAX STIRNER« in grossen, goldenen Lettern.
Wer das Grab heute aufsuchen will, findet es am besten, wenn er,
nachdem er den Sophienkirchhof von der Bergstrasse 32 aus betreten,
die alte Abteilung, sich immer links an der Wand haltend, durchschreitet,
worauf er nach Erreichung der neuen rechts auf die - jetzt dicht
von neuen Gräbern umgebene - mächtige Granitplatte stossen
wird.
Beide Arbeiten wurden durch liebenswürdige Vermittlung in
der Werkstatt des Herrn Hofsteinmetzmeisters Schilling in Berlin
ausgeführt, der mir auch bei der Herabsetzung der Kosten
in dankenswerter Weise entgegenkam.
Die Ausgaben für Tafel und Platte wurden mit 469 Mark bestritten;
das Ergebnis der Sammlung, zum grössten Teil durch Bülows
Eintreten erzielt, hatte 438 Mark betragen.
Über alles erstattete ich jedem Beteiligten den ausführlichsten
Bericht. - Einmal und nie wieder! - sagte ich mir dann.
10
Unterdessen hatte Stirner eine Art Wiedergeburt erlebt. Diese
äusseren Arbeiten, die seinen Namen oft in die Presse brachten,
die Widmung meiner Gedichte "Sturm" und der Hinweis
auf ihn in der Einleitung der "Anarchisten", vor allem
auch der grosse Einfluss, den Friedrich Nietzsche täglich
mehr besonders auf die junge Generation ausübte, hatten die
Aufmerksamkeit seinem Buche zugelenkt, das wieder viel gelesen,
häufig erwähnt und nun auch durch eine billige Ausgabe
in der Reclam'schen Universal-Bibliothek den weitesten Kreisen
zugänglich gemacht wurde.
Trotzdem konnte ich mich noch nicht entschliessen, mit meiner
Arbeit an die Öffentlichkeit zu treten. Immer schien es mir,
als müsste ein Zufall noch die eine und andere Lücke
in dem gesuchten Leben ausmerzen - eine Hoffnung, die sich wenigstens
in einem Falle auch erfüllte -, und so setzte ich allen Aufforderungen
und Anerbietungen, die nach meiner Arbeit zielten, die entschiedenste
Absage entgegen. Die Berechtigung dieser Zurückhaltung wird
mir nun, wie ich hoffe, wohl zugestanden werden.
Dennoch nahte meine Arbeit, langsam aber sicher, ihrem endlichen
Abschluss.
Da - ich dachte im Ernst daran, nun die Sammlung des Materials
zu schliessen und mit seiner Ausarbeitung zu beginnen, da, in
letzter Stunde, schien es, als sollte der so lange vergeblich
ersehnte Zufall überraschende Wirklichkeit werden, als sollte
sich eine Quelle erschliessen, so reich, um in einem Augenblick
die Mühe von Jahren vergessen zu machen . . .
Eine Nachricht erreichte mich zu Anfang dieses Jahres, 1897, die
mich auf das tiefste erregte : Marie Dähnhardt, die seit
Jahrzehnten Verschollene, die längst Totgeglaubte, war noch
am Leben! - Mir war wie dem Goldgräber, der so lange nur
Körner gefunden und nun plötzlich vor der reichsten
Ader steht!
Unverzüglich eilte ich nach London, wo sie noch leben sollte.
- Damit indessen der Leser das folgende versteht, muss ich ihn
bitten, sich hier zunächst mit Marie Dähnhardt und ihrem
Lebensgang nach der Trennung von Stirner bekannt zu machen, wie
er
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im letzten Kapitel dieses Buches geschildert ist, vor allem auch
mit der gänzlichen Umwandlung ihrer Anschauungen, die allein
das folgende, wenn nicht begreiflich, so doch erklärlich
machen können.
Dass ich nicht mit offenen Armen aufgenommen werden, vielleicht
sogar auf ernste Schwierigkeiten stossen würde, wusste ich;
dass ich fast resultatlos wieder nach Berlin zurückkehren
sollte, das hätte ich nie erwartet!
Denn ein völlig Unerwartetes geschah: Marie Dähnhardt,
von meinem Wunsche, sie zu sprechen, in Kenntnis gesetzt und ausführlich
unterrichtet über den Grund und die Berechtigung desselben,
die ich mir erworben zu haben glaubte, lehnte es erregt ab, mich
überhaupt zu sehen und zu sprechen.
Wie sie dazu käme, fragte sie durch ihren Vermittler, "zur
Zeugin für das Leben eines Mannes aufgerufen zu werden, den
sie je weder geliebt noch geachtet habe?"
Auf das höchste überrascht und verletzt, wurde mir diese
Bitterkeit erst einigermassen verständlich, als ich von der
durchgreifenden Umwandlung Kenntnis erhielt, die in ihren Anschauungen
seit Jahren eingetreten war, von dem Leben, das sie seit ihrer
Trennung von ihrem Mann geführt hatte und noch führte.
Dennoch wollte ich meine Sache noch nicht ganz verloren geben.
Ich wandte mich nochmals in einem Brief an sie: ich stellte ihr
die jahrelange und verhältnismässig so wenig ergebnisreiche
Mühe meiner Arbeit dar; ich versicherte ihr, wie fern es
mir bei aller Bewunderung und Liebe für Stirner läge,
ein irgendwie schöngefärbtes Bild seiner Persönlichkeit
zu geben, sondern wie es mir einzig und allein darauf ankäme,
die Wahrheit über sein Leben zu finden; ich legte ihr nahe,
zu erwägen, wie viel sie nützen könne, ohne irgendeinem
Menschen zu schaden; ich wiederholte nicht einmal mein Ersuchen,
sie sehen und sprechen zu dürfen, ich bat sie nur, mir wenigstens
auf einige schriftlich gestellte Fragen (die ich beilegte) Antwort
zu geben.
Nach dem, was ich unterdessen in Erfahrung gebracht, war ich sogar
auf die Ablehnung auch dieser letzten Bitte gefasst.
Aber Frau Schmidt hat meine Fragen - zum Teil - beantwortet. Obwohl
sie mir in ihnen weder neue Tatsachen noch
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auch Quellen irgendeiner Art erschloss, - das meiste war von ihr
"forgotten", - so waren ihre Antworten für mich
doch von grossem Wert, und sie sind in meinem Buch, wie jede andere
Mitteilung, nur mit womöglich noch grösserer Gewissenhaftigkeit
verwertet worden - soweit es dort möglich war.
Denn was sollte ich tun? - Sollte ich das neue Bild, wie es so
plötzlich vor mir auftauchte, an die Stelle des alten setzen,
wie es sich von selbst, Zug für Zug, ohne Widerspruch aus
den Zeugnissen so vieler anderer entwickelt hatte? - Oder sollte
ich dieses bestehen lassen, wie es war? - Ich entschied mich für
das letztere, aber zugleich dafür, keinen einzigen von Marie
Dähnhardts Vorwürfen, keine ihrer herben Anklagen zu
unterdrücken. So ist es geschehen.
Nur zwei ihrer Antworten seien an dieser Stelle erwähnt.
In der einen sagt sie, dass Stirner zu selbstisch gewesen sei,
um wahre Freunde zu haben - es ist nicht nötig, auf diesen
Punkt näher einzugehen, als es späterhin geschehen ist.
In der zweiten findet sie auf die Frage nach Stirners Charakter
nur den einen Ausdruck: er war "very sly". Ich überlasse
es dem Leser, ihn sich selbst zu übersetzen.
Die herbe Bitterkeit dieser und der anderen Antworten, die übrigens
nur zum Teil und dann meist sehr unvollständig gegeben waren,
ist durch kein gutes Wort gemildert.
An den Schluss des Bogens schrieb Frau Schmidt die Zeilen, die
ich im Anhang in ihrer eigenen Handschrift wiedergebe. Nach dieser
Erklärung verbot sich jeder weitere Versuch einer Annäherung,
auch wenn er überhaupt im Bereiche der Möglichkeit gelegen
hätte, von selbst.
Ich bestreite ihr nicht das Recht ihrer Handlungsweise.
Wenn sie aber sagt, sie habe Stirner "je weder geachtet,
noch geliebt", so wird gewiss ebenso die Frage berechtigt
erscheinen, aus welchem Grunde sie ihn denn geheiratet hat, wozu
sie doch gewiss kein Mensch gezwungen, oder auch nur überredet
hat?
Nichts wäre erwünschter gewesen, als dass das Erscheinen
meiner Biographie sie von ihrem Entschluss des Schweigens abgebracht
und sie veranlasst hätte, sich, ehe es zu spät war,
nochmals und eingehender über ihr Verhältnis zu dem
Toten zu äussern. Sie hat es nicht getan.
Eines steht über allem Zweifel: sie hat ihren Mann nie verstanden.
Ob sie das Werk, das er ihr gewidmet, jemals wirklich recht gelesen
hat? - Man möchte es bezweifeln, wenn man sieht, wie keine
Erinnerung an seine grossen Wahrheiten sie davon zurückhalten
konnte, in die Nacht zurückzusinken, aus der sie sich in
ihrer Jugend zu retten suchte. Hätte nicht jene eine schon
sie zur Besinnung bringen müssen? -: "Nenne die Menschen
nicht Sünder, so sind sie's nicht: Du allein bist der Schöpfer
der Sünder: Du, der Du die Menschen zu lieben wähnst,
Du gerade wirfst sie in den Kot der Sünde .... Ich aber sage
Dir, Du hast niemals einen Sünder gesehen, Du hast ihn nur
- geträumt."
Ihr Ohr hat die Worte wohl vernommen, ihr Herz hat vielleicht
einmal bei ihnen etwas schneller geschlagen, aber ihr Verstand
hat sie nie begriffen, und nie sind sie Fleisch und Blut geworden
in ihrem Handeln. Darum konnte sie sie vergessen bis auf den letzten
Hauch.
Und er? - Wie konnte er sich so über die Grenzen ihrer Intelligenz,
die Stärke ihrer Fähigkeiten täuschen, dass er
ihren kleinen Namen neben den seinen vor die Blicke der Jahrhunderte
stellte? - War es eine Laune? - ein Spiel? - der Einfall einer
Stunde? - Oder glaubte er wirklich damals noch, sie sei stark
genug, um ihm zu folgen durch die kalten und starren Regionen
zur höchsten Höhe?
Ich weiss es nicht. Aber keine künftige Ausgabe seines Werkes
sollte neben dem seinen den Namen Marie Dähnhardt mehr tragen.
Anfang 1902 kam dann die Nachricht von ihrem Tod. Es konnte mich
nicht mehr enttäuschen, dass sich in ihrem Nachlass auch
nicht das geringste gefunden hat, was auf ihre an Stirners Seite
verlebte Zeit Bezug gehabt hätte.
Mein Buch ist ihr zugestellt worden. Sie hat es nicht gelesen,
wahrscheinlich nicht einmal geöffnet, und zurückgesandt
mit der Bemerkung, "dass weltliche Dinge sie nicht mehr berührten".
Ihr Bild steht wohl unverrückbar fest: ein Mensch der bürgerlich
engen Kreise, aus ihnen herausgerissen nicht durch irgendwelche
fremde Schuld (am wenigsten durch die Stirners), sondern
14
durch die in ihr schlummernde und durch die Zeitverhältnisse
genährte Sehnsucht nach innerer und äusserer Befreiung,
und, allzu schwach die erworbene für sich zu verwerten, zurückgekehrt
in die dunkeln Tiefen des Glaubens und Aberglaubens - ein trauriges
Bild, kein tragisches.
Es ist gewiss ein Unterfangen gewesen, das Leben eines Mannes
schildern zu wollen, das so in die Schatten der Vergessenheit
gehüllt war, und manche werden es noch so nennen. Aber wenn
der Mut einer Entschuldigung bedarf, so gibt sie ihm in diesem
Fall die Liebe zur Sache. Ohne diese Liebe allerdings würde
der Mut nur Vermessenheit gewesen sein; ohne diese Liebe würde
aber auch nie erreicht worden sein, was heute vor uns liegt. Und
darum hätte diese Arbeit auch kein anderer tun können.
Das Leben Max Stirners gliedert sich von selbst in drei
Perioden, trivial gesprochen in: Aufstieg, Höhe, Niedergang.
Die erste umfasst seine Jugend und sein Leben bis zur Beendigung
seiner Lehrtätigkeit (1806-1844); die zweite die Jahre, die
in dem Erscheinen seines Werkes gipfeln (1844-1846); die dritte
die Zeit der Vergessenheit und Verlassenheit bis zu seinem Tod
(1846-1856).
Ich habe indessen meinem Buche in Bezug auf die beiden ersten
Teile eine breitere, übersichtlichere Einteilung geben müssen.
Ich teilte die erste Periode und liess auf die Schilderung der
ersten Jugend die der Lern- und Lehrtätigkeit folgen, wobei
ich, um in dem ersten Kapitel in Bayreuth zu bleiben, die Gymnasialzeit
noch mit in dieses hineinnahm. Da dieses erste Kapitel sich auf
die äusseren Daten stützt und diese fast vollzählig
wiedergefunden sind, so glaube ich nicht, dass es noch in irgendwie
wichtiger Weise in Zukunft vervollständigt werden wird. -
Kaum anders ist es mit dem zweiten. War es möglich, die Zeit
des Universitätsstudiums, die des Examens und der ersten
provisorischen Anstellung, sowie die Daten der ersten Ehe und
der Tätigkeit als Mädchenlehrer auf das genaueste festzustellen,
so finden sich in diesem Lebensabschnitt doch zwei dunkle Punkte,
von denen besonders der zweite beunruhigt. Der erste liegt in
den Jahren 1830-32,
15
in denen Stirner immer wieder am Abschluss seiner akademischen
Studien gehindert wird. Aber welcher Art sind die Familienverhältnisse,
die ihn hemmen? - Wohl wissen wir, dass von diesen Jahren eines
auf Kulm, das andere auf Königsberg fällt. Aber welches
hierhin, welches dorthin? - Die zweite Lücke klafft in den
Jahren 1837-1839. Stirners Gesuch um Anstellung nach bestandenem
Examen und abgelegter Probezeit ist abschlägig beschieden.
Wir wissen, wann er sich zum ersten Mal verheiratete. Aber wenn
wir nicht annehmen, dass er in diesen Jahren privatisierte, sind
wir über seine Tätigkeit in dieser kurzen Zeit in Unkenntnis.
Auch von seinen Familienverhältnissen wissen wir kaum mehr
als vorher.
Ein völlig anderes Bild bilden die beiden Jahre der zweiten
Periode. Der Mensch selbst, den wir suchen, gewinnt Leben und
Gestalt. Wir wissen, wie er lebt und sehen ihn unter anderen.
Mit Recht und aus mehr als einem Grund interessieren uns diese
"Anderen"; und da sie einen grossen, geschlossenen Kreis
um ihn herum bilden, so ist ihnen ein besonderes Kapitel gewidmet:
den "Freien" bei Hippel. Wären doch ohne sie auch
die letzten persönlichen Erinnerungen an den Menschen Stirner
verloren gewesen! - Umsomehr durfte ich auf eine Darstellung der
Geschichte jener Zeit verzichten: Stirner hat, obwohl er ihr Kind
war, an ihrem öffentlichen Leben nicht teilgenommen und nie
in ihren Verlauf tätig eingegriffen.
Durch die "Freien" sind wir ihm endlich nahe gekommen
und dürfen sagen, wer er war: Max Stirner. Er steht vor uns:
noch immer in der ihm eigenen Zurückhaltung, aber doch greifbar;
und neben ihm sie, sein Liebchen, Marie Dähnhardt.
Und von ihm zu seinem Werk ist es kein Schritt mehr. Es ist der
Versuch gemacht, zu verstehen, worin seine Kraft und seine Bedeutung,
seine Unsterblichkeit liegt - mehr als alles nur ein Versuch,
der über bestimmte Grenzen nicht hinausgehen durfte.
Die dritte Periode und das letzte Kapitel des Buches fallen zusammen.
Es ist das letzte Jahrzehnt dieses Lebens, das merkwürdigste
und - undurchdringlichste. Die lebende Gestalt entschwindet uns.
Es ist, als ob sich die Schatten des Abends bereits um sie breiten
und nur undeutlich erkennen wir noch ihre Umrisse,
16
obwohl wir genau wissen, wo sie geht. Stirners Familie ist ausgestorben,
seine Mutter längst unheilbar krank, von seinen Freunden
hat er sich selbst getrennt - wer wüsste noch Zeugnis zu
geben über den von seiner eigenen Zeit bereits Vergessenen?
Er ist gegangen, und nichts hat er hinterlassen, als sein unsterbliches
Werk. Wir haben kein Bild von ihm; es hat wohl nie ein solches
existiert, denn selbst Marie Dähnhardt hat weder je eines
gesehen noch besessen. Sein schriftlicher Nachlass ist verloren
und vernichtet, soweit ich es weiss.
Noch ein Wort über die Methode meiner Arbeit.
Sie bestand zunächst in der Auffindung und Sammlung des Materials.
Und zwar musste nicht nur den Spuren des Gesuchten, sowie jeder
anderen, die auch nur den Schimmer einer Hoffnung liess, dass
sie auf einen Weg führen könne, nachgegangen werden
bis in den letzten erreichbaren Winkel, sondern es musste auch
die Literatur jener Zeit aufs Geratewohl durchsucht werden, um
auf Anhaltspunkte zu stossen. Dass dies letztere - bei ihrer verhältnismässigen
Erfolglosigkeit der ermüdendste Teil der Arbeit - nicht nach
jeder Richtung hin geschehen konnte, ist selbstverständlich,
und es ist darum nicht unwahrscheinlich, dass andere, die sich
zu ähnlichem Zwecke ebenfalls durch diese Massen von Staub
und Papier durchwinden müssen, hier und da noch auf den Namen
"Stirner" stossen werden, wenn auch schwerlich mehr
unter Arbeiten, die von ihm selbst herrühren. Gerade diesen
sei nochmals die Bitte des Vorworts hier wiederholt.
Der zweite, angenehmere Teil der Arbeit war die Sichtung und Ausarbeitung
des gewonnenen Materials. Das Falsche musste von dem Wahren, das
Unwichtige von dem Wichtigen getrennt werden, und vor allem eine
Form gefunden werden, um das Buch wenigstens einigermassen lesbar
zu machen, ohne der Wahrheit das geringste zu vergeben.
Ich schwankte lange, ob ich den Ergebnissen meiner Forschung sogenannte
"Quellenangaben" beifügen sollte. Ich habe es unterlassen.
Denn erstens glaube ich nicht, dass die Gründlichkeit einer
17
Arbeit durch solche ad oculos demonstriert werden muss,
und zweitens hätten diese unzähligen, den Text unterbrechenden
und seine Seiten ungebührlich belastenden Anmerkungen die
Lesbarkeit des Buches einfach in Frage gestellt. Durch Seiten
hätte nicht nur jeder Satz, sondern oft jedes Wort in einem
Satze mit einer solchen "Anmerkung" belegt werden müssen,
und der Umfang des Buches hätte sich fast verdoppelt. Diese
Anmerkungen aber in einem neuen "Anhang" zu geben, hätte
mich zwingen heissen, den Text in unschöner Weise mit endlosen
Zahlen zu durchbrechen.
Trotzdem, denke ich, wird man mir "auf mein Wort hin"
glauben und der Versicherung, dass alle Daten und Tatsachen so
zuverlässig sind, als äusserste Sorgfalt sie nur festzustellen
vermochte. Der Phantasie ist nirgends, der Vermutung nur selten
und vorsichtig Ausdruck gegeben, denn besser schien es mir, offene
Lücken zu lassen, als sie künstlich zu füllen und
so die Wahrheit des Bildes zu beeinträchtigen. Es waren überall
nur Einzelheiten, die ich benutzen konnte; bei vielen musste die
Quelle, woher sie kamen, geprüft werden. Wo ich einen Ausdruck
direkt übernommen habe, derselbe mir aber so charakteristisch
erschien, dass ich ihn als Eigentum seines Urhebers bezeichnen
wollte, habe ich dies getan, indem ich ihn in Anführungszeichen
setzte. So kann ich denn für jede Tatsache den Beweis antreten
und werde es tun, sowie in der Öffentlichkeit Zweifel von
einer Seite her erhoben werden sollten, die mir dazu berechtigt
erscheint. Auf alle anderen Angriffe indessen werde ich in gewohnter
Weise schweigen.
Wem die vielen Einzelheiten, z.B. die Aufzählung der vielen
Namen im dritten, der Wohnungen Stirners im vierten und sechsten
Kapitel und andere überflüssig und lächerlich erscheinen,
der möge sich erinnern, dass ich gerade von ihrer Bekanntmachung
die Ausfüllung noch mancher leeren Stelle erhoffe und sie
als ein zwar uninteressantes, aber vielleicht nützliches
Mittel zum Zwecke mit voller Absichtlichkeit verwandt habe. Gerade
solche Einzelheiten waren es, die mich in konsequenter Befolgung
meiner vorgefassten Methode zu den Resultaten ermöglicht
haben, die ich erzielte.
18
Weit den Rahmen dieses Buches würde es überschreiten,
und ganz ausserhalb meiner Absicht liegt es, den Einfluss der
Weltanschauung Max Stirners bis in unsere Zeit zu verfolgen und
sich mit seiner wiedererrungenen Stellung in ihr zu beschäftigen.
Es sind Arbeiten, die ohne Zweifel eines Tages getan werden müssen
und geschehen werden, wenn auch nicht von mir.
Die erstere wird ausserordentlich schwierig sein. Mit voller Klarheit
und Unverkennbarkeit wird der Einfluss Stirners sich nur bei denen
nachweisen lassen, die seine Lehre des Egoismus zu der ihren gemacht
haben und sie nach allen Richtungen hin erweitern, vor allem,
indem sie zeigen, in welchem schneidenden Zwiespalt diese Lehre
der Selbstherrlichkeit des Individuums zu allen Staatstheorien,
einerlei, welche Form diese in der Neuzeit angenommen haben, stehen.
Nicht, dass Stirner auch nur eine seiner Ideen nicht selbst bis
zu ihrem Endpunkte geführt hätte. Aber er musste in
seinen direkten Angriffen vorsichtig sein, wollte er sein Werk
nicht selbst zerstören. Die es weiterführen, sind die
individualistischen Anarchisten der Welt. Nicht in der Zahl, sondern
in der Bedeutung ihrer Anhänger liegt ihre Macht. Mit ihren
Bestrebungen müsste sich also zunächst die ersterwähnte
Arbeit näher und viel gründlicher beschäftigen,
als man es bisher für nötig befunden hat.
Noch weniger konnte mir der Gedanke kommen, auf die Handvoll Artikel
einzugehen, welche die letzten Jahrzehnte gezeitigt haben. Ihre
Verfasser haben Stirner kaum mehr Verständnis entgegengebracht,
als die Kritiker der vierziger Jahre. Eine Arbeit, die ernsthafter
Erwähnung wert wäre, ist kaum unter ihnen. Am besten
sind noch die Aufsätze, die sich auf die Wiedergabe der Stirner'schen
Weltanschauung beschränken, ohne eigene Betrachtungen an
sie zu knüpfen.
Sie alle gehen mehr oder weniger direkt von Friedrich Nietzsche
aus. Keiner kann den trotzigen Mut dieses Denkers, seine stolze
Verachtung aller hergebrachten Autorität, die zeitweilige
Gewalt seiner Sprache mehr bewundern als ich, aber diesen ewig
schwankenden, sich immer aufs neue widersprechenden, von Wahrheit
fast hilflos zu Irrtum taumelnden, verworrenen Geist vergleichen
zu wollen mit dem tiefen, klaren, ruhigen und überlegenen
19
Genie Stirners, das ist eine Absurdität, nicht wert ernstlicher
Widerlegung. Sie ist möglich eben nur in einer Zeit wie der
unseren, die in gieriger Hast nach allem greift, was sich ihrer
unklaren Zukunftssehnsucht bietet. Ich habe die Beobachtung gemacht,
dass die meisten Nietzsche-Schwärmer mit einer Art kühler
und höchst komischer Überlegenheit von Stirner sprechen:
sie trauen sich nicht recht an diesen Riesen heran und fürchten
sich heimlich vor seiner starren Logik. Bei Nietzsche brauchen
sie weniger zu denken: sie lullen sich in seine Sprache ein, während
der rechte Nietzsche ihnen meist fremd bleibt. Aber es lockt die
Zwerge, mit blechernen Kronen zu spielen. Lassen wir sie weiter
spielen. Das Fieber der Nietzsche-Krankheit ist bereits im Fallen.
Eines Tages wird sich auch der "Übermensch" an
der Einzigkeit des Ich zerschmettert haben.
Ob Nietzsche Stirner kannte und wie weit er durch ihn beeinflusst
wurde, ist eine immer wieder von neuem, selbst in einer eigenen
Schrift von Albert Lévy, erörterte Frage, die sich
aber jetzt durch die aus dem Nachlass von Franz Overbeck in der
"Neuen Rundschau" vom Februar 1906 veröffentlichten
Erinnerungen für jeden Unvoreingenommenen zweifellos dahin
beantwortet hat, dass Nietzsche den "Einzigen" kannte
und die erdrückende Wucht seines Einflusses scheu in sich
barg, bis er sich von ihr in eigenem Schaffen zu befreien vermochte.
Auch die alten Jünger und Freunde Feuerbachs - Rau, Bolin,
Duboc - bemühen sich immer noch von Zeit zu Zeit, ihren geliebten
Meister vor Stirner in Sicherheit zu bringen und die Blössen
zu verdecken, die er sich selbst gegeben hat. Es ist ein nutzloses
Bemühen. Der Feuerbach'sche Mensch ist längst verschieden.
Noch einige Bemerkungen, zu denen ich mich genötigt sehe.
Wenn der Philosoph Eduard von Hartmann den Anspruch erhoben hat,
der "Wiederentdecker" Stirners gewesen zu sein, so genügt
es vollkommen, auf das hinzuweisen, was er in seiner "Phänomenologie
des sittlichen Bewusstseins" und seiner "Philosophie
des Unbewussten" über ihn gesagt hat. Nicht das hat
Stirner aus seiner Vergessenheit gezogen. Eine neuere, flüchtige
Anerkennung Stirners durch Hartmann in einem Aufsatz der "Preussischen
Jahrbücher" vom
20
Mai 1891 über Nietzsches "neue Moral" aber stammt
aus der Zeit, als mein Eintreten für Stirner bereits seine
ersten Früchte getragen hatte.
Stirner und sein Werk waren bis 1888 völlig, aber auch völlig
vergessen, und sie wären es vielleicht noch heute, wenn ich
mich nicht mit der Kraft meines halben Lebens für ihn eingesetzt
hätte. Behauptungen, wie die gekennzeichneten, sind also
nichts als dreiste und hässliche Fälschungen der Tatsachen,
die zurückzuweisen ich mich endlich um so mehr genötigt
sehe, als sie einen systematischen Zweck zu verfolgen scheinen:
man scheint es offenbar nicht verwinden zu können, dass Stirner
seine Wiedergeburt nicht einem zünftigen Philosophen verdankte.
Eine Zurückweisung anderer Art gebührt der ungeschickten
Reklame des Verlegers eines 1895 in Dresden erschienenen Romans:
"Feuersäule" von Leo Hildeck (Leonie Meyerhof),
die den Anschein erwecken könnte, als sei in der Person und
der Laufbahn des Helden dieses Buches das "Erdenwallen Stirners"
geschildert.
Nicht unerwähnt kann ich auch die "kurze Einführung"
lassen, die ein Herr Paul Lauterbach der Reclam'schen Ausgabe
des "Einzigen und sein Eigentum" vorausgesandt hat.
Die willkürliche Heranziehung aller möglichen "verwandten"
Denker und die kritiklosen Zitate aus ihren Werken können
einzig mehr schaden als nützen, und die so geschaffene Verwirrung
bleibt um so bedauerlicher, als gerade diese Ausgabe wohl auf
lange hinaus für weitere Kreise die zugänglichste bleiben
wird. Der gespreizte und geistreichelnde Stil dieser Einleitung
steht zudem in unangenehmstem Gegensatz zu der durchsichtig klaren,
wie gemeisselten Sprache des Werkes selbst. Ich freue mich daher,
dass es mir vergönnt sein soll, bei einem Neudruck diese
Einleitung durch eine andere, eigene zu ersetzen.
Das Kapitel: "Wir und er ..." ist ein langes, und wird
nicht zu Ende geschrieben werden, solange sein Einfluss währt.
Ich kann ihm natürlich hier nur hinzufügen, was mir
für diesen Einfluss in den letzten Jahren besonders charakteristisch
zu sein scheint.
Er fängt bereits an, eigene Bücher zu zeitigen. So erfreulich
dies ist, muss ich doch bei Versuchen, wie dem eines Dr. Anselm
Ruest
21
(Max Stirner. Leben - Weltanschauung - Vermächtnis. Berlin,
o. J.), warnend darauf hinweisen, wie gewagt und gefährlich
es ist, das "Bild Stirners durch die Hypothese gewinnen"
zu wollen, und ihn so "in die Geschichte einzuführen".
Was hätte für mich bequemer sein, was den Dichter in
mir stärker reizen können, als diesen Weg zu gehen?
- Wenn aber diese meine Lebensgeschichte Stirners, die ich an
die Stelle dreier, nicht einmal irrtumfreier Zeilen gesetzt habe,
und die sich allein und ausschliesslich auf den Tatsachen aufbaut,
die noch zu finden waren, irgendwelchen Wert besitzt, so liegt
er in der Methode meiner Arbeit, mich zu bescheiden, wo ich mich
bescheiden musste: "der Phantasie nirgends, der Vermutung
selten Raum gegeben zu haben . . . "
Der genannte Verfasser aber schmückt sein Buch (dessen ersten
Teil er "Leben" Stirners zu nennen den Mut hat und der
sich natürlich bis in die kleinsten Einzelheiten auf meine
Arbeit stützt und sich nur auf sie stützen kann) "phantasievoll"
aus, ergeht sich in den gewagtesten Hypothesen, und der Unverstand
nennt das dann: 'mit Farbe und Wärme erfüllen'. Was
dabei herauskommt, ist natürlich kein Bild, sondern ein Zerrbild.
- Das Vermächtnis Stirners aber ruht in den treuen und starken
Händen der individualistischen Anarchisten, deren Arbeit
der Hypothetiker nur dem Namen nach kennt.
Nur erheiternd kann ein anderer, allerdings gänzlich verschieden
gearteter Versuch wirken, den im "Archiv für Psychiatrie
und Nervenkrankheiten" 1903 Ernst Schultze machte, indem
er "Stirner'sche Ideen in einem paranoischen Wahnsystem"
nachzuweisen sucht und - wenn auch nur schüchtern - es wagt,
die geistige Gesundheit Stirners selbst in Frage zu ziehen, wobei
er aber selbst zugeben muss, dass dessen System vom psychiatrischen
Standpunkt aus "einwandfrei" ist.
Er stützt sich dabei auf die "im 50. Lebensjahr bei
der Mutter auftretende Psychose" (woher weiss er das?), und
darauf, dass Stirner ohne Freunde war (was er erstaunlicherweise
unter anderem daraus entnimmt, dass Stirner in meinem Kapitel
über die "Freien" fehlt).
Was sagt er jetzt, wenn er erfährt, dass Stirner nicht erblich
belastet war, sondern dass seine Mutter an einer "fixen Idee"
litt und sonst körperlich durchaus gesund war?
Ernst Schultzes fixe, d.h. feststehende Idee ist es, dass er für
22
Recht und Vernunft hält, was die Majorität in ihren
Gesetzen für Recht und Vernunft erklärt, Gesetzen, durch
welche sie die Minorität zu zwingen sucht, an ihre so geschaffenen
Begriffe zu glauben.
Das ist natürlich sein gutes Recht. Aber es ist zugleich
der zurückgebliebene Standpunkt aller, über die die
von Stirner begründete Erkenntnis unserer Tage zu dem höheren
hinwegschreitet, indem sie die Bestimmung der Begriffe von Recht
und Vernunft nicht mehr der Gewalt, sondern der Freiheit anvertraut.
Nachdem sich das Lexikon der Beschimpfungen Stirners und seiner
Tat in fünfzig Jahren erschöpft hat, sollten nun aber
auch die Versuche, den vielleicht klarsten und schärfsten
Verstand aller Zeiten und Völker in Zweifel zu ziehen, verstummen
- können sie doch nach dem Genannten nicht einmal mehr den
anregenden Reiz der Originalität für sich in Anspruch
nehmen.
Das Jahr 1906 war, um in dem Deutsch der Zeitungen zu reden, das
Jubiläumsjahr, in das zugleich Stirners hundertjähriger
Geburtstag und sein fünfzigster Todestag fielen.
Wenn man bedenkt, wie völlig unbeachtet der letztere seiner
Zeit gelassen wurde, so ging es immerhin recht laut her. Aber
es fehlten doch immer noch die Stimmen, die einer tieferen Auffassung
die Wege gewiesen hätten. Nirgends werden auch heute noch
die Konsequenzen einer Weltanschauung gezogen, die in nahen Tagen
so gewaltig auf unser ganzes soziales Leben zu wirken bestimmt
ist, dass sich dessen Gestaltung von Grund aus ändern wird.
Es lauert eben einstweilen noch überall die feige Angst vor
der "bestehenden Macht" menschlicher Einrichtungen und
ihrer Heiligkeit, des Staates, und noch wagt der Einzelne es nicht,
sich ihr bewusst entgegenzustellen und das Eigentum seiner Einzigkeit
von ihr zu fordern: seine Freiheit.
So war die beste Wirkung des Jahres immer noch die, dass es zwei
Zeugen aus Stirners Zeit: Rudolf von Gottschall und Ludwig Pietsch
veranlasste, noch einmal auf ihre Erinnerungen an ihn zurückzukommen,
wenn sie sich auch auf nichts eigentlich Neues zu besinnen wussten.
23
Das "Jubiläumsjahr" brachte auch dem längst
von vielen Seiten geäusserten Wunsche, wie das Haus und Grab
in Berlin, so auch das Geburtshaus in Bayreuth mit einer Inschrifttafel
bezeichnet zu sehen, die endliche Erfüllung. Ich erliess,
"als das letzte, was mir für das Andenken Max Stirners
noch zu tun übrig blieb", einen Aufruf, in dem ich die,
denen er so viel geworden war, zur Einsendung eines kleinen Beitrages
aufforderte. Die erforderliche Summe läpperte sich denn auch
glücklich zusammen, und die Ausführung wurde der Firma
Wölfel & Herold in Bayreuth übertragen.
Am 6. Mai 1907 erfolgte in meinem Beisein die Anbringung der 0,95 x 0,70
Meter grossen Tafel von bestem schwarz-schwedischem Granit an
dem Hause No. 31 der Maximilianstrasse, dem Marktplatz, in Bayreuth.
Sie trägt in grossen modern-schwabacher Lettern und weithin
erkennbar die Inschrift:
Die Fassung der Worte erfolgte mit Hinblick auf die früher
für das Grab und das Sterbehaus gewählten Inschriften,
so dass sich die drei gegenseitig ergänzen.
Die Einnahmen hatten 263 Mark 91 Pfg., die Ausgaben 283 Mark 70
Pfg. betragen, worüber ich allen Beteiligten Bericht erstattete.
Den ersten und bisher einzigen ernsthaften, wenn auch nicht durchweg
gelungenen Versuch zu einer Darstellung der Weltanschauung Stirners
in ihrem Einfluss auf die sozialen Fragen unserer Zeit hat ein
Franzose gemacht: Victor Basch, Professor an der Sorbonne, in
seinem Buch "L'Individualisme anarchiste. Max Stirner. (Paris,
1904)".
Möchten ihm bald andere folgen, die nicht nur Versuche, sondern
schon Ergründungen sind.
Mehr als das, mehr als alles aber sind es die Übertragungen
Stirners in fremde Sprachen, die als unbestechliche Zeugen künden,
wie siegreich auch er nun endlich seinen Weltgang angetreten hat.
24
Sie, nicht mehr zu schweigen, rufen es über die Erde, wie
er der unsere, wir die seinen geworden sind, um uns nicht mehr
zu verlieren.
Noch einmal, zum dritten Male ist es mir vergönnt gewesen,
die Arbeit an dem Bau dieses Lebens wieder aufzunehmen und ihr
letzte Steine einzufügen.
Dass es zum letzten Male gewesen ist, weiss ich.
Doch nicht ohne ein Gefühl innerer Ruhe darf ich heute die
Feder aus der Hand legen:
Ein Erstrebtes ist erreicht. Und es ist schön erreicht: mit
keinen anderen Mitteln, als den der Kraft der Wahrheit eigenen
und innewohnenden, und im Kampfe gegen eine in Jahrtausenden aufgebaute
Welt des Wahns und der Vorurteile - mühevoll und langsam,
aber sicher.
Das war es, wie ich in meinem Bericht über die Anbringung
der Tafel an dem Hause in Bayreuth sagte, was ich vor fünfundzwanzig
Jahren wollte, ahnte und ersehnte, als ich meine Arbeit für
die Wiedererweckung dieses Lebens und seiner Tat begann, und wie
dort sei hier mein letztes Wort ein Wort des Dankes an alle, die
mir bei ihr geholfen, an jeden, der sie mir erleichterte.
Der Schleier, der fast undurchdringlich über dem Leben Max
Stirners lag, ist nicht gefallen, und wir werden wohl auf immer
darauf verzichten müssen, seine Gestalt von dem vollen Lichte
des Tages übergossen - wie lebend - je vor uns stehen zu
sehen.
Aber der Schleier ist doch wenigstens gelüftet, und diese
Gestalt uns nicht mehr so fremd, wie sie es war; in gewissen Augenblicken
sogar dürfen wir wähnen, ihr nah zu sein und Stirner
sprechen zu hören, wie aus seinem Werke.
Sein Leben ist ein neuer Beweis dafür, dass nicht die lauten
Lärmer des Tages, die Lieblinge der Menge, sondern die einsamen
und rastlosen Forscher, die in stiller Arbeit dem Geschick der
Menschheit die Wege weisen, die in Wahrheit Unsterblichen sind.
Unter ihnen steht Max Stirner. Zu den Newtons und Darwins, nicht
zu den Bismarcks hat er sich gesellt.
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26
ERSTES KAPITEL
ERSTE JUGEND
1806-1826
DAS GEBURTSHAUS IN BAYREUTH - GEBURT UND TAUFE - ELTERN UND VORFAHREN
- TOD DES VATERS UND WIEDERHEIRAT DER MUTTER; NACH KULM - RITTMEISTER
GÖCKING - RÜCKKEHR NACH BAYREUTH UND ERZIEHUNG - ÜBERBLICK
27
Wer heute in der Stadt Richard Wagners - in Bayreuth, das doch
noch so ganz die Stadt Jean Pauls geblieben ist - vom Bahnhof
herkommend und, an dem altberühmten Opernhaus des Markgrafen
Friedrich vorüber zum alten Schlosse emporsteigend, den Marktplatz,
die jetzige Maximilianstrasse, betritt, dessen Blick weilt vielleicht,
unter all den anderen interessanten Gebäuden, einen Augenblick
auf einem Hause zur linken Hand, das ein schöner, doppeleckiger
Erker schmückt.
Ausser diesem Erker, der es vom Erdgeschoss bis zum Dache durchläuft,
besitzt das braunangestrichene Haus allerdings nichts, was auf
das Auge anziehend wirken könnte.
Aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts stammend, schmal, zweistöckig,
ist es ein derber, massiger Bau, mit engem Hof und schmalen Treppen,
aber einem hellen, saalartigen Zimmer in jedem Stockwerk nach
vorn hinaus. Ursprünglich zur Bäckerei bestimmt, wurde
es über ein Jahrhundert lang von seinen Besitzern, lauter
"Becken", als solche benutzt.
Es liegt an dem Eingang der Braut- oder Kirchgasse, deren andere
Ecke das Rathaus bildet, erstreckt sich tief in diese hinein und
dient heute, wo es die No. 31 der Maximiliansstrasse trägt,
einer gewöhnlichen Bierwirtschaft mit seinem Erdgeschoss.
Aber die Fenster seines ersten Stockes sind mit freundlichen Blumenstöcken
geziert....
In diesem Hause, zu Anfang des Jahrhunderts die No. 67 unter den
achthundert Häusern Bayreuths und an der damaligen "Hauptstrasse"
gelegen, wurde am 25. Oktober des Jahres 1806, in der Frühe
um sechs Uhr, Johann Caspar Schmidt geboren.
28
Die Taufe an dem Kinde wurde am 6. November nach evangelisch-lutherischem
Ritus durch den Subdiakonus Bumann vollzogen; nach seinem Paten
empfing es die Namen Johann Caspar.
Die Familie Schmidt stammte väterlicherseits aus Ansbach.
Dort waren dem "Herrendiener" Johann Georg Schmidt und
seiner Frau Sophia Elisabetha, geb. Götz in den Jahren 1762-1769
fünf Kinder, vier Söhne und eine Tochter, geboren, unter
denen der jüngste Sohn, Albert Christian Heinrich Schmidt,
geboren am 14. Juni 1769, Johann Caspars Vater war.
Die Mutter, Sophia Eleonora, war eine Reinlein aus Erlangen, wo
sie am 30. November 1778 dem ehemaligen Postboten Johann Reinlein
von seiner Ehefrau Luise Margarete, geb. Kasperitz, geboren war.
Wann und wo die Trauung der Eltern stattgefunden hat, konnte nicht
ermittelt werden; doch wird sie wohl in das Jahr 1805 gefallen
sein. Johann Caspar war ihr erstes und blieb ihr einziges Kind.
Der Vater war seines Zeichens "blasender Instrumentenmacher".
Es waren Flöten, die er verfertigte; dass er daneben auch
Porträtmaler gewesen sei ist eine unverbürgte Nachricht.
Bereits ein halbes Jahr nach der Geburt des Kindes, am 19. April
1807, starb der Vater im Alter von 37 Jahren an einem durch zu
grosse Körperanstrengung verursachten Blutsturz, und zwei
Jahre später, am 13. April 1809, verheiratete sich die "Schmidtin"
zum zweiten Male und zwar mit dem damaligen Provisor an der Hofapotheke,
dem fast fünfzigjährigen Heinrich Friedrich Ludwig Ballerstedt.
Die Trauung wurde vollzogen von dem Superintendenten und Stadtpfarrer
Dr. Johann Kopp, und das Ehepaar lebte nach den bestehenden Gesetzen
in Gütergemeinschaft.
Ballerstedt stammte aus Helmstedt, wo er am 1. Juni 1761 als einziger
Sohn des weil. Dr. med. Karl Friedrich Ballerstedt und seiner
Frau Anna Juliane Johanne, geb. Göcking, geboren war. Seine
beiden Eltern entstammten Pastorenfamilien und lebten später
in Wolfenbüttel.
Gleich nach ihrer Wiederverheiratung verliess die Mutter mit ihrem
zweiten Gatten Bayreuth und kam mit ihm "nach mancherlei
29
wechselnden Schicksalen" nach Kulm an der Weichsel in Westpreussen.
Ballerstedt ging dorthin auf den Wunsch und Ruf seines Grossonkels,
des Rittmeisters Goecking (oder Goeckingk) .
Der herzoglich-nassauische pensionierte Rittmeister Paul Heinrich
Ludwig Friedrich Günther Goecking hatte im Verlauf der letzten
Jahre, 1806 bis 1808, seine drei Geschwister: den Ratsverwandten
Christian Valentin, die Demoiselle Marie Sophie, beide in Kulm,
und den Pfarrer an der Tragheim'schen Kirche zu Königsberg,
Dietrich Theodor Günther Goecking, durch den Tod verloren,
und, selbst unverheiratet und dem Alter entgegengehend, machte
er den "mancherlei wechselnden Schicksalen" seiner noch
lebenden näheren Verwandten durch den Vorschlag ein Ende,
zu ihm zu kommen und sein Haus, das "bürgerliche Grundstück"
No. 9 in der Graudenzer Strasse zu Kulm mit ihm zu bewohnen. Sicherlich
fügte er seinem Anerbieten das Versprechen hinzu, sie zugleich
nach seinem Tode zu seinen Erben einzusetzen, denn schon wenige
Monate nach ihrer Ankunft, am 20. Mai 1810, errichtete er ein
Testament zu ihren Gunsten, das nach seinem am 26. Juni 1814 erfolgten
Tod Ballerstedt und dessen Frau zu alleinigen Besitzern des Hauses
machte, zu dem noch 40 Morgen Ackerland und etwas Garten gehörte,
so dass Ballerstedts mit dem, was die Apotheke abwarf, sorgenfrei
leben und dem einzigen Kinde der Frau die gute Erziehung geben
konnten, die es genoss. Denn der zweiten Ehe der Mutter entstammte
nur ein Töchterchen, das am 19. Dezember 1809, wohl gleich
nach der Ankunft in Kulm, geboren wurde und die Namen Johanna
Friederica erhielt, aber, noch nicht drei Jahre alt, am 21. September
1812 starb.
Ob Ballerstedt eine Apotheke erwarb oder nur pachtete, und welche
von den beiden in Kulm bestehenden es war, ist nicht genau festzustellen.
Doch spricht die Vermutung für Pachtung und zwar für
die der Apotheke auf dem Grundstück No. 296, der Adler-Apotheke
am Markt.
Nach Kulm wurde, so bald als möglich, nach einem Jahre, 1810,
das in Bayreuth zurückgelassene Kind nachgeholt, und hier
in Kulm wuchs der kleine Johann Caspar auf und empfing seinen
ersten Unterricht. Der Stiefvater war zugleich der Vormund des
Kindes geworden.
30
Mochten es die Verhältnisse im Hause wünschenswert machen,
mochte es der grosse Ruf des Gymnasiums in Bayreuth und der Wunsch
der dort lebenden Anverwandten heischen - kurz, Johann Caspar
kam schon als Knabe von zwölf Jahren, 1818, in seine Vaterstadt
zurück und fand hier Aufnahme in dem Hause seines Paten,
nach dem er genannt war, des "Bürgen und Strumpfwirkermeisters"
Johann Caspar Martin Sticht aus Erlangen und seiner Frau, der
um drei Jahre älteren, einzigen Schwester seines Vaters,
Anna Marie, geb. Schmidt, aus Ansbach.
Von den kinderlosen Eheleuten gewissermassen an Kindes statt aufgenommen,
blieb er in ihrem Hause - es lag unweit von seinem Geburtshause,
trug damals die Einquartierungs-Nummer 89 und ist heute No. 36
an der Maximiliansstrasse - acht Jahre, bis zu seinem Abgang zur
Universität.
Für den, der Interesse genug daran hat, die einzelnen Stationen
der Schulwanderung des Knaben zu verfolgen, seien sie hier genannt.
Nach Bayreuth zurückgekehrt, empfängt der Knabe zunächst
den Vorbereitungsunterricht des Gymnasiasten Imhof und tritt dann
1819, dreizehnjährig, mit Übergehung der Unterklasse
sogleich in die Oberklasse der lateinischen Vorbereitungsschule
ein, wo er unter 75 Schülern den 5. Platz erhielt. Als "Klasslehrer"
hatte er hier schon Johann Melchior Pausch, den er auch in den
beiden folgenden Jahren 1820-21 in dem Unter- und 1821-22 im Oberprogymnasium
als solchen behält. In beiden Klassen hat er gute Plätze,
erst den 8. unter 42, dann den 6. unter 29 Schülern und beide
Jahre wird er "durch Ablesung des Namens belobt". Er
kommt dann 1822-23 in die Unterprogymnasialklasse, erhält
den Prof. G. P. Kieffer zum Klasslehrer, den Platz 6 b unter 25
Schülern und ein "Accessit"-Diplom; in diesen Jahren
ist er einige Zeit durch Krankheit vom Schulbesuch abgehalten.
Er geht weiter: 1823-24 in die Untermittelklasse. Klasslehrer
ist Kloeter; Schmidt hat den 4. Platz unter 15 Schülern.
1824-25 wird die Organisation der Gymnasien und die Bezeichnung
der Klassen vollständig umgestaltet. Schmidt ist jetzt in
der 4. Klasse des Gymnasiums und hat Platz 3 unter 16 Schülern.
In dem letzten Jahre seiner Gymnasiallaufbahn ist er in der
31
5. Klasse, der "Oberklasse". Sein Klassenlehrer ist
Dr. J. C. Held, der spätere verdiente Rektor des Gymnasiums.
Unter 20 Schülern hat er den 6. Platz.
Herbst 1826 macht er sein Absolutorium, das ein ausserordentlich
günstiges Resultat erzielt. Unter den 25 pro absolutorio
Geprüften erhält er den 3. Platz mit der Bestimmungszahl
15 und der Note II (III), während der 1. Platz mit der Bestimmungszahl
5 und derselben Note II vergeben wurde.
In dem Abgangszeugnis vom 8. September 1826 wird ihm die Note
I und das Prädikat "sehr würdig" verliehen.
Dieses Abgangszeugnis ist von dem damaligen Direktor des Gymnasiums,
Georg Andreas Gabler, unterschrieben. Leider war dieser bedeutende
Mann, der einige Zeit im Schiller'schen Hause in Weimar gelebt
hatte, der begeisterte Schüler Hegels, in dessen Lehre er
die "absolute Befreiung seines Denkens und Erkennens fand"
und der später auch an seine Stelle nach Berlin gerufen wurde,
niemals Schmidts Klassenlehrer. Aber seinen Unterricht hat dieser
doch genossen.
Gewiss ein Beweis, wie hoch die an die Schüler gestellten
Anforderungen schon damals gewesen sein müssen, ist die Tatsache,
dass Schmidt, obwohl er stets zu den Besten zählte, doch
fast jedes Jahr Privatunterricht nehmen musste. So 1819-23 bei
einem Namensvetter von ihm, einem Gymnasiasten Schmidt, mit dem
er aber wohl nicht verwandt war, meist im Lateinischen; 1823-24
bei seinem früheren Klassenlehrer Prof. Kieffer; im nächsten
Jahre einige Stunden im Französischen und in der Musik, wogegen
er einige lateinische Stunden gibt; und endlich im letzten Jahre
einige Stunden im Französischen und im Klavierspiel.
Das ist der Weg, den Johann Caspar Schmidt zur Erreichung des
ersten Lebenszieles ging; er ist zwanzig Jahre, als er es erreicht
hat, und die erste Jugend liegt hinter ihm.
Mit diesen nüchternen Daten erschöpft sich alles, was
wir mit Bestimmtheit über die erste Jugend dieses Lebens
berichten können und es ist eigentlich nicht mehr, als was
sich auch in die Worte fassen lässt: "Er war ein guter
und fleissiger Schüler".
32
Einer einfachen Familie entstammend, fliesst in dem Kinde das
unvermischte Blut der Oberfranken, eines nüchternen, ernsten,
klugen, ein wenig schwerfälligen Menschenschlages.
Seine Geburt fällt in das Jahr, als die Stadt Baireuth -
so schrieb sich ihr Name damals - von den Wirren der napoleonischen
Kriege auf das Schwerste heimgesucht wird.
Das Jahr 1806 begann dort, wie ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber
sagt, mit "einer traurigen Gegenwart", um mit "einer
düsteren Aussicht in eine schicksalschwangere Zukunft"
zu enden.
1792 war die Markgrafschaft Bayreuth preussisch geworden; 1806,
dem "merkwürdigsten und letzten" Jahre unter preussischer
Regierung, im November, kam es unter napoleonische Herrschaft.
Johann Caspar Schmidt wurde also noch unter preussischer geboren:
"Borussiae olim oppido natus sum".
Alles sieht mit Angst dem Ausbruch neuer Kriege entgegen. Die
Last der Einquartierung liegt furchtbar auf der entmutigten Stadt.
Es ist das Jahr, da - von Lichtmess über Walpurgis hinaus
bis Martini - das Mass Bier von 3 auf 4, das Pfund Rindfleisch
von 9 auf 11 Kreuzer steigt und die Mez Salz 8 Kreuzer kostet.
1809, als nach den Franzosen die Österreicher kommen, verlässt
die Mutter die unglückliche Stadt, wie so viele, wahrscheinlich
um den nie endenden Unruhen und Beängstigungen für Leib
und Leben zu entgehen. Weit fort führt sie ihr Weg mit dem
zweiten Mann, in das ferne, fremde Westpreussen. Das Kind bleibt
zurück, wird aber nachgeholt, sobald es möglich ist.
Dort, in der neuen Heimat, empfängt es die ersten Eindrücke
des Lebens, und seine ersten Erinnerungen müssen später
verknüpft gewesen sein mit der alten Weichselstadt in dem
flachen Lande.
In dem Jahre einer unerhörten Teuerung und Hungersnot kehrt
es in die alte zurück. Doch herrscht jetzt wenigstens Frieden
in der Stadt, die inzwischen bayerisch geworden ist und bayerisch
bleibt.
Der Pate und seine Frau nehmen den Knaben in ihre einfache Häuslichkeit
auf. Er hat keine Geschwister verlassen, und er findet keine neuen.
Aber was er findet, ist liebevolle Pflege, denn wohl mit Recht
darf angenommen werden, dass die, die anderer Leute
33
Kinder freiwillig zu sich nehmen, sie mindestens ebenso gut behandeln,
wie Eltern, die sie vielleicht unfreiwillig bekommen haben. Parentes
fecit amor, non necessitas.
An dem hochberühmten Gymnasium erhält Johann Caspar
Schmidt seine Erziehung; die schweren, breiten Lasten humanistischer
Kenntnisse werden von ernsten, gelehrten Männern auf die
jungen Schultern gelegt.
Aber diese Schultern tragen die Last. In ruhigem Aufstieg erreicht
der Heranwachsende sein erstes Lebensziel.
Wie war der Knabe geartet? Wie zeigten sich seine ersten Neigungen?
Wie äusserten sich seine ersten Triebe zum Leben? Wo fanden
sie Nahrung und welche? Genoss er die Jahre der Jugend in der
ungetrübten Freude der Kraft? Oder waren sie bereits umdüstert
von den Schatten irgendeines Zwiespalts?
Umsonst, umsonst alle diese Fragen! - So klar und bestimmt alle
äusseren Daten lauten, es sind doch nur tote Zahlen, und
dunkel und verborgen liegt hinter ihnen das innere Leben, nach
dem wir vergebens suchen. Ohne die Frage beantwortet zu haben,
müssen wir Abschied von dem Knaben nehmen, um den Jüngling
hinauszubegleiten aus der Enge des ersten Lebens in die Weiten
der Welt, die sich für ihn erschliesst mit dem Beginn seiner
akademischen Studien und die ihn, und uns mit ihm, zunächst
in die Stadt führen, in der er leben, wirken und sterben
sollte: nach Berlin.
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36
ZWEITES KAPITEL
LERN- UND LEHRJAHRE
1826-1844
J. C. SCHMIDT, STUD. PHILOS., IN BERLIN - EIN SEMESTER IN ERLANGEN;
REISE DURCH DEUTSCHLAND - KÖNIGSBERG UND KULM - WIEDER IN
BERLIN; BEENDIGUNG DES STUDIUMS - EXAMEN PRO FACULTATE DOCENDI-
ALS SCHULAMTSKANDIDAT AN DER REALSCHULE-VEREITELTE HOFFNUNGEN
AUF ANSTELLUNG; NIE GYMNASIALLEHRER, NIE DR. PHIL. - FAMILIENVERHÄLTNISSE
UND ERSTE EHE - DER LEHRER HÖHERER TÖCHTER - ÜBERBLICK
37
Als junger Student von zwanzig Jahren kam Johann Caspar Schmidt
zu Michaelis 1826 frisch von Bayreuth weg nach Berlin, über
dessen Hochschule ein paar Jahre vorher ein anderer angehender
Studiosus - er hiess Ludwig Feuerbach - seinem Vater geschrieben
hatte: " . . . . auf keiner anderen Universität herrscht
wohl solch allgemeiner Fleiss, solcher Sinn für etwas Höheres
als blosse Studentengeschichten, solches Streben nach Wissenschaft,
solche Ruhe und Stille wie hier. Wahre Kneipen sind andere Universitäten
gegen das hiesige Arbeitshaus . . . "
Am 18. Oktober 1826 in der philosophischen Fakultät immatrikuliert,
wohnte Schmidt während seines zweijährigen ersten Aufenthaltes
in Berlin das erste Jahr in der Rosenthalerstrasse 47, das zweite
näher der Universität, Dorotheenstrasse 5.
Er schöpft hier aus den ersten Quellen der damaligen Wissenschaft:
eine Reihe der glänzendsten Namen, jeder ihrer Träger
eine anerkannte Autorität auf seinem Gebiet, zieht an uns
vorüber, wenn wir die Testate, die fast überall den
"sehr fleissigen" und "aufmerksamen" Besuch
bezeugen, durchsehen.
So hört Schmidt im ersten seiner vier Semester in Berlin:
Logik bei Heinrich Ritter, dem durch seine unabhängigen,
geschichtsphilosophischen Forschungen bekannten Philosophen; allgemeine
Geographie bei dessen Namensvetter, dem grossen Geographen Carl
Ritter, und Pindar und Metrik bei Böckh, dem berühmten
Altertumsforscher und Rhetoriker.
Ferner in seinem zweiten, der Philosophie gewidmeten: Ethik bei
Schleiermacher, dem "grössten deutschen Theologen des
Jahrhunderts", und vor allem Religionsphilosophie bei Hegel,
bei Hegel, von dessen ungeheurem, damals noch ungebrochenem Einfluss
auf das ganze Denken der damaligen Zeit wir uns heute gar keinen
rechten Begriff mehr machen können.
38
Auch im nächsten Wintersemester gibt sich Schmidt noch dem
eigentümlichen Reiz seiner Vorlesungen hin: er hört
Geschichte der Philosophie und Psychologie und Anthropologie oder
Philosophie des Geistes bei dem bewunderten Manne. Daneben wieder
bei Böckh und Carl Ritter: bei ersterem über griechische
Altertümer, bei letzterem über Geographie des alten
Griechenlands und Italiens. Und, um auch seine theologischen Studien
nicht zu vernachlässigen, bei Marheineke, dem Orthodoxen
von der Hegel'schen Rechten, über Dogmatik und über
die Bedeutung der neueren Philosophie in der Theologie.
Ebenfalls die Theologie nimmt im letzten, vierten Semester die
erste Stelle ein: Neander, der Kirchenhistoriker und Gegner von
Strauss, liest über Kirchengeschichte und christliche Altertümer,
Marheineke über theologische Enzyklopädie und kirchliche
Symbolik.
Es sind bis 22 Stunden in der Woche, die der eifrige Student besucht,
und er muss gerade in den vier Semestern in Berlin einen festen
Grund für seine späteren Kenntnisse gelegt haben.
Von Berlin am 1. September 1828 exmatrikuliert, wandte sich Johann
Caspar Schmidt sodann nach der Stadt, in der seine Mutter, die
Reinelin, geboren war und in der ihr gewiss noch Verwandte lebten,
nach Erlangen. Nach vollzogener Immatrikulation am 20. Oktober
hört er indessen nur in dem Wintersemester zwei Vorlesungen:
die eine bei dem bekannten Theologen Georg Benedikt Wiener über
die Korintherbriefe, die andere bei Christian Kapp, dem Philosophen,
über Logik und Metaphysik.
Nach Ablauf des Wintersemesters leitet er eine dreiundeinhalbjährige
Pause in seinem Studium mit einer "längeren Reise durch
Deutschland", der einzigen seines Lebens, ein, die sich wahrscheinlich
durch den ganzen Sommer 1829 erstreckte. Ohne somit mehr in Erlangen
zu weilen, bleibt er indessen doch dort bis zum 2. November immatrikuliert.
Von seiner Reise zurückgekehrt, geht Schmidt im Herbst 1829
nach Königsberg in Preussen, der berühmten Universität,
und
39
lässt sich dort unter dem Datum seiner Erlanger Exmatrikel
immatrikulieren. Er wohnt Steindamm 132. Aber er hört keine
Vorlesungen, lässt sich auch kein Abgangszeugnis ausstellen,
sondern verbleibt, wie er selbst sagt, "häuslicher Verhältnisse"
halber ein Jahr in Kulm bei seinen Eltern, ein zweites, "ebenfalls
in Familienangelegenheiten", wieder in Königsberg, wo
er übrigens im Herbst 1830 auf seinen Wunsch als Halbinvalide
aus seinem Militärverhältnis entlassen war.
Welcher Art die Familienverhältnisse waren, die ihn zur Unterbrechung
seiner Studien zwangen und so lange in dem fernen Westpreussen
festhielten, ob die pekuniäre Unterstützung nicht mehr
gewährt werden konnte, ob die später ausbrechende Geisteskrankheit
seiner Mutter schon damals ihre Schatten warf und ihn nach Kulm
zog, darüber lassen sich Vermutungen mit Aussicht auf Erfolg
nicht anstellen.
Jedenfalls vernachlässigt Johann Caspar während seiner
unfreiwilligen Musse "keineswegs seine philosophischen und
philologischen Studien" und sucht sich auf eigene Faust weiterzubilden,
wobei er ganz gewiss ebenso gut und besser vorwärts gekommen
ist.
Erst im Oktober 1832 kehrt der unterdessen der Vormundschaft entwachsene
Sechsundzwanzigjährige zu seinem akademischen Studium zurück,
und zwar zieht es ihn wieder nach Berlin, von wo er vier Jahre
fort gewesen war. Er bezieht in der Poststrasse 9 ein Zimmer und
lässt sich am 28. November auf Grund seiner Erlanger Exmatrikel
und der früheren Berliner zum zweiten Male immatrikulieren.
Ein ausgedehnter Studienplan, den er entworfen, zeigt, wie ernst
es ihm mit seiner Absicht der Wiederaufnahme und Vollendung seiner
Studien war: er will über die "Hauptepochen der Künste"
sowohl, wie über die "Mythologie der alten Germanen",
"Literatur_ Geschichte" ebenso gut, wie "Preussens
Geschichte" hören, will ein Publikum bei Carl Ritter
besuchen und ein solches über Äschines - aber all' diese
Pläne macht eine langwierige Krankheit zu Nichte, in die
er verfällt und die ihn erst im nächsten Sommer-Semester
zur definitiven Wiederaufnahme der Vorlesungen kommen lässt.
40
In diesem Sommer 1833 hört er denn auch einige, aber bedeutsame
Vorlesungen, nämlich bei dem berühmten Kritiker und
Philologen Lachmann, dem Meister methodischer Kritik, über
Properz, dem jener bekanntlich ein spezielles Studium gewidmet
hatte; bei dem Hegelianer Michelet über Aristoteles' Leben,
Schriften und Philosophie; und wieder, wie vor Jahren, bei Böckh,
diesmal über Platos Republik, bei allen mit vielem Fleisse.
Klassische Philologie war ja das Ziel, das er als zukünftiger
Lehrer am Gymnasium vor allem zu bewältigen hatte und vor
ihm musste manche früher noch gehegte Lieblingsneigung nun,
wo es Ernst wurde, zurücktreten.
Im Winter bleibt er noch immatrikuliert, hat sich auch vorgenommen,
bei Trendelenburg über Aristoteles' Bücher de anima,
bei Raumer Allgemeine Geschichte und bei Michelet über Aristoteles'
Metaphysik zu belegen, unterlässt es aber, sondern bereitet
sich in eigener Arbeit auf das bevorstehende Examen vor. Am 27.
März 1834 lässt er sich exmatrikulieren und konnte nun
das nötige akademische Triennium - denn das Semester in Erlangen
zählte in Preussen nicht mit und in Königsberg hatte
er keine Vorlesungen gehört - mit sieben Semestern an der
Universität Berlin beweisen. Einer "Teilnahme an verbotenen
Verbindungen unter Studierenden" ist er auch diesmal nicht
"bezüchtigt" worden.
Nachdem Schmidt die Osterferien hatte verstreichen lassen, meldete
er sich am 2. Juni 1834 bei der Königl. Wissenschaftlichen
Prüfungs-Kommission zum Examen pro facultate docendi
unter Beifügung seiner Schul- und Universitätszeugnisse,
sowie eines Curriculum vitae in lateinischer Sprache. In
nicht weniger als fünf Fächern verlangt er die Prüfung
zum Unterricht in den oberen Gymnasialklassen, nämlich in
den alten Sprachen, in Deutsch, in Geschichte, in Philosophie
und endlich in Religion; ausserdem "in den übrigen Gegenständen"
auch für die unteren - eine selbst für die damalige
Zeit ungewöhnliche Forderung, die ebensowohl von des Bewerbers
Selbstvertrauen, wie von dem Umfang seiner Kenntnisse beredtes
Zeugnis ablegte.
Es wurden ihm zunächst zwei schriftliche Arbeiten aufgetragen,
die erste eine "lateinische Übersetzung nebst grammatischem
und
41
exegetischem Kommentar über Thukydides VII, 78-87" und
die zweite "Über Schulgesetze"; zugleich wurden
ihm die zu haltenden Probelektionen Horatius Epist. I, 14, und
"Über Huss und die Hussiten" angekündigt.
Als Frist für die Ablieferung der schriftlichen Arbeiten
waren sechs bis acht Wochen gegeben.
Aber der Kandidat vermochte diese Frist nicht innezuhalten. Im
August kommt plötzlich und unerwartet von Kulm her seine
"geisteskranke" Mutter nach Berlin, und deren Pflege
nimmt seine ganze Zeit in Anspruch, sodass er um eine Verlängerung
von vier Wochen einkommen muss, die ihm denn auch gewährt
wird.
Erst gegen Ende des Jahres, am 29. November, reicht er die Arbeiten
ein; auch eigene Kränklichkeit hat ihre Beendigung so lange
verzögert und hindert ihn auch jetzt noch, sie persönlich
zu übergeben. Darum bittet er auch, die Probelektionen und
das mündliche Examen bis nach Neujahr verlegen zu wollen.
Auch das wird ihm zugestanden und die Prüfung im Mündlichen
bis zum Frühjahr des nächsten Jahres verschoben.
Es sind umfangreiche Arbeiten, die Schmidt lieferte: die Übersetzung
aus Thukydides umfasst 16, der Kommentar dazu 23 Foliospalten,
die Arbeit über Schulgesetze deren 22. Das Urteil über
beide wird später noch mitgeteilt werden.
Während die Thukydides-Übertragung nur ein bedingtes
Interesse für uns haben kann, muss die Arbeit über Schulgesetze
unsere höchste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Treten uns
doch aus ihr zum ersten Male selbstgebildete Gedanken und Anschauungen
entgegen, Anschauungen, die uns ihrem Urheber näher bringen,
als es bisher irgend vergönnt war.
Vom Wesen des Gesetzes ausgehend, sagt der junge Denker: "Alles
Gesetz nämlich ist weder willkürlich noch zufällig,
sondern in der Natur des Gegenstandes, für welchen es ist,
begründet und gleichsam eingehüllt. Denn jegliches Seiende,
sei es in der Welt der Erscheinungen oder des Geistes, ist, wie
es sich als ein Einfaches in dieser oder jener eigenen Gestalt
darstellt, so auch nur eben darum ein in sich Erfülltes,
Inhaltreiches, durch Unterschiede, in die es sich innerhalb seiner
selbst zersetzt, mannigfaltig Geteiltes. Werden diese Unterschiede
hervorgehoben und wird an ihnen aufgezeigt, wie
42
und in welcher Beziehung und durch welche Art der Verschmelzung
sie zu jener Einfachheit des Gegenstandes notwendig gehören,
so liegt in diesen Auseinandersetzungen der Gegenstand selbst
so vor, wie er in seiner gehalt- und unterschiedsreichen Einheit
gesetzt ist, und sie selber geben, wie sie der auseinandergesetzte
Gegenstand sind, so diesen in seinen Auseinandersetzungen oder
Gesetzen. Kein Gesetz, geht hieraus hervor, ist seinem Gegenstande
von aussen gegeben: die Gesetze der Schwere sind der auseinandergesetzte
Inhalt des Begriffes der Schwere selbst".
Schulgesetze sind demnach - und hiermit kommt er auf sein eigentliches
Thema - der auseinandergesetzte Inhalt des Begriffes im Schüler.
Die Deutung dieses Begriffes macht den Inhalt der Prüfungsarbeit
aus. Denn die Aufstellung eigentlicher Schulgesetze trotz seiner
geringen Erfahrung auch nur zu versuchen, schiene seiner ihm geziemenden
Bescheidenheit wohl zu widerstreiten - bemerkt er mit köstlichem,
scheinbarem Ernst im Schlusssatze seiner Arbeit.
Der Begriff des Schülers wird in streng induktiver Weise
gewonnen, ausgehend vom ersten Kindesalter, dem Stadium des Isoliertseins,
des reinen Fürsichseins, fortschreitend zu dem gegenständlichen
Dasein, wo das Kind sich von der Umgebung unterscheidet und sich
der Dinge im Spiele zu bemächtigen sucht. Jetzt folgt die
wichtigste Periode, die Entstehung des Ich des Selbstbewusstseins
und der Unterscheidung von anderen Ichen, der Verkehr mit diesen,
d.h. das Mitteilen, Ausgeben und Entfalten seines eigenen Ichs
gegenüber diesen und das Lernen von ihnen. Das Kind wird
zum Schüler. Der Lehrer ist ihm das Bild der Vollkommenheit.
Ihn sucht es zu verstehen, um durch ihn überhaupt zum Verstand
zu kommen. Auch diese Periode der Verständigkeit findet ihren
Abschluss und geht über in die Periode der Vernünftigkeit,
die mit dem Universitätsleben ihren Anfang nimmt. Die Universität
heisst nur noch in sehr uneigentlichem Sinne Hochschule. "Statt
des Lehrers stellt sich somit die Wissenschaft selbst in ihrer
reinen Gestalt dem Ich als Aufgabe dar und ihr Gebiet ist die
Freiheit."
Die Aufgaben des Lehrers, der Schule und der "Gesetze"
werden in prägnanten Sätzen zur Sprache gebracht, immer
aber abgeleitet
43
aus der Natur des Gegenstandes, d. i. des Schülers, für
den sie sind, in dessen Wesen sie begründet und gleichsam
eingehüllt sind.
Die Betonung des Ich flimmert durch die ganze Arbeit in zuckenden
Funken, und schon lebt und leitet der Gedanke in ihr, der später
als lodernde Flamme weithin die Welt erleuchten sollte .... Und
in diesem Sinne dürfen wir sie wohl als ersten Grundstein
betrachten, auf dem der Denker später den Bau seines Werkes
errichtete, von dessen Gestalt er damals allerdings noch nicht
träumte.
Wie erinnerlich war der Kandidat J. C. Schmidt um einen Aufschub
seiner mündlichen Prüfung eingekommen, der ihm auch
bewilligt worden war. Am 24. April 1835, einem Freitag, fand sie
dann endlich statt und wurde am folgenden Tage fortgesetzt.
Die Prüfungs-Kommission setzte sich zusammen aus Adolph Trendelenburg,
der vor kurzem Professor an der Universität zu Berlin geworden
war; aus August Meineke, dem bekannten Philologen und Textkritiker,
damals Direktor des Joachimthal'schen Gymnasiums; und aus Friedrich
Strehlcke, Professor am Köllnischen Realgymnasium. Ausserdem
war noch Dr. Agathon Benary, der namhafte Philolog, damals Oberlehrer
für klassische Sprachen am Köllnischen Realgymnasium,
in der Kommission, deren Vorsitz Lange führte.
Die beiden Probelektionen hatten schon vorher, Anfang April, stattgefunden.
Am 4. April hatte Schmidt in der Prima des Joachimthal'schen Gymnasiums
die historische über "Huss und die Hussiten" und
wahrscheinlich an demselben Tage und derselben Stelle diejenige
über Horaz abgehalten; eine dritte wurde dem Vielgeplagten
noch während der mündlichen Prüfung aufgegeben.
Sie fand am 28. April in der Sekunda des Köllnischen Realgymnasiums
über "Begriff und Gebrauch der deutschen Konjunktionen"
statt. Die Urteile über alle drei werden ebenfalls mit den
mündlichen Prüfungs-Resultaten mitgeteilt werden.
An dem ersten Tage, an dem der Kandidat ins Rigorosum stieg, prüfte
ihn Meineke in Religion und Hebräisch, Trendelenburg in Geschichte
und Geographie.
Besonders des letzteren Urteil erweckte die günstigsten Auspizien.
Indem Trendelenburg "die recht sichere Kenntnis der einzelnen
44
zur Sprache gebrachten Gegenstände, als auch die anschauliche
Übersicht allgemeiner Verhältnisse" anerkannte,
und hinzufügte, dass Schmidt auch in seiner geschichtlichen
Probelektion (über Huss und die Hussiten) eine "gute
Gabe des Vortrags" an den Tag gelegt habe, kommt er zu dem
Urteil, dass er zweifellos den historisch-geographischen Unterricht
in den unteren und mittleren Klassen eines Gymnasium mit Erfolg
erteilen könne und fügt hinzu, das er "überhaupt
ein sehr brauchbarer Geschichtslehrer" werden könne,
wenn er sich noch anhaltender und gründlicher mit dem Studium
der Geschichte, namentlich in den Quellen, beschäftige. Über
die historische Probelektion hatte er ausserdem noch folgendes
interessante Urteil gefällt: "Der Kandidat ging in eine
Unterredung mit den Schülern nicht ein, sondern beschränkte
sich auf einen zusammenhängenden Vortrag, der in Form und
Inhalt sehr gelungen war. . . Der Fluss der Rede, den man zu bewundern
hatte, überschlug sich fast selbst, so dass seine Gleichmässigkeit,
die wie fertig und gemacht erschien, fast ermüdete . . ."
Aber auch Meineke wird der Begabung des Kandidaten gerecht. Er
bezeugt dessen Vertrautheit mit dem allgemeinen Inhalt der biblischen
Schriften, die Leichtigkeit in der Übersetzung eines vorgelegten
neutestamentlichen Textes (I. Cor. cap. 13) und die Beschäftigung
mit der christlichen Glaubenslehre - "obwohl es ihm nicht
gelingen wollte, den einen oder anderen der ihm freigestellten
Artikel zu entwickeln" - sowie mit der Kirchengeschichte,
und glaubt, obgleich ihm der Religions-Unterricht einstweilen
nur für die mittleren Klassen mit Einschluss der Obertertia
anvertraut werden könne, doch, dass es ihm "bei seiner
sonstigen Tüchtigkeit sowie spekulativen Fähigkeit"
leicht fallen dürfte, mit sicherem Erfolge auch in den oberen
Gymnasialklassen in diesem Fache zu unterrichten, falls er sich
nur mit dem Gegenstande auch hier noch näher beschäftigen
wolle.
Im Hebräischen dagegen zeigte der Geprüfte nur ganz
geringe Kenntnisse und vermochte kaum den Text zu lesen.
Der folgende, zweite Tag begann mit einer Prüfung Strehlckes
in der Mathematik - des Kandidaten schwacher Seite, der hier fast
nur auf die verblassten Spuren in der Schule erworbener Kenntnisse
45
zurückweisen konnte und darum unterlag. Da der Mathematiker
Strehlcke zugleich Lehrer des Deutschen war, warf das ungünstige
Resultat in dem einen auch zugleich seine Schatten auf die Prüfung
in dem anderen Fach.
So fiel auch die Prüfung in der Philosophie, die Trendelenburg
leitete, nicht in dem günstigen Masse aus, wie erwartet werden
durfte. Wohl hatte diesem bereits die Arbeit über Schulgesetze
einen nicht unbedeutenden Eindruck hinterlassen, denn er hatte
über sie gesagt: "Der Verfasser versucht eine Deduktion
aus dem Begriffe, worin der Einfluss der neuesten Philosophie
nicht zu verkennen ist Er hat sich sichtlich an eine stufenweise
Entwickelung und strenge Ableitung der Gedanken gewöhnt,
wenn auch die Begriffe durch die oft etwas gezwungene Ableitung
einseitig sollten gefasst sein. Dem Ausdruck ist hier und da eine
grössere Ründung in der Form zu wünschen; denn
das Borstige und Abgerissene in neueren dialektischen Darstellungen
dürfte nicht als Muster gelten können."
Aber die Prüfung selbst, die zwar ebenfalls ein "unverkennbares
Talent in allgemeiner und folgerechter Behandlung der Begriffe"
erkennen liess, zeigte, dass "die positiven Kenntnisse in
der Geschichte der Philosophie mit dieser Fähigkeit keineswegs
gleichen Schritt hielten", und dass "dem Kandidaten
eine tiefere Einsicht in das mathematische Verfahren und somit
eine anschaulichere Kenntnis mehrerer logischer Beziehungen"
fehlte, so dass es von dieser einen Seite her bedenklich erschien,
ihm den propädeutischen Unterricht in der Philosophie und
die Leitung der deutschen Aufsätze in den ersten Klassen
zu übertragen, da der Lehrer den wissenschaftlichen Gesichtskreis
der Schüler beherrschen müsse.
Dazu kam noch, das die dritte, noch nachträglich abgehaltene
Probelektion über den "Begriff und Brauch der deutschen
Konjunktionen" ebenfalls nicht nach Wunsch ausfiel. "Wenn
auch der Kandidat", so sagt Trendelenburg, "sich bestrebt
hatte, den Gegenstand philosophisch zu durchdringen, so hinderten
ihn doch an einer freien und natürlichen Auffassung vorgefasste
philosophische Formen, die er dem Gegenstande willkürlich
anpasste. Er überlieferte den Schülern gemachte und
zum Teil gezwängte Unterschiede und wusste nicht die Begriffe
natürlich und lebendig in den Schülern
46
selbst zu entwickeln," die das "Gekünstelte mancher
Gedankenbestimmungen sichtlich verwirrte".
Alles in allem glaubte Trendelenburg, dass, wenn der Kandidat
diesen Mängeln (in der Geschichte der Philosophie und der
Mathematik) abhülfe, sich von ihm in den beiden Disziplinen,
Philosophie und Deutsch, "nützliche Leistungen"
erwarten liessen. Vor allem erinnerte er ihn daran "durch
ein besonnenes Studium der Quellen die namhaften Lücken zu
füllen, damit die philosophische Richtung seines Gedankenganges
einen festeren Boden gewänne".
Wenn Trendelenburg hätte ahnen können, dass der "Gedankengang"
dieses namenlosen jungen Mannes schon damals vielleicht die Wege
betrat, die in ihren Endzielen den Boden eines Landes, nicht aus
dem Studium der "Quellen", sondern aus den Quellen des
Lebens selbst, gewinnen lassen sollte, von dem er selbst und die
in den Himmeln aller möglichen und unmöglichen Spekulation
Verlorenen sich nie ein rechtes Bild zu machen gewusst hatten
Der letzte Gegenstand der Prüfung umfasste die alten Sprachen
und wieder war Meineke der Examinator. Hatte er über die
Thukydides-Übersetzung ein annehmbares Urteil gefällt
- er bezeichnete sie als klar, einfach und fliessend, und mit
Fleiss und grammatischer Genauigkeit ausgeführt, ohne gelehrt
zu sein, - so war er weniger mit der Probelektion aus Horaz zufrieden
gewesen, bei der er, obwohl er dem Kandidaten das eigene Verständnis
der Stelle zugestand, doch die geringe didaktische Geschicklichkeit
und den geringen Grad von Methode und Fähigkeit, den Schülern
den Sinn des Schriftstellers zu eröffnen, sowie das Matte
und Einschläfernde des Vortrages tadelte. Auch in der mündlichen
Prüfung vermisste er noch den Umfang und die Gediegenheit
grammatischer Kenntnisse, die für den Unterricht in den beiden
oberen Klassen des Gymnasiums qualifizieren könnten, und
gab nur zu, dass die lateinische Sprache schriftlich wie mündlich
mit löblicher Fertigkeit gehandhabt wurde.
Alle diese Urteile wurden noch einmal in dem Prüfungszeugnis
vom 29. April 1835 zusammengefasst, in welchem dem Kandidaten
die bedingte facultas docendi feierlichst erteilt wurde.
Das war kein glänzendes, aber immerhin ein sehr zufriedenstellendes
Resultat, wenn man den aussergewöhnlichen Umfang des
47
Prüfungsgebietes, und die hohen Anforderungen, die gestellt
wurden, im Auge behält. Die grössten Lücken hatte
Schmidt jedenfalls in den sogenannten Examenskenntnissen, dem
für den bestimmten Zweck Auswendiggelernten, gezeigt; an
seiner ungewöhnlichen Begabung hegte wohl keiner der Examinatoren
einen Zweifel. Überdies berechtigte das erzielte Resultat
durchaus zur Anstellung, ohne dass, wie heute, noch ein Nachexamen
nötig gewesen wäre.
So bald als möglich nach bestandenem Examen meldete sich
der Schulamtskandidat Schmidt zur Absolvierung seines pädagogischen
Probejahres und zwar wählte er hierzu die berühmte Königliche
Realschule zu Berlin, deren Direktor Spilleke damals zugleich
der Direktor des Friedrich-Wilhelmstädtischen Gymnasiums
und der Elisabeth-Schule war.
Die von Spilleke für Schmidt bei dem Provinzialschulkollegium
nachgesuchte Erlaubnis wurde erteilt und dieser übernahm
Ostern 1835 den achtstündigen Unterricht im Lateinischen
in der Unterquarta.
Es war, wie gesagt, des jungen Lehrers eigene Wahl, seine ersten
Versuche als Erzieher an einer Realschule zu wagen. Selbst noch
völlig in humanistischen Studien erzogen, musste es ihn reizen,
die andere Seite der realen Bildung an der Quelle kennen zu lernen,
obwohl er wohl schon damals die Einseitigkeiten beider erkannt
und den Grund zu den Anschauungen gelegt hatte, die er nur wenige
Jahre später in einer tiefgründigen und hochbedeutenden
Arbeit mit vollster Schärfe und Klarheit darlegen sollte.
Den genannten Unterricht in der Unterquarta der Realschule setzte
er, nachdem sein Probejahr vollendet war, "aus Liebe zur
Sache und zur Anstalt" freiwillig noch ein halbes Jahr, bis
zum Herbst 1836, fort.
Dann schied er am 1. November von der Schule, der er unentgeltlich
anderthalb Jahre lang einen Teil seiner Kräfte gewidmet hatte.
Den nächsten Winter, 1836 auf 37, füllt Johann Caspar
Schmidt mit neuen Privatstudien aus, und erst am 4. März
1837 bewirbt er sich bei dem "königl. hochwürdigen
Schulkollegium der Provinz
48
Brandenburg" um eine Anstellung gegen Remuneration. Nachdem
er dargetan, dass er bisher nicht gewagt habe, um "hochgeneigte
Berücksichtigung" anzugehen, weil er es für seine
Pflicht gehalten habe, ausser der Zeit seines Probejahres noch
ein Jahr dazu anzuwenden, die Lücken, welche bei einem Examen
noch in philologischer und philosophischer Bildung sichtbar waren,
mit möglichster Gewissenhaftigkeit auszufüllen, und
nachdem er "diesen Mängeln begegnet zu sein glaubt",
sagt er: "so vergönnt es mir meine dermalige Lage nicht
mehr, ohne Bewerbung um einen Berufskreis auch noch für das
Hebräische und Mathematische eine längere Zeit auszusetzen"
und schliesst mit der Versicherung, dass er indessen "entschieden
sei, auch ihnen seine, von Berufspflichten freie Zeit zu widmen".
Auf dieses ernste, ehrliche, von seiner Selbstzucht so beredt
sprechende Schreiben wurde er am 16. März kurzerhand dahin
beschieden, dass sich für jetzt keine Gelegenheit zur Anstellung
oder Beschäftigung zeige; er habe sich "wegen der letzteren"
übrigens an die Gymnasialdirektoren zu wenden.
Ob er diesen Versuch noch gemacht hat, ist zweifelhaft; es liegen
keine Beweise dafür vor und keinesfalls war er von Erfolg
begleitet. Nie hat er eine wirkliche Anstellung an einer staatlichen
Schule inne gehabt und entgegen den so bestimmten Behauptungen
der Lexiken sei hier nochmals ausdrücklich betont: Schmidt
war nie Gymnasiallehrer. Wenn er sich selbst in späteren
Jahren, als er jede erzieherische Tätigkeit überhaupt
längst aufgegeben hatte, so nannte, so folgte er damit nur
dem allgemeinen Brauche, der diese Bezeichnung im Gegensatz zu
den Volksschullehrern anwandte.
Damit mag bei dieser Gelegenheit auch gleich ein anderer Irrtum
beseitigt werden. So nahe es lag und so spielend leicht es ihm
gewiss gewesen wäre, den Doktorgrad zu erwerben, Schmidt
hat, wie festgestellt ist, nie den Versuch gemacht zu promovieren.
Wie er auch diesen Irrtum dadurch selbst hervorrief, dass er zeitweilig
diesen Titel bei seinen polizeilichen Meldungen seinem Namen beifügte,
so war er doch nie Dr. phil.
49
Was Schmidt nach dem Scheitern seiner Hoffnungen unternahm, um
leben zu können, vermag für die nächste Zeit nicht
gesagt zu werden. Wir wissen nur, dass in diesem Sommer 1837 sein
Stiefvater Ballerstedt in Kulm an Altersschwäche im Alter
von 76 Jahren starb (am 19. Juli) und es ist mehr als wahrscheinlich,
dass ihn der Todesfall dorthin gerufen hat.
Schon vorher indessen, noch vor dem Tod dieses ihres zweiten Mannes,
hatte seine an einer "fixen Idee" leidende Mutter, deren
Zustand die Aufnahme in eine Anstalt bald darauf nötig machte,
Kulm verlassen und war, wohl gegen seinen Wunsch, zu ihm gekommen.
Wir sahen sie bereits im August 1834 in Berlin. Ob sie bis zu
ihrer Aufnahme in die Charité, die am 28. Januar 1835 erfolgte,
in Berlin geblieben oder nochmals nach Kulm zurückgekehrt
ist, steht nicht fest. Jedenfalls bleibt sie hier, in der Charite,
bis zum 28. Juli 1836, wo sie "mit unbestimmtem Urlaub als
ungeheilt" entlassen wird, um bis zum 17. Oktober 1837 in
der Chausseestrasse (bei Gaede) zu wohnen, und sich sodann in
die Privatirrenheilanstalt Schönhauser Allee 9, die damals
einer Frau Dr. Klinsmann gehörte, zu begeben und in ihr bis
zu ihrem Tode zu verbleiben.
Nach dem Tode ihres Mannes, 1837, wurde Frau Ballerstedt seine
alleinige Erbin, also auch die des Hauses Nr. 9 in Kulm, doch
wurde für die "blödsinnige Witwe" der Stadtkämmerer
Wach als Kurator eingesetzt.
Sie, seine Mutter, war jetzt Schmidts einzige noch lebende Verwandte,
und wenn die Hinterlassenschaft des Stiefvaters, der schon lange
seine Beschäftigung als Apotheker aufgegeben und als Privatmann
in Kulm mit seiner Frau sehr zurückgezogen gelebt hatte,
keine grosse gewesen war, so war sie ganz auf ihn angewiesen.
Denn auch der Pate Sticht, der Strumpfwirker in Bayreuth, war
1835 aus dem Leben geschieden und Anfang 1838 folgte ihm seine
Witwe, Johann Caspars Tante von väterlicher Seite, der mit
ihnen seine letzten näherstehenden Verwandten verlor.
Es ist ein anderes Familienereignis, das neue Bande in seinem
Leben knüpfen sollte und das unser Interesse zunächst
in Anspruch nimmt: - seine erste Ehe .
50
Als Schmidt Ostern 1833 nach überstandener Krankheit seine
Studien an der Universität mit vollem Eifer wieder aufnahm,
um sie endlich zu Ende zu führen, zog er von der Poststrasse
nach dem Neuen Markt Nr. 2. Dort wohnte er, zwei Treppen hoch,
bei der Stadthebamme D. L. Burtz. Deren Tochter (oder Schwester?),
die sich ebenfalls später zur Hebamme ausbildete, Caroline
Friederike Burtz, besass eine uneheliche Tochter, die am 26. November
1815 geborene Agnes Clara Kunigunde Burtz. Zwischen dieser und
dem neuen Mieter knüpfte sich im Laufe der nächsten
Jahre ein Verhältnis, das aber erst 1837 zur Ehe führen
sollte.
Am 12. Dezember fand die Trauung zwischen ihm und der nun zweiundzwanzigjährigen
Braut, die wie er evangelischer Konfession war, durch den Prediger
von St. Marien zu Berlin statt. Das junge Ehepaar bezog erst eine
Wohnung in der Klosterstrasse 5/6; dann, wenige Monate später,
am 6. April 1838, eine solche in der Oranienburger (Kommunal?)-Strasse 86.
Hier starb die junge Frau am 29. August im Kindbett an einer zu
frühen Entbindung, im Alter von 22 Jahren, 9 Monaten und
3 Tagen. Die Kunst der ihrigen vermochte weder sie noch das Kind
zu retten.
Es war eine stille, harmlose, leidenschaftslose Ehe gewesen, die
die Eheleute geführt hatten. Wie sie sich kennen gelernt
in dem ruhigen Gleichmass der Tage, so lebten sie weiter, und
die Ehe wird keine allzugrossen Veränderungen in ihrem Verkehr
nach aussen hin hervorgebracht haben.
Der traurige Tod löschte schnell und unvermutet die ruhige
Flamme dieses stillen Glückes, wenn es überhaupt so
genannt werden darf, das in anspruchsloser Zufriedenheit gewiss
noch viele Jahre Nahrung aus sich selbst gezogen hätte und
erst erloschen wäre, wenn die Zeit es geboten.
Der vereinsamte Witwer nahm nach der kurzen Unterbrechung sein
früheres Leben wieder auf.
Die alte Burtz hatte mit ihrer Tochter, der "Demoiselle",
die sich nun auch als Stadthebamme etablierte, ebenfalls eine
Wohnungsänderung vorgenommen, und zu ihnen, nach der Neuen
Friedrichstrasse 79, zog nun am 5. Oktober auch Schmidt, und wieder,
wie als
51
Junggeselle, wohnte der junge Witwer bei den beiden Frauen, auch
dieses Mal mehrere Jahre lang, bis ihn eine neue Heirat abermals
von ihnen entfernen sollte.
Auf eine staatliche Anstellung hatte Schmidt längst endgültig
verzichtet. Da er aber auf den Erwerb seiner Lehrtätigkeit
angewiesen war, musste er sich zur Annahme irgendeiner privaten
Stellung entschliessen. Er fand eine solche an der "Lehr-
und Erziehungsanstalt für höhere Töchter"
der Madame Gropius am Köllnischen Fischmarkt 4, in die er
am 1. Oktober 1839 eintrat, um von da an ununterbrochen fünf
Jahre lang an ihr tätig zu sein.
Die Schule war eine wohlbegründete, angesehene Privatanstalt
für halberwachsene Töchter aus den wohlhabenden Kreisen,
die mit Hilfe einiger Lehrer von der Inhaberin selbst und ihren
Schwestern geleitet wurde. Schmidt unterrichtete zunächst
in der ersten Klasse zwei Stunden in deutscher Sprache. In einer
Prüfung, die am 2. März 1840 abgehalten wurde, prüfte
er seine 13 Schülerinnen in der Literaturgeschichte, vor
allem der Schlesischen Dichterschule. "Die Unterhaltung war
anziehend und ergab ein erfreuliches Resultat." - Nach zwei
Jahren übernahmen frühere Zöglinge der Frau Gropius,
die Fräulein Zepp, die Schule. Schmidt gab Lehrstunden in
der zweiten Klasse in Gemeinschaft mit der Vorsteherin, im darauf
folgenden Jahre auch noch Geschichte in der ersten Klasse vor
7 Schülerinnen.
Bei seinen Schülerinnen, die er "viele und lange Aufsätze"
schreiben liess, wie bei den Vorsteherinnen war er seines stets
sich gleich bleibenden, höflichen und ruhigen Wesens sehr
beliebt und geschätzt.
Zu ihrem Erstaunen trat er am 1. Oktober 1844 unvermutet und plötzlich
aus, um von da an nie wieder in seinem Leben eine öffentliche,
wie immer auch geartete, Stellung zu bekleiden.
Doch warum und unter welchen Umständen dies geschah, das zu erzählen, gehört, wie überhaupt die Schilderung dieser letzten und wichtigsten Jahre, bereits in die Aufgabe eines anderen Kapitels.
52
Werfen wir aber zuvor noch einen schnellen Blick rückwärts
und lassen wir noch einmal in grossen Zügen die Jahre an
uns vorüberziehen, die die äussere Entwickelung dieses
Lebens bis zu dem Augenblick bedeuten, wo es sich von anderen
so merkwürdig unterscheidet und - scheidet.
Diese Lern- und Lehrjahre, die vergönnt war, in so scharfen
und fast lückenlosen Umrissen wieder hinstellen zu können,
bilden unzweifelhaft eine der wichtigsten Epochen dieses Lebens.
Sie umfassen das ganze Werden des Mannes und führen ihn selbst
an die Schwelle der Öffentlichkeit. Noch hat er die Tür
zu ihr nicht geöffnet, aber er hat seine Hand bereits an
die Klinke gelegt.
Zwanzig Jahre ist der Jüngling alt, da er als mulus
mit freudigen Hoffnungen die Universität bezieht; dreissig
der Mann, als er sieht, dass alle Anstrengung seiner Jugend ihm
nicht einmal zu einer Anstellung verhelfen kann, in der er sein
Brot findet.
Eine unruhige, mehrfach unterbrochene Studienzeit, in der der
Glanzpunkt wohl jene Reise durch Deutschland ist, die aber im
Ganzen immer wieder unter dem Druck häuslicher Familienverhältnisse
leidet; ein mühseliges Examen, aus dessen Vorbereitungen
ihn Krankheit herausreisst; eine wohl wenig erquickliche Probezeit
als Lehrer ohne Gehalt - das ist der Inhalt dieser zehn Jahre....
Eine grosse Mutlosigkeit ist ihr Resultat. Wir hören von
keinen neuen Versuchen, ihr zu entgehen, nachdem der erste Versuch
um eine Anstellung fehl geschlagen ist. Nur von seiner stillen
Ehe wissen wir, die der Tod so schnell wieder löste.
Jahre einer ruhigen Lehrtätigkeit an einer privaten Anstalt
folgen, zugleich aber auch Jahre, in der reift und zum Ausbruch
kommt, was wir als Frucht dieses Lebens besitzen.
Wie der Boden sich vorbereitete, auf dem sie erwuchs, können
wir nur ahnen. Denn wie über der ersten Jugend, so liegt
über den Lern- und ersten Lehrjahren dieses Lebens jener
Schleier, der wohl die Umrisse erkennen lässt, aber das Innere
verhüllt. Bisher ist noch kein einziger lebender Zeuge diesem
Leben entstanden. Nur Tatsachen, keine Menschen haben gesprochen.
Erst jetzt, etwa mit dem Jahre 1840, treten sie auf und geben
der schweigenden Gestalt
53
Wärme und Ausdruck. Sie belebt sich und spricht zu uns durch
jener Erinnerungen.
Wir verlassen den Lehrer Johann Caspar Schmidt.
Aber bevor wir uns dem Manne zuwenden, der als Max Stirner wieder
vor uns erscheinen wird, haben wir uns eingehend und interessevoll
mit jenem Kreise zu beschäftigen, in dem sich von nun an
sein Leben abspielen sollte auf viele Jahre hinaus, aus dem uns
die Zeugen kommen, durch die er nun zu uns redet, und der den
natürlichen Rahmen bildet zu seinem späteren Bilde.
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
56
DRITTES KAPITEL
DIE "FREIEN" BEI HIPPEL
IM FÜNFTEN JAHRZEHNT DES JAHRHUNDERTS
HIPPEL IN DER FRIEDRICHSTRASSE. - ERSTE ANFÄNGE DER "FRElEN".
- CHARAKTERISTIK. - DER INNERE RING. - DER WEITERE KREIS DER BESUCHER.
- DREI GÄSTE. - DIE "FREIEN" IN DER ÖFFENTLICHKEIT.
- TON DES KREISES. - SEINE BEDEUTUNG.
57
In den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts befand sich
in dem Hause No. 94 der Friedrichstrasse in Berlin - es steht
noch und liegt der Mittelfassade des heutigen Zentral-Hotels ziemlich
gegenüber - eine jener einfachen, aber gediegenen und gemütlichen
Weinstuben, wie sie uns heute etwa noch in der berühmten
Habel'schen unter den Linden erscheint.
Der Name ihres Inhabers hatte einen guten Klang als Weinhändler
in Berlin. Schon der alte J. M. R. Hippel hatte das Geschäft
Jahrzehnte lang besessen; nachdem es dann seine Witwe einige Jahre
geführt, trat sie es 1841 an ihren Sohn Jacob Hippel ab.
In dieser Weinstube begann sich ungefähr um dieselbe Zeit,
vielleicht ein Jahr später, ein Kreis von Männern allabendlich
zu versammeln, der sich aus sehr verschiedenen Elementen zusammensetzte,
die nur das eine miteinander gemein hatten: mehr oder minder unzufrieden
mit den bestehenden politischen und sozialen Verhältnissen
ihrer Zeit zu sein und sie mehr oder minder heftig in der Öffentlichkeit
zu bekämpfen.
Diese ausgesprochene "äusserste Linke" in der grossen
geistigen Bewegung der damaligen Zeit erhielt - ob mit, ob ohne
ihr Zutun - den Namen der "Freien" (da alles in der
Welt einen Namen haben muss) und hat unter ihm in der Geschichte
der vormärzlichen Zeit eine gewisse Berühmtheit erlangt,
die sich hauptsächlich an die Tätigkeit des einen und
anderen unter ihren Gliedern knüpfte.
Die ersten Anfänge der "Freien" datieren übrigens
- um es ausdrücklich zu bemerken - nicht von Hippel her.
Aber die Hippel'sche Weinstube verdrängte bald so sehr alle
anderen Kneipen in der Gunst dieses Kreises und so lange ist er
ihr unentwegt treu geblieben, so eng hat sich der Name Hippel
mit dem seiner interessantesten Gäste verknüpft, dass
ihm billig in dieser Beschreibung
58
der Platz gebührt, den er sich in der Kulturgeschichte jener
Tage, wenn auch nur in einer bescheidenen Fussnote, erworben hat.
Wir finden die "Freien" vielmehr zuerst - gleich nach
1840 - in dem Herzen Berlins, in der alten Poststrasse. Dort,
hinter der Nicolaikirche an der Ecke der Eiergasse, befand sich
eine Bierwirtschaft "Zum Kronprinzen", deren Wirt Kernbach
geheissen haben soll und in dessen geräumigem, aber niedrigem
und "spärlich erleuchtetem" Gastzimmer die ersten
regelmässigen Zusammenkünfte stattfanden. - Ebenfalls
in der Poststrasse, in der "Alten Post", dem Zeitungsverlagshaus,
muss sich ein anderes Lokal, die Weinwirtschaft von Walburg (oder
Wallburg) befunden haben, die der bevorzugte Stammsitz einiger
aus dem Kreise war, und, ebenfalls vor der Übersiedelung
zu Hippel, grosse Anziehungskraft ausgeübt haben soll.
Auch eine Bierkneipe in der Kronenstrasse soll den ersten Zusammenkünften
der "Athenäer und Freunde des Volkes" oft gedient
haben.
Doch verlieren sich alle diese ersten Anfänge allzusehr in
das Dunkel der Zeiten, und ihre ersten Spuren sind bis zur Unkenntlichkeit
verwischt.
Mit wenigen Worten eine Charakteristik der "Freien"
zu geben, ist nicht allzu leicht.
Nur so viel: sie bildeten durchaus keinen "Verein",
wenn sie auch oft als solcher betrachtet und missverstanden wurden.
Sie haben nie die Attribute eines solchen beansprucht: nie hatten
sie einen "Vorsitzenden", nie stellten sie Regeln oder
Satzungen auf, von denen ihre Zu- oder Nichtzugehörigkeit
abhängig gewesen wäre.
Ohne jede bestimmte Absicht entstanden, hielt sich der Kreis nur
durch die gegenseitige Teilnahme seiner Glieder aneinander. Wohl
konzentrierte sich das Interesse vieler auf den "inneren
Ring" derer, die einmal zu den beständigen Besuchern
gehörten und so ganz von selbst den "Stamm" bildeten,
dann aber, zum Teil wenigstens, auch durch den öffentlich
geführten Kampf mit ihrer Zeit die Aufmerksamkeit vor allem
auf sich und ihre Namen zogen. Aber auch der weitere Kreis dieses
Ringes war noch interessant genug, um zu seinem Ruf beizutragen.
Er ist ungeheuer gross,
59
und wenn wir die langen Reihen der Namen vor uns haben, hält
es fast schwer, sich in der bunten und wogenden Fülle der
Kommenden und Gehenden zurechtzufinden. Da waren natürlich
an erster Stelle die liberalen Journalisten, die sich angezogen
fühlen mussten von dem Bilde, das in seiner reichen Beweglichkeit
ihnen immer neuen Stoff zur Anregung bot, und die bei Hippel die
im Lesekabinett und bei Stehely am Nachmittag begonnenen politischen
Debatten bis in die Nacht hinein fortsetzten; da waren die Schriftsteller
und Dichter, die sich berauschten an den Worten, die an der lauten
Tafel erklangen und die kommende Zeit geradezu heraufzubeschwören
schienen; da die jungen Studenten, die hier dieWahrheiten massenhaft
hören konnten, die ihnen von den Kathedern herunter ganz
sicher nicht gepredigt wurden.
Da waren weiter die klugen und scharfen Köpfe, die, der Worte
und des Wartens müde, mit der Verwirklichung einer Freiheit
die ganze herbeiführen zu können glaubten und sich mit
der Beute des Freihandels beladen zurückzogen; da einige
Offiziere, deren Horizont über Weiber und Pferde hinausging,
und die kühn genug waren, sich in den "oben" so
verrufenen Kreis zwanglos zu mischen; da endlich eine grosse,
bunte Schar von Gästen aller Art, die kamen und gingen, wiederkamen
und fortblieben, und - last not least - da die Damen, die natürlich
nicht als solche, sondern als gute Kameraden behandelt wurden
und ein offenes Wort nicht übel nehmen durften.
Der grösste Teil der Gesellschaft bestand, wenigstens im
Anfang, aus jungen Leuten zwischen zwanzig und dreissig Jahren,
und selbst Bruno Bauer, einer der ältesten, hatte damals
die Dreissig kaum überschritten.
Alle aber ersehnten sie eine neue Zeit und riefen stürmisch
nach ihr . . .
Wer nun aber waren die "Freien"? - "Die Namen will
ich, die Namen!"
Wie bereits gesagt, waren es die "versprengten Freicorps
des Radikalismus", die - in ewiger Fehde mit den sie umgebenden
Verhältnissen - sich unter dieser Bezeichnung zu einem zwanglosen
Verkehr sammelten und sich vor allem um einen Mann scharten, dessen
Name in jener Zeit einen weithin gehörten, gefürchteten
60
Klang hatte, um Bruno Bauer. Der scharfsinnige Bibelkritiker war
seiner Stellung als Privatdozent an der theologischen Fakultät
in Bonn enthoben und soeben - im Frühjahr 1842 - von dort
nach Berlin zurückgekehrt, um hier im Verein mit seinem Bruder
Edgar seine weiteren Schlachten zu schlagen. Seine Absetzung hatte
enormes Aufsehen erregt, und die Augen der Öffentlichkeit
waren auf den unerschrockenen Mann gerichtet. In Berlin nun sammelten
sich gleich von neuem wieder die "Freien" um ihn, der
an Ruhm und Jahren ihnen voraus war, und so sehr ist Bruno Bauer
überall als ihr eigentliches Haupt betrachtet, dass ihm billig
auch hier, in der Betrachtung des inneren Ringes der Freien,
die erste und breiteste Stelle gebührt.
Der Vater der Bauers betrieb im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts
in der Taubenstrasse nahe der Dreifaltigkeitskirche ein kleines
Porzellangeschäft. Er war aus dem Altenburgischen Orte Eisenberg
nach Berlin gekommen, um hier seinen Söhnen eine möglichst
gute Erziehung zuteil werden zu lassen. Egbert und Bruno (1809
geboren) waren noch Kinder, der dritte Bruder Edgar wurde erst
nach der Übersiedelung der Familie nach Charlottenburg 1820
geboren.
Bruno, unbedingt der befähigtste unter seinen Brüdern,
ein unruhiger, kritisch veranlagter Kopf, studierte in Berlin
1827 und die folgenden Jahre unter Marheineke und Schleiermacher
Theologie, vor allem aber Philosophie, natürlich bei Hegel.
Im Anfang begeisterter Hegelianer der alten Richtung, habilitierte
er sich, ein Schützling des Ministers Altenstein und zu dem
Kreise junger Leute um die Bettina gehörig, die für
sie Studien unter den Ärmsten der Armen im Berliner Vogtland
machen mussten, 1834 in Berlin in der theologischen Fakultät.
Bald darauf begann er auch seine literarische Laufbahn mit einer
Kritik des eben erschienenen, höchste Erregung hervorrufenden
"Leben Jesu" von Strauss, noch in dem Glauben: die "geschichtliche
Offenbarung" mit dem "freien Selbstbewusstsein"
vereinigen zu können.
Wie bald er diesen Glauben als Täuschung empfand, zeigt ein
Blick auf seine kritische Tätigkeit, die ihn in schnellster
Aufeinanderfolge von dem Alt-Hegelianismus ab und weit über
Strauss
61
noch hinaus zu der Kritik der evangelischen Synoptiker und zu
der Enthüllung der inneren Widersprüche und ganzen Inkonsequenz
der Hegel'schen Philosophie in seiner anonymen Broschüre
"Die Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel den
Atheisten", sowie weiter zu seiner Absetzung als Privatdozent
in Bonn führte. Der Minister Altenstein hatte seinen Schützling
schon früher fallen gelassen, als dieser sich immer weiter
"nach links entwickelte".
Bruno verteidigte sich in glänzender Weise in seiner "guten
Sache der Freiheit" und fuhr fort, sich zu entwickeln. Er
erwarb in Charlottenburg seinem Bruder Egbert einen Zigarrenladen,
der mit einem Verlagsgeschäft verbunden war, in dem nun seine
und Edgars Bücher erschienen und bald als bedeutungsvolle
Publikation die "Allgemeine Literatur-Zeitung" von 1843-1844
hervortrat.
Die rastlos über Freund und Feind forteilende, von ihm ins
Leben gerufene und geleitete Bewegung der "Kritik" schlug
in diesem Organ ihre heftigsten Schlachten, in denen um die "absolute
Emanzipation" des Individuums, das jedoch nicht den Boden
des "reinen Menschentums" verlassen durfte, mit ebensoviel
Heftigkeit als Begabung gekämpft wurde. Der Feind, dem der
Kampf galt, war allmählich die "Masse" geworden:
in diesem Schlagwort fasste die "kritisch gewordene"
und "absolute" Kritik nach der Überwindung der
Theologie "an Stelle aller einzelnen Formen der Beschränktheit
und der Abhängigkeit" sämtliche dem "Geiste"
feindlichen Bestrebungen zusammen.
Als "Masse" galten somit der "kritischen Kritik"
ebensowohl die radikalen politischen Bestrebungen des Liberalismus
der ersten vierziger Jahre, als auch die damals erwachende soziale
Bewegung, in deren kommunistischen Forderungen sie mit Recht eine
äusserste Bedrohung des "Selbstbewusstseins", der
persönlichen Freiheit, erblickten. Die Antwort blieb von
dieser letzten Seite nicht aus: Marx und Engels, die Berlin und
die "Freien" unterdessen verlassen, gaben sie 1845 in
ihrem gehässigen Pamphlet "Die heilige Familie oder
Kritik der kritischen Kritik, gegen Bruno Bauer und Konsorten".
Die "Literatur-Zeitung", die doch wohl allzu geschäftsmässig
bei ihren kritischen Hinrichtungen verfuhr, konnte sich nicht
halten, und, da die "Masse" selbst allmählich anfing,
"kritisch zu werden",
62
wandte sich Bruno Bauer wieder historischen und zeitgeschichtlichen
Arbeiten zu, die sich im Laufe der nächsten Jahre als Ergebnisse
einer reichen und fruchtbaren, teilweise von Jungnitz und seinem
Bruder Edgar unterstützten Tätigkeit zu einer langen
Reihe von Bänden sammelten, bis er dann nach der Revolution
die Bibelkritik, die seinen Namen berühmt gemacht hatte,
wieder aufnahm.
Die Bewegung der Kritik war bereits erloschen. Bruno hatte zuletzt
selbst ihre "Gesinnungslosigkeit" proklamiert und damit
auch die letzten unter seinen - nie sehr zahlreichen - Anhängern
vor den Kopf gestossen, sodass auch sie von ihm abgefallen waren.
Die "heilige Familie", um zu ihr zurückzukehren
- so wurde spöttischerweise der Kreis genannt, der sich um
Bauer in Charlottenburg bildete und sich zum grössten Teil
aus den nicht allzu zahlreichen Mitarbeitern der Literatur-Zeitung
zusammensetzte. Sie erhielt oft Verstärkung und Zuschuss
an Mitgliedern von den "Freien", und im Sommer wurden
von Charlottenburg aus die gemeinschaftlichen Ausflüge nach
dem "Spandauer Bock", dem kleinen Haus an der Heide,
gemacht. Im übrigen aber war die "heilige Familie"
doch wesentlich verschieden von den "Freien". Es überwog
in ihr das weibliche Element zeitweise ganz bedeutend und auffällige
Erscheinungen, wie die der Louise Aston, brachten genügend
Leben in das stille, einträchtige Haus, in dem die Brüder
unablässig fleissig arbeiteten, während der Vater-Porzellanmaler
mit Egbert die Bücherballen band und die alte Mutter geschäftig
vorn im Laden Zigarren verkaufte.
Brunos um elf Jahre jüngerer Bruder Edgar hatte ebenfalls
auf seinen Antrieb hin zuerst Theologie studiert, sich dann aber
aus praktischen Gründen der Rechtswissenschaft zugewandt.
Er besass bei weitem nicht die geistige Bedeutung Brunos und stand
lange Zeit völlig unter dessen Einfluss. Manche Wandlungen
seiner Ansichten sind nur so zu erklären.
Gleich Bruno zunächst Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher
von Ruge (1838ff), war seine erste Schrift eine Verteidigung seines
Bruders gelegentlich dessen Absetzung. Beiden war nun jede öffentliche
Stellung in Preussen ein für allemal verschlossen.
Ein Jahr später wurde ihm wegen seiner scharfen und mutigen
Arbeit "Der Streit der Kritik mit Kirche und Staat"
ein lang-
63
wieriger Prozess gemacht, der mit seiner Verurteilung zu drei
Jahren Festungshaft endete, die er von 1846 an in Magdeburg verbüsste.
Wie Bruno, und kaum minder fruchtbar, wenn auch weniger gründlich,
beschäftigte er sich dort mit Geschichtsschreibung, um sich
dann nach seiner Entlassung - wieder in Berlin - in die Bewegung
der Revolutionsjahre zu stürzen.
Als dritter im Kreise der "Freien" wäre der Schriftsteller
Ludwig Buhl zu nennen. Wenn die Namen der Bauers, besonders der
Brunos, heute noch eine gewisse Geltung haben, ist Buhl so gut
wie vergessen, und seine Schriften werden schwerlich je wieder
ans Tageslicht gezogen werden. Und doch stand er - "in einem
schwachen Körper eine starke, unverwüstliche Natur"
- an kritischer Schärfe den Brüdern keineswegs nach,
übertraf beide jedenfalls an Schärfe des Blicks für
die politische Zeitlage. Er war einer der ersten, der erkannte,
dass die Kritik sich nicht gegen diese oder jene Form des Staates,
sondern gegen das Wesen des Staates überhaupt zu richten
habe, um irgendwelche praktischen Resultate zu erzielen. Diese
Ansicht vertrat er zuerst in seiner "Berliner Monatsschrift",
von der noch die Rede sein wird, nachdem er sozialpolitischen
Fragen schon wiederholt in seiner bald verbotenen Zeitschrift
"Der Patriot" von 1842, in seiner Schrift über
die Verfassungsfrage und in seinem Buch über "die Herrschaft
des Gebiets- und Bodenprivilegiums in Preussen" nahe getreten
war. Ein ausgezeichneter Übersetzer z.B. der "Zehn Jahre"
von Louis Blanc, "wo er jedes dieu mit Vernunft übersetzte",
und trotz aller Hast seiner Arbeiten ein sorgsamer Stilist, gilt
seine Übertragung der Casanova'schen Memoiren noch heute
allgemein für unübertrefflich.
Buhl (ursprünglich Boule) entstammte der französischen
Kolonie und war 1814 in Berlin geboren. Wenn er nicht irgendeine
Gefängnistrafe abzusitzen hatte, deren er sich zahlreiche,
einmal durch seine Schriften, ein anderes Mal durch ein ironisches
Hoch auf die Polizei, auflud - er war bald drei Wochen, bald drei
Monate, einmal sogar ein Jahr auf der Festung - ,so war er immer
bei Hippel zu sehen, einer der treuesten Besucher und einer der
- lautesten.
Senior des Kreises und neben Bruno Bauer einer seiner angesehensten
und bedeutendsten war der Gymnasiallehrer Carl Friedrich
64
Köppen, der Anfang der vierziger Jahre in den oberen Klassen
der Dorotheenstädtischen Realschule unterrichtete. Er verkehrte
lange Jahre bei Hippel, eng mit den "Häuptern"
befreundet. "Es konnte nicht fehlen, dass ein verlorenes
Echo der genialisch-tollen Symposien, die sie miteinander hielten,
in den Gesprächen des Lehrers mit dem Schüler zu Zeiten
widerklang", sagt einer dieser Schüler in dankbarer
Erinnerung an den trefflichen und allgemein geachteten Mann. Glaubwürdigen
Zeugnissen nach soll Köppen indessen schon bald aus dem Kreis
fortgeblieben sein, da er sich ihm geistig doch wohl nicht verwandt
genug fühlte.
Ein Kollege Köppens und mit ihm oft bei Hippel war der Seminarlehrer
Mussak, ein unstudierter Mann, aber von gesellschaftlicher Bildung,
der an der National-Zeitung mitarbeitete, und, aus ihr herausgedrängt,
Redakteur der "Deutschen Reform" wurde.
Ebenfalls zu den regelmässigsten Gästen bei Hippel gehörte
der Literat Dr. Eduard Meyen, der, 1812 in Berlin geboren, dort
und in Heidelberg Philosophie und Philologie studiert und sich
später ausschliesslich literarischer Tätigkeit zugewandt
hatte, die zu eifrigster Mitarbeiterschaft an den verschiedensten
Zeitungen, den Hallischen Jahrbüchern, sowie zur Übernahme
der Redaktion der "Literarischen Zeitung" führte,
jedoch in keinem selbständigen Werke Spuren hinterliess.
Meyen war ein geachteter, ehrlicher Tagesjournalist. Wie scharf
seine Feder werden konnte, hatte er bereits vor 1840 in seiner
Streitschrift gegen den Historiker Heinrich Leo, den "verhallerten
Pietisten", gezeigt. Meyen war übrigens der Onkel des
Dichters Alfred Meissner.
Körperlich, wenn auch nicht geistig, überragte alle
anderen der Journalist Friedrich Sass, ein geborener Lübecker,
wegen seiner sechs Fuss hohen Gestalt meist "der lange Sass"
genannt. Er war ein fähiger Journalist und gab durch eine
Broschüre, die er unter dem lange festgehaltenen Pseudonym
Alexander Soltwedel schrieb, den ersten Anstoss zur Bildung einer
deutschen Flotte. Auch war er eine Zeit lang der Herausgeber des
"Pilot". Sein umfangreichstes Werk, das er 1846 veröffentlichte,
behandelt "Berlin" und ist nicht ohne Wert, beweist
aber, wie wenig er sich Mühe gegeben hatte, in den geistigen
Gedankenkreis seiner Hippel'schen Freunde einzu-
65
dringen. Aber nicht dies Werk, sondern seine gelungenen Gassenhauer,
wie die "Lieder" auf den Bürgermeister Tschech
und den Mörder Kühnapfel, die von ihm herrühren
sollen, haben sich ihrer drolligen Ungeniertheit wegen in dem
Gedächtnis der Zeit erhalten. Der "lange Sass",
auch "Literarchos" genannt, war ständiger Kaffeegast
bei Stehely und verkehrte viel mit den "Freien", für
die er ebensowohl die Zielscheibe des Witzes abgab, wie später
für den " Kladderadatsch."
Gleichfalls Journalist, aber weit höher begabt, dabei ein
Stück Dichter und eine Natur nicht ohne einen genialen Zug
ins Grosse, war Hermann Maron. Aus sehr gutem Hause, von Jugend
an verwöhnt, doch ohne Vermögen, um seinen Neigungen
leben zu können, brachte ihm das Leben frühzeitige Enttäuschungen.
Er muss bei Hippel noch in späteren Jahren, als die Gesellschaft
schon anfing sich aufzulösen, verkehrt haben.
Ständiger Besucher war Dr. Adolf Rutenberg, der Schwager
der Bauers, der von der "Rheinischen Zeitung" wieder
herübergekommene alte Burschenschaftler und aller Philosophie
abholde, sehr tätige Tagesschriftsteller.
Für eine Zeit soll auch Dr. Arthur Müller, der im Jahre
I848 die "Ewige Lampe" redigierte, ein fleissiger Besucher
gewesen sein.
Desweiteren verkehrte unter den "Freien" der Lieutenant
Saint-Paul. Er war als Zensor nach Köln gesandt, um dort
die "Rheinische Zeitung" zu beobachten, war aber viel
lieber mit ihren Redakteuren abends gemütlich zusammen. Als
sie dennoch einging, kehrte er nach Berlin zurück. Er war
einer der lebhaftesten des ganzen Kreises und kümmerte sich
innerlich wenig um die Tendenzen der "Kritik", wenn
er sich bei ihr nur amüsierte.
Zu dem inneren Ring hat auch Ludwig Eichler gehört, der Mann
im roten wallenden Bart und im schäbigen, grünen Flausrock,
der vielgenannte Volksredner mit der mächtigen Stimme, Virtuose
im Entbehren und im Übersetzen französischer Romane,
und von grundanständiger Gesinnung.
Ferner ein gewisser Lehmann, genannt "Zippel", ein Philologe,
der "die weiche romantische Poetennatur unter der künstlich
angenommenen Maske des verwegensten Zynikers" verbarg und
66
später zum treuen literarischen Schildknappen Bettinas, des
"Kindes", wurde.
Endlich der Assessor Gustav Lipke, späterer Rechtsanwalt
und Mitglied des Reichstags, der seiner politischen Reden wegen
gelegentlich verhaftet wurde, ein Freund Bruno Bauers bis zu dessen
Tode.
Wenn wir nun von der Betrachtung dieses "inneren Ringes"
bei Hippel zu der des weiteren Kreises übergehen, soll zunächst
betont werden, dass gewiss mancher aus diesem letzteren wenigstens
zeitweise ebenso oft und öfter zu Hippel kam wie die Genannten
und deshalb ebensowohl eine genauere Schilderung verdient hätte.
Aber teils werden ihre Namen doch im Laufe der Jahre nicht so
regelmässig und immer wieder genannt, teils zogen sie auch
das Interesse noch nicht so auf sich wie jene.
Eine fast unübersehbare Schar, dieser weitere Kreis . . .
Es wäre eine vergebliche Mühe, auch nur den Versuch
zu machen, zu sagen, wann, wie oft und wie lange jeder einzelne
dieser wirren Menge bei Hippel verkehrte. Da ist einer, der vielleicht
nur ein paar Mal kam, um dann für immer fortzubleiben; da
ein anderer, der Jahre zwischen seinen ersten und letzten Besuch
legte; da ein Dritter, der regelmässig eine kurze Zeit kam,
so regelmässig wie nur einer; und da ein Vierter, der kam,
wenn es ihm gerade passte . . . Und alle diese gehen und kommen
in der langen Zeit wohl eines Jahrzehnts!
Daher ist mehr als eine Namensaufzählung zu geben unmöglich.
Um einigermassen die Übersicht zu erleichtern, wurde, soweit
es anging, in Gruppen zusammengestellt, was entweder von einer
solchen, so von dem Rütli, zu den "Freien" kam,
oder von diesen heraus selbst zu einer solchen wurde, wie der
"Freihandels-Verein". Auch was sich später aus
Gründen des Interesses zu einem besonderen Zweck anderweitig
wieder vereinte, etwa zur Gründung einer Zeitung, wurde zusammen
genannt. Dass mit dieser sich von selbst ergebenden Art der Anordnung
der vielen Namen keine "Klassifizierung" irgendeiner
Art bezweckt wird, braucht hoffentlich nicht besonders betont
zu werden.
Ebenso begreiflich ist es, dass sie sämtlich hier nur kurz
gestreift werden und unser Interesse nur in zweiter Linie in Anspruch
nehmen
67
dürfen. Über viele wird man sich an anderen Orten ausführlicher
unterrichten können. Auf alle hatte auch der flüchtigste
Besuch bei den "Freien" einen gewissen Eindruck hinterlassen
und nur bei einigen wurde er im Laufe der Jahre völlig verwischt.
Kaum einer von ihnen allen ist mehr am Leben: Einige sind in Elend
und Verlassenheit gestorben, andere "brachten es zu etwas"
und gelangten zu "Ehren und Würden". Alle aber
wurden sie auseinandergesprengt und über die Erde verstreut,
und nur die wenigsten standen untereinander später wohl noch
in irgendeiner Beziehung.
Ganz ausserordentlich gross ist die Zahl der Journalisten, die
bei Hippel aus- und eingingen. Sie setzten sich zum Teil aus denen
zusammen, die auch nachmittags in dem berühmten "roten
Zimmer" der Stehely'schen Konditorei zusammentrafen, teils
hatten sie keine so ausgesprochen radikale politische Anschauung
und kamen mehr der Neugierde wegen und aus flüchtigem Interesse.
Einer der begabtesten und wohl der energischste unter ihnen allen,
obwohl man es ihm nicht ansah, war Gustav Julius, der früh
in London sterben sollte, der Gründer der "Berliner
Zeitungshalle", des in den Revolutionsjahren so vielbesuchten
und in der Geschichte jener Tage so oft genannten Lesezimmers
an der Ecke der Jaeger- und Oberwallstrasse und des gleichnamigen
radikalen Blattes. Dann kamen: Dr. Karl Nauwerck, der "politische
Lehrer der Jugend", ein stiller und fleissiger, aber innerlich
gemässigter Privatdozent an der Universität, der Verfasser
der Schrift: "Über die Teilnahme am Staate" und
Mitarbeiter der "Deutschen Jahrbücher", dessen
Absetzung 1844 Aufsehen erregte und den Studenten Gelegenheit
zu einer grossen Demonstration gab; Guido Weiss, hervorragender
Stilist und einer der besten deutschen Journalisten, der spätere
Begründer der "Zukunft" und der "Wage";
Adolph Streckfuss, der sich lebhaft an der Revolution beteiligte;
Feodor Wehl, der Redakteur der "Wespen"; Max Cohnheim,
ein junger Journalist; Albert Fränkel, einer der ältesten
Mitarbeiter der "Gartenlaube"; Adolph Wolff, genannt
der "schwarze Wolff", der auch Schönfliess hiess,
der Verfasser der "Revolutions-Chronik"; Ludwig Köppe
aus Dessau, der Bruder des früheren anhaltischen Ministers;
Jungnitz, der Mitarbeiter Bruno Bauers an dessen
68
"Denkwürdigkeiten zur Geschichte der neueren Zeit";
JuIius Löwenberg, späterhin Mitarbeiter der "Vossischen
Zeitung"; und endlich ein G. Wachenhusen, der Verfasser
einer Schrift "An die deutschen Studenten".
Neben den Journalisten wurden auch junge Dichter viel bei Hippel
gesehen, Begeisterung bringend und mit sich nehmend aus dem stets
anregenden Kreise. Waren sie doch alle miteinander hineingerissen
in die heisse Erregung jener Tage, und nahmen sie doch damals
noch lebendigen Anteil an den Fragen, die ihre Zeit bewegten,
ohne Angst vor der "Tendenz". Da sah man den jungen
Rudolph Gottschall, der - von Königsberg seiner "Zensurflüchtlinge"
und seines " Ulrich von Hutten" wegen verwiesen - in
Berlin 1844 sein Jahr bei den Gardeschützen abdiente; etwas
früher, 1843, den vierundzwanzigjährigen, schon den
Doktorgrad tragenden Wilhelm Jordan, der eben seine ersten Lieder
von der "Glocke und Kanone" gesungen und nun hier die
Gestalten seines späteren "Demiurgos" vor sich
sah; ferner Karl Beck, den genialen Sänger der "Nächte",
der bereits seine "Gesammelten Gedichte" erscheinen
lassen konnte und von allen Seiten in Berlin ausgezeichnet wurde;
da einen jüngeren, heute verschollenen Dichter Otto von Wenckstern,
einen Wuppertaler, der in Bonn studiert hatte; endlich den heute
ebenfalls vergessenen Reinhold Solger, den hochbegabten Dichter
des leider unvollendeten "Hans von Katzefingen", der
mit Kossuth nach Amerika ging, wo er starb.
Unter den Dichtern sei auch J. L. Klein, der Dramatiker und Herausgeber
des "Modenspiegels" genannt, dessen "Zenobia"
damals eben erschienen war; und endlich noch einer interessanten
Erscheinung gedacht, der des Königsbergers Albert Dulk, des
Verfassers der dramatischen Dichtung "Orla", der später
zur Sozialdemokratie überging.
Manche der Mitglieder der "Freien" gehörten auch
oder in erster Linie anderen Vereinigungen an, oder bildeten solche,
nachdem sie durch ihre Bekanntschaft ein gemeinschaftliches Interessenprinzip
gefunden hatten.
So kamen von ihrem "Rütli", einem literarisch-wissenschaftlichen
Verein, der aber auch den "höheren Blödsinn"
eifrig pflegte, junge und begabte Köpfe zu den "Freien"
herüber, um gerngesehene
69
Gastrollen zu geben oder auch länger zu bleiben. Wir nennen
Titus Ullrich, den jungen Dichter des "hohen Liedes";
den Musikkritiker und Humoristen Ernst Kossak; den Geschichtsmaler
Heinrich Ulke, der mit jugendfrischer Begeisterung jede neue Freiheitsidee
in sich aufnahm; und einen Wilhelm Caspary, Mitarbeiter am "Freimütigen".
Der Besuch dieser Rütlileute fällt vor allem in die
Jahre 1844-46.
Zum Teil aus diesem Rütli-Verein hervorgegangen waren die
späteren Begründer und Mitarbeiter des "Kladderadatsch",
alle bei Hippel mehr oder minder eifrige Gäste. Vor allen
David Kalisch, der eigentliche Vater des "Kladderadatsch",
wie der der "Berliner Posse", der bei den "Freien"
seines Witzes wegen gern gesehen wurde, aber auch von ihrer scharfen
Kritik manches gelernt haben mag. Dann dessen Vettern: Rudolf
Löwenstein, der Mnemoniker und Dichter reizender Kinderlieder,
und Ernst Dohm, der indessen erst in späteren Jahren zu Hippel
kam, wie er ja auch erst 1849 nach dem Wiederaufleben des "Kladderadatsch"
an dessen Spitze trat. Endlich des Blattes späterer lllustrator,
der Zeichner Berliner Lebens, Wilhelm Scholz, der aber nur einige
Male kam.
Als weitere Gruppe wären die zu nennen, die sich später
unter ihrer gemeinsamen Idee des Freihandels zu einem "Freihandels-Verein"
enger zusammen schlossen.
Unter ihnen an erster Stelle Julius Faucher, der eigentlich seinen
Platz in dem "engeren Ringe" hätte haben müssen,
denn er war lange Zeit ein regelmässiger Besucher bei Hippel
und wahrlich keiner der langweiligen. Er war 1820 in einem der
Eckhäuser an der Kreuzung der Friedrichstrasse und der Linden
in Berlin geboren. Sein Vater gehörte der französischen
Kolonie an, den Nachkommen der ehemaligen Emigranten. Auch Julius
hatte mehr von einem Romanen als einem Deutschen an sich. Von
scharfem Verstand, schlagendem, aber nie rohem Witz, sprudelnder
Lebhaftigkeit war er eine durch und durch geniale Natur und überall
ein beliebter Gesellschafter. Er hatte sich 1845 mit der Pflegetochter
des Hutmachers Sommerbrodt, Karoline, verheiratet und kam ein
Jahr später von Berlin nach Stettin, und von da nach ruhelosen
Agitationsreisen nach Berlin zurück, wo er nach der Revolution
die "Abendpost" gründete,
70
eine der bestredigierten, radikalsten und interessantesten Tageszeitungen,
die jemals existiert haben. Da sie dem "Zwangsstaat"
von mehr als einer Seite und mit den schärfsten Waffen zu
Leibe ging, machte dieser ihr das Leben auf seine bekannte Art
und Weise unmöglich und Faucher ging mit dem ebenfalls an
ihr beteiligten Dr. Meyen nach London.
Dem Freihandels-Verein, dessen Seele er war, gehörten ausserdem
von den "weiteren Hippelianern" noch an: der Literat
Dr. Bettziech, der unter dem Pseudonym H. Beta spätere eifrige
Mitarbeiter der "Gartenlaube", lahm und verwachsen und
arm wie Hiob, aber immer vergnügt; der "dicke"
Stein; John Prince-Smith, der bekannte Freihändler; Walter
Rogge, der glänzende Stilist und spätere Pfarrer; und
Dr. Wiss, der lange Zeit in freundschaftlichster Weise mit den
Häuptern der "Freien" bei Hippel verkehrt haben
muss, später mit Ruge die "Reform" zu gründen
versuchte und dann nach Amerika ging, wo er Redakteur der amerikanischen
Turnzeitung wurde, bis er wieder nach Europa zurückkehrte.
Da waren ferner die, welche sich später zur Begründung
der National-Zeitung und Mitarbeiterschaft an ihr zusammentaten
und dann teilweise auch fortblieben: zunächst Dr. Friedrich
Zabel, damals noch Lehrer an einer höheren Schule, ihr eigentlicher
Begründer und späterer Leiter; Otto Michaelis, der Freihändler
und spätere Schöpfer der Gewerbeordnung; Otto Wolff,
der dann nach Stettin als Redakteur ging; Theodor Mügge,
der seine fruchtbare Laufbahn als Romanschriftsteller soeben mit
seinem "Toussaint" begonnen hatte; und der schon im
inneren Kreis genannte Adolf Rutenberg.
Dann die späteren Mitarbeiter der genannten Zeitung: die
Brüder Adolph und Otto Gumprecht aus Erfurt, Reiseschriftsteller
der eine, Musikkritiker der andere.
Auch die späteren Sozialisten erschienen und waren sogar
im ersten Anfang fleissige Besucher des Kreises, bis ihre Tätigkeit
sie von Berlin forttrieb und bevor ihre persönlich so gehässige
Kritik ihr Verweilen in ihm unmöglich gemacht hätte.
Gleich im Anfang der vierziger Jahre tritt uns hier die Gestalt
von Karl Marx entgegen und, etwas später und erst, als Marx
bereits Berlin verlassen, die
71
seines Freundes Friedrich Engels. Ferner der Lyriker Ernst Dronke,
der Verfasser eines Buches über "Berlin" und von
Novellen "Aus dem Volke", der schon bald vor den Schikanen
der Polizei nach England flüchten musste und, wie Marx und
Engels, Redakteur an der "Neuen Rheinischen Zeitung"
von 1848.
Von den einzelnen, die als zeitweilige Besucher bei Hippel erschienen
und im Laufe der Jahre hier und da, öfter oder seltener,
die Zahl der Gesellschaft durch ihr Erscheinen vermehrten, seien
die folgenden noch genannt:
Hermann Raster, damals ein junger Student, später der bekannte
Redakteur der "Illinois Staatszeitung" in Chicago; Alexander
Kapp, ebenfalls ein junger Student der Rechte; der "lange
Liederling" Hieronymus Thrun, seines Zeichens Musiklehrer,
ein verbummeltes Genie; ein Architekt Freiesleben aus Dessau,
einer der späteren "lateinischen Bauern" in Texas;
der Referendar Eduard Flottwell, ältester Sohn des Oberpräsidenten,
der sich später als Photograph durchs Leben schlug; Enno
Sander, der sich am badischen Aufstand beteiligte; W. von Neumann,
dessen Vetter; der Ästhetiker Max Schasler; die Buchhändler
Wilhelm Cornelius, der frühere Anhänger der Rheinbundidee
und Gefangene von Graudenz, und Twietmeyer; von Förster,
ein geistreicher Zyniker; Bürgermeister Zehrmann, später
in Potsdam; Max Schmidt, ein junger Maler aus Weimar; ein Freiherr
von Gaudy; Alcibiades Faucher, Bruder von Jules, der geistig mehr
als schwerfällig war und sich alle Abende seinen Rausch antrank.
Und um noch einige weitere Namen wieder zu nennen, wie sie genannt
wurden, ohne jeden weiteren Anhaltspunkt: ein von Leitner aus
Österreich; ein Jurist Nernst; Carl Noback; und Dr. Julius
Waldeck, ein gescheiter Arzt und Vetter Johann Jacobys.
In der Revolutionszeit traten viele neue Gesichter flüchtig
in den Kreis der Freien; manche würden dem Kenner der Geschichte
jener Tage vertraut ins Ohr klingen, aber ihre Erscheinungen verschwanden
so schnell wie sie gekommen wieder und wir haben bereits der Namen
zu viele genannt.
Aber, wird man fragen, es waren doch auch Frauen bei "Hippel"?
- Ganz gewiss, und wir sehen sie unbefangen und ohne Ziererei
an
72
dem lauten Tische sitzen, der von ihrem Geiste dieselbe Männlichkeit
verlangte, wie von jedem anderen Besucher, wenn es galt, ohne
jede Sentimentalität und Prüderie die Fragen zu behandeln,
welche Tag und Zufall gerade gaben.
Leider wissen wir ausser der einen, die uns noch so viel beschäftigen
wird, nur von sehr wenigen. Da war die Frau des Dr. Wiss, eine
Demokratin vom Scheitel bis zur Sohle; eine verheiratete Schauspielerin
von Ruf, deren Name vergeblich gesucht wurde; und Karoline Sommerbrodt,
die Frau Fauchers, die, von einer reichen Tante sorgfältig
erzogen und an die besten geselligen Formen gewöhnt, es nur
mit Widerstreben duldete, dass die Zusammenkünfte zuweilen
auch nach ihrem Salon in der Dessauer Strasse verlegt wurden,
aber doch immer gute Miene zum bösen Spiel machte. Mehrere
Männer brachten auch ihre Geliebten mit, so Buhl die seine,
die den Spitznamen Mirabeau führte und sich rühmte,
den ganzen "sittlichen Kram" zum Fenster hinausgeworfen
zu haben. Endlich sei noch Louise Aston genannt. Sie war eine
der auffallendsten Erscheinungen der damaligen Zeit. Jung verheiratet
und bald geschieden von ihrem Mann, einem Engländer, temperamentvoll
und leidenschaftlich, war ihr, bevor sie nach Berlin kam, bereits
ein gewisser Ruf vorangegangen. Ihre anmutige Erscheinung, ihre
elegante Toilette, die sie zuweilen mit Männerkleidern vertauschte,
ihr ganzes freies und doch nicht lautes Auftreten fesselte auch
hier die Aufmerksamkeit vieler. Sie wurde 1846, ihres Umganges
mit den radikalen Elementen wegen, ausgewiesen, lebte einige Zeit
in der Nähe Berlins und kehrte erst später dorthin zurück.
Übrigens erschien sie selten unter den "Freien".
Ihre Schriften sind ohne besondere Bedeutung und verraten wenig
von der Originalität ihrer Persönlichkeit, die wohl
mehr in Äusserlichkeiten bestanden haben mag.
Auch Gäste erschienen öfters an der Tafelrunde, die
auf der Durchreise begriffen waren und, von dem Ruf der "Freien"
angelockt, sich in Berlin durch den Augenschein von der Wahrheit
der Gerüchte zu überzeugen und die Träger der so
oft genannten Namen in persönlichem Umgange kennen zu lernen
wünschten.
73
Von drei solchen flüchtigen Gastbesuchen bekannter Persönlichkeiten
hat sich die Kunde erhalten, aber es muss leider gleich hinzugefügt
werden, dass keine einzige dieser drei Grössen es auch nur
für die Länge eines Abends unter den ihnen "allzu
Freien" aushielt, sondern nach kurzem Aufenthalt verschwand.
Der erste war Arnold Ruge. Er erschien Anfang November 1842 eines
Abends mit dem Verleger Otto Wigand aus Leipzig und seinem Bruder
Ludwig bei Walburg in der Poststrasse. Es trieb ihn, die Leute
von Angesicht zu Angesicht zu sehen, mit denen er als Herausgeber
der "Hallischen Jahrbücher" schon so lange in regem
Verkehr gestanden. Er traf die ganze Gesellschaft beisammen. Ludwig
Ruge erzählt: "Anfangs war es ziemlich stille, und er
bildete den Mittelpunkt der Unterhaltung. Nach und nach befreiten
sich einige aus der philiströsen Unterhaltung" - Ruge
hatte mit Bauer, Nauwerck und Köppen oen Plan einer "freien
Universität", unter den damaligen Umständen ein
Ding der Unmöglichkeit, erörtert, und den Jüngeren,
die erst still zugehört hatten, wurde die Sache langweilig
und sie opponierten - "und verfielen in ihren alten gewohnten
Ton. Die freie Stimmung steigerte sich bis ins Unglaubliche. Ich
sah, wie Arnold stumm und wie versteinert dasass. Ein Sturm musste
ausbrechen, denn es kochte und siedete in ihm. Mit einem Mal sprang
er auf und rief mit lauter Stimme: 'Ihr wollt frei sein und merkt
nicht, dass ihr bis über die Ohren in einem stinkenden Schlamm
steckt! Mit Schweinereien befreit man keine Menschen und Völker!
- Reinigt euch zuerst selbst, bevor ihr an eine so grosse Aufgabe
geht!'"
Damit verliess der eitle Mann, dessen sehr überschätzte
geistige Bedeutung seinem Einfluss in damaliger Zeit nie gleichgekommen
ist, die Gesellschaft, um nie wiederzukehren. Man kann sich denken,
dass der moralische Entrüstungsausbruch dieses Predigers
in der Wüste bei den Zurückbleibenden nur die ungeheuerste
Heiterkeit erregte und wird die Bitterkeit verstehen, mit der
nachher von dem in seinen heiligsten Gefühlen Gekränkten
auf die "Freien" losgezogen wurde. Wenn dies gleichgültige
Ereignis auch nicht zu "einem allgemeinen Stadtklatsch"
gedieh, so trug es doch dazu bei, die "Freien" nach
aussen hin in Verruf zu bringen, um so mehr,
74
als sie selbst natürlich nicht daran dachten, zu antworten.
Arnold Ruge aber bildete sich allen Ernstes ein, "halb und
halb die Gesellschaft gesprengt zu haben".
Ein zweiter Besucher benahm sich zwar weniger albern als Ruge,
indem er einfach stillschweigend fortging, als es ihm nicht mehr
gefiel, war aber nicht glücklicher. Es war Georg Herwegh,
der Dichter der "Gedichte eines Lebendigen", der auf
seiner Triumphreise durch Deutschland ebenfalls im November 1842
nach Berlin gekommen war, wo er von dem König bekanntermassen
empfangen wurde, obwohl seine Gedichte erst kurz vorher in Preussen
verboten worden waren. Er blieb bei den "Freien" nur
eine kurze Weile, sprach auf Verlangen einige seiner Verse mit
gewohnter Verve und ging wieder. In seinem Urteil über die
Gesellschaft - er spricht von ihrer "Polissonnerie"
- ist er offenbar stark durch Ruge beeinflusst worden, der sagt,
dass Herwegh sogar Verse gegen das Unwesen gedichtet habe. Jedenfalls
hatte sich der junge, gefeierte, damals schon so verhätschelte
Dichter unter den freimütigen, formlosen Kritikern aller
Verhältnisse wenig wohl gefühlt.
In der Öffentlichkeit wurde nachher behauptet, die "Freien"
hätten Herweghs Besuch zum Anlass einer grossen Demonstration
machen wollen, und es wurde heftig darüber hin und her gestritten,
ob der Dichter überhaupt unter ihnen gewesen sei oder nicht.
Herwegh selbst hat in einem an die "Rheinische Zeitung"
gerichteten, noch unveröffentlichten Brief seinen Besuch
überhaupt geleugnet, und wir müssen es ihm somit glauben.
Genug, dass die Existenz der "Freien" auf alle Fälle
wieder einmal festgestellt war. Sie waren eben, wie Bruno Bauer
später sagte, das Gespenst des Jahres 1842; und mit Recht
meint er, dass Herwegh sie besser hätte studieren müssen,
als er es getan, um über sie so urteilen zu können
Ein dritter Gast, gleichfalls nur für den Teil eines einzigen
Abends, war ein weit weniger bedeutender Dichter: Hoffmann von
Fallersleben. Der in Breslau abgesetzte Professor durchzog als
wehklagender Barde die deutschen Gaue und kam auch nach Berlin.
Es war wieder die "Weinstube in der Poststrasse" und
nicht Hippel, die die Ehre auch dieses Besuches empfing. Hoffmann
behauptet, die beiden Bauers "in einem unzurechnungsfähigen
Zu-
75
stande" gefunden und bei ihren "rohen und gemeinen Äusserungen
sich so unbehaglich gefühlt" zu haben, dass er ausgewandert
sei. Klingt schon der erste Vorwurf gerade aus diesem Munde etwas
merkwürdig, so haben hier zweifellos auch noch andere Umstände
mitgewirkt, um den höheren Bänkelsänger zum Fortgehen
zu bewegen.
Aber, wie gesagt, die "Freien" liessen alle Kritik stillschweigend
über sich ergehen und lachten höchstens dazu.
Der Besuch solcher Gäste, wie diese drei, trug nun zwar wesentlich
dazu bei, den Ruf der "Freien" in der Öffentlichkeit
zu verbreiten, aber in durchaus keiner schmeichelhaften Weise,
und in der Presse - allerdings in welcher Presse! - wurde kaum
jemals ein gutes Wort über die "Hippel'sche Bande"
gesagt.
Wie viel dabei auf Rechnung der Sensation zu schreiben war, werden
wir noch sehen. Einstweilen fragen wir, was überhaupt das
Tun und Treiben einer privaten Gesellschaft die Öffentlichkeit
anging ?
Es war so gekommen. Ein offenbar beschäftigungsloser Korrespondent
der "Königsberger Zeitung" hatte Anfang Juni 1842
dorthin in einem langen Artikel über die Entstehung eines
Vereins berichtet, "dessen Zweck dahin gehen sollte, die
bekannten holsteinischen 'Philalethen' aus dem Ende des vorigen
Jahrhunderts zu erneuern" und der den Namen "die Freien"
führen würde. Was der betreffende Korrespondent dann
weiter faselt, ist ungefähr das folgende: wie jene älteren
Philalethen verwerfe auch der "Verein der Freien" die
Bibel, wolle auch an Stelle der Tradition kein anderes bestimmtes
Glaubensbekenntnis setzen, sondern einzig und allein die Autonomie
des Geistes aufs Schild erheben, überhaupt schliesse sich
der neue Verein dem alten in allen Punkten an, nur nicht in seinem
Verhalten zur Staatsgewalt; der neue Verein sei vielmehr entschlossen,
gleich von Anfang an entschiedener hervorzutreten, so den Austritt
seiner Mitglieder aus der Kirche öffentlich zu erklären,
um nicht durch rein passives Verhalten in den Verdacht der Heuchelei
zu geraten; u.s.w.
Es versteht sich von selbst, dass dieser ganze Unsinn entweder
in dem Gehirn des lohnhungrigen Tagesschreibers selbst entstanden
76
war, oder ihm durch einen Spassmacher der Hippelianer suggeriert
und dann von dem Nichtswisser für bare Münze genommen
worden war.
Von Berlin aus hiess es denn auch nach Königsberg, dass man
"hiesigenorts" überhaupt von dem "neuen Verein"
nichts wüsste.
Aber das "Frankfurter Journal" liess sich abermals und
noch gründlicher düpieren. Es brachte sogar in einem
Artikel vom 7. Juni das angebliche "Glaubensbekenntnis"
der "Freien". So wahnsinnig erscheint dieses Dokument,
wenn man die wirklichen Ansichten der so radikalen Gesellschaft
kennt, dass man geneigt ist, irgendeine grobe Verwechselung oder
Unterschiebung anzunehmen. Denn wenn aus dem Königsberger
noch der soufflierende Schalk spricht, so hat sich offenbar der
Frankfurter den Wisch irgendeiner religiösen Sekte in die
Hand stecken lassen. So heisst es in diesem Glaubensbekenntnis,
um nur einen Satz zu zitieren: "Wir glauben an einen einzigen,
allmächtigen, allweisen Gott, den Schöpfer Himmels und
der Erde, den Vater aller Wesen . . ." und am Schluss: "Wir
feiern mit kindlichem Danke Feste zur Ehre des einigen Gottes
. . . der unserer Seele gnädig sein möge jetzt und in
Ewigkeit".
Die Öffentlichkeit glaubte denn auch nie im Ernste an die
Existenz der Gesellschaft und blieb im Unklaren über ihre
Ziele und Zwecke.
Was später in sie drang, beschränkte sich auf kurze
Notizen, die allerdings ganz darauf berechnet waren, dem Philister
einen Schauder vor dem wüsten Treiben der Verworfenen einzujagen,
und sie ihm in Wirklichkeit so erscheinen zu lassen, wie sich
seine Phantasie die "Verneiner alles Göttlich- und Menschlich-Heiligen"
in ihren Träumen darstellte.
Eine Rolle haben die "Freien" als solche nie gespielt.
Als sich in den Revolutionsjahren einige aus dem Kreise an der
Bewegung beteiligten, taten sie es auf eigene Faust, und die Öffentlichkeit
hatte den Kreis bereits so aus den Augen verloren, dass man ihre
Namen nicht einmal mehr mit ihm in Verbindung brachte.
Er wäre heute überhaupt vergessen, wenn nicht die Erinnerung
an einzelne, die ihm angehörten, immer wieder auch die an
die Stätte ihrer Zusammenkünfte wachgerufen und wachgehalten
hätte.
77
Wie ging es nun bei Hippel zu?
War der Ton des Kreises wirklich ein derart unerhörter, wie
berichtet wurde, oder beruhten die Gerüchte nicht zum grössten
Teil auf mehr oder minder böswilligen Übertreibungen,
sowie auf Voreingenommenheit des Urteils?
Ganz gewiss ist das letztere der Fall.
Vor allem war der Ton ein sehr verschiedener, je nach der Zahl
und Art derer, die gerade zusammentrafen.
Es mochte vorkommen, dass, wenn man zu Hippel kam, man Bruno Bauer
mit irgendeinem der Anwesenden in eifriges Kartenspiel vertieft
fand, das stundenlang dauern konnte. Es war Kreuz- oder Eichel-Mariage,
was man spielte; kaum wurde ein Wort gesprochen, und den Pfeifen
entstiegen dichte Wolken; nur ab und zu fiel eine Bemerkung. Und
wie er gekommen, so ging der kleine, knorrige Mann wieder und
die anderen, die sich ebenso still auf ihre Weise amüsiert
hatten, ebenfalls. Erstaunt frugen dann die Zuschauer eines solchen
Abends: so also beschäftigen sich Menschen mit "Stirnen,
an denen der Verstand zu Tage liegt"? - Aber das sind ja
die reinen Philister!
Man konnte es aber auch anders treffen, besonders wenn viele der
jüngeren Leute dabei waren. Dann war die ganze lange Tafel
bis an das unterste Ende besetzt und in heftiger, lauter Diskussion
verflog der Abend: eine Bemerkung war gefallen, die irgendeinem
nicht gefiel, er hatte sie aufgenommen, ein Dritter hatte geantwortet
und bald war das lebhafteste Gespräch im Gange. Lange sprach
keiner und jeder suchte sich kurz zu fassen. Höchstens Bruno
Bauer hörte man einmal länger zu, wenn er in seiner
scharfen, etwas überlegenen Weise sprach. Aber jeder sagte
auch, was er dachte, und verschwiegen oder in gewählte Form
gegossen wurde nichts. Nur Hand und Fuss musste haben, was man
sagte.
Dass an allem die schärfste Kritik geübt wurde, war
selbstverständlich. Vieles wurde mit dem Worte "Dreck"
abgetan und oft wurde hierfür auch noch ein stärkeres
gewählt. Wenn sich dann eine solche Unterhaltung bis an das
Ende des Tisches gepflanzt, die ganze Gesellschaft ergriffen hatte
und immer lebhafter und lauter wurde, dann mochte wohl ein zufällig
zu Hippel geratener Fremder,
78
der von einem Nebentische her zuhörte und dem bei all den
Schlagworten der Hegel'schen Schule, von denen er kein einziges
verstand, etwas bänglich zu Mute wurde, sich schauernd fragen,
wohin er denn eigentlich geraten sei.
Auch dass manche Abende in eine forcierte Lustigkeit ausliefen;
dass von einem ernsten Gespräch dann keine Rede mehr war;
dass einer den anderen durch Erzählen von Zoten und Zynismen
zu überbieten suchte, ist wahr, und es wird bei solchen Gelegenheiten
wohl vorgekommen sein, dass Edgar Bauer sich als richtiger Gamin
auf dem Boden wälzte, oder Ludwig Buhl die Grenzen des Geschmacks
allzuweit überschritt, als dass sein Betragen noch hätte
entschuldbar gefunden werden können.
Aber regelmässig endeten so diese Abende doch nicht. Die
meisten verliefen vielmehr in der anregendsten und unbefangensten
Weise.
Man betrat die zu ebener Erde gelegene Weinstube in der Friedrichstrasse 94,
nachdem man in den Torbogen getreten war und sich nach rechts
gewandt hatte, befand sich in einem geräumigen schmucklosen
Zimmer, durch dessen Mitte hin sich ein langer Tisch erstreckte
und nahm an ihm Platz, wo gerade einer frei war, und wo es einem
beliebte. Hatte man Lust, so nahm man am Gespräch teil, natürlich
ohne sich seinem Nachbar erst "vorzustellen" - es konnte
oft lange dauern, bis man zufällig erfuhr, wer der war -
; hatte man keine Lust zu reden, so schwieg man. Bald kam auch
Hippel heran, der für gewöhnlich wortkarg, aber immer
aufmerksam in seiner Ecke stand und mehr innerlich an dem Treiben
seiner Gäste Anteil nahm, und brachte das Gewünschte.
An Stoff zu Gesprächen fehlte es in jenen erregten Jahren
ja nie: da war die Zensur, die unerschöpflichen Anlass zu
stets neuer Beleuchtung der herrschenden Gewalt bot; die Zwanzig-Bogen-Frage;
die immer mehr um sich greifende Bewegung des Sozialismus und
ihr Gang durch die verschiedenen Länder, der beginnende Judenhass;
die religiöse und die studentische Bewegung; die eigenen,
unaufhörlichen Kämpfe mit den Autoritäten - um
nur einige dieser Themata zu nennen und hundert andere zu übergehen.
Getrunken wurde im Allgemeinen nicht über den Durst und wenn
auch Fälle von Trunkenheit vorgekommen sein mögen, so
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gehörten sie doch zu den Ausnahmen; wie mancher Fremde mag
übrigens schon in der leidenschaftlichen Lebhaftigkeit des
einen oder anderen Bezechtheit erblickt haben!
Dagegen waren Einzelne der "Freien" in Foppereien und
Neckereien gross. Galten diese nun einem zufällig in die
Gesellschaft geschneiten Fremden, der sich selbst als brauchbares
Opfer auswies, oder der Öffentlichkeit, indem man in eine
Erklärung zu Gunsten der "Lichtfreunde" z.B. unter
viele andere auch die Namen der am meisten genannten "Freien"
einschmuggelte - man war stets dabei, die Dummheit und Einfalt
zum Narren zu halten, wie man sich auch gegenseitig nicht immer
gerade zart anpackte.
Hippel genoss auch deshalb die Gunst der "Freien" in
so besonderem Masse, weil er - pumpte. Als aber auch seine Geduld
einmal zu Ende ging und er sich weigerte, noch weiter Kredit zu
geben, da ergrimmten die "Freien" und zogen unter die
Linden, wo Kriegsrat gehalten wurde, der denn auch zu einem überraschenden
Resultat führte. Man beschloss, die Linden "abzufechten".
Es war Enno Sander, in dessen Kopf diese geniale Idee auftauchte
und der sie auch zuerst ausführte. Sobald er ein seinem Zwecke
dienlich erscheinendes Individuum bemerkte, trat er hinzu, zog
den Hut und bat demütig: "Ich wollte bitten um eine
Kleinigkeit, und wenn's auch bloss ein Taler wär'. Hippel
pumpt nicht mehr und wir möchten gern noch eine Bowle trinken
. . ." Am ersten Abend sollen sie besonderes Glück gehabt
haben: gleich einer der ersten war ein Fremder, der den Witz belachte
und die ganze Gesellschaft zurück zu Hippel nahm, wo bis
zum Morgengrauen, und mehr als eine Bowle, getrunken wurde. Am
ersten Abend - denn dieser Scherz wurde in allem Ernst mehrfach
wiederholt: man zerstreute sich, verabredete eine bestimmte Strassenecke
und traf sich nach einer halben Stunde wieder, um den Raub zusammenzutun
und ihn im Kapkeller oder irgendwo anders in Flüssigkeit
und Freude umzusetzen. Wenn man auch nicht immer einen "fremden
Herrn" fand, so brachte man es doch ein anderes Mal auf zehn
Taler und immer auf etwas.
Im Sommer wurden gemeinschaftliche Ausflüge nach dem "Spandauer
Bock" gemacht, oft in grosser Anzahl, oder auch nach Treptow
und anderen Punkten der Umgebung.
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Bei ganz besonderen Gelegenheiten aber ging es nach Köthen.
Dort hatte sich nach dem Muster der "Freien" die "Kellergesellschaft"
gebildet, in der es zuweilen noch toller hergegangen sein soll
als an den lautesten Abenden bei Hippel. Kamen nun die "Freien"
erst herüber, so erreichte die Fröhlichkeit ihren höchsten
Gipfel, und die Welt wurde, so weit es anging, auf "den Kopf
gestellt", bis man nach einigen durchjubelten Tagen und Nächten
wieder nach Berlin zurückkehrte.
So ging es bei den "Freien" zu . . .
Wir werden ihr ganzes Treiben nur recht verstehen können,
wenn wir eines nicht vergessen: alle diese Männer lebten
in der sicheren Hoffnung, bald in das Leben der Freiheit zu treten.
Da aber das so sehnsüchtig erhoffte sich immer noch nicht
öffnete, so benahm man sich wie in seinen Flegeljahren: ungeduldig,
launisch und widerspruchsvoll. Aber dieser scheinbare Fehler war
zugleich der Vorzug der jugendfrischen Leute, und es macht gerade
wiederum den grössten Reiz ihrer Gesellschaft aus, dass in
jedem jede Stimmung des Augenblicks ihren ungezwungen Ausdruck
finden durfte. Wenn sie auch noch keine "Freien" gewesen
sind, so waren sie doch alle innig bestrebt, als solche zu erscheinen
. . .
In diesem unablässigen Ringen nach Freiheit lag auch die
Bedeutung des Kreises. Zu keiner Zeit war die Kritik, die Mutter
allen Fortschritts, so angesehen, wie damals unter seinen Mitgliedern;
nie war sie unerbittlicher gewesen und niemals vorher hatte sie
sich so weit vorgewagt. Sie legte ihre Axt an Begriffe, die bis
dahin unerschütterlich festgestanden hatten. Ihre Ehrlichkeit
war so gross wie ihre Unerschrockenheit. Sie war noch weit von
ihrem letzten Ziel: was sie gewann, war wenig mehr als was sie
aufgegeben.
Aber einer war unter ihnen, der sie über sie hinaus zu ihm führen sollte . . .
Wir haben gesehen, wie der "schlechte Ruf" der "Freien"
entstanden war: durch die Gäste, die in der nichts verschonenden
Runde nicht die gehoffte Rolle spielen durften und sich deshalb
von ihr "abgestossen fühlten"; und durch jene,
die überhaupt für dies un-
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gebundene, kecke, laute und oft zügellose Leben keinen Sinn
hatten und nur seine nicht immer glatten Äusserlichkeiten
sahen.
So viel des Anekdotenhaften über die Tafelrunde berichtet
worden ist, so wenig Worte gerechter Würdigung sind für
sie gefunden worden. Und doch haben so viele in ihr gesessen,
wohl an die hundert, und jeder hat - wenn oft auch nur wenige
- Stunden der Anregung in ihr verlebt, freie und darum gute Worte
vernommen, und ist nicht ärmer gegangen als er gekommen,
es sei denn an - "Idealen"! . . .
Einzig und allein durch die ihm innewohnende Anziehungskraft hat
sich der merkwürdige Kreis fast ein ganzes bewegtes Jahrzehnt
hindurch gehalten, allein ein Beweis schon für seine Bedeutung.
So ist er eine gute Schule scharfer Beweisführung und unerschrockenen
Denkens gewesen in einer Zeit, als alles Alte zusammenzubrechen
schien, um dem Neuen Platz zu machen. Und als das Alte in anderer
Form sich wieder erhob, haben die stillen und unsichtbaren Errungenschaften
jener Tage doch noch fortgewirkt und sich erneuert in den unseren.
Darum ist es nicht zu viel, wenn wir sagen : Kaum jemals in der
Geschichte eines Volkes - es sei denn zur Zeit der französischen
Enzyklopädisten - hat sich ein Kreis von Männern zusammengefunden,
so bedeutend, so eigenartig, so interessant, so radikal und so
unbekümmert um jedes Urteil, wie die "Freien" bei
Hippel ihn in dem fünften Jahrzehnt des Jahrhunderts in Berlin
gebildet haben.
Es war ein Kreis, vielleicht nicht wert, aber auch nicht unwürdig
eines Mannes, der eines seiner treuesten Mitglieder und seine
grösste Zierde gewesen ist, eines Mannes, durch den er für
die Nachwelt eine Bedeutung und ein Interesse gewonnen hat, die
den Namen der "Freien" mit dem seinen hinübertragen
werden in das Gedächtnis der Zukunft.
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VIERTES KAPITEL
MAX STIRNER
1840-1845
DER NAME STIRNER.-ÄUSSERE ERSCHEINUNG.-WESEN UND CHARAKTER.
- STIRNER UNTER DEN "FREIEN". - ERSTE VERÖFFENTLICHUNGEN.-ZEITUNGSKORRESPONDENT.
- LITERARISCHE ARBEITEN. - ZWEITE EHE. - GESCHICHTE DER TRAUUNG.
- MARIE DÄHNHARDT.- DIE JAHRE DER HÖHE.
85
In diesem Kreise der "Freien" erscheint während
eines vollen Jahrzehnts die Gestalt Max Stirners.
Denn Max Stirner - so wurde Johann Caspar Schmidt schon als Student
von seinen Kommilitonen seiner auffallend hohen Stirn wegen genannt,
so unterzeichnete er seine ersten öffentlichen Arbeiten,
so wurde er in dem Kreise seiner Bekannten ausschliesslich angeredet
und so nannte er sich selbst, um diesen Namen endlich auch auf
jenes Werk zu setzen, das ihn unsterblich machen sollte für
alle Zeiten...
Und Stirner, so sei er von jetzt an auch hier genannt.
Wer nun war Max Stirner? - Wie sah er aus? - Wie war sein Wesen?
- Und welches war sein Charakter? -
Mit einem Worte: wie war der Mensch? - Das ist die Frage, die
bisher so völlig unberücksichtigt bleiben musste, weil
sich keine Zeugen für ihre Beantwortung finden konnten, die
nun aber, wo der, dem sie gilt, für uns in den "Kreis
der Lebenden" tritt, vor allen anderen mit Recht die erste
und eingehendste Beachtung beansprucht.
Äusserlich von Mittelgrösse - eher unter, als über
ihr - war Max Stirner ein gut gewachsener, schlanker, fast hagerer
Mann, unauffällig in jeder Weise. Einfach, aber stets mit
peinlicher Sorgfalt und Sauberkeit gekleidet, war seine gedrungene
Erscheinung durchaus die eines Menschen ohne jede äussere
Prätension, und wenn er hier und da für einen Dandy
erklärt wurde, so mag daran erinnert werden, dass manche
schon jeden ordentlichen, wenn auch noch so einfach gekleideten
Menschen für einen Stutzer halten, was Stirner ganz gewiss
nicht war. Er hatte vielmehr etwas von einem höheren Lehrer
an sich, "einem höheren Mädchenlehrer besserer
Art", und dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch
die silberne Brille - als Lehrer bei der Frau Gropius soll er
eine "dünne Stahlbrille mit
86
kleinen Gläsern" getragen haben, - die, wenn er sie
abnahm, was er öfters tat, den durch sie verursachten starken
Einschnitt über der Nase zeigte.
Nie erschien er vernachlässigt, wenn er auch in späteren
Jahren, als Not und Vereinsamung ihn bedrängten, nicht mehr
die alte Genauigkeit auf sein Äusseres verwandt haben mag.
Er trug einen kurzen blonden Backen- und Schnurrbart, während
das Kinn stets glattrasiert war, und das blonde, ins Rötliche
spielende, leichtgelockte und kurzgeschnittene weiche Haar liess
die mächtige, gewölbte, ganz auffallend hohe und bedeutende
Stirn völlig frei.
Hinter der Brille blickten helle, blaue Augen ruhig und sanft,
weder träumerisch noch durchbohrend, auf Menschen und Dinge.
Den feinen, schmallippigen Mund umspielte gern ein freundliches
Lächeln, das sich indessen mit den Jahren verschärfte
und die innerliche Ironie verriet, wie überhaupt von manchem
eine "stille Geneigtheit zum Spott" bei Stirner bemerkt
wurde. Dieser Zug, von anderen wieder als Verbitterung ausgelegt,
hatte ihn aber in den Jahren, in denen er uns hier erscheint,
sicher noch nicht ergriffen, und hat sich noch weniger jemals
gegen irgendjemand verletzend gewandt.
Die Nase war mässig gross, kräftig, spitz auslaufend;
das Kinn ebenfalls von energischer Form. Besonders schön
waren Stirners Hände: weisse, wohlgepflegte, schlanke, "aristokratische"
Hände.. .
Alles in allem war so seine stattliche Erscheinung durchaus sympathisch.
Selbstbewusst, ruhig, ohne hastige und eckige Bewegungen, soll
ihr ein leiser Zug von Pedanterie nicht gefehlt haben.
So schmerzlich es ist, es existiert doch kein Bild, das die Schilderung
zu bekräftigen und zu vertiefen im Stande wäre.
Seinem Äusseren entsprach durchaus Stirners Wesen und Charakter,
deren Grundzug der einer unerschütterlichen Ruhe und Gelassenheit
war.
Von unbedingter, gleichmässiger Liebenswürdigkeit allen
gegenüber, mit denen er verkehrte; nie vom Zorn hingerissen
oder gar von ihm übermannt; gefällig, wo er es sein
konnte - so wenig er sonst
87
besagt, gibt doch von seiner Hilfsbereitschaft gerade der eine
der beiden von seiner Hand noch erhaltene Brief einen Beweis -
; unaufdringlich in jeder Weise, in Wort wie in Tat; ohne Überhebung
und ohne Eitelkeit, genoss er die allgemeinste Achtung und Sympathie,
und nie, aber auch nie, soll es vorgekommen sein, dass er irgendjemandem
einen Vorwurf gemacht und ihn ermahnt, oder etwas Missliebiges
hinter dem "Rücken des Nächsten" gesagt hätte
- ein Zeugnis innerlicher Vornehmheit, wie es gewiss nur wenige
Menschen für sich in Anspruch nehmen dürfen.
So hatte Stirner keinen einzigen persönlichen Feind. Da er
selbst durch seine Person und sein Leben das Urtdl nicht herausforderte
und keinem Menschen zu nahe trat, fiel es nicht auf ihn.
Aber wie er keinen Feind hatte, so hat er auch keinen einzigen
intimen Freund besessen. Durchaus geschmackvoll, wie er war, mussten
ihm die brüderlichen Umarmungen ebensowohl wie die sentimentalen
Herzensergiessungen der jugendlichen Freundschaft ein Greuel gewesen
sein, und in späteren Jahren brauchte er offenbar keinen
Vertrauten für das, womit er selbst fertigzuwerden sich zutrauen
durfte. Das Beste und Tiefste hat er trotzdem mit verblüffender
Offenherzigkeit gesagt, aber er hat sein Wort nicht gerichtet
an die ihn Umgebenden und Nahestehenden, die ihm nicht folgen
konnten, sondern über sie hinaus an die, die er nicht kannte
und in denen er doch vielleicht seine besten Freunde gesehen hat...
Wer auch wohl hätte ihm eine geistige Freundschaft bieten
können, die er nicht hinter sich gelassen hätte auf
seinem langen Gang? - Die Vorgeschrittensten seiner Zeit hatte
er in fast täglichem Verkehr um sich: sie waren alle mehr
oder minder stecken geblieben, so weit sie auch schon gegangen
sein mochten, in der Kritik dessen, das er bereits vernichtet.
Ausser dem Verkehr mit ihnen aber verlautet nichts von anderweitigen
Bekanntschaften Stirners, und es darf mit Recht angenommen werden,
dass, da seine sämtlichen anderen persönlichen Beziehungen
unverfolgbar sind und keine Anhaltspunkte irgendeiner Art sich
ergeben, er weitere überhaupt nicht angeknüpft hat;
dass er einsam wie seine Gedanken durch das Leben gegangen ist.
Diese eigentümliche Verschlossenheit seines Charakters erstreckt
sich auch auf sein ganzes privates Leben. Man wusste nichts von
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ihm: von seinem Leben, seinem Erwerb, seinen Neigungen, seinen
Freuden und Leiden. Er verbarg sie, indem er nie über sie
sprach, sie nie äusserte. Es muss in der Art seines Wesens
ein schweigend-abweisender Zug gelegen haben, der vorlaute und
neugierige Fragen nicht herankommen liess. Und ausserdem hatte
von den Hippelianern ja jeder so viel mit sich zu tun!
Gewiss hat Stirner nur wenige Menschen in seinem Leben geliebt
und wirklich geachtet und sicherlich hatte er ein Recht dazu.
Die Masse muss ihm so gleichgültig gewesen sein wie ihr ganzes
Gebaren, und er muss nur zu oft das Gefühl empfunden haben,
von dem er einmal spricht: sich in einem Tollhause unter lauter
Narren zu befinden. Er wählte das einzige Mittel, das sich
ihm bot: er ging den Narren möglichst aus dem Wege. Er kümmerte
sich nicht um sie. Daher denn die freundliche und abweisende Ruhe,
die zwar in lebhaftem Gedankenaustausch gern und oft einem offenbaren
Interesse am Gegenstand der Unterhaltung wich, und doch zugleich
nie eine gewisse Grenze der Vertraulichkeit zu überschreiten
erlaubte.
Stirner muss im Grunde eine äusserst sensible und ungewöhnlich
feinfühlige Natur gewesen sein. Eine Äusserung, die
er einmal einem Freunde gegenüber getan hat, ist viel zu
charakteristisch, und eine solche viel zu selten aus seinem Munde,
als dass sie hier übergangen werden dürfte. Er erzählte
jenem Freunde, dass sich seine erste Frau einmal unbewusst im
Schlaf entblösst habe, und dass es ihm unmöglich gewesen
sei, sie von dem Augenblick an wieder zu berühren. - Das
Rätsel, wie er so lange Jahre in dem lauten, oft rohen Kreis
bei Hippel aushalten konnte, müssen wir später noch
zu lösen versuchen.
Seine Gleichgültigkeit gegen so viele kleine Dinge, die andere
Menschen lebhaft erregten, wurde oft als Schwäche, seine
Passivität als Energielosigkeit und Mangel an Widerstandskraft
ausgelegt. Dass er für den lärmenden und aufreibenden
Kampf des Tages um das Dasein zu ungeeignet war, um aus ihm immer
als Sieger hervorzugehen, dass er die Dinge oftmals so gehen liess,
wie sie gingen und sich vor ihren groben Forderungen in die Stille
seines Innern flüchtete, steht ausser Frage; er folgte eben
seiner Natur. Dass er aber glücklicher gewesen wäre,
wenn er "gegen sich" angegangen wäre,
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das ist eine Behauptung, die bei einem Manne, der wie kein anderer
in die Gründe dessen, was die Menschen treibt, eingedrungen
ist, durchaus des Beweises bedarf. Stirner hat die Zügel
seines Lebens nie aus den Händen verloren; aber er hat sie
oft locker gehalten und liess die Tage meistens laufen, wie sie
wollten.
Man hielt den äusserlich so leidenschaftslosen Mann keiner
Leidenschaft für fähig und nichts spricht dafür,
dass er es war - von einigen Stellen seines Werkes abgesehen.
Vielleicht war er ohne Leidenschaft. Jedenfalls war er ohne alle
Brutalität.
Wie ohne Leidenschaft, so soll Stirner auch ohne Ehrgeiz gewesen
sein und ohne Ehrgefühl. Nun, da die Ansichten der Menschen
über Ehre nicht die seinen waren, so konnten es auch seine
Gefühle nicht sein; und wenn sein Ehrgeiz auch nie nach kleinen
Zielen gegeizt hat, so hat er ihm doch einmal in so erschöpfender
Weise Genüge getan, wie es nur wenigen beschieden ist. Die
Erfolge des Tages konnten ihm nichts sein, und der eine, grosse
bei der Nachwelt war ihm gewiss. Und das wird er gewusst haben.
Bedürfnisse waren ihm fast unbekannt. Mässig im Essen
und Trinken lebte er in offenbarer Zufriedenheit in der Einfachheit,
in der er erzogen war, und der einzige Luxus, den er sich gestattete,
waren gute Zigarren. Denn er rauchte viel, fast den ganzen Tag.
Wie er "seine Sache auf Nichts gestellt hatte", so hat
er nie sein Herz so vollständig an etwas gehängt, dass
es sein Leben hätte vernichten oder auch nur bis zur Unerträglichkeit
hätte belasten können: weder an einen Menschen, noch
an die kleinen Dinge des täglichen Lebens. Und wenn er keinen
Menschen direkt glücklich gemacht hat, so hat er noch weit
mehr auch niemals einen Menschen allein durch eigene Schuld, und
sei es für eine Stunde, unglücklich gemacht. Man nannte
in früheren Zeiten einen solchen Menschen einen Weisen.
Ein Mensch, wie wenige dazu geschaffen, ein Freier unter Freien
und verdammt dazu, ein Glied in der Kette der Herren und Knechte
zu sein! - Und doch ein Mensch, stolz und sicher wie wenige andere,
diese Kette der Menschen von sich streifend, und unter ihnen gehend
ohne Verachtung und Hass, aber auch ohne Mitleid und Liebe, und
so die Notwendigkeit des Lebens erfüllend, die er als solche
erkannt.
90
So steht Stirner da, ohne inneren und äusseren Widerspruch,
einfach, schlicht und gross, und nichts beunruhigt in seiner Erscheinung,
es sei denn ihre Seltenheit. Alles lebt in dem Menschen, was in
seinem Werk lebt: die unerschütterliche Erkenntnis dessen,
was das Leben hält - die Erkenntnis der Selbstbewahrung!
Er ruft nicht nach lärmender Liebe und lauter Bewunderung.
Aber wer die Freiheit liebt, wird auch den Menschen lieben müssen,
der, ihre Gesetze befolgend und so sich selbst behauptend, so
sympathisch vor uns steht, wie er uns erscheint unter den "Anderen",
zu denen wir ihm nun folgen.
Wann Stirner in den Kreis der "Freien" trat, lässt
sich mit Bestimmtheit kaum sagen: der Berechnung nach mag es Mitte
oder Ende 1841 gewesen sein, denn er kannte Karl Marx nicht, der
Berlin zu Anfang dieses Jahres verlassen hatte.
Jedenfalls war er schon bei den regelmässigen Zusammenkünften
beiWalburg in der Poststrasse, der "alten Post", um
dann Jahre hindurch einer der regelmässigsten Besucher der
Hippel'schen Tafelrunde zu bleiben.
Er gehörte durchaus zu dem engeren Kreise: mit den Bauers,
besonders mit Bruno, mit Buhl, Meyen, Engels, Rutenberg, Mussak
und anderen war er gut befreundet und bekannt, und stand mit den
meisten von ihnen auf Du und Du.
Besonders liiert soll er mit C. F. Köppen und mit Hermann
Maron gewesen sein; ebenso mit Dr. Arthur Müller. Eigentlich
intim war Stirner, wie bereits erörtert, mit keinem von allen.
Auch auf welche Art und Weise er zuerst mit dem Kreise in Berührung
kam, ist nicht mit Gewissheit zu sagen. Ob es durch Bruno Bauer
selbst geschehen war, den er schon als Studenten kennengelernt
haben mochte, denn auch dieser hatte 1827 zu Füssen Hegels
gesessen? - Ob seine ersten Arbeiten die nähere Bekanntschaft
mit sich brachten, oder ob er vielmehr durch die scharfen Geister
selbst erst dazu veranlasst wurde, die Feder zu ergreifen zur
Mitarbeiterschaft an denselben Zeitungen?
Genug, dass es der einzige Kreis geblieben, dem er sich je enger
angeschlossen hat; in ihm fand er die Geselligkeit, die er brauchte,
und
91
auf manche hat es den Eindruck gemacht, als ob er sich mehr dieser
Geselligkeit, als einer inneren geistigen Gemeinschaft wegen zu
ihm hingezogen fühlte. Die letztere Vermutung gewinnt an
Wahrscheinlichkeit, wenn wir uns erinnern, wie feinfühlig
auch in Bezug auf Äusserlichkeiten er war. Wie wir gesehen
haben, war übrigens dieser Kreis wie kein anderer dazu angetan,
ihm zwanglos alle jene Persönlichkeiten zu und wieder an
ihm vorüber zu führen, an denen er ihrer Ansichten wegen
das meiste Interesse nehmen musste.
So laut und lärmend es sonst bei Hippel zuging, so still
und zurückhaltend verhielt sich Stirner. Ganz selten beteiligte
er sich an den leidenschaftlichen Diskussionen, und nie verfiel
er in die zynischen, sich selbst überbietenden Redensarten,
mit denen sie so oft endeten. Nie hat jemand ein heftiges, rohes
oder gar gemeines Wort von ihm gehört, wie sie bei Hippel
gerade keine Seltenheit waren. Ruhig, lächelnd, "behaglich",
wie ein "Genussmensch", sass er da in dem ewig bewegten
Kreise, warf ab und zu eine treffende Bemerkung oder ein Scherzwort,
die bewiesen, wie genau er trotz alledem zuhörte, in die
allgemeine Unterhaltung, und sah dem Rauch seiner Zigarre nach.
Dabei war er durchaus nicht eigentlich schweigsam. Im Gegenteil,
er unterhielt sich gern mit seinem zufälligen Nachbarn, und
dieser hatte oft Gelegenheit, innerlich das ausgebreitete sichere
Wissen, mit dem Stirner die verschiedensten Gebiete beherrschte,
die das Gespräch betrat, als der Gelehrte ersten Ranges,
für welchen er bei seinen näheren Bekannten galt, zu
bewundern. Er soll ungern philosophiert haben, sagt der eine;
wenn er es tat, geschah es sicherlich über Feuerbach, sagt
der andere.
Von sich sprach Stirner selten, fast nie, und völlig fern
lag ihm jede Art von Geschwätzigkeit. Die meisten, die gar
keinen Begriff von seiner eigentlichen Bedeutung hatten, hielten
den "stillvergnügten", einfachen, peinlich-bescheidenen
Mann für einen harmlosen, wenig bedeutenden Menschen, ohne
zu ahnen, was hinter ihm steckte, und sahen über ihn hinweg,
bis er dann später die Aufmerksamkeit aller in so hohem Grade
auf sich ziehen sollte.
Bei den tollen Streichen der "Freien" wird sein Name
nicht genannt, doch wird er auch ihnen mit derselben stillen Vergnügtheit
zugesehen
92
haben, wie dem ganzen Treiben, da er alles andere als ein Spassverderber
war. Dagegen nahm er Teil an den sommerlichen Ausflügen,
nach dem Spandauer Bock, nach Treptow, wohin es gerade ging.
Auch sonst war er keineswegs ungesellig und er verschmähte
es nicht, bei dem einen oder dem anderen seiner jugendlichen Bewunderer
auf deren Studentenbuden eine Tasse selbstgemachten Kaffee zu
trinken und Pfannkuchen dazu zu essen, wie wir ihn auch in der
Sylvesternacht des Jahres 1847 einer Einladung des ungarischen
Übersetzers und Schriftstellers Kertbeny Folge leisten sehen,
die zu einer "ziemlich langen débauche" auf dessen
Stube führte; und so mag er noch mancher anderen Einladung
mit der bei ihm eigenen, grossen Liebenswürdigkeit, die er
auch gegen alle seine Besucher hatte, gefolgt sein - immer ein
unauffälliger, nie störender, gern gesehener Gast, der
umgänglich-heiter war und gern über einen guten Witz
lachte, ohne selbst je den Mittelpunkt zu bilden und dies auch
nur zu wünschen.
Bis 1846 war Stirner übrigens auch regelmässiger Kaffeegast
in der berühmten "roten Stube" der Stehely'schen
Konditorei am Gendarmenmarkt, wo sich alles zu versammeln pflegte,
was Berlin damals an unruhigen, aufgeregten, geistreichen Köpfen,
vor allem unter den Zeitungskorrespondenten besass, und wo er
viele traf, die er noch denselben Abend bei Hippel wiedersehen
sollte. Auch das Bernstein'sche Lesekabinett in der Behrensstrasse
wird er in früheren Jahren oft besucht haben.
Aber immer wieder von neuem treffen wir ihn nur bei Hippel. Hier
liegen die Fäden, die ihn an die Aussenwelt knüpften:
hier haben ihn alle gesehen, die sich seiner noch in späteren
Jahren erinnerten; hier fand er die Menschen, die er "verbrauchte",
ohne ihnen wehe zu tun...
So war Max Stirner nach aussen in der Zeit, als ihn innerlich
rastlos die Gedanken bewegten, mit denen er rang, bis er sie bezwungen
und gebunden: zunächst nur in vorbereitenden Studien; und
so war er später: immer sich selbst gleich.
93
In eine nur wenig spätere Zeit, als sein Eintritt in den
Kreis der "Freien", in den Januar 1842, fallen die beiden
ersten Veröffentlichungen Stirners, von denen wir wissen:
die Abhandlung über Br. Bauers Posaune und das "Gegenwort".
Die erste, eine Besprechung des eben, gegen Ende 1841, bei Wigand
in Leipzig erschienenen und Aufsehen erregenden anonymen Buches
von Bruno Bauer "Die Posaune des jüngsten Gerichts über
Hegel den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum" erschien
in dem von Karl Gutzkow bei Campe in Hamburg herausgegebenen "Telegraph
für Deutschland" in den Nummern 6-8 vom Januar 1842
und ist unterzeichnet mit "Stirner" - das erste Mal,
dass dieser Name gedruckt erscheint. Sie muss also kurz vorher,
wohl Ende Dezember, geschrieben sein.
Der Aufsatz: "Über B. Bauers Posaune des jüngsten
Gerichts" beginnt mit einem Protest gegen die faule "Friedenszeit
der Diplomatie", um sodann der Hoffnung Ausdruck zu geben,
dass ihr durch das anonyme Werk, dessen Verfasser nicht schwer
zu ermitteln sei, wenn man den wissenschaftlichen Standpunkt seiner
Werke kenne, ein Ende bereitet werde. Die "köstliche
Mystifikation", die sich selbst in die Gewänder eines
Pfaffen hüllt, wendet sich gegen die verruchte Rotte der
jungen Hegelianer und findet dabei ihre ganze revolutionäre
Bosheit in - Hegel selbst, den sie nun der erstaunten Welt als
philosophischen Jakobiner zeigt.
Hegel, der allmächtige Hegel, hat bei seinem Sturm auf den
Himmel zwar den Gott vom Thron gestossen, aber die zerflatternde
Schar der Engel sammelt sich wieder und stösst in die Posaune
des jüngsten Gerichts über ihn - den Atheisten und Antichristen!
Nun aber auch kein Friede mehr: der weltgeschichtliche Ruf der
Deutschen zum Radikalismus erfülle sich...
So führt Stirner auf das Buch zu, dessen Inhalt indessen,
"durch keine Rezension verzettelt dem Leser vor Augen kommen
soll". Er streift ihn daher nur flüchtig und behält
sich vor, beim Erscheinen der angekündigten zweiten Abteilung
einiges nachzutragen. Zu einer Erfüllung dieses Versprechens
ist es in dieser Form nie gekommen: Bauer hatte, statt weiter
in die Posaune zu blasen, genug mit seiner Absetzung und der Gründung
und Leitung seiner gross-
94
angelegten "Literaturzeitung" zu tun, und Stirner schritt
bald über ihn hinweg mit jenen Arbeiten, die sich ihm dann
schnell zu dem Plan seines Lebenswerkes verdichtet haben müssen.
Warum er, so fragt er am Schluss noch, dieses Buch so getrost
für eine Mummerei des Verfassers (dem er bei seinen späteren
Arbeiten charakteristisch und nicht ohne eine stille Bosheit ein
besseres Gedächtnis in Bezug auf Hegel wünscht) nehme?
- und gibt sich selbst zur Antwort: "Weil nie ein Gottesfürchtiger
so frei und intelligent sein kann, wie der Verfasser es ist".
Die andere dieser beiden ersten Veröffentlichungen Stirners
ist eine anonyme Schrift : die Antwort auf eine, aus dem damals
die Gemüter bewegenden Kampf um die Sonntagsfeier hervorgegangene
und am Neujahrstage an die Kirchengänger in Berlin verteilte
Schrift Berliner Prediger, die indessen wenig Anklang fand und
dem Spott der allezeit spottlustigen Berliner verfiel. Diese Antwort
betitelt sich: "Gegenwort eines Mitgliedes der Berliner Gemeinde
wider die Schrift der siebenundfünfzig Berliner Geistlichen:
Die christliche Sonntagsfeier, ein Wort der Liebe an unsere Gemeinen",
und erschien, gut gedruckt, als Broschüre von 22 Seiten zum
Preise von 4 Ngr. im Verlage von Robert Binder in Leipzig.
Die Autorschaft Stirners an ihr ist erwiesen.
Die 57 Verfasser des "Wortes der Liebe", die es wohl
am besten wissen müssten, meint Stirner, klagen selbst über
den "Verfall der Kirche", und sie erinnern uns nur selbst
daran, dass wir viel weiter sind, als wir es wissen. Aber sind
wir darum schlechter, weil wir nicht mehr kirchlich sind? - Was
uns fehlt, ist Begeisterung, aber die Kirche begeistert uns nicht
mehr. Die Gläubigen handeln vernünftiger, als sie glauben.
Indem er sich an sie selbst wendet, rüttelt er sie auf: Ihr
fürchtet euch nur, sagt er, euer Recht zu behaupten, lasst
euch als unmündige Kinder behandeln, wo ihr "das unvertilgbare
Recht derMänner zu wahren hättet!" Lasst euch durch
eure Lehrer, eure Prediger über des Menschen Wert belehren
und sie werden, sobald die Lehrfreiheit ausgesprochen ist, genug
der Zuhörer haben. Denn Menschen seid ihr, bevor ihr Christen
seid, und bleibt es, auch wenn ihr solche geworden seid. Überzeugt
will ich werden, nicht zum Glauben gezwungen. Ihr aber seid einstweilen
nur
95
aus Knechten zu Kindern geworden; freie und mündige Menschen
seid ihr noch nicht. Was braucht ihr aber immer noch einen Gott,
der nicht euer eigenes Selbst ist? Was immer noch einen Herrn?
- Ihr glaubt ja doch nicht mehr an ihn. Bekennt es daher frei
und fordert auch für eure Lehrer die unveräusserliche
Lehrfreiheit. - Das "Wort der Liebe" wird dann eingehender
betrachtet. Das Deuteln der "Diener am göttlichen Wort",
das doch unverrückbar feststehen müsste, an diesem ist
längst widerwärtig geworden und einen freien Menschen,
ja, einen "Sünder" zu vernehmen, erhebender als
diese Gerechten. Auch wir sind ernste und gewissenhafte Leute,
aber wir glauben durchaus nicht, dass die Gottesfurcht das Höchste
und Heiligste sei, mag ohne sie auch die Selbstsucht zunehmen
und die Ehrfurcht gegen "die von Gott eingesetzte Obrigkeit"
und der Gehorsam vergehen. Sie, die Geistlichen, dürfen dies
sogar offen aussprechen, während wir, die wir "reden
mochten, wie's uns um's Herz ist", nur das Gebot haben, zu
schweigen! - Wenn uns unser Gottverlassensein vorgeworfen und
uns die Juden als Beispiel hingestellt werden, so antworten wir:
bietet uns nur ein freies Wort, und ihr werdet sehen, wie sich
eure Kirchen wieder füllen. Wir meiden sie so lange, als
dort nicht freie Geister sprechen. Wir, die wir Gott nicht fürchten,
stehen nicht in der Schuld, sondern im Recht. Auf den Kampfplatz
tritt der wahren Frommen wahrer Feind: der wiedergekommene Christus.
Blickt daher vorwärts, nicht zurück, und wenn ihr uns
die Briten entgegenhaltet, die frei sind trotz der Tyrannei ihrer
Kirche, so gebt uns erst ihre Freiheit. Die Zeit der Frömmigkeit
ist vorüber, und die Gegenwart fordert das rein Menschliche,
das allein "das wahrhaft Göttliche" ist. Bei euch
steht es, ob ferner fromme Abhängigkeit oder die sittliche
und mutige Freiheit herrschen soll. Und indem er sich den Geistlichen
selbst wieder zuwendet, ruft der Schreiber aus: Daher nochmals
- erkämpft sie euch selbst, ihr Prediger des göttlichen
Wortes, die Freiheit der Rede, die Lehrfreiheit, und wir werden
die Errungenschaft mit euch feiern. Denn nicht bloss zu den Laien,
auch zu euch habe ich gesprochen. "Lasset uns, wo und wie
wir uns auch wieder begegnen, als freie Menschen einander ins
Auge sehen!"
Das "Gegenwort" erschien gegen Ende Januar, traf am
1. Februar
96
in Berlin ein und wurde bereits am 9. verboten. Es muss also sofort
nach Erscheinen der Schrift, gegen die es sich wandte, geschrieben
sein - in der ersten und zweiten Januarwoche.
Über seinen Inhalt entspann sich ein lebhafter Notenaustausch
zwischen der preussischen und der sächsischen Regierung.
Der Minister Rochow schreibt an den sächsischen Regierungsbevollmächtigten,
er verstehe nicht, wie die Schrift, deren verführerische
Sprache und wohlfeiler Preis ihr viele Abnehmer zu verschaffen
geeignet sei, die sächsische Grenze habe passieren können.
Dieser, Falkenstein, antwortet, die Schrift habe nur in seiner
Abwesenheit das Imprimatur erlangen können, was er bedauere.
Er wälzt dann die Schuld auf den Zensor ab. Sie habe bereits
am 17. Januar, und "in weit hämischerem und alles Bestehende
vernichtenden Ton", dem Zensur-Kollegium vorgelegen, dessen
Anweisungen jener nicht befolgt habe, indem er den Druck der in
anderer Redaktion vorgelegten Schrift dann doch erlaubt habe.
Der berüchtigte Minister Eichhorn traurigen Angedenkens mischt
sich dann hinein und schreibt an Rochow noch in demselben Monat
Februar nicht ganz verständlich: die Broschüre lege
die (selbst in Frankreich zurückgestossene) Religion der
Menschenvergötterung so offen und nackt an den Tag, dass
sie ihrer Wirkung nach eher für eine Apologie, als für
eine Widerlegung der Schrift, gegen welche sie gerichtet sei,
werde gelten können. Ihre Wirksamkeit werde daher, wenigstens
im allgemeinen, der Absicht des Verfassers, der offenbar zu den
extremsten Auswüchsen der Jung-Hegel'schen Schule gehöre,
nicht entsprechen, vielmehr werde man an ihr die Notwendigkeit
ernsterer Massregeln selbst da erkennen, wo die entschiedenste
rationelle Auffassung des Christentums vorherrschend sei. Unter
diesen Umständen dürften daher die etwaigen mangelhaften
Erfolge des erlassenen strengen Verbots im Interesse der guten
Sache nur sehr zu bedauern sein...
Von dem Verfasser ist in diesem Austausch nirgends die Rede.
Wie wir sehen, musste Stirner seine Arbeit innerhalb weniger Tage
und in aller Hast nochmals durcharbeiten, um dann doch noch die
Druckerlaubnis, freilich sehr gegen die Absicht und den Willen
der sächsischen Oberzensoren, zu erlangen.
97
Das "Gegenwort" fand seinerseits eine Widerlegung in
der Schrift eines evangelischen Geistlichen von offenbar sehr
gemässigten Anschauungen, denn dieser erkennt seine "Lebensfreude
und Rückhaltslosigkeit" offen an, wenn er auch seine
"Zügellosigkeit" tadelt. Auch Ludwig Buhl wurde
zu einer anonymen Schrift: "Die Not der Kirche" angeregt,
in der er scheinbar auch gegen Stirner polemisiert und die das
Schicksal des Gegenworts teilte, sofort in Preussen verboten zu
werden.
Innerlich gehören diese beiden ersten Veröffentlichungen,
die Besprechung der Posaune und das Gegenwort, eng zusammen, wie
sie ja auch fast gleichzeitig niedergeschrieben wurden. Wenn Stirner
in ihnen mit den letzten der aufzulösenden Begriffe, so mit
dem des "Menschen" noch nicht gänzlich fertig geworden
zu sein scheint und auf die äusserste Entschiedenheit des
Ausdrucks verzichtet, so darf nicht übersehen werden, dass
es sich hier noch um Vermummungen und Mystifikationen handelt,
die gewählt werden mussten, um sich überhaupt und zugleich
so wirkungsvoll äussern zu können wie es geschehen.
Aber überall leuchtet doch auch hier schon in ihrer vollen
Klarheit die letzte Erkenntnis durch, zu der Stirner so bald schon
gelangen sollte. Die Aufforderung: "das Heil nicht ausser
und über sich zu suchen, sondern sein eigener Heiland und
Erretter zu sein", zeigt es so gut, wie die immer von neuem
variierte Mahnung an die Gläubigen: "Kommt zu euch!"
und "Seid ihr selbst!" Jedenfalls räumt er bald
und gründlich nun auch mit den letzten Eierschalen, die ihm
noch vor den Füssen liegen, auf, und schon im Sommer desselben
Jahres stand er auf dem festen Grund, auf dem er sein Werk aufbauen
sollte: sein Ich und dessen Einzigkeit, so dass Friedrich Engels,
der Mitarbeiter und Freund von Marx, in einem verschollenen Heldenepos
vom "Triumph des Glaubens" dem "bedächtigen
Schrankenhasser", als den er Stirner charakterisiert, die
Worte in den Mund legen konnte: "A bas les rois? - A bas
aussi les lois!"
Die Kirche und ihre Religionen sind für Stirner jedenfalls
mit diesen beiden ersten Angriffen ein für allemal abgetan.
Ein anderer wird fortan der Gegner, eine andere seine Angriffsweise.
Und ein breiteres Gebiet der Wirksamkeit öffnet sich ihm:
die Zeitung des Tages.
98
Denn bald nach diesen seinen ersten Veröffentlichungen beginnt
Stirner eine umfassende und reichhaltige Tätigkeit als Zeitungskorrespondent
an zweien der grossen oppositionellen Zeitungen des Vormärz,
die in der Bewegung dieser Zeit die grösste und wichtigste
Rolle gespielt haben, eine Tätigkeit, die erst mit dem Ende
dieses Jahres 1842 ihren Abschluss findet.
Die eine war die am 1. Januar 1842 in Köln als Fortsetzung
der "Rheinischen Allgemeinen" gegründete "Rheinische
Zeitung für Po!itik, Handel und Gewerbe", das ausgesprochene
und scharfbeobachtende Heerlager des jungen Radikalismus jener
Tage, von dem aus her die unausgesetzten Vorstösse gegen
die Pläne der Reaktion erfolgten, bis es deren Verfolgungen
nicht länger Widerstand zu leisten vermochte und die Rheinische
Zeitung am 31. März 1843, nach einundeinvierteljährigem
Bestehen, einging, nachdem ihr Leiter Dr. Karl Marx schon kurz
vorher "der jetzigen Zensurverhältnisse wegen"
von der Redaktion zurückgetreten war. Sie sollte erst im
Revolutionsjahr selbst als "Neue Rheinische Zeitung"
wieder erstehen, um, abermals unterdrückt, von Freiligrath
in seinem berühmten Abschiedslied besungen zu werden: eine
"stolze Rebellenleiche". . .
Stirners Korrespondenzen an ihr beginnen am 7. März in Nr.
66 und reichen bis zur Nr. 286 vom 13. Oktober. Es sind im ganzen
27. Vier von ihnen sind mit "Stirner" gezeichnet, die
übrigen (mit Ausnahme des ersten über "geheime
Polizei" und anderes, der aber ebenfalls von ihm stammt)
tragen sämtlich das Zeichen [...] an der Spitze, das eine
Zusammensetzung der Buchstaben M und S bilden, jedoch auch der
Paläographie entnommen sein kann, wo es dann manu propria
bedeutet. Das Zeichen wurde noch für einige andere Beiträge
verwandt, die aber, zum Teil gar nicht aus Berlin, keinesfalls
von Stirner herrühren können.
Die meisten der Korrespondenzen Stirners sind kurz und knüpfen
an Fragen des Tages, die nicht immer mehr für uns von Interesse
sind und sein können, knappe, zuweilen scharfe Bemerkungen
von meist leichter Ironie: an die der Besteuerung des Zeitungsdebits,
die der Sonntagsfrage, die der Presserlaubnis - "ein Wort,
das sich vielleicht am besten zur Bezeichnung unserer dermaligen
Pressfreiheit eignet" - sowohl, wie an die der Judenfrage,
die der Partizipial-
99
konstruktionen und die der eben veröffentlichten Karikatur
des "deutschen Michel", an der Stirner seine ganz besondere
Freude gehabt haben soll. Daneben geben Schriften, meist Broschüren
geringeren Umfangs, die Zeitverhältnisse behandeln, Gelegenheit
zur Auseinandersetzung, wobei der Betrachter den Verfassern stets
in ausgiebigster Weise das Wort lässt. So zwei aus dem Verlage
des Berliner Lesekabinetts. Die eine über "die juristische
Fakultät an der Universität Berlin" gibt Veranlassung,
sich über die guten Resultate der "Presserlaubnis"
zu freuen. Wenn nur andere dem guten Beispiel folgen wollten,
meint Stirner, dürfe man einige Hoffnung fassen, dass "die
steifbeinige Hauptstadt sich von der schnellfüssigen Provinz
nicht um ganze Siriusweiten überholen lassen werde",
und nimmt mit dem Verfasser Stellung gegen Herrn von Savigny und
dessen Prinzip der "späteren Einübung" in
den juristischen Beruf, denn diese sowohl wie die vorhergegangene
"historische", oder besser "unphilosophische",
Rechtsschule seien gleich "mechanisch" und bedürften
deshalb sehr der vom Verfasser vorgeschlagenen Reform der Fakultät.
Die andere mag ihn schon durch ihren Titel besonders angezogen
haben: "Die Sitte ist besser als das Gesetz." Es ist
eine Verwahrung gegen ein neues Ehescheidungsgesetz, und der Referent
teilt ganz die "von einem freieren und allgemeineren Standpunkte
aus gewonnene" Ansicht des Verfassers.
Neben einer geistreichen Anzeige der jüngsten Buhl'schen
Zeitschrift, des kleinen "Patrioten", sind es sodann
die "Königsberger Skizzen" von Karl Rosenkranz,
denen eine lange und sehr eingehende Besprechung gewidmet wird.
Schon vorher hatte Stirner, als ihm die Vorrede des demnächst
erscheinenden Werkes vorgelegen hatte, auf das kommende hingewiesen -
mit warmen Worten und in feiner Art. Als es dann erschienen war,
betrachtete er es auf das Eingehendste. Er meint zwar, dass sein
eigener Aufenthalt in Königsberg zu kurze Zeit gedauert habe
und seither schon zu viele Jahre - Stirner kam, wie wir wissen,
1829 zuerst dorthin - verflossen seien, als dass er dem Verfasser
mit einer Kritik folgen könne, aber er darf es doch getrost
tun. Nach Wiedergabe einiger Stellen kommt er auf den Verfasser
selbst zu sprechen. In einem glänzenden Vergleich, wie sie
ihm stets in so reicher Fülle zu Gebote stehen, zeigt er
ihm, wo er
100
in unseren Tagen, "durch die ein Bruch gegangen", stehen
geblieben ist. Und er beweist es ihm dann aus seinem Buche selbst:
ohne jede Schärfe und bemüht, dem Leser durch diese
"Zugabe von bitteren Mandeln" den Geschmack an der Lektüre
zu erhöhen, nicht zu nehmen. - Aber Rosenkranz war trotzdem
mit der Kritik nicht zufrieden. In seinem "Tagebuch"
meint er, dass der "von Gott emanzipierte Phraseur"
durch den astralischen Magismus, wie die Böhmisten sagen,
erfahren haben müsse, wie er seine Atheisterei für nichts
weniger als Philosophie halte. Denn Stirner habe seine "Skizzen"
"weidlich vorgenommen" und ihm mit scharfen Worten angekündigt,
dass er nicht mehr zu den Vordermännern der Zeit gehöre.
Rosenkranz scheint sich also doch getroffen gefühlt zu haben.
Zwei Fragen sind es dann noch, die kurz, aber selbständig,
behandelt werden: "Der Doktortitel" und "Die Hörfreiheit".
Stirner spottet über die Titelsucht des deutschen Michel,
der "ohne Titel keinen Fuss vor die Haustür zu setzen
wage", wird aber sehr ernst, als er auf die Privilegien dieser
Graduierten vor Gericht gegenüber den "bürgerlichen
Injurianten" zu sprechen kommt. Der ganze Doktortitel sei
im Grunde nur ein Kaufgeschäft, und der, welcher promoviere,
mache gewiss kein schwierigeres Examen, als der, welcher sich
als Theologe oder für den höheren Lehrerberuf prüfen
lasse. Diese Äusserung ist um so interessanter, als sie zugleich
die Gründe zeigt, aus denen Stirner - dem die Mittel fehlten,
sich den Doktortitel zu "kaufen" - sich ihn beilegte,
wenn es ihm gut dünkte. - Was die "Hörfreiheit"
betrifft, so meint er, dass sie neben der Redefreiheit die andere
Seite der Pressfreiheit sei. Fehle sie, so habe nicht einmal der
Fürst die Freiheit, zu hören, was er hören wolle,
und um die Pressfreiheit werde es so lange nicht besser stehen,
als nur die Redenden, nicht auch die Hörenden die "Unehre
der Bevormundung" der Zensur empfänden.
Umfangreicher und in einzelnem auch bedeutender als die meist
kurzen Korrespondenzen der "Rheinischen Zeitung" erscheinen
die Beiträge, die Stirner in demselben Jahre 1842 für
das andere der beiden grossen Oppositionsblätter jener aufgeregten
Tage schrieb: die "Leipziger Allgemeine Zeitung".
Im Jahre 1837 von Brockhaus gegründet, bemühte sich
diese
1O1
"den Gebildeten aller Parteien des Nordens einen Sprechsaal
zu eröffnen" und trug das ebenso stolze wie unlogische
Motto: "Wahrheit und Recht, Freiheit und Gesetz" an
ihrer Spitze. In Preussen mit Angst und Zittern, aber mit Begierde
gelesen, errang sie bald einen Einfluss ersten Ranges und übte
eine bis dahin unerhörte Kritik an den dortigen Zuständen.
Ihr Mitarbeiterkreis in Berlin setzte sich ebenfalls zum grössten
Teil aus dem der "Rheinischen Zeitung" zusammen.
Stirners Mitarbeit an ihr war eine ausserordentlich rege, begann
am 6. Mai in Nr.126 und endete erst mit dem Jahr selbst in der
letzten Nr.365. Keiner der 33 Beiträge, die das Zeichen eines
kleinen Kreises ° oder eines Sternes * vorantragen, ist gezeichnet,
doch ist ihre Herkunft verbürgt. Eine Korrespondenz wurde,
offenbar um ihren Ursprung zu verwischen, von Königsberg
aus datiert.
Die ersten elf Beiträge scheinen nach Leipzig unter dem Decknamen
eines Strohmannes "Friese" gegangen zu sein, bevor sich
Stirner selbst als "Gymnasiallehrer Schmidt" der Zeitung
nannte. Ob dieser Friese in Wirklichkeit oder nur dem Namen nach
existierte, lässt sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls
erhielt der Verfasser für die 33 Beiträge ein Gesamthonorar
von 73 Talern und 22 Ngr.
Auch hier sind es die Ereignisse des Tages, an die Stirner vor
allem seine Betrachtungen knüpft. Bruno Bauers Absetzung
in Bonn und das Separatvotum, das Marheineke, dessen Schüler
auch Stirner einst gewesen war, über die vielbesprochene
Angelegenheit abgab, werden erörtert und in das "Nest
von Widersprüchen" des beleidigten Theologen, der dennoch
der einzige sei, der sich Bauers "mit väterlicher Wärme"
angenommen habe, hineingeleuchtet.
Königsberg zieht immer wieder, nicht allein durch die Beschwerde
der dortigen Kaufmannschaft an den König wegen der russischen
Übergriffe, die im Wortlaut und von dort aus datiert wiedergegeben
wird, sondern auch durch Walesrodes "Glossen und Randzeichnungen"
und abermals durch die Rosenkranz'schen Skizzen, die Aufmerksamkeit
auf sich. Die letzteren erfahren eine neue, freundliche Betrachtung,
wobei sich Stirner allerdings "aus leicht ersichtlichen Gründen
auf eine Kritik nicht einlassen kann", sondern sich darauf
beschränkt, die "mittlere Höhe" des Standpunktes
ihres Verfassers zu betonen und
102
in einer zweiten Notiz die Stelle über die "Lehrfreiheit"
zu zitieren. Einen breiten und mit Zitaten fast überladenen
Raum nimmt sodann der damals weit über Preussen Aufsehen
erregende Prozess des Dr. Johann Jacoby ein. Jacoby war in erster
Instanz von der Anschuldigung des Hochverrats freigesprochen,
dagegen wegen Majestätsbeleidigung und "frechen, unehrerbietigen
Tadels" und wegen Verspottung der Landesgesetze zu zwei Jahren
Festung verurteilt worden und hatte gegen dieses Urteil appelliert.
Seine öffentlich erschienene "Rechtfertigung" nun
wird in Auszügen, und ebenso - nach einigen Mitteilungen
über die Person des Angeschuldigten selbst, des Königsberger
Arztes und späteren Abgeordneten - werden die Erkenntnis
des Kriminalsenats wiedergegeben, womit, wie es am Schlusse heisst,
"so viel Einsicht in diesen bedeutungsvollen Prozess gewährt
ist, als der Raum einer Zeitung es gestattet". Ein gleich
breiter Raum wird zwei Monate später der "weiteren Verteidigung"
Jacobys in dem seit anderthalb Jahren schwebenden Prozess gestattet:
des "Menschen", der eine Idee in sich "persönlich"
werden liess und "die zeitlichen Leiden dieser Idee an seinem
Leibe zu tragen hat". Der Prozess endete bekanntlich im Urteil
zweiter Instanz zur höchsten Wut des Königs mit Jacobys
völliger Freisprechung - mit einer Antwort also, die, wie
Stirner schon vorher meinte, "sich wohl mancher schon selbst
gegeben haben mag". Gehört er auch der Zeitgeschichte
an, so ist er doch auch heute noch als sprechendes Beispiel für
den Grössenwahn einer Regierung, die auch den leisesten Einspruch
nicht vertrug, und für die Überheblichkeit und Unverschämtheit
des Tones, den sie gegen die "Untertanen" anzuschlagen
wagte, von Interesse, und wir blättern gern wieder einmal
in den vergessenen Seiten. Die eingehende Art, in der Stirner
ihn behandelt, macht nebenbei die Vermutung zur Wahrscheinlichkeit,
dass er mit dem "Dr. Schmidt" identisch ist, der anlässlich
eines Aufrufs für Jacoby in Berlin 15 Ngr. zeichnete.
Kürzere Erwähnungen anderer Schriften des Tages stehen
dazwischen: die ebenfalls von der "Rheinischen Zeitung"
her schon bekannte über die "juristische Fakultät
der Universität Berlin" (unter von Savigny); die von
Buhl über "den Beruf der preussischen Presse" und
über "die Bedeutung der Provinzialstände in Preussen";
sowie
103
die anonyme, von Bruno Bauer herrührende Studie über
"Hegels Lehre von der Religion und Kunst" (die Stirner
zu gleicher Zeit Anlass zu einer eigenen grundlegenden Arbeit
wird) werden ebenso beleuchtet wie die durch die Suspendierung
des unerschrockenen Oberlehrers Witt in Königsberg, der sich
an der Redaktion einer dortigen liberalen Zeitung beteiligte,
entstandene Schrift über "die Absetzbarkeit der Geistlichen
und Schullehrer in Preussen".
Tagesfragen und Tagesereignisse werden gestreift: ein aus Anlass
des Judengesetzes an den König gerichteter seltsamer Brief
von unbekannter Herkunft wird Veranlassung zu einer köstlichen
Verspottung des Axioms, dass "jedem Rechte eine Pflicht gegenüberstehe",
während an anderer Stelle die christliche Liebe eben gegenüber
diesen Juden, die ihnen doch "kein anderes Gesetz geben könne,
als das der Taufe", in das rechte Licht gerückt wird.
Gleich scharfer Spott fällt auch auf die Angst vor der Karikatur,
die das "Heilige" treffen könnte, und auf die,
welche daher gleich nach der Polizei rufen.
Von höchstem Interesse aber und besonderem Reiz muss für
uns sein, was Stirner über seinen eigenen Kreis, den der
"Freien", sagt. Er kommt verschiedentlich auf ihn zu
sprechen. Zuerst in einer Vornotiz, in der er vor allem einmal
die bereits angezweifelte Existenz des Vereins feststellt. Sie,
die "Freien", seien allerdings kein Verein im eigentlichen
Sinne des Wortes, kein "bürgerlich konstituierter, statutenmässiger"
Verein, der der Polizei eine Handhabe bieten könne, weshalb
seine Mitglieder sich auch hüteten, ihre Wirksamkeit durch
eine förmliche Konstituierung zu hemmen und so "eine
geistige Macht vor der Gefahr bewahrten, durch Voreiligkeit zu
einer materiellen Ohnmacht herabzusinken". Sie seien eben
nicht hier und nicht dort, sondern überall, und er, Stirner,
stehe nicht dafür, dass er sich, wenn er sich in die nächste,
beste Gesellschaft begebe, nicht in der Mitte von Vereinsmitgliedern
befinde. - In einem eigenen, eingehenden Aufsatz weist er dann
den wütenden Sturm konservativer Zeitungen und ihre "wenig
würdevollen Angriffe" zurück und fordert "eine
ruhige und furchtlose Untersuchung" gegenüber dem "wichtigen
Zeitereignis". "Denn", so sagt er, "wer über
das Leben und gar über den Wert geistiger Bestrebungen seiner
Zeit ein öffent-
104
liches Wort sich erlauben zu dürfen glaubt, der sollte wenigstens
in seiner Haltung ein ebenes Mass von Bildung, in seinen Aussprüchen
die Würde eines gereiften Gedankens, in seiner Kritik die
Spuren eines mindestens versuchten Eindringens in die Sache verraten."
Er geht sodann darauf ein, was die "Freien" eigentlich
wollen, fordert auch für sie das Recht einer Überzeugung,
und ebenso das Recht, diese Überzeugung "auch anderen
vertraut zu machen", und konstatiert nochmals, dass sie überhaupt
keinen Verein (der nicht ungesetzlich, aber unklug wäre)
bildeten. So sei auch der Kirchenaustritt, den man ihnen in erster
Linie vorwerfe, ein innerlicher, kein äusserlicher: nicht
gegen die Ohnmacht der Kirche, sondern gegen die Gewalt des Staates
richte sich ihre Überzeugung, und was sie wollten sei: dass
"der Staat das Staatsbürgertum nicht länger an
ein religiöses Bekenntnis knüpfe". Der Staat aber
beruhe auf dem "Prinzip der Bildung" und nur der wahrhaft
Gebildete sei frei, ein "Freigeist" in der reinsten
Bedeutung des Wortes. Daher bestehe denn auch die "reelle
Bedeutung der Freien" nur dem Staate gegenüber, und,
wie Stirner mit verhaltenem, aber durchsichtigem Hohn sagt, ihre
Opposition gegen eine seiner Institutionen sei eine loyale, sei,
wie z.B. die Opposition gegen die Zensur, eine "gesetzliche
Opposition". In einer letzten Bemerkung erklärt auch
er dann das sogenannte "Glaubensbekenntnis" der Freien
für "das lächerlichste Produkt der Welt",
für eine Mystifikation, über die er selbst "eine
Anzahl ,Freier' in fröhlicher Gesellschaft herzlich habe
lachen hören".
Zwei wichtige Aufsätze folgen. In dem einen beantwortet Stirner
die von dem Staatsminister von Schön aufgeworfene Frage nach
dem "Woher und Wohin?" auf seineWeise. Nachdem er an
einem, seiner allernächsten Nähe entnommenen Fall -
dem eines wohlmeinenden, aber tyrannischen Vaters und seines gehorsamen,
sich aber endlich doch gegen dessen Heiratsgebot auflehnenden
Sohnes - gezeigt hat, dass diese "Doppelwilligkeit des Familienlebens"
- wunderbarerweise - aus den Zeiten Peters des Grossen stammt,
der zuerst jenes Gesetz aufhob, das die Kinder in ihrer Eheschliessung
von den Geboten der Eltern abhängig machte, konstatiert er:
"Die Zivilisation ist das 'Woher' der Selbstbestimmung, ist
ihre Mutter", und gibt auf die weitere Frage, 'wohin' das
führen solle, die Antwort: "Zur voll-
105
kommenen Freiheit soll es führen, die sich nicht aufgibt,
einem anderen 'zu Liebe'", um sich dann dem Staatsmann selbst
zuzuwenden, dessen Antwort ihm, "da die Weltgeschichte schrittweise
wandelt", einstweilen genügend erscheint. - Der andere
Aufsatz betitelt sich: "Die Lebenslustigen". Diese Lebenslustigen
sind Stirner die Theologen, speziell jene Theologen der evangelisch-theologischen
Fakultäten an den preussischen Universitäten, die sich
zu einem Gutachten über Bruno Bauer und dessen Geschichte
der Synoptiker zusammengetan hatten, und die nun in jedem einzelnen
vorgenommen und abgefertigt werden - diese Theologen, die nicht
den Mut besitzen, endlich zu sterben und "von der Hand eines
höheren Prinzips" den Todesstreich zu empfangen. Stirners
Spott über "ihre zähe Lebenslust und ihre Todesfurcht"
wird hier zum Hohn und vernichtend.
Wieder sind es endlich kleinere Streiflichter, die die lange Reihe
der Korrespondenzen für die Leipziger Allgemeine Zeitung
beschliessen: "Politische Ephemeriden", Tagebuchblätter
zur "Zeitkontroverse" und zu "Kunst und Wissenschaft".
Die neuen Hefte des Buhl'schen Patrioten werden ernster als die
ersten genommen; fast begeistert wird von dem Buch Edgar Bauers
über seinen Bruder und dessen Gegner gesprochen; und abermals
ist es zum Schluss das neue Ehescheidungsgesetz, das Gelegenheit
zu einer schärferen Bestimmung des Begriffs vom "heiligen
Ehestand" gibt, und ist es die Stellung der Juden in der
Gemeindeverfassung, auf die die Aufmerksamkeit der Leser von neuem
in treffenden Bemerkungen gelenkt wird, immer die Privilegien
geisselnd und die Gewalt verdammend, durch die allein sie sich
noch halten können. Doch wir verlassen den Korrespondenten
Stirner und wenden uns, gewissermassen aus dem Vorgarten kommend,
seinen wichtigeren und in Erkenntnis ihrer grösseren Bedeutung
von ihm auch sämtlich gezeichneten ersten literarischen Arbeiten
zu, die die Vorstufen bilden, auf denen wir hinaufsteigen mit
ihm zu dem grossen Bau seines Lebens.
Weit wichtiger, wie eben gesagt, als Stirners erste Veröffentlichungen
und seine Zeitungskorrespondenzen sind die wiedergefundenen, selbständig
in sich geschlossenen literarischen Arbeiten, im Ganzen vier,
die er seinem Lebenswerke noch vorangehen liess,
106
bevor er sich mit diesem selbst an die weiteste Öffentlichkeit
wandte, und die sich, wenigstens in den beiden ersten, kühnlich
an dessen Seite stellen können. Sie dürfen so, als literarische
Arbeiten, bezeichnet werden, weil sie sich weit über den
Rahmen von Korrespondenzen erstrecken, und die Anlässe zu
ihnen nicht mehr als Anregungen sind, aus denen selbständige
und gedanklich schöpferische Essays werden.
Die beiden ersten stehen zwischen den Korrespondenzen der "Rheinischen
Zeitung" in deren Beilage und tragen als Unterschrift beide
den Namen ihres Verfassers: Stirner.
Der eine, zugleich umfangreichste und bedeutendste Beitrag aus
Stirners Feder betitelt sich: "Das unwahre Prinzip unserer
Erziehung oder der Humanismus und Realismus" und erschien
in den Beiblättern zu den vier Nummern 100, 102, 104 und
109 vom 10., 12., 14. und 19. April. Es musste den Lehrer locken,
zunächst auf dem Gebiete, das seiner Erfahrung am nächsten
lag, gleichsam probeweise, den Versuch zur Entwicklung seiner
Ideen der persönlichen Selbstherrlichkeit des Individuums
zu machen. "Die Schulfrage ist eine Lebensfrage." Sind
wir Geschöpfe, die nur dressiert werden können, oder
werden wir zu den Schöpfern unseres späteren Lebens
herangebildet? - so fragend beginnt er seine Untersuchungen, zu
deren Ausgang er eine Schrift von Theodor Heinsius nimmt. Die
beiden grossen, sich bitterlich befeindenden Parteien des Humanismus
und Realismus sucht dieser in ihrem Erziehungsprinzip zu versöhnen.
Stirner behält die Namen bei, "so wenig zutreffend sie
auch sind", und betrachtet zunächst die Methoden beider
Richtungen und ihre Ergebnisse.
Die alte, klassische Bildung der Humanisten, die bis in das vorige
Jahrhundert reichte, und die neben ihr hergehende andere Bildung,
die sich vor allem auf die Kenntnis der Bibel stützt, waren
im Grunde nur formelle, die ihre Säfte aus der Antike zogen
und als Resultat eine leere Eleganz erzielten.
Der humanen gegenüber erhebt sich mit der Zeit der Aufklärung
die Bildung des Realismus, und je mehr sich die Autoritätsherrschaft
jener zurückgedrängt sah, wurde sie die allgemeine,
gipfelnd in den Grundsätzen der Menschenrechte: der Gleichheit
und der Freiheit.
107
Wie die humane Bildung nicht über den Formalismus, so kam
die reale nicht über den "praktischen Menschen"
hinaus. Will die eine nicht das Schicksal der anderen, den Untergang,
teilen, so müssen sie sich beide in dem Ziele der Geschmacksbildung
vereinigen.
Aber auch dann noch werden beide sterben. Dem werde die Erziehung
anvertraut, die mehr sind als beide, nicht dem Philosophen, mit
dem die Reformationsperiode stirbt, sondern jenem neuen Prinzip,
das den Willen aus dem Untergang des Wissens emporblühen
lässt. Denn darauf kommt es allein an: dass das Wissen sich
als Wille neu gestaltet. Auf die Epoche der Denk- wird die der
Willensfreiheit folgen und in ihr werden die persönlichen
und freien Menschen der Zukunft erstehen, zu verständigen,
nicht vernünftigen Menschen erzogen.
Was man heute noch will, das ist nicht Kraft der Opposition, sondern
Unterwürfigkeit; "brauchbare Bürger", nicht
sich selbst betätigende Individuen. Was bringt der Realismus
heute noch hervor? - Zwar keine blossen Gelehrten mehr, sondern
"höchst zivilisierte, gebildete" Subjekte: "lächelnde
Sklavenbesitzer und selber - Sklaven"; keine freien, sondern
loyale Geister; Leute von Grundsätzen, keine "prinzipiellen
Menschen".
Die ewigen Charaktere, die sich in ewiger Selbstverjüngung
immer wieder neu erschaffen, werden erst kommen, wenn alle Erziehung
nur auf das eine Ziel noch hinausläuft: Persönlichkeit!
Wenn nicht das Wissen mehr angebildet, sondern die Person zur
Entfaltung ihrer selbst kommen, wenn nicht nur der Wissens-, sondern
auch der Willenstrieb gepflegt, wenn das Kind die Hauptsache lernen
wird: sich zu fühlen, dann werden wir das neue Ziel erreicht
haben. Fürchtet man, dass mit diesem neuen Prinzip die Autorität
zugrunde gehen wird? - "Wer ein ganzer Mensch ist, braucht
keine Autorität zu sein." Der in Frechheit ausartende
Freimut des Kindes wird sich an der Härte meiner eigenen
Freiheit brechen.
"In dieser darum universellen Bildung, weil in ihr der Niedrigste
mit dem Höchsten zusammentrifft, begegnen wir erst der wahren
Gleichheit aller, der Gleichheit freier Personen: nur die Freiheit
ist Gleichheit."
Brauchen wir einen neuen Namen für das neue Prinzip? - Gut,
108
so nennen wir die, die ihm folgen, Personalisten. Mit einem Worte
nochmals, worauf es ankommt: "Das Wissen muss sterben, um
als Wille wieder aufzuerstehen und als freie Person sich täglich
neu zu schaffen".
So schliesst die Untersuchung über "das unwahre Prinzip
unserer Erziehung", die wir kühnlich neben den "Einzigen"
stellen dürfen. Spricht doch hier schon mit vollster Deutlichkeit
der grosse Denker, mit seiner unwiderstehlichen Klarheit und Kühnheit,
in der ihm eigenen Sprache, der originelle Schöpfer ganz
neuer Gesichtspunkte, die letzten Ziele auf einem Teil jenes unendlichen
Gebietes aus, das er später in seiner ganzen Weite erschliessen
sollte. Mit welcher souveränen Anmut beherrscht er seinen
Stoff, mit welcher Rücksichtslosigkeit schiebt er fort, was
ihm im Wege steht, wie ist er schon ganz er selbst! Ja, fast noch
wärmer und lockender klingt hier sein Ruf nach der Selbstherrlichkeit
des Individuums, als später, wo eine starre Logik sich der
Worte oft ausschliesslich bemächtigt zu haben scheint . .
.
Die erste seiner grösseren und selbständigen Arbeiten,
mit der wir ihn an die Öffentlichkeit treten sehen, wird
immer eine seiner wichtigsten und segensreichsten bleiben. War
es noch zu verwundern, dass ein Mann, der das Prinzip der Erziehung
so tief und zugleich so originell erfasste, keinen Platz auf dem
Katheder der dumpfen Schulstuben staatlicher Dressuranstalten
finden konnte? -
Die andere Abhandlung erschien in dem Beiblatt zu Nr.165 vom 14.
Juni und trägt den Titel "Kunst und Religion".
Sie ist offenbar durch das Erscheinen eines anonymen Werkes von
Bruno Bauer, mit dem dieser seinen noch verhüllten Kampf
gegen Hegel fortsetzte, und das sich "Hegels Lehre von der
Religion und Kunst; von dem Standpunkt des Glaubens aus beurteilt",
betitelt, veranlasst, wenn dies auch nicht gesagt wird. Es ist
keine sehr umfangreiche Arbeit, aber sie ist trotzdem von hoher
Bedeutung.
Hegel, so sagt Stirner, behandelt mit Recht die Kunst vor der
Religion. Denn mit der Verkörperung des Ideals - in und durch
Wort, Bild und Anschauung von dem Künstler erreicht - vollzieht
sich die Entzweiung des Menschen mit sich selbst: in ihm entsteht
die Religion. Dieser religiöse Mensch verhält sich zu
dem Ideal des
109
Künstlers, wie zu seinem zweiten Ich, einem Objekt, mit dem
sein Verstand in den Freuden und Leiden eines ewigen Kampfes liegt.
Denn eine Verstandessache ist die Religion! - Wie das Genie des
Künstlers sich nur in der Freiheit entfalten kann, so ist
die Religion jedem zugänglich. Auch ihre Liebe, das "eigenste
Wesen der Religion", ist doch im Grunde nichts als Verstand:
die Liebe des Kindes zu seinem "Gegenstand", der Mutter,
z.B. beweist es. Ein Objekt ist aller Liebe unentbehrlich. Aber
dieses Objekt muss ein Mysterium bleiben, das immer neu und reizvoll
erscheinen muss, soll es nicht zerfliessen. Wie der Liebe so ergeht
es dem Verstande: das Mysterium macht die Verstandes- zur Herzenssache.
Daher darf die Kunst, die Schöpferin dieses Objekts als Ideal,
nicht hinter der Religion stehen. Denn die Religion trachtet das
Objekt, das der Künstler durch die ganze Kraft und Fülle
seines Innern zu einer herrlichen Gestaltung "konzentriert"
hat, wieder zum Subjekt zu machen, den Gott mit den Menschen zu
versöhnen, das Ideal herunterzuziehen zu sich. Es gelingt
ihm nie. Es ist die Mühe einer ewigen Sehnsucht, die ihn
foltert. - Jeder neue Genius der Kunst verschönt das alte
Objekt zu frischer, neuer Bildung. Aber die Kunst verklärt
es nicht nur, sondern entreisst es immer wieder der Religion,
indem sie ihr Objekt zurückfordert, um es lachend immer wieder
neu zu gestalten. Daher steht die Kunst immer auch am Ende jeder
Religion - um immer wieder aufs neue "Religion zu machen".
Von beiden, Kunst und Religion, ist die Philosophie getrennt:
schafft die eine von jenen beiden das Objekt und lebt die andere
nur in der Anlehnung an sich selbst, so legt sie, die Philosophie,
auf beide "die zermalmende Hand und atmet die Freiheit".
Mit sich selbst allein beschäftigt, kümmert sie sich
um kein Objekt. Sie sucht nur die Vernunft, d.h. sich selbst.
Aber damit genug; denn nicht über Philosophie zu sprechen,
hat er sich für diesmal vorgenommen, sagt Stirner.
Wir sehen, in welchem unzertrennlichen Zusammenhang für ihn
die Kunst und die Religion stehen: trotz des gegenseitigen Kampfes
erschafft die eine die andere in ihnen immer aufs neue. Der Sieg
der Philosophie, die Freiheit, bedeutet Stirner den Untergang
beider.
110
Dass die Religion sich ihres Unterganges schon lange bewusst ist,
beweist ihr nun schon so lange dauernder, verzweifelter Todeskampf;
wie sehr sich die Kunst ermattet fühlt in dem nie endenden,
ihre Kräfte verzehrenden Verhältnis, das zeigen ihre
Versuche unserer letzten Zeit, sich selbst zu verjüngen,
nur zu deutlich. Wenn sie sich befreit haben wird von dem Vampyr
der Religion, wenn sie ihre Objekte nicht mehr ausser sich, sondern
in sich sucht, wenn die Kunst Leben wird, kann sie sich noch retten.
Stirners grösste Gabe, alle Verhältnisse in den weitesten
Perspektiven zu sehen und hinstellen zu können, das Grosse,
worauf es ankommt, von dem Kleinen zu scheiden, und doch das Kleine
zu gebrauchen, um das Grosse zu erreichen, zeigt sich vor allem
auch in dieser Arbeit, die zweifellos mehr Wert besitzt als alles,
was Hegel und Bruno Bauer zusammen über denselben Gegenstand
gesagt haben. Denn ein Satz des Genies, der Welt und Menschen
erfasst und sie über sie hinaushebt zu neuen Zielen, wiegt
mehr als die tausendfache Mühe der Talente, die sich in ihnen
zurecht und mit ihnen abzufinden suchen, ohne sich doch befreien
zu können. -
Zwei andere selbständige literarische Arbeiten von Bedeutung
stellte Stirner zwei Jahre später seinem alten Bekannten
Buhl zur Verfügung.
Ludwig Buhl gab im Jahre 1844 im Selbstverlage in Mannheim das
"erste und einzige" Heft einer "Berliner Monatsschrift"
heraus, einen kleinen Band von 330 Seiten. Die Entstehung dieses
kleinen Unternehmens liefert einen so überaus charakteristischen
Beitrag zur Geschichte der damaligen Press- und Zensurverhältnisse,
dass wir einen Augenblick bei ihr verweilen wollen.
Mitte 1843 hatten Verleger und Herausgeber des geplanten Unternehmens
einmal den Prospekt und drei für die erste Nummer bestimmte
Aufsätze, sodann nochmals drei der letzteren der Zensur eingereicht,
waren aber abschlägig beschieden, d.h. die Druckerlaubnis
war ihnen verweigert worden. Auch die eingereichten Beschwerden
wurden vom preussischen Oberzensurgericht verworfen. Buhl liess
darauf, wie erzählt, den "ersten und einzigen"
Band in Mannheim bei Heinrich Hoff drucken und im Selbstverlage
erscheinen. Über zwanzig Bogen stark geworden, hätte
er zwar auch in Preussen
111
nicht der Zensur unterlegen, doch war in Baden die Gefahr der
Beschlagnahme weniger gross. Buhl eröffnet ihn mit einem
"Offenen Bekenntnis", in dem er erklärt, durchaus
nicht sanguinisch in einer Illusion befangen gewesen zu sein über
das Ergebnis seines Gesuches. "Wir wussten", so sagt
er, "dass eine Gewalt, welche sich auf die Autorität
stützt, einen Zersetzungsprozess aller bestehenden Verhältnisse
nicht dulden werde. Gerade deshalb hatten wir es uns zur Aufgabe
gemacht, die Stützen und die beschönigenden Vorwände
der Gewalt: Staat, Gesetz, Recht, gesetzliche Ordnung, gesetzlichen
Fortschritt, Religion, Nationalität, Patriotismus und wie
die Worte sonst heissen mögen, zu analysieren. "Um dies
aber, fährt er fort (er spricht hier von seinem Prospekt)
unter den Augen der Gewalt tun zu können, mussten wir freilich
unser letztes Wort zurückhalten. "Durften wir auch nicht
dem Staate als solchem zu Leibe gehen und ihn als Manifestation
der Unfreiheit darstellen, so kamen wir doch zu demselben Resultate,
wenn wir alle bestehenden Staatsformen und vorhandenen Verfassungen
als dem Begriffe der wahren und allgemeinen Freiheit nicht entsprechend
darstellten."
Zeigen diese Sätze, wie weit die Kritik damals schon vorgeschritten
war - kühn wagte sie sich an den geheiligten Bestand des
Staates selbst - so tut dies der "Prospectus" kaum minder,
in dem es unter anderem heisst: "Wir wollen die Grundlagen
und die Voraussetzungen des Staates und den Begriff des Staats
selbst untersuchen..." Es bleibt sehr bedauerlich, dass das
Unternehmen nicht zustande gekommen ist, aber wir wollen uns doch
freuen, dass wenigstens sein "erstes und einziges" Heft,
und mit ihm die beiden Beiträge Stirners, erhalten geblieben
sind.
Der erste der beiden, mit "Stirner" unterzeichnet, trägt
die Überschrift: "Einiges Vorläufige vom Liebesstaat".
Hören wir zunächst das Urteil der Weisen vom Zensurgericht
über ihn. Nach ihm enthält er am "Eingang eine
Vergleichung der in dem bekannten v. Stein'schen Sendschreiben
entwickelten politischen Ideen über Freiheit und Gleichheit
mit den der französischen Revolution zugrunde liegenden Gedanken.
Dieser Einleitung folgt die eigene Ansicht der Verfassers von
der reinen Freiheit und absoluten Selbstbestimmung. Am Schluss
erklärt er diese seine Theorie, nicht allein
112
mit dem bestehenden Staatsprinzip, sondern auch mit dem der Liebe
und Treue, worauf es ruht, für unverträglich. Hiermit
hat er sich selbst das Urteil gesprochen. Die Tendenz des ganzen
Aufsatzes ist nach Art. IV.1 der gedachten Instruktion (der Zensurinstruktion)
verwerflich. Auf diese Tendenz ist auch der Eingang des Aufsatzes
berechnet, welcher an sich, mit Weglassung oder Änderung
mehrerer Stellen, zum Drucke würde verstattet werden können,
aber in einem so unzertrennlichen Zusammenhange mit den daraus
abgeleiteten Maximen steht, dass er nach dem sich hindurchziehenden
Hauptsinne mit dem Ganzen das Schicksal teilen muss". Trauriges
Schicksal allerdings, von solchen Köpfen beurteilt und mundtot
gemacht zu werden!
Obwohl uns das Zensurgericht so gütig diesmal der Mühe
der "Inhaltsangabe" überhoben hat, sei unbescheidenerweise
doch noch hinzugefügt, dass Stirner zunächst dem Sinn
bewussten Sendschreibens auf den Grund geht. In zwei Punkten stimmt
sein Verfasser, der Freiherr von Stein, mit den Zielen der französischen
Revolution in ihm überein: in der Lehre der Gleichheit, d.h.
darin, alle auf die gleiche Stufe der Untertänigkeit zu bringen;
und in dem der Freiheit, d.h. der Freiheit der Pflichterfüllung,
der moralischen Freiheit, der bürgerlichen der Revolution.
Stirner betrachtet dann weiter den Mittelpunkt dieser letzteren:
die Pflicht der Liebe. In der revolutionären, dem Prinzip
der Selbstsucht entwachsenden Freiheit bestimmt sich der Mensch
"rein aus sich", in der Liebe tut er dies nur um eines
anderen willen. Es ist ein Unterschied, ob man ein Liebevoller
oder ein Vernünftiger ist. Der Sieg der Liebe ist die Willenlosigkeit.
Die Lieblosen aber lehnen sich auf, sie sind die Unzufriedenen
und verlachen das schöne Wort: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht...
Es ist nur ein Präludium zu einer grösseren Arbeit,
die sich mit den Erscheinungen des Liebesstaates, der letzten
und vollendetsten Form des Staates, beschäftigen sollte,
das Stirner hier anstimmt, einer Arbeit, die wohl in der geplanten
Form nie zustande gekommen ist. Aber das Leitmotiv klingt bereits
hell und klar durch diese wenigen Seiten.
Der zweite Aufsatz Stirners in der Buhl'schen Monatsschrift ist
eine Besprechung des Werkes: "Die Mysterien von Paris von
113
Eugène Sue". Sie trägt die Unterschrift Max Schmidt,
und wir müssen diese auf eine irrtümliche Durcheinanderwerfung
des Namens und des Pseudonyms zurückführen, um sie uns
zu erklären. Dass der Artikel aber von Stirner herrührt,
darüber kann nicht der leiseste Zweifel bestehen.
Um zu verstehen, wie Stirner seine Aufmerksamkeit einem solchen
Werke zuwenden konnte, muss man sich vergegenwärtigen, dass
Sues Roman zu jener Zeit auch in Deutschland das enormste Aufsehen
erregte, in zahlreichen Übersetzungen von Hand zu Hand ging
und überall mit gleicher Gier verschlungen wurde. Unverständlich
wie dieser Eindruck dem Geschlecht von heute ist, wo das längst
vergessene, bestaubte, bändereiche Werk höchstens noch
von Leihbibliotheksmardern wieder hervorgeholt wird und nur in
den Gemütern von Nähmamsells noch die alte Wirkung zu
erzielen imstande wäre, wird er uns nur einigermassen erklärlich,
wenn wir uns daran erinnern, dass Sue in die schöne Literatur
mit seiner Sensationsgeschichte zum ersten Male das soziale Element
trug, indem er die gefühlsredliche Armut in einen so innigen
Kontakt mit der bisher als höher betrachteten Art von Menschen
brachte und ihr neben dieser einen so nahen Platz einräumte,
wie es bisher noch nie geschehen war.
So wurde das Buch zu jener Zeit fast überall völlig
ernst genommen. Man übersah seine schauderhaften Unmöglichkeiten
mit der gleichen Begeisterung wie seine innere Hohlheit und berauschte
sich toll und voll an der allerdings ganz ungewöhnlichen
Einbildungskraft des Franzosen.
Selbst in der Bauer'schen Allgemeinen Literatur-Zeitung erschien
aus der Feder Szeligas ein überschwenglicher, bandwurmlanger
Artikel, in dem ernstlich der Kritik unterzogen wurde, was in
Wahrheit unter ihr war.
"Max Schmidts", d.h. Stirners Besprechung war schon
früher geschrieben.
Sie zeigt uns Stirner von seiner geistreichsten Seite. Mit schneidendem
Hohn geisselt er die verlogene Sentimentalität der Bourgeoisie,
die - ein Tränchen des Mitleids im Auge - die Sünder
zu bekehren, das Laster auf den Weg der Tugend zu bringen und
Ausgestossene
114
in die Arme der Gesellschaft wieder aufzunehmen sich heuchlerisch
anschickt.
Habt ihr aber wohl einmal, ihr Guten, darüber nachgedacht,
ob das Gute denn wirklich wert ist, dass man nach ihm strebe?
- Ist es nicht vielleicht auch nur ein leerer Wahn, der nur in
eurer Einbildungskraft lebt?
So fragt Stirner und zeigt dann an den einzelnen Figuren des Romans,
dessen Verfasser - "ohne jede tiefere und gewaltigere Einsicht
in das Wesen der Gesellschaft" - an jede von ihnen "allemal
dasselbe Ellenmass, nämlich das der Sittlichkeit", legt,
wohin diese Bemühungen der Guten, die Bösen zum Guten
zu bringen, führen. Es sind wahrhaft überraschende Resultate,
zu denen wir mit ihm gelangen.
Heilversuche, nicht an einem kranken, sondern an einem abgelebten
Körper vorgenommen, sind alle diese Versuche Stirner, "Verbesserungen,
wo nichts mehr zu verbessern ist". Müde und alt, nicht
krank ist unsere Zeit, sagt er. Darum quält sie und euch
nicht länger und lasst sie sterben!
So schliesst Stirners erste literarische Tätigkeit, die seinem
grossen Werke voraufging. Weder für die Hallischen und Deutschen
Jahrbücher von Arnold Ruge, noch für Bauers Literaturzeitung
hat er Beiträge geliefert.
Er schweigt einstweilen und nimmt die Feder zur Mitarbeiterschaft
an einer Zeitung erst wieder auf, um im Drange der Selbstverteidigung
auf Angriffe zu antworten, die sich gegen die Tat seines Lebens
richteten.
Doch dies gehört bereits in den Rahmen des nächsten
Kapitels, das ausschliesslich der Betrachtung dieser Tat gewidmet
sein wird.
Zuvor haben wir uns noch mit dem nach aussen hin grössten
Ereignis in diesem Leben zu beschäftigen: mit Stirners zweiter
Ehe, mit Marie Dähnhardt...
Es war wohl im Kreise der "Freien", wo Stirner des öfteren
mit einer jungen Dame zusammentraf, die er zuerst im Hause des
späteren Begründers der National-Zeitung, Dr. Friedrich
Zabels, gesehen hatte, mit - Marie Dähnhardt.
115
Marie Wilhelmine Dähnhardt war am 1. Juni 1818 zu Gadebusch
in der Nähe von Schwerin als die Tochter des Apothekers Helmuth
Ludwig Dähnhardt und seiner Frau Maria, einer geborenen Brünger,
geboren und am 7. Juni nach evangelisch-lutherischem Ritus getauft
worden. Einer wohlhabenden bürgerlichen Familie entstammend
hatte sie eine gute Erziehung genossen und war frühzeitig
von dem Emanzipationsdrang jener Tage, der unter anderem in Gutzkows
verschollenem, damals aber von den Frauen verschlungenem Buche
"Wally, die Zweiflerin" einen seltsam-beredten Ausdruck
fand und in George Sand das allerdings nie erreichte Vorbild sah,
ergriffen worden.
So war sie, jedenfalls gegen den Willen ihrer Familie, schon frühzeitig
nach Berlin gekommen, um hier ihr Leben weitere Kreise ziehen
zu lassen als es ihr in den beschränkten Verhältnissen
ihrer Heimat jemals möglich gewesen wäre.
Zwar lassen sich ihre ersten, genauen Spuren in Berlin erst in
dem Jahre ihrer Heirat mit Stirner, 1843, feststellen, wo sie
vom 21. Januar bis zum 4. April Alexanderstrasse 22 bei dem Lehrer
der englischen Sprache, W.Turnbull, bei dem sie jedenfalls Unterricht
nahm, und vom 30. August bis 21. Oktober (in der Zwischenzeit
war sie abwesend) Friedrichstrasse 189 bei dem Tapezierer
F. Bodinus wohnte. Doch steht fest, dass sie schon zwanzigjährig,
1838, in Berlin und jedenfalls hier nicht fremd war. Ihr Vater
war früh gestorben.
Marie Dähnhardts Verheiratung mit Max Stirner fand statt
am 21. Oktober 1843 und zwar in der Wohnung des Bräutigams:
Neu Kölln, Am Wasser 23. Sie geschah "mit Einwilligung
ihrer Mutter".
Nach Neu Kölln, Am Wasser, war Stirner kurz vorher, am 4.
Oktober, gezogen, indem er die fünf Jahre innegehabte Wohnung
in der Neuen Friedrichstrasse 79, wo wir ihn zuletzt gesehen,
und damit die Familie seiner ersten Frau, in der er ein ganzes
Jahrzehnt - wenn auch mit Unterbrechungen - gelebt, verlassen
hatte.
Hier in dem Hause Neu Kölln, Am Wasser, dessen Besitzer der
Schönfärber Schöpke war, in einer geräumigen
Wohnung mit grossem "Salon", wohnten die jungen Eheleute
während der Jahre ihres Zusammenseins.
116
Über die "Geschichte der Trauung" Stirners ist
so viel geschrieben und geredet worden - weit mehr als über
sein ganzes Leben zusammengenommen -, dass sie auch in dieser
Geschichte seines Lebens nicht nur nicht übergangen werden
darf, sondern ihr sogar ein eigener Platz angewiesen werden muss,
indem versucht werden soll, sie, wie alles andere, in das richtige
Licht zu rücken. Es ist nicht ganz leicht, da sich die Behauptungen
und Erinnerungen scharf widersprechen. Denn wie es das Anekdotenhafte
ist, das am längsten in dem Gedächtnis der meisten Menschen
haftet, so nimmt es auch, von Mund zu Mund getragen, in jedem
eine etwas veränderte Form an, um endlich als ein der einstigen
Wirklichkeit fast Fremdes dazustehen. So ging es auch mit der
Erzählung dieser Heirat, die so viel Staub aufwirbelte, so
viel Empörung und so viel Lachen erregt hat.
Alles romantischen Beiwerks entkleidet wird sie - auch so noch
interessant genug - in folgender Form stattgefunden haben:
Die Trauung wurde vollzogen durch den Oberkonsistorialrat Marot
von der Neuen Kirche in Berlin, eine stadtbekannte Persönlichkeit,
der von Bruno Bauer seiner freieren Ansichten wegen gewählt
worden war.
In der neugemieteten Wohnung nun versammelten sich am Morgen des
21. Oktober, kurz vor dem Mittagessen, die Trauzeugen und Gäste;
sie wurden nicht, wie erzählt wird, erst aus der Kneipe herbeigeholt.
Keinesfalls waren sie in irgendwie feierlicher Stimmung.
Als Trauzeugen fungierten Bruno Bauer und Buhl; als Gäste
waren, so weit bekannt, Wilhelm Jordan, der junge Dichter, Julius
Faucher, ein Assessor Kochious (oder Kochius) und eine junge Engländerin,
eine Freundin der Braut, anwesend; ausserdem sicherlich noch eine
Anzahl anderer Freunde und Bekannte.
Buhl soll mit Mühe aus seinen Hemdsärmeln in seinen
"schäbigen Alltagsrock" hinein genötigt sein,
als der Pfarrer eintrat; auch wurden die Karten beiseite gelegt,
mit denen man gespielt hatte.
Die Braut liess auf sich warten. Als sie eintrat, muss Marot sehr
erstaunt gewesen sein, sie in einfachem Kleide und ohne den bräutlichen
Schmuck von "Myrtenkranz und Schleier" zu finden. Auch
117
seine Frage nach einer Bibel fand nicht die gewohnte Bereitwilligkeit
- es war keine zur Hand.
Indessen nahm die kurze, unter solchen Umständen sehr beschleunigte
Feier ihren Verlauf. Die Gäste sahen zum Fenster hinaus,
statt der "dürren, nüchternen", den Umständen
angepassten Rede zu lauschen.
Als jedoch die Frage nach den Ringen gestellt wurde, stellte sich
eine neue Schwierigkeit heraus: Ringe waren, wahrscheinlich aus
Vergesslichkeit, überhaupt nicht bestellt worden.
Da zog Bruno Bauer (nach Jordans Erinnerung soll es Stirner selbst
gewesen sein, doch wird allgemein von Bauer gesprochen) seine
längliche, gehäkelte Geldbörse, wie sie damals
üblich war, aus der Tasche, schüttete den gewiss nur
geringen Inhalt von Silber- und Kupfermünzen bedächtig
auf die eine Seite und zog die beiden Messingringe ab, die er
dem Prediger übergab, indem er meinte, dass sie die "Ehe
ebensogut, oder besser, zusammenhalten" könnten wie
goldene.
Und mit diesen Messingringen wurden Max Stirner und Marie Dähnhardt
getraut...
Marot, zu dem Essen und der darauf folgenden Bowle eingeladen,
dankte und ging, und die Hochzeit nahm den "fröhlichen
Verlauf" anderer Hochzeiten, oder vielmehr einen noch fröhlicheren;
die jungen Eheleute verschwanden nicht zu einer Hochzeitsreise,
sondern blieben mit ihren ausgelassenen Gästen noch lange
zusammen.
Von den meisten zu einer "beabsichtigten Demonstration"
aufgebauscht, von anderer Seite hinwieder als das natürliche
Ergebnis des Augenblicks ohne jede besondere oder Nebenabsicht
hingestellt, nahm die Geschichte des Ringewechsels bald die seltsamsten
Formen an, pflanzte sich von Mund zu Mund, und während die
einen mit positiver Bestimmtheit von Gardinenringen sprachen,
die verwandt worden seien, faselten andere von einer unerhörten
Beschimpfung heiliger Institutionen. In letzter Linie aber war
die Sache nichts als die völlige Gleichgültigkeit der
beteiligten Personen bei einer äusserlichen Handlung, die
in ihren Augen durchaus keine weittragende, innere Bedeutung besass,
und die nur vollzogen wurde aus äusseren, vielleicht nicht
zu umgehenden Rücksichten.
118
Die Eheleute führten eine stille und unauffällige Ehe
und lebten in der alten, gewohnten Weise fort.
Nachdem wir Stirner kennen gelernt haben, wird sich unser Interesse
zunächst auf die junge Frau richten. Da sie die Aufmerksamkeit
so vieler auf sich gezogen hat, ist es nicht schwer, Marie Dähnhardts
Bild zu zeichnen: ein in jeder Beziehung sympathisches.
Eine schlanke, anmutige Blondine von kleiner, voller Gestalt mit
auffallend reichem Haarschmuck, den sie, um es mit dem Ausdruck
der damaligen Zeit zu bezeichnen: a la neige - in geringelten
die Schläfen bedeckenden Locken - trug, mit zartem, rosig
angehauchtem Teint, von raschem und energischem Wesen, "durchaus
verständig", aber ohne besondere geistige Begabung,
übte sie mehr durch ihre natürliche Frische als durch
eigentliche Schönheit - denn eine Schönheit war sie
nicht - eine unverkennbare Anziehungskraft auf die Männer
aus. Dieser Kraft war sie sich bewusst, wenigstens war sie es
sich in Berlin geworden.
Sie hatte eine ausgezeichnete Erziehung genossen, wusste sich
gut zu benehmen, auch in Gesellschaft, hielt sich immer ernst
und verkehrte bei Hippel unter den "Freien", wo sie
den Spitznamen Marius Daenhardius führte, so zwanglos, wie
jeder andere Gast. Wenn es auch gar keinen Zweifel duldet, dass
sie "Zigarren rauchte", mit der langen Pfeife auf den
Buden der Studenten gesehen wurde, Billard, und zwar ausgezeichnet,
spielte, und das Münchner Bier, das damals in Berlin aufkam,
ebenso gern und aus ebenso grossen Seideln wie die Männer
trank, so ist es ebenso zweifellos, dass sie all dieses nicht
nur allein aus innerer Lust, sondern auch aus jenem Trieb heraus
tat, in dem sie, die im Grunde durchaus Bürgerliche und "Gesittete",
sich zu emanzipieren suchte.
Es ist oft, und nur allzu erklärlicherweise, behauptet worden,
dass sie "ein solches Leben" nur ihrem Mann zuliebe
geführt habe. Es ist nicht wahr. Jener Drang, der sie nach
Berlin geführt hatte; dem missverstehend sie sich immer mehr
und mehr hingab; der sie in derselben Unbekümmertheit an
den lauten Tisch der Männer wie unter die jungen Studenten
führte; der sie sogar an den spätabend-
119
lichen Ausflügen der Bande in die Bordelle der alten Königsmauer
- wohin man natürlich nur ging, um dort so lange den grössten
Ulk zu treiben, bis man hinausgeworfen wurde - dieser Drang, der
sie an solchen Ausflügen in Männerkleidern teilnehmen
liess, hatte sie schon ergriffen, als sie Stirner noch gar nicht
kannte.
Dass ihr ursprüngliches Gelüst sie weiter trieb, als
sie anfangs gewollt hatte, ja auch nur ahnen konnte, das war nicht
dessen Verschuldung. Bei seinem ruhigen, passiven Wesen ist es
ganz undenkbar, dass er sie je zu etwas überredet oder gar
verleitet hätte, was ihrem eigenen Wunsch und Willen zuwider
gewesen wäre. Das soll noch weiterhin begründet werden.
Gewiss ist auch, dass sie ihren Mann von Anfang an nicht verstand.
Wahrscheinlich erschienen ihr die lauten und lärmenden Kneipgenossen
von Hippel, unter denen sie so unbefangen sass, noch ein Kind
an Gemütsart und Unerfahrenheit, mit der sie die oft wüsten
Reden, Anspielungen und Zoten anhörte, die sie nicht begriff
und denen sie nur deshalb so ruhig zuhören konnte, wahrscheinlich
erschienen ihr diese "Freien" um vieles freier als der
ruhige Mann, der sie tun und treiben liess, was sie wollte, und,
ohne Menschenkenntnis, wie sie war, liess sie ihn später
heimlich entgelten, was die andern verschuldet, wenn von irgendeinem
Verschulden auf einer Seite überhaupt die Rede sein kann.
Vielleicht aber, und das erscheint nach allem das Wahrscheinlichste,
hat sie damals nie darüber nachgedacht, was die einen beherrschte
und den anderen bewegte, ist in dem fröhlichen Strom mitgeschwommen,
wie ihre Jugend es ihr mit Recht gebot, und hat durch die trüben
Schleier späterer Erlebnisse, die sich über diese Tage
deckten, nicht mehr zu erkennen vermocht, was unter ihm - in den
Knäuel ihrer Reue verwirrt - lag.
Freiwillig und gern ist sie in jenen Kreis gegangen, weil es ihr
in ihm gefiel, freiwillig hat sie sich, nicht seinen Ton, dazu
war sie zu geschmackvoll, aber seine freie und bei allen Ausschreitungen
doch so schöne und teilweise grossartige, nur noch so wenig
durchgebildete Lebensauffassung zu eigen gemacht. Stolz und nicht
ohne Kühnheit ist sie somit nur ihren eigensten Neigungen
gefolgt.
Und dass sie getan hat, was sie wollte, und dass Stirner sie tun
120
liess, was sie wollte, das mag sie in den Augen der Eheknechte
natürlich so verabscheuungswürdig erscheinen lassen,
wie sie es späterhin in ihren eigenen war, aber es kann uns
beide nur lieber machen. Jede gegenseitige Bevormundung hätte
übrigens so ganz und gar nicht in das Wesen der Beteiligten
gepasst, denen "die Ehe" nur ein loses Band, das rein
äusserlich um sie geschlungen war, bedeutete. Und nicht an
der "Untreue" der Frau - wie lächerlich! - ist
"diese Ehe zugrunde gegangen", sondern einzig und allein
unter dem Druck der Verhältnisse, den er und sie leider nur
allzubald empfanden.
Ihr guter Geschmack hat Marie Dähnhardt immer davor bewahrt,
ihre Affären, die sie allein und nur sie angingen, und denen
natürlich auch hier nicht nachgegangen wird, an die grosse
Glocke zu hängen, und nach aussen hin war sie immer und für
alle die unnahbare Frau, an die sich kein Gedanke, geschweige
denn ein Wunsch so leicht herangewagt hätte. Nur einmal soll
es zu einer Szene gekommen sein: sie hatte anfänglich den
zweideutigen Sinn einer Bemerkung nicht verstanden; als sie auf
ihn aufmerksam gemacht wurde, soll ihre berechtigte Empörung
zum vollen Durchbruch gekommen sein.
Allgemein geachtet und allgemein beliebt, wie Stirner selbst,
war sie die unbestrittene weibliche Zierde des Kreises, wenn sie
in ihm erschien. Denn sie war durchaus nicht die einzige Frau
in ihm, wie wir gesehen haben. Besonders befreundet soll sie unter
den Frauen, die mit ihr dort verkehrten, mit der damals noch unverheirateten
Frau des Dr. Wiss, und ebenfalls gut bekannt mit Karoline Faucher
gewesen sein.
Diese Jahre, die letzten seiner Lehrtätigkeit und ersten
seiner Ehe mit Marie Dähnhardt - also ungefähr von 1843
bis 1845 - dürfen als der Höhepunkt in Max Stirners
Leben betrachtet werden, wenn überhaupt eine solche rein
auf die äusseren Tatsachen aufgebaute Annahme erlaubt ist.
Von seiner Tätigkeit in der Töchterschule der Mme. Gropius
nicht allzusehr in Anspruch genommen, hat Stirner Musse genug
übrig, um die letzte Hand an die Vollendung seines Lebenswerkes
zu legen, das als Ganzes bereits dastand: Jeder, der weiss, was
das
121
heisst, wird gerade eine solche Zeit - noch unerfüllter Erwartung
und Hoffnung und doch schon getaner Arbeit - als die glücklichste
im Leben des schaffenden Geistes bezeichnen.
Er hat ein junges Weib, das er, was auch gesagt werden mochte,
liebte.
Offen stand ihm ein Kreis von Männern, die ihn - mehr und
mehr von seiner Bedeutung überzeugt - ausnahmslos achteten,
anregten und stets gern in ihrer Mitte sahen.
Und er hatte - zum ersten Mal in seinem Leben - Geld. Denn Marie
Dähnhardt, die ihren Vater frühzeitig verloren, war
im Besitz eines für damalige Begriffe stattlichen Vermögens.
Es betrug zehntausend Taler, nach anderen Angaben sogar dreissigtausend.
Richtig ist wohl die erstere Zahl.
Der Mann wurde daher vielfach beneidet, und leuchtend und wärmend
stand die Sonne des Glücks an dem Himmel der jungen Eheleute,
die nicht an Wolken und Wetter dachten und völlig sorglos
und unbekümmert in den kurzen Tag hinein lebten, der ihnen
beschieden war.
Doch beide für eine kurze Spanne verlassend wenden wir uns
jetzt zu dem Werke, das ihm, der es geschaffen, und ihr, der es
gewidmet, nicht mehr, sondern uns allen gehört.
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FÜNFTES KAPITEL
124
DER EINZIGE UND SEIN EIGENTUM
1845
ERSCHEINEN. - BESCHLAGNAHME UND FREIGABE IN SACHSEN; VERBOT IN
PREUSSEN; STIRNER UND DIE POLIZEI. - ALLGEMEINE AUFNAHME UND ERFOLG.
- DAS WERK. - VERSUCH SEINER WÜRDIGUNG. - DIE KRITIK. - STIRNERS
ENTGEGNUNGEN. - DAS VERSTANDESTUM UND DAS INDIVIDUUM. - AUSBLICK.
125
Im Kreise der "Freien" hatte sich im Laufe der Zeit
das Gerücht verbreitet, dass Max Stirner an einem umfangreichen
Werk arbeite, zu dem er "bereits Blatt auf Blatt gehäuft"
und das immer noch, "das ganze eigentümliche Gewebe
seiner Gedanken in sich aufnehmend", anwachse.
Aber niemand hätte etwas näheres über dieses Werk
zu sagen gewusst. Nie ging Stirner auf diesbezügliche Fragen
ein, nie liess er irgendjemand auch nur eine einzige Seite seiner
Arbeit sehen oder gar lesen. Nur insofern verriet er das "Geheimnis
seines Lebens" selbst, als er zuweilen auf sein Pult zu deuten
pflegte, wo sein "Ich" verborgen liege.
Die Existenz des Werkes "konnte auch eine Fabel sein",
und wurde bereits von manchen als eine solche betrachtet, als
es plötzlich, in den letzten Tagen des Oktober 1844, unter
dem Titel "Der Einzige und sein Eigenthum" an das Licht
der Öffentlichkeit trat.
Ursprünglich sollte dieser Titel - und die oben angeführte
Bemerkung Stirners spricht dafür - "Ich" lauten.
Er wurde fallen gelassen, um über der zweiten Hauptabteilung
des Werkes zu stehen.
Als Autor nannte Stirner den Namen, unter dem er seine ersten
Arbeiten geschrieben und den er im Kreise seiner Bekannten führte;
als Verleger stand auf dem Titelblatt eine der angesehensten buchhändlerischen
Firmen Deutschlands, Otto Wigand in Leipzig, der unerschrockene
und weithin bekannte Verleger der meisten und bedeutendsten radikalen
Erscheinungen jener Zeit, der Verleger der Ruge'schen Unternehmungen
und der Feuerbachs, selbst innig mit Herz und Geist an den Kämpfen
seiner Zeit beteiligt. Als Jahreszahl war 1845 angegeben. Stirner
und Wigand verband ein freundschaftliches Verhältnis; dieser
hielt grosse Stücke auf seinen neuen
126
Autor und hat stets mit hoher Achtung von ihm gesprochen. Stirner
war übrigens 1844 in Leipzig gewesen, wahrscheinlich um das
Nähere über das Erscheinen seines Lebenswerkes mit Wigand
zu besprechen.
Das Vertrauen, das dieser in das Werk setzte, bewies er am besten
durch die durchaus gediegene Ausstattung, die er ihm angedeihen
liess. Die erste Ausgabe des "Einzigen" ist eines der
bestgedruckten Werke seines Verlages: ein stattlicher Band von
fast fünfhundert Seiten, auf bestem Papier splendid mit breitem
Rande und in grosser, klarer Schrift, fast fehlerfrei bei J. B.
Hirschfeld in Leipzig gedruckt, übertrifft die heute selten
gewordene, deren damaliger Preis für das in hellen Umschlag
broschierte Exemplar zwei und einen halben Taler betrug, ihre
beiden späteren in jeder Beziehung.
Das Buch trug die Widmung "Meinem Liebchen Marie Dähnhardt".
Das Liebchen war seit einem Jahre Stirners Frau.
Wir gehen kaum fehl, wenn wir annehmen, dass der erste Plan zu
dem Werk in das Jahr 1842 fällt, in die Zeit also, als sich
Stirner so manche seiner Gedanken zu kürzeren Arbeiten rundeten,
Arbeiten, die dann im nächsten der einen grossen selbst weichen
mussten und daher aufhören. Sie selbst geht mit ihren Zusätzen
und wohl auch teilweisen Umarbeitungen dann gewiss noch bis in
die Mitte von 1844, wo sie abgeliefert und gedruckt wird, so dass
angenommen werden kann, dass das Werk in dem Zeitraum von anderthalb
Jahren - von 1843 bis etwa Mitte 1844 - entstanden ist.
Es ist von jeher das Bestreben der Gewalt gewesen, ihr feindliche
Gedanken zu unterdrücken und ihre Verbreitung zu hindern.
Waren in Preussen seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms
IV die Zügel einer frechen und unsinnigen Zensur etwas weniger
straff gehalten, so hatte die Herrlichkeit mit der Veröffentlichung
des Herwegh'schen Briefes an den König bald ein Ende, und
es wurde schlimmer gewirtschaftet als vorher. Auch in Sachsen
hatte eine Reaktion sondergleichen begonnen. Zwar wurden auch
dort 1844 Schriften über zwanzig Bogen frei, d.h. sie brauchten
nicht zur Zensur vorgelegt zu werden. Aber um so näher lag
dafür die Gefahr der Beschlagnahme und Konfiskation, gegen
die es keinen richterlichen Schutz gab.
127
Um dem wenigstens teilweise zu entgehen, nahmen die Leipziger
Verleger ihre Zuflucht zu einem drastischen Mittel. Während
auf der Kreisdirektion das gleichzeitig mit der Ausgabe einzureichende
Pflichtexemplar abgeliefert wurde, stand an der nächsten
Strassenecke schon der mit den versandfertigen Exemplaren beladene
Wagen, und sowie der Empfangsschein der Behörde in den Händen
des Verlegers war, ging es im Galopp von Sortimenter zu Sortimenter,
so dass die Beamten, wenn sie das Buch eingesehen und beschlagnahmen
wollten, meist das Nachsehen hatten.
Auch dem Stirner'schen Werke ist es so ergangen. Die Kreisdirektion
in Leipzig verfügte sofort die Beschlagnahme und es sollen
ihr noch 250 Exemplare in die Hände gefallen sein.
Aber die Beschlagnahme wurde schon wenige Tage später von
dem Ministerium des Innern wieder aufgehoben: weil das Buch "zu
absurd" sei, um gefährlich zu sein. Die "sehr interessanten"
Entscheidungsgründe, die die Brockhaus'sche Allgemeine Presszeitung
vom 8. November 1844 mitzuteilen versprach, sind leider nie veröffentlicht
worden, und die tiefe Weisheit der hochwohllöblichen Behörden
wird nie in ihrer ganzen Grösse erfasst werden können.
Genug, dass Stirner, der sich mit der Frage der Pressfreiheit
so eingehend beschäftigt und sein Werk mit der vollen Vorsicht
geschrieben hatte, den Staat zu "betrügen", seine
Absicht glänzend gelungen war. "Mag ein Volk der Pressfreiheit
entbehren, Ich suche Mir eine List oder Gewalt aus, um zu drucken
- die Druckerlaubnis hole Ich Mir nur von - Mir und meiner Kraft."
Er hat sie sich geholt, und während das harmloseste Geschreibsel
in Acht und Bann getan wurde, durfte das radikalste und "gefährlichste"
Buch jener und jeder Zeit ungehindert von Hand zu Hand gehen -
damals und so noch heute.
Ob sich je einer an dieser Tatsache innerlicher gaudiert hat als
der, der sein köstliches Gut, so kühn und klug zugleich,
über die Grenze geschmuggelt, die die Willkür dem freien
Gedanken gezogen? . . .
In Preussen wurde der "Einzige" übrigens noch vor Weihnachten, wie auch in Kurhessen und Mecklenburg-Schwerin, verboten, und das Verbot ist, so weit festgestellt werden konnte, nie
128
aufgehoben worden. Das hinderte natürlich nicht, dass die
neue Erscheinung überall, besonders unter der studierenden
Jugend, eifrig gelesen wurde und von Hand zu Hand ging, und auch
hier wird die Klage von Savignys, des Justizministers, beim König,
sich bestätigt haben: dass die verbotenen Schriften gerade
am meisten verbreitet und gelesen würden, und dass die Verbote
und Konfiskationen also genau das Gegenteil ihrer beabsichtigten
Wirkung hervorriefen.
Mit der Polizei ist Stirner, wie gleich hier gesagt werden mag,
nie in irgendeinen Konflikt gekommen. Sie führte nicht einmal,
wie über die meisten des Kreises, Akten über ihn, und
wenn sie ihn gelegentlich in solchen, so in denen über Buhl,
schlecht unterrichtet erwähnte, schrieb sie den Namen nur
dem Hörensagen nach auf echt berlinisch "Styrna".
Als gelegentlich des "Gegenworts" Recherchen angestellt
wurden, fand man nicht ihn, sondern infolge einer Namensverwechslung
einen völlig harmlosen wirklichen Gymnasiallehrer Schmidt,
der auf die Vorhaltungen seiner Behörde nur entsetzt seine
völlige Unschuld zu beteuern vermochte. Über Stirner
selbst, diesen "Herrn von gesetztem Alter", wusste die
Polizei "nur Gutes in Erfahrung zu bringen". Man hat
ihm natürlich auch das vorgeworfen. Als ob er nichts Besseres
zu tun gehabt hätte, und als ob Mut dazu gehörte, sich
mit den untergeordneten Organen der Gewalt herumzuschlagen, während
man zum tödlichsten Streich gegen das innerste Wesen dieser
Gewalt selbst ausholt!
Die allgemeine Aufnahme, die das Werk fand, war eine durchschlagende;
heute würde man sie "sensationell" nennen.
Man beschäftigte sich sofort lebhaft mit der neuen Erscheinung,
die so plötzlich aus völligem Dunkel heraus in das grelle
Licht des lauten Tages trat. Zu Weihnachten 1844 war das Buch
bereits in den meisten Händen, jedenfalls in den Händen
derer, die dem radikalen Fortschritt ihrer Tage überhaupt
Interesse entgegen brachten. Besonders die Jugend griff, wie gesagt,
gierig nach der kühnen Tat.
Aber die Aufnahme war so verschieden, wie sie überhaupt nur
sein konnte bei einem solchen Werk. War den einen kein Ausdruck
129
der Bewunderung zu gross, erwarteten sie von ihm den Anbruch einer
neuen Zeit des Denkens und Lebens, und nannten sie den Verfasser
mit Recht ein Genie, so warfen die anderen das Buch hohnlachend
von sich, empört über solchen "Unsinn", denn
nur Unsinn konnte sein, was so an den "Grundpfeilern alles
sittlichen und sozialen Lebens" zu rütteln wagte. Die
meisten aber wussten nicht recht, was sie sagen sollten, und viele
von ihnen schwiegen . . . Alle aber ahnten doch, dass sie hier
vor einer aussergewöhnlichen Erscheinung standen.
Suchten die einen, die Tiefbefangenen, die überhaupt nicht
begreifen konnten, wie man es wagen könne, Begriffe, die
"von Ewigkeit her" so fest standen, wie Recht, Pflicht,
Sitte u.s.w., überhaupt einer menschlichen Kritik zu unterziehen,
den, der sie nicht allein zu kritisieren, sondern sie zu vernichten
sich unterfangen, als den "advocatus diaboli" zu kennzeichnen,
so waren doch auch die anderen, die, welche diese Begriffe zwar
nicht als ewig feststehende, aber doch immer den Untergrund unseres
Handelns bildende betrachteten, fast nicht weniger entsetzt, diesen
Grund plötzlich ihren Füssen entzogen zu sehen, und
sie, die noch nicht wussten, wo nun stehen, konnten sich das Phänomen
nur durch die Annahme erklären, dass der Verfasser sich mit
ihnen einen Scherz habe machen wollen, und - sie wie sich selbst
verspottend - nur gespielt habe.
Seht, so teuflisch kann ein Mensch sein! - schrien jene; nein,
so schlecht kann kein Mensch sein, trösteten diese. Die einen
fanden in dem ätzenden Spott Stirners, die anderen in seiner
heiteren Ironie die Bestätigung ihrer Annahme.
Aber auch die Liberalen wichen zurück. Die Politiker lachten: welcher vernünftige Mensch konnte bezweifeln, dass der "Staat" nicht die "Ordnung" sei, und seine Notwendigkeit negieren? - ; die Sozialen schimpften: das "Lumpentum" hatte sie empfindlich getroffen; die Humanen endlich gerieten in ernstliche Unruhe: sie hatten sich "den Menschen" so schön, neu und herrlich, so gottähnlich, aufgebaut, und nun wurde ihr Kunstwerk so elend in Stücke geschlagen! Sie waren es vor allem, die ihr letztes Ideal zu verteidigen und zu retten suchten. Der Stolz der "Kritik", der "kritischen", der "absoluten" Kritik war es in all diesen Jahren gewesen,
130
in rastlosem Vorwärtsschreiten einen Widerstand nach dem
anderen zu überwinden; sich sagen zu lassen, dass sie so
weit noch zurückgeblieben sei, das durfte sie nicht erlauben.
So bäumte sie sich auf. - Aber die "Kritik" war
damals schon in das Stadium der Selbstzersetzung eingetreten.
Ihre Kräfte waren erschöpft und ihre Arbeit, die vorbereitende
Arbeit, getan. Sie starb an dem Stosse, mit dem Stirner sie traf.
So war es nur natürlich, dass die Meinungen auch unter den
"Freien" sich sehr verschieden äusserten. Die Überraschung,
den stillsten der ihren plötzlich so laut und vernehmlich
reden zu hören, war allgemein, und wenn auch die nächsten
Bekannten, die bereits Stirners erste Arbeiten verfolgt hatten,
wussten, dass es sich nur um eine bedeutende Tat handeln konnte,
so waren die anderen, ferner Stehenden umsomehr überrascht
in dem einfachen Mann, den sie bisher wohl oft übersehen
haben mochten, den grossen und scharfen Geist zu finden, der aus
seinem Buche sprach. So mögen Stirner und seine Ideen in
dieser Zeit oft genug den Mittelpunkt des Kreises und seiner Unterhaltung
gebildet haben. Stirner selbst blieb sich natürlich völlig
gleich: der äussere Ruhm konnte ihn nicht stolzer machen
als er es innerlich gewesen war. Jedenfalls gehörte er jetzt
zu den "Merkwürdigkeiten" des Kreises, und wie
er von nun an mit den Bauers und den anderen zusammengenannt wurde,
so kam man jetzt auch zu Hippel, um "den Einzigen" zu
sehen und sich zu überzeugen, dass er "in Wirklichkeit
gar nicht so schlimm war, wie er sich in seinem Buche hingestellt
hatte".
Bruno Bauer, der mit Stirner schon 1843, gelegentlich der wahrscheinlich
gemeinsam geplanten Bearbeitung eines Werkes, "in Uneinigkeit"
geraten sein soll, empfand es tief, dass dieser "über
ihn hinaus gegangen" war, auf Pfaden, wo er ihm nicht zu
folgen vermochte. Zwar hielt er seinen inneren Groll zurück
und hat ihm auch nie öffentlichen Ausdruck gegeben, so wenig,
wie er selbst je versucht hat, der Kritik Stirners zu begegnen,
und ihr Verhältnis blieb äusserlich das gleiche freundschaftliche,
wenn auch eine gewisse Entfremdung von manchen beobachtet wurde,
die jetzt mehr hervortrat, nachdem sie geistig einen dergestalt
scharfen Ausdruck gefunden hatte. Zu einer Trennung ist es indessen
zwischen den beiden nie gekommen.
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Die Philosophie Stirners ist kein "System", das eine
"Schule" gründen und durch sie ausgearbeitet und
fester fundiert werden könnte. Obwohl Stirner Lehrer war,
verrät nicht ein Wort seines Buches den philosophischen Schulmeister.
Jeder muss von ihm lernen, was er will und was er vermag; sein
"Schüler" in engerem Sinne wird er nie sein, und
wenn er es sein wollte, würde der unfreiwillige Lehrer ihn
selbst in seine eigene Gedankentätigkeit zurückstossen.
Die Jugend wird sich von Stirner gewiss - und hoffentlich immer
- anregen und zu selbständigem Denken ermutigen lassen. Aber
der ganze Genuss des "Einzigen" wird doch erst dem Manne
zuteil werden, der gegen die Illusionen der Jugend die Wahrheiten
des Lebens eingetauscht hat.
Seltsamerweise aber fand Stirner unter seinen Bewunderern keine
eigentlichen Anhänger, um dieses Wort zu gebrauchen. Im Grunde
war keiner da, der die ganze Bedeutung seiner Tat ihrem vollen
Umfange nach begriffen hätte. So ist sie auch nur nach dieser
und jener Richtung hin, nie aber ganz gewürdigt worden, und
als sie anfing, vergessen zu werden, war niemand, der ihren machtvollen
Ruf ungebrochen durch die schweigenden, kommenden Jahrzehnte getragen
hätte . . .
Und sie wurde schnell vergessen. Je mehr das Revolutionsjahr sich
näherte, desto ausschliesslicher wandten sich aller Interessen
hoffnungsvoll der gewaltsamen Lösung aller Zweifel zu, und
als das lärmvolle Waffengeklirr verrauscht war, hatte es
die Stimmen verscheucht, die eben noch so lebendig gerufen - es
war still und blieb still auf lange hinaus.
Daher konnte auch der äussere Erfolg des Werkes kein grosser
sein. Er ging nicht über die erste, wohl nicht mehr als eintausend
Exemplare starke Auflage hinaus und erreichte sogar diese wahrscheinlich
erst nach und nach im Laufe der Jahrzehnte, in denen doch immer
hin und wieder noch vereinzelte Hände nach dem vergessenen
Buche langten.
So war die Aufnahme von Stirners "Einzigem" im allgemeinen; wie sie bei der zeitgenössischen Kritik und bei einzelnen hervorragenden Zeitgenossen sich gestaltete, davon weiter unten noch mehr
132
Es ist das Werk selbst, das uns nun vor allem eingehender zu beschäftigen
hat.
Was ist es? - Was gibt es? - Worin liegt seine Grösse, seine
Bedeutung, seine Unsterblichkeit? - Mit einem Worte: worin besteht
seine Macht - "über uns?" -
Auf diese Fragen kann es natürlich einzig und allein selbst
die richtige Antwort geben. Nur sein gründliches und wiederholtes
Studium vermag uns ihm näher zu bringen, und durch nichts
kann diese Arbeit und soll dieser Genuss ersetzt werden.
Wie der unerschöpfliche Reichtum des Buches jeder Beschreibung
spottet, so ist eine Wiedergabe seines Inhalts in systematischer
Form deshalb allein schon unmöglich, weil Stirner trotz planvollster
Anlage des Ganzen immer und immer wieder den Gang seiner Darlegungen
selbst durchbricht, voraus- und zurückgreifend immer von
neuem die Gegenstände seiner Betrachtung in neues Licht rückt.
Er fühlt und weiss das selbst. Er sagt auch gleich zu Anfang
an einer Stelle, dass "er nicht nach dem Schnürchen
zu gehen gedenke".
Wie er in der kurzen Einleitung schon mit einem kühnen Satze
vor die verblüfften Leser springt: "Da bin ich!"
- so tritt nach wenigen Seiten schon, als er noch völlig
in der Ergründung des Menschen der alten Zeit begriffen ist,
der Egoist in seiner ganzen Grösse auf, und während
"der Mensch" sich noch nicht in seiner völligen
Hohlheit als das Gespenst der Vergangenheit aufgelöst hat,
heischt er, der Egoist, bereits seine Macht, seine Eigenheit und
steht bereits, wenn auch noch in unsicherer Form, da in seiner
Einzigkeit.
Wiederum, während wir "den Menschen" bereits besiegt
glauben, und das "Ich" in seiner Kraft und Herrlichkeit
sich vor uns entwickelt, schleift Stirner noch wie Achill den
Leichnam des Überwundenen durch die Gefilde seines Sieges,
und erst am Ende seines Zieles lässt der leibhaftige Triumphator
von dem leben- und körperlosen Feinde.
Nicht, dass Stirner sich wiederholte. Aber unerschöpflich
wie die Natur selbst, die sich in scheinbaren Wiederholungen immer
von neuem gefällt und deren Gebilde sich doch nie ganz gleichen,
ist sein Gebiet gross und weit wie das ihre und findet seine Grenzen
nur an sich selbst....
133
Dennoch durfte hier der Versuch nicht unterlassen werden, wenigstens
in grossen und flüchtigen Zügen die leitenden Gedanken
des Werkes zu erfassen, und so wollen wir, bevor wir auf die Bedeutung
des "Einzigen", seine Sprache und seinen Stil, eingehen
und seine Tat zu würdigen versuchen, langsam Seite um Seite
des Buches gemeinsam wenden, und unser Auge flüchtig auf
den Höhepunkten ruhen lassen, bevor wir allein uns wieder
in den Tälern und Tiefen seiner Weiten ergehen . . .
Dass wir Stirner möglichst mit seinen eigenen Worten reden
lassen, bedarf keiner Erwähnung.
Alles soll meine Sache sein, nur meine Sache nie: "Pfui über
den Egoisten".
Aber an Gott, an der Menschheit, an dem Sultan, die alle ihre
Sache auf nichts als sich selbst gestellt, an diesen grossen Egoisten
will ich lernen: Mir geht nichts über Mich.
Wie jene, so habe auch Ich meine Sache auf nichts gestellt!
In zwei grosse Abteilungen ist das Werk geteilt: "Der Mensch"
ist die erste genannt; "Ich" die zweite.
Den "Menschen" hatte die rastlose Kritik jener Zeit
aus dem Schutt der Vergangenheit als höchstes und letztes
Ideal herauf befördert: für den einen, Feuerbach, war
er das höchste Wesen geworden; für den anderen, Bruno
Bauer, ein nun erst Gefundener. Sehen wir uns beide, das höchste
Wesen und den neuen Fund, genauer an, sagt Stirner kühl.
Der Mensch - was war und ist er? - Und was ist er Mir?
Stirner überschaut zunächst kurz das Leben eines Menschen:
ein Menschenleben von seinem Beginn an bis zu seiner Reife. Er
zeigt den Kampf des Kindes, des Realisten, sich zu gewinnen und
zu behaupten, bis es, in den Dingen dieser Welt zuerst befangen,
ihm gelang, hinter sie zu kommen; das Ringen des Jünglings,
des Idealisten, mit der Vernunft, um den reinen Gedanken zu finden
- seine erste Selbstfindung: den Geist, und dessen langsame Über-
134
windung; endlich den Sieg des Mannes, des Egoisten, des Interesses
über das Ideal, der sich selbst in zweiter Selbstfindung
leibhaftig entdeckt und Eigner des Gedankens und der Welt wird,
indem er sich über alles setzt.
Die Lebensgeschichte dieses einzelnen Menschen wird übertragen
auf die Geschichte der "Voreltern", die als Menschen
der alten und neuen Zeit in grossen Bildern an uns vorüberziehen:
die Alten - die Kinder, die Realisten, die Heiden; die Neuen -
die Schwärmer, die Idealisten, die Christen; und die Freien,
nicht die Männer, die Egoisten, sondern nur die Neueren und
Neuesten unter den Neuen, und wie diese noch tief befangen in
den Vorurteilen des Christentums.
Das Wesen des Geistes lebt in der knappen Schilderung der Alten
wieder vor uns auf: der Sieg der Sophisten über die Gewalt
des Bestehenden in der Höhe des perikleischen Jahrhunderts,
errungen mit der Waffe des Verstandes; der Kampf des Ethikers
Sokrates gegen die Sophisten für die Bildung des Herzens,
der sein Ende erst erreicht am Todestage der alten Welt; die Lebensweisheit
der Stoiker und der Römer; die Hedone der Epikuräer;
der vollständige Bruch mit der Welt durch die Skeptiker .
. . Und das Resultat dieser ganzen Riesenarbeit der Alten? - Dass
der Mensch sich als Geist weiss. Mit ihm, mit der Welt des Geistes,
beginnt das Christentum, treten die Neuen auf den Plan.
Ursprünglich getrennt durch die tiefste Kluft, haben die
Alten selbst über den Abgrund innerlichster Verschiedenheit
den Neuen die Brücke gebaut und aus der Wahrheit, die sie
suchten und fanden, selbst eine Lüge gemacht. Aber immerhin
haben sie, die Heiden, der Welt der Dinge noch gewappnet gegenübergestanden
und ihr, dieser Weltordnung, den Menschen mehr und mehr zu sich
selbst hin zu entziehen gesucht. Um diesen, ihren grössten
Sieg der Weltüberwindung, wurden sie von den Neuen betrogen.
Denn ihnen, den Neuen, ist die Welt nichts mehr, der Geist aber:
Gott, der Weltüberwinder, alles. Hinter ihn, wie die Alten
hinter die Welt, zu kommen, ist der Kampf der nächsten zwei
Jahrtausende: der Kampf der Gottesgelahrtheit.
Ihr Kampf nahm einen ähnlichen Gang wie der der Alten: nach
135
einer langen Gefangenschaft erhob sich der Verstand in dem vorreformatorischen
Jahrhundert, und man liess sein Spiel gewähren, bis er es
endlich in der Reformation mit dem Herzen selbst begann, das seitdem
- immer "unchristlicher" geworden - nicht mehr den Menschen,
sondern nur noch den Geist zu lieben vermag.
"Was ist nun der Geist? - Er ist der Schöpfer einer
geistigen Welt." - Aus dem Nichts hervorgegangen, ist er
selbst seine erste Schöpfung, wie der Denkende sich mit seinem
ersten Gedanken selbst erschafft, und Du machst ihn zum Mittelpunkte,
wie es andererseits der Egoist mit sich selbst macht. "Du
lebst nicht Dir, sondern Deinem Geiste, Deinen Ideen . . ."
Der Geist ist Dein Gott.
Ich aber und der Geist liegen in einem ewigen Zwiespalt. Er haust
im Jenseits; Ich auf der Erde. Vergeblich, die Himmlischkeit zum
Diesseits herunterzuzwingen! - Denn: "Ich bin weder Gott,
noch der Mensch, weder das höchste Wesen, noch mein Wesen
. . ."
Nach dieser Abschweifung in der Ergründung des Geistes geht
die Darstellung der Neuen über zu der eingehenden Betrachtung
der von ihm Besessenen.
Der Geist gleicht jenem Gespenst, das zwar keiner selbst gesehen,
von dem ihm aber so unzählige Male die glaubwürdigsten
Zeugen ('die Grossmutter') berichten. Die ganze Welt, die Dich
umgibt, ist erfüllt von den Gespenstern Deiner Einbildung.
Die Heiligkeit der Wahrheit, die Dich selbst heiligt, ist Dir
im Grunde eine Fremdheit, Dir nicht eigen. "Fremdheit ist
ein Kennzeichen des 'Heiligen'. Für den aber, der an kein
höchstes Wesen, weder an das Gottes, noch an das des Menschen,
glaubt, sind der Atheist, der Menschenverehrer, und der Christ,
der Gottesanbeter, gleich fromm.
Die Wirklichkeit des Spuks (das "Dasein Gottes" in jeder
Form) zu beweisen, das war Jahrtausende lang die Aufgabe, die
sich der Mensch stellte: die grässliche Tortur der Danaiden,
das Unbegreifliche in allen Erscheinungen zu benennen. So ist
der Mensch sich selbst ein unheimliches Gespenst geworden und
aus allen Ecken taucht er selbst und sein - Geist, d.h. die Schöpfung
seines Geistes, spukend hervor.
Aber es spukt in Wahrheit nur in deinem Kopfe: dort sitzt der
Sparren, der dich quält. In so viele Köpfe hat er sich
fest-
136
gebohrt, dass fast die ganze Menschenwelt als ein grosses Narrenhaus
erscheint, in dem die Wahnsinnigen den tollen Tanz um ihre fixen
Ideen vollführen, während die dumme Menge ihnen zujauchzt.
"Die 'fixe Idee', das ist ihnen das wahrhaft Heilige",
und ihr Fanatismus verfolgt die Ketzer, die nicht an ihre sittlichen
Gebote glauben. An die Stelle Gottes haben sie die Sittlichkeit
und die Gesetzlichkeit gesetzt, und alle Oppositionen der Neuzeit
sind fruchtlos, weil sie nicht wagen, den Boden dieser "bürgerlichen
Sittlichkeit" zu verlassen. Vom Fluche der Halbheit gelähmt,
schwanken die Liberalen zwischen ihrem freien Willen und dem sittlichen.
Der Sieg der Sittlichkeit bedeutet nichts anderes als einen Herrenwechsel:
aus dem "heiligen" Wandel ist der "menschliche"
geworden. Die sittliche Liebe liebt nicht diesen oder jenen Menschen
um seiner selbst willen, sondern den Menschen, um des
Menschen, um Gottes willen .
Selbstaufopferung, Selbstverleugnung, Uneigennützigkeit -
alle diese formellen Seiten des Sparrens zeigen uns in dem steten
Kampf unserer eigenen Gefühle gegen die uns eingegebenen;
statt uns "anregen" zu lassen, lassen wir uns mit ihnen
vollstopfen, und mit heiliger Scheu erscheinen wir vor den Schranken
unserer Mündigkeit . . .
Die Hierarchie des Geistes währt bis auf den heutigen Tag.
"Hierarchie ist Gedankenherrschaft, Herrschaft des Geistes."
Ein Streifzug in das Gebiet der Anthropologie eröffnet dieses
letzte Kapitel in der Auflösung des Geistes: die bereits
geschilderten Zeiten des Altertums, die Zeit der Abhängigkeit
von den Dingen, und die des Christentums, die Zeit der Abhängigkeit
von Gedanken, werden in Parallele gestellt mit der Epoche der
Negerhaftigkeit und des Mongolentums, des eingefleischten Chinesentums.
Wann werden beide überwunden durch die Kaukasier, die den
Himmel des Geistes erstürmen und vernichten - deren Selbstfindung
mit der Sterblichkeit des Geistes Wirklichkeit wird? . . .
Denn durch Mich, den Egoisten, wird die Auflösung des Geistes
in sein Nichts erfolgen!
Nach einer Abschweifung auf die Heiligkeit der Sittlichkeit und
die ohnmächtige und demütige Scheu vor ihr wird die
Hierarchie als Gedanken- und Geistesherrschaft, die in ihrer höchsten
Despotie
137
zugleich den Triumph der Philosophie ("Höheres kann
die Philosophie nicht mehr leisten") bedeutet, geschildert
und ihre Macht, wie die ihrer Pfaffen, an der "fixen Idee"
des Philanthropismus in seinen vielerlei missverstandenen Äusserungen,
sowie an der Moral in ihrer Erziehung zur "Menschenfurcht"
gezeigt. - Wahrheit und Zweifel in der Geschichte der Philosophie
und Religion - so könnten allenfalls die nächsten Ausführungen
gekennzeichnet werden, wenn sie nicht alsbald wieder in die erneuten
Zersetzungen der Begriffe verliefe, in die die neuere Zeit die
existierenden Objekte trotz ihrer Behauptung, es zur Freiheit
gebracht zu haben, verwandelt. - Protestantismus und Katholizismus
werden in ihrer Wesenheit charakterisiert: die Unverantwortlichkeit
des letzteren, die Geistesjüngerschaft des ersteren erwiesen.
Machtlos steht der Mensch vor dem Unbezwinglichen, ohnmächtig
vor seinem Schicksal.
Die Weltweisheit der Alten, die Gottesgelahrtheit der Neuen suchte
ihm zu entgehen, indem jene die Welt zu überwinden, diese
den Geist zu unterwerfen bestrebt waren . . .
Das erstere gelang, als Ich "Mich dazu erhob, der Eigner
der Welt zu werden": die Welt war weltlos geworden, das erste
Eigentum erworben; das letztere - welch langer und fruchtloser
Kampf bis heute! - Wohl haben wir in zwei Jahrtausenden "manches
Stück Heiligkeit losgerissen und unter die Füsse getreten",
aber der Gegner erscheint immer wieder in anderer und neuer Gestalt.
Aus dem heiligen Geiste ist die "absolute Idee" geworden,
und die Begriffsverwirrung wird schlimmer und schlimmer. "Noch
ein Schritt und die Welt des Heiligen hat gesiegt!"
Wie kannst Du es zu Deinem Eigenen machen? - Verzehre es! - "Verdaue
die Hostie und Du bist sie los!" -
Konnte der Werdegang der Alten in kurzen und klaren Zügen
hingestellt werden, so erforderte die Betrachtung der Neuen in
ihrem verworrenen und widerspruchsvollen Ringen mit dem Geiste
den weitaus grösseren Raum. -
Nicht die entlegene Weltweisheit der Alten, nicht die Gotteswelt
des Christentums, der Kampf seiner eigenen Zeit ruft Stirner zur
138
Anteilnahme in den Freien, denen deshalb auch eine besondere Abteilung
gewidmet ist.
Er nennt sie die Freien, weil sie sich selbst so nannten; aber
"er gibt sie nur als eine Übersetzung der Liberalen".
Unter dem Begriff des Liberalismus sammelte sich in jener Zeit
alles, was auf den Gebieten des radikalen Gedankens die letzten
Grenzen erreicht zu haben glaubte. Es musste Stirner, der von
seiner Höhe aus diese Gebiete tief in dem Flachlande des
Christentums liegen sah, vor allem reizen, ihnen, seinen Zeitgenossen,
zu zeigen, wie tief sie noch in den Fesseln des Geistes befangen
waren, denen sie sich völlig entrungen zu haben glaubten.
An sie, die vorgeschrittenste Kritik seiner Zeit, knüpft
er seine Kritik . . . Ihr Sieg, mit dem sie prunken, ist ihm nur
eine neue Niederlage vor dem alten Feinde, und er nimmt den Kampf
da auf, wo sie sich aus ihm zurückziehen. Er beginnt, wo
jene enden.
In die drei Formen des politischen, sozialen und humanen Liberalismus
ergoss sich die fortschrittliche Bewegung des Anfangs der vierziger
Jahre. Heute würde man ihre Vertreter nennen: Freisinnige,
Sozialisten und - Ethiker, und wenn auch die ersteren nichts mehr
von dem Zielbewusstsein und wenig mehr von dem Mute jener haben;
die zweiten mit dem ungeheuren Aufschwung und Anwachsen der sozialen
Bewegung sich hier zu einer politischen Partei versteinerten,
dort in ewig wogender Flut neue Ufer suchen; und die Dritten,
nicht nur unter dem genannten, sondern so manchem anderen Namen
mit heilloser Selbstvergnüglichkeit in den seichten Wassern
der unmöglichsten Menschenbeglückungstheorien plätschern,
so sind sie im Grunde doch ganz dieselben geblieben, und Stirners
Kritik trifft sie heute, wie damals, mit gleicher Schärfe.
Der politische Liberalismus ist das Schlachtfeld des Bürgertums,
wie es sich im Kampfe gegen die privilegierten Stände seit
der französischen Revolution entwickelt hat. Mit dem Erwachen
der "Menschenwürde" beginnt die politische Epoche
in dem Leben der Völker. Der "gute Bürger"
wird das höchste Ideal. "Der wahre Mensch ist die Nation
..." Von dem Staate empfangen wir unsere Menschenrechte.
Staatsinteresse - höchstes Interesse; Staatsdienst - höchste
Ehre! - Das "allgemeine Interesse aller bei allgemeiner
139
Gleichheit aller" - das ist die erste Forderung des Staates,
nach dem alles schreit. Einen unpersönlichen Herrscher sucht
die Bourgeosie und findet ihn in der - Majorität.
Daran, dass die Untertanen bluten müssen, merken sie erst,
dass sie Eigentümer sind; aus den Vorrechten der privilegierten
Stände werden ihre "Rechte". "Die Bourgeoisie
ist der Adel des Verdienstes"; die "gute Gesinnung"
ihre Ehrenkrone. Die "Diener" des Staates sind die -
Freien: der gute Bürger geniesst die langentbehrte "politische
Freiheit".
Er wacht über die "individuelle Freiheit" - über
die Unabhängigkeit von einem persönlichen Gebieter,
denn die Gesetzlichkeit ist die unveräusserliche Macht des
Staates.
Der Irrtum einer Zeit ist stets der Nutzen der einen, der Schaden
der anderen. In dem Bürgerstaate ist der Kapitalist der Geltende;
sein Geld gibt ihm seine Geltung: die Arbeit seines Kapitals und
die der - untertänigen Arbeiter.
Alles habe Ich durch die Gnade des Staates; nichts ohne seine
Bewilligung. Aber was ist Mir der Staatsschutz, dem nichts Besitzenden?
- Der Schutz der Privilegien, die Mich ausbeuten. Der Arbeiter
kann seine Arbeit nicht nach ihrem vollen Wert verwerten. Warum?
- Weil der Staat auf der Sklaverei der Arbeit beruht. "Wird
die Arbeit frei, so ist der Staat verloren."
So und mit einem Hinweis auf die ungeheure Macht, die die Arbeiter,
noch sich selbst nicht bewusst, in den Händen haben, gleitet
die Betrachtung des politischen über in die des sozialen
Liberalismus.
Sind die Personen im politischen Liberalismus gleich geworden,
so ist es doch nicht ihr Eigentum. Wie dort keiner mehr befehlen
sollte, so soll hier keiner mehr "haben". An die Stelle
des Staates tritt die Gesellschaft. Wer ist die Gesellschaft ?
- Alle. Die "Nation" der Politiker ist der "Geist"
der Sozialen.
Die Gesellschaft ist nicht leibhaftig. Dennoch gehört ihr das persönliche Eigentum. Vor ihr, der höchsten Eigentümerin, werden wir alle - Lumpen. Wir sind alle füreinander da; arbeiten wir daher - Alle für Einen, Einer für Alle. "Das Arbeitertum ist unsere Würde und unsere - Gleichheit." Wir sind keine Christen
140
mehr und empfinden daher unser Elend; die Lehre des Weltgenusses,
das Glück der Bougeoisie, empört uns. Hinunter mit ihm
in die sechs Arbeitstage der Woche; am Sonntag magst Du Mich und
will Ich Dich meinen Bruder nennen.
Die Konkurrenz, das Glückspiel um die Güter, verschwindet.
Der Kommunismus hebt sie auf: Jeder ist Arbeiter und allen gehört
alles. Im Bürgertum wurden die Güter freigestellt; im
Kommunismus werden sie uns aufgezwungen.
Zu zeigen, dass der Erwerb dieser Güter uns noch nicht zum
Menschen macht, das ist die Aufgabe, die dem humanen Liberalismus
noch übrig bleibt.
Der "humane" mag er heissen, während er selbst
sich der "kritische" nennt, weil er über das Prinzip
des Liberalismus, den Menschen, nicht hinaus geht, weil der Kritiker
immer ein Liberaler bleibt. "Humanus heisst der Heilige."
Der Arbeiter tut alles für seine Wohlfahrt; der Bürger
hat den Menschen nur als "freigeboren" erklärt
- beide benützen, die einen die Gesellschaft, die anderen
den Staat für ihre egoistischen Zwecke und tun nichts für
die Menschheit.
Aber erst das menschliche Interesse verleiht Mir Wert bei dem
Humanen; nur meine "gänzliche Uninteressiertheit"
macht Mich ihm zum Menschen. Staat und Gesellschaft negierend
behält er doch beide bei und erstrebt sie in der "menschlichen
Gesellschaft".
Statt sich zu sagen: "Ich bin Mensch!" - sucht er nach
ihm, dem Menschen - der Leibhaftige nach wesenlosen Ideen.
Er verachtet das Packesel-Bewusstsein, die Massenarbeit der Arbeiter,
und die "Herrenlosigkeit des Menschen" in dem Bewusstsein
der Bürger; er kennt allein das menschliche Bewusstsein.
Er verlangt das letzte Prinzip: den Menschen, ausgedehnt auf alle
zu sehen.
Der ganze Streit der Liberalen unter sich war bisher ein Streit
um das Mass der Freiheit: um weniger, mehr, um die "ganze"
Freiheit, der Gemässigten bis zu den Masslosen, und so wurde
die Zwietracht nie zum offenen Kampfe.
Ihrer aller Todfeind aber, und ihr einziger, das bin Ich, der
Egoist, der Unmensch. Dem Staate des Bürgertums, der Lumpen-
141
gesellschaft der Arbeiter, dem Idealzustand der Menschheit entziehe
Ich Mich. Die "Freiheit" der einen ist nicht Meine Freiheit;
die Wohlfahrt der Anderen nicht Meine Wohlfahrt; das Menschenrecht
ist nicht Mein Recht. In ihrer Herren-, Besitz- und Gottlosigkeit
ersteht der Herr als Staat, der Besitz als Arbeit und Gott als
Mensch wieder - neue Knechtschaft, neue Sorge, neuer Glaube! -
Denn die Ziele des Liberalismus heissen: "vernünftige
Ordnung", "sittliches Verhalten", "beschränkte
Freiheit"; nicht: Anarchie, Gesetzlosigkeit, Eigenheit.
Sein Gewinn aber ist trotzdem Mein: von der Kritik habe Ich gelernt,
Mich nur wohl zu fühlen im Auflösen, und "was der
Mensch gewonnen zu haben scheint", das habe Ich gewonnen.
Die Beurteilung des Liberalismus war abgeschlossen, Stirners Werk
aber noch nicht erschienen, als die "Kritik" einen weiteren
Schritt vorwärts tat und ihn veranlasste, seinen Betrachtungen
eine Anmerkung anzuhängen, um sich in ihr auch noch mit dem
letzten Funde zu beschäftigen.
Der Staat, auch als freier Staat, wird völlig aufgegeben,
da er die Aufgaben der menschlichen Gesellschaft nicht erfüllen
kann. "Die Masse, ein geistiges Wesen" - ist der neueste
Gegenstand der kritischen Kritik geworden. Sie, die von der Aufklärungszeit
getäuschte, grenzenlos verstimmte Menge, kann durch die Voraussetzung
des Kritikers, den Menschen, nicht mehr befriedigt werden. Trotz
seiner Angst vor dem Dogma bleibt der Kritiker auf dem Boden der
Dogmatiker: dem der Gedanken. Gebunden an seine Aufgabe, ist er
unfähig, "die ungeheure Bedeutung des gedankenlosen
Jauchzens" zu erkennen und bleibt in der Welt der Gedanken
befangen: in der religiösen Welt.
Ich aber werde auch an dem Reiche der Gedanken zum Verbrecher
und mit Willkür und Frechheit will Ich seine Formen besiegen:
die freche Willkür des Staates stürzen und Mich über
ihn setzen.
Auch die letzte Auflösung der Kritik, in der die alten Voraussetzungen
der Vergangenheit nur zergehen können, wenn sie in ihr vernichtet
werden, ohne sogleich neue zu schaffen, lasse Ich Mir zu Gute
kommen. - -
142
Der neue Fund des Menschen hat sich als ein neuer Gott herausgestellt.
"An dem Eingange der neuen Zeit steht der Gottmensch."
Der Mensch hat den Gott getötet, um alleiniger Gott zu werden.
"Das Jenseits ausser uns ist vernichtet; das Jenseits in
uns ein neuer Himmel geworden. "
Gott und der Mensch müssen an dem Gottmenschen sterben, damit
Wir leben können.
Wer wird an dem Ausgange der neuen Zeit stehen? - so heisst jetzt
die Frage; und die Antwort, die wir bereits kennen, lautet: Ich
Im Besitz meiner Eigenart bin Ich Eigner meiner Macht, meines
Verkehrs, meines Selbstgenusses, und Ich bin in ihr, wenn Ich
Mich als Einzigen weiss!
Was ist meine Eigenheit? - Ist sie die Freiheit, die Lehre des
Christentums, der "liebliche Traum", die Sehnsucht aller?
- Nein: "Frei bin ich von dem, was Ich los bin, Eigner von
dem, dessen Ich mächtig bin . . ." "Eigenheit,
das ist mein ganzes Wesen und Dasein, das bin Ich selbst."
Wenn meine Freiheit meine Gewalt wird, dann erst wird sie vollkommen.
Jede andere Freiheit aber kann nur der Drang nach einer bestimmten
Freiheit sein und wird immer die Absicht einer neuen Herrschaft
in sich schliessen. "Die Freiheit kann nur die ganze Freiheit
sein; ein Stück Freiheit ist nicht die Freiheit." Erschöpft
die Forderungen der Freiheit, so Ihr sie einmal wollt. Bin Ich
von allem, was Ich nicht bin, befreit, so bleibe Ich allein übrig.
Aber nicht nur frei will Ich werden von dem, was Mich drückt;
Eigner will Ich sein meiner Macht. "Der Eigene ist der geborene
Freie von Haus aus; der Freie ist [del.: nicht, (vgl. "Der
Einzige...", Reclam 1972ff, S.181)] nur der Freiheitssüchtige."
Nur die Freiheit, die Du Dir nimmst, kann zu Deiner Selbstbefreiung
führen. Mein Eigennutz, der Mich eine Sache um ihrer Zweckdienlichkeit
willen begehren lässt, leitet Mich in das Reich meiner Eigenheit,
die so wenig einen fremden Massstab kennt, wie sie eine Idee ist.
Denn sie ist "nur eine Beschreibung des - Eigners".
Die letzte Konsequenz des Christentums hat sich vollzogen: der
Liberalismus hat den wahren Menschen proklamiert, und die christliche
hat sich in die menschliche Religion verwandelt. So ist sie die
Religion des "freien Staates" geworden, der sich durch
sie gegen den Unmenschen, den Egoisten, schützt.
143
Anstatt Gott ist der Mensch Herr, Mittler und Geist geworden;
von ihm, dem Menschen, erhalte Ich mein "Recht", er
zieht Mir die Grenzen meines Verkehrs, er gibt Mir meinen Wert.
"Die Macht ist des Menschen; die Welt ist des Menschen; Ich
bin des Menschen."
Ich aber antworte auf die Frage: Wer ist nun der Mensch? - "Ich
bin es!"-Der Staat und Ich sind Feinde. Ich verlache seine
Forderung, der Mensch nach seinem Sinne zu sein. Ich, der Entheiliger,
lehne Mich auf gegen den Menschen!
Meine Macht, die mein Eigentum ist, durch die Ich mein Eigentum
bin, gibt Mir Eigentum. Denn Ich selbst bin meine Macht.
"Das Recht ist der Herrscherwille der Gesellschaft."
Alles bestehende Recht ist gegebenes Recht. Ich soll es verehren
in jeder Form, wo ich es finde, und Mich ihm unterordnen. Aber
was ist Mir das Gesellschaftsrecht, das Recht "aller",
was kümmert Mich die Rechtsgleichheit, der Rechtsstreit,
was sind Mir die angeborenen Rechte?
Das Recht wird Wort im Gesetze. Der herrschende Wille ist der
Erhalter der Staaten; mein eigener Wille (mein "Eigenwille")
stürzt sie. Jeder Staat ist eine Despotie: alles Recht und
alle Gewalt sollen der Gesamtheit des Volkes gehören.
Ich aber lasse Mich nicht binden, denn Ich erkenne keine Pflicht
an, mag der Staat bei Mir auch Verbrechen nennen, was er bei sich
selbst "Recht" nennt.
Mein Verhältnis zum Staat ist nicht das Verhalten eines Ichs
zum anderen Ich. Es ist das Verhältnis des Sünders zum
Heiligen. Der Heilige aber ist eine fixe Idee und aus ihr entstehen
die Verbrechen.
"Der letzte und entschiedenste Gegensatz" aber, "der
des Einzigen zum Einzigen", er verschwindet "in der
vollkommenen Geschiedenheit oder Einzigkeit".
Was ist nun mein Recht? - Mein Recht ist, was Mir recht ist, wozu
Ich Mich berechtige. So weit meine Macht geht, so weit reicht
mein Recht.
"Recht ist ein Sparren, erteilt von einem Spuk; Macht - das
bin Ich selbst, Ich bin der Mächtige und Eigener der Macht"
. . .
144
Auf meine Macht über die Welt geht mein Verkehr mit ihr hinaus.
Fast ein Drittel seines Buches widmet Stirner diesem Kapitel:
der Vernichtung jener fremden Mächte, die das Ich in den
verschiedensten Formen zu unterdrücken und zu vernichten
suchen, in erster Linie; und der Darlegung der Beziehungen unseres
Verkehrs untereinander, wie sie sich aus dem Widerstreit und der
Harmonie unserer Interessen ergeben, in zweiter.
Das Volk - die Menschheit und die Familie ("das Völkchen
im Volk") lebt von Mir, dem Egoisten. Aber seine Freiheit
ist nicht meine Freiheit; das Gemeinwohl nicht mein Wohl. Nur
die menschliche Forderung kann es erfüllen, nicht die meines
Interesses. Aber das Volk ist Mir nicht heilig. "Alles Heilige
ist ein Band, eine Fessel". Ich, der Einzelne, denke nur
an meine Verwertung. "Der Untergang der Völker und der
Menschheit wird Mich zum Aufgang einladen. "
Zwei Gesellschaften hat das Christenvolk hervorgebracht: den Staat
und die Kirche. Sie bilden eine Gesellschaft und sie fordern die
Gemeinschaft. Was ist die Gemeinschaft der Familie anders, als
das engere Gefängnis in dem weiteren? - Der Staat ist die
erweiterte Familie. "Frei" aber "bin Ich in keinem
Staate". Nicht die freie Tätigkeit der Einzelnen ist
sein Ziel; er kennt nur die Maschinenarbeit.
Der Staatsgläubige ist der wahre Politiker; in seiner Partei
liegt sein Gesichtskreis eingeschlossen. Er, der "gute Bürger",
verkörpert den "ergebenen Sinn für Gesetzlichkeit",
und willig beugt er sich ihren Strafen. Aber wie z.B. die Kirchenstrafe
gefallen ist, so müssen alle Strafen fallen.
Wer der Familie, der Partei, der Nation nicht dient, der "lebt
und dient" doch der "Menschheit". "Volk heisst
der Bürger, Staat der Geist jener herrschenden Person, die
seither Mich unterdrückt hat.
Ich aber bin Eigner der Menschheit, bin die Menschheit und tue
nichts für das Wohl einer andern Menschheit."
Das Eigentum der Menschheit ist das meinige. Ich respektiere ihr
Eigentum nicht.
Die Armut entsteht daraus, dass Ich Mich nicht so verwerten
145
kann, wie Ich will. Der Staat ist es, der Mich hindert, in ein
direktes Verhältnis zu den anderen zu treten. Von der Gnade
des Rechts lebt mein Privateigentum; nur in den von ihm vorgeschriebenen
Grenzen darf Ich konkurrieren; nur das Austauschmittel, das Geld,
das er Mir vorschreibt, darf Ich gebrauchen. Die Formen des Staates
mögen wechseln, seine Absicht bleibt immer dieselbe.
Mein Eigentum aber ist das, "wozu Ich Mich - ermächtige".
Entscheide die Gewalt - ich will "alles von der meinen erwarten".
Ihr ködert Mich nicht mit der Liebe; Ihr fangt Mich nicht
mit dem Versprechen der Gütergemeinschaft. Die Eigentumsfrage
wird nur gelöst werden durch den Krieg aller gegen alle.
Und "was der Sklave tun wird, sobald er seine Fesseln zerbrochen
hat, das muss man - erwarten!"
Was sprecht Ihr, Ihr Bürgerlichen, von der Freiheit der Konkurrenz,
solange Mir die Sache zur Konkurrenz fehlt? - Bleibt Mir vom Leibe,
Ihr Volksbeglücker, mit Eurer Verteilung! - Ich nehme Mir,
was ich brauche, und Ich brauche so viel, als im Bereiche meiner
Macht liegt.
So ist auch mein Wort mein eigen, und wo Mir die Presserlaubnis
fehlt, nehme Ich Mir die "Pressfreiheit". Die Presse
ist dann mein Eigentum, wenn Ich Mich unverantwortlich fühle
denen gegenüber, die Mir die Pressfreiheit geben oder nehmen
wollen.
Ich kenne kein "Gebot der Liebe". Wie jedes meiner Gefühle,
so ist sie mein Eigentum. Ich gebe sie, ich verschenke sie, ich
verschwende sie, weil sie Mich glücklich macht. Erwerbt sie,
wenn Ihr glaubt, ein Recht darauf zu haben. Ich lasse Mir das
Mass meiner Empfindungen nicht vorschreiben und die Ziele meiner
Gefühle nicht bestimmen. Wir und die Welt haben zu einander
nur eine Beziehung: die der Brauchbarkeit. "Ja, Ich benutze
die Welt und die Menschen!"
Ich werde ein Vertrauen, das Ich freiwillig hervorgerufen habe,
nicht täuschen; aber Ich frage, ob "Ich dem Vertrauenden
das Recht zum Vertrauen gegeben habe". Will er mich binden,
so wird er erfahren, dass Ich seine Bande zu sprengen wissen werde.
An und für sich ist der Eid so wenig heilig als die Lüge
verächtlich ist.
Die Gesellschaft ist unser Naturzustand. Die Auflösung der
146
Gesellschaft aber ist der Verkehr oder Verein. Es kommt darauf
an, ob "durch eine Gesellschaft meine Freiheit oder meine
Eigenheit beschränkt wird". Die Schmälerung der
ersteren empört Mich wenig; aber die Eigenheit will Ich Mir
nicht nehmen lassen.
Aus der Gemeinschaft der Menschen entstehen die Gesetze der Gesellschaft.
Der Kommunismus ist die Gemeinschaftlichkeit in der Gleichheit.
"Ich aber will lieber auf den Eigennutz der Menschen angewiesen
sein, als auf ihre Barmherzigkeit . . ."
Nicht nach Gemeinschaftlichkeit, sondern nach Einseitigkeit trachte
Ich. In dem Verein machst Du Dich geltend; in der Gesellschaft
wirst Du verwendet. Du oder die Gesellschaft, Eigner oder Lump,
Egoist oder Sozialer!
Über der Pforte unserer Zeit steht: "Verwerte Dich!"
Richte Dich auf gegen die Einrichtungen, die Dir deine Eigenheit
gefährden; nicht Revolution, sondern Empörung!
Ich habe gegen andere keine Pflicht, Ich demütige Mich vor
keiner Macht mehr.
Den Sittlichen und Humanen bleiben ihre Forderungen der Welt gegenüber
pia desideria; mein Verkehr mit ihr aber besteht darin,
dass Ich sie geniesse. Ich verbrauche sie zu - meinem Selbstgenuss.
Die bisherige Welt sann und sorgte für's Leben; wir suchen
nach dem Genuss des Lebens. Welch ungeheurer Abstand: Mich suchen,
und Mich haben und geniessen!
Jahrtausende der Sehnsucht und Hoffnung liegen hinter uns; vor
uns liegt die Zeit des Genusses.
Aus der Rohheit der ersten Menschenopfer ist die Selbstopferung
des Lebens zu Gunsten einer Aufgabe, eines Berufes geworden. Daher
gehört unser Leben nicht mehr uns, und der Selbstmord ist
ein Verbrechen an der Sittlichkeit. - Die Menschlichkeit ist der
Beruf des Liberalen.
Aber der Mensch hat keinen Beruf, er hat nur Kräfte, die
sich äussern und "was er werden kann, das wird er auch".
Denn seine Kräfte äussern sich von selbst, und sie zu
gebrauchen, ist nicht seine Aufgabe, sondern seine "allzeit
wirkliche vorhandene Tat".
Die Menschen sind, wie sie sein sollen und können, und der
Kluge nimmt sie so, wie sie sind, statt wie sie sein sollen.
147
So lange die Pfaffen- und Schulmeisterzeit der Welt dauert, so
lange herrscht der Gedanke gegen den Egoismus. "Die bisherige
Geschichte ist die Geschichte des geistigen Menschen". Die
Jahrhunderte haben ihn zur Bildung dressiert. Ich benutze ihre
Erfahrungen. Aber - "Ich will noch mehr".
"Was ein Mensch ist, das macht er aus den Dingen." Entweder
Ich verliere Mich an das Geschöpf meines Willens (mein Urteil),
oder Ich bleibe der Schöpfer (der stets neu Urteilende).
Das freie Denken ist nicht mein Denken. Das freie Denken leitet
Mich; Ich aber leite mein eigenes Denken. Die freie Sinnlichkeit
verzehrt Mich; die eigene Sinnlichkeit befriedige Ich nach meinem
Gefallen.
Was kann Mir Gedankenfreiheit sein? - Ein leeres Wort. - Die Gedanken,
Eure und meine, sind Mir Kreaturen.
Die Sprache ist der grösste Tyrann: sie ist der Anführer
jenes Heeres von "fixen Ideen", die gegen uns zu Felde
ziehen. Die Sprache, wie der Gedanke muss Dein Eigentum werden.
Was sind Wahrheiten? - Für den Gläubigen sind sie ausgemachte
Tatsachen. "Wahrheiten sind Phrasen, Redensarten, Worte;
in Zusammenhang gebracht bilden sie die Logik, die Wissenschaft,
die Philosophie." So lange währt die Herrschaft der
Gedanken, die Hierarchie, als die Pfaffen (in jeder Gestalt) das
Wort führen, so lange man noch an Prinzipien glaubt, so lange
man noch - kritisiert. Denn das Geheimnis der Kritik ist immer
irgendeine "Wahrheit".
Meine Kritik aber ist nicht dienstbar, sondern meine eigene Kritik.
Denn mein Denken ist ohne "Voraussetzung"; "vor
meinem Denken bin - Ich". Daher ist das gesetzte Denken die
Voraussetzung, welche Ich für mein Denken bin, selbst und
Ich somit der Eigner des Denkens, das Denken mein Eigentum.
Ich bin das Mass von allem, nicht der Mensch. - Die Wahrheit hat
ihren Wert nicht in sich, sondern in Mir. Für sich ist sie
wertlos und, wie der Gedanke, eine Kreatur. "Die Wahrheiten
unter Mir sind Mir lieb." Wahrheiten über Mir kenne
ich nicht. "Wahr ist, was mein ist; unwahr das, dem Ich eigen
bin." Wahr ist der Verein, unwahr der Staat und die Gesellschaft.
Und so ist es mit der Idee. Ihre Realität "besteht erst darin, dass Ich, der Leibhaftige, sie habe". Die Kritik schlägt nur eine
148
Idee durch die andere. Am Anfang wie am Ende des Christentums
gilt der Krieg dem Egoismus, und nicht Ich, sondern die Idee,
das Allgemeine "soll Ich zur Geltung bringen." Der Krieg
muss auswüten.
Unbewusst streben wir alle der Eigenheit zu. Aber ein unbewusstes
Tun ist ein halbes und immer wieder fallt Ihr als Diener in die
Hände eines neuen Glaubens.
Ich aber sehe lächelnd der Schlacht zu. Eigner von allem
"lasse ich meinen Humor mit den grossen Gedanken, den erhabenen
Gefühlen, dem heiligen Glauben spielen".
Denn ich weiss, dass wir allzumal vollkommen sind. Von Narren,
die sich einbilden, Sünder zu sein, wimmelt die Erde. Aber
nur von den Träumen ihrer kranken Einbildung leben die Sünder;
das gesunde Auge hat nie einen Sünder gesehen. "Du,
der Du die Menschen zu lieben wähnst, wirfst sie in den Kot
der Sünde."
Ich aber lasse Mir meinen Selbstgenuss nicht verleiden: wie Ich
keinem höheren Wesen mehr diene, so diene Ich auch keinem
Menschen mehr, sondern einzig nur noch Mir. So "bin Ich der
Tat und dem Sein nach nicht nur, sondern auch für mein Bewusstsein
der - Einzige".
Denn Ich bin kein Ich neben anderen Ichen. Alles an Mir ist einzig,
und nur als dieses Ich betätige und entwickele Ich Mich,
nehme Ich Mir alles zu eigen . . .
Das ist mein Verkehr mit der Welt!
Die letzten, wenigen Seiten des Buches gehören noch dem Einzigen.
Noch einmal werden vorchristliche und christliche Zeit in ihren
letzten Zielen - der Heiligkeit und der Leibhaftigkeit - zusammengefasst,
noch einmal der unversöhnliche Gegensatz zwischen dem Realen
und dem Idealen betont, noch einmal gezeigt, wie beide auf entgegengesetzten
Wegen doch auf das eine, das Göttliche, hinauskommen, das
am Ende des Zyklus christlicher Anschauungen "der Mensch"
heisst - "der Mensch" als Ich der Weltgeschichte beschliesst
ihn. Mit der Spannung zwischen Existenz und Beruf ist ihr Bann
gebrochen.
Denn der Einzelne ist eine Weltgeschichte für sich; er erkennt
keinen Beruf an; er lebt unbekümmert um das Wohl und Wehe
der Menschheit.
149
Kein Name nennt Mich recht; kein Begriff drückt Mich aus;
Ich bin vollkommen.
"Eigner bin Ich meiner Gewalt, wenn Ich Mich als Einzigen
weiss." Alles was über Mir ist, Gott oder Mensch, schwindet
vor diesem Bewusstsein. Auf Mich, den Einzigen, "den vergänglichen,
sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt",
stelle Ich meine Sache .
So schliesst das Buch.
Und noch einmal, wie am Anfang, jauchzt am Schlusse des Einzigen
seliges Lachen: "Ich hab' mein' Sach' auf Nichts gestellt!"
So spricht Max Stirner zu uns. -
Wie antworten wir ihm ?
Der Versuch einer Würdigung seiner Tat kann kaum besser ausfallen
als der, seine Worte wiederzugeben; dennoch muss unternommen werden,
wenigstens anzudeuten, was diese Tat zu einer so unvergleichlichen
macht.
Die Bedeutung des "Einzigen" ist heute wie vor siebzig
Jahren mehr geahnt und empfunden als erkannt. Wie könnte
es anders sein in Zeiten, wo zwar alles schwankt, woran wir uns
bisher geklammert, wo wir zwar eifrig bemüht sind, an Stelle
der alten Werte neue zu setzen, wo der alte, abgestandene Wein
immer wieder in neue Schläuche umgegossen wird, statt fortgeschüttet
zu werden, und wo wir doch noch so wenig von der völligen
Wertlosigkeit der meisten Werte überzeugt sind!
Wir sind ein Geschlecht zwischen Nacht und Tag. Halberwacht reiben
wir uns noch die schlaftrunkenen Augen und wagen noch nicht, in
das Licht zu blicken.
Wir können uns nicht trennen von den alten Wohnungen unserer
Begriffe, ob sie uns über dem Kopf zusammenbrechen; wir sind
zu feige, um die alte Heimat zu verlassen und uns dem Meer des
Selbstbewusstseins anzuvertrauen, das allein uns zu den anderen
Ufern tragen kann; wir haben noch kein rechtes Vertrauen in die
Zukunft, obschon, oder vielmehr: weil wir kein Vertrauen mehr
zu uns selbst haben.
150
Wir glauben nicht mehr an Gott, gewiss nicht mehr. Wir sind Atheisten
geworden, aber wir sind "fromme Leute" geblieben. Wir
beten nicht mehr vor dem Popanz der Kirche; wir knien vor den
Heiligtümern unseres Inneren.
Wir berauschen uns nach wie vor, und unser Jammer des Erwachens
ist der gleiche. Nur erwachen wir öfter, und unser Zustand
ist ein Taumeln zwischen Trunkenheit und Zweifel, nicht mehr der
heilige, ewige Rausch der ersten, "wahren" Christen.
Da tritt dieser Mann zwischen uns.
Er erscheint nicht mit der Herablassung des Priesters: er steht
nicht in dem Dienste Gottes, noch in dem irgendeiner Idee; nicht
mit der Geschäftigkeit des Lehrers: er überlässt
es uns, das, was er sagt, zu glauben oder zu verwerfen; nicht
mit der Sorge des Arztes: er lässt uns leben und sterben,
denn er weiss, dass unsere Einbildung unsere Krankheit ist. Er
kommt auch nicht als der Philosoph, der uns in dem Netz eines
neuen Systems der Spekulation zu fangen sucht; er verschmäht
seine Sprache, seine hässliche, dunkle und unverständliche
Sprache, dieses Privilegium, dessen alle jene sich bedienen, die
nur untereinander reden wollen; er schafft sich seine eigene Sprache,
denn er weiss, dass alle Erkenntnis auch verständlich sein
kann, wenn sie nur verständlich sein will.
Er spricht nicht von uns; kaum, dass er zu uns spricht.
Er spricht von sich und immer nur von sich, und wir sehen, wie
dieses sein Ich eine Fessel nach der andern von sich streift,
bis es auch der letzten ledig in stolzer Selbstherrlichkeit als
sein eigener Herr dasteht: unbesiegbar auf dem Platze, den es
sich endlich erobert.
Nicht mehr und nicht weniger als die Souveränitätserklärung
des Individuums, seine Unvergleichlichkeit und seine Einzigkeit
ist es, was Stirner verkündet. Bisher war nur von seinen
Rechten und Pflichten, und wo beide beginnen und enden, gesprochen;
er aber spricht es dieser ledig und jener mächtig. Wir haben
uns zu entscheiden. Und da wir nicht in die Nacht zurück
können, müssen wir hinein in den Tag.
Denn wir wissen jetzt, dass wir allesamt Egoisten sind. Wenn wir
unsere Taten betrachten, so sehen wir, dass die einen uns schon
weiter, viel weiter geführt haben, als unser Bewusstsein
es sich noch
151
eingestehen will, während die anderen uns verstrickt haben
in den unlöslichsten Zwiespalt. Wir werden fernerhin vergebens
versuchen, uns und die anderen weiter über die Gründe
unserer Handlungen zu täuschen. Nun wir sie erkannt haben,
was bleibt uns anderes übrig, als uns nach ihnen zu richten?
Der Erfolg wird uns lehren, was wir Stirner zu verdanken haben,
wenn es uns das Beispiel jener noch nicht gezeigt hat, die ihr
Leben bereits so gelebt.
Es ist unsere letzte Erkenntnis. Sträuben wir uns nicht länger
gegen sie. Denn der Tag kommt wahrlich nicht zu früh nach
dieser allzulangen Nacht!
Er hat den gebeugten Nacken gehoben und in die gelähmte Hand
ein Schwert gedrückt: er hat uns den Glauben genommen und
die Gewissheit gegeben.
Er hat uns wieder an unsere wahren Interessen erinnert, an unsere
profanen, persönlichen, eigenen Sonderinteressen und uns
gezeigt, wie gerade ihre Befolgung, statt den idealen, heiligen,
fremden Interessen, den Interessen aller uns zu opfern, uns das
Glück des Lebens wiederbringt, das wir verloren zu haben
scheinen.
Indem er den Staat der Politiker, die Gesellschaft der Sozialen,
die Menschheit der Humanen zergliederte und sie als die Schranken
unserer Eigenheit uns zum Bewusstsein bringt, hat er der Autorität
den Todesstoss versetzt - mit dem Herrscherwillen der Majorität,
der Gesamtheit, auch dessen Privilegium gebrochen und an die Stelle
des Bürgers, des Arbeiters, des Menschen tritt das Ich, an
Stelle des geistigen Vernichters der leibhaftige Schöpfer!
Aber das nicht allein: indem er den anderen Teil seiner Arbeit
in eingehendster Untersuchung den Bedingungen widmet, unter denen
sich dieses Ich zu seiner Einzigkeit zu entwickeln allein im Stande
ist, zeigt er es in seiner Macht, seinem Verkehr, seinem Selbstgenuss
-: die Mittel seiner Kraft und seinen endlichen Sieg.
Und an die Stelle unseres müden, zerquälten, sich selbst
zermarternden Geschlechts tritt jenes stolze, freie der "Einzigen",
dem die Zukunft gehört.
Er tat. was er getan, für sich, weil es ihm Freude machte.
Er fordert keinen Dank, und wir schulden ihm nichts.
152
Er hat uns nur erinnert an unsere Schuld gegen uns selbst!
Das ist es, was er getan; wie er es getan, ist nicht minder bewunderungswürdig.
Wenn Ursprünglichkeit und Kraft die Kennzeichen des wahren
Genies sind, so war Max Stirner zweifellos ein Genie ersten Ranges.
Er sieht die Welt und ihre Menschen ganz mit seinen eigenen Augen
und alles steht vor ihm da in dem scharfen Lichte der Wirklichkeit.
Nichts vermag seinen Blick zu stören oder zu täuschen:
nicht die Nacht der Vergangenheit, nicht das Gedränge der
Wünsche seiner eigenen Zeit. Es ist ein völlig originales
Werk, das seine, und es gibt keines, das mit grösserer Unbefangenheit
und Vorurteilslosigkeit geschrieben worden wäre, als dieses
Buch: "Der Einzige und sein Eigentum". Da ist nichts,
aber auch nichts, was Stirner als feststehend und gegeben annimmt,
es sei denn das eigene Ich. Nichts verblüfft ihn, nichts
verwirrt ihn, nichts "imponiert" ihm von vornherein.
So scheint er das rechte Kind jener kritischen Zeit, nur so unendlich
ihr voraus, dass er da anfängt, wo die anderen aufhören.
Diese Unbefangenheit gibt seinen Worten jene selbstverständliche
Sicherheit, die auf die einen so verblüffend, auf die anderen
so sieghaft wirkt.
Unvergleichlich ist ferner die Logik des Denkers. Die starre Folgerichtigkeit
seiner Schlüsse schrickt vor keiner, auch der letzten Konsequenz
nicht zurück. Er erlaubt dem Leser nicht, seine Gedanken
bis zum Ende ihres Gebietes zu führen; er tut es selbst.
Begriffe, die bisher unanfechtbar erschienen, löst er einen
nach dem andern auf und lässt sie in sich zerfallen. Er spürt
dem Sinne der Worte nach, bis er den rechten erfasst, der nur
zu oft in völligem Widerspruch steht zu dem, der ihnen bisher
gegeben wurde. Er entkleidet die grossen ihres Pompes und zeigt
sie in ihrer Hohlheit; und er bringt die missachteten, durch den
Sprachgebrauch verfemten, wieder zu Ehren. So lehrt er uns erst
ihren richtigen Gebrauch.
Dass ihm bisher kein einziger innerer Widerspruch nachgewiesen
werden konnte, will wenig bedeuten. Aber auch die Zukunft wird
nichts anderes zu tun haben, als weiter auszubauen, was er dahingestellt
hat für alle kommenden Zeiten. Neue Aussichten werden sich
in Fülle eröffnen. Den Streit aber hat er beendet.
153
In seiner göttlichen Unbekümmertheit und seiner rücksichtslosen
Logik erscheint sein Werk so ganz die Tat eines Mannes, "getan",
wie einer der schärfsten Denker unserer Tage von dem eigenen
sagt, "nicht um anderen, sondern um in erster Linie dem Schöpfer
selbst zu gefallen . . ." Da Stirner seinem Willen gemäss
nicht leben konnte, wurde sein Widerwille geweckt und schuf das
Werk seines Lebens, über das er die ganze Freiheit seines
Wesens goss, während sich rings um ihn herum alles in tobendem
Geschrei und unduldsamem Fanatismus ermüdete.
Denn immer sind Ruhe, Selbstbeherrschung, Überlegenheit,
Heiterkeit, Ironie und Weitherzigkeit die besten Kennzeichen des
wirklich Freien, wie Hast, Unsicherheit, Entrüstung, Pathos,
rechthaberische Hartnäckigkeit und Kleinlichkeitskrämerei
die sind des Eiferers um die Gewalt.
Die frühlingsfrische Lust am Kampfe durchweht dieses Buch
von der ersten bis zur letzten Seite. Der ebenbürtige Gegner
seines Gegners zu sein, einen leibhaftigen Feind sich gegenüber
zu haben, den er ins Auge fassen und greifen kann, der "selbst
voll Mut, auch seinen Mut" entflammt, Mann gegen Mann zu
stehen im Kampfe, das ist es, was Stirner sich wünscht!
Aber auch da, wo sich der Feind ihm scheu entzieht, wo statt seiner
die Gespenster des Wahns und der Einbildung, die Schatten der
Vergangenheit, auftauchen, geht er den Fliehenden nach bis in
die äussersten Schlupfwinkel und ruht nicht eher, bis er
sie an das Licht des Tages gebracht und als die spukenden Phantome
unserer Besessenheit entlarvt hat.
Flitter und Schmutz - er streift sie beide fort: der eine betört
ihn nicht, vor dem andern ekelt er sich nicht; und der Flitter
des Geistes und der Schmutz des Lumpentums schwinden vor dem Bewusstsein
seiner Einzigkeit.
Sein Mut ist unvergleichlich und vor keinem Gegner schreckt er
zurück. Er erkennt keine Autorität über sich. Denn
nichts ist ihm heilig. Er ist mehr als der Spötter und mehr
als der Kritiker. Er ist der grosse Lacher. Und sein Lachen heisst
Befreiung.
Dieser Mut ist immer der gleiche. Die alten, scheinbar in dem Boden der Jahrtausende eingewurzelten und für die "Ewigkeit des
154
Menschengeschlechtes" feststehenden Begriffe greift er gleich
mutig an, wie die neuentstandenen Schlagworte seiner Zeit, die
er als die "Ideale der Zukunft", einer neuen Zeit, anpackt,
und beide, die alten wie die neuen, sind Moder und Spreu, wenn
er sie berührt.
Sie alle, die er angreift, streiten unter einer Fahne, einem Zeichen,
einem Glauben. Er aber kämpft ganz allein und er steht und
fällt mit seinem Ich - das glänzendste Beispiel
für die Wahrheit des Ibsen'schen Wortes: "Der stärkste
Mensch ist der, welcher allein steht".
Aber so gross wie sein Mut ist seine Vorsicht. Er weiss, dass
die gefesselte Hand nicht streiten und die gelähmte Zunge
nicht reden kann. Er liefert sich nicht selbst in die Hände
der Feinde. Er kennt die tölpelhafte Dummheit der herrschenden
Gewalt, die in ihrer gottähnlichen Allmacht Jagd auf die
Fliegen macht, deren Summen ihren Schlaf stört und den Fuchs
nicht gewahrt, der sich in ihre Burg schleicht. Stirner weiss,
er braucht nur "Preussen" zu sagen und die Tat seines
Lebens ist vernichtet; er sagt "China und Japan", und
jedes Kind weiss, was er meint. Selbst die dänischen Stände
und den nachbarlichen "Selbstherrscher aller Reussen"
nennt er nur mit . . . . .; und einmal spricht er von einem "gewissen"
Staate. Gewiss, es ist ein kindliches Spiel: aber die Gewalt ist
der Blinde, und er lacht sie aus. Als er aber einmal glaubt, die
haschenden Hände möchten ihn doch erreichen, lässt
er das Spiel fallen und verwahrt sich ausdrücklich gegen
eine Kriminalklage: er hat das Wort "Empörung"
nur wegen seines etymologischen Sinnes gewählt, und nicht
in dem "vom Strafgesetz verpönten, beschränkten"
gebraucht.
Die Rüstung des Denkers ist untadelhaft. Er bringt zur Lösung
seiner Aufgabe ein Wissen mit, das ihn nie im Stich lässt.
Mühelos greift er aus der Geschichte der Vergangenheit sich
die Beispiele heraus, die er braucht. Die Bibel, deren gründlichster
Kenner Stirner offenbar war, liefert ihm immer auf's neue die
notwendigen Belege. Wie tief er die Geschichte des Menschengeschlechts
in ihrem inneren Zusammenhang erfasst hat, davon würde allein
jene wunderbare Darstellung der Menschen der alten und neuen Zeit
Zeugnis ablegen, wenn nicht fast jede Seite seines Buches davon
spräche.
155
Stirner soll - im Gegensatz zu Bruno Bauer - wenig gelesen haben.
Es erscheint das zweifelhaft, wenn wir die verhältnismässig
grosse Anzahl der Werke seiner Zeit übersehen, die er heranzieht,
um an ihren Ideen Kritik zu üben. Denn nicht nur die wichtigsten
Erscheinungen seiner Zeit, die Feuerbach und Bauer, nicht nur
Proudhons erste Schriften, die ihm so viel Angriffspunkte bieten,
sondern auch flüchtige Erscheinungen des Tages, heute völlig
vergessen, werden zitiert. Diese Zitate aber sind nie aus der
Erinnerung niedergeschrieben, sondern stets in sorgfältigster
Weise mit den eigenen Worten ihrer Urheber gegeben und belegt.
Aber nicht nur Vergangenheit und Gegenwart der Geschichte, auch
das tägliche Leben bietet ihm wiederholt Anlass, in seine
bunte Fülle zu greifen, um an alltäglichen, aber oft
desto überzeugenderen Beispielen die Untrüglichkeit
seiner Behauptungen zu erweisen. -
Indessen nicht der Reichtum seines Wissens, die Sorgfalt, wie
er es anwendet, und sein Geist, sondern was unerlernbar und möglich
nur dem Genie: mit dem Instinkt der Intuition das Bild der Menschenwelt
so zu erfassen, dass das Wichtige sich von dem Unwichtigen scheidet,
das ist es, was Max Stirner und seine Tat zu einer so einzigen
macht. Wie er es vermag, mit wenigen Strichen die Umrisse eines
einzigen Menschenlebens zu geben, so dass es greifbar dasteht
in seiner ganzen Entwicklung vom Kinde zum Manne, so zeigt er
in dem Fluten der grossen Menschenströme über die Erde
den Gang der Ideen durch die Jahrtausende und ihr Kommen und Gehen,
und was sie treibt und woran sie zerschellen wird uns verständlich
erst durch ihn. Chaotische Massen gewinnen unter seiner bildenden
Hand Gestalt und wir erkennen sie in ihrer wirklichen Form.
Mit derselben Sicherheit, wie durch die Nebel der Vergangenheit,
führt er uns durch die Brandung unserer eigenen, kampfdurchtosten
Zeit. Denn nicht das Ferne und nicht das Nahe verwirrt seinen
Blick, und unermüdet leitet er uns durch das Gestrüpp
aller Irrtümer, bis wir mit der hohen und stolzen Gestalt
seines Eigners den sicheren Grund der Zukunft betreten.
Völlig originell, wie Stirners Gedanken, sind auch Sprache und Stil seines Buches. Er hat es - "das mühsame Werk der
156
besten Jahre seines Lebens" - selbst einmal "den teilweise
unbeholfenen Ausdruck dessen, was er wollte", genannt "So
sehr," sagt er von sich weiter, "hatte er mit einer
Sprache zu kämpfen, die von Philosophen verderbt, von Staats-,
Religions- und anderen Gläubigen gemissbraucht und einer
grenzenlosen Begriffsverwirrung fähig gemacht worden war".
Diese Sprache ist dennoch von einem grossen Zauber. Sie ist nicht
weich und schmiegsam, denn sie will nicht locken und verführen;
sie ist nicht dunkel und schwer, denn sie will nicht verblüffen
und einschüchtern. Aber sie ist mehr als alles dies: in ihrer
kristallreinen Klarheit ist sie wahrhaftig, lebendig und jedes
Ausdrucks fähig. Sie kennt keine Phrase, keinen Widerspruch
und keine Halbheit. Sie begnügt sich nie mit Andeutungen,
und in allem, was sie sagt, geht sie auf das Ziel los, bis sie
es erreicht hat.
Man hat gesagt, der Stil Stirners ermüde durch seine Wiederholungen.
In Wahrheit wiederholt sich Stirner nie. Indem er immer von neuem
an das Objekt seiner Betrachtung prüfend herantritt, verlässt
er es nicht eher, als bis er es von allen Seiten gesehen und ergründet
hat, und wahrhaft erstaunlich ist die Vielseitigkeit, in der sein
unbestechlicher Blick die Dinge und Menschen sieht. Ganz abgesehen
davon, dass Wahrheiten nie oft genug wiederholt werden können,
liegt gerade in dem Begegnen aller Einwände, der Berücksichtigung
aller verschiedenen Angriffe auf die Souveränität des
Ich, der grosse Wert seines Werkes. Wo es ihm nötig erscheint,
legt er selbst die etymologische Wurzel des zu ergründenden
Begriffes (z.B. des Staates, der Gesellschaft u.s.w.) bloss. Er
liebt es ausserordentlich, dem Sinn des Wortes nachzuspüren
und oft enthüllt er durch die Art, wie er es gebraucht, seine
Doppeldeutigkeit in höchst geistreicher Weise, einer Weise,
die eine Übersetzung seiner Sätze in eine andere Sprache
nicht selten als Unmöglichkeit erscheinen lässt. Er
bevorzugt ferner die scharfen Gegenüberstellungen der Gegensätze,
um ihre ganze Unversöhnlichkeit zu beweisen und alle Halben
und alle Versöhner - die schlimmsten Feinde jeden Fortschritts
- werden ihn daher nach wie vor der "Extremität"
beschuldigen.
Da man seinem Stil, diesem scharfen, präzisen, unzweideutigen
Stil, keine Glätte vorwerfen konnte, hat man gesagt, er sei
kalt.
157
Der Vorwurf fällt auf die zurück, die ihn erheben: jene,
die sich einzig an dem künstlichen Feuer der Begeisterung,
nie an der reinen Flamme des Lebens selbst erwärmen können.
Denn wie auf dem Grunde dieses Buches ein unermesslicher Zorn
lodert, so durchglüht seine Sprache die Wärme des Lebens.
Es ist wahr, dass sie zuweilen schwerfällig und breit wird
und nach wiederholtem Anlauf erst bewältigt, was sie sich
zu überwinden vorgenommen, aber es ist nicht Stirners Schuld,
wenn sie sich durch das Dickicht fremder und verworrener Begriffe
und dürrer Abstraktionen, durch die Dialektik des Hegeltums
und den Jargon des Liberalismus jener Tage hindurchzuarbeiten
hat. Wie atmet sie nicht befreit auf, wenn sie wieder ganz der
Ausdruck der eigenen Gedanken ihres Meisters wird, mit welcher
Leichtigkeit folgt sie ihnen dann - vom überlegenen Spott
bis zum ätzenden Hohn, vom heiteren Lachen bis zum bittersten
Ernst! Sie erschwert nicht unnütz die Wucht ihrer Gedanken,
und selten nur steigert sie sich zum Pathos der Erhabenheit. Wo
sie aber leidenschaftlich wird, ergreift sie um so machtvoller
und schafft die eines ersten Künstlers würdigen Schilderungen,
zu denen neben jener der in unbefriedigter Sehnsucht dahinsiechenden
Unschuld auch die Zeilen gehören, die Stirner schrieb, während
die Glocken seinem Ohr zu läuten beginnen, die "die
Feier des tausendjährigen Bestands unseres lieben Deutschlands
einklingelten" . . . Dieses Buch soll kalt sein? - Welche
Verachtung spricht nicht aus der Verdammung der "wahren Jugendverführer",
jener, die "das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung
emsig aussäen, die jungen Herzen verschlämmen und die
jungen Köpfe verdummen!" Und welche Bitterkeit nicht,
welch eiserner Stolz aus der Beschreibung des grossen Narrenhauses
der Welt und des tollen Gebarens ihrer Insassen, ihrer Rachsucht,
ihrer Feigheit?
Diese Sprache, so reich bewegt und von einer so unerschöpflichen
Ausdrucksfähigkeit, ist aber auch von einer durchsichtigen
Klarheit. Sie macht die Lektüre dieses einzigen Buches jedem
möglich, der überhaupt zu denken versteht. Die Zunftphilosophen
lehnen es deshalb allein schon ab. Aber das ist ja völlig
gleichgültig. Wenn die Wissenschaft frei geworden sein wird,
wie es die Kunst, die es sein will, heute ist, erst dann wird
Max Stirner auch dort den
158
Platz einnehmen, der ihm gebührt. Unterdessen wird sein Buch
durch tausend und abertausend Hände gegangen sein, die die
Saat seiner Gedanken verstreuen über die Erde.
Es ist kein Buch, das sich in einem Zuge lesen lässt. Es
ist auch kein Buch, in dem man nur blättern darf. Es will
immer wieder von neuem ergriffen sein, um immer wieder aus der
Hand gelegt zu werden, damit die erregten Gedanken sich sänftigen,
die empörten Gefühle sich klären. Bei jeder neuen
Annäherung aber wird sein Eindruck nachhaltiger, sein Zauber
intensiver auf uns wirken. So wird es uns begleiten durch das
Leben, und wie wir dieses nie ganz zu Ende leben können,
so werden wir jenes nie ganz erschöpfen können
Denn dieses Buch ist das Leben selbst.
Die Kritik stand dem Werke ratlos gegenüber.
Wohl fühlte sie, dass sie nicht umhin konnte, sich mit einer
Erscheinung zu beschäftigen, die die Gemüter in so verschiedene
Bewegung versetzte. Aber teils entzog sie sich ihrer Verpflichtung,
teils suchte sie sich ihrer zu entledigen. Die Gründe lagen
nahe - in ihrer eigenen Ohnmacht.
Daher ist die Zahl der eingehenden und ernsthaft zu nehmenden
Besprechungen eine verhältnismässig sehr geringe; dennoch
ist sie natürlich zu gross, als dass hier auch nur auf eine
einzige näher eingegangen werden könnte, selbst wenn
sie es verdiente.
Eine kurze, wenn auch natürlich nicht vollständige Übersicht
ist indessen nötig, um einigermassen das oben gegebene Bild
der allgemeinen Aufnahme zu verdeutlichen.
Die wichtigsten Besprechungen waren zweifellos diejenigen, die
Stirner selbst für solche hielt, indem er ihnen selbst antwortete;
ihnen wird daher gleich das Interesse, das sie beanspruchen dürfen,
geschenkt werden.
Was zunächst hier die grossen Tageszeitungen - soweit sie
daraufhin durchgesehen werden konnten - betrifft, so schwiegen
sie das Werk vollständig tot. Sie hatten Wichtigeres zu tun,
als einer bedeutenden Erscheinung ihre Aufmerksamkeit zu schenken,
die vielleicht einen Raum erfordert hätte, der doch viel
besser und - leichter
159
mit irgendeiner Klatschgeschichte oder der Breittretung eines
Tagesinteresses zu füllen war. Die Zeit der Hallischen und
Deutschen Jahrbücher war vorbei, und was wichtig und ernst
war, wurde immer mehr in den enger und enger werdenden Raum des
Feuilletons gedrängt.
Etwas weniger ablehnend verhielten sich die Zeitschriften und
Revuen. Die "Blätter für literarische Unterhaltung"
von 1846, die übrigens alles besprachen, suchten in einem
langen Artikel hinter den "Einzigen" zu kommen. Er ist
ihnen der "Exzess einer sterbenden Schulphilosophie";
seine Auffassung vom Geiste ist eine durchaus falsche, nämlich
eine materialistische; er ist "der einsame Prophet",
und nirgends spiegelt sich die Auflösung des Hegeltums in
seiner schulmässigen Form besser und deutlicher als hier.
Die Leipziger "Grenzboten" beschäftigten sich wiederholt
mit Stirner. Das erste Mal in einer Besprechung, die gleich nach
Erscheinen seines Buches geschrieben war. Ihr Verfasser, ein gewisser
W. Friedensburg, meint, dass die "allerneueste Theorie kaum
ein anderes Interesse im Menschen zuliesse, als das der gedankenlosesten
Blasiertheit, wie sie eben im heutigen Ballett ihren Ausdruck
gefunden hat". Aber er wird sich wohl hüten, sich mit
dem Stirner'schen Werke noch ernstlicher, als er es schon getan
hat, zu beschäftigen. "Wer garantiert mir denn, dass
dieses Ich nicht sein Kurzweil mit mir treibt und eine höhnische
Lache über den Narren aufschlägt, welcher das Hergebrachte
für baren Ernst des Wahrheitssinnes nimmt!"
Ein paar Jahre später wird der "Einzige" ein dithyrambisch
ausgeführter Stossseufzer einer schönen Seele genannt,
die sich über die Eintönigkeit des Philisterlebens,
der Geschichte und der zwecknützlichen Arbeit ennuyiert!
- Früher war dieser "schönen Seele" jedoch
noch eine Zukunft prophezeit worden und die Hoffnung ausgesprochen,
dass Stirner "nach seiner verunglückten Emeute gegen
den Liberalismus zur alten Fahne zurückkehren" werde.
Als ob er jemals zu dieser Fahne gestanden hätte!
Von der theologischen Seite aus antwortete Hengstenberg in seiner bekannten "Evangelischen Kirchenzeitung" Ende 1846. Es geschah bei Erscheinen des Buches: "Das Verstandesthum und das
160
Individuum". Stirner wird als abgetan betrachtet, sein Buch
nur gestreift.
Vielfach war in der "Wigand'schen Vierteljahrsschrift"
und den ihr folgenden "Epigonen" von dem "Einzigen"
die Rede, abgesehen von den Artikeln, auf die Stirner selbst dort
geantwortet hat und von denen weiter unten die Rede sein wird.
Im dritten Bande der erstgenannten Zeitschrift wird "dem
ebenbürtigen Gegner" in einer anonymen "Charakteristik
Ludwig Feuerbachs" ein Abschnitt "Feuerbach und der
Einzige" gewidmet; im vierten der "Epigonen" findet
sich eine "Auflösung des Einzigen durch den Menschen"
aus der Feder der Frau von Arnim, der Bettina.
Unvergessen sollte nur die eingehende Besprechung in der "Revue
des deux Mondes" von 1847 bleiben. Sie ist betitelt: "De
la crise actuelle de la Philosophie Hégélienne.
Les partis extrêmes en Allemagne", und ihr Verfasser
ist der gründliche Kenner deutscher Verhältnisse M.
Saint-René Taillandier. Sie ist Ruge und Stirner gemeinschaftlich
gewidmet. Ihr Verfasser meint mit Recht, die Übersetzung
des Titels müsse nicht "L'individu et sa propriété",
sondern "L'unique et sa propriété" heissen.
Er stellt sich ganz auf Stirners Seite und einige Stellen wenigstens
seiner merkwürdigen Arbeit wollen wir, in der deutschen Übersetzung
des vor dem Neutor in Wien mit Becher erschossenen Jellinek, wiedergeben:
"Seht nur, welche Schärfe, welche unzerstörbare
Sicherheit bei Max Stirner! Ihn erschüttert in der gewaltigen
Ideenverbindung nichts. Der Glückliche! Er hat keinen Gewissenszweifel,
keine Unruhe, keinen Schmerz. Nie unterstützte einen Dialektiker
besser seine natürliche Starrheit. Seine Feder zittert nicht;
sie ist elegant ohne Ziererei, geschmackvoll ohne Vorurteil. Wo
ein anderer bewegt wäre, da lächelt er ungezwungen.
Der Atheismus ist ihm verdächtig als zu religiös; den
Atheismus durch den Egoismus ergänzen, diese Aufgabe löst
er, und mit welcher Leichtigkeit, mit welcher Seelenruhe löst
er sie!" Und weiter: "Dass eine Feder sich fand, die
solche Dinge schrieb, die sie so kaltblütig, mit solch korrekter
Eleganz schrieb, ist ein unbegreifliches Geheimnis. Man muss das
Buch selbst gelesen haben, um überzeugt zu sein, dass es
existiert." Und: "Wie soll man einem französischen
Leser diese Begeisterung um nichts begreiflich machen?"
161
Der Franzose wiirdigt dann das Werk eingehend auf seine Weise,
und wenn sich auch im Laufe der Untersuchung herausstellt, dass
er durchaus nicht so ganz auf der Seite Stirners steht, wie es
im Anfang den Anschein hatte, und er gleich leidenschaftliche
Worte gegen diese "dumme Sucht sich selbst zu entäussern"
schleudert, als er vorher für seine Würdigung aufgewandt
hat, so bleibt es immerhin bemerkenswert, dass ein Ausländer
es war, der das erste und fast einzige Wort warmer Bewunderung
für die Tat fand und ihrer Kühnheit und Grösse
gerecht zu werden versuchte.
War so die Zahl der selbständigen Artikel, die sich mit dem
"Einzigen" beschäftigten, eine ausserordentlich
geringe - die privilegierte Philosophie und ihre Organe schwiegen
natürlich die ganze Bewegung grundsätzlich tot -
, so fand es Erwähnung in fast jeder Betrachtung der "kritischen"
Philosophie jener Jahre.
Wer auf einen Artikel über die "Nachhegelianer"
trifft, darf gewiss sein, nach Strauss und Feuerbach Bruno Bauer
und nach Bauer Stirner genannt zu finden: bald mit einem höhnischen
Wort abgetan, seltener, viel seltener, wie in dem sechsten Bande
der Brockhaus'schen "Gegenwart" von 1851 in einem anonymen
Artikel: "Die deutsche Philosophie seit Hegels Tode"
mit dem ernsten Bestreben, ihm gerecht zu werden. Dort, hinter
alle seine Opfer, hat man den grossen Vernichter eingeschachtelt,
froh für diesen unbändigen Geist einen Platz gefunden
zu haben. Und in dieser Ecke steht Stirner noch heute - : mit
"seiner Schrift, die als das Äusserste gelten kann,
was der philosophische Radikalismus jener Zeit an kühner
und geistreicher Negation hervorgebracht hat", wie in wahrhaft
merkwürdiger, wörtlicher Übereinstimmung die gründlichen
Alleswisser unserer grossen Konversations-Lexiken einander nachschreibend
melden.
Die direkten Opfer selbst schwiegen teils, teils suchten sie sich zu verteidigen. Von Seiten der "Kritik" geschah es durch den Mund Szeligas, der Stirner antwortete, während Bruno Bauer selbst in seinen Schriften nie auch nur den Namen Stirners nannte (Bauer wandte sich übrigens in jenen Jahren bereits von der "souveränen, absoluten" Kritik ab und seinen Geschichts-Forschungen zu). - Wie Feuerbach sich stellte, werden wir gleich sehen. - Die Sozialisten
162
und Kommunisten liessen sich zu keiner gründlichen Entgegnung
herbei. Zwar unternahmen Marx und Engels eine solche sofort, aber
das Manuskript ihrer Arbeit "gegen die Ausläufer der
Hegel'schen Schule" ist erst, "soweit die Mäuse
es nicht gefressen haben", etwa sechzig Jahre später,
I903, ans Licht getreten. Sie betitelt sich geschmackvoll "Der
heilige Max" (Sankt Max), und ist sicherlich das äusserste
an alberner und leerer Wortspielerei, was die dialektischen Kämpfe
jener Zeit hervorgebracht haben, lesbar allein für den, der
ihnen noch so viel Interesse und Verständnis entgegenbringt,
um auch diese letzte Polemik von rein historischem Wert geniessbar
zu finden. Selbst ihr späterer Herausgeber nimmt sie nicht
mehr in Schutz, als er es eben muss. Wie Stirner mit dem Jargon
der nachhegelianischen Schule fertig geworden ist, und wie schwer
es ihm nach seinem eigenen Geständnis geworden ist, wissen
wir. Aber während er ihn in die eigene Sprache des Lebens
wandelte, sind Marx und sein Echo in ihm stecken geblieben und
haben ihn dann in jene Abstraktionen hinüber geleitet, die
heute noch - zum Unglück der unbefreiten Arbeit - ihre Partei
beherrschen und sie in den alten starren Formen dahinstagnieren
lassen. Die Arbeit, an der übrigens auch Moses Hess, der
alte Gegner Stirners, als Dritter im Bunde teilnahm, zeigt immerhin,
welchen Wert Marx dem Werke Stirners beigelegt haben muss, wenn
er ihm eine Entgegnung, fast so umfangreich wie der Einzige selbst,
widmete.
Ruge, der so leicht beeinflussbare, der nach Erscheinen des "Einzigen",
wie sein Briefwechsel bezeugt, es von wärmster Anerkennung
Stirners ("das erste leserliche philosophische Buch in Deutschland",
"man müsste es soutenieren und propagieren") zur
Begeisterung für die Kritik seines gehässigsten Gegners,
Kuno Fischer, brachte, suchte sich in seinen "Zwei Jahren
in Paris" mit ihm auseinanderzusetzen, wo er seinem Buche,
dem kühnen "Morgenrufe in dem Lager der schlafenden
Theoretiker", in der Betrachtung "unserer letzten zehn
Jahre" ("Der Egoismus und die Praxis: Ich und die Welt")
einen beträchtlichen Raum gönnt.
In der Geschichte der Philosophie - der allgemeinen, wie der deutschen
- wird Stirners Werk - wenn auch durchaus nicht immer, und selbstverständlich
weder an der ihm gebührenden Stelle: als
163
Anfang einer neuen Zeitepoche, noch in dem ihm zukommenden Raum:
als eine neue Denkart und Denkweise, die nicht von den Begriffen
her zu dem Subjekt sich neigt, um es sich zu unterwerfen, sondern
von diesem aus die Objekte ergreift, um sie sich untertänig
zu machen - in der Geschichte der Philosophie, in der Geschichte
des geistigen Lebens unseres Jahrhunderts, wird Stirner widerwillig
ein kleiner Platz gegönnt.
Denn alle Geschichtsschreibung ist heute kaum mehr noch als eine
Beschreibung des Erfolges, als der er sich spiegelt in den Augen
der Mehrheit der Menschen.
Indessen würde ein weiteres Eingehen auf die Stellungnahme
jener Kritik, wie sie nach und aus der geschilderten zeitgenössischen
sich entwickelte, uns weit über die Grenzen unserer Arbeit
führen.
Zweimal hat Stirner selbst auf Kritiken seines Werkes geantwortet.
Diese Entgegnungen Stirners, von höchstem Interesse und grösster
Wichtigkeit, sind zugleich die letzten Äusserungen seiner
Lebensbetrachtung und die (mit einer Ausnahme) letzten bekannten
Beiträge für Zeitschriften überhaupt, die er geliefert.
Die erste Entgegnung wendet sich gegen die drei bedeutendsten
und wichtigsten Besprechungen, die dem "Einzigen" schon
im Jahre 1845 zuteil wurden und von drei Seiten kamen, die von
Stirner selbst auf das Schärfste angegriffen worden waren:
von der sozialistischen Seite her antwortete Moses Hess, der Kommunist;
die Kritik gab ihre Antwort durch Szeliga; der dritte, der sich
zu einer Antwort herbeiliess, war kein anderer als Feuerbach selbst.
Diese Kritiken sind wohl überhaupt die bemerkenswertesten,
die Stirner je zuteil geworden sind. Seine Wahl in Bezug auf diese
drei ergab sich von selbst und wurde ihm Anlass, noch einmal nach
allen Seiten hin seine vernichtenden Stösse zu führen.
- Die zweite Entgegnung Stirners erfolgte viel später und
richtete sich gegen die Besprechung eines jungen Mannes, der in
unerhörter Prätension und Dreistigkeit sich an sein
Werk herangewagt hatte und dessen Schülerarbeit der Vergessenheit
nur durch Stirners Antwort wieder entrissen wird.
Stirners erste Entgegnung auf die Kritik des "Einzigen"
findet
164
sich auf fast fünfzig Seiten des dritten Bandes von "Wigands
Vierteljahrsschrift" vom Jahre 1845. Ihr Titel ist: "Recensenten
Stirners", und die Initialen der Unterschrift "M.St."
dulden keinen Zweifel über den Verfasser.
Die Kritik von Szeliga: "Der Einzige und sein Eigenthum"
war im Märzheft der "Norddeutschen Blätter",
von den Bauers, Fränkel, L. Köppen und ihm selbst herausgegebenen
"Beiträgen zum Feldzuge der Kritik", erschienen.
Szeliga (sein wirklicher Name lautete anders) war ein junger Offizier,
"eine militärische Erscheinung, exakt im Denken und
Sprechen, streberisch, soldatisch hingeneigt zur Kritik, nicht
im geringsten revolutionär oder oppositionell, mit praktisch-engem
Gesichtskreis und von der Philosophie nur das eine verlangend,
dass sie ihn von allen bürgerlichen Rücksichten befreie
. . ." Er verkehrte, wohl seiner Stellung wegen, nicht unter
den "Freien" bei Hippel, gehörte aber zu dem Bauer'schen
Kreise in Charlottenburg und wurde der "heiligen Familie"
beigezählt, wie er auch in der Bauer'schen Literaturzeitung
mit einer langatmigen, bereits erwähnten Kritik der Mysterien
von Paris debütiert hatte. Die eifrige Beschäftigung
seiner Mussestunden mit philosophischen Tagesfragen zeitigte noch
mehrere Broschüren, z.B. über "die Universalreform
und den Egoismus" u.a. - Seine Kritik des Stirner'schen Werkes,
über das er bereits in engerem Kreise einen Vortrag gehalten
hatte, ist ausserordentlich eingehend. Es ist der Kritiker der
Bauer'schen Schule, der hier seine Waffe schwingt. "Der Einzige",
sagt er, "gibt der Kritik", der es so wenig um den Sturz
des einen wie um die Erhebung des anderen zu tun ist, "die
Gelegenheit zu einer neuen Tat der Selbstvervollkommnung".
Nach einer genauen Betrachtung des "Lebenslaufes des Einzigen"
wird dieser für das "Gespenst aller Gespenster"
erklärt, und in weitschweifiger Weise die Stellung der Kritik
zu diesem Gespenste behandelt. Wie bei dieser, so wird auch bei
den folgenden Besprechungen die Betrachtung der Stirner'schen
Entgegnungen Gelegenheit geben, auf ihre wichtigsten Punkte einzugehen,
die von Stirner selbst als solche erkannt und widerlegt wurden.
Die zweite Kritik des "Einzigen" von Bedeutung erfolgte
von sozialistischer Seite durch Moses Hess und wurde in Form einer
zu
165
Darmstadt erschienenen Broschüre von achtundzwanzig Seiten
gegeben, die sich "Die letzten Philosophen" betitelte.
Hess war einer der tätigsten Streiter in der damals noch
so jugendlichen Bewegung des Sozialismus. Wie Stirner ein früherer
Mitarbeiter der "Rheinischen Zeitung", hatte er sich,
durch und durch Kommunist, an den Herwegh'schen "Einundzwanzig
Bogen aus der Schweiz" mit Beiträgen beteiligt und hielt
damals, 1845, gerade dem Kapitalismus seinen "Gesellschaftsspiegel"
vor, "notorisch der Mittelpunkt der damaligen rheinländischen
sozialistischen Bewegung". - Die "letzten Philosophen"
sind ihm Bruno Bauer und Stirner, der "Einsame" und
der "Einzige"; doch wendet er sich fast ausschliesslich
mit seiner Kritik gegen den letzteren. Mit der seit ihm bis zur
Läppischkeit von den Sozialisten gegen jeden freiheitlichen
Denker wiederholten Verdächtigung, dass "man meinen
könnte, die in jüngster Zeit von den deutschen Philosophen
veröffentlichten Schriften seien auf Anstiften der Reaktion
herausgegeben", beginnt er seine Einleitung. Zwar bricht
er ihr gleich selbst die Spitze ab, indem er erklärt, dass
weder Bruno Bauer noch Stirner "sich je von aussen"
bestimmen liessen, aber indem "die innere dem Leben abgezogene
Entwicklung dieser Philosophie in diesen 'Unsinn' auslaufen musste",
wie er meint, lässt er den Vorwurf der inneren Reaktion bestehen,
überzeugt, auch damit noch in den Augen seiner Masse den
beabsichtigten Erfolg zu erzielen.
Nachdem er sodann einen Blick auf den Dualismus der christlichen Philosophie, den "Zwiespalt zwischen Theorie und Praxis", geworfen hat, findet er in dem christlichen Staat derselben die moderne, christliche Kirche, den diesseitigen Himmel, in den Staatsbürgern dagegen nicht die wirklichen Menschen, sondern nur ihre Geister. Denn die Leiber dieser Geister sind in der bürgerlichen Gesellschaft. Zwar hat Deutschland noch nicht diesen modernen, freien Staat erreicht, der den Gegensatz zwischen den Einzelnen und der Gattung wieder vollendet hat, aber seine letzten Philosophen haben es doch zu der theoretischen Wirklichkeit dieser modernen Kirche gebracht und ihre Widersprüche untereinander betreffen nur das Verhältnis des Staates zur bürgerlichen Gesellschaft. So kommt Hess zu den konsequenten Theoretikern der philosophischen Schule, den
166
beiden genannten. Bauer wirft er vor, dass seine Kritik nichts
anderes als die der hohen Staatspolizei sei, um den Pöbel
im Zaum zu halten; Stirner selbst will er sich ganz besonders
vornehmen. Welcher Art und wie belanglos seine Einwände gegen
diesen Letzteren sind, werden wir aus dessen Entgegnung ersehen.
Der Dritte in dem unfreiwilligen Bunde ist Ludwig Feuerbach selbst.
Er hatte seine kurze Entgegnung an Stirner: " Über das
'Wesen des Christentums' in Bezug auf den 'Einzigen und sein Eigenthum'"
in dem zweiten Bande von "Wigands Vierteljahrsschrift"
von 1845 veröffentlicht und nahm sie bald darauf unverändert
in den ersten Band seiner "Sämtlichen Werke" auf,
die "Erläuterungen und Ergänzungen zum Wesen des
Christentums", wo er sie mit der Fussnote begleitete: dass
er hier wie anderwärts nur seine Schrift als Schrift im Auge
habe, zu der er selbst in einem höchst kritischen Verhältnis
stehe, und dass er es nur mit deren Gegenstand, Wesen und Geist
zu tun habe, während er die Beschäftigung mit ihrem
Buchstaben den Kindern Gottes oder des Teufels überlasse
. . .
Mehr als alle anderen Kritiken mussten Stirner und müssen
uns diese leider nur sehr kurzen, aphoristisch gehaltenen und
auf wenige Seiten zusammengedrängten Antworten Feuerbachs
interessieren, in denen der Einsiedler von Bruckberg die hageldicht
gerade auf ihn gefallenen Schläge Stirners abzuwehren suchte.
Feuerbach war voll höchster Bewunderung für die Tat
seines Gegners gewesen und hat ihr deutlichen Ausdruck gegeben.
Fast sofort nach ihrem Erscheinen hatte er sich mit ihr bekannt
gemacht und schon "im Spätjahr" 1844 schrieb er
seinem Bruder: "Es ist ein höchst geistreiches und geniales
Werk und hat die Wahrheit des Egoismus - aber exzentrisch, einseitig,
unwahr fixiert - für sich. Seine Polemik gegen die Anthropologie,
namentlich gegen mich, beruht auf purem Unverstand oder Leichtsinn.
Ich gebe ihm Recht, bis auf eines: im Wesen trifft er mich nicht.
Er ist gleichwohl der genialste und freieste Schriftsteller, den
ich kennengelernt." Geht schon aus diesen wenigen Zeilen
die ganze, innere Unsicherheit Feuerbachs seinem Gegner gegenüber
hervor - seine Ehrlichkeit liegt in beständigem Kampfe mit
der verletzten Eitelkeit - so beweist
167
diese Unsicherheit durchaus die Art und Weise, in der er glaubte,
mit "dem genialsten und freiesten Schriftsteller, den er
kennt", fertig werden zu können. Er dachte zunächst,
wie sein jüngster Biograph, Wilhelm Bolin, mitteilt, an ein
"Offenes Sendschreiben", zu dem er auch den Anfang entwarf,
der noch erhalten ist und der lautet: "'Unaussprechlich'
und 'unvergleichlich' liebenswürdiger Egoist! -Wie Ihre Schrift
überhaupt, so ist auch insbesondere Ihr Urteil über
mich wahrhaft 'unvergleichlich' und 'einzig'. Zwar habe ich auch
dieses, wenngleich noch so originelle Urteil längst vorausgesehen
und zu Freunden gesagt: ich werde noch so verkannt werden, dass
man mich, dermalen den 'fanatischen, leidenschaftlichen' Feind
des Christentums, sogar unter die Apologeten desselben rechnen
wird; aber dass dies so bald, dass es jetzt schon geschehen würde,
das hat mich - ich gestehe es - überrascht. Das ist 'einzig'
und 'unvergleichlich' wie Sie selbst. So wenig ich nun auch Zeit
und Lust habe, Urteile, die nicht mich selbst, sondern nur meinen
Schatten treffen, zu widerlegen, so mache ich doch bei dem 'Einzigen',
dem 'Unvergleichlichen' eine Ausnahme."
Glücklicherweise gab Feuerbach es auf, Stirner in diesem Stil weiter zu apostrophieren, blieb aber leider bei seinen kurzen "Erläuterungen", statt sich zu einer gründlichen Antwort Mut und Zeit zu nehmen. In einem weiteren Briefe an seinen Bruder vom 13. Dezember 1844 versucht er noch einmal eine Selbstentschuldigung und tröstet sich mit der albernen, aber für seinen ethischen Hochmut sehr bezeichnenden Annahme, dass "Stirners Angriffe eine gewisse Eitelkeit verraten, als wolle er sich auf Kosten meines Namens einen Namen machen". So lässt er denn grossmütig dem armen Namenlosen die "kindische Freude eines momentanen Triumphes". In Wahrheit scheint der kluge Mann geahnt zu haben, dass ihm in Stirner ein furchtbarer Gegner entstanden war, dessen Sieg über ihn nichts anderes als seine eigene völlige Vernichtung bedeutete, und zog es deshalb vor, weiteren Schlachten aus dem Wege zu gehen, um den Ruhm des Siegers nicht durch neue Niederlagen unfreiwillig mitverkünden zu helfen. Aus ähnlichen Gründen unterliess er denn wohl auch, seine Bemerkungen in der Wigand'schen Vierteljahrsschrift mit seinem Namen zu zeichnen, der das allge-
168
meinste Interesse auf die von allen Seiten erwartete Kontroverse
gelenkt hätte. - Mag an dieser Stelle übrigens gesagt
sein, dass Feuerbach und Stirner nie persönlich zusammengetroffen
sind: Feuerbach ist nie nach Berlin, und Stirner nie mehr von
dort fort gekommen, nachdem ein Zusammentreffen für beide
von Interesse gewesen wäre.
Feuerbach, Hess und Szeliga antwortete Stirner, wie gesagt, gemeinsam.
Er muss seine Entgegnung "Recensenten Stirners" sofort
nach Erscheinen der betreffenden Kritiken und fast im Fluge geschrieben
haben. Auch er spricht, wie Feuerbach, von sich in der dritten
Person.
Nach der kurzen Charakterisierung der Verfasser: Hess' als Sozialisten,
Szeligas als Kritiker und des Anonymus als - Feuerbach, geht er
zunächst auf den Punkt ein, in dem alle drei übereinstimmen,
auf den "Einzigen" und den "Egoisten".
Nach ihnen erscheint der "Einzige" als "das Gespenst
der Gespenster", als das "heilige Individuum, das man
sich aus dem Kopf schlagen müsse", und als der blasse
"Renommist".
Zugegeben, dass der "Einzige" eine Phrase ist, eine
Aussage, die nichts aussagt, so ist er doch gegenüber den
heiligen und erhabenen Phrasen wie der Mensch, der Geist, das
wahre Individuum u.s.w. nur die "leere, anspruchslose und
gemeine Phrase". Er, der Einzige, dessen Inhalt kein Gedankeninhalt
ist, ist darum auch unsagbar und "weil unsagbar, die vollständige,
und zugleich - keine Phrase". Dass Szeliga selbst aber der
Phraseninhalt, Feuerbach mit seinem gedachten Einzigen im Himmel
(Gott) die Phrase ohne Phraseneigner, und Hess, dieser einzige
Hess, selbst nur eine Renommage ist, das haben die Drei nicht
begriffen.
Auch ihre Charakteristiken des Egoisten sind höchst populär
und allzu einfach. Die von ihnen gewählten Beispiele werden
ihrer Heiligkeit entkleidet: das rührende Beispiel Feuerbachs,
der die Hetäre der Geliebten gegenüberstellt; dasjenige
Szeligas vom reichen Mädchen und der keifenden Frau; und
der von Stirner für Hess gebrauchte des Europäers und
des Krokodils - sie alle geben Anlass, das Wesen des eigenen Interesses
gegenüber dem heiligen Interesse nochmals von allen Seiten
zu betrachten. Die Heiligkeit der Geschlechtsver-
169
bindung, der Stolz des Verdienstes, die Arbeit und die Liebesgebote
der Menschlichkeit geben Veranlassung zu ebenso tiefen wie schlagenden
Ergründungen; sie zeigen von neuem, wie unsinnig es ist,
in einfache Verkehrsverhältnisse die Heiligkeit hineinzutragen,
die sie länger bestehen lässt, als das Interesse es
erfordert ("das Interesse der Personen aneinander hört
auf, aber die uninteressante Verbindung bleibt bestehen; wie töricht
ist es, das absolute, das allgemein Interessante über das
persönliche, eigene Interesse zu stellen") und wie fruchtlos
die Befolgung "höherer" Gebote ist, anstatt es
dem Einzelnen zu überlassen, zu tun, was ihm am Nützlichsten
erscheint.
Mit der feinen Bemerkung, dass keiner der drei ihm den grössten
Abschnitt seines Werkes, den, in dem er den Verkehr des Egoisten
mit der Welt und seinen Vereinen so ausführlich behandelt,
"zugute kommen lässt", d.h. jeder diesen Teil ignoriert,
schliesst Stirner seine allgemeine Antwort und widmet zum Schluss
noch jedem Einzelnen für sich einige Worte. Er geht in ihnen
über die groben und plumpen Angriffe der Entrüstung
gegen den Egoismus hinweg.
Szeliga macht er klar, dass es ihm gar nicht eingefallen ist,
die "reine" Kritik zu üben: dass es nicht die "reine",
sondern eine durchaus interessierte Kritik ist, die er vollzogen
hat.
Feuerbach ist auf den Punkt, auf den es ankommt, überhaupt
nicht eingegangen, darauf: "dass das Wesen des Menschen nicht
Feuerbachs, oder Stirners, oder irgendeines Menschen Wesen ist
. . ." Er ahnt ihn nicht einmal. "Er bleibt bei seinen
Kategorien von Gattung und Individuum, Ich und Du, Mensch und
menschlichem Wesen in völliger Unbekümmertheit stehen",
sagt Stirner. Die sonstigen Entgegnungen an Feuerbach spotten
ebensosehr einer Wiedergabe in der hier erforderlichen Kürze
wie Feuerbachs "Erläuterungen" selbst; beide müssen,
um überhaupt verstanden zu werden, in ihrer Vollständigkeit
gelesen und geprüft werden. Daher nur so viel, dass Feuerbachs
Einwände Schritt für Schritt zurückweichen müssen
vor der unerbittlichen Logik, mit der Stirner jeden einzelnen
von ihnen widerlegt.
Hess beweist Stirner zum Schluss, dass er als Mensch gar nicht
vollkommener sein könne, als er ist: die ganze Gattung Mensch
ist
170
in ihm, in Hess, enthalten und ihm fehlt nichts von dem, was den
Menschen zum Menschen macht. Er zeigt ihm weiter, wie wenig er
noch den mit sich einigen Egoisten verstanden hat, wie absurd
es ist, anzunehmen, dass ihm irgendwie an der bürgerlichen
Gesellschaft gelegen sein könne. Einer Reihe von Einwürfen
wird dann zu begegnen gesucht, über andere mit berechtigtem
Spott hinweggegangen, so über die Bemerkung, welche Stirners
Opposition gegen den Staat die "ganz gewöhnliche Opposition
des freisinnigen Bourgeois" nennt; das "sieht unstreitig
jeder augenblicklich ein, der Stirners Buch nicht gelesen hat".
Endlich erläutert Stirner für Hess noch an einigen einfachen,
nächstliegenden Beispielen seinen "Verein von Egoisten"
- (Hess nennt ihn, es kommt ihm nicht so genau darauf an, "egoistischer
Verein"). Nicht das ist Stirner ein Verein von Egoisten,
in dem die einen sich auf Kosten der anderen betrügen lassen,
sondern in dem das Interesse des einen, wenn auch nur flüchtig,
vorübergehend, sich mit den Interessen der anderen berührt
und darum das zusammenschliessende Motiv ist.
Zum Schluss erinnert Stirner seine drei Kritiker noch an eine
Stelle aus Feuerbachs kleiner Schrift: "Kritik des Anti-Hegels."
Da sich die verschollene Abhandlung nur in den wenigsten Händen
befinden dürfte, sei sie hier zitiert. Feuerbach spricht
in ihr von der von jeher den philosophischen Systemen widerfahrenen
doppelten Art der Kritik: der Kritik der Erkenntnis und der Kritik
des Missverstands. Über letztere sagt er an der oben genannten
Stelle: "Der Kritiker sondert hier nicht die Philosophie
von dem Philosophen; er identifiziert sich nicht mit seinem Wesen,
macht sich nicht zu seinem andern Ich . . . Er hat stets andere
Dinge in seinem Kopf als sein Gegner; er kann seine Ideen sich
nicht assimilieren und folglich nicht mit seinem Verstand zusammenreimen;
sie bewegen sich in dem leeren Raum seines eigenen Selbstes wie
epikuräische Atome durcheinander, und sein Verstand ist der
Zufall, der sie durch besondere äusserlich angebrachte Häkchen
zu einem scheinbaren Ganzen zusammenbringt. Der einzige gültige,
der objektive Massstab, die Idee des Systems, welche die allgegenwärtige
Seele, die selbst in den grössten Widersprüchen noch
gegenwärtige Einheit desselben ist, ist ihm entweder gar
nicht oder nur in einer selbst-
171
gemachten, schlechten Kopie Gegenstand. Er befindet sich daher
auf dem Gebiete seines Gegners in ein weltfremdes Land versetzt,
wo ihm notwendig alles so wunderlich, so "neuholländisch"
vorkommt, dass "ihm Sehen und Hören vergeht", dass
er selber nicht mehr weiss, ob er wacht oder träumt und vielleicht
bisweilen, jedoch gewiss nur in den flüchtigen Momenten seiner
intervalla lucida, sogar an der Identität seiner Person
und der Richtigkeit seines Verstandes zweifelt. Die edelsten harmonisch
verbundenen Gestalten tanzen in den abenteuerlichsten Verschlingungen
als ungereimte, fratzenhafte Figuren vor seinen betroffenen Augen
vorüber, die erhabensten Aussprüche der Vernunft klingen
wie sinnlose Kindermärchen an seinen Ohren vorbei. In seinem
Kopfe findet er wohl auch den philosophischen Ideen analoge Vorstellungen
oder Begriffe vor, und besitzt an ihnen einige notdürftige
Anhaltspunkte, aber nur zu dem Zwecke, um damit den Philosophen
als einen Verbrecher am gemeinen Menschenverstande an das Kreuz
zu schlagen. Denn diese Begriffe kennt er nur in einem ganz beschränkten
Mass und hält dieses Mass für das Gesetz ihrer Gültigkeit;
werden sie über diese enge Grenze ausgedehnt, so verliert
er sie aus dem Gesicht; sie versteigen sich für ihn in den
blauen Dunst des Unerreichbaren als Phantasmen, die jedoch der
Philosoph vermittelst eines geheimen bis jetzt indes noch unerklärten
Kunstgriffs, gleichsam als das second sight seiner Vernunft,
hypostasiert . . ."
Wie so ganz passen diese Feuerbach'schen Worte auf die meisten,
allermeisten Kritiker Stirners, der fast nur diese, die Kritik
des Missverstands, kennen lernen sollte.
Feuerbach aber hätte wohl nie gedacht, dass er selbst von
einem anderen an seine eigenen Worte gemahnt werden sollte, als
er sie schrieb.
Die Hoffnungen, denen Stirner Ausdruck gibt: bei späteren
Gelegenheiten sich noch eingehender über einige der behandelten
Fragen, wie die bürgerliche Gesellschaft, die Heiligkeit
der Arbeit u.s.w. auszulassen, zeigen, wie ernstlich er daran
dachte, der sozialen Frage noch sein weiteres Interesse zuzuwenden.
Sie sind indessen unerfüllt geblieben. -
Nur einmal noch, zum zweiten und letzten Male antwortete
172
Stirner auf eine Kritik seines Werkes. Es geschah fast zwei Jahre
später. Wigand hatte seiner "Vierteljahrsschrift",
die nach kurzem Bestehen unterdrückt worden war, die "Epigonen"
folgen lassen. Hier, in dem vierten Bande, von 1847, nachdem in
den vorhergehenden Bänden vielfach von seinem Buche die Rede
gewesen war, veröffentlichte Stirner unter dem Pseudonym
G. Edward eine Entgegnung an Kuno Fischer.
Dieser, damals ein junger Hallenser Student von zwanzig Jahren,
hatte kurz vorher in der "Leipziger Revue" einen langen
Artikel: "Moderne Sophisten" erscheinen lassen, in dem
er die ganze moderne Schule der Philosophie einer ebenso unverfrorenen
wie oberflächlichen, aber nicht geistlosen Kritik unterzogen.
Da die Zeitschrift sofort wieder eingegangen war, liess er seinen
Aufsatz in dem fünften Bande der "Epigonen", auf
Wunsch Wigands, nochmals abdrucken, und aus Rücksicht auf
seine Gegner, wie er sagte, die ihn zu einem corpus delicti
gemacht hätten.
Unterdessen hatte ihm Stirner geantwortet. Sein Manuskript muss
Fischer vorgelegen haben, denn zugleich mit seiner Entgegnung
erschien eine Antwort Fischers. Beide tragen den gemeinschaftlichen
Titel: "Die philosophischen Reaktionäre"; die Auslassungen
Stirners, den Untertitel: "Die modernen Sophisten. Von Kuno
Fischer"; die Antwort Fischers den: "Ein Apologet der
Sophistik und ein 'philosophischer Reaktionär'".
Bei genauer Betrachtung der Antwort von G. Edward möchte
es zuweilen den Anschein haben, als rühre dieselbe überhaupt
nicht aus Stirners Feder her. Nicht etwa, weil der Verfasser,
wie natürlich, von Stirner als einer dritten Person spricht,
sondern weil der Stil der kurzen Arbeit nicht immer die sonst
unverkennbaren Eigenschaften der Stirner'schen Schreibweise aufweist.
Aber Fischer nimmt mit solcher Bestimmtheit Stirner als den Verfasser
an und dieser hat selbst so wenig den Versuch gemacht, seiner
Annahme zu widersprechen, dass wir bei aller Vorsicht wohl berechtigt
sind, den in so vielen Einzelheiten ausserordentlich bedeutenden
Aufsatz als eine Arbeit Stirners zu betrachten.
"Die modernen Sophisten" von Kuno Fischer beginnen mit
einer Betrachtung über "das Prinzip der Sophistik",
um von ihr zu "den
173
philosophischen Voraussetzungen der modernen Sophistik",
wie sie ihm in Hegel ("der Manifestation des absoluten Geistes
in der theoretischen und praktischen Energie des Menschen"),
Strauss (der pantheistischen Anerkennung des absoluten Geistes),
Bauer (der Verflüchtigung alles Objektiven in die reine Willkür)
und Feuerbach (dem Standpunkt des realen Humanismus) erscheinen,
überzugehen. Die "moderne Sophistik" sieht er zunächst
in Stirner: "dem absoluten Egoismus oder dem geistigen Tierreich".
Ihm ist der grösste Teil der Abhandlung gewidmet. Stirner
ist der Pietist und Dogmatiker des Egoismus, der überall
Gespenster sieht; der Einzige "die dogmatische, die zum Prinzip
gewordene Willkür, eine Monomanie, die sich auf Gespensterglauben
gründet". Wir werden gleich sehen, wie Stirner ihm darauf
antwortet. - Der letzte Teil des Aufsatzes beschäftigt sich
mit zwei Büchern, von denen Fischer behauptet, dass die Sophistik
in ihnen noch über Stirner hinausgeht, von dem Egoismus zum
Individuum und von diesem zur Ironie. Auch von ihnen wird gleich
noch die Rede sein. Zum Schluss wird der Gegensatz gegen die moderne
Sophistik gekennzeichnet: der Humanismus, die "freie Menschheit"
. . .
Stirner in seiner Entgegnung - wenn sie, wie gesagt, von ihm selbst
herrührt - spottet zunächst über die erstaunliche
Behendigkeit, mit der von Fischer "die mühsame Titanenarbeit
der modernen Kritik" abgefertigt wird. Wie sie überhaupt
weit persönlicher gehalten ist als die frühere Entgegnung,
so ist sie zugleich reich an witzigen und treffenden Einfällen.
Nach der Fischer'schen Schablone kann jeder Denker ein Sophist
genannt werden: so oder so betrachtet ist er entweder ein "Philosoph"
oder ein - "Sophist". Die nächsten Ausführungen
können wiederum nur in ihrer unverkürzten Form verstanden
und mit wenigen Worten gar nicht wiedergegeben werden. Die von
Fischer als feststehend gebrauchten Begriffe, z.B. die der "objektiven
Mächte der Welt", des "Gedankens", der "sittlichen
Welt" werden von neuen Seiten beleuchtet. Seiner Schilderung
der Sophistik in der Geschichte wird nachgegangen: den Jesuiten,
den Romantikern (den "partikularen" Subjekten), der
"reinen Kritik". Der Widerspruch zwischen Interesse
und Prinzip wird berührt. Der Behauptung, dass Stirners Egoismus
sich als Konsequenz des Bauer'-
174
schen Selbstbewusstseins entwickelt hätte, wird mit der Tatsache
begegnet, dass Stirner sein Werk bereits vollendet hatte, als
Bauer noch in der Arbeit seiner Bibelkritik steckte, und dass
Stirner deshalb auch der Proklamation der "absoluten Kritik"
nur in einem Nachtrage gedenken konnte. Von Stirners Polemik mit
Feuerbach scheint Fischer nichts zu wissen. Wenn sie ihm bekannt
wäre, könnte er in dem "Egoismus" Stirners
nicht das "Soll" eines "kategorischen Imperativs",
ein Dogma, sehen. Denn gerade Stirner setzt dem "Soll"
des "Menschen-Seins", dem Humanismus, dem Unmenschen
den Egoisten entgegen, dessen "Ataraxie", dessen Unnachgiebigkeit,
dessen Terrorismus gegen alles Menschliche. Wie plump das Missverständnis
aber, dass Stirner deshalb alle Gemeinschaft mit Menschen aufgeben,
allen Eigenschaften ihrer Organisationen durch blosses Wegleugnen
sich entziehen wolle!
Mit einem Hinweis auf die gewaltige Folgerung des Stirner'schen
Werkes und einem geistreichen Vergleich schliesst die Entgegnung
die, wenn sie nicht von Stirner selbst geschrieben wurde, von
einem Manne herrührt, der sich rühmen darf, tiefer als
die meisten schon damals das Wesen seiner Lehre erfasst zu haben.
Wenn er am Schluss Kuno Fischer mit einem Manne vergleicht, dessen
Handlungen darauf hinauslaufen, a tout prix berühmt
zu werden, so hat er auch darin Recht behalten.
Schon die gleichzeitige Antwort Fischers an ihn war ein neuer
Beweis für die Richtigkeit seiner Annahme.
Ein Jahr nach dem Erscheinen des "Einzigen" kam, ebenfalls
im Wigand'schen Verlage, ein anonymes Werk: "Das Verstandesthum
und das Individuum" heraus, dem bald darauf ein zweites,
weniger umfangreiches folgte, das den Titel trug: "Liebesbriefe
ohne Liebe" und dessen Verfasser sich Karl Bürger nannte.
In Wirklichkeit war der Autor beider ein junger Philosoph, der
eine Zeitlang Mitglied des Hippel'schen Kreises und später
ebenso der Köthener Kellergesellschaft gewesen war und dessen
wirklicher Name Dr. Karl Schmidt aus Dessau war. Er kehrte später
zu seiner Theologie zurück, schrieb zahlreiche pädagogische
Werke und machte sich besonders durch seine mehrbändige "Geschichte
der Pädagogik" bekannt.
175
Es sind die beiden eben genannten Schriften, in denen Kuno Fischer
so scharfsinnig den Übergang vom "geistigen" zum
"natürlichen Tierreich" und zur "Ironie"
erblickt. Nicht so sehr deshalb, als vielmehr weil man in der
Tat öfters geglaubt hat, in den abstrusen, in grösster
Eile zusammengeschriebenen Produkten eine letzte Fortführung
Stirners sehen und ihn mit ihnen lächerlich machen zu dürfen,
durften sie hier nicht übergangen werden. Da aber Stirner
selbst hofft, dass sein Gegner "so honett sein werde, ihm
nicht zuzumuten", in dem "Verstandesthum" mehr
als eine Seite zu lesen, so wollen auch wir uns mit dieser einen
Seite begnügen lassen.
In sie zusammengefasst dürfte als das Bestreben des Autors
sich ergeben, zu zeigen, was "die alleinige Wahrheit sein
würde, wenn man einmal blosser Verstand wäre".
Äusserlich in Anlehnung an den "Einzigen" angelegt
scheint "Das Verstandesthum und das Individuum" in der
Behauptung zu gipfeln: "Das Individuum denkt die atomistischen,
einzelnen Dinge nicht, sondern stiert, schaut, fasst sie an".
- Die "Liebesbriefe ohne Liebe" sind eine ziemlich geistlose
Parodie auf Schlegels Lucinde; bei ihnen dürfen wir auch
auf die eine Seite verzichten.
Es war im Jahre 1846, als Stirner von einem jungen Dichter besucht
wurde, den sein Werk mit grosser Aufregung - "wiewohl im
gegensätzlichen, gegnerischen Sinne" - erfüllt
hatte und der ihn aufsuchte, um ihm als dem ersten eine eben vollendete
Dichtung zu unterbreiten. Der junge Dichter hiess Alfred Meissner
und sein Werk "Ziska". Die Antwort Stirners, die Meissner
selbst erzählt, ist eine der ganz wenigen persönlichen
Äusserungen aus seinem Munde, die uns erhalten geblieben
sind. Doch nicht deshalb allein sei sie hier wiedergegeben.
Stirner gab das Manuskript mit den Worten zurück: "Sie
hätten den 'Ziska' zu einem komischen Heldengedicht gestalten
sollen. Zu einer Art Batrachomyomachie! Die Mythen der christlichen
Kirche sind dem Schicksal verfallen, wie die heidnischen. Die
Gegensätze von Papsttum und Protestantismus haben sich so
total überlebt, dass ein Gedicht mit diesem Inhalte nur etwa
Theologen noch interessieren könnte. Feindschaft gegen die
Kirche sollte es nicht
176
mehr geben. Sie ist uns völlig gleichgültig geworden;
gegen überwundene Standpunkte kämpft man nicht mehr.
Ja, ich fühle es klar: ein komisches Heldengedicht hätte
das werden sollen . . ."
Diese Antwort ist so charakteristisch für den, der sie gab,
dass sie hier zum Ausgangspunkt für einen letzten Ausblick
auf den Einfluss und die Tragweite des "Einzigen und sein
Eigentum" in die Zukunft genommen werden mag. Denn so geringfügig
sie an und für sich ist, kennzeichnet sie doch den Standpunkt,
den Stirner in seinem Kampf einnahm. Nicht den äusseren Formen
der christlichen Weltanschauung, der vermoderten und in sich selbst
zerfallenden Kirche der Gegenwart, gilt dieser Kampf, sondern
jenem Geiste, der in immer neuen Formen immer neue Zwingburgen
der Gewalt erbaut, dem Geist des Christentums, der wie ein trüber
Dunst über der Vergangenheit liegt.
Diesen Geist seiner Heiligkeit entkleidet und als das wesenlose
Gespenst unserer Einbildung entlarvt zu haben ist Stirners Tat.
Während die radikalsten Köpfe seiner Zeit, die Strauss,
Feuerbach, Bauer noch furchtsam-kritisch an den Begriffen der
Heiligkeit tasten, löst er sie auf und lässt sie zerfallen
in sich selbst.
Er überwindet das Christentum in seinen letzten Konsequenzen.
Es ist vernichtet. Es liegt hinter uns mit seiner jahrtausendlangen
Erniedrigung, seinem Schmutze der Brüderlichkeit, seinen
zahllosen Gräueln, mit denen es die Geschichte besudelt,
seiner Lüge, seiner Selbstentäusserung von jedem Stolze,
jeder Eigenheit, jeder echten Freude und Schönheit; und wenn
es auch in seinen letzten Wirkungen heute noch herrscht - Stirner
hat es dennoch von uns genommen, wie einen Fluch!
So steht er an der Grenzscheide zweier Welten, und eine neue Epoche
im Leben des Menschengeschlechtes beginnt mit ihm: die Epoche
der Freiheit!
Noch haben wir für sie keinen besseren Namen gefunden als
den der Anarchie: der durch das wechselseitige Interesse bedingten
Ordnung, statt der bisherigen Ordnungslosigkeit der Gewalt; der
ausschliesslichen Souveränität des Individuums über
seine Persönlichkeit, statt seiner Unterwerfung; der Selbstverantwortlichkeit
seiner Handlungen, statt seiner Unmündigkeit - seiner Einzigkeit!
177
Denn auf dem Grunde christlicher Weltanschauung ruhen die Stützen
aller jener Begriffe, die die Gewalt halten; als Stirner ihnen
den Boden entzog, mussten sie fallen und mit ihnen fällt,
was sie getragen.
So gewaltig wird dieser, verhältnismässig ebenso schnelle
wie sichere, unblutige Umschwung aller Lebensverhältnisse
sein, dass sein unsterbliches Buch in seiner Tragweite einst nur
mit dem der Bibel verglichen werden wird.
Wie dieses "heilige" Buch an dem Anfang der christlichen
Zeitrechnung steht, um zwei Jahrtausende lang seine verheerenden
Wirkungen fast bis in den letzten Winkel der menschenbewohnten
Erde zu tragen, so steht das unheilige des ersten, sich selbstbewussten
Egoisten an dem Eingang dieser neuen Zeit, in deren ersten Zeichen
wir leben, um einen Einfluss zu üben, ebenso segensreich,
wie der des "Buches der Bücher" verderblich war.
Wollen wir aber noch einmal sagen, was es ist, wie könnten
wir es besser, als mit den eigenen Worten seines Schöpfers?
- Das ist es: "Ein gewaltiges, rücksichtsloses, schamloses,
gewissenloses, stolzes - Verbrechen" - begangen an der Heiligkeit
jeder Autorität! - Und mit Max Stirner fragen wir, dem Ausbruch
des von ihm heraufbeschworenen, reinigenden und befreienden Gewitters
entgegenjauchzend: "Grollt es nicht in fernen Donnern, und
siehst Du nicht, wie der Himmel ahnungsvoll schweigt und sich
trübt? . . ."
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
180
SECHSTES KAPITEL
DAS LETZTE JAHRZEHNT
1845-1856
LANGSAMER ABSTIEG - DIE NATIONALÖKONOMEN DER FRANZOSEN UND
ENGLÄNDER - LETZTE VERSUCHE - MARIE DÄHNHARDTS TRENNUNG
- IHR SPÄTERES LEBEN UND TOD - ZURÜCK ZU STIRNER: DARLEHENSGESUCH
- LETZTE JOURNALISTISCHE ARBEITEN - BEI HIPPEL IN DER DOROTHEENSTRASSE
- "DIE GESCHICHTE DER REAKTION" - HÖHEPUNKT DER
NOT. - AUSWEG. - LETZTER VERKEHR - ERKRANKUNG - TOD UND BEGRÄBNIS
- NACHKOMMENSCHAFT - DIE ÜBERLEBENDEN UND IHR SCHICKSAL -
SCHLUSSBETRACHTUNG - ABSCHIED - AUSBLICK
181
Wir haben den Menschen Johann Caspar Schmidt auf der Höhe
seines Lebens verlassen in dem Augenblick, da er als der Denker
Max Stirner mit seinem einzigen Werk die Augen der Menschen mit
so verschiedenem Ausdruck: bewundernd, empört, zweifelnd
auf sich gerichtet sah und kehren nun zu ihm zurück, um mit
ihm von dem Gipfel langsam hinunterzusteigen in zehn Jahre der
Einsamkeit und - schmerzlich zu sagen - auch der Not.. .
Die Ehe Stirners mit Marie Dähnhardt schien nach aussen hin
gefesteter, als sie es innerlich war. Ohne Leidenschaft, wie sie
geschlossen war, nährte sie keine sich stets erneuernde Liebe
und war, nach den eigenen Worten der Frau, "mehr ein Zusammenleben
in demselben Hause als eine Ehe".
Der Mann sass tagsüber in stiller Arbeit auf seinem Zimmer,
die Frau beschäftigte sich für sich, und nur abends
waren sie zusammen in der Gesellschaft bei Hippel und anderswo.
In bürgerlichen Kreisen verkehrten sie nicht; Theater und
Konzerte wurden fast nie besucht. Es war das denkbar einfachste
Leben, das sie in der Wohnung in Neu Kölln, Am Wasser, führten.
Die Ehe blieb kinderlos. Sie war jedenfalls auch in dieser Beziehung
eine grosse Enttäuschung für die junge Frau, die in
der - auch in diesem Punkte mannigfach missdeuteten - eigentümlichen
Zurückhaltung, die Stirners ganzes Wesen charakterisiert,
nicht die erhoffte Befriedigung fand.
Dazu kam noch ein anderer, schwerwiegender und schliesslich ausschlaggebender
Umstand: das Vermögen, das die Frau in die Ehe gebracht hatte,
schmolz rasch, nur allzu rasch dahin . . .
Die Schuld hieran schob die Frau später ausschliesslich und
einzig ihrem einstigen Gatten zu. Mit dürren Worten beschuldigte
sie ihn, direkt ihr Vermögen "verspielt und verschwiemelt"
(ein spezifisch norddeutscher Ausdruck, für den in anderen
Gegenden Deutsch-
182
lands das Wort "verjuckt" wohl das passendste Synonym
ist) zu haben. Noch nach langen Jahren stimmte es sie "sehr
traurig" und machte es ihr Blut kochen, zu denken, "dass
ein Mann von Bildung und Erziehung Vorteil aus der Lage eines
schwachen Weibes ziehen konnte, indem er ihr Vertrauen betrog,
mit dem sie ihm alle ihre Mittel anvertraut" hatte.
So, sagte sie, erkaltete sie und verlor die Achtung vor ihm.
Herb und unversöhnt, wie sie klingen, sind diese Worte mitgeteilt
und kein Versuch soll gemacht werden, sie irgendwie zu beschönigen.
Ebenso aber soll auch der einfachsten Gerechtigkeit Genüge
getan werden, indem darauf hingewiesen wird:
dass diese Worte aus dem Mund einer alten Frau kamen, die die
Anschauungen ihrer Jugend völlig verworfen hatte und die
durch kein äusseres und inneres Band mehr an die Tage geknüpft
war, an die sie sich nicht einmal mehr erinnern wollte;
dass sie auf die direkte Frage, wie Stirner es bei ihrem einfachen
Eheleben fertiggebracht habe, eine verhältnismässig
so hohe Summe in so kurzer Zeit durchzubringen, die Antwort -
ausser in der oben gegebenen Form - versagt hat;
und dass sie selbst, zweifellos aus freiem Willen, im Jahre 1844
schon an Bruno Bauer für die Buchhandlung des Bruders Egbert
in Charlottenburg die nicht unerhebliche Summe von 2000 Talern
lieh, die jener übrigens, der strenge Charakter, der er war,
mit peinlichster Gewissenhaftigkeit viele Jahre lang - es soll
5 Jahre gedauert haben - in monatlichen Raten, erst in solchen
von 3-5, dann bis 5O Talern, zurückgezahlt hat: ein Beweis
dafür, dass auch sie über ihr Vermögen verfügte,
wie es ihr gut dünkte.
Ebenso darf, da keine Erklärung gegeben wurde, wohl die erlaubt
sein: dass beide Eheleute sorglos und unbekümmert in den
Tag hinein lebten, und es ist bekannt, dass eine Summe Geldes
am schnellsten in den Händen derer zusammenschmilzt, die
nie "Geld in den Fingern" gehabt haben und sich über
die Unerschöpflichkeit einer solchen Summe meist in beklagenswertem
Irrtum befinden.
Keinesfalls war Stirner lässig und träge.
Er hatte seine Stelle an der Töchterschule der Mme. Gropius
noch
183
ein ganzes Jahr nach seiner Verheiratung mit Marie Dähnhardt
inne; ausserdem muss er in diesem Jahre noch vollauf mit der letzten
Vollendung seines Werkes beschäftigt gewesen sein.
Nun sollte es erscheinen. Da entschloss er sich zu der Aufgabe
seiner Stellung und meldete seinen Austritt bei den Fräulein
Zepp, die damals die Schule übernommen hatten, auf den 1.
Oktober 1844 an. Da diese den Grund nicht ahnten, waren sie sehr
überrascht; auch verloren sie ungern die tüchtige und
beliebte Kraft.
Marie Dähnhardt hatte ihren Mann gebeten, zu bleiben, da
es doch eine "kleine Hilfe" bei ihren Einnahmen bedeuten
würde. "Er war zu stolz und träge, für sie
zu arbeiten", sagt sie.
Aber Stirner blieb bei seinem Entschluss. Das Erscheinen seines
Werkes hätte ihn doch, wie er wusste, in unentwirrbare Konflikte
mit seiner Stellung gebracht, und ausserdem wollte er wohl seine
Person keinerlei Missdeutungen aussetzen.
Es ist einer der weitverbreitetsten und lächerlichsten Irrtümer,
die über Stirners Leben verbreitet sind, dass er "seiner
Stellung als Gymnasiallehrer seines Buches wegen enthoben worden
sei, da die Behörden einem 'solchen Manne' die Erziehung
der Jugend nicht länger anvertrauen wollten".
Das alles ist natürlich barer Unsinn. Erstens war Stirner
niemals Gymnasiallehrer und konnte daher auch nicht "gemassregelt"
werden, sondern die Fräulein Zepp konnten ihm höchstens
kündigen. Und zweitens kam Stirner, wie wir gesehen, dem
vor, indem er es selbst tat, und zwar noch vor Erscheinen seines
Buches. Als es vier Wochen später an die Öffentlichkeit
trat, war er ein von keinem anderen Menschen direkt abhängender
Mann.
Um jedoch auf Marie Dähnhardts Vorwurf noch einmal zurückzukommen:
Sorglosigkeit, Unachtsamkeit, Unkenntnis und Leichtsinn - alles
das zugegeben, daran hat nie jemand geglaubt, dass Stirner sich
mit der "jungen und reichen Mecklenburgerin" nur deshalb
verheiratet habe, um in den Besitz ihres Vermögens zu gelangen
und es dann zu vertun. Und daran wenigstens glaubte auch sie selbst
später nicht. Dass aber auch dieser Vorwurf, falls er die
geringste Begründung für sich gehabt hätte, begierig
aufgegriffen und weiterverbreitet wäre, das beweist die von
irgendeinem
184
trüben Kopfe ersonnene unt fortgesponnene Behauptung, dass
es dem "Entdecker des alleinseligmachenden Egoismus"
eine diabolische Freude gewesen wäre, sein junges Weib in
den ruchlosen Kreis der "Freien" zu führen, um
sie so körperlich und seelisch infizieren und verderben zu
lassen. Konnte diese Verleumdung glücklicherweise an anderer
Stelle in ihrer ganzen blödsinnigen Absurdität als die
Ausgeburt einer ungeheuerlichen Verständnislosigkeit bewiesen
werden, so fehlen für den Vorwurf, dass das Vermögen
seiner Frau allein, oder doch hauptsächlich, durch Stirners
Schuld, und nicht auch durch ihre eigene Unvorsichtigkeit verloren
gegangen sei, leider die ausschlaggebenden Beweise.
Lässig und faul war Stirner damals nicht.
Sofort nach der Aufgabe seiner Stelle und der Vollendung seines
Werkes sah er sich nach neuem Erwerb um. Er ging an ein Unternehmen,
das ihn lange und viel an seine Studierstube gefesselt haben muss.
Ein Bekannter aus dieser Zeit spricht von seinem "stupenden
Fleisse".
Es sind "Die Nationalökonomen der Franzosen und Engländer",
mit denen wir Stirner zunächst beschäftigt sehen.
Er hatte, wahrscheinlich schon 1844 während des Druckes des
"Einzigen", mit seinem Verleger Otto Wigand die Herausgabe
dieses gross angelegten Sammelwerks besprochen und dessen Zustimmung
zu seinem Plan gefunden. Stirner wollte die Hauptwerke, um die
es sich handelte, selbst übersetzen und mit Anmerkungen versehen.
Er, der in seinem "Einzigen" gezeigt hatte, dass er
wie kaum einer vor ihm so tief in die Lebensbedingungen der Gesellschaft
hineingesehen hatte, musste wie kein anderer von der Wichtigkeit
der aufstrebenden, jüngsten aller Wissenschaften, der Volkswirtschaft,
überzeugt sein, und es musste ihn reizen, ihre grundlegenden
Werke seinem Volke auf's neue zuzuführen und näherzubringen.
So hatte er, schon vor 1845, mit der Übersetzung des berühmten
Lehrbuches des Jean Baptiste Say, dem "Handbuch der praktischen
politischen Ökonomie", dessen vier Bände in rascher
Aufeinanderfolge in diesem und dem folgenden Jahre gedruckt wurden
und zunächst in Lieferungen erschienen, begonnen. Aber die
185
geplanten Anmerkungen blieben aus, und Stirner erklärt dies
am Schluss des Werkes selbst so: "Als die Übersetzung
des Say begonnen wurde, war es selbst meine Absicht, sie am Schlusse
mit Anmerkungen zu versehen. Indessen stellte sich mehr und mehr
heraus, dass Say und Smith zu untrennbar sind, als dass jener
ein abgesondertes Geleit von Anmerkungen erhalten dürfte,
ehe dem Leser Gelegenheit worden, auch die letzteren kennen zu
lernen. Auch will ich gerne gestehen, dass mir diese Betrachtung
sehr gelegen kam, da es mir unlieb sein würde, wenn ich die
bisher niedergeschriebenen Bemerkungen in ihrer dermaligen Gestalt
schon veröffentlichen müsste. Es wird also vorerst die
Übersetzung des Adam Smith folgen". Auch diese Übersetzung,
die "Untersuchungen über das Wesen und die Ursachen
des Nationalreichtums" erschien so schnell, ebenfalls in
vier Bänden und zugleich in Lieferungen, dass sie im April
1847 schon abgeschlossen vorlag. Aber auch in ihr finden sich
nur die Anmerkungen, die McCulloch, Blanqui und andere den Smith'schen
Darstellungen angefügt haben. Die des Übersetzers fehlen
auch diesmal, ohne dass dieser es jetzt noch für nötig
hält, sich zu entschuldigen. Ihr Fehlen ist jedenfalls ein
unersetzlicher Verlust und lebhaft zu bedauern, mag auch nur der
kleinste Teil von ihnen zustande gekommen sein.
Mit dem Werk von Smith hört die Herausgeberschaft Stirners
an seinerSammlung auf; wohl erschien noch dieWilhelm Jordan'sche
Übersetzung von P.-J. Proudhons "Philosophie de la misère",
aber Stirner ist an dem Gesamtunternehmen nicht mehr beteiligt.
Die Übersetzungen von Say und Smith galten und gelten als
die besten der existierenden.
Aber auch der Erfolg dieser so grossen und mühevollen Arbeit
muss von Anfang an ein geringer, oder wenigstens den anfänglich
gehegten Hoffnungen wenig entsprechender, gewesen sein; denn schon
im Jahre 1845 sehen wir Stirner - obwohl in diesem und den folgenden
Jahren noch die Hauptwerke von Say und Smith vollständig
erscheinen - sich von seiner literarischen Tätigkeit abwenden,
wie er sich ihr einst unter Verzichtleistung auf jede staatliche
Lehrtätigkeit zugewandt hatte. Er musste bald eingesehen
haben, dass
186
er von dem Ertrage seiner Feder nicht leben konnte und dass es
das Geratenste war, durch einen kühnen Versuch Fuss auf einem
anderen Gebiete zu fassen, der, wenn er gelang, das drohende Gespenst
der Zukunft für immer gebannt hätte.
Ob in seinem oder ihrem, der Frau, Kopf, die Idee der Milchwirtschaft
- denn das war der Plan, an dessen Ausführung sie den Rest
ihres Vermögens gewandt haben sollen - zuerst auftauchte,
ist zweifelhaft, wie auch der Zeitpunkt, an welchem sie Wirklichkeit
wurde.
Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde sie schon im Frühling
1845 gehegt und erlebte im Sommer desselben Jahres die kurze Frist
ihrer Ausführung.
Was die wenigen, ungenauen und sich sehr widersprechenden Berichte
über dieses seltsame Unternehmen, das manchen wie ein Witz
erschien und doch so verzweifelt ernst gemeint war, erzählen,
sei hier wiedergegeben.
Von der an und für sich gewiss nicht unrichtigen Ansicht
ausgehend, dass die Milchversorgung Berlins, die damals von den
umliegenden Dörfern aus allmorgendlich durch kleine, mit
Hunden bespannte Karren geschah, auf grösserer und konzentrierterer
Basis aufgebaut eine nicht unbedeutende Aussicht auf Gewinn eröffnen
müsse, unternahm es Stirner in Verbindung mit einem Charlottenburger
Schullehrer, einem Freunde oder Verwandten der Bauer'schen Familie,
einem redlichen, aber geschäftlich ebenfalls unerfahrenen
Manne namens Rohlfs, in der Stadt selbst eine Milchniederlage
zu errichten, von der aus man erst in engen, dann immer weiteren
und weiteren Kreisen deren Bedarf zu decken gedachte. Man zog
auf die umliegenden Dörfer, knüpfte dort mit Bauern
und Pächtern Verbindungen an, schloss Verträge über
die Lieferung ab und mietete in der Köthener- (oder Bernburger-
?) Strasse Büro- und geräumige Kellerräume. - Einer
anderen Version zufolge soll es auch zum Ankauf eigener Ziegen
und Kühe sowie zur Pachtung von Ställen an der Oranienburger
Chaussee gekommen sein.
Auf eigens dazu eingerichteten Wagen kamen denn auch an einem
bestimmten Tage die Lieferungen an, aber nicht die erwarteten
Käufer, und das - jedenfalls ohne vorherige genügende
Reklame
187
begonnene und nicht bis in die Einzelheiten sorgfältig genug
durchdachte - Projekt ging in die Brüche: wie es heisst,
wurden die sauer gewordenen Vorräte in die Rinnen gegossen
und die gemieteten Räumlichkeiten schon nach kurzer Zeit
geschlossen.
Wie gesund trotz des verunglückten Versuchs die Idee des
Unternehmens gewesen war, das bewies später der heute jedem
Berliner Kind bekannte Klingel-Bolle, der seine Milch allerdings,
wenn auch nicht mit Wasser, so doch tüchtig mit Christentum
versetzte und so nicht unerheblich zu dem Gelingen seines Geschäftes
beitrug.
So war auch dieses Unternehmen Stirners gescheitert, nachdem es
den Hippelianern, hinter deren sonst so weitgehender Vorurteilslosigkeit
das beleidigte Zunftbewusstsein bei dieser Gelegenheit wieder
hervortrat, den unerschöpflichsten Stoff zum Spott geboten
und den letzten Rest des Vermögens der jungen Frau verzehrt
hatte.
Der allerletzte verzweifelte Versuch Stirners scheint darauf hingezielt
zu haben, an der Börse das Glück zu versuchen. Er erkundigte
sich wenigstens auf das Eingehendste über die Art und Weise
der dort üblichen Geschäfte bei einem Bekannten, der
ihm aber dringend von jedem Versuche abriet, eine Warnung, die
auch wohl befolgt worden ist.
Die Not, die bisher nur angeklopft hatte, stand nun in ihrer ganzen
erschütternden Gestalt drohend in der Türe des Hauses.
Unhaltbar, innerlich wie äusserlich, war das Verhältnis
der Gatten geworden. Was andere, einfach angelegte Naturen enger
aneinander gekettet hätte, musste diese beiden, sich innerlich
so fremden Menschen unaufhaltsam zu dem Schritte der Trennung
treiben. Jeder für sich und auf seinen eigenen Füssen
- darin sahen sie zuletzt die Rettung, die an Untergang nicht
glaubten und glauben mochten.
Der erste Gedanke der Trennung ging von Marie Dähnhardt aus
und sie war es auch, die den entscheidenden Schritt tat.
Es klingt sehr schön, entspricht aber leider durchaus nicht
der traurigen Wirklichkeit, wenn erzählt wird, dass "die
mutige Frau vor ihren Gatten hingetreten sei" mit einem Entschlusse,
"so schwer und so ideal rein" wie der einst von Charlotte
Stieglitz gefasste, und
188
ihm gesagt habe: "Meine Gegenwart macht Dir Sorge und lähmt
Deine Arbeitskraft, der Unterhalt reicht für uns beide nicht
hin. Ich finde hier keine passende Beschäftigung, ich habe
sie in England gefunden, ich bin dorthin an ein Erziehungsinstitut
als Lehrerin berufen. An unserer Liebe ändert das nichts,
ich bin und bleibe Deine Frau, und die Sehnsucht nach mir wird
Deine Arbeitskraft stählen. Die Unterhaltssorge wird Dir
nun viel leichter, und wenn es Dir glückt, eine feste Stellung
zu erringen, so rufe mich und ich komme zurück."
Die Trennung muss im Gegenteil in bereits sehr schroffer Form
stattgefunden haben, und er wird sie nicht "traurig",
sondern mit gewohnter Gelassenheit angeblickt haben, als sie ihm
ihren Entschluss, wahrscheinlich in nichts weniger als gerührten
und liebevollen Worten mitteilte.
Aber auch zu einer "Szene" wird es damals so wenig wie
je zwischen beiden gekommen sein.
Ob sie an eine Wiedervereinigung dachten, ist mehr als fraglich;
keinesfalls hegte sie die Absicht einer solchen.
"Sie nahm sogar ihre Ringe von seinen Fingern", wenige
Tage vor ihrer Abreise, sagt sie. Was sie mit diesen Worten meint,
wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Waren es Ringe, die
sie ihm geschenkt und die sie jetzt zurückforderte? - War
es der Trauring, der wohl inzwischen anstelle des Messingrings
von Bruno Bauers Geldbörse getreten war, und wollte sie ihm
so zeigen, dass alles zwischen ihnen zu Ende war?
Korrespondiert werden sie wohl noch zusammen haben, aber wohl
hauptsächlich nur deshalb, um die Scheidung herbeizuführen,
die einige Jahre später stattfand.
Genug - Anfang April 1846 erfolgte die Trennung nach einer zweieinhalbjährigen
Ehe: Marie Dähnhardt ging am 16.April nach London, Stirner
blieb in Berlin zurück.
Verfolgen wir zunächst das Schicksal der Frau, um zu sehen,
wie traurig und eigentümlich es sich noch gestalten sollte.
Marie Dähnhardt war nach London mit guten Empfehlungen gekommen,
vor allem mit solchen an die Gemahlin des preussischen
189
Gesandten, Lady Bunsen. Durch die Vermittlung dieses Einflusses
erhielt sie bald die Möglichkeit, Privatstunden in deutscher
Sprache zu geben; und wurden diese auch nicht glänzend, wohl
selten mit mehr als zwei shilling die Stunde bezahlt, so
reichten sie doch hin, ihr Leben zu fristen. Die junge, frische
Frau war bald ein beliebtes Mitglied der deutschen Flüchtlingskolonie;
durch ihre Energie, ihre Sicherheit und die Offenheit ihres Charakters
erwarb sie sich einen Freundeskreis, der dem Berliner in seiner
Zusammensetzung von interessanten und geistreichen Menschen nicht
nachstand: Louis Blanc, Freiligrath, Herzen und andere sassen
oft und gern an ihrem kleinen Kamin. Mit ihnen setzte sie denn
auch ihr in Berlin geführtes Leben unbekümmert fort:
der beste Beweis dafür, dass nicht Stirners Einfluss allein
es gewesen war, der sie unter den Berliner Radikalen festgehalten
hatte. Auch ihre Selbständigkeit war dieselbe geblieben.
Von einem grossen Hund begleitet fand sie abends allein ihren
Weg nach Hause und duldete es nicht, dass die Herren ihretwegen
die in London so sehr zeitraubenden grossen Umwege machten.
Von London aus versuchte sie sich auch, wohl zum ersten und letzten
Mal in ihrem Leben, schriftstellerisch, indem sie für die
Julius'sche "Zeitungshalle" in Berlin eine Reihe von
"Vertraulichen Briefen aus England" schrieb, die aber
nicht ihren Namen tragen. Es sind im ganzen sieben, und sie erschienen
von März bis November 1847. Ohne besondere literarische Bedeutung,
verraten sie doch die scharfe Beobachtungsgabe ihres klugen Kopfs.
Für uns sind sie vor allem deshalb von Interesse, weil sie
uns in unzweideutiger Weise das authentischste Bild von Marie
Dähnhardts damaligen Anschauungen geben. Sie geisselt die
prüde Moral der Engländer, sie verspottet deren lächerliche
Sonntagsheiligung und ihre Kirchenlauferei, und sie erzählt
mit gewinnender Offenheit, wie sie in einem Bus einen jungen Mann
sieht, "so schön, dass sie sich gar nicht satt an ihm
sehen konnte". "Bald hätte sie es ihm gesagt. Er
merkte es auch . . ."
So erscheint sie noch ganz als die, die sie in Berlin gewesen
war.
Als 1850 der aus dem Zeughausturm bekannte Lieutenant Techow nach
London kam, knüpfte sie mit ihm ein allgemein bekanntes Verhältnis
an, das indessen zu keiner Heirat führte.
190
In diese Zeit fällt auch ihre Scheidung von Stirner. Der
Plan einer Wiedervereinigung war vielleicht bis dahin persönlicher
Rücksichten wegen nach aussen hin noch aufrecht gehalten
worden. Nun wurde auch das letzte, rein äusserliche Band
zwischen den Eheleuten zerschnitten.
Selten und ungern sprach Frau Schmidt, wie sie sich noch immer
nannte, von ihrem Aufenthalt in Berlin, und von Stirner fast nie;
aber nie, und das verdient hervorgehoben zu werden, auch mit Bitterkeit,
geschweige denn mit Verachtung.
Etwa im Jahre 1852 oder 1853 schloss sie sich einer kleinen Gruppe
von Auswanderern an, mit denen sie nach Australien ging. Einige
ihrer näheren Londoner Bekannten waren darunter: ein Journalist
Max Cohnheim, ein gewisser Rosenblum, ein Baron Hoch und zwei
Russen.
Auch Techow war auf dem Schiff. Aber das Verhältnis zu ihm
war bereits völlig gelöst, als sie in Gravesend, wohin
die eine unverheiratete ihrer Schwestern gekommen war, um sie
noch einmal zu sehen, das Schiff bestieg, das sie langen Jahren
der Demütigung und der Not entgegenführen sollte.
Denn in Melbourne kostete sie das Elend bis auf den letzten Tropfen.
Sie kämpfte mit ihm, aber unterlag immer wieder - wurde Waschfrau,
und soll zum zweiten Male geheiratet haben: einen "gewöhnlichen
Arbeiter". Die Jahre, die sie in Australien verbrachte, sind
in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt.
Als sie dann ihre Schwester beerbte - etwa 1870 oder 1871 - kehrte
sie nach London zurück. Schon in Australien hatte sich Frau
Schmidt völlig in die Arme der katholischen Kirche geflüchtet.
Sie war zu ihrer Religion übergetreten und schon damals so
zur Frömmigkeit bekehrt, dass sie einen ihrer Londoner Bekannten
flehentlich bat, doch wenigstens seine Kinder zu retten, und sie
mit der Bibel, und nur mit der Bibel, und abermals mit der Bibel
zu erziehen
Nach London zurückgekehrt, geriet sie vollends in die Hände
und unter die Macht ihrer neuen Glaubensgenossen.
Dort, in der Nähe der immensen Stadt, lebte sie - des Einzigen
einstiges Liebchen - noch lange Jahrzehnte: eine alte, bi-
191
gotte Frau, die mit Traktätchen Seelen zu retten suchte und
ihre Sünden bereute, Sünden, die nur in der Einbildung
ihres Fanatismus lebten, die sie nie begangen, aber sonst noch
geistig frisch und klar, und noch fähig, von Zeit zu Zeit
ihre wenigen Geschäfte in der Stadt selbst zu besorgen .
. . das ergreifende Beispiel einer durch Not und Elend gebrochenen
Kraft, die einst die Freude des Lebens suchte und fand, und doch
zugleich der Beweis, wie wenig die Liebe zur Freiheit bedeutet,
die nur der Rausch flüchtiger Stunden erzeugt, die nicht
die innere Notwendigkeit des eigensten Lebens täglich auf's
neue nährt.
Die Welt war schon lange tot für die, die einst Marie Dähnhardt
hiess, und kein Laut der lauten erreichte sie mehr. Mary Smith
war "prepared for death"...
Am 30. Dezember 1902, kurz vor 3 Uhr nachmittags, ist Mary Wilhelmina
Smith dann zu Plaistow, einem Vorort Londons, im hohen Alter von
84 Jahren gestorben. Sie wurde am 3. Januar 1903 auf dem katholischen
Friedhof zu Leytonstone begraben.
Sie starb "in Gott". Der Tod, auf den sie wartete, wird
ihr um so ersehnter gekommen sein, als sie in den letzten Jahren
körperlich viel hatte leiden müssen.
Über ihren Nachlass, sowie eine geringfügige Summe Geldes,
war von ihr zu Gunsten katholischer Stiftungen, lokalen Wohltätigkeitsanstalten,
verfügt worden. Es fanden sich in ihm keinerlei Papiere oder
Aufzeichnungen irgendwelcher Art, die über ihr früheres
Leben hätten Aufschluss geben können.
Marie Dähnhardt hat ihre Schwestern überlebt und hinterliess
nur Geschwisterkinder, Nichten, von denen die, welche ihr am nächsten
gestanden hat, ebenfalls dahingegangen ist.
Doch kehren wir zurück zu Stirner. Er war in Berlin geblieben.
Wohin sonst auch sollte er wohl? - Seine Frau hatte ihn verlassen,
seine praktischen Versuche, Geld zu erwerben, waren fehlgeschlagen,
und von der Schwierigkeit, jetzt, bei seinem Namen, eine Lehrerstellung
zu erhalten, war er gewiss ebenso überzeugt wie von der Unmöglichkeit,
sich durch grossangelegte, literarische Werke allein einen auskömmlichen
Lebensunterhalt zu verschaffen.
192
Aber was er tut und treibt ist von jetzt an von einem fast geheimnisvollen
Dunkel umgeben, das sich nur zuweilen noch unter den Blitzen vereinzelter
Tatsachen lichtet.
Er geht wenig mehr aus; seine Freunde sehen ihn nur ab und zu
noch. Keiner weiss, wovon er eigentlich lebt. - Er verschwindet
uns mit denen, die ihn umgeben, immer mehr und mehr. Wie die ersten
Jahrzehnte seines Lebens, fast so ist für uns das letzte:
wir sehen seine Gestalt noch durch die Lebenden schreiten, aber
sie lässt sich nicht mehr fassen, und wir hören ihre
Stimme nur noch undeutlich wie aus einer weiten Ferne.
Unauffällig, wie sein ganzes Leben war, ist er auch in seinem
Sterben. Ohne Gepolter ist er auf die Bühne der Öffentlichkeit
getreten, ohne Lärm tritt er wieder ab.
Und doch ist Stirner erst ein angehender Vierziger. Welch ein
langes Leben liegt noch vor ihm! - Was erhofft er noch von ihm?
Wie glaubt er es zu Ende führen zu können?
Wir sehen nicht mehr hinein in seine Gedanken.
Bereits imSommer1846 war es so weit gekommen, dass Stirner in
dem Inseratenteil der "Vossischen Zeitung" einen Aufruf
erlassen musste, in dem er um ein Darlehen bat, darauf vertrauend,
dass sein Name ihm vielleicht ein solches verschaffen würde.
Der Aufruf lautete in Stirners eigener Fassung:
"lch sehe mich in die Notwendigkeit versetzt, ein Darlehen von 600 T. aufnehmen zu müssen, und bitte deshalb einen oder mehrere, wenn sie zusammenschiessen wollen, mir dasselbe auf 5 Jahre in dem Falle zu gewähren, dass sie mir persönlichen Kredit zu geben geneigt sind. Adressen werden angenommen im Intelligenz-Comptoir sub A 38.
M. Stirner."
Es ist nicht bekannt, ob das Gesuch Erfolg hatte oder nicht. Wahrscheinlich
ist das erstere nicht. Aber auch im anderen Falle hätte es
nur aufhalten, nicht verhindern können, was unter diesen
Umständen unausbleiblich war.
Jedenfalls - die einfache und würdige Form willkürlich
erweiternd - sprachen manche höhnisch und spöttisch
von dem Egoisten, der Recht und Pflicht verneint hatte, und sie
nun erwartete und versprach. Diese klugen Leute vergassen nur,
dass Stirner gewiss
193
nicht daran dachte, das Vertrauen solcher Altruisten, wie sie es waren, zu erwecken, sondern einfach das eines Egoisten, wie er es selbst war: ihm zu glauben - auf sein Wort hin. Dass der, der es ohne moralische Phrasen gibt, es höchst wahrscheinlich weit gewissenhafter halten wird, als der, der sich nachher so oft hinter dieselben Phrasen versteckt, wenn es gilt, es zu halten, das einzusehen waren dieselben Leute natürlich völlig unfähig.
- Wir wissen wenig mehr von ihm.
Wir wissen nur, dass er, nachdem er und Marie Dähnhardt sich
getrennt, die gemeinschaftlich mit ihr innegehabte Wohnung Neu
Koelln, AmWasser, aufgibt und am 4. April 1846 nach der Hirschelstrasse
14, der jetzigen Königgrätzer Strasse, zieht. Und von
dort Jahr um Jahr ruhelos weiter: Anfang April des nächsten
Jahres nach der Dessauer Strasse 15, also ganz in die Nähe;
wieder ein Jahr später, Anfang April 1848, nach der Dresdener
Strasse 96; und noch im Herbst dieses selben Jahres nach der Köthener
Strasse 27 (zu dem Maler Otto), wo er drei Jahre wohnt, immer
noch in eigener Wohnung.
Es darf wohl angenommen werden, dass Stirner in diesen Jahren
der Not seine spärlichen Einnahmen durch journalistische
Arbeiten, die er jedoch nicht mehr zeichnete, zu vermehren trachtete.
So wurde er im Sommer des Revolutionsjahres 1848 Mitarbeiter an
dem im dreizehnten Jahrgang stehenden "Journal des österreichischen
Lloyd", Zentralorgan für Handel, Industrie, Schiffahrt
und Volkswirtschaft in Triest, das, von Friedrich von Bodenstedt
geleitet, sich dort diesen Sommer durch hielt, um im Herbst nach
Wien verlegt zu werden, womit auch die Tätigkeit Stirners
an ihm aufhört.
Unter den "wertvollen Beiträgen aus Deutschland",
die Bodenstedt erhielt, befanden sich acht Aufsätze Stirners,
die in den Nummern 143, 167, 177, 187, 211, 219, 220 und 222 vom
24. Juni, 22. Juli, 3. und 5. August, 12., 21., 22. und 24. September
ohne seinen Namen und unter einem offenbar von der Redaktion vorgesetzten
Zeichen erschienen.
Der erste Beitrag, "Die Deutschen im Osten Deutschlands",
war zugleich der umfangreichste. Von dem Gedanken ausgehend,
194
welchen grossen Umwandlungen zweifellos die Landkarte Europas
"in naher Zukunft" ausgesetzt sein müsse, knüpft
Stirner an eine kleine, anonyme Schrift, "Polen, Preussen
und Deutschland", an und zeigt, wie "der Föderalismus
eine höhere Form des Völkerlebens sei als der Zentralismus".
Er führt aus, wie Deutschland, das "in dem eigentlichen
Europa in der Mitte liegt", ein Mittleramt - "und zwar
ausdrücklich nicht ein Herrschertum, sondern nur ein Mittleramt"
- zukomme, und wie es - "das kein Nationalstaat ist und nie
werden kann" - ihm wesentlich sein müsse, sich in seinem
Osten mit östlichen Völkern zu verbinden, wo Österreich
an der Spitze des grossen Bundesstaates der Donauvölker stehe,
dem nach Nordosten hin ein baltischer Bundesstaat entspreche,
während Russland, seines unheilvollen Einflusses auf die
Angelegenheiten der europäischen Völker entkleidet,
von dem gemeinsamen Weltberuf ausgeschlossen bleiben müsse.
Denn es handle sich darum, ob "Asien europäisch, oder
Europa asiatisch" werden solle. Österreich und Italien
bedürfen Deutschlands. Wie ein österreichischer, so
müsse sich ein baltischer Föderativstaat bilden, mit
Polen als Kern, das "als Staat völlig gestorben, ein
Glied im grossen Völkerorganismus geblieben" und genötigt
sei, sich an Preussen anzuschliessen, um sich vor einem Bürgerkriege
zu bewahren.
Deutschland, das seinem Wesen nach kein reiner Nationalstaat sei,
müsse sich eben nach Osten hin mit fremden Elementen verbinden,
die Handelsstrasse vom schwarzen zum baltischen Meere wieder hergestellt,
der Rhein und die Donau von Mündung zu Mündung eine
solche wieder bilden: "wir müssen wieder ein naturgemässes
Verkehrsgebiet haben - ein grosses föderatives Ländergebiet
von jenseits der Schelde bis jenseits der Düna, und von den
Schweizerbergen bis zum Pontus" . . .
Der zweite, "Kindersegen", betitelte Aufsatz ist eine
feine und vernichtende Verspottung der absurden Vorschläge,
die Jahre früher ein gewisser C. W. Weinhold gegen
die "Übervölkerung in Mitteleuropa" gemacht
hatte, Vorschläge, die allen Ernstes in einer Art Infibulation
aller männlichen Individuen bis zu ihrem Eintritt in die
Ehe gipfelten und wohl so ungefähr das Äusserste darstellen,
was die "moralische Tyrannei" der Staatsidee dem Individuum
je zu
195
bieten gewagt hat. Stirner kennzeichnet diese Vorschläge,
"die dem damaligen Zeitgeist gar nicht fremd waren",
als die richtige Konsequenz des Polizeistaates, "der zu Nutz
und Frommen der Menschheit die lebendigen Menschen in allerlei
Weise infibuliere", und geht dann kurzerhand von dem fanatischen
Narren selbst zu einer Ergründung der Übervölkerungsfrage
über.
Er beweist, wie hier nur die Klugheit in der Ehe erreichen kann,
was der Polizeizwang nie zu Wege bringt, und dass die ganze Frage
lediglich eine Frage der Privatökonomie im Haushalte der
Ehe sein müsse und keine der Gesellschaft, obwohl "die
Gesellschaft sich jederzeit dagegen sperrt, irgendeine Sache,
in die sie sich gemischt, zur reinen Privatsache herabsinken zu
lassen". Indem er endlich noch den Standpunkt einiger Zeitgenossen
streift, zeigt er überzeugend, dass, "wenn wir den Begriff
der Sittlichkeit von der geistigen Seite auffassen", sich
die Wahrheit ergibt, dass "die höchste Sittlichkeit
in der rechtlichen Ausübung der höchsten Freiheit liegt".
Die "Zeugungsfrage" ist, nachdem sie vom Standpunkte
der Menschheit aus als eine "Übervölkerungsfrage"
behandelt worden ist, nun vom Standpunkte des Einzelnen aus zu
einer "Empfängnisfrage" geworden, zu einer Frage
des persönlichen Interesses. "Ob sie dabei gewonnen,
ob verloren hat, das ist nach einem fait accompli eine
müssige Untersuchung, wie ja überhaupt alles Moralisieren
in weltgeschichtlichen Dingen sich als unfruchtbar erweist . .
."
Wie Stirner so in dem ersten dieser Aufsätze aus dem Jahre
1848 den Staat im allgemeinen nur als Nation gelten lassen will,
und ihm nur ein Mittler-, kein Herrscheramt zuschreibt, so entwindet
er hier die Privatperson den Klauen der Gesellschaft, stellt dieser
ihr Interesse entgegen und dies ihr Interesse über sie. Es
ist durchaus der "Einzige", der auch hier unverkennbar
spricht, und schon deshalb sind diese, im Drang der Lebensnot
und im Kampf mit dem Tag entstandenen Arbeiten von nicht zu unterschätzendem
Werte.
So erscheint er auch in den anderen sechs Aufsätzen: "Die Marine", "Das widerrufliche Mandat", "Reich und Staat" (gegen den sich die Redaktion verwehrte "mit ihr nicht in allen Teilen einverstanden" zu sein, jedoch seine 'geistvolle Auffassung' aner-
196
kennend), "Mangelhaftigkeit des Industriesystems", "Deutsche
Kriegsflotte" und "Bazar" betitelt, obwohl auch
sie nur an Fragen des Tages anknüpfen und sämtlich kürzeren
Inhalts sind.
Der wichtigste unter ihnen, "Reich und Staat", weist
nach, wie verschieden die beiden ihrem ganzen Wesen nach sind,
da "der eine zu seinem Bestande eine gleiche Gesinnung, das
andere weiter nichts als eine landsmännische Verträglichkeit
und Friedlichkeit des Verkehrs voraussetzt", und sein Verfasser
meint, dass die Sehnsucht nach einem Aufgehen der einzelnen Staaten
in das Reich nur das Ringen nach der Freiheit sei, "aus dem
Staatenverbande und dem Staatsbürgertum ungestraft austreten
zu können", obwohl er nicht glaubt, dass dieser Drang
auch im Reiche seine volle Befriedigung finden werde, und dass
die, welche in Adressen und Petitionen dieses Aufgehen fordern,
sich nicht klar darüber sind, dass es weniger die "Gesamtfreiheit",
als die Freiheit vom Gesinnungszwange ist, was sie dahin bringt,
der Dynastie (d.h. dem Staate) ihren Abfall und dem Reiche ihre
Sympathie zu erklären.
Es ist das einzige Mal, dass wir von einer Mitarbeiterschaft Stirners
an einer Zeitschrift noch wissen. Wenn er sie noch vergab, geschah
es sicherlich nie mehr, wie früher, unter seinem Namen.
Unterdessen waren über Berlin die Stürme der Revolution
hingebraust.
Noch immer trafen sich die "Freien" bei Hippel. Dieser
war im Herbst 1847 oder im Frühjahr 1848 von der Friedrichstrasse
nach der Dorotheenstrasse 8 gezogen, in neue und weitere
Räumlichkeiten. Und das war auch nötig geworden. Denn
die "Freien" waren nicht mehr die einzige Gesellschaft,
die bei Hippel ihr Stammlokal hatte, sondern vor und nach den
Revolutionstagen war dort eine Art Hauptquartier der verschiedensten
radikalen Strömungen aufgeschlagen, und der brave Hippel
hatte oft Mühe und Not, die verschiedenen Lager auseinander
zu halten und sachgemäss an die Tische und in das Hinterzimmer
zu verteilen, damit sie nicht aufeinander gerieten, was doch noch
oft genug geschah.
In den Revolutionstagen selbst ging es bei Hippel aus und ein
wie in einem Bienenkorb. Jeder, der kam, brachte irgendeine neue
197
Nachricht. Die einen erzählten von dem, was sie gesehen und
gehört, die anderen von ihren eigenen Heldentaten. Alles
schrie, lärmte, jubelte bunt durcheinander. Die übertriebensten
Hoffnungen wurden ausgesprochen, um mit dem schärfsten Spotte
beantwortet zu werden, und in leidenschaftlichen Debatten nahmen
die erregten Stunden ihren Verlauf.
Selbst die kühlsten Köpfe der "Freien" - mit
Ausnahme wohl nur von Stirner und Bruno Bauer - erhitzten sich
und fanden erst nach Tagen, als die Mitglieder der Klubs, des
politischen, des demokratischen und anderer, und endlich die Teilnehmer
der famosen Nationalversammlung in immer grösserer Anzahl
bei Hippel erschienen, ihre frühere Kritik wieder, die nun
allerdings vernichtend auf die verunglückte Bewegung fiel.
Es waren immer noch die alten: Buhl; Edgar Bauer, der von seiner
Festungsstrafe zurückgekehrt war; Faucher, der am Kampfe
des 18.-19. März teilgenommen hatte und viel von seinen Taten
zu berichten wusste; Dr. Wiss und seine Frau; Meyen; Maron, "den
man schon tot geglaubt hatte"; Löwenstein, der verwundet;
Ottensosser, der gefangen genommen worden war; und viele andere.
Dann, als immer mehr und mehr neue Erscheinungen auf der Bildfläche
erschienen und sich bei Hippel festsetzten, begann es einigen
der alten, treuen Stammgäste ungemütlich zu werden,
und sie blieben fort oder kamen doch seltener. Es war der Anfang
vom Ende. Die "Freien" begannen, sich zu zersetzen und
der Auflösung entgegenzugehen .
Ihre Zeit war vorüber. Eine neue brach an und sie fühlten
es: die Zeit einer trostlosen Reaktion, in der alles zerstört
wurde, was sie erstrebt hatten, oder besser gesagt: in der alle
die Zwingburgen des Geistes in mittelalterlichen Formen wieder
aufgebaut wurden, die sie wähnten mit der Schärfe ihres
Geistes, dem Sturmbock der Kritik, vernichtet zu haben.
Wie sie sich abfanden mit dieser neuen Zeit, davon noch später.
Es braucht wohl kaum ausdrücklich erwähnt zu werden,
dass Stirner an den Märztagen von 1848, wie an der ganzen
Bewegung, nicht den geringsten äusseren Anteil genommen hat.
Deshalb durfte sie hier auch nur flüchtig berührt werden.
198
Er wird mit dem lebhaftesten Interesse dem Ausbruch, den er sicher
lange vorhergesehen, zugeschaut haben. Aber es war nicht seine
Schlacht, die dort geschlagen wurde. Er, der das Wesen der Gewalt
so tief erfasst hatte und ihre Macht so gut kannte, konnte über
ihren Sieg nicht zweifelhaft sein. Ob er auch voraussah, bis zu
welchem Grad der Erniedrigung er führen sollte?
Auch er wurde in jener Zeit oft bei Hippel gesehen. Aber in seinem
stillen Leben, wie er es seit Jahren wieder für sich allein
führte, bedeutete das Jahr 1848 kein Ereignis, das seinen
Tagen eine irgenwie andere Gestalt hätte geben können.
Er fuhr fort, wie der eine sagt, "echt-berlinerisch, begnüglich-heiter"
und möglichst unbemerkt weiter zu existieren; "man fand
ihn nur bisweilen noch in abgelegenen Wirtshäusern, wo er
krampfhaft in den Zeitungen sich von seinen Gedanken loszulösen
suchte", erzählt ein anderer. Und mehr wissen wir nicht
von ihm. Der einzige Luxus, den er sich auch jetzt noch gestattete,
waren seine Zigarren. Denn eine gute Zigarre war von jeher der
fast einzige Genuss des bedürfnislosen Mannes gewesen. Sie
ist auch seine letzte und treueste Freundin geblieben . . .
Zu Anfang des Jahres 1852 tritt Stirner noch einmal, zum letzten
Mal, mit einem Werk, das seinen Namen trägt, dem zweiten
und letzten, an die Öffentlichkeit. Es ist die "Geschichte
der Reaction". Nirgends findet sich in der Zwischenzeit sein
Name in irgendeinem Blatt unter den Mitarbeitern; er hatte es
wohl aufgegeben, sich in literarischer Tagesarbeit Hilfe zu suchen.
"Die Geschichte der Reaction" war ursprünglich
wesentlich anders geplant als sie in den beiden Bänden, die
Ende 1851 im Verlag der "Allgemeinen Deutschen Verlagsanstalt",
deren Inhaber - Sigismund Wolff - Stirner sehr schätzte,
in Berlin erschienen und in Österreich übrigens sofort
verboten wurden, eine unvollendete Form gewann. Schon der Titel
sollte ursprünglich "Reactions-Bibliothek" lauten,
und das ganze sollte zwei Abteilungen umfassen; die erste sollte
"Die Vorläufer der Reaction", die zweite "Die
moderne Reaction" behandeln.
Zustande gekommen sind je der erste Band beider Abteilungen.
199
Der der ersten umfasst die Konstituante und die Reaktion. Statt
aber an diese sogleich "die Darstellung der Reaktion in der
Legislative, im Konvent und den folgenden Volksvertretungen bis
zur Vollendung der Napoleonischen Reaktion" anzuschliessen,
springt Stirner von der Beschreibung der inneren Reaktionsogleich
zu der der auswärtigen über, "er folgt", wie
er sagt, "damit dem Gesetz der Gleichartigkeit und gibt der
auswärtigen Reaktion, indem er ihr die geschichtliche Schilderung
der inneren voranschickt, ihre angemessene Einleitung", und
sieht zugleich "in der auswärtigen die natürliche
Steigerung der inneren Reaktion".
So beginnt er gleich mit der zweiten Abteilung und gibt uns in
ihrem ersten Band die Darstellung des ersten Reaktionsjahres in
Preussen, "dem wahren Mittelpunkt der Reaktion, wie die Zukunft
lehren wird". Das erste Jahr ist ihm 1848: "das Jahr
des Chaos oder der ersten chaotischen Erhebung gegen die feindliche
Welt, das Jahr des reaktionären Instinkts", weil in
ihm "die Reaktion sich zu einer Macht ausbildet".
Er denkt noch immer an die Fortsetzung des Unternehmens: er meint,
dass die erste Abteilung mehr den Charakter einer blossen Samlung
haben müsste, um Wiederholungen in der zweiten zu vermeiden.
Aber zu einer Fortsetzung in der Darstellung, weder der inneren
noch der äusseren Reaktion, ist es nie gekommen.
In dem Vorwort zu dem ersten Band der zweiten Abteilung, dem zweiten
und letzten von denen, die erschienen, gibt Stirner eine äusserst
interessante Darstellung dessen, was reaktionär ist und nicht
ist. "Ob sich die Reaktion vor sich selber rechtfertigen
kann", das hätte er gezeigt, wenn es ihm vergönnt
gewesen wäre, sein Unternehmen zu Ende zu führen. Die
Darlegung gipfelt in dem Satz: "Die Reaktion tritt in demselben
Moment ins Leben, in welchem die Revolution zur Welt kommt: beide
werden im selben Augenblick geboren" - von grundverschiedenen
Eltern, wie er hinzufügt. Und in dem, der der Reaktion "ihren
historischen Platz anweist": "Die Reaktion ist das Gegenteil
der Revolution".
Der Inhalt der beiden erschienenen Bände nun ist zum geringsten
Teil Stirners Eigentum. Nicht nur der erste, sondern auch der
zweite ist eine Sammlung fremder Arbeit, und nur die Einlei-
200
tungen, die verbindenden Mittelglieder und die Auswahl sind Stirners
Werk.
Zeugt der erste von seiner gründlichen Kenntnis der Geschichtsschreiber
des Revolutionszeitalters, so beweist der letzte, mit welcher
Aufmerksamkeit Stirner das Jahr des Ausbruchs der Revolution in
seinem eigenen Lande in allen Erscheinungen verfolgt hat.
Stirner leitet die Darstellung der Konstituante und der Reaktion
mit einer historischen Betrachtung über die ministerielle
und die ständische Revolution ein und betrachtet dann zunächst
die ständische Reaktion gegen die Volksvertretung. Sodann
folgt er seinem Plane, "in diesem Bande die revolutionären
und reaktionären Grundvorstellungen über Verfassung"
einander gegenüberzustellen, und die beiden Schriftsteller,
die er in dieser Weise gegeneinander ausspielt, sind Edmund Burke
und Auguste Comte. Fast der ganze Band ist mit Stellen aus des
ersteren "Reflections on the Revolution in France" (in
der von Gentz'schen Übersetzung) und des letzteren "Système
de philosophie positive" gefüllt. Auf wessen Seite Stirner
steht, ist trotz der sehr knappen Verbindungen natürlich
nicht zweifelhaft - seine Bemerkungen über die Tafel der
Menschenrechte und eine solche über die "Deklamationen"
Burkes beweisen es zur Genüge. Da von diesem letzteren sofort
auf die moderne Reaktion übergegangen wird, mussten die berüchtigten
Reaktionäre der Zwischenzeiten, die Malouet, Mounier etc.,
ferner de Maistre, Haller und die Deutschen Gentz, Adam Müller
und andere traurigen Angedenkens übergangen werden.
Ist es Stirner so in dem Torso der ersten Abteilung mehr darum
zu tun, das Entstehen der Reaktion aus der Revolution heraus zu
erklären, so kann er doch in der Darstellung der modernen
Reaktion nicht sogleich damit beginnen, die Reaktion vor ihr eigenes
Tribunal zu stellen, sondern er muss in ihrem ersten Band das
Chaotische der ersten Erhebung zu durchdringen suchen, und befürchtet
mit Recht, dass "eine grosse Monotonie" nicht zu vermeiden
gewesen sei. Und so ist es auch. Es sind vor allem die reaktionären
Schriftsteller des Tages, die Hengstenberg, Florencourt und andere,
oft nicht genannte, die Stirner hier sprechen lässt, und
ihre in aller Breite wiedergegebenen Ansichten ermüden auf
die Dauer.
201
Klagen und Anklagen sind es zumeist, die in diesem Jahr von reaktionärer
Seite her ertönen, wie denn "das ganze Jahr ein Jahr
der Klage" war.
Nach einer Betrachtung über "die Revolution" und
"die Reaktion" und einem dem Pietisten Leo entnommenen
"Rückblick auf die frühere Zeit" gibt Stirner
die "Errungenschaften und Aussichten" der Reaktion wieder
und führt uns in den Kampf der "Christokratie".
Er zeigt uns ihren Kampf nach allen Richtungen hin: von allen
Seiten wird "reagiert". Es reagieren die Krone, ihre
Diener, die Untertanen, der Staat.
Eine chronologische Übersicht dieses Jahres zeigt das Anwachsen
der Reaktion von Monat zu Monat, vom Februar, "dem wachsenden
Erkennen des Feindes und der allmählichen Entdeckung der
eigenen Kräfte" an, bis zum Dezember, wo sie über
die Revolution bereits gesiegt hat.
Auch in diesem Band besteht die ganze Arbeit Stirners in Anordnung
und loser Verbindung des Wiedergegebenen. Selbst diese letztere
geschieht oft nicht einmal mit seinen eigenen Worten. Er verzichtet
darauf, die Reaktion vor den Richterstuhl zu stellen und ihrAnkläger
zuwerden; sie stellt sich selbst vor ihr eigenes Tribunal, sagt
er.
Mit dem ersten Reaktionsjahre, in dem "die Fragen eben anfingen,
sich zu stellen", bricht er ab; die Fragen selbst und das
Lehrgebäude des reaktionären Systems hat er unterlassen
in weiteren Bänden zu behandeln.
Die "Geschichte der Reaction" war Stirners letzte öffentliche
Kundgebung. Zwar fasste er noch einmal einen grossangelegten Plan,
eine Art universellen Gelehrten-Lexikons, aber er musste ihn wieder
aufgeben, da er keinen Verleger fand, der das Unternehmen mit
ihm wagen wollte.
Sein Name wird nie mehr genannt. Die neue Zeit nach 1848 hat mit
so vielen anderen auch ihn vergessen.
Er ist auch literarisch ein toter Mann, tot, obwohl er noch lebt
. . .
Wie völlig vergessen er ist, dafür nur ein, aber sprechendes
Beispiel: das Brockhaus'sche Konversations-Lexikon von 1854 weiss
schon nicht mehr das geringste über sein Leben zu sagen und
meint
202
zweifelnd, der Verfasser von "Der Einzige und sein Eigentum"
habe "angeblich Max Schmidt" geheissen! ....
Auch in seinem Leben vereinsamte Stirner nun immer mehr und mehr.
Selbst bei Hippel, der seine Weinstube 1853 von der Dorotheenstrasse
nach der Werder'schen Rosenstrasse 3, in den Winkel hinter der
Werder'schen Kirche, verlegte, wird er fast gar nicht mehr gesehen.
1851, Anfang Oktober, war er von der Köthener Strasse, wo
er es drei Jahre ausgehalten hat, nach der Dessauer Strasse 2
(zu Ilse) gezogen, um hier einundeinhalbes Jahr zu bleiben. Von
jetzt an wohnt er nicht mehr in eigener Wohnung, sondern als Chambregarnist,
und hat also wohl, durch die Not dazu gedrängt, seine eigenen
Möbel verkaufen müssen.
Seine alten Freunde wissen nichts mehr von ihm. Und damit ist
auch das letzte Band gerissen, das ihn noch lose an eine geistige
Aussenwelt geknüpft hat.
Das Jahr 1853 scheint der Höhepunkt seines Elends gewesen
zu sein: von seinen Gläubigern bedrängt und ohne Existenzmittel
zieht er ruhelos von einem Quartier in das andere und zweimal
während dieses Jahres befindet er sich im - Schuldarrest!
Das erste Mal 21 Tage - vom 5.-26. März. Kaum aus ihm entlassen,
bezieht er am 1. April in der Jaegerstrasse 72 (bei dem Lehrer
Schulze) ein Zimmer, lässt sich am 1. Juli nach Nauen abmelden,
flüchtet dann, offenbar immer von seinen Gläubigern
gedrängt und verfolgt nach Moabit, wo er am 3. Juli bei Rinow,
Stromstrasse 8, wohnt, findet aber auch hier keine Ruhe und quartiert
sich endlich am 7. September, immer noch in demselben Jahre 1853,
bei der Madame Weiss, Philippstrasse 19 ein.
Doch auch hier finden ihn die Manichäer, und er soll das
Jahr nicht in Ruhe beschliessen. Gerade am Sylvestertage begibt
er sich abermals in Schuldarrest, in dem er 36 Tage - bis zum
4. Februar des nächsten Jahres - bleibt. War nun auch
der Schuldarrest jener Tage, eine heute nicht mehr gekannte Einrichtung,
nichts anderes als eine Haft, in der der Schuldner auf Kosten
des Gläubigers erhalten werden musste und gerade deshalb
selten von langer Dauer - welch
203
trauriges Licht wirft dennoch die Tatsache allein schon auf die
Verhältnisse des Mannes, der doch einst von vielen als der
glänzendste Denker seiner Zeit bestaunt worden war, und diese
einfachen, nüchternen Angaben - reden sie nicht ergreifender
von seiner Not, als Worte es vermöchten ? . . .
Wohl nennt Stirner sich noch Gymnasiallehrer, Schriftsteller,
Dr. phil. und - Rentier. Aber in Wirklichkeit war er jetzt
Kommissionär, der von Vermittlungsgeschäften, wie sie
sich ihm gerade boten, von der Hand in den Mund lebte.
Wenigstens hat er in der Philippstrasse, wo er bei der Witwe Weiss
von 1853 an wohnte, Ruhe gefunden. Er bewohnte dort im ersten
Stockwerk des Hauses ein oder zwei am Flur gelegene Zimmer, deren
Fenster - das grössere hat das zweite und dritte Fenster
rechts von der Strasse aus gesehen, das kleinere liegt über
dem Torbogen - damals noch auf den freiliegenden, mit Bäumen
bewachsenen Platz der Anatomie gingen.
Frau Weiss soll immer mütterlich für ihre Mieter gesorgt haben.
Es war Stirners letztes Heim. Nur einmal noch sollte er sein Quartier
wechseln!
Das Jahr 1853 war der Höhepunkt von Stirners Elend.
Denn in dem nächsten Jahr findet er zugleich einen Ausweg,
der ihn aus seinen Drangsalen retten und ihn für den, wie
er selbst sicher glaubte, noch langen Rest seines Lebens vor den
ärgsten weiteren bewahren sollte.
Dieser Ausweg bestand darin, dass er, der alleinige Erbe seiner
betagten Mutter, das dieser gehörige Haus in Kulm - noch
bevor es in seinen gesetzlichen Besitz überging - verkaufte.
Er schloss am 12. September 1854 vor dem Notar Lipke zu Schwetz,
einem kleinen Orte an der Weichsel gegenüber Kulm, mit dem
Kaufmann Abraham Mairsohn aus Kulm einen Vertrag über "eine
fremde Sache" in der Weise ab, dass "das zweistöckige
Haus No. 9 nebst 40 Morgen Elokationsland und Garten" sofort
nach dem Tode der Mutter in den Besitz Mairsohns übergehen
sollte, dieser aber an den Verkäufer schon jetzt auf den
Kaufpreis von 5000 Talern Anzahlungen zu machen hatte.
204
Um den Käufer für den Fall, dass Stirner vor seiner
Mutter sterben sollte, sicher zu stellen, hatte sich dieser in
eine Lebensversicherung aufnehmen zu lassen, so dass Mairsohn
sich in gegebenem Falle an der Versicherungssumme von 1OOO Talern,
die in einer zweiten Versicherung auf 1500 Taler erhöht,
während eine dritte abgelehnt wurde, schadlos halten konnte.
Mairsohn zahlte an Stirner gleich nach Abschluss des Vertrages
300 Taler, nach Ausfertigung der Police weitere 300, und endlich
nach deren Erhöhung nochmals 400 Taler, zusammen also 1000
Taler, die mit 5% zu verzinsen waren. Auch verpflichtete er sich,
bis zum Todestage der Mutter die jährlichen Versicherungsbeiträge
für seinen Kontrahenten zu zahlen.
Da auf dem Hause 1OOO Taler Hypotheken ruhten, die dem Vormund
der Witwe Ballerstedt zum Zwecke von Reparaturen bewilligt waren,
so hätte Stirner nach der definitiven Übernahme noch
auf 3000 Taler Anspruch gehabt.
Da er aber so unvermutet vor seiner Mutter starb ist dieser Teil
des Vertrages nie zur Ausführung gelangt.
Die erhaltenen 1OOO Taler werden indessen genügt haben, ihn
von seinen Gläubigern zu befreien und ihn für die kurze
Frist von noch nicht zwei Jahren, die ihm noch beschieden war,
bei der Billigkeit der damaligen Lebensführung und bei seiner
eigenen grossen Bedürfnislosigkeit, vor weiteren drückenden
Sorgen zu schützen.
Vom 28. August bis 21. September dieses Jahres war er zur Abschliessung
dieses Vertrages von Berlin abwesend.
Wenn Stirner in den letzten Jahren seines Lebens, wie überhaupt,
sehr zurückgezogen lebte, so war er doch nicht ohne Verkehr.
So fand er Aufnahme in dem Hause der Freifrau von der Goltz, deren
Bekanntschaft er wahrscheinlich schon Ende der vierziger Jahre,
als er mit ihr in demselben Hause der Köthener Strasse wohnte,
gemacht hatte, und bei der er durch den Hauslehrer der Familie,
einen Herrn Förster, eingeführt wurde, während
er wiederum die Brüder Bauer der Baronin vorstellte. Er verkehrte
viel und gern in dem gastlichen Haus, lernte in ihm unter anderen
einen Musikdirektor Hering kennen, und scheint in der für
alle geistigen Be-
205
strebungen interessierten Frau bis zu ihrem Wegzuge von Berlin,
1854, eine hülfreiche Freundin besessen zu haben.
Er äusserte gern und oft seine philosophischen Ansichten
und überraschte auch hier durch ihren Radikalismus bei äusserer
Ruhe, sprach auch gelegentlich von seinem verunglückten Milchhandel,
nie dagegen von seinen Arbeiten und seiner Ehe.
War auch an der Tür seiner Wohnung ein Schild mit dem Namen
"Schmidt" angebracht, so nannte er sich doch nie anders
als Stirner und war in seinen Kreisen nur so bekannt.
Unvermutet und jäh ereilte ihn der Tod. Stirner, dessen feste,
oft geäusserte Zuversicht es gewesen war, dass er "steinalt"
werden würde - ein Beweis, wie gesund er sich fühlte
- erkrankte plötzlich im Mai 1856 an einem Karbunkel im Nacken.
Ob diese Erkrankung, die zu seinem Tode führen sollte, die
einzige wohl ernstliche seines Lebens, wirklich, wie behauptet
ist, durch den Stich einer vergifteten Fliege herbeigeführt
wurde, steht nicht fest. Sicher ist dagegen, dass er sich am 23.
Mai 1856, als der Karbunkel bereits die Grösse einer Hand
angenommen hatte, in die Behandlung eines Arztes begab. Dieser
stellte sofort hohes Fieber - in Form eines Nervenfiebers - fest,
doch nahm die Krankheit unter seinen Anordnungen einen günstigen
Verlauf, so dass sich eine reine Eiterfläche bildete, das
Fieber schwand und der Appetit sich wieder einstellte. Der Kranke
konnte sogar den gelungenen Versuch machen, das Bett zu verlassen.
Unglücklicherweise verreiste der behandelnde Arzt, und die
Pflege musste in andere Hände gelegt werden. Wahrscheinlich
infolge eines Diätfehlers, vielleicht auch durch die veränderte
und unrichtige neue Behandlung, stellte sich das Fieber wieder
ein, stieg schnell und hoch, so dass vierzehn Tage später
der Tod eintrat.
Die ursprüngliche Geschwulst hatte andere Teile des Körpers
ergriffen, der Eiter war ins Blut getreten und der Tod erfolgte
am 25. Juni in Folge des durch die Eiterungen hervorgerufenen
"Nervenfiebers" .
206
Max Stirner starb an "allgemeiner Geschwulst" am 25.
Juni 1856 (nicht am 26., wie früher allgemein angenommen
wurde), in seiner Wohnung, gegen Abend, um sechs Uhr, in einem
Alter von 49 Jahren und 8 Monaten.
Drei Tage später, am 28. Juni, abends um dieselbe Stunde,
wurde er auf dem Kirchhof der Sophien-Gemeinde an der Bergstrasse
beerdigt. Er erhielt ein Grab II. Klasse, das einen Taler und
l0 Silbergroschen kostete. Es lag in der 11. Abteilung des genannten
Kirchhofs, in der neunten Reihe, und bekam die Nummer 53.
Nur wenige seiner alten Freunde begleiteten ihn "auf seinem
letzten Gang". Unter ihnen befanden sich Bruno Bauer und
Ludwig Buhl, und sicher auch jene Mme. Weiss, bei der er gestorben
war, und die die Identität des Toten bezeugt hatte.
Für ersteren war er noch auf dem Totenbette von einem Bekannten
gezeichnet worden, und Bauers Freude war gross, den Kopf des Freundes,
in dessen "charaktervoller Formation sich noch die geistige
Bedeutung des Verstorbenen mit voller Entschiedenheit ausprägte",
im Tode wenigstens festgehalten zu sehen.
Nach einer anderen, aber weniger wahrscheinlichen Nachricht soll
die "unmittelbar nach Stirners Tod erfolgte Zeichnung seines
Kopfes" in die Hände des Literaten Dr. Wolff, Mauerstrasse
83, gelangt sein (gemeint ist jedenfalls der längst verstorbene
"schwarze Wolff", der Verfasser der "Revolutionschronik").
War es dieselbe Zeichnung? - War es eine andere? - Beide sind
jedenfalls unrettbar verloren.
Der schriftliche Nachlass Stirners kam in den Besitz von Ludwig
Buhl, der damals Schützenstrasse 12 wohnte. Wie dieser später
endete, werden wir noch sehen. Eitel ist die Hoffnung, schwache
Spuren noch verfolgen zu können, die die Zeit völlig
verlöscht hat.
Was sonst noch an Hinterlassenschaft vorhanden war, wird sicherlich
ohne besonderen materiellen Wert gewesen und wohl sogleich veräussert
worden sein, um die nächstliegenden Schulden zu befriedigen.
-
Erst nach Tagen nahmen einige, ganz wenige Zeitungen von Max Stirners
Tod Notiz. Die meisten hatten für den Vergessenen auch nicht
ein letztes Wort. Aber auch das wenige, was gesagt wurde,
207
beschränkte sich durchweg auf eine vage und dunkle Erinnerung
an sein Werk und das Aufsehen, das es einst vorübergehend
erregt, oder bestand in der oberflächlichen und anekdotenhaften
Wiederaufwärmung der Heiratsgeschichte, die in einem Falle
sogar, wahrscheinlich auf Veranlassung Bruno Bauers, eine entschiedene
und in ihrer Bestimmtheit den unleugbaren Tatsachen gegenüber
höchst eigentümliche Dementierung erfuhr.
Johann Caspar Schmidt war tot, wie es Max Stirner schon vor ihm
gewesen war. . .
Wie Stirner selbst keine direkten Nachkommen hinterlassen hat,
so ist auch der ganze, weite Kreis seiner ursprünglichen
Verwandtschaft völlig gelöst und nirgends, aber auch
nirgends mehr finden sich heute noch Spuren von ihr: die Familie
des Vaters in Ansbach ist ausgestorben; ausgestorben sind die
mütterlichen Reinleins in Erlangen; von den Stichts, der
Familie des Paten, lebt niemand mehr in Bayreuth, und nur in Arbeitern,
die keinen Zusammenhang aufweisen können, pflanzt sich dieser
Name dort noch fort. Verschollen sind ferner die Glieder der Familie
des Stiefvaters, die Ballerstedts, in Helmstedt und in Kulm sind
vollends keine Spuren - welche sollten es auch wohl sein? - von
ihnen zu finden. In Berlin endlich hat die Familie der ersten
Frau Stirners, die Burtz, keine Träger mehr und in Gadebusch
ist der Name Dähnhardt heute fast unbekannt.
Stirner ist nur von seiner Mutter überlebt worden. Sie starb
erst drei Jahre nach ihm, in der Privatirrenanstalt in der Schönhauser
Allee, in die sie sich schon 1837 begeben, am 17. März 1859,
war also über zwanzig Jahre in ihr gewesen.
Sie erreichte das hohe Alter von 81 Jahren und war bis zu ihrem
Tod, sicher aber bis 1854, von vollständiger körperlicher
Rüstigkeit.
Sie starb "an Altersschwäche" und wurde auf dem
Georgenkirchhof am Königstor beigesetzt.
Ihr Leiden war durchaus keine organische Erkrankung des Gehirns. Sie litt vielmehr, nach der eigenen Aussage ihres Sohnes, an einer durch Schicksalsschläge in der Familie entstandenen "fixen Idee", über deren Art wir indessen nichts wissen. -
208
Zwischen ihren Erben, den Kindern ihres etwas früher verstorbenen
Bruders Johann Gottlieb Reinlein: dem Bürger, Goldarbeiter
und Taxator Johann Theodor Reinlein; der mit dem kgl. bayerischen
Regierungsrechnungskommissar Friedrich Stillkrauth verheirateten
Sophia Rosine; und der unverheirateten Anna Maria Reinlein, sämtlich
in Bayreuth, einerseits, und dem Kaufmann Mairsohn andererseits,
kam es naturgemäss in Bezug auf den zwischen dem letzteren
und Stirner geschlossenen Vertrag um das Haus in Kulm zu Auseinandersetzungen
und einem Prozess, über dessen Verlauf nur soviel feststeht,
dass das Haus Ende 1859 von den Erben an den preussischen Kreisdirektor
Arndt in Kulm für die Summe von 4700 Talern verkauft wurde.
Wahrscheinlich wurde Mairsohn vorher in Bezug auf die an Stirner
gezahlten 1000 Taler entschädigt und trat zurück, oder
er hielt sich an der Lebensversicherung schadlos.
Als letzte entfernte Verwandte Stirners lebt heute nur noch ein
Fräulein Babette Stillkrauth, Tochter der Obengenannten,
in Bayreuth, die nichts von ihm mehr weiss.
Wir wollen nicht Abschied von Stirner nehmen, ohne uns vorher
noch einen Augenblick mit dem späteren Schicksale der Überlebenden
aus jener Hippel'schen Tafelrunde zu beschäftigen, die uns
nächst ihm am meisten interessiert haben.
Wie traurig haben sie alle, mit wenigen Ausnahmen, geendet!
Als der Sturmwind des Jahres 1848 sie auseinandergetrieben hatte
- so weit, dass sie jeden Zusammenhang auf immer untereinander
verloren - waren manche nach Amerika ausgewandert, um dort ihr
Heil zu versuchen, das sie zum Teil auch mit der neuen Heimat
fanden. Aber die meisten blieben zurück und suchten sich
mit den veränderten Verhältnissen abzufinden, so gut
es ging - jeder auf seine Art. Ihre mühevollen Versuche boten
kein freudiges Schauspiel: die einen traten vollständig in
das feindliche Lager der Reaktion über und suchten ihre Jugend
vergessen zu machen, indem sie sich ihrer nicht mehr erinnerten;
die anderen wähnten sich und ihre Umgebung durch herben Spott,
der aber nur zu oft wie bittere Selbstverachtung klang, über
den Zwiespalt ihrer Lage hinwegtäuschen zu können. Aufrecht
blieben nur wenige stehen,
209
und diese empfanden die Veränderung der Zeit, in der sie
weiter leben mussten, wohl am schmerzlichsten.
Bruno Bauer wurde "der Einsiedler von Rixdorf ", der
ewig im heroisch geführten Kampfe mit der Not des Lebens
- bald seinen Acker selbst bestellte, bald mit neuen Werken seinen
verloschenen Namen in das Gedächtnis der Lebenden zurückzurufen
versuchte. Unermüdlich tätig, blieb seine Kraft bis
zu seinem Tode ungebrochen, und was er schrieb, liess wie nur
je den glänzenden Stilisten und den scharfen Kopf unverkennbar
erkennen. Dabei verzehrte sich Bauer jahrelang in dem Dienste
der traurigsten aller Parteien, unter das Joch der entwürdigenden
Arbeit für die Kreuzzeitung und das Wagener'sche Gesellschaftslexikon,
gebannt. Von aller Welt zurückgezogen, suchte er sich selbst
kaum mehr über seinen Rückzug zu täuschen. Aber
wenn er je nach Berlin kam, um sein eigengebautes Gemüse
zu verkaufen und den einen oder anderen seiner alten Bekannten
zu begrüssen, durchschritt seine patriarchalische Gestalt
in dem selbstgeflickten Anzug, die Füsse in Schäftestiefeln
und auf dem Kopf die unvermeidliche Schirmmütze so ungebeugt
die Strassen, wie in den Tagen ihrer Jugend, und die ruhigen Augen
blickten klar und durchbohrend wie immer. Bruno Bauer starb 1882,
nachdem er getan hatte, was menschenmöglich war, um seinem
Bruder Egbert und dessen zahlreichen Kindern zu helfen.
Nicht besser erging es Edgar Bauer. Mit seinem Bruder, den er
doch einst vergöttert hatte, späterhin verfeindet, ging
er 1849 zunächst nach Hannover, wo er mit Olshausen für
die Befreiung Schleswig-Holsteins zu wirken bestrebt war, dann
nach London, von wo aus er mehrere Broschüren schrieb. Nach
1866 versuchte er zunächst in Hamburg festen Fuss zu fassen.
Die "Kirchlichen Blätter", die er mit dem starrlutherischen
Bischof Koopmann herausgab, beweisen seinen gänzlichen Übertritt
in das kirchliche Lager nur zu deutlich. Aus dem Revolutionär
von damals war ein Reaktionär von reinstem Wasser geworden,
der als Anhänger der Welfen dann noch lange in Hannover zu
wirken sich bemühte, bis er - in grosser Dürftigkeit
und längst vergessen - ebenfalls Anfang der achtziger Jahre
dort starb.
210
Traurig gestaltete sich auch Ludwig Buhls Schicksal. Auch er lebte
noch lange so hin, völlig zurückgezogen und immer wieder
"in seiner Familie, einer katholischen, schmierigen, ungebildeten
Gesellschaft einbüssend, was er sich an geistiger Vornehmheit
selbst mühsam errungen". Er arbeitete fast nichts mehr.
Eines Morgens, ebenfalls kurz nach 1880, wurde er tot an seinem
Schreibtisch gefunden. Wie man sagt, hat er durch Selbstmord geendet,
da sein letzter Versuch eines "ldeenkommissionsgeschäftes"
- er "erfand" Ideen zu Verlagsgeschäften, die er
dann an unternehmungslustige Verleger verkaufte - ihn in Konflikt
mit einem seiner Abnehmer gebracht haben soll, der ihm mit einer
Anklage wegen Erpressung drohte. Mit dem seinen ist auch der Nachlass
Stirners verloren gegangen, und die von niemand beachteten Papierbündel
sind sicher schon längst der Vernichtung anheimgefallen.
"Verbuhlt, verbrasst, verbauert - ist nun die Reaktion"
erklang ein Spottlied jener Tage ....
Friedrich Sass starb jung; Meyen setzte sein arbeitsreiches Journalistenleben
noch lange fort, wurde zunächst 1851 von Hamburg ausgewiesen,
ging von da nach England, kehrte aber wieder nach Deutschland
zurück, wo er 1867 mit Ruge die "Reform" gründete;
Jules Faucher hat in seinem Vaterlande ebenfalls noch einen langen
und ehrenvollen Kampf um den Sieg seiner Ideen gefochten, aber
die Waffe seiner volkswirtschaftlichen "Vierteljahrsschrift"
lag doch zu schwer in seinen Händen, um weitere Kreise herbeiziehen
zu können, und während er den Staat enger und enger
seine eisernen Ringe um die Freiheit ziehen sah, blieb seine reizende
Tochter Lucie immer noch die beste Freude seines bewegten Lebens;
Köppen wirkte als Gymnasiallehrer in segensreicher Tätigkeit
weiter und suchte in tiefgründigen Studien, die zu seinem
berühmten Buddha-Werk führten, eine Zeit zu übersehen,
die ihn nur mit Widerwillen erfüllen konnte.
Von ihnen allen wollen wir uns nun noch einmal zurück zu
dem Manne wenden, der als einer der ersten des ganzen Kreises
auch aus dem Leben geschieden war . . .
210
So traurig Max Stirners früher Tod ist, so liegt doch in
ihm nichts eigentlich Erschütterndes, wenn wir uns vergegenwärtigen,
wie dieses Leben voraussichtlich verflossen wäre, wenn ihm
noch zwanzig oder dreissig Jahre mehr beschieden gewesen wären.
Es hätte gegen die letzten Lebensjahre - wenn kein glücklicher
Zufall es umgestaltet hätte - wohl keine allzugrossen Veränderungen
aufzuweisen gehabt: in trauriger, herber Dürftigkeit hätte
Stirner weiter gelebt, ewig im Kampfe mit dem Tage und seiner
Not, und ohne die Kraft, diesen Kampf noch einmal mit ganzer Entschiedenheit
aufzunehmen und zu irgendwelchem Erfolge zu führen.
Was anderes hätte er auch tun können? - Hätte er
enden sollen wie die anderen? - Hätte er sich an die Reaktion
verkaufen sollen, wie die Bauers, und hätte er den inneren
Zwiespalt zu ertragen vermocht ? - Hätte er etwa auch nach
Amerika auswandern sollen? Er, der trotz seiner unerhörten
geistigen Energie wenig lebenspraktische und passive Mann? - Oder
hätte er eine Reihe weiterer Jahre überstehen sollen,
um zu enden, wie Maron - übermüdet von dem Kampfe und
zermürbt selbst sein Leben beschliessend ?
Oder hätte er auf den seltsamen Zufall warten sollen, der
seinem Leben plötzlich eine entscheidende Wendung zu geben
im Stande gewesen wäre? - Vergebliche Hoffnung! - Denn was
für ein Zufall hätte das sein können ?
Er hatte keine Verwandten, deren Beerbung ihn hätte unabhängig
machen können. An eine Wiedererweckung seines Werkes in absehbarer
Zeit konnte er selbst nicht glauben: eine andere Zeit, eine Zeit
der Schmach und der Unterdrückung, hatte begonnen, die lange
währen sollte, bis sie in blutigen, ruchlos heraufbeschworenen
Kriegen ihren Höhepunkt erreicht hatte, eine Zeit, deren
einzige grosse Gegenströmung, die soziale, sich in einer
politischen Partei verlaufen und in ihr verebben sollte - die
Zeit der Reaktion, in deren traurigen Schatten wir noch heute
leben . .
Nein, auch kein Zufall mehr konnte Stirner hold sein am Abend
seines Lebens!
So wie er gelebt hat und so wie er gestorben ist, ist er sich selbst völlig treu geblieben. Die grosse Arbeit seines Lebens war getan.
211
Nichts hätte ihren Wert noch erhöhen können. Denn
seine beste Kraft war an sie verwandt worden.
Die Jahre der Not hat er still und geduldig getragen, und der
grösste Trost ist sicher der, dass wir uns sagen dürfen:
er hat aller Wahrscheinlichkeit nicht zu schwer unter ihr gelitten.
Seine grosse Bedürfnislosigkeit, mehr noch seine vornehme
Selbstgenügsamkeit und die stille Heiterkeit seines Gemütes
werden ihn nie ganz verlassen haben.
Die, welche glauben, dass alles Glück des Lebens nur in Ehre,
Reichtum und Macht unter den Menschen besteht, werden sein Leben
nie begreifen und in mitleidigem Spott fortfahren zu sagen, der
Lehrer des Egoismus habe seine Lehre in seinem eigenen Leben schlecht
befolgt oder ihre Befolgung habe schlechte Früchte getragen.
Nein: Max Stirner hat seine Lehre befolgt und er hat alle ihre
Früchte geerntet, so weit es ihm möglich war. Denn er
war ein überlegener Mensch. Er hat gelebt, wie er leben konnte.
Nicht wie er vielleicht gewünscht hätte zu leben. Wenn
wir uns so fragen, wird die Antwort lauten: gewiss hätte
er lieber in jenem Vereine von Egoisten leben mögen, oder
- um allen Missverständnissen zu entgehen - in der Zeit jener
ewig nach den Bedürfnissen der Menschen entstehenden und
vergehenden Vereine, an die der Einzelne seine Kraft freiwillig
gibt, um sie hundertfach gestärkt zu fühlen; mit einem
Worte: nicht in einer Zeit der Herren und Knechte, sondern der
Einzigen. Denn er taugte so wenig zum Gehorchen wie zum Befehlen.
In Stirners frühem Tod liegt nichts Erschütterndes.
Er ist gegangen noch in der Kraft der Gesundheit und ohne aus
dem Kelch des Lebens den letzten und schwersten Trank: Siechtum
des Körpers in der Einsamkeit des Alters getan zu haben.
Und dennoch ist sein Tod traurig, weil er so früh kam. Er,
der das Leben weder übermässig geliebt, noch es gefürchtet
hat, wird auch den Tod nicht gefürchtet, ihn aber auch nicht
ersehnt haben.
Weilen wir noch einen Augenblick an seinem Grabe, bevor wir Abschied
von Max Stirner nehmen.
Bereits 1856, bald nach seinem Tode, wurde von Ludwig Buhl
213
eine Sammlung veranstaltet, um das Grab mit einem Stein zu bezeichnen.
Aber die aller Wahrscheinlichkeit nach nur geringe Summe, die
von alten Freunden und Bewunderern des Verstorbenen zusammen gebracht
wurde - unter anderem war aus dem fernen Ostpreussen von
einem Verehrer ein Dukaten gesandt - ist niemals ihrer Bestimmung
gemäss verwandt, und wahrscheinlich ist von jenem 28. Juni
1856 an das Grab überhaupt von keinem Menschen mehr besucht
worden.
Dreiunddreissig Jahre sollten vergehen, ehe das eingesunkene wieder
gefunden, und sechsunddreissig, bis es mit dem mächtigen
Stein bezeichnet wurde, von dem aus in grossen, goldenen Lettern
der Name des Mannes leuchtet, dessen einfaches und doch so grosses
Leben diese Blätter versuchten wahrheitsgetreu zu erzählen.
Neue Gräber haben das alte umschlossen, und mühsam muss
es durch ihre engen Reihen suchen, wer es heute finden will.
Auf der Platte erlöschen die goldenen Lettern des Namens.
Aber während sie dort verblassen, strahlt dieser Name seinen
sieghaften Glanz durch die Nacht unserer Zeit und verkündet
den Morgen, den Morgen der Freiheit des Menschengeschlechts.
Bereits streckt das neue die Hände seinen Segen zu empfangen
und ihn für sich - zu seinem Glücke zu verwerten.
Nichts kann und soll diesem neuen Geschlecht dieses Grab mehr
sein.
Denn der dort liegt, lebt wieder - lebt in ihm: in seinen Hoffnungen
und in seinen Wünschen.
Neue Gräber haben das alte umschlossen.
Wird - nach "abermals fünfzig Jahren" - wenn auch
diese neuen Gräber versunken und der Kirchhof vielleicht
zum öffentlichen Garten geworden ist, in dem die Kinder von
Morgen die unbewegliche Platte achtlos umspielen, der Vorübergehende
noch immer, in dumpfe Knechtschaft gebannt, an dem Namen vorbeischreiten,
der von dorther schweigend herüberredet, oder wird er wissen,
dass der, der Max Stirner hiess, als erster unter allen für
ihn die Freiheit erkämpfte, in deren sonnigen Strahlen er,
erhobenen Hauptes und glücklicher als die vor ihm Gewesenen,
wandelt? . . .
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
NAMEN- UND SACH-REGISTER
Aufgenommen wurden alle Namen und alle Titel von Werken;
von den Titeln der Zeitungsaufsätze dagegen nur die wichtigsten.
"ABENDPOST, DIE": 69
"ABSETZBARKEIT, DIE, DER GEISTLICHEN" etc. (anonyme Schrift): 103
AESCHINES: 39
"AGE, THE, OF THOUGHT": 237
ALBERT, HENRI: 234
ALLGEMEINE DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT s. Wolff, Sigismund
"ALLGEMEINE LITERATURZEITUNG": 61, 94, 113, 114, 164
"ALLGEMEINE PRESSZEITUNG, Brockhaus'sche": 127
ALTENSTEIN, KARL FRH. VON, Minister: 60 f
"AN DIE DEUTSCHEN STUDENTEN" s. Wachenhusen
"ANARCHISTEN, DIE" (v. Mackay): l0
ANARCHISTEN, DIE INDIVIDUALISTISCHEN : 18; 21; 236 f
"ARCHIV FÜR PSYCHIATRIE": 21
ARISTOTELES: 40
ARNDT, Kreisdirektor: 208
ARNIM, FRAU VON: 60; 66; 160
ASTON, LOUISE: 62; 72
"AUS DEM VOLKE": s. Dronke
BAIREUTH s. Bayreuth
BALLERSTEDT, DIE FAMILIE: 207; 219
BALLERSTEDT, ANNA JULIANE JOHANNE, geb. Goecking, Mutter Ballerstedts: 28
BALLERSTEDT, HEINRICH FRIEDRICH LUDWIG: Stirners Stiefvater und Vormund 28ff; Tod 49; 207; 221; Namensunterschrift 223ff
BALLERSTEDT, JOHANNA FRIEDERICA, Stirners Schwester: 29
BALLERSTEDT, DR. KARL FRIEDRICH, Vater Ballerstedts: 28
BASCH, VICTOR: 23
BAUER, DIE FAMILIE: 60ff; 186
BAUER, BRUNO: 59; 60ff; 65; 66; 67; 73; Urteil über die "Freien" 74; unter den
"Freien" 77; und Stirner 90; "Die Posaune des jüngsten Gerichts" XIV, 61, 93f, l0l; "Hegels Lehre von der Religion und Kunst" 103; und sein Bruder Edgar 5, 108ff, 114; bei Stirners Trauung 116f; und "Der Einzige" 130, 155; nennt Stirner nie 161, 164ff, 173f, 176; Marie Dähnhardts Darlehen an ihn 182, 188; im Revolutionsjahr 197; 204; beim Begräbnis Stirners 206; lässt Stirner auf dem Totenbett zeichnen 206; dementiert Trauungsgeschichte 207; späteres Leben und Tod 209.
"BAUER, BRUNO, UND SEINE GEGNER" s. Bauer, Edgar
BAUER, EDGAR: X; 60f; Benehmen umter den "Freien" 74, 78, 90; "Bruno Bauer und
seine Gegner" 62, lo5, 130, 164, 197, 204; späteres Leben und Tod 209
BAUER, EGBERT: 60f; 182; 209
BAYREUTH, Stirners Geburtsort: X, 23, 27ff, 32, 207f
BECHER, DR., Redakteur: 160
BECK, KARL: 68
"BEDEUTUNG, DIE DER PROVINZIALSTÄNDE": s. Buhl
BEETHOVEN: 8
BENARY, DR. AGATHON: 43
"BERLIN" s. Dronke u. Sass
BERLINER LESEKABINETT: 59, 92, 99
"BERLINER MONATSSCHRIFT": 63, ll0ff
"BERLINER POSSE": 69
"BERLINER ZEITUNGSHALLE" s. Julius, Gustav
BERNSTEIN'SCHES LESEKABINETT s. Berliner Lesekabinett
"BERUF, DER, DER PREUSSISCHEN PRESSE" s. Buhl
BETA, H.: X, 70
BETTINA s. Arnim, Frau von
BETTZIECH s. Beta
BEUST, FRIEDRICH: X, XV
"BIBEL, DIE": 44, 75, 117, 154, 177, 190
BIBLIOTECA CIVICA, Triest: XIV
BINDER, ROBERT, Verleger: VII, 94
BISMARCK: 8, 24
"BLÄTTER FÜR LITTERARISCHE UNTERHALTUNG": 159
BLANC, LOUIS: 63, 189
BLANQUI, LOUIS AUGUSTE: 185
BODELSCHWINGH, KARL VON, Finanzminister: 227
BODENSTEDT, FRIEDRICH (VON): XIV; 193
BODINUS, F., Tapezierer: ll5
BÖCKH, AUGUST: 37f, 40, 22
BOLIN, WILHELM: 19, l67
BOLLE, "Klingel"-: 187
BOUL s. Buhl
"BRIEFE UND SCHRIFTEN" s. Bülow, Hans von
BRITISCHES MUSEUM, London: VII, XVI, 5
BROCKHAUS, F. A., Verlag: V; l00, 127, 161
"BROCKHAUS'SCHES KONVERSATIONSLEXIKON": 201
BRÜNGER, MARIA s. Dähnhardt, Maria
"BUDDHA" (v. Köppen, Carl Fr.): 210
BÜLOW, HANS VON: VIII, XVI, 8
BÜLOW, MARIE VON: XVI
BÜRGER, KARL s. Schmidt, Karl
BUHL, LUDWIG: 63; und seine Geliebte 72; Benehmen unter den "Freien" 78; und Stirner 90; "Die Not der Kirche" 97; "Der Patriot" 99, l05; "Der Beruf der preussischen Presse" ünd "die Bedeutung der Provinzialstände" 102; "Berliner Monatsschrift" ll0ff; bei Stirners Trauung ll6, 128,197; beim Begräbnis Stirners 206; Stimers Nachlass in seinen Händen 206; späteres Leben und Tod 210; veranstaltet Sammlung für Stirners Grab 212; Nachlass XIV, 210; 227
BUMANN, Subdiakonus: 28
BUNSEN, LADY: 189
BURKE, EDMUND: 200
BURTZ, DIE FAMILIE: 207
BURTZ, AGNES CLARA KUNIGUNDE, Stirners erste Frau: 50; 88
BURTZ, CAROLINE FRIEDERIKE: 50
BURTZ, D. L., Stadthebamme: 50
BURZ s. Burtz
CAMPE, JULIUS, Verleger: 93
CASANOVA: 63
CASPARY, WILHELM: 69
"CENSURFLÜCHTLINGE" (v. Gottschall):
CHARITÉ, Berlin: 49
"CHRISTLICHE SONNTAGSFEIER, DIE, EIN WORT DER LIEBE" (anon. Flugschrift): 94f
COHNHEIM, MAX: 67; 190
COLLIN, DANIEL: VII, X
COMTE, AUGUSTE: 200
CORNELIUS, WILHELM: 71
"CRISE, DE LA, ACTUELLE DE LA PHILOSOPHIE HÉGÉLIENNE" s. Taillandier
CULLOCH, Mc: 185
CURRICULUM VITAE, Stirners: 220f
DÄHNHARDT, DIE FAMILIE: 207
DÄHNHARDT, HELMUTH LUDWIG, Marie Dähnhardts Vater: ll5
DÄHNHARDT, MARIA, geb. Brünger, Marie Dähnhardts Mutter: ll5
DÄHNHARDT, MARIE WILHELMINE: IX; X; XV; noch am Leben l0; und John Henry Mackay 10ff, 16; Zusammentreffen mit Stirner ll4; früheresLeben 115; Heirat mit Stirner ll5; Geschichte der Trauung ll6f; Wesen und Charakter 13, ll8ff; Spitzname 118; unter den "Freien" 119; ihr Vermögen 121, l8lf; Widmung des "Einzigen" an "sein Liebchen" 126; Ehe mit Stirner 181; ihre Vorwiirfe gegen ihn l82f; Trennumg von ihm 187f; in London l88f; späteres Leben l89f; letzte Jahre 190; Tod 13, 191; Nachlass 13, 191; "letztes Wort" an Mackay 228.
DAENHARDIUS, MARIUS s. Dähnhardt, Marie Wilhelmine
DARWIN, CHARLES: 24
"DEMIURGOS" (v. Jordan): 68
"DENKWÜRDIGKEITEN ZUR GESCHICHTE" (v. Bauer umd Jungnitz): 67
"DEUTSCHE JAHRBÜCHER": VI, 67, 114, 159.
"DEUTSCHEN, DIE, IM OSTEN DEUTSCHLANDS" (von Stirner): 193f
DOHM, ERNST: 69
DRONKE, ERNST: 71
DRUGULIN, W., Offizin: 229
DUBOC, JULIUS: 19
DÜNTZLER, HEINRICH: 223
DULK, ALBERT: 68
EDWARD, G., Pseudonym für Stirner: 172
EICHHORN, JOH. ALBR. FR., Kultusminister: 96
EICHLER, LUDWIG: 65
"EINIGES VORLÄUFIGE VOM LIEBESSTAAT": s. Liebesstaat
"EINUNDZWANZIG BOGEN AUS DER SCHWEIZ" (v. Herwegh): 165
"EINZIGE UND SEIN EIGENTUM, DER": Entstehung und Erscheinen 125, 183; Widmung 13, 126; Entstehungszeit 126; Beschlagnahme und Freigabe in Sachsen l26f; Verbot in Preussen etc. 127f; allgemeine Aufnahme l28ff; und die "Freien" 130; und Bruno Bauer 130; Anhängerschaft und Erfolg 131; Betrachtung des Werkes 132ff; Versuch einer Würdigung 149ff; Bedeutung 149; Ursprünglichkeit und Kraft 152; Logik 152; Lust am Kampf 153; Mut 153; Vorsicht 154; Wissen 154; Intuition 155; Sprache und Stil 155; Lektüre 157; die Kritik 158 ff: Zeitungen und Zeitschriften 58f; Taillandier 160f; Philosophen 161; Bruno Bauer 161; Marx und Engels 62; Ruge 162; Entgegnungen 163ff: an Szeliga, Hess und Feuerbach 164ff; "G. Edward" an Kuno Fischer 172ff und das "Verstandestum" 174; Ausblick 176; Bibliographie 220ff; Monumental-Ausgabe 229, 231 ; Übersetzungen 23, 233
"EISENBAHN, DIE": VII
ENZYKLOPÄDISTEN, DIE: 81
ENGELS, FRIEDRICH: X, XIII, 61, 71, 90, 97, 162, 222 _ WILHELM IV.: 74; 102; 103; 126; 128
"ENTRETIENS POLITIQUES": 234
"EPIGONEN, DIE": 160, 172ff
"ERINNERUNGEN AUS MEINEM LEBEN" s. Bodenstedt
"ERLÄUTERUNGEN ZUM WESEN DES CHRISTENTUMS" (v. Feuerbach): 166ff
"EVANGELISCHE KIRCHENZEITUNG": 159
"EWIGE LAMPE, DIE": 65
FAKULTÄT, DIE JURISTISCHE, DER UNIVERSITÄT BERLIN s. Savigny
FALKENSTEIN, JOH. PAUL VON, sächsischer Staatsminister: 96
FALLERSLEBEN, HOFFMANN VON: 74f
"FAMILIE, DIE HEILIGE" (v. Marx und Engels): 6
FAUCHER, ALCIBIADES: 71
FAUCHER, JULIUS (JULES): 69f, 71, 116, 197, 210
FAUCHER, KAROLINE geb. Sommerbrodt: 69, 72, 120
FAUCHER, LUCIE: 210
FEUERBACH, FRIEDRICH: l66f
FEUERBACH, LUDWIG: 19, 37, 91, 125, l55, 160, 161, 163, 166ff, 173f, 176
"FEUERSÄULE" s. Hildeck u. Meyerhof
FISCHER, KUNO: 162f, 172ff; 175
FLORENCOURT: 200
FLOTTWELL, EDUARD: 71
FÖRSTER, Hauslehrer: 204
FÖRSTER, VON: 71
FONTANE, THEODOR: X, XV, XVI
FRÄNKEL, ALBERT: IX, XV, 67, 164
"FRANKFURTER JOURNAL": 76
FREIEN, DIE: VI; IX; X; XV; 11; erste Anfänge 57; Charakteristik 58; der innere Ring 60ff; weiterer Kreis der Besucher 66ff; drei Gäste 72ff; in der Öffentlichkeit 75f; Ton des Kreises 77ff; und die Köthener Kellergesellschaft 80; Bedeutung 80f; Stirner selbst über sie 103f; und Marie Dähnhardt 118 ff; 130; 164; im Revolutionsjahr 196ff
FREIESLEBEN, Architekt: 71
FREILIGRATH, FERDINAND: 98, 189
"FRElMÜTHIGE, DER": 69
FRIEDENSBURG, W., Kritiker: 159
FRIEDRICH, Markgraf: 27
FRIEDRICH WILHELM IV: 74, 102f, 126, 128
FRIESE, Strohmann: l0
GABLER, GEORG ANDREAS: 31, 221
GÄDE, Vermieter: 49
"GARTENLAUBE, DIE": 67, 70
GAUDY, FREIHERR VON: 71
"GEDICHTE EINES LEBENDIGEN" (v.Herwegh): 74
"GEGENWART, DIE": 161
"GEGENWORT EINES MITGLIEDES etc." (Flugschrift von Stirner): V, VI, VII, 93ff, 128, 232
GENTZ, FRIEDRICH VON: 200
GERMANISCHES MUSEUM, Nürnberg: 227
"GESAMMELTE GEDICHTE" s. Beck
"GESCHICHTE DER PÄDAGOGIK" s. Schmidt, Karl
"GESCHICHTE DER REACTION" (von Stirner): XIV; 198ff; 231
"GESCHICHTE DES MATERIALISMUS" s. Lange, F.A.
GESELLSCHAFTSLEXIKON s. Wagener
GESELLSCHAFTSSPIEGEL s. Hess
GLOCKE UND KANONE (v. Jordan): 68
GLOSSEN UND RANDZEICHNUNGEN s. Walesrode
GÖCKING (GÖCKINGH), ANNA JULIANE JOHANNE s. Ballerstedt, Anna Juliane Johanne
GÖCKING, CHRISTIAN VALENTIN: 29
GÖCKING, DIETRICHTHEODORGÜNTHER: 29
GÖCKING, MARIE SOPHIE: 29
GÖCKING, PAUL HEINRICH LUDWIG FRIEDRICH GÜNTHER, Rittmeister, Grossonkel Ballerstedts: 29
GOETHES FAUST s. Düntzer
GÖTZ, SOPHIA ELISABETHA s. Schmidt, Sophia Elisabetha
GOLTZ, BARONESSE VON DER: VII, XIII
GOLTZ, FREIFRAU VON DER: 204f
GOTTSCHALL, RUDOLF (VON): IX, XV, 22, 68
"GRENZBOTEN, DIE": 159
GROPIUS, MADAME: 5l, 85, 120, 182, 223
GROSSKREUZ: 226
GUMPRECHT, ADOLPH: 70
GUMPRECHT, OTTO: 70
GUTTENTAG'sche Buchhandlung: X
GUTZKOW, DR. KARL: XIV, 93, ll5
HAAS, MENO: XV, 228
HABEL'SCHE WEINSTUBE: 57
HALLER, CARL LUDWIG: 200
"HALLISCHE JAHRBÜCHER": 62, 64, 73, 114, 159
"HANDBUCH DER PRAKT. POLIT. ÖKONOMIE" s. Say
HANS VON KATZEFINGEN: s. Solger
HANSEN, PROF. DR. JOSEF: VI
HARRWITZ, MAX, Antiquar: 223
HARTMANN, EDUARD VON: 19
"HAUSFRIED" (anon. Werk): 223
HEGEL, FR. W.: 31, 37, 60f, 78, 90, 93f, 96, 103, 108ff, 160ff, 173, 221
"HEGELS LEHRE VON DER RELIGION UND KUNST" s. Bauer, Bruno
HEIGEL, KARL VON: XV
"HEILIGE FAMILIE, DIE" (der Bauer'sche Kreis): 62, 164
HEINSIUS, THEODOR: 106
HEINZEN, KARL: X
HEINZEN, "Mutter": X; XV
HELD, DR. J. C.: 31
HELLER, ROBERT: VII
HENGSTENBERG, E. W.: 159, 200
HERING, Musikdirektor: 204
"HERRSCHAFT, DIE, DES GEBIETSPRIVILEGIUMS etc." s. Buhl
HERWEGH, GEORG: IX, 74, 126, 165
HERZEN, ALEXANDER: 189
HESS, MOSES: 162, 163, 164ff
HILDEBRANDT, MAX: VIII
HILDECK, LEO s. Meyerhof
HIPPEL, CARL: XV
HIPPEL, JACOB s. Hippel'sche Weinstube
HIPPEL, J. M. R.: 57
HIPPEL'SCHE WEINSTUBE: XV, 57ff, 78ff, 90, 118f, 130, 164, 174, 181, 196ff, 202, 208, 226
HIRSCHFELD, J. B., Buchdrucker: 126
HOCH, BARON: 190
HOFF, HEINRICH, Buchdrucker: ll0
"HOHE LIED, DAS" s. Ullrich
HORAZ: 41, 43, 46
HORN, EWALD: VIII
HOUBEN, H. H.: V, XIII
"HUMANISMUS UND REALISMUS" s. Prinzip, das unwahre...
HUSS: 43f
IBSEN: l54
ILLINOIS STAATSZEITUNG: 7
ILSE, Vermieter: 202
IMHOF, Gymnasiast: 30
"INDIVIDUALISME, L', ANARCHISTE" s. Basch
"INDIVIDUALISTISCHEN, DIE, ANARCHISTEN" s. Anarchisten,
die individualistischen
JACOBY, JOHANN: 71, 102
JEAN PAUL: 27
JELLINEK, HERRMANN: 160
JORDAN, WILHELM (VON): IX, XV, 68, 116f, 185
"JOURNAL DES ÖSTERREICHISCHEN LLOYD": XIV, 193ff
JUBILÄUMSJAHR, DAS: 22
JULIUS, GUSTAV: IX, 67, 189
JULIUS, PAULINE: VII, IX, 223
JUNGNITZ: 62, 67
KAISER, DR. HEINR. WILH.: 231
KALISCH, DAVID: 69
KAPKELLER: 79
KAPP, ALEXANDER: IX; XV; 7
KAPP, CHRISTIAN: 38; 221
KASARNOWSKI, LEO : VI, 235
KASPERITZ, LUISE MARGARETE s. Reinlein, Luise Margarete KELLERGESELLSCHAFT s. Köthener Kellergesellschaft
KERNBACH, Wirt: 58
KERTBENY, K. M: 92
KIEFFER, PROF. G. P.: 30f, 221
"KINDERSEGEN" (von Stirner): 194f
"KIRCHLICHE BLÄTTER": 209
"KLADDERADATSCH": 65; 69
KLEIN, J. L.: 68
KLEINERE SCHRIFTEN (von Stirner; hg. von Mackay): VIf; XIV; 232
KLINSMANN, FRAU DR.: 49
KLÖTER, Klassenlehrer: 30
KOCH, GÜNTHER: X
KOCHIOUS s. Kochius
KOCHIUS, Assessor: 116
"KÖNIGSBERGER SKIZZEN" (von Rosenkranz): 99, 101
"KÖNIGSBERGER ZEITUNG": 75
KÖPPE, LUDWIG: 67
KÖPPEN, CARL FRIEDRICH: 63f, 73, 90, 210
KÖPPEN, L.: 164
KÖTHENER KELLERGESELLSCHAFT: 80, 174
KONVERSATIONSLEXIKON s. Brockhaus'sches Konversationslexikon
KOOPMANN, Bischof: 209
KOPP, JOHANN, Superintendent: 28
KOSSAK, ERNST: 69
KOSSUTH: 68
"KREUZZEITUNG": 209
"KRITIK DER EVANGELISCHEN GESCHICHTE DER SYNOPTIKER" (Br. Bauer): 61, lo5
"KRITIK DES ANTI-HEGEL" (v. Feuerbach):170f
KÜHNAPFEL, Mörder: 65
KÜSTER, RICHARD: X
"KUNST UND RELIGION" (von Stirner): VI, l05, 108ff
LACHMANN, BENEDICT: XIII
LACHMANN, KARL: 40, 221
LANGE, Vors. der Priifungskommission: 43
LANGE, FRIEDRICH ALBERT: 5
LAUTERBACH, PAUL: 20
"LEBEN JESU, DAS" s. Strauss
LEHMANN, gen. "Zippel": 65
"LEIPZIGER ALLGEMEINE ZEITUNG": V, l00ff
"LEIPZIGER REVUE": 172
LEITNER, VON: 71
LEO, HEINRICH, Geschichtsschreiber: 64, 200
LESEKABINETT, BERLINER s. Berliner Lesekabinett
LEVY, ALBERT: 19
LIBERTY: XII, 236f
LICHTFREUNDE, DIE: 79
"LIEBESBRIEFE OHNE LIEBE" s. Schmidt, Karl
"LIEBESSTAAT, EINIGES VORLÄUFIGE VOM" (von Stirner): 111ff
LIPKE, Notar: 203
LIPKE, GUSTAV: 66
LIPPNER, M.: XV
LITERARCHOS s. Sass
"LITERATURZEITUNG, ALLGEMEINE" s. Allgemeine Literaturzeitung
"LITTERARISCHE ZEITUNG": 64
LÖWENBERG, JULIUS: X, 68
LÖWENSTEIN, RUDOLF: 69, 197
LUCINDE s. Schlegel
MACKAY, JOHN HENRY: trifft zum ersten Mal auf den Namen Stirner 5; liest den "Einzigen" 5; erlässt ersten Aufruf 5f; erste Enttäuschung 6; deren Ursachen 7; Auffindung von Grab und Haus 7; Anbringung einer Gedenktafel am Sterbehaus 8; Legung der Grabplatte 9; Widmung und Hinweis l0; und Marie Dähnhardt in London l0ff; Aufbau und Gliederumg der Arbeit 14ff; Methode der Arbeit 16f; Material zu der Arbeit VII, XVI, 16f; Anbringung einer Gedenktafel am Geburtshaus 23; letzter Dank 24; Schlusswort 24; seine Monumental-Ausgabe des "Einzigen" etc. 229, 231f
"MAGAZIN FÜR LITTERATUR": XIV
"MAGAZIN INTERNATIONAL": 234
MAI, EMANUEL: IX, XV
MAIRSOHN, ABRAHAM: 203f, 208
MAISTRE, GRAF DE: 200
MALOUET: 200
MARHEINEKE, PHIL. KONRAD: 38, 60, 101, 221
MARON, HERMANN: 65, 90, 197, 211
MAROT, OberKonsistorialrat: 116f
MARX, KARL: 61, 70f, 90, 97f,162
"MAX, DER HEILIGE" (v. Marx u. Engels): 162
MAYER, GUSTAV: Vf
MEINEKE, AUGUST: 43ff
MEISSNER, ALFRED: 64, 175
"MEMOIREN" s. Casanova
"MEMOIREN EINER IDEALISTIN" s. Meysenbug
"MERCURE, LE, DE FRANCE": 234
MEYEN, EDUARD: 64, 70, 90,197, 210
MEYER, ALEXANDER: XV
MEYERHOF, LEONIE: 20
MEYSENBUG, MALWIDA VON: X; XV
MICHAELIS, OTTO: X, 70
MICHELET, KARL LUDWIG: 40, 221
MIRABEAU (Spitzname): 72
MIRZA SCHAFFY s. Bodenstedt
"MODENSPIEGEL, DER": 68
"MONATSSCHRIFT, BERLINER" s. Berliner Monatsschrift
"MORGEN": XIV
MOUNIER, JEAN JOSEPH: 200
MÜGGE, THEODOR: 70
MÜLLER, ADAM: 200
MÜLLER, ARTHUR: 65, 90, 226
MUSSAK, Seminarlehrer: 64, 90
"MYSTERIEN, DIE, VON PARIS" s. Sue u. Szeliga
"MYSTERIEN, DIE, VON PARIS" (von Stirner): 112ff
NÄCHTE s. Beck
NALLI-RUTENBERG, AGATHE: XIV
"NATIONALÖKONOMEN, DIE, DER FRANZOSEN UND ENGLÄNDER" (hg. von Stirner): 184ff, 232
"NATIONAL-ZEITUNG": IX, 64, 70, 114
NAUWERCK, KARL: XI, 67, 73
NEANDER, AUG. WILHELM: 38
NERNST, Jurist: 71
NEUBIG (Stirners Lehrer): 221
"NEUE RHEINISCHE ZEITUNG": 71, 98
"NEUE RUNDSCHAU, DIE": l9
NEUMANN, W. VON: 71
NEWTON: 24
NIETZSCHE, FRIEDRICH. 10, 18ff
NOBACK, CARL: 71
"NORDDEUTSCHE BLÄTTER": 164
"NOT DER KIRCHE, DIE" s. Buhl
"ÖSTERREICHISCHER LLOYD" s. Journal des österreichischen Lloyd
OLSHAUSEN, HERMANN: 209
ORLA s. Dulk
OTTENSOSSER: 197
OTTO, Maler: 193
OVERBECK, FRANZ: 19
"PATRIOT, DER": 63, 99, l05
PAUL, SAINT-: 65
PAUSCH, JOHANN MELCHIOR: 30, 221
"PERSÖNLICHKEIT DES EIGENTUMS" (resp. DES EIGENTÜMERS) s. Kaiser
PETER DER GROSSE: 104
"PHÄNOMENOLOGIE DES SITTL. BEWUSSTSEINS" s. Hartmann
PHILALETHEN, DIE: 75
"PHILOSOPHEN, DIE LETZTEN" (v. Hess):
"PHILOSOPHIE DE LA MISÈRE" (v. Proudhon): 185
"PHILOSOPHIE, DIE, DES UNBEWUSSTEN s. Hartmann
PIETSCH, LUDWIG: VII, X, 22, 206
"PILOT, DER": 64
PINDAR: 37
PLATO: 40
"POLEN, PREUSSEN UND DEUTSCHLAND" (anon. Schrift): 194
POLIZEI-PRÄSIDIUM BERLIN: X
"POSAUNE, DIE, DES JÜNGSTEN GERICHTS" (s. Bauer, Br.): 61, 93f, l0l
"POSAUNE, ÜBER B. BAUERS" (von Stirner): 93f, 97
"PREUSSISCHE JAHRBÜCHER": l9
PRINCE-SMITH, JOHN: 70
"PRINCIP, DAS UNWAHRE, UNSERER ERZIEHUNG" (von Stirner). 1o6ff, 231
PROPERZ: 40
PROUDHON, P.-J. 155, 185
"PSYCHIATRIE, ARCHIV FÜR" s. Archiv für Psychiatrie
RANDAL, THEODORE: 234
RASTER, HERMANN: IX; 71
RAU, ALBRECHT: 19
RAUMER, FRIEDRICH VON: 40
"REAKTIONÄRE, DIE PHILOSOPHISCHEN" s. Sophisten, Die modernen
"REAKTIONS-BIBLIOTHEK" s. Geschichte der Reaktion
"REZENSENTEN STIRNERS" (von Stirner): 164ff
RECLAM, PHILIPP, JUN.: l0, 20, 229
"REFLECTIONS ON THE REVOLUTION IN FRANCE" s. Burke
"REFORM, DIE DEUTSCHE": 64, 70, 210
"REICH UND STAAT" (von Stirner): 195
RElNELlN, DlE s. Reinlein, Luise Margarete
REINLEIN, DIE FAMILIE: 207, 218
REINLEIN, ANNA MARIA: 208
REINLEIN, JOHANN, Stirner's Grossvater mütterlicherseits: 28
REINLEIN, JOHANN GOTTLIEB: 208
REINLEIN, JOHANN THEODOR: 208
REINLEIN, LUISE MARGARETE, geb. Kasperitz, Stirners Grossmutter mütterlicherseits: 28
REINLEIN, SOPHIA ELEONORA s. Schmidt, Sophia Eleonora
REINLEIN, SOPHIA ROSINE s. Stillkrauth, Rosine
"REVOLUTIONS-CHRONIK" s. Wolff, Adolph
"REVUE BLANCHE": 222
"REVUE DES DEUX MONDES": l60f
"RHEINISCHE ALLGEMEINE ZEITUNG": 98
"RHEINISCHE ZEITUNG": VI, 65, 74, 98ff, l0l, 102, 106ff, 165, 227
RINOW, Vermieter: 202
RITTER, CARL: 37ff, 221
RITTER, HEINRICH: 37, 221
ROCHOW, Minister: 96
ROGGE, WALTHER: 70
ROHLFS, Schullehrer: 186
ROSEN: VII
ROSENBLUM: 190
ROSENKRANZ, KARL: 99ff
RUEST, ANSELM: 20f
"RÜTLI, DAS": 66, 68f
RUGE, ARNOLD: 62, 70, 73f, 114, 125, 160, 162, 210
RUGE, LUDWIG: IX, XV, 73
RUTENBERG, ADOLF: XIV, 65, 70, 90, 227
"SACHE, DIE GUTE, DER FREIHEIT" (v. Bauer, Bruno): 6l
SÄMTLICHE WERKE s. Feuerbach
SAINT-PAUL s. Paul, Saint-
SAND, GEORGE: ll5
SANDER, ENNO: VII, IX, 71, 79
SASS, FRIEDRICH: 64f, 210
SAVIGNY, FRIEDR. KARL VON, Justizminister: 99; 102; 128
SAY, JEAN-BAPTISTE: 184f, 232
SCHASLER, MAX: 7
SCHILLER: 31
SCHILLING, Hofsteinmetzmeister: 9
SCHINDLER, Rechtsanwalt: X
SCHIRMER, H. I.: 237
SCHLEGEL, FRIEDRICH VON: 175
SCHLEIERMACHER, FRIEDRICH ERNST DANIEL: 37, 60f, 221
SCHMIDT, Gymnasiallehrer, Namensvetter: 128
SCHMIDT, "Gymnasiallehrer" (Stirner): 48, l0l, 183, 203
SCHMIDT, Gymnasiast, Namensvetter: 3
SCHMIDT, DIE FAMILIE: 28, 207, 218
SCHMIDT, ALBERT CHRISTIAN HEINRICH, Stimers Vater: 28, 221
SCHMIDT, ANNA MARIE s. Sticht, Anna Marie
SCHMIDT, IMMANUEL: IX, XV
SCHMIDT, JOHANN CASPAR (s. a. Stirner, Max): Geburtshaus X, 23, 27; Geburt 27; Taufe 28; Eltern 28; Wiederheirat der Mutter 28; nach Kulm29; nach Bayreuth zuriick 30; Gymnasium 30f; Absolutorium 31; stud. phil. in Berlin 37; in Erlangen 38; längere Reise durch Deutschland 38; in Königsberg und Kulm 39; wieder in Berlin 39; Examen pro facultate docendi 40ff; Facsimile aus der Examensarbeit 2; bedingte facultas docendi 46; Probejahr an Realschule 47; Privatstudium und vergebliche Bewerbung um Anstellung 47f; nie Gymnasiallehrer, nie Dr. phil. 9, 48, 183; Tod des Stiefvaters 49; Mutter in Berlin 41, 49; erste Ehe 49f; Töchterschullehrer 5l; als Max Stirner 53, lol; unterzeichnet Aufruf für Dr.Jacoby 102, 181; Stammbäume 218; Curriculum vitae 220; Namensunterschriften 223ff
SCHMIDT, "DR." (Stirner): 8f, 48, l00, 102, 203
SCHMIDT, JOHANN GEORG, Herrendiener, Stirner's Grossvater väterlicherseits: 28
SCHMIDT, KARL: l59, 173, 174f
SCHMIDT, MARIE WILHELMINE s. Dähnhardt, Marie Wilhelmine
SCHMIDT, MAX, verstümmeltes Pseudonym Stirners: 113, 202
SCHMIDT, MAX, Maler: 71
SCHMIDT, SOPHIA ELEONORA, geb. Reinlein, Stirners Mutter: XIII, 28; Wiederheirat 28, 38; "geisteskrank" in Berlin 41; in Charité und Privatirrenheilanstalt 49; Tod 207, 221; Namensunterschrift 225
SCHMIDT, SOPHIA ELISABETHA, geb. Götz, Stirners Grossmutter väterlicherseits: 28
SCHMIDTIN, DIE, s. Schmidt, Sophia Eleonora
SCHÖN, HEINR. THEOD. VON, Staatsminister: 104
SCHÖNFLIESS s. Wolff, Adolph
SCHÖPKE, Schönfärber, Hauswirt: 115
SCHOLZ, WILHELM: 69
"SCHULGESETZE, ÜBER" (Stirners Examensarbeit): 2, 41, 45f
SCHULTZE, ERNST: 21
SCHULZE, Lehrer, Vermieter: 202
SCHUMM, GEORG: XII
SENDSCHREIBEN s. Stein. Freiherr vom
SIEGMUND, GUSTAV: IX, XV
"SITTE, DIE, IST BESSER ALS DAS GESETZ" (anon. Schrift):
SMITH, ADAM: 185
SMITH, MARY WILHELMINA s. Dähnhardt, Marie Wilhelmine
SOLGER, REINHOLD: 68
SOLTWEDEL, ALEXANDER s. Sass, Friedrich
SOMMERBRODT, KAROLINE s. Faucher, Karoline
"SOPHISTEN, DIE MODERNEN. VON KUNO FISCHER" (von Stirner): 172ff
SORBONNE, Paris: 23
SPILLEKE, Direktor: 47
STEHELY, Konditorei: 59, 65, 67, 92
STEIN, der "dicke": 70
STEIN, FREIHERR VOM 111f
STEINER, RUDOLF: XIV
STICHT, DIE FAMILIE: 207
STICHT, ANNA MARIE, geb. Schmidt, Stirners Tante väterlicherseits: 30ff, Tod 49
STICHT, JOHANN CASPAR MARTIN, Stirners Pate und Pflegevater: 30ff; Tod 49
STIEGLITZ, CHARLOTTE: 187
STILLKRAUTH, BABETTE: 208
STILLKRAUTH, FRIEDRICH. 208
STILLKRAUTH, SOPHIE ROSINE, geb. Reinlein: 208
STIRNER, MAX, (s. a. Schmidt, Johann Caspar: Wiedergeburt l0; Wir und er l8ff; Jubiläumsjahr 22; Weltgang 23f; Name 85; äussere Erscheinung 85f; Wesen und Charakter 12, 86ff; unter den "Freien" 90ff; erste Veröffentlichungen: Bauers Posaune und das "Gegenwort" 93ff; Zeitungskorrespondent: Rheinische Zeitung 98ff, Leipziger Allgemeine Zeitung l00ff, vier literarische Arbeiten: "Das unwahre Prinzip" 16ff, "Kunst und Religion" 18ff, "Einiges Vorläufige vom Liebesstaat" lllff,
"Sues Mysterien" ll2ff; Zusammentreffen mit Marie Dähnhardt ll4; Heirat mit ihr ll5; Geschichte der Trauung ll6ff; die Jahre der Höhe 120f; und die Polizei 128; "Der Einzige und sein Eigentum" 125ff; und die Kritik 158ff; und seine Entgegnungen 163ff; und Alfred Meissner 175f; an der Grenzscheide zweier Welten 176; langsamer Abstieg 181f; Leben mit Marie Dähnhardt l82f; "Die Nationalökonomen"184f; die Milchwirtschaft 186; Trennung von Marie Dähnhardt 188; Darlehensgesuch 192; letzte journalistische Arbeiten 193ff; im Revolutionsjahr 196ff; "Geschichte der Reaktion" 198ff; in grosser Not 202; Ausweg aus ihr 203f; letzter Verkehr 204; Erkrankung 205; Tod und Begräbnis 206; Nachlass XIV, 206; Sterbehaus 7ff, 203; Nachkommen 207; Ausblick 212; Abschied 212; Grab 7ff, 213; Stationen seiner Lebenswanderung 2l4ff; Bild 16, 206; Porträtskizze 222; zwei Briefe X, 226f; Werke 229ff; Übersetzungen 23, 233
"STIRNER: LEBEN - WELTANSCHAUUNG - VERMÄCHTNIS", s. Ruest
"STIRNER - SEIN LEBEN UND SEIN WERK" (von Mackay); 1.Aufl. VIIIff, 6-17; 2.Aufl. V, XIIff, 3.Aufl. Vff
"STIRNERS, MAX, KLEINERE SCHRIFTEN" s. Kleinere Schriften
STRAUSS, DAVID FRIEDRICH: 60, 161, 173, 176
STREBER, Assessor: 227
STRECKFUSS, ADOLPH: IX, 67
STREHLCKE, FRIEDRICH, Direktor: 43ff
"STREIT, DER, DER KRITIK MIT KIRCHE UND STAAT" (v. Bauer, Edgar): 62
"STURM" (v. Mackay): l0
STYRNA s. Stirner und die Polizei
SUE, EUGÈNE: 113
"SYSTÊME DE LA PHILOSOPHIE POSITIVE" s. Comte
SZCZEPANSKI, GUSTAV VON: IX, XV
SZELIGA: XVf, 113, 161, 163ff
"TAGEBUCH" s. Rosenkranz
TAILLANDIER, SAINT-RENÉ: 160f
TECHOW, Leutnant: X, 189f
"TELEGRAPH FÜR DEUTSCHLAND": 9 .
THIELE: 227
THRUN, HIERONYMUS: 7
THUKYDIDES : 41, 46
TOUSSAINT s. Mügge
TRENDELENBURG, FRIEDRICH ADOLPH: 40 43ff
"TRIUMPH DES GLAUBENS, DER" ( Engels): 97
TSCHECH, Bürgermeister: 65
TUCKER, BENJ. R.: XII; 236
"TUNNEL, DER": IX
TURNBULL, W., Sprachlehrer: 115
"TURNZEITUNG, AMERIKANISCHE":
TWIETMEYER: 71
"ÜBER DIE TEILNAHME AM STAAT" s. Nauwerck
ULKE, HEINRICH (HENRY): IX, XV, 69
ULLRICH, TITUS: X, 69
ULRICH VON HUTTEN s. Gottschall
UNIVERSALBIBLIOTHEK s. Reclam
"UNIVERSALREFORM, DIE, UND DER EGOISMUS" s. Szeliga
"UNTERSUCHUNGEN ÜBER DAS WESEN etc." s. Smith,
Adam
VALLOTON, FELIX: 222
VERLAGSANSTALT, ALLGEMEINE DEUTSCHE s. Wolff, Sigismund
"VERSTANDESTUM, DAS, UND DAS INDIVIDUUM" s. Schmidt, Karl
"VERTRAULICHE BRIEFE AUS ENGLAND" (v. Marie Dähnhardt): 189
"VIERTELJAHRSSCHRIFT, VOLKSWIRTHSCHAFTLICHE": 210
"VIERTELJAHRSSCHRIFT, WIGANDS" s. Wigands Vierteljahrsschrift
"VOLKSWIRTHSCHAFTLICHE VIERTELJAHRSCHRIFT" s. Vierteljahrschrift, volkswirthschaftliche
"VOSSISCHE ZEITUNG": IX, 68, 192
WACH, Stadtkämmerer: 49
WACHENHUSEN, G.: 68
"WAGE, DIE": IX; 67
WAGENER, HERMANN: 209
WAGNER, RICHARD: 27
WALBURG'SCHE Weinstube: 58, 73f, 90
WALDECK, JULIUS: 71
WALESRODE, LUDWIG: l0l
WALLBURG s. Walburg'sche Weinstube
"WALLY, DIE ZWEIFLERIN" s. Gutzkow
WEHL, FEODOR: 67
WEINHOLD, C.W.: 194
WEISS, GUIDO: IX, XV, 67
WEISS, MADAME: Xf, 202f, 206
WENCKSTERN, OTTO VON: 68
WERNER, E., Direktor: XIV
"WESEN, ÜBER DAS, DES CHRISTENTUMS in Bezug auf den 'Einzigen' etc." (Feuerbach): 166
"WESPEN": 67
WIENER, GEORG BENEDIKT: 38, 221
WIGAND, OTTO: X, 73, 93, 125f, 172,174, 184, 229, 230, 232
"WIGANDS VIERTELJAHRSSCHRIFT": 160, 164ff, 172
WISS, : 70, 197
WISS, FRAU: 72, 120, 197
WITT, Oberlehrer: 103
WÖLFEL & HEROLD, Bayreuth: 23
"WOHER UND WOHIN" s. Schön
WOLFF, ADOLPH: 67, 206
WOLFF, CLEMENTINE: XIV
WOLFF, OTTO: 70
WOLFF, DER SCHWARZE s. Wolff, Adolph
WOLFF, SIGISMUND: XIV, 198
ZABEL, FRIEDRICH: 70, ll4
ZACK, BERNHARD, Verlag: 232
"ZEHN JAHRE" s. Blanc
ZEHRMANN, Bürgermeister: 71
"ZEITSCHRIFT FÜR POLITIK": VI
"ZEITUNGSHALLE, BERLINER" s. Julius, Gustav
ZENOBIA s. Klein
ZEPP, DIE FRÄULEIN: 5l, 183
ZIPPEL: s. Lehmann
"ZISKA" (v. Meissner): 175f
"ZUKUNFT, DIE": 67
"ZWEI JAHRE IN PARIS" s. Ruge
ZYCHLINSKI, FRANZ ZYCHLIN VON s. Szeliga