Max Stirner und das Jenseits in uns allen

Am 25. Oktober dieses Jahres jährt sich zum 210. Mal der Geburtstag eines der berühmtesten Söhne der Stadt Bayreuth: Der des Philosophen und Schriftstellers Johann Caspar Schmidt, wesentlich besser bekannt unter seinem Pseudonym Max Stirner. Obwohl das Leben des aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Sohns protestantischer Eltern recht ereignisarm
verlaufen zu sein scheint und er neben kleineren Veröffentlichungen nur ein einziges Buch schrieb, ist dieses eine Werk jedem ordentlichen Studenten der Philosophie ein Begriff.

Ein unscheinbares Leben

Noch bevor Johann Casper Schmidt ein Jahr alt war, verstarb sein Vater. Zwei Jahre darauf heiratete seine Mutter erneut und zog ins westpreußische Kulm, ihr Sohn folgte ihr wenig später. 1818 kehrte der inzwischen 12-jährige wieder nach Bayreuth zurück, um von da an bei seinen Pateneltern zu leben. Diese schickten ihn auf das humanistische Gymnasium Christian-Ernestinum. Das kleinste und zugleich älteste Gymnasium der Stadt wurde damals von Georg Andreas Gabler geleitet, welcher nach dem Tod von Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1831 dessen
Nachfolger an der Universität Berlin werden sollte.

Fünf Jahre zuvor schrieb sich Schmidt ebendort ein, um bei Hegel und Schleiermacher zu hören. Ab 1828 immatrikulierte er sich zwischenzeitlich an der Universität Erlangen, an der er allerdings kein Semester beendete. Der anfangs eifrige Student unterbrach seine akademische Laufbahn für eine Weile, um sich „auf eine längere Reise durch Deutschland“ zu begeben. 1833 nahm er sein Studium in Berlin wieder auf. Zwei Jahre später schloss er das Studium schließlich erfolgreich ab und erfüllte nun die Voraussetzungen, um als Lehrer arbeiten zu können. Eine staatliche Anstellung fand Schmidt allerdings nicht und schließlich trat er 1839 seine erste feste Stelle an: Der damals 33-jährige wurde Lehrer in einer privaten Berliner Mädchenschule.

Die Junghegelianer

Ab Mitte des Jahres 1841 geriet Schmidt in den berühmten Debattierzirkel die „Freien“, einer Gruppe von Oppositionellen, bestehend aus liberalen und sozialistischen Akademikern und Publizisten. Zu diesem Zirkel gehörte unter anderem auch der Philosoph und Religionskritiker Bruno Bauer, einer der führenden Persönlichkeiten der als Links- oder Junghegelianer bekannten Gruppierung Intellektueller. Deren wichtigste Vertreter waren zum großen Teil, wie Schmidt selbst, Schüler Hegels gewesen.

Aus jener Zeit stammt auch das bekannte Pseudonym „Max Stirner“. Der Philosoph begann damit, erste Artikel zu veröffentlichen, manche davon anonym, manche unter jenem Namen, unter welchem er später bekannt werden sollte. Wenige Jahre nach seinem ersten Kontakt mit dem oppositionellen Zirkel begann Schmidt mit der Arbeit an einem Manuskript, welches sein Hauptwerk werden sollte: Der Einzige und sein Eigentum erschien im Oktober 1844, vordatiert auf das nächste Jahr. Warum der Philosoph kurz vor Erscheinen seines Werkes seine Anstellung als Lehrer aufgab, ist nicht bekannt. Von dort an war er selbstständig tätig.

Der Einzige und sein Eigentum

Sein Buch, der „Einzige“ wurde mancherorts sofort nach Erscheinen verboten worden, da es einigen „zu radikal“ erschien. Andere Gebiete ließen es die Veröffentlichung zu, manch einer begründete dies gar damit, das Werk sei dermaßen radikal, dass es sich selbst widerlege. Unter dem Namen Stirner hatte Schmidt in dem Buch insbesondere die Theoretiker unter den Junghegelianern als inkonsequent kritisiert: „Unsere Atheisten sind fromme Leute“, spottete er. Er kritisierte, das „Jenseits in Uns“ sei ihnen „ein neuer Himmel geworden“. Jene das Verhalten des Menschen regulierende Instanz müsse der Einzelne in sich beseitigen, um die in der
Aufklärung beschworene Überwindung der Unmündigkeit tatsächlich zu realisieren. Die Philosophie, welche Schmidt in „Der Einzige“ transportiert, wird auch als extremer Egoismus oder anarchistischer Individualismus bezeichnet.

Im Zentrum der Philosophie des Werkes steht der „Eigner“, jener der Unmündigkeit durch Überwindung des Jenseits in Uns entkommende Mensch. Eine der am häufigsten zitierten Passagen des Buches besagt: „Mir geht nichts über Mich“. Schmidt meint damit, dass jener befreite Eigner „über sich“ nichts weiter akzeptiert, keine Prägung, kein Freud’sches Über-Ich, nichts Heiliges. Ihm zufolge ist „kein Ding durch sich heilig, sondern durch Meine Heiligsprechung“. Nicht weiter verwunderlich, dass Schmidt und sein Werk als Klassiker des Amoralismus gelten.

Schmidt alias Stirner war zweimal kinderlos verheiratet. Im Alter von gerade einmal 49 Jahren verstarb er am 25. Juni 1856 verarmt und von Zeitgenossen vergessen in Berlin an den Folgen einer Infektion, welche er sich durch einen Insektenstich zugezogen hatte. Es sind nur sehr wenige Originaldokumente des Philosophen erhalten, welcher Jahre vor seinem Tod zur Unperson geraten war.

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